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Verabscheuung der eigenen Schwäche
Verfasst: Donnerstag 22. März 2007, 10:27
von Seraja Valer
Eine geschmeidige Bewegung, das Schwert sicher in den Händen geführt. Ein leichter Satz nach vorne, ein Stich, ein zurückziehend es Körpers, die Waffe zum parieren angehoben, fließend und sicher waren die Bewegungen, sie waren sicher nicht perfekt aber sie zeugten doch von vielen Stunden des Trainings und der Übungen.
Das war damals. Nun stand die Person auf einer Wiese wo sie sich alleine wähnte und hielt das Schwert in der Hand. Ein Satz nach vorne, es gelang noch gut, der Schwertstrich ging schon etwas zu hoch aus und dann, dann war da der Ast auf dem Boden den sie nicht wahrgenommen hatte, sie stolperte, die Klinge fiel ihr aus der Hand und sie fiel unsanft zu Boden. Ihre Brust spürte einen schmerzhaften Widerstand als sie auf einen Stein fiel und für ein paar Sekunden raubte es ihr förmlich den Atem und sie verzog das Gesicht. Mühsam richtete sie sich auf die Knie auf und seufzte. Ihre Hand tastete nach dem Schwertgriff und sie hob es an; früher wäre so etwas nicht passiert. Aber früher bestand ihre Welt auch noch aus Farben, Bildern und Dingen die sie sehen konnte, nun bestand ihre Welt aus Dunkelheit, Gefühlen und Geräuschen die sie alle umgaben. Seraja richtete sich vollends auf und strich langsam über den weichen Stoff der um ihre Augen gewickelt war; eine Augenbinde die fremde Blicke davor bewahren sollten in diese starren, kraftlosen Augen zu blicken. Sie wollte gar nicht wissen wie es auf andere wirken musste von zwei Augen angeblickt zu werden, die einfach nur starr geradeaus sahen, ohne jegliche Regung und ohne Anzeichen von Leben. Sie schüttelte sich, sie widerte sich fast schon selbst an. Der Heiler hatte ihr gesagt dass ihre Augen immer mehr erlahmen würde und irgendwann konnte es auch passieren dass nur noch das Weiß ihrer Augen zu sehen war, ein Gedanke der sie manchmal nachts aus dem Schlaf riss.
Sie bemitleidete sich nicht, nein, ganz im Gegenteil; sie verabscheute sich. Sie war früher eine eigenständige Kämpferin gewesen die sich Ziele setzte, die große Abenteuer erleben wollte und die Besten der Besten herausfordern wollte. Und was war sie nun? Ein blindes, schwaches Ding das ohne Hilfe niemals in der Welt zurechtkam, das wurde ihr gerade in den vergangenen Tagen oft genug gezeigt. Man hatte ihr gesagt sie solle einen Stock nehmen; wie ein Krüppel? Wie ein krankes Ding das von solch einem Gegenstand abhängig war? Niemals! Sie hasste ihren Körper für diese Schwäche welche ihn befallen hatte, wieso gerade sie? Hatte sie irgendetwas getan was den Zorn eines Gottes auf sich ziehen würde? Sicher, sie war nicht die Gläubigste aber sie akzeptierte die Götter und sprach ihnen auch nie ein böses Wort zu, sie wollte einfach nur für den Kampf leben und selbst das konnte sie nun nicht mehr. Wie oft hatte sie den Dolch in der Hand gehabt und den Gedanken gefühlt, einfach alles zu beenden, einmal das Metall über den Hals zu ziehen und zu verbluten, aber sie wollte nicht so feige sein. Sie würde im Kampf fallen aber nicht durch ihre eigene Hand. Sie konnte sich noch so sehr hassen, sie konnte das Schicksal noch so sehr verfluchen, sie würde an ihrem Ziel festhalten; die beste Kämpferin werden, und wenn es nur ein unerfüllter Traum bleiben würde.
Verfasst: Donnerstag 22. März 2007, 23:25
von Seraja Valer
Ein weiches Fell auf dem sie lag, ein seltsames Gefühl nach all der Zeit wieder in einem richtigen Haus zu schlafen ohne sich Gedanken machen zu müssen, ob man ihr nun zu viel Gold abgenommen hatte oder nicht. Sie seufzte zufrieden und entspannte sich das erste mal an diesem Abend vollkommen; sie war alleine in dem Gemeinschaftsraum der Gefährtinnen, jener Frauen an die sie eigentlich nur wegen einer Kampfausbildung herangetreten war. Sie war furchtbar nervös gewesen, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, man sollte während des Gesprächs nicht sofort ihre Augenbinde sehen, sie kannte das Ergebnis was dann meistens folgte. Doch irgendwann ließ sich dieses Thema einfach nicht mehr umgehen und sie gab es von sich, nun erwartete sie jede Sekunde das übliche; eine freundliche, mitfühlende Stimme die sagte, dass man sie bewundern würde aber dass es doch zu gefährlich sei und dass sie einer Sehenden nicht das Wasser reichen könne … das Übliche eben. Doch das ganze Gespräch lief anders ab als sonst; sie wurde sofort hereingebeten, saß umringt von anderen Frauen da, nur ihre Stimmen lauschend und als sie das Thema ansprach, herrschte eine kurze Stille ehe eine von ihnen, Ronya hieß, sie nur meinte, sie würde Seraja sehr wohl als ebenbürtige Kriegerin sehen. Sie erfuhr nun mehr von ihnen, von jenen Gefährtinnen und man bot ihr hier einen Platz an und sie erfuhr diesesmal keine Mitleidsworte, keine Worte, dass sie doch eine Schwäche mit sich führte, sie wurde behandelt wie … wie früher. Die Entscheidung war in diesem Moment gefallen; sie wollte hier bleiben, sie wollte die Ausbildung annehmen, die man ihr hier bot, was hatte sie denn sonst für Perspektiven?
