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[SQ] Begor, der Bär, und seine Nacht mit den Raben

Verfasst: Montag 12. März 2007, 11:39
von Jana Stromgard
Die gutaussehende, in elegante Reitkleidung gewandete Blonde schritt Arm in Arm mit einem kräftigen Hilfsmatrosen, der mit einem Fernfahrerschiff in Bajard angelegt hatte, über die nächtliche, vom Mondlicht hell beschienene Straße. Die Kleider des muskulösen Rothaarigen rochen nach Fisch und Salz – aber immerhin hatte er sie wohl für seinen kurzen Landgang gewaschen. Das änderte natürlich nichts daran, daß sie zahlreiche Risse und Löcher aufwies. Sichtlich zufrieden zu ihrem Begleiter aufblinzelnd betrachtete Jana den tief ausgefransten Halsausschnitt des Seemannshemdes, der freundlicherweise einen direkten Blick auf die wohlgestalte Männerbrust freigab. Sie schmiegte sich etwas enger an die kräftigen Oberarme ihres Begleiters, während sie vorgab, interessiert seinen Geschichten über starken Seegang vor dem Kap von Galamar zu lauschen.

Als es gerade einmal wieder hieß „…ham wir uns festgehaldn, weil sons wärn wa ja über Bord von die Welle, weißt, so hoch wien Haus… un dann…“ deutete Jana auf die Schatten eines Turmes, die zwischen den ergrünenden Bäumen hervorstachen wie ein Horn. Der alte Hungerturm Varunas ragte in den Nachthimmel, und dem Seemann war durchaus anzumerken, daß er sich das Heim seiner Begleiterin etwas gemütlicher vorgestellt hatte. Doch noch bevor er seiner Enttäuschung Luft hatte machen können, waren die stählernen Tore geöffnet und gaben den Blick auf eine gediegene, von Wohlstand und Geschmack kündende Einrichtung frei. „Uiii, hübsch hasses hier gemacht, meine Süße …“ mußte Begor neidlos zugeben. Jana schloß die Türen und mit einem dumpfen Geräusch rasteten die schweren Scharniere der alten Panzertüren ein. Sie drehte sich fein lächelnd zu Begor um, strich sich scheinbar zufällig eine widerspenstige Strähne aus der Stirn, fuhr dabei aber mit dem Finger ihren Hals entlang um ebenso zufällig betont langsam die Mantelfibel zu lösen. Aus blitzenden Augen sah sie ihn an. „Wenn hier einer hübsch ist, mein kräftiger Seebär, dann bist Du das.“ Begor lachte. Das Lachen stand dem Rothaarigen ausgezeichnet. Er war zwar nicht der Hellste, aber eine ehrliche Haut und gewiss nicht unerfahren in Dingen, die Seeleute so zu tun pflegen, wenn sie nach langer Fahrt unter Männern einmal wieder mit Frauen zusammenkommen. Jana warf ihren Mantel über den Stuhl, nestelte die Hirschhornknöpfe ihrer Jagdbluse auf um sich selbst Luft und dem Seemann einen appetitlichen Einblick zu geben, trat an Begor heran und strich ihm sanft über Brust und Bauch. „Also so was wie Dich fernab von meinem Bett auf der hohen See zu wissen, tut schon irgendwie weh …“ Dann verharrte ihre Hand auf seinem Unterbauch. „Magst Du etwas Trinken?“ Begor, dem sowohl gefiehl was er sah als auch, was sie tat, nickte ein wenig abgelenkt. „Hmja, sicher, Süße!“. Jana löste betont langsam ihre Hand von seinem Körper und wandte sich um. Ein wenig mehr Grazie als üblich legte sie in ihren Gang, als sie jetzt an die Anrichte trat um aus einer – wohl wieder zufällig – bereitstehenden Karaffe zwei Gläser dunkelroten Wein einzuschenken. Dann wandte sie sich um und erhaschte gerade noch Begors Blick, der offenbar zuvor auf ihrem Gesäß geruht hatte. Jana reichte dem hochgewachsenen Mann den Wein und lächelte. „Auf Dein Wohl, Seebär“ – „Uff deins, Süße!“ Während Jana an ihrem Wein nur nippte, hatte Begor sein Glas in einem Zug geleert – sein Blick verlangte nach mehr. Sollte er haben. Jana schenkte ihm im Laufe der nächsten Stunde noch mehrmals nach. Zwar mußte sie nun noch weitere Seefahrergeschichten über sich ergehen lassen, aber immerhin wurde Begor von Erzählung zu Erzählung, von Glas zu Glas lockerer und lockerer. Die Begehrlichkeit, mit der er sie inzwischen anblickte, war mehr als deutlich. Jana tat durch kleine weibliche Gesten alles weiter nötige, um dieses Feuer ordentlich in Gang zu halten. Als er schließlich ein bißchen tolpatischig seine große Hand nach ihr ausstreckte – direkt nach den Brüsten, wie sie schmunzelnd feststellte, Begor war eben kein Mann für höfliche Zurückhaltung – erhob sie sich. Schon dämmerte Enttäuschung in seinem Blick auf, die sich aber in rasende Leidenschaft verwandelte als sie, vor einer hölzernen Tür stehend, ihr Obergewand ganz aufknöpfte und ihn anschauen ließ, was er sehen wollte.

