ein unfreiwilliger Abenteuerurlaub
Verfasst: Dienstag 13. März 2007, 23:08
"Es wollt ein Ritter früh aufstehn..."
Sie ahnte schon, daß es bald wieder losgehen würde - eine Zeit, wo eine Neuigkeit die nächste jagte und sie wieder an vier Orten gleichzeitig sein könnte... gerade war es verhältnismäßig ruhig.
Einige Worte hatte sie mit Herrn Caprine gewechselt, ihm nahegelegt, das Kloster aufzusuchen, auch die Streiter vom OdT, hatte versucht, ihm von Lucenius' Vision zu erzählen... doch gab es irgendeinen Ort, den dieser Mann überhaupt für sicher hielt? In der Taverne hatte sie ihn jedenfalls nicht halten können. Seufzend hatte sie ihm nachgesehen, als er eher hastig rausstürmte, als daß man das Verabschiedung hätte nennen können.
Trotzdem - wie gesagt, verhältnismäßig ruhig. Und sie würde es gnadenlos nutzen. Das Haus würde Unsummen verschlingen, sie hatte dieses Steinproblem so nicht beachtet gehabt. Also Geld beschaffen. Und diesmal effektiv.
Fast alles an Zeug, was sie sonst "zur Sicherheit" mitschleppte, ließ sie diesmal als unnötigen Ballast im Schloß zurück: Laterne, drei Fackeln - weg. Sie hatte endlich Nachtsichttränke. Proviant - sie aß diesmal vorher, und so flogen auch Wurst und Brot raus. Jedesmal nahm sie drei volle Feldflaschen mit, von denen sie höchstens eine brauchte - also zwei weg.
Prüfend fühlte sie das Gewicht, nickte. Besser, wesentlich besser. Sie würde sich auf Lameriast mit allem versorgen können.
Ibert hatte die Morgenwache heute, und sie lenkte Sandsturm an ihn heran, erwiderte den Salut.
"Ibert, ich melde mich für zwei Tage ab. Eigentlich drei, ich werde erst übermorgen spät Abend wohl zurückkommen. Lameriast - seine Hoheit ist verständigt. Ruhigen Dienst noch."
Sie übergab Sandsturm der Obhut von Stallbursche Frang und machte sich zu Fuß auf zum Gebirge. Diesmal verspürte sie keinen Bedarf, sich erst stundenlang durch die Oger und Trolle der Wälder am Südrand der Insel zu schlagen.
Irgendwie war es herrlich, mal nicht mit einem halben Hausstand in die Erdhöhlen zu gehen und kürzere Strecken mal auch laufen zu können, selbst wenn dieses regelmäßig schnelle Stampfen in Rüstung wenig mit einem echten Spurt zu tun gehabt hätte.
Das Licht des Morgens noch im Rücken, betrat sie die Höhlen.
"Guten Morgen, liebe Sorgen, seid ihr auch schon alle da..."
Die Schleime. Ach ja... die hatte sie vergessen. "Ich hätte Fackeln mitnehmen sollen. Ha ha ha." Diese Biester waren wirklich lästig. Vor allem, sie waren nicht wirklich totzukriegen. Entnervt wandte sie sich zügigen Schrittes ab - es war ja nicht so, daß man die nicht abhängen konnte.
Dachte sie.
Es entpuppte sich allerdings als ausgesprochen lästig und ablenkend, gegen einen Erdelementar zu kämpfen, zu registrieren, daß noch ein zweiter auf sie aufmerksam geworden war, dahinter auch ein Zweikopf - und am linken Bein wurde die Rüstung metallisch kalt, als etwas zähflüssiges hinter ihr hergekrochen gekommen war und versuchte, sich bei ihr einzuschleimen, im wahrsten Sinne des Wortes.
Doch sie bekam die Erdelementare trotzdem klein. Den Schleim nicht, aber sie ließ ihn und seinen Kumpel alleine zurück. Sie zersplitterte auch die Steingargyle weiter hinten und bahnte sich so ihren Weg zum toten unterirdischen "Wald" samt seiner gruseligen Bewohner.
"Irgendwas läuft verkehrt heute", stellte sie einige Zeit später fest. Ein Wolf war ja recht problemlos zu verkraften, wenn auch die Geschwindigkeit, mit der diese Biester zuschnappten, immer wieder beängstigend war. Aber warum lockte sie heute so oft gleich zwei dieser Biester an?! Überhaupt schien sich heute alles mit einem Engagement auf sie zu stürzen, daß sie teilweise in arge Bedrängnis geriet.