Sie wurde durch das Lager geführt, es war sehr groß und es war schwer sich alles zu merken, welches Gebäude sich wieviel Schritte von dem anderen befand aber sie glaubte die wichtigsten Häuser im Kopf behalten zu haben. Dann waren da noch all diese Menschen, diese neuen Stimmen, denen sie keine wirklichen Gesichter zuordnen konnte; nun machte sich ihre Isolation in den letzten zwei Jahren deutlich bemerkbar. Sie hatte sich nicht von der Zivilisation abgesondert aber sie hatte niemanden an sich herangelassen, Menschen waren ab und an da,, aber sie beachtete sie nicht, sie lebte ihr Leben so gut es ging, sie wollte niemals jemanden zur Last fallen oder jemanden mit ihrem Anblick verschrecken. Aber hier war alles anders, hier waren viele neue Menschen die sich nach ihren Namen erkundigt hatten, die sie wohl auch neugierig musterten und sie beobachteten, hier stand sie näher an anderen dran als sie es sich hätte erträumen können. Und dann war da noch das Badehaus. Xinthra hatte ihr angeboten sie könne erstmal in Ruhe baden, bevor die Führung weitergehen würde, sie würden solange draußen warten, aber sie wollte nicht. Was war, wenn jemand reinkam? Zum Baden musste sie die Augenbinde abnehmen und damit lief sie Gefahr, dass andere ihre Augen sahen, etwas das sie nicht wollte, etwas wofür sie sich schämte. Sie spannte sich innerlich kurz an und seufzte leise, es würde sicher eine harte Umstellung sein, plötzlich Vertrauen fassen zu müssen, Nähe zuzulassen … sie durfte einfach kein Eisblock sein der niemanden an sich heranließ. Und mit diesem Gedanken gab sie sich dem wohlverdienten Schlaf hin.
Verfasst: Samstag 24. März 2007, 18:43
von Seraja Valer
Es war alles so ungewohnt. Zwei Jahre lang hatte sie nur mit anderen Menschen Kontakt aufgenommen oder großartig geredet, wenn es nicht anders ging. Sie hatte zwar immer freundlich gegrüßt, doch oft war sie nur die seltsame Frau mit der tiefen Kapuze oder die Fremde mit der Augenbinde. Sie hatte sich isoliert, Stück für Stück und sich immer mehr gehen lassen. Nun saß sie an dem Feuer, lauschte den Worten der anderen und merkte eine gewisse angespannte Haltung ihrerseits. Sie war es einfach nicht gewohnt, unter so vielen anderen Menschen zu sein, Teil einer Interaktion zu sein und sie hatte es eigentlich auch nicht geplant. Eigentlich war sie nur darauf aus gewesen einen Lehrmeister zu finden der sie in der Kampfkunst wieder unterrichten würde und eigentlich hatte sie vorgehabt ihr Alleinsein fortzuführen … eigentlich. Dass das Schicksal öfters eine Überraschung bereit hielt, das hatte sie oft genug am eigenen Leib erfahren und diese Überraschung war nicht einmal unangenehm, sondern nur gewöhnungsbedürftig. Jene Frauen die ihr Mut zusprachen, die sich in keinster Weise davon beirren ließen dass Seraja wieder richtig kämpfen würde, sie waren schon irgendwie etwas Eigenes für sich. Noch nie zuvor hatte sie einen solchen Zusammenschluss erlebt und es erstaunte sie immer wieder etwas mehr, wie sie hier alle zusammenlebten. Jeder für die Gemeinschaft, niemand für sich allein. Konnte sie das denn? Würde sie just in jenen Augenblick diese Frage beantworten müssen wäre klar ein „Nein“ als Antwort gekommen, doch sie mochte diesen Ort, diese Menschen und sie war bereit sich anzupassen, nach ihren Regeln zu leben so gut sie es konnte, auch wenn sie wohl alles andere als ein nützliches Glied in einer solchen Kette war. Nichtsdestotrotz würde sie sich bemühen sich einzugliedern und irgendwie ihren Teil zu leisten, vielleicht sogar wenn sie irgendwann kämpfen konnte, wer wusste das schon?
Das Kämpfen. Sie hatte heute mit Ronya über dieses Thema gesprochen und sie schien einige interessante Dinge zu wissen, sie sprach von Erfahrungen, die sie durch andere Menschen hatte, die blind waren und ihre Sinne nutzten um ihr fehlendes Augenlicht zu ersetzen und je mehr Ronya sprach, desto logischer erschien es Seraja. Das Gehört konnte Geräusche wahrnehmen, welche nicht in die Umgebung passten, die Nasse konnte Gerüche erspüren die charakteristisch waren und ihre Hände waren im Notfall ebenfalls noch ein sehr sensibles Organ welches sie nutzen konnte. Sie hatte der Kriegerin die ganze Zeit über gelauscht und je mehr die beiden sich darüber unterhielten, desto mehr wuchs etwas in ihr, was sie seit ihrer Abreise von daheim nicht mehr so stark verspürt hatte; einen Ehrgeiz. Sie war begierig wie damals als sie noch ein junges Mädchen war, um endlich wieder mit dem Training zu beginnen. Sie wollte sich selbst zeigen dass sie kein wertloser krüppel war, der zum Stillsitzen verdammt war. Ein kleines Feuer war wieder in ihrem Herzen entfacht, was diese Sache anging und sie würde es schaffen, sie musste einfach.
Doch all die Zuversicht wurde auch etwas verdrängt durch viele neue Dinge die sie wahrnehmen konnte. So viele neue Stimmen denen sie Namen zuordnen musste, Wege die sie lernen musste um sie zu gehen, Regeln und Sachen die sie im Kopf behalten musste, alles Dinge die schnell und barsch kamen und auch wenn es mühsam und anstrengend war, war es nicht ganz so schlimm wie sie es sich manchmal einredete. Sie fuhr sich nachdenklich über den Stoff ihres Mantels, welchen sie zusammen mit anderer Kleidung bekommen hatte, vielleicht begann hier ja ein neuer Abschnitt in ihrem Leben, so wie diese Klamotten neu waren und aus ihr sicher wieder etwas halbwegs Ansehbares machten. Auch wenn sie selbst schon nicht mehr wusste wie sie nun eigentlich wirklich aussah, sie war doch irgendwie froh aus den alten und zerlumpten Sachen gekommen zu sein, denn auch wenn sie sich niemals selbst sehen würde, wollte sie doch wenigstens passabel nach außen hin wirken. Letztendlich war nur noch etwas Altes geblieben und das war der feine Stoff der um ihre Augen gelegt war, wann würde sie bereit sein ihn abzunehmen? „Niemals … niemals werden andere diese starren Dinger die ganze Zeit ertragen müssen“. Sie schüttelte den Kopf. Niemals.