Polternd fuhr der Matrose vom Stuhl hoch und strebte Jana nach, als sie ihm verschwörerisch winkte, die Tür öffnete und in mattem Kerzenlicht die dahinterliegenden Stufen hinunterschritt. Erst am Fuß der Treppe hatte Begor sie eingeholt. Jana schmiegte sich an den spürbar erregten Mann und führte ihn etwas weiter in den fast finsteren Raum hinein. Sie flüsterte ihm zu, er solle die Stiefel ausziehen, was er im Gehen versuchte und stolperte. Klirrend zerbrach im Dunkel eine Blumenvase. Schon schwer atmend hatte Begor nun aufgeholt und fühlte kalte, rauhe Fliesen unter seinen Füßen.

Als nächstes spürte er, wie Jana sich gegen seine breite Brust drängte und seine Arme umschlang, ihn mal hier und dann mal dort küßte und jedesmal ein zufriedenes Brummen erntete. Dann hatte er plötzlich rauhen Felsen im Rücken und stand eng gegen die Wand gelehnt da, während Jana ihm streichelnd die Arme über den Kopf führte. „Was machsn da Süße?“ murmelte er trunken von Wein und Wonne. „Was Feines, Großer, was Feines …“ Ein metallisches Klicken folgte und Begor spürte wie sich dicke eiserne Bänder um seine Handgelenke schlossen. Er wollte schon protestieren als der Frauenleib an dem seinen herabglitt, in seiner Körpermitte verweilte und kurz etwas gestreichelt wurde, was ein in die Hose geschobener Belegnagel hätte sein können. Dann glitt Jana tiefer und das metallische Klicken verkündete, daß auch Begors Beine sicher an die Wand gekettet waren. „Hör bloß nich auf Süße…“ murmelte Begor, als er plötzlich Jana nicht mehr an sich spürte. Statt einer Antwort hörte er Jana auf den Fliesen sich entfernen. Es dauerte eine ganze Weile, während derer sich der Seemann wonnig ausmalte, welch lustvolle Spiele sie beide nun spielen würden, bis rötlicher Kerzenschein das Dunkel des Kellerraums zu erhellen begann.

Das Kerzenlicht beschien eine makabre Einrichtung, die wie eine Mischung aus alchimistischem Labor, Metzgerei und Folterkammer daherkam. Begor zuckte unwillkürlich zusammen, dann lächelte er dreckig. Ach so eine war seine Süße? Von Leuten, die guten Sex mit harten Spielen verbanden, hatte er schon im Hafen von Laramir gehört und eigentlich schon immer mal ausprobieren wollen. Aber hatte man ihm nicht erzählt, solche Frauen würden bevorzugt schwarzes, geil geschnittenes Leder tragen?