"Nicht hier umfallen. Dann bist du geliefert."
Sie hatte erst überlegt, länger in diesem Wald zu bleiben. Seit einiger Zeit genoß sie es aber auch, in abgeschiedenen Stunden wie diesen Bereiche alleine zu erkunden, die sie so vorher noch nicht gekannt hatte. Sich mit verschiedensten Gegnern zu messen. Streifzüge mit Hudgarr hatten ihr klar vor Augen geführt, wie wenig sie sich in diesen Dingen auskannte - und daß oftmals die Art des Kämpfens anderer Leute nicht die ihre war.
Die unterirdische Stadt übte diesbezüglich eine gewaltige Faszination aus: sie beherbergte die unterschiedlichsten Kreaturen, deren Kampfkraft sie teilweise nicht einmal kannte. Die Umgebung bot hervorragend Gelegenheit, taktisch vorzugehen, Gegner zu locken, zu überraschen, ihre Schwächen und Stärken zu erleben...
Heute würde sie sie einmal auf eigene Faust erkunden, gerade die Gegenden, die sonst links liegengelassen wurden! Die Stadt war alt, vielfältig - vielleicht würde sie sogar irgendwas entdecken, wo zuvor noch niemand drauf geachtet hatte.
"Now I've got heartaches by the number,
Troubles by the score..."
Sie hatte ziemlich viel entdeckt. Sie hatte zu spät entdeckt, wie hartnäckig und schnell Steinharpien sein können. Dieses Vogelvieh hatte sie in einen Bereich getrieben, wo sie dann entdeckt hatte, daß ein Gang, in dem sie sich vor einem großen Schlangenkrieger hatte zurückziehen wollen, kein Gang, sondern eine Sackgasse war.
Weiters hatte sie entdeckt, daß ein Blutelementar recht aufmerksam dabei zu sein schienen, Opfer zu entdecken, sich durch enge Lücken im Stein hindurchbewegen konnten und dieser verdammte Illusionszauber wirklich lange anhalten konnte. Irgendwie hatte sie es noch geschafft, daß nun Blutelementar und Schlange sich prügelten - beziehungsweise, es musste wohl so sein. Sie ließ die lila Hose weiter gegen den neongrünen Felsenbeißer kämpfen und tastete sich an den bunten Wänden lang, stolperte über unsichtbare Steine, sich bewegende Trümmer oder was das da immer war.
Ein blaues Einhorn kam auf sie zu und sie blinzelte, hoffte mit jedem Lidschlag, daß das aufhörte. Was immer da gerade auf sie zukam, hoffentlich war es nicht zu gefährlich, aber sie brauchte sehr dringend einen Raum, wo sie das Ende des Zaubers abwarten konnte. Vielleicht war es ein Zweikopf oder Troll, von denen waren auf dieser Ecke mehrere. Sie hieb mit der Klinge in Brusthöhe einfach vor sich auf das Ding.
Als sie wieder aufwachte, wusste sie zu ihrem Leidwesen nicht, wo sie war. Die einzig mögliche Lokalisierung: neben einem verstreuten Haufen unterschiedlich großer Knochen, von denen noch vertrocknete oder gammlige Fleischfetzen hingen.
Sie schien zu den Fleischvorräten der Oger hier gelegt worden zu sein. Wenig später hatte sie sich zwar freigekämpft, aber langsam tat ihr alles weh und sie hatte keinerlei Ahnung mehr, wo sie sich befand. Auf die Umgebung hier traf neben allem eine Beschreibung ganz besonders zu: fremd.
(Stunden später)
Sie hätte heulen können. Konnte es hier so viele alte Minenbereiche mit brachliegenden Einschlüssen von Edelsteinen und Kristallen geben, daß sie ausgerechnet eine gefunden hatte, die ihr immernoch keinen Orientierungspunkt gab?!
(nochmal irgendwann später)
Langsam bekam sie Hunger. Sie erinnerte sich noch sehr gut an ihre abschätzige Meinung, wenn den Leuten immer ausgerechnet kurz nach dem Betreten von Monsterhöhlen auffiel, daß sie Hunger und nichts zu essen dabei hatten. Sie hatte nun auch nichts zu essen dabei.