Verfasst: Sonntag 25. März 2007, 12:28
von Seraja Valer
Seraja war erschöpft. Sie konnte jeden einzelnen Muskel in ihrem Körper spüren und ihre Lunge war immer noch etwas außer Atem. Sie ließ sich langsam in die Felle niedersinken als sie sich vergewissert hatte, dass unter ihr niemand lag und begann sich dann zu entkleiden. Was für ein Abend es doch war. Eigentlich wollte sie sich nur zu den anderen ans Feuer setzen und etwas die wärmere Abendluft genießen, doch Xinthra hatte andere Pläne; sie wollte mit dem Training beginnen. Diese Idee fand recht schnell Zustimmung bei Seraja, endlich konnte sie sehen, wie viel sie in all der Zeit behalten hatte und wie gut sie in diesem Zustand bestehen würde. Xinthra half ihr, in eine der Lederrüstungen zu kommen, es war ein ungewohntes Gefühl etwas anderes als den weichen Stoff auf der Haut zu spüren aber die Rüstung saß gut und sie konnte sich frei bewegen. Holzwaffen und Schilder wurden genommen und zum ersten mal seit langer Zeit stand sie vollends gerüstet vor jemanden. Das letzte mal stand sie so vor einem jungen Krieger, welcher damals sein Mund etwas zu weit aufgerissen hatte und nicht wirklich mit einer Niederlage gerechnet hatte. Damals konnte sie ihren Gegner sehen, seine Bewegung studieren, das war diesesmal anders, sie sah nichts außer Schwärze, angewiesen auf die Geräusche um sich herum und dem Gefühl der nackten Füße, welche auf dem Gras ruhten.
Xinthra läutete das Training jedoch nicht sofort mit einem Kampf oder Schlagübungen ein, vielmehr bewegte sie sich in gewissen Abständen auf Seraja zu, ließ sie erlauschen, wie sich nähernde Schritte anhörten, sprang in gewissen Abständen von ihr auf und ab und fragte, ob Seraja hören konnte was sie tat. Schon zu dieser Anfangszeit machte sich eine gewisse Frustration in ihr breit, wie sollte sie hören können ob Xinthra barfuß auf der Erde rumhüpfte? Sie war doch kein Tier dass irgendwelche Vibrationen spürte, doch als Xinthra etwas näher kam, fühlte sie es ganz schwach, wohl zu schwach um es in einem Kampf zu bemerken aber sie hatte ja noch ihr Gehör und dieses vernahm den dumpfen Aufschlag der beiden Füße auf der Erde. Dann begannen leichte Schlagübungen, was auch schon eine kleine Herausforderung war, denn Seraja durfte feststellen, dass sie ihre Schlagtechniken schon lange nicht mehr angewandt hatte und selbst einfache Dinge wie ein Schlag aus der Vor- oder Rückhand eine kleine Herausforderungen darstellten, doch je mehr sie zuschlug und das Holzschwert gegen Xinthras Schild schlug, desto sicherer wurde sie, desto mehr schien eine alte Vertrautheit zu erwachen. Nun wurde der Schwierigkeitsgrad etwas höher, Xinthra sprang immer wieder zur Seite und entwich ihren Schlägen, rief dabei aber immer laut etwas, so dass Seraja in der Lage war, der Stimme zu folgen und die Klinge nachsetzen konnte. Es war ein schnelles hin und her, Schläge die auf Xinthras Schild geschlagen wurden, das hinterhersetzen wenn ihre Gegnerin zur Seite oder nach hinten weg sprang und mit jedem Hieb und jedem erfolgreichen Aufprall gegen den Schild wuchs die Begeisterung für diesen Kampf, sie konnte es immer noch, sie konnte immer noch kämpfen! Die eigentliche Schwierigkeit zeigte sich später dann, als Xinthra nur noch auswich und Seraja komplett auf ihre Sinne und ein sehr feines Gehör angewiesen war, es fiel ihr sehr schwer Xinthra schnell genug zu orten und dies war ein Punkt den sie auf jeden Fall trainieren musste und der ihr wohl noch eine ganze Weile zu schaffen machen würde. Auch war ihr die Tatsache bewusst, dass ihre Gegnerin sich diesesmal nur auf das Blocken konzentriert hatte, wäre Xinthra selbst bewaffnet gewesen und Seraja hätte sich verteidigen müssen, wäre es sicherlich nicht so locker von Statten gegangen. Sie war noch weit entfernt von einem Zustand den man sicher oder gut benennen konnte aber sie hatte immerhin eine Bestätigung bekommen dass ihre alten Bewegungstechniken immer noch stimmten und sie nicht hilflos wie eine Anfängerin dagestanden war. Aber nicht nur ihr Geist gab ihr diese Bestätigung, auch ihr Körper, denn jeder einzelne Muskel schien zu protestieren und der Schweiß stand ihr ins Gesicht geschrieben; kaum verwunderlich, hatte sie sich doch seit Ewigkeiten nicht mehr so sehr verausgabt wie jetzt.
Xinthra hatte Seraja vorgeschlagen, dass diese sich bei einem warmen Bad entspannen sollte, ein Vorschlag den sie nur mit anfänglichen Widerstand annahm und doch saß sie letztendlich mit Xinthra zusammen in dem großen Bad, sie war komplett entkleidet, bis auf ihre Augenbinde welche sie nicht abnehmen wollte. Es war eine Hürde die sie innerlich aufgebaut hatte und die sie scheinbar auch nicht überspringen wollte und Xinthra merkte das. Se sprach Seraja darauf an, sagte ihr dass sie die Binde nicht tragen brauchte und dass niemand sie auslachen oder anstarren würde ob ihrer Augen, aber woher sollte sie das wissen? Sie kannte es, sie konnte sich daran erinnern, fast als wäre es gestern gewesen. Sie hatte sich damals in ein öffentliches Badehaus getraut, sie war alleine mit zwei anderen Frauen welche die ganze Zeit unbehaglich schwiegen, Seraja konnte die Blicke auf sich fast schon spüren doch Gewissheit fand sich erst als eine weitere Frau herein kam und fast empört rief „Was macht eine Kranke und Verkrüppelte in einem Raum mit den besser gestellten der Stadt?! Eine Unverfrorenheit!“ Diese Worte hatte eine Narbe hinterlassen, jene Worte waren damals der Anstoß gewesen wieso sie eine Augenbinde trug, niemals wieder sollte irgendwer ihre Augen so anstarren, nie wieder. Xinthra hatte der Stimme schweigend gelauscht und nickte etwas „Vertraust du mir?“ es war eine seltsame Frage, sie kannte Xinthra noch nicht sehr lange aber sie vertraute ihr am meisten an diesem Ort, was nicht bedeutete dass sie den anderen „Schwestern“ nicht vertraute aber Xinthra war durch die Führung damals und dem Trainingskampf heute zu etwas engerem geworden. Sie nickte ihr zu und spürte dann zwei Hände an ihrem Hinterkopf, dort wo die Binde zusammengeknotet war „Darf ich?“. In ihr schien in diesem Moment alles zu vereisen, alles spannte sich an und doch, sie nickte und sie fühlte wie ihr die Augenbinde abgenommen wurde, sie fühlte wie der Stoff von den Augen wich; kein Unterschied zu dem was sie sah . „Du hast schöne Augen“ … schön? Diese blauen starren Dinger? Sie waren nicht schön, sie waren grauenhaft und irgendwann würde das Blau verschwinden und nur noch ein milchiges weiß vorherrschen, das wurde ihr mehrmals gesagt … was sollte daran schön sein? Trotz allem, es war als ob ein kleiner Stein von ihrem Herzen zu fielen schien und sie war Xinthra irgendwie dankbar. Sie verließen das Bad irgendwann zusammen, die Augenbinde ruhte wieder an ihrem alten Platz über den Augen, sie war noch nicht bereit sie für jeden Menschen abzulegen, noch nicht.