Jana hingegen hatte ihre Reitkleidung gegen eine weißlich-graue Robe getauscht, ging barfuß, hatte die Haare streng zurückgebunden und um ihren schlanken Hals hing eine Kette die … waren das Tierschädel, die auf eine Kette gefädelt waren? Und der größere, kindskopfgroße weiße Bollen am Ende der Kette – das war doch nicht etwa wirklich ein Kinderk …?

„Sama Süße … eh …“ „Ruhe Du Ork, störe nicht die heilige Zeremonie durch Deine profane Stimme!“ - seine “Süße” fauchte zornig wie ein herrisches Katzentier. „Was’n für ne … Zermo … dings?“ fragte Begor, und die Erregung wich so langsam aber sicher echter Verwirrung. „Ich habe Dir gesagt …“ – eine schallende Ohrfeige traf das stoppelbärtige Wange des Matrosen - „…daß Du den Mund halten sollst!“ Begor zuckte zusammen. Oha. Ganz so derb hatte er sich diese Lederspiele auch nicht vorgestellt, aber naja, er wäre schon bereit weiterzugehen – immerhin hatte er vorhin gesehen, wie dieses verrückte Weib ohne Kleider aussah. Mit gespieltem Gehorsam nickte er also. Jana kommentierte sein Nicken nicht mit einem Lidschlag sondern trat mit dem Kerzenleuchter näher und stellte ihn auf einem Tischlein ab, das von einem staubgrauen Tuch bedeckt rechts neben Begor an der Wand stand.

Begor verfolgte argwöhnisch, wie Jana danach von ihrem Gürtel einen seltsam geflammten, von einem Totenschädel gezierten Dolch aus einer silbernen Scheide an ihrem Gürtel zog und damit auf ihn zutrat. Ohne eine Miene zu ziehen, ganz so als beschäftige sie sich mit alltäglichen Dingen wie etwa Staub aufzuwischen, zog sie den blitzenden Dolch senkrecht über seinen Oberkörper. Das tat sie so geschickt, daß Begor die Berührung der Klinge nur keuchend erahnen konnte, tatsächlich aber nicht einmal seine Haut geritzt wurde. Er unterdrckte, gehorsam Janas Befehl, einen Ausruf und blitzte sie erwartungsvoll aus seinen grünen Augen an. Sein Hemd aber klaffte in der Mitte entzweigeschnitten wie eine Weste auf. Die Kerzen beleuchteten einen wirklich kräftigen Männerkörper. Die Entbehrungen auf See hatten ihr Übriges getan, damit sich kein überflüssiges Fett ansetzte. Jana gestattete sich den Gedanken daran, daß Begor gewiss auch Qualitäten als Bettgefährte hatte – heute aber, rief sie sich zur Ordnung, zählte allein eines: er war ein kräftiges, vor Leben strotzendes Exemplar der menschlichen Rasse.

„Du wirst mir heute behilflich sein, Seemann. Ich werde Deine Kraft brauchen. Du willst mir doch Deine ganze Kraft geben?“ Begor, noch immer fest davon überzeugt, damit meine sie einen hemmungslosen Liebesakt, nickte heftig. „Aye, sischer Süße!“ – Janas freie Hand fuhr hoch und packte Gedankenschnell seine Kehle, die andre Hand führte den silberflammenden Dolch genauso geschwind heran und ritzte die Haut seines Halses an. „Du hast noch immer nicht verstanden, daß Du schweigen sollst, oder? Vielleicht sollte ich Dir behilflich sein und Dir einfach die Möglichkeit, zu Sprechen, nehmen?“ fragte sie ihn mit honigsüßer Stimme. Begor schluckte. Diese Frau war wahnsinnig. Wahnsinnig schön, aber … naja, er wäre nicht Begor, den sie „den Bären“ nannten, wenn er jetzt einen Rückzieher machte. Er würde das Spiel weiterspielen – nachher, wenn sie im Bett waren, könnte er sich ja mit etwas Härte revanchieren. Also nickte er tapfer, auch wenn ihm das einen zweiten kleinen Schnitt einbrachte. Jana ließ ihn los und er atmete tief durch. „Also gut, Du hast zugestimmt, mir Deine ganze Kraft zu geben – dafür danke ich Dir auch im Namen meiner Seelenverwandten, die von Deinem Opfer ebenso profitieren wie ich, wie ich hoffe.“ Sie legte den Dolch auf den Kerzentisch, ging in den hinteren, noch immer dunklen Teil des Raumes und kehrte mit einer ungewöhnlich aussehenden Vorrichtung zurück.