(sehr viel später)
"Ich will hier raus!" Monster nach Monster fiel, aber gefundene Bernsteine konnte man nicht essen. Immer wieder musste sie vor irgendwas flüchten, und schien sich immer nur noch tiefer in die Gassen dieser riesigen Stadt zu verirren. Noch ein Nachtsichttrank weniger. "Soviel zu deiner hervorragenden Idee, keine Laterne mitzunehmen. Und keine Fackel. Und kein Essen. Kaum Trinken. Himmel, ich könnt mich schlagen."
Sollten auch noch ihre Verbände zur Neige gehen, mochte Temora ihr die Gande schenken, die Wunden zu schließen - eine Gabe, die sie ungerne im Übermaß beanspruchte, sondern sich auch auf ihre Fähigkeiten verließ - aber das gab ihr weder Nahrung noch Licht.
"Temora gewährt ihren Paladinen diese Wunder bestimmt nicht, damit sie sich in unterirdischen Ruinenstädten sorglos verlaufen können!", fuhr es ihr sarkastisch schimpfend durch den Sinn, doch es trug die ersten Anzeichen von Ratlosigkeit.
"Irgendwo im Osten der Stadt ist der Drache.
Schön. Und wo ist Osten? Kannst ja den Lich da mal fragen, vielleicht gibt er dir Antwort."
Frightening chicken
Räuber! Selten freute sie sich über solch einen Anblick, aber es waren menschliche Kreaturen! Himmel, hier? Die Ärmsten... als sie sich vorsichtig näherte, stockte sie. Sie sprachen gerade miteinander, aber auf eine Art und Weise, daß mehr als deutlich wurde, daß die Trolle zu lange ihre Nachbarn gewesen waren. Eines der Gesichter konnte sie erspähen und erhielt vermutlich eine Erklärung, was eine sterbliche Seele abseits ihrer Motive hierher treiben konnte: dieser Mann hatte es offensichtlich ohne vernünftige Medizin geschafft, die Pocken zu überleben, und so sah er auch aus.
Dann stach der Geruch nach verbranntem Fleisch in ihre Nase - Essen!
"Na toll, jetzt überfällst du gleich Räuber, um was zu Essen zu bekommen? Verkehrte Welt."
Es behagte ihr nicht, aber über einer lausigen Feuerstelle hing gebratenes Fleisch, auch wenn von Kochkunst keine Rede sein konnte. Sie hatte diesmal eigentlich keine Lust auf einen Kampf - doch diese Leute griffen wohl alles an, was nicht aussah wie sie und damit Feind oder Opfer war.
Das Fleisch... schien Geflügel zu sein. Irgendein strenger Beigeschmack, den sie nicht zuzuordnen wusste. Sie mochte es nicht wirklich, aber es war besser als nichts.
Von was versorgten sich denn die Leute hier bloß? Es musste auch irgendwo was zu trinken geben. Vielleicht konnte man doch mit einem von ihnen reden...
Zwei Gänge weiter Tumult. Drei der Räuber stürzten sich auf eine Harpie und... aus den Kommentaren heraus erahnte sie, was sie da gerade gegessen hatte... Sie schaffte es noch, zwei Schritt weiter rückwärts das Visier hochzuklappen, bevor das wenige Essen sie auf dem gleichen Weg verließ, wie sie es zu sich genommen hatte.
"Stayin alive"
Und es gab ihr den Rest, was ihr Duchhaltevermögen anging.
Je länger sie darüber nachdachte, welche Probleme sich anhäuften, je länger sie hier unten bleibe, desto mehr ließ ihre Kraft nach. Um den Gallegeschmack runterzuspülen, hatte sie ihre einzige Feldflasche geleert. Es stand inzwischen für sie außer Frage, daß sie heute noch... heute? Wie spät war es überhaupt?
Sie brauchte irgendeine leere Ecke, musste sich ausruhen.
"Ausruhen. Witzig. Jeden Augenblick kann hier sonstwas um die Ecke kommen oder dich durch die aberdutzenden Löcher in den Wänden entdecken."
Hunger. Dieser Gedanke kreiste immer wieder. Hunger. Vielleicht sollte sie doch... es war essbares Flei... ein Gedanke an das Wesen, halb Federvieh, halb Mensch...
"Nein! Ums Verrecken nicht! So tief kann ich nicht sinken!