Als sie nun dalag und einschlief dachte sie über all das nach und auch über einen Satz den Xinthra gesagt hatte, der ihr zu denken gab. „Es ist schön aufzutauen, nicht wahr?“ Ja das war es.
Verfasst: Montag 26. März 2007, 15:42
von Seraja Valer
Die Zeit schien wie im Fluge zu vergehen. Sie stand morgens auf und zog sich an und dann war eigentlich nach kurzer Zeit auch schon der Abend wieder erreicht, nach einem anstrengenden aber angenehmen Tag. Im Gegensatz zu früher verging die Zeit im Lager der Gefährtinnen deutlich schneller, sie hatte immer ein wenig etwas zu tun, sei es ihre neu entfachende Begeisterung für das Training mit dem Schwert und den Fäusten oder das Trainieren ihres Gehörs. Es war alles sehr zeitfüllend und das war eine angenehme Abwechslung zu den Tagen an denen sie einfach nur vor sich hin vegetierte. Ihre Muskeln schmerzten zwar immer bis auf das Letzte wenn sie am Abend dann in die Felle fiel aber es war ein schönes Gefühl endlich mal wieder zu spüren dass der Körper auch arbeiten konnte. Fernab davon fing sie langsam an sich immer mehr zu lockern, öfters glitt ein amüsiertes Lächeln auf ihre Züge, sie konnte über einige Dinge schon lockerer reden und auch die Augenbinde fand bei jedem Gang in das Badehaus ihren Weg fort von Serajas Augen, auch wenn dies bisher nur in der Gegenwart Xinthras geschah. Sie verstand sich gut mit allen, vor allen mit Xinthra, welche ihre Trainingspartnerin in den Abendstunden darstellte und welche ihr gerade in den Anfangszeiten immer wieder zur Seite stand, wie es aber auch die anderen ihrer neuen Schwestern getan hatten.
Seraja konnte gut von sich behaupten dass sie auf einen guten Weg war, sich einzugliedern aber auch mit sich selbst machte sie Fortschritte. Immer öfters saß sie scheinbar schweigend am Feuer, doch in jener Zeit konzentrierte sie sich immer auf die Geräusche um sich, versuchte sich komplett nur auf eines zu fixieren und die anderen zu ignorieren, dann wiederum versuchte sie entfernte Geräusche richtig zu deuten und die einzelnen Stimmen einem Namen zuzuordnen. Es gelang bereits recht gut und auch in den abendlichen Trainingskämpfen mit Xinthra hatte sie sich bereits etwas verbessert. Zwar hatte sie immer noch deutlich Probleme die Kriegerin auf die Schnelle auszumachen, wenn sie ohne ein Wort irgendwohin sprang aber sie konzentrierte sich die meiste Zeit auf kleine Dinge; das dumpfe Geräusch der Erde wenn man auf diese sprang, der leichte aber doch spürbare Luftzug wenn Xinthra eine schnelle Seitwärtsrolle machte oder die flüchtigen Berührungen an ihren Körpern, wenn sie auswich; es waren zwar alles nur Kleinigkeiten auf die sie zu achten hatte aber diese Kleinigkeiten gaben ihr immer einen entscheidenden Hinweis auf Xinthras neue Position. Als nächstes Ziel hatte sie sich vorgenommen, ihren Geruchssinn zu stärken was nicht so richtig leicht war, sie roch zwar wann immer sie etwas Neues bemerkte aber sie konnte selten etwas Detailliertes herausriechen oder gar sagen was dort so roch, solange es nicht etwas strenges oder extremes wie ein Kuhfladen war. Was dies anging musste sie sich dringendst etwas einfallen lassen aber sie hatte immerhin schon eine kleine Idee wie sie das arrangieren konnte. Auch hatte sie es sich angewohnt, wie beim Training, nun Barfuß zu laufen, ihre Füße waren sensibler als sie es sich vorgestellt hatte, was sie manchmal auch zu ihrem Leidwesen feststellen musste wenn sie auf einen spitzen Stein trat oder sich den Zeh irgendwo stieß.
Es war ein Wandel in ihr, der mit recht kräftigen Schritten von Statten ging. Sie begann wieder richtig aufzuleben und auch wenn sie nicht die Gesichter all der Menschen kannte, denen sie das zu verdanken hatte, sie wusste dass sie diese bald wirklich Schwestern nennen konnte.
