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Vom Kommen und Gehen

Verfasst: Dienstag 2. Januar 2007, 17:07
von Vivianne
Ich habe viel Zeit in dieser Nacht, während mein Blick auf den Schlafenden ruht.. Jenen, die ihn benötigen, weil der Tag lang war und Jenen, die ihn benötigen, um Lasten leichter werden zu lassen.
Es war eine seltsame, nicht übliche Verbindung, die sich zwischen der jungen Ritterin und uns ergeben hatte und doch gab es sie und dies schon seit der Zeit, wo Dame von Elbenau selbst noch ein Kind war. Ich hätte sie bereits bei unserem ersten Treffen erkennen müssen, aber lediglich ihre Augen erinnerten mich an etwas, was mir verborgen blieb, bis zu jenem Traume.

Seit einigen Tagen weilt sie nun also unter uns... ich habe Abbitte geleistet... für das, was damals nicht hätte geschehen sollen, mäße man an normalen Maßstäben und nicht an denen Mutters.
Wie seltsam, dass ausgerechnet die junge Ritterin mich darauf hinwies, mit den Worten:
Wäre ich sonst hier und dürfte diesen