Doch - aber ich will es nicht!"
Ein Raum mit zerstörten Betten, er war leer, doch wer wusste schon zu sagen, ob das so blieb. Nur die Mengen an Staub gaben ein Anzeichen.
Sie verkroch sich in eine Ecke.
"Ich kann nicht mal wagen, die Rüstung auszuziehen, das kann mein Tod sein."
Sie lehnte den Kopf zurück, schloß flüchtige Momente die Augen. Jedes Geräusch hier war fremd und alarmierend.
"Nicht aufgeben. Das steht überhaupt nicht zur Diskussion. Man kann hier sicher überleben - wie, das hast du ja gesehen." Sie überlegte, ob in sowas eine Prüfung läge. Diese Menschen dort waren verzweifelt und hatten alle moralischen oder ethischen Bedenken abgelegt, und waren auch genauso als verkommene Gestalten zu betrachten.
Was hielt sie so davon ab, sich den scheinbaren Notwendigkeiten zu beugen? Lieber verhungern, als tote Harpie zu essen?
"Sie sind ehrlos. Das ist Existieren, aber kein Leben. Das hat mit Ehre wirklich absolut gar nichts mehr zu tun. Die Hoffnung auf Gerechtigkeit haben sie wohl auch verloren. Abgekommen von den Tugenden...
also inakzeptabel. Du wirst dich nicht so erniedrigen und so tun, als hättest du dich ja nur den Notwendigkeiten gebeugt. Ganz einfach."
Ganz einfach?
Sie senkte den Kopf, atmete einmal tief durch. "Temora, steh mir bei. Wobei ich das nicht mal verdient hätte, wie konnte ich so leichtsinnig sein?" Die Gedanken verfingen sich in einer trägen Schleife, ab und zu dämmerte sie vor sich hin, schreckte wieder auf.
Sie irrte noch weiter durch die endlos scheinenden Ruinen und Gassen, lief im Kreis, wurde gehetzt, geriet immer mehr in Schwierigkeiten. Wenigstens etwas Wasser fand sie, doch stattdessen wurde Dunkelheit das nächste große Problem, Orientierung noch aussichtsloser.
Undefinierbare Zeit.
Draußen würde es Mittwoch werden... dann Donnerstag... der Abend würde nahen... und vergehn...
Sie ahnte schon, daß es bald wieder losgehen würde - eine Zeit, wo eine Neuigkeit die nächste jagte und sie wieder an vier Orten gleichzeitig sein könnte... gerade war es verhältnismäßig ruhig.
Einige Worte hatte sie mit Herrn Caprine gewechselt, ihm nahegelegt, das Kloster aufzusuchen, auch die Streiter vom OdT, hatte versucht, ihm von Lucenius' Vision zu erzählen... doch gab es irgendeinen Ort, den dieser Mann überhaupt für sicher hielt? In der Taverne hatte sie ihn jedenfalls nicht halten können. Seufzend hatte sie ihm nachgesehen, als er eher hastig rausstürmte, als daß man das Verabschiedung hätte nennen können.
Trotzdem - wie gesagt, verhältnismäßig ruhig. Und sie würde es gnadenlos nutzen. Das Haus würde Unsummen verschlingen, sie hatte dieses Steinproblem so nicht beachtet gehabt. Also Geld beschaffen. Und diesmal effektiv.
Fast alles an Zeug, was sie sonst "zur Sicherheit" mitschleppte, ließ sie diesmal als unnötigen Ballast im Schloß zurück: Laterne, drei Fackeln - weg. Sie hatte endlich Nachtsichttränke. Proviant - sie aß diesmal vorher, und so flogen auch Wurst und Brot raus. Jedesmal nahm sie drei volle Feldflaschen mit, von denen sie höchstens eine brauchte - also zwei weg.
Prüfend fühlte sie das Gewicht, nickte. Besser, wesentlich besser. Sie würde sich auf Lameriast mit allem versorgen können.
Ibert hatte die Morgenwache heute, und sie lenkte Sandsturm an ihn heran, erwiderte den Salut.
"Ibert, ich melde mich für zwei Tage ab. Eigentlich drei, ich werde erst übermorgen spät Abend wohl zurückkommen. Lameriast - seine Hoheit ist verständigt. Ruhigen Dienst noch."