Verfasst: Montag 26. März 2007, 19:08
von Seraja Valer
Verfluchter Übermut! Wie konnte das nur passieren? Sie stolperte durch das Dickicht des Waldes und schürfte sich durch die ganzen Äste immer wieder die Hand auf. Sie wusste nicht wo sie war, sie hatte nicht die geringste Ahnung. Sie wollte doch nur nach Varuna um dort jemand zu suchen, der ihr einige Düfte verkaufen konnte, damit sie ihre Nase etwas trainieren konnte. Doch die Stadt stellte sich sehr schnell als Reinfall heraus, sie fand niemanden, aber immerhin begleitete man sie zum Nordtor. „Ihr seid nun am Wegkreuz … den Weg entlang ist eine Kutsche, die könnt ihr nehmen und zurück nach Bajard fahren … aber meidet den Wald am Wegkreuz, er heißt Nebelwald und Menschen sind da weniger gesehen meinte man zu mir.“ Gesagt getan, sie folgte dem Weg und fand auch schon nach kurzer Zeit unter Hilfe ihres Gehörs die Kutsche, doch sie durfte eine unangenehme Überraschung erfahren als sie dem Kutscher ihre Goldbörse reichte und dieser sich die nötigen Münzen aus dieser nehmen sollte. „Tut mir leid euch enttäuschen zu müssen, junge Dame aber … das reicht nicht für die Fahrt nach Bajard“ Sie verzog das Gesicht, sie war doch der festen Ansicht gewesen, sie hätte genug Gold bei sich gehabt! Der Kutscher jedenfalls ließ sich nicht überreden sie doch zu fahren. „Ich meine … es tut mir ja Leid für euer Augenproblem aber … das geht einfach nicht. Geht einfach nach Varuna, vielleichtkann euch da ja helfen.“ Soviel zu diesem Thema, sie wusste schon wieso sie die Gemeinschaft allmählich zu schätzen lernte, doch sie hatte auch keine Lust mit dem Kutscher einen Streit zu führen, der ihr am Ende nichts bringen würde. Sie stiefelte grummelnd in die Richtung aus der sie gekommen war, vielleicht etwas zu zuversichtlich, denn die gewohnte Vorsicht mit der sie sich ansonsten in fremden Umgebungen bewegte war gerade vor lauter Wut über sich selbst wie weggeblasen und eigentlich war es abzusehen dass sie irgendwann innehalten und sich die Frage stellen musste, wo sie eigentlich war.
Das war nun zwei Stunden her, sie war umhergeirrt, ein Wolf hatte sie knurrend vor sich hergehetzt und sie war durch das Dickicht gestolpert und nun stand sie hier. Um sie herum standen Bäume und egal in welche Richtung sie sich vortastete, überall schienen nur noch mehr Bäume zu sein. Das konnte doch nicht wahr sein! Sie wollte hier weg und sie konnte nicht, sie traute sich nicht einmal um Hilfe zu schreien, in der Angst dass plötzlich irgendwo ein Knurren ertönen konnte. Sie kauerte sich irgendwann erschöpft an einen Baum und atmete durch, wieso musste sie auch alleine gehen? Sie hätte eine Schwester mitnehmen können, sie war einfach ZU optimistisch, sie dachte die Blindheit könne ihr nun nichts mehr nach den letzten Trainingsstunden doch wiedermal belehrte sie sich selbst eines Besseren. Sie konnte nur hoffen dass sie irgendwie hier rausfand … und dann fielen ihr die Worte des Gardisten ein
„Meidet den Wald am Wegkreuz, er heißt Nebelwald …“.
Na bestens
Verfasst: Freitag 30. März 2007, 14:53
von Seraja Valer
Konzentration. Das Schlüsselwort der letzten Tage war Konzentration gewesen. Schweigend saß sie mitten in der Nacht am Feuer des Lagers. Um sie herum Stille, es war niemand mehr wach, wie es schien. Nur eine kühle Brise, das Knistern des Feuers und die leisen Geräusche die der Wind mit sich brachte, kamen an ihr Ohr. Seraja saß völlig ruhig auf der Bank und hatte die Augen geschlossen. Nicht dass es irgendwie auch nur einen geringen Unterschied gemacht hätte ob sie die Augen offen oder zu hatte aber es gab ihr selbst ein Zeichen dafür, dass sie sich konzentrieren wollte. Sie lauschte nur jenen Geräuschen und je länger sie an diesem Feuer saß, desto mehr schienen diese Geräusche die sie hörte, in den Hintergrund zu wandern, etwas ganz natürliches zu werden und ab und an nahm sie auch andere Dinge wahr. Sie hörte das Schnauben der Pferde, welche ruhig schliefen, sie vernahm ab und an knarzende Schritte aus den Hütten um sich herum, wenn eine der Schwestern kurz aufgestanden war, sie hörte das müde Gackern der Hühner, alles wurde etwas klarer. Seraja öffnete die Augen, die zwei blauen aber starren Augen sahen vor in das Feuer; sie trug in dem Dorf der Gefährtinnen nun seit gut einem Tag keine Augenbinde mehr, sie vertraute den Frauen hier, dass sie sich nicht über ihren Blick lustig machen würden oder sie verängstigt wären von eben jenem, sie konnte ihnen in dieser Hinsicht vertrauen.
Vertrauen. Ein weiteres Schlüsselwort der letzten Tage, denn gerade dies hatte sie nun immer mehr gefasst. Zu Beginn war sie sich noch mehr als sicher gewesen, dass sie lange brauchen würde, bis sie eine der anderen Mitglieder auch nur ansatzweise an sich ranlassen würde, doch sie hatte sich in dieser Hinsicht selbst überrascht. Vielleicht wollte sie es ja nicht anders, endlich nach all der Isolation wieder Menschen haben mit denen sie offen reden konnte und wo sie wusste, dass sie geborgen und sicher war. Eine zweite Heimat, vielleicht war es das wonach sie sich innerlich so sehr sehnte und je länger sie hier war, desto mehr fand sie auch über sich selbst heraus. Wie sehr hatte sie sich in den letzten Wochen an ihrer Verbitterung und ihrer Angst vor der Zukunft auf gehangen? Definitiv war es zu oft gewesen und nun tat sie Schritt für Schritt den Weg in eine neue Richtung und auch wenn sie das Ende dieser Richtung noch nicht vollkommen abschätzen konnte, gefiel ihr der Weg dahin zu mindestens.
Ja und neben all diesen beiden Schlüsselwörtern gesellten sich noch weitere Worte in ihren Kopf, mit denen sie sich seit Ewigkeiten nicht mehr zu beschäftigen schien, mit denen sie nun aber fast täglich konfrontiert zu sein schien. Sei es die Liebe, die Sorgen anderer oder einfach nur die Neugier. Es war für sie schon fast etwas aufregend, als eine der Schwestern sie ein wenig über ihr Leben fragte, wie es zu ihrer Blindheit gekommen war. Dinge die für sie vielleicht einfach zu erfragen waren aber Seraja hatte mit anderen Menschen über dieses Thema nie gesprochen, wieso auch? Es hatte schließlich bisher niemals jemand wirklich gefragt und außer einem „Oh, ihr seid blind, stimmts?“ War nie sonderlich viel an Fragen gekommen. Man interessierte sich für ihr Leben und ihre Vergangenheit und es machte ihr irgendwie Spaß, selbst einmal ein Teil eines Themas zu sein. Es war viel, Stellenweise war es vielleicht auch manchmal zu viel was auf sie einwirkte aber sie kam damit zurecht.
Sie war zufrieden mit ihrer momentanen Lage, mehr als zufrieden.