Der Gegenstand war gute zwei Schritt lang und ähnelte im Wesentlichen einer großen Hühnerstange, oder einer Sitzstange für Papageienvögel, wie Seeleute sie liebten. Das Objekt war offenbar ganz aus Silber geschmiedet und mit silbernen und kupferroten Totenschädeln geziert. Während sich Begor noch fragte, auf welche Weise dieses obskure Gerät wohl Teil ihres Liebesspiels werden sollte, wandte sich Jana wieder um, trat mit etwas Abstand vor Begor hin und faltete die Hände überkreuzt vor der Brust, so wie man in alten Tagen bei den Toten gemacht hatte.

Die blonde Frau verneigte sich gegen Begor, sank sogar auf ein Knie herab. Als sie sich wieder aufrichtete, waren ihre blauen Augen noch kälter als zuvor. Die Arme noch immer überkreuzt flüsterte sie in den dunklen Raum. „Zu nächtlicher Stunde ist das Opfer bereitet, oh Herr der knöchernen Heerscharen, Gubernator der heulenden Legionen der Finsternis, Allgewaltiger Gebieter über die Totenreiche, die tausend mal größer sind als alle Reiche der Lebenden. Heil sei Dir, Herr und ewiger Gebieter, letzter und erster Richter und Vollstrecker in einem einzigen Amt. Ich versichere Dir meine unverbrüchliche Treue und …“ – wieder kniete sie vor Begor nieder, dem das Gerede doch einen gewissen Schauder über den Rücken jagte, denn so sollte man nicht im Spiele sprechen, wer weiß schon, welche Geister zuhörten? – „…knie anbetend vor Dir, ewiger Meister, erflehe Deinen Segen und Deine Aufmerksamkeit, wenn ich, Deine unwürdige Dienerin, Dir diesen Mann darbringe.“ Sie verharrte eine Weile still.

Mochte es die gruselige Stimmung sein, mochte der Wein und die nicht ganz verklungene Erregung ihr übriges tun - Begor war es so, als rückten die Schatten näher zusammen und hätten eine Qualität von Dunkelheit gewonnen, die schwarzdräuender Finsternis in mondlosen Nächten auf einsamer, windstiller See gleichkam. Ihn fröstelte und durchaus in wenig angstvoll schaute zu „der Süßen“ hinüber, die sich erhob und näher auf Begor zutrat.

Sie hob die Hand und legte sie auf Begors Brust, streichelte sanft darüber und glitt mit der Hand scheinbar ziellos über seinen Oberkörper. Das entfachte das Feuer in seinen Lenden von Neuem, was sie mit einem zufriedenen Lächeln kommentiere. Ja, sie hatten den richtigen erwählt. Seine Lebenssäfte kochten, und wenn sie ihn mit dem Seelenblick, den Kra’thor ihr verliehen hatte, ansah, verwandelte sich seine Gestalt in ein rot pulsierendes Energiebündel.