Sie übergab Sandsturm der Obhut von Stallbursche Frang und machte sich zu Fuß auf zum Gebirge. Diesmal verspürte sie keinen Bedarf, sich erst stundenlang durch die Oger und Trolle der Wälder am Südrand der Insel zu schlagen.
Irgendwie war es herrlich, mal nicht mit einem halben Hausstand in die Erdhöhlen zu gehen und kürzere Strecken mal auch laufen zu können, selbst wenn dieses regelmäßig schnelle Stampfen in Rüstung wenig mit einem echten Spurt zu tun gehabt hätte.
Das Licht des Morgens noch im Rücken, betrat sie die Höhlen.
"Guten Morgen, liebe Sorgen, seid ihr auch schon alle da..."
Die Schleime. Ach ja... die hatte sie vergessen. "Ich hätte Fackeln mitnehmen sollen. Ha ha ha." Diese Biester waren wirklich lästig. Vor allem, sie waren nicht wirklich totzukriegen. Entnervt wandte sie sich zügigen Schrittes ab - es war ja nicht so, daß man die nicht abhängen konnte.
Dachte sie.
Es entpuppte sich allerdings als ausgesprochen lästig und ablenkend, gegen einen Erdelementar zu kämpfen, zu registrieren, daß noch ein zweiter auf sie aufmerksam geworden war, dahinter auch ein Zweikopf - und am linken Bein wurde die Rüstung metallisch kalt, als etwas zähflüssiges hinter ihr hergekrochen gekommen war und versuchte, sich bei ihr einzuschleimen, im wahrsten Sinne des Wortes.
Doch sie bekam die Erdelementare trotzdem klein. Den Schleim nicht, aber sie ließ ihn und seinen Kumpel alleine zurück. Sie zersplitterte auch die Steingargyle weiter hinten und bahnte sich so ihren Weg zum toten unterirdischen "Wald" samt seiner gruseligen Bewohner.
"Irgendwas läuft verkehrt heute", stellte sie einige Zeit später fest. Ein Wolf war ja recht problemlos zu verkraften, wenn auch die Geschwindigkeit, mit der diese Biester zuschnappten, immer wieder beängstigend war. Aber warum lockte sie heute so oft gleich zwei dieser Biester an?! Überhaupt schien sich heute alles mit einem Engagement auf sie zu stürzen, daß sie teilweise in arge Bedrängnis geriet.
"Nicht hier umfallen. Dann bist du geliefert."
Sie hatte erst überlegt, länger in diesem Wald zu bleiben. Seit einiger Zeit genoß sie es aber auch, in abgeschiedenen Stunden wie diesen Bereiche alleine zu erkunden, die sie so vorher noch nicht gekannt hatte. Sich mit verschiedensten Gegnern zu messen. Streifzüge mit Hudgarr hatten ihr klar vor Augen geführt, wie wenig sie sich in diesen Dingen auskannte - und daß oftmals die Art des Kämpfens anderer Leute nicht die ihre war.
Die unterirdische Stadt übte diesbezüglich eine gewaltige Faszination aus: sie beherbergte die unterschiedlichsten Kreaturen, deren Kampfkraft sie teilweise nicht einmal kannte. Die Umgebung bot hervorragend Gelegenheit, taktisch vorzugehen, Gegner zu locken, zu überraschen, ihre Schwächen und Stärken zu erleben...
Heute würde sie sie einmal auf eigene Faust erkunden, gerade die Gegenden, die sonst links liegengelassen wurden! Die Stadt war alt, vielfältig - vielleicht würde sie sogar irgendwas entdecken, wo zuvor noch niemand drauf geachtet hatte.
"Now I've got heartaches by the number,
Troubles by the score..."
Sie hatte ziemlich viel entdeckt. Sie hatte zu spät entdeckt, wie hartnäckig und schnell Steinharpien sein können. Dieses Vogelvieh hatte sie in einen Bereich getrieben, wo sie dann entdeckt hatte, daß ein Gang, in dem sie sich vor einem großen Schlangenkrieger hatte zurückziehen wollen, kein Gang, sondern eine Sackgasse war.
Weiters hatte sie entdeckt, daß ein Blutelementar recht aufmerksam dabei zu sein schienen, Opfer zu entdecken, sich durch enge Lücken im Stein hindurchbewegen konnten und dieser verdammte Illusionszauber wirklich lange anhalten konnte. Irgendwie hatte sie es noch geschafft, daß nun Blutelementar und Schlange sich prügelten - beziehungsweise, es musste wohl so sein. Sie ließ die lila Hose weiter gegen den neongrünen Felsenbeißer kämpfen und tastete sich an den bunten Wänden lang, stolperte über unsichtbare Steine, sich bewegende Trümmer oder was das da immer war.
Ein blaues Einhorn kam auf sie zu und sie blinzelte, hoffte mit jedem Lidschlag, daß das aufhörte. Was immer da gerade auf sie zukam, hoffentlich war es nicht zu gefährlich, aber sie brauchte sehr dringend einen Raum, wo sie das Ende des Zaubers abwarten konnte. Vielleicht war es ein Zweikopf oder Troll, von denen waren auf dieser Ecke mehrere. Sie hieb mit der Klinge in Brusthöhe einfach vor sich auf das Ding.
Als sie wieder aufwachte, wusste sie zu ihrem Leidwesen nicht, wo sie war. Die einzig mögliche Lokalisierung: neben einem verstreuten Haufen unterschiedlich großer Knochen, von denen noch vertrocknete oder gammlige Fleischfetzen hingen.
Sie schien zu den Fleischvorräten der Oger hier gelegt worden zu sein. Wenig später hatte sie sich zwar freigekämpft, aber langsam tat ihr alles weh und sie hatte keinerlei Ahnung mehr, wo sie sich befand. Auf die Umgebung hier traf neben allem eine Beschreibung ganz besonders zu: fremd.
(Stunden später)
Sie hätte heulen können. Konnte es hier so viele alte Minenbereiche mit brachliegenden Einschlüssen von Edelsteinen und Kristallen geben, daß sie ausgerechnet eine gefunden hatte, die ihr immernoch keinen Orientierungspunkt gab?!
(nochmal irgendwann später)
Langsam bekam sie Hunger. Sie erinnerte sich noch sehr gut an ihre abschätzige Meinung, wenn den Leuten immer ausgerechnet kurz nach dem Betreten von Monsterhöhlen auffiel, daß sie Hunger und nichts zu essen dabei hatten. Sie hatte nun auch nichts zu essen dabei.
(sehr viel später)
"Ich will hier raus!" Monster nach Monster fiel, aber gefundene Bernsteine konnte man nicht essen. Immer wieder musste sie vor irgendwas flüchten, und schien sich immer nur noch tiefer in die Gassen dieser riesigen Stadt zu verirren. Noch ein Nachtsichttrank weniger. "Soviel zu deiner hervorragenden Idee, keine Laterne mitzunehmen. Und keine Fackel. Und kein Essen. Kaum Trinken. Himmel, ich könnt mich schlagen."
Sollten auch noch ihre Verbände zur Neige gehen, mochte Temora ihr die Gande schenken, die Wunden zu schließen - eine Gabe, die sie ungerne im Übermaß beanspruchte, sondern sich auch auf ihre Fähigkeiten verließ - aber das gab ihr weder Nahrung noch Licht.
"Temora gewährt ihren Paladinen diese Wunder bestimmt nicht, damit sie sich in unterirdischen Ruinenstädten sorglos verlaufen können!", fuhr es ihr sarkastisch schimpfend durch den Sinn, doch es trug die ersten Anzeichen von Ratlosigkeit.
"Irgendwo im Osten der Stadt ist der Drache.
Schön. Und wo ist Osten? Kannst ja den Lich da mal fragen, vielleicht gibt er dir Antwort."
Frightening chicken
Räuber! Selten freute sie sich über solch einen Anblick, aber es waren menschliche Kreaturen! Himmel, hier? Die Ärmsten... als sie sich vorsichtig näherte, stockte sie. Sie sprachen gerade miteinander, aber auf eine Art und Weise, daß mehr als deutlich wurde, daß die Trolle zu lange ihre Nachbarn gewesen waren. Eines der Gesichter konnte sie erspähen und erhielt vermutlich eine Erklärung, was eine sterbliche Seele abseits ihrer Motive hierher treiben konnte: dieser Mann hatte es offensichtlich ohne vernünftige Medizin geschafft, die Pocken zu überleben, und so sah er auch aus.
Dann stach der Geruch nach verbranntem Fleisch in ihre Nase - Essen!
"Na toll, jetzt überfällst du gleich Räuber, um was zu Essen zu bekommen? Verkehrte Welt."
Es behagte ihr nicht, aber über einer lausigen Feuerstelle hing gebratenes Fleisch, auch wenn von Kochkunst keine Rede sein konnte. Sie hatte diesmal eigentlich keine Lust auf einen Kampf - doch diese Leute griffen wohl alles an, was nicht aussah wie sie und damit Feind oder Opfer war.
Das Fleisch... schien Geflügel zu sein. Irgendein strenger Beigeschmack, den sie nicht zuzuordnen wusste. Sie mochte es nicht wirklich, aber es war besser als nichts.
Von was versorgten sich denn die Leute hier bloß? Es musste auch irgendwo was zu trinken geben. Vielleicht konnte man doch mit einem von ihnen reden...
Zwei Gänge weiter Tumult. Drei der Räuber stürzten sich auf eine Harpie und... aus den Kommentaren heraus erahnte sie, was sie da gerade gegessen hatte... Sie schaffte es noch, zwei Schritt weiter rückwärts das Visier hochzuklappen, bevor das wenige Essen sie auf dem gleichen Weg verließ, wie sie es zu sich genommen hatte.
"Stayin alive"
Und es gab ihr den Rest, was ihr Duchhaltevermögen anging.
Je länger sie darüber nachdachte, welche Probleme sich anhäuften, je länger sie hier unten bleibe, desto mehr ließ ihre Kraft nach. Um den Gallegeschmack runterzuspülen, hatte sie ihre einzige Feldflasche geleert. Es stand inzwischen für sie außer Frage, daß sie heute noch... heute? Wie spät war es überhaupt?
Sie brauchte irgendeine leere Ecke, musste sich ausruhen.
"Ausruhen. Witzig. Jeden Augenblick kann hier sonstwas um die Ecke kommen oder dich durch die aberdutzenden Löcher in den Wänden entdecken."
Hunger. Dieser Gedanke kreiste immer wieder. Hunger. Vielleicht sollte sie doch... es war essbares Flei... ein Gedanke an das Wesen, halb Federvieh, halb Mensch...
"Nein! Ums Verrecken nicht! So tief kann ich nicht sinken!
Doch - aber ich will es nicht!"
Ein Raum mit zerstörten Betten, er war leer, doch wer wusste schon zu sagen, ob das so blieb. Nur die Mengen an Staub gaben ein Anzeichen.
Sie verkroch sich in eine Ecke.
"Ich kann nicht mal wagen, die Rüstung auszuziehen, das kann mein Tod sein."
Sie lehnte den Kopf zurück, schloß flüchtige Momente die Augen. Jedes Geräusch hier war fremd und alarmierend.
"Nicht aufgeben. Das steht überhaupt nicht zur Diskussion. Man kann hier sicher überleben - wie, das hast du ja gesehen." Sie überlegte, ob in sowas eine Prüfung läge. Diese Menschen dort waren verzweifelt und hatten alle moralischen oder ethischen Bedenken abgelegt, und waren auch genauso als verkommene Gestalten zu betrachten.
Was hielt sie so davon ab, sich den scheinbaren Notwendigkeiten zu beugen? Lieber verhungern, als tote Harpie zu essen?
"Sie sind ehrlos. Das ist Existieren, aber kein Leben. Das hat mit Ehre wirklich absolut gar nichts mehr zu tun. Die Hoffnung auf Gerechtigkeit haben sie wohl auch verloren. Abgekommen von den Tugenden...
also inakzeptabel. Du wirst dich nicht so erniedrigen und so tun, als hättest du dich ja nur den Notwendigkeiten gebeugt. Ganz einfach."
Ganz einfach?
Sie senkte den Kopf, atmete einmal tief durch. "Temora, steh mir bei. Wobei ich das nicht mal verdient hätte, wie konnte ich so leichtsinnig sein?" Die Gedanken verfingen sich in einer trägen Schleife, ab und zu dämmerte sie vor sich hin, schreckte wieder auf.
Sie irrte noch weiter durch die endlos scheinenden Ruinen und Gassen, lief im Kreis, wurde gehetzt, geriet immer mehr in Schwierigkeiten. Wenigstens etwas Wasser fand sie, doch stattdessen wurde Dunkelheit das nächste große Problem, Orientierung noch aussichtsloser.
Undefinierbare Zeit.
Draußen würde es Mittwoch werden... dann Donnerstag... der Abend würde nahen... und vergehn...