Verfasst: Dienstag 3. April 2007, 16:18
von Seraja Valer
Sie atmete tief ein und lehnte sich zurück. Sie saß ruhig am Steg des Dorfes und genoss die Stille um sich herum. Es war nicht selten gewesen in den letzten Tagen, dass sie sich etwa szurückgezogen hatte um ihre Ruhe zu haben. Jeden Tag schienen neue Eindrücke auf sie einzuwirken und sovieles Neues da zu sein worüber sie nachdenken musste und wollte, dass sie dem ganzen nun etwas Zeit geben wollte. Sie wusste dass die anderen sicherlich Verständnis aufweisen würden für eben dieses Verhalten. Immer öfters hatte sie sich alleine hergesetzt, hatte die ruhigeren Ecken des Dorfes aufgesucht um still für sich zu trainieren oder ihr Gehör zu schärfen, und wenn doch jemand kam, war sie knapp angebunden aber stets höflich und freundlich. Die restliche Zeit nutzte sie um einfach nur im Gras oder am Steg zu sitzen und über alles nachzudenken, die Augenbinde hatte sie immer bei sich, an manchen Tagen legte sie sie an, an anderen hingegen hatte sie diese abgelegt, je nachdem wie ihr gerade zumute war. Sie wollte die erste Strecke auf ihrem jetzigen Weg endgültig abschließen um sich wieder auf andere und neue Dinge konzentrieren zu können, denn gerade in den letzten Tagen hatte sie immer wieder selbst gespürt, wie sie im Training nachließ, wie ihre Gedanken zu sehr abschweiften und ihre Konzentration mehr und mehr zu bröckeln schien. Dass dies ein Zustand war der ihr nicht sonderlich gefiel war klar und so musste sie etwas dagegen tun.
Auf der anderen Seite wuchs eine kleine Angst in ihr, dass ihre Schwestern das Gefühl kriegen könnten, sie würde sich isolieren, von ihnen fernhalten oder nichts mit ihnen zu tun haben wollen. Dabei war gerade die kommende Zeit diejenige, in der sie ihnen zeigen wollte, wie sehr sie ihnen allen vertraute und wie sehr sie ihre Nähe schätzte, auch wenn sie noch nicht zu einhundert Prozent wusste, wie das aussehen sollte.
Verfasst: Montag 9. April 2007, 01:08
von Seraja Valer
Träume sind Schäume. Dieser Spruch hätte sich, wenn es nach Seraja ging, ruhig bewahrheiten können, denn dann hätte sie vielleicht ein paar Stunden wirklich erholsam schlafen können. Doch in den letzten Nächten war Schlaf ein Luxus gewesen, den irgendwer oder irgendwas ihr einfach nicht zu gönnen schien. Natürlich, sie schlief immer recht schnell ein aber wenn sie schlief dann kam genau jener eine Traum, der sie innerlich fast zur Verzweiflung trieb.
Sie saß auf einer Wiese, ihre Augen waren geschlossen, auch wenn dies wenig Unterschied machte, und gab sich vollkommen ihrer Übung hin. Lauschen. Sie lauschte auf ihre Umgebung, versuchte Ungewöhnliches heraus zu horchen und dann nahm sie es wahr, irgendetwas näherte sich ihr, doch von wo? Sie konzentrierte sich immer genauer, nachsehen konnte sie nicht, sie musste also diese Person orten, sie merkte wie sie näher kam, aber von wo? Sie bekam nichts mit und dann auf einmal geschah es. Zwei Hände schlangen sich um ihre Taille und drückten sie sachte an die unbekannte Person welche hinter Seraja aufgetaucht war. Sie spürte wie sie gegen jemand gedrückt wurde, doch der Griff war weder fest noch war er gewaltbereit; es war kein Angriff. Es war nicht einmal etwas Unangenehmes an diesem griff, es fühlte sich nur fremd und seltsam an, die fehlenden Schmerzen die sie bei einem Angriff von hinten erwartet hätte, das auf- und absenken der Brust an die sie gedrückt wurde, die Stille die sonst da war; alles war so fremd.
Und dann schreckte sie auf. Ihr Atem ging schnell und sie wischte sich den Schweiß von der Stirne. Sie verstand diesen Traum nicht, sie konnte ihn einfach nicht verstehen. Am Anfang dachte sie, er wäre nur einmalig gewesen, doch immer kehrte er wieder zurück. Auch als sie sich vorgenommen hatte, so heftig zu trainieren, dass sie abends vor Erschöpfung umfiel, blieb alles beim Alten. Sie hatte mit einigen Schwestern darüber gesprochen aber die meisten zuckten etwas ratlos die Schulter. Erst als sie mit Xinthra über dieses Thema gesprochen hatte, kam ein wenig Licht in das Dunkle. Xinthra stellte die Vermutung auf, dass Seraja instinktiv anfing sich gegen die Nähe der anderen zu „blocken“ weil all dies fremd war. Auf eine Art verständlich, war sie doch über zwei Jahre fernab von allen Menschen gewesen und hatte sich immer fern von allem gehalten. Waren diese Träume nun einfach die Reaktion auf diesen starken und eigentlich krassen Wechsel der Umstände? Sie war umringt von Menschen die ihr Sympathien entgegenbrachten und die sich freuten sie zu sehen, war es da vielleicht nicht ganz normal dass sie so etwas im Schlaf verarbeitete? Laut Xinthra konnte sie wenig dagegen tun als sich dem ganzen zu öffnen oder sich zu verschließen und Seraja war gewillt sich diesen neuen Dingen zu öffnen.
Viel Zeit um darüber nachzudenken hatte sie allerdings nicht, denn am heutigen Tage stand der erste Markt auf Lameriast an, und auch wenn Seraja noch deutliche Erinnerungen an ihren letzten Ausflug hatte, wollte sie es sich nun doch nicht nehmen lassen die anderen zu begleiten. Der Marsch war kurz und bereits nach weniger Minuten hatte man die Strecke zu den Ständen welche in dem kleinen Dörfchen Neuhaven standen. Der Markt hatte etwas recht faszinierendes und sie bemerkte nun etwas, was sie auf dem Markt in Varuna scheinbar irgendwie immer ignoriert hatte; es waren sehr viele Menschen hier unterwegs. Seraja konnte nicht viel an den Ständen helfen und so setzte sie sich schweigend in das Gras und lauschte einfach den Geräuschen um sich, welche beinahe überwältigend schienen. Von jeder Ecke drangen Wortfetzen an sie heran, man redete über Dinge, feilschte, Waren wurden aufgebaut, Tiere schnaubten, gackerten und meckerten vor sich her, Personen schritten nah oder fern an ihr vorbei; es war in keinster Weise vergleichbar mit den Geräuschen welche sie sonst immer bei den Gefährtinnen wahrnahm und sie verlor sie nach einer Weile die Orientierung, egal wie sehr sie sich anstrengte, es wollte ihr einfach nicht gelingen sich auf einzelne Geräusche zu konzentrieren; sie hatte eben doch noch etwas mehr zu lernen.