Sie nickte und griff nach dem schlanken Dolch und hielt ihn über Begors Herz. „ER aber ist der Fürst der Leiber, der lebenden und der Toten, und darum ist alles, was da lebt, tot, und alles, was da tot ist, lebt. Gepriesen sei ER, denn er ist Auferstehung und Leben, und wer an ihn glaubt, wird leben, auch wenn er tot ist. Gepriesen sei ER, denn er ist Sterben und Tod, und wer an ihn glaubt, wird tot sein, auch wenn er lebendig ist.“ Unter Begors leisen Schmerzeslauten – noch immer hielt der Idiot das alles für ein ausgesprochen verrücktes, makabres Vorspiel – ritzte Janas Klinge ihm uralte Runenzeichen in die Haut, das herausquellende Blut zeichnete die Linien glitzernd nach und verwischte sie nach und nach. Dünne rote Fäden zierten den Oberkörper des gefesselten Seemanns als Jana erneut die Klinge anhob und über Begors Herz platzierte. Da sie spürte, daß ihre Handlungen das Lebensfeuer in ihm nicht vermindert hatten, fuhr sie mit dem Ritual fort. „Der über Seele, Geist und Fleisch gebietet, befiehlt Dir, Geschöpf aus Seele, Geist und Fleisch, diese drei Gaben ihm, der sie Dir gelassen hat, jetzt zurückzugeben. Dein Fleisch soll den niederen Dienern Flügel verleihen, Dein Geist soll ihnen den nötigen Verstand geben seine Befehle zu verstehen, Deine Seele aber nähre sie, die ewig hungrig sind.“ Sie fügte, diesmal mit tieferen Schnitten, drei weitere Runen der blutigen Zeichnung hinzu.

Diesmal konnte Begor einen leisen Schmerzensschrei nicht unterdrücken und seine ausgeprägten Muskeln spannten sich, konnten aber die Fesselung nicht sprengen – Jana gestatte der Kreatur großmütig, ihr Leiden kundzutun. Sie war im Ritual zu weit forgeschritten um auf solche Weltlichkeiten noch Rücksicht zu nehmen, und längst hatte sie sich innerlich mit der heulenden Geisterwelt verbunden.

Als die dritte Rune in Begors Brust geschnitten war, veränderte sich etwas in dem düsteren Kellerraum. Die Finsternis war nicht mehr so finster. Dem Seemann schien es, keuchend vor Entsetzen, als bewegte sich etwas in den Schatten. Silbrigweiße Gesichter tauchten auf, bevor sie wie Nebel vergingen – gequälte Fratzen, edle Züge und tierische Abnormitäten schienen unmittelbar dort zu lauern, wo der Lichtkreis des siebenflammigen Kerzenleuchters endete. Als hindere nichts als dieser Lichtschein die Kreaturen der Nichtwelt, sich auf Jana und Begor zu stürzen. Flehend, wenn auch noch immer einigermaßen gefaßt, bat er Jana, aufzuhören, das sei nicht seine Sache, aber man könne doch auch ohne so was, und er würde sich auch bemühen schön grob zu sein wenn ihr das gefiele und … hilflos versuchte er dabei den Fesselungen zu entkommen, doch vergebens, so sehr er auch seine Muskeln anspannte, die eisernen Klammern hielten ihn erbarmungslos fest.

Janas Hand mit dem Dolch beschrieb einen blitzenden Halbkreis und zerschnitt gedankenschnell die vollen Lippen des Seemannes, dessen weitere Worte in einem Geheul aus Schmerz und Schrecken untergingen. Auf einer höheren Daseinsebene hatten sich Jana und ihr Dolch, Begors Kräfte und die silberne Vogelstange zu einer Einheit verbunden, gelenkt durch die Priesterin des Totengottes. Als nun die weltliche Jana ihren Dolch hob und mit einem lauten „Zu Kra’thor!“ tief in die Brust des Seemanns rammte empfing das gierige Astralwesen den freiwerdenden Schub von Lebenskraft und die Lenkung des Rituals befahl dem großen, finsteren Geist, sich um die silberne Vogelstange zu versammeln. Noch weitere zwei Mal fuhr Janas Dolch blitzartig dem Matrosen ins Herz, jedesmal befahl sie seiner Kraft „Zu Kra’thor!“ zu fließen. Die Geister, die jenseits des Lichtkreises der Zeremonie folgten, heulten verzückt auf und ihre Stimmen übertönten fast die Schmerzenslaute Begors. Unerträgliches Leid verspürte er, der trotz der kraftvollen Dolchstöße nicht einfach starb und der jeden Moment seiner Opferung mit tausendfach gesteigerter Sinnesleistung erleben mußte. Leben floß aus seiner Brust, sein Geist überantwortete sich dem Wahnsinn, und seine Seele verspüre einen immer stärker werdenden Zugriff einer knochigen, eiskalten Hand die sich mit spitzen Nägeln schmerzhaft in die heilige Substanz der Seele krallte. Ein frostkalter Windhauch wehte aus dem nichts heran und lies die Kerzen verlöschen. Der flammenhelle Bannkreis verschwand.

Heulend stürzten sich die Geister aus der allgegenwärtigen Düsternis auf den angeketteten Mann, rissen an ihm und leckten an seinen Wunden. Dann war Begors Ende gekommen. Leblos, entgeistet und mit herausgerissener Seele sackte der Seemann in sich zusammen. Was einmal Begor der Bär war, war jetzt nichts mehr als eine blutverschmierte Leiche. Jana, mit bebendem Leib und erfüllt von der Gegenwart ihres dämonischen Gottes, wandte sich zu der silbernen Stange um.

Was sie erbeten hatte, war geschehen. Die drei Kräfte Begors umspielten wie Nebelfetzen die silberne Stange. Hier und dort begannen sie sich bereits zu verdichten. Ein unwirklich grünblaues, kaltes Licht ausstrahlend, formten die Kräfte langsam zahlreiche Vogeltiere, grausam schöne Raben mit finsterstem Gefieder, doch ohne Augen in den Höhlen. Dann verebbte die Lichterscheinung und mit einem Zischen von heißem Wachs entzündete sich der siebenarmige Leuchter von allein. Jana hob die Hand mit dem blutigen Dolch und die Raben spreizten ihre Federn und verneigten sich krächzend vor der Priesterin. „Ihr Boten des Herrn, ich habe einen Auftrag für Euch …“

Kurz darauf an verschiedenen Orten auf der bekannten Welt: wo immer sich ein Diener Kra’thors gerade aufhält, wird er die Gegenwart seines Herrn wie einen eisigen Schauer spüren. Schaut er sich um, bemerkt er den unheiligen Rabenvogel – als Geschöpf der Geisterwelt kann nur ein Diener Kra’thors ihn sehen, hochsensible Naturen vielleicht eine düstere Gegenwart spüren. Befragt der Diener den rabengestaltigen Boten nach seinem Begehr, so übermittelt der Vogel die Botschaft seiner Beschwörerin: daß die Stimme Kra’thors gesprochen habe, und ein jeder Diener hören möge. Am heiligen Ort tief in den alten Gräbern der Ahnen würden die Worte des Seelenherrn verkündet werden, und zwar in der Mitte der Woche zur Abendstunde, wenn kein gewöhnlicher Sterblicher je mit einer Bedrohung aus der Geisterwelt rechnen würde.

Am nächsten Morgen legte Begors Schiff ohne den Hilfsmatrosen ab. Daß ein Landgänger nicht wiederkehrte, war zwar ärgerlich, kam häufiger mal vor. Man würde beim nächsten Ankern eben einen neuen shanghaien. Achselzuckend ließ der Bootsmann die Habe Begors unter dessen Kameraden aufteilen, dann setzte das große Schiff Segel und fuhr davon.

[OOC: siehe Termin im Kra’thor-Forum]

Verfasst: Montag 12. März 2007, 15:29
von Tael Nemar
Für einen Außenstehenden mochte es befremdlich gewirkt haben, wie dieser braunberobte Mann den Pfad nach Bajard entlangeilte, schlagartig stehen blick, den Blick hinter sich riss, dort misstrauisch die Wege mit seinen Augen durchforstete, ehe er den Kopf langsam ueber die Schulter nach vorn wandte und dort Minutenlang regungslos verharrte, ehe er die obskure Szenerie mit einem stummen Nicken quittierte und in die entgegengesetzte Richtung davoneilte.



Beinahe alle Vorbereitungen waren getroffen. Dieser Tage wollte er wieder einmal die Pestbringerin aufsuchen und mit ihr endlich das geplante Ziel in Angriff nehmen, doch ein unerwartetes Ereignis riss Tael aus seinen Gedanken.
Er war nicht weit außerhalb Bajards, als ein diffuser Schatten sein Blickfeld durchzog und als er sich umwandte, um den Urgrund des Schattens ausfindig zu machen, fand er... nichts.

Skeptisch ließ er den Blick kurz die Straße hinauf- und wieder hinabwandern, noch immer umwob ihn ein Gefühl der vertrauten Kälte, der in sich melodischen Dissonanz. Als er den Blick zurückwandte, sah er die rabenartige Gestalt von einem seltsamen nebulösen Lichtspiel umgeben. Die Präsenz des Richters ging von ihm aus und so war es nicht nötig, auch nur ein einziges Wort zu sprechen.
Die Gedanken und Bilder überfluteten Taels Bewusstsein, brachen wie hereinbrechende Ströme über ihm zusammen und entlehrten all ihre schaurige Präsenz auf dem unscheinbaren Mann. Sein skeptischer, von Sekunde zu Sekunde zielloserer Blick war gedankenverloren auf eine Furche im Boden des Pfades gerichtet, während die Präsenz des Richters in Form des von der Priesterin gesandten Raben ihm Einblick in den Auftrag gab.

Mit einem Schlag verebbte die Gewalt der Bilder, die sich in seinem Kopf zu einem klaren Faden aufreihten und Sinn ergaben, wo nie ein Mensch, der nicht des Herren Diener war, Sinn hätte erdenken können.
Und so entfuhr ihm dem Raben entgegen ein bestimmtes Nicken, der sich sogleich in das diffuse Lichtspiel um ihn erging und in die Geisterwelt verschwand.

Verfasst: Dienstag 27. März 2007, 19:56
von Gregor Abs
Die Tage nach dem Treffen vergingen scheinbar wie im Flug. Das beim Treffen ausgetauschte Wissen ging immer wieder in einzelnen Wortfetzen wirr durch seinen Kopf. So verbrachte er oft Stunden in seinem Keller, meditierte und dachte nach. Endlos lange verbrachte er zu ergründen, was seine Aufgabe sein könnte, was der Gerechte ihm zuweisen würde, auf welchem Wege er seinen Willen geschehen lassen konnte, ihm dienbar sein konnte. So vergingen die Stunden, aus denen Tage wurden, an denen er kaum etwas anderes tat, als zu grübeln. Nur abends ging er auf eine kleine Runde raus, sog die frische Luft in seine Lungen und suchte etwas Zerstreuung, bevor er sich wieder in sein Haus zurück begab.

Und dann, als er schon anfing an sich zu zweifeln, da traf es ihn. Er blickte vor sich und er wusste, so könnte er seinen Pakt erneuern und in seinem Willen wirken. Kein allzuleichtes Unterfangen aber machbar und vor allem, es würde Krathor und seinen Zielen nutzen.

Unruhig voller Freude lief er durch die ärmlichen Gassen des Viertels und besah die einzelnen Häuser, blickte sich zwischen ihnen um, um die Sichtverhältnisse zu erkunden, umrundete sie, bis er eines fand, welches er für geeignet hielt. Jenes sollte es sein. Mit schnellen Schritten lief er zurück nach Hause, sich dabei die schönsten Bilder in Gedanken ausmalend. Aufgescheuchte, verschreckte Anwohner, herbeigerufene Gardisten, Verwirrung, Konfusion und Ablenkung. Wenn nicht nur ihnen die Visionen übermittelt wurden, so würde sicher auch hier an einem, dem Richter sicher nicht gefälligen, Weg gearbeitet. Er würde ihnen sicher etwas Vorsprung verschaffen können, so dass man schon zur Tat schreiten könnte, während die Ablenkung sicher, wenn auch nur kurz, die Kräfte der Heuchlerischen binden würde.

Kaum zuhause angekommen, griff er nach dem alten Einband und blätterte wie wild darin herum. Schließlich lächelte er zufrieden auf. Was er benötigen würde hatte er im Haus, nun galt es nur einige Mitstreiter für den Gedanken zu gewinnen, denn das Ritual wollte er nur ungern allein durchführen.

Verfasst: Donnerstag 29. März 2007, 14:29
von Gregor Abs
Anders als in den letzten Tagen, wachte er morgens mit einer friedvollen inneren Ruhe auf. Nach einer kurzen morgendlichen Andacht zog er sich um und machte sich wieder ins Armenviertel der Stadt auf. Langsam ging er die Gassen ab und musterte die kleinen Bauten sorgsam im Tageslicht. Wie bei allem, offenbarte sich auch hier neues, was die spärliche Ausleuchtung der Gassen bei Nacht nicht preisgeben wollte, doch gerade dies sollte der Sache zum Vorteil gereichen, neben der Beobachtung, das sich nur selten ein Gardist in diesen schmutzigen Winkel vorzuwagen schien.

Die Zeit verging während er die einzelnen Häuser ablief. Immermal wieder blickte er schmunzelnd auf die Schilder. Manche hingen so schief, dass sie abzufielen drohten oder waren verwittert, hier schien man nichtmal mehr nach außen hin einen Schein waren zu wollen. So sich die Bewohner selbst nicht mehr der Illusion hingäben, dass Temora für sie mit etwas Besserem plötzlich aufwarten würde, wären sie sicher reif für ein verheißungsvolles Gespräch. Doch eins nach dem anderen, so viel könnte man hier bewirken aber sollte etwas Bestand haben, dürfte man sich nicht in zuviel verzetteln.

Andere hingegen waren regelrecht herausgeputzt, wie kleine Inseln inmitten des Elends, manchmal sogar Namen tragend, die man auf öffentlichen Aushängen zu lesen gewohnt war. Schließlich kam er zu dem Haus, welches er am abend auserkoren hatte. Es bemühte ihn sehr nicht aufzulachen. Ein Knappe? "Elias Fregolan, Knappe des Sirs Llastobhar." In der Welt Temoras zu dienen, versprach nicht gerade Lohn in diesem kurzen Leben, was wohl ein Anreiz sein musste, wenn sie sich schon der ewig währenden Güte Krathors nicht zugetan zeigten. Die flucht in den Glauben, bei doch so handfesten Vorteilen auf der anderen Seiten der Waagschale, stießen bei der Krämerseele immer wieder auf Verwunderung.

Das Haus eines Knappen. So der Richter Humor haben würde, wäre dieses Haus sicher ein ihm gefälliges Ziel. Kurz blickte er sich um, bevor er begann das Haus im Stechschritt zu umrunden. Leise murmelte er die Anzahl der Schritte mit, bevor er begann im Kopf die wohl benötigte Menge Blut zusammenzurechnen, die es wohl laut des Einbandes brauchen würde. In Gedanken vertieft rang er mit sich. Dinge von wert sollte man nicht verschwenden, allerdings wäre Geiz an der falschen Stelle äußerst unangebracht.

Die praktische Erfahrung mit derlei wie hier geplant war bestenfalls dürftig und so sollte man vielleicht doch lieber mehr als zuwenig verwenden. Sein wohlwollender Blick auf ihn, sollte mehr zählen als die wenigen weltlichen Münzen. Sein Blick zog hoch zum Himmel. Etwa Mittags müsste es sein. Gen Abend wollte er noch etwas Zerstreuung vor der gegenüberliegenden Seite der Stadt suchen. Vielleicht würde er in den Wäldern einen verirrten Wanderer aufbringen oder jemanden ohne Obdacht.

Sein gedankenverlorener Blick traf dann nahe der Hauptstraße einen kleinen Teich mitsamt eines Steines, der sich beim näheren Hinsehen als Eluive gewidmet offenbarte. Auf demkurzen Grünstreifen den Matsch der unbefestigten Gassen von den stiefeln streifend betrachtete er das Ganze von der Hauptstraße aus. Wer in das Theater treten wolen würde, sollte wohl ein verschönter idyllischer Blick über das dahinter liegende Viertel hinwegtäuschen. Ja, das passte in das Bild der besseren bürger Varunas. Freudig mag sein Blick gewirkt haben, als er sich zur Bibliothek aufmachte. Er würde die verbleibende Zeit nutzen, den Ort zu besichtigen, von dem er soviel hörte.