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Wenn Steine sprechen könnten.

Verfasst: Freitag 23. Februar 2007, 21:22
von Yejide
Sie kratzte schon wieder. Sie konnte es einfach nicht lassen und es kostete sie auf's Neue Überwindung von ihren wunden und aufgeschabten Handgelenken abzulassen. Ein wenig Blut trat an den aufgekratzten Stellen hervor und wohlwissend, dass sie es mal wieder zu weit getrieben hat, zwang sie ihre Hände an die Seiten und verharrte in einer angespannten, unangenehmen Rückenlage. Grimmig rügte sie sich - Es würde wieder reichlich Zeit in Anspruch nehmen, bis sie endlich den willkommenen Schlaf finden würde.
Ansonsten lag die Nachtstätte in einer nahezu bizarren Stille. Von ihren Stammesgenossen ging kein nennenswerter Mucks aus und nur gewohnte Laute des Dschungels und das immer währende Zirp-Orchester drang in die notdürftige Hütte an Yejides Ohr.
Hellwach starrte das Mädchen an das provisorisch zusammen geschusterte Dach der Behausung und ein gänzlich anderes Verlangen und Kribbeln in den Tiefen ihres Bewusstseins gesellte sich hinzu. Sie musste ihn wieder sehen. Ihr Blick huschte umher, obschon sie wusste, dass sich in dieser Nacht keine bessere Gelegenheit bieten würde. Alleine der Gedanke daran, das nahezu makellose und perfekte Stück wieder in Händen halten zu können, weckte ein wohlig-aufgeregtes Empfinden. Sie bereute, dass sie ihn Yooku überlassen hatte und schalt erneut ihre Naivität. Auf leisen Sohlen eilte sie hinaus und steuerte ohne Umschweife die Häuslichkeit des Schamanen an. Yooku hatte den Stein nicht sonderlich gut versteckt und schon in der zweiten Nacht konnte sie ihn wieder ausfindig machen. Doch empfand sie jedes Mal von neuem Reue und verspürte den stechenden Verlust, wenn sie den Stein penibel und haargenau in sein angestammtes Versteck zurück schob.
Aber in dieser Nacht würde sie sich ganz besonders viel Zeit nehmen, dessen war sie sich sicher, als sie in eben jener Hütte verschwand und auf verhältnismäßig trockene Erde trat.
Wie sie erwartet hatte, befand sich der Stein nach wie vor an der Stelle, an der sie ihn zurückgelassen hatte und eine freudig, beinahe abstruse Erregung umklammerte ihr Inneres und sie musste tief nach Luft schnappen, als sie ihn aus dem vermeintlichen Versteck bergte. Ihr Herz hüpfte in heiterer Entzückung und sie strich äußerst vorsichtig und zurückhaltend über die matten, grünen Kanten des sonderbaren Steines. Mit seinem idealem Gewicht lag er in förmlich stoischer Ruhe in den Händen des Mädchens, dessen Blick regungslos auf der schwach glänzenden Oberfläche rastete.

"Du musst keine Angst haben - Wir machen Dich schon nicht kaputt."
Versicherte sie dem Stein flüsternd, dieses Versprechen wieder und wieder bekräftigend. In kindlicher Aufregung fuhr sie schließlich hastig fort:"Der Geist hat Dich uns zum Schutz geschickt. Du behütest uns doch, nicht wahr?" -
Eine Denkpause entstand und sie schien die mangelnde Sprechbereitschaft des Steines nicht zu missen.
"Entschuldige, dass ich Dich vergraben habe - Ich dachte, die verärgerten Geister hätten dich geschickt um uns zu strafen."
Beteuerte sie und nickte einmal fest zu ihren Worten.
"Aber wir haben das Übel gefunden und Du bist gar nicht schuld."

Mittlerweile hatte sie auf dem erdigen Boden Platz genommen, die Beine unterschlagen, den Stein in ihre beiden, schützenden Handflächen gelegt. Sie führte den Plausch mit dem unbeweglichen und statischen Gestein weiter und kümmerte sich nicht im Mindesten darum, dass sie keine einzige Antwort auf ihre Worte und Fragen erhält. Rundum Glücklich und verträumt stapfte sie schließlich zu ihrem Nachtlager zurück.
Sie hatte mehr Zeit denn je mit dem Stein verbracht, doch freute sie sich bereits auf die nächste Möglichkeit das kleine Ding wieder in ihre Hände schließen zu können und spürte für einen kurzen Augenblick eine plötzlich aufkommende Sehnsucht. Sie schob den Gedanken beiseite und bemerkte jäh, dass sie die empfindliche Haut an ihren Handgelenken noch blutiger gerieben hatte.