Zu Serajas Glück war sie nach einer Weile aber auch nicht mehr alleine zwischen all dem Treiben. Sicherlich die anderen waren auch da aber die waren mit dem Verkauf der Waren beschäftigt und dort wollte Seraja nun wirklich nicht stören. Doch mit der zeit traf jemand ein und setzte sich zu ihr; Lynfair war ihr Name. Seraja tat sich schwer das junge Mädchen einzuschätzen, sie wirkte noch recht jung und unerfahren und zudem war sie erfrischend ehrlich und auch etwas naiv. Sie war anders als Seraja es je gewesen war und vielleicht verstand sie sich auch deshalb mit ihr so gut, sie saßen die ganze zeit zusammen, redeten über diverse Dinge und Seraja stand ihr jedesmal wenn sie neugierig, aber doch recht leise und zurückhaltend eine Frage stellte, Rede und Antwort. Lynfair schien noch nicht allzu viel über gewisse Dinge zu wissen und doch war sich Seraja mehr als nur sicher dass hinter dem naiven Mädchen ein großes Herz und ein recht scharfer verstand versteckte, denn nur allzu oft fanden gerade diese beiden Dinge in den simpelsten Hüllen ihr Versteck. Doch ganz gleich wie Lynfair nun auch sein mochte, ob naiv, schüchtern, neugierig oder gerissen; Seraja konnte sie gut leiden, sie war ausgelassen und fröhlich, etwas was in den Zeiten von Krieg und Konflikten nur allzu gerne unterging und sie war dankbar dafür, dass das junge Mädchen es schaffte, ihr am heutigen Tag einige male ein Lächeln auf das Gesicht zu bringen.
Irgendwann jedoch trennte sich Seraja von den anderen und stiefelte langsam zurück in Richtung Lager, den Weg dorthin beherrschte sie, auch wenn es eine ganze Weile dauerte bis sie letztendlich ankam und sich dann erschöpft in die Felle fallen ließ. Es war heute alles etwas viel auf einmal gewesen und woran es auch immer lag; heute Nacht konnte sie ohne einen einzigen Traum in Ruhe durchschlafen.
Verfasst: Donnerstag 12. April 2007, 18:11
von Seraja Valer
Verschwiegen, so konnte man sie die letzten Tage sicher nennen ohne irgendwelche Unwahrheiten zu erzählen. Sie war ruhiger als die letzten Tage, auch das konnte man nicht abstreiten. Doch war sie zurückgezogen, gar isoliert? Nein. Sie hatte die Blicke auf sich irgendwie gespürt, man musterte sie und vielleicht fragte man auch, was mit ihr los sei, dass sie in der letzten zeit meistens nur schweigend dasaß, kein Wort sprach und wie in sich versunken wirkte. Dabei war mit Seraja rein gar nichts los, es ging ihr wie immer und weder war sie unglücklich noch war sie bedrückt oder betrübt; sie dachte einfach nur viel nach. Sie war in den letzten Tagen etwas ruhiger geworden, das war richtig, aber dies war jedenfalls jetzt nötig für sie. Oft saß sie mit den anderen zusammen, lauschte ihren Gesprächen, während sie sich selbst aus jenen fernhielt, die Augen geschlossen oder einfach in Richtung des Feuers gelenkt. Auch wenn sie die Flammen nicht sehen konnte, sie spürte sie und sie malte sich in Gedanken immer wieder ein Bild wie die prasselnden Flammen vor ihr waren. Bilder malte sie sich vor ihrem inneren Auge in der letzten Zeit mehr als damals; hatte sie früher doch die Schultern gezuckt und sich nicht mehr weiter dafür interessiert, wie Dinge einmal aussahen, doch gerade jetzt war ihr immer mehr bewusst geworden, wie vergesslich und schwach der Geist sein konnte, wie schnell Erinnerungen verblassen würden wenn man sie sich nicht oft genug vor dem geistigen Auge aufrecht erhielt. Interessanterweise hatte Lyn sie auf diese Idee gebracht, wenn wohl auch nicht unbedingt gewollt, doch sie war froh um die Tatsache.
Nachdenklich, so konnte man sie zweifelsohne nennen, denn in ihren Gedanken liefen immer öfters Erinnerungen alter Tage, welche sie mal unwillkürlich zum Schmunzeln brachten, sie aber auch mal soweit brachten, dass sie das Gesicht verziehen musste und einige Gedanken schafften es sogar etwas hervorzubringen, was sie immer lange unterdrückt hatte; eine vereinzelte, kleine Träne die ihre Wange hinab glitt. Es war ein weiterer Schritt sich für alles Neue zu öffnen und zu wappnen und es war einer der letzten, um endlich diesen neuen Weg zu gehen.
Verfasst: Montag 16. April 2007, 22:26
von Seraja Valer
Es war Nacht und alles schlief. Seraja war auch schon seit einigen Stunden in den Fellen gewesen und hatte sich hingelegt. Sie hatte sich den ganzen Tag schon recht ermattet gewesen und die Müdigkeit kam ebenfalls sehr schnell auf. So war es für ihre Verhältnisse am heutigen Tage relativ früh, dass sie sich schlafen legte aber vielleicht war es auch nur einfach die Folge für das lange aufbleiben der letzten paar Wochen. Was auch immer es war, sie hatte sich entkleidet, in die Felle gelegt und schnell war auch der Schlaf zugegen und auch ein Traum.
Sie war unterwegs und, wie es ab und an immer mal in ihren Träumen vorkam, sie konnte sehen. Ihre ozeanblauen Augen strahlten vor lauter Leben und sie genoss den Anblick der Wälder, durch welche sie geradelief. Sie war gekleidet in eine einfache Lederrüstung, welche die Farbe der Gefährtinnen trug und ihre Füße waren, entgegen der jetzigen Zeit, in zwei Lederstiefel gekleidet. Das Haar trug sie offen und ein Lächeln lag auf ihren Lippen. Wohin sie unterwegs war, wusste sie nicht, in solchen Träumen war das auch eher nebensächlich, eher stellten sie immer wieder eine angenehme Erinnerung an früher dar und sie genoss diese Träume, auch wenn sie mit dem Wissen leben musste, dass es nur Träume bleiben. Jener Traum jedoch war etwas anders, befremdlicher. Er dauerte scheinbar lange an, eine lange Zeit in der sie nur vor sich her lief und die Natur genoss, ehe es zu dämmern begann. Sie machte sich daran ihr Lager aufzuschlagen und entzündete ein Feuer, betrachtete lächelnd die prasselnden Flammen und legte sich irgendwann hin um den Sternenhimmel über sich zu beobachten, welcher wolkenlos am Firmament zu sehen war. Es war alles perfekt, bis zu jenem einen Punkt welcher abrupt und ohne Vorwarnung kam. Sie spürte ein Pochen an ihren Augen, ein seltsames aber altes Gefühl. Sie schloss die Augen und massierte die Lider, die Angewohnheit früherer Tage, denn Anfangs hatte sie dieses Pochen fast täglich verspürt. Doch diesmal schien es nicht bei dem Pochen zu bleiben, ihre Augen schienen unglaublich zu jucken, Tränen bildeten sich und sie musste mehrmals blinzeln; fast als ob sie irgendwas im Auge hatte. Mehrmals rieb sie sich die Augen, doch je mehr sie mit der Hand über sie wegfuhr, desto schlimmer schien es zu werden und zu dem Jucken und dem Gepoche gesellte sich nun ein drückender Schmerz dazu. Sie richtete sich auf, atmete mühsam ein und aus, vor ihren Augen begann alles zu verschwimmen, die Umgebung wurde in Zwielicht getaucht und kurz darauf folgte eine Unschärfe im sehen. Sie kannte es, alles was nun binnen Sekunden von Statten ging, passierte damals während jener grausamen und qualvollen Woche, in welcher Fortlauf sie letztendlich das Augenlicht verlor. Und so war es nicht verwunderlich dass sie auch diesesmal nur noch Dunkelheit vor Augen hatte. Doch das Pochen, der stechende Schmerz, er schien einfach nicht aufhören zu wollen, er wurde intensiver, er war nun schon stark unangenehm, sie wollte wieder aufwachen … aber dann bemerkte es ihr Geist bevor es der Körper vollends registrierte; die Schmerzen waren nicht in ihrem Traum … sie waren echt.
Ein lauter Schrei entwich ihr, sie schreckte hoch, aber der Schrei war nicht des Albtraums wegen, nein ihre Augen schmerzten tatsächlich. Es war als ob irgendetwas unerschütterlich von Innen gegen ihr Lid drückte, ein stechender Schmerz gesellte sich dazu und sie stieß einen erneuten, schmerzhaften Laut aus. Was war nur los? Sie biss die Zähne zusammen und verkrampfte die Faust, doch der Schmerz ließ einfach nicht nach, er wollte nicht aufhören. Sie krümmte sich, in ihr wuchs das Bedürfnis, sich die Augen mit den eigenen Händen auszureißen oder den Kopf mit voller Wucht gegen die Wand zu schlagen, es war beinahe unerträglich. Sie sackte zusammen, sie konnte nicht mehr. Woher kamen diese plötzlichen Schmerzen und warum hörte es nicht endlich auf …?
Verfasst: Sonntag 22. April 2007, 11:25
von Seraja Valer
Sechs Tage waren seit jenem Abend nun vergangen. Sechs Tage die sie ohne Untertreibung grauenvoll nennen konnte. Die Schmerzen hatten gerade in den ersten drei Tagen nicht annähernd nachgelassen, ihre Schwestern schienen ratlos, nur Chalys wusste etwas Linderung durch ein Mittel, welches jedoch nie sehr lange anhielt. In diesen sechs Tagen zeigte sie sich nicht bei den anderen, wenn nur um kurz etwas zu essen. Die restliche Zeit lag sie in ihrem Quartier, vegetierte vor sich hin und biss die Zähne zusammen, denn auch wenn die Schmerzen unerträglich schienen, sie wusste, damals hatten sie auch aufgehört und so legte sie ihre Hoffnung auf eben jenen Umstand, dass sie wie früher wieder abklingen würden. Gesellschaft hatte sie in jenen Tagen wenig, was aber nicht schlimm war, denn sie wollte auch gar keine. Sie wollte nicht den anderen vorjammern wie sehr ihre Augen schmerzten und sie wollte auch nicht, dass sie die kleinen blauen Flecken und Beulen sahen, die ihre Arme und ihren Kopf zierten. In den ersten Tagen waren die Schmerzen teilweise so schlimm gewesen, dass sie sich anfing in den Arm zu kneifen oder ihren eigenen Kopf ab und an gegen die Wand zu hauen, wenn auch nie fest, aber mit dem Ergebnis einen Gegenpol zum Schmerz zu haben.
Ab dem dritten Tag schienen die Schmerzen sich langsam an zu lindern, aus dem unerträglichen stechenden Schmerz wurde von Moment zu Moment mehr nur ein leicht unangenehmes Pochen und sie konnte wieder etwas ruhiger und länger schlafen. Sie hatte Recht gehabt mit ihrer Vermutung, es war ein schwacher Trost, aber immer war es einer. Auch erhielt sie in den letzten Tagen ab und an Gesellschaft durch Lyn, welche ihren Zustand zwar nicht so richtig verstehen konnte, wie Seraja vermutete, aber bei ihr blieb und sich mit ihr unterhielt. Sie hatte auch angefangen die Augenbinde wieder umzulegen, denn sie konnte fast schon ahnen dass ihre Augen im Moment nicht gesund aussahen und dem war auch so; sie waren gerötet und entzündet, die Pupillen waren abgeschwächt und sie schienen trübe geworden zu sein, ein fortwährender Vorgang, das wusste Seraja. Sie wusste genauso, dass dies nicht das letzte mal gewesen sein würde, an dem solche eine Schmerzattacke aufkommen würde, sie würden irgendwann wiederkommen, bis ihre Augen irgendwann zur Gänze tot waren.
Heute, am sechsten Tag, hatte sie sich aufgerichtet, die Augenbinde nahm sie noch nicht ab, doch sie wollte wieder unter die Schwestern treten, mit ihnen reden. Die Schmerzen waren nur noch ein leichtes, dumpfes Drücken, es war kaum zu erwähnen und Seraja sah sich selbst als Genesen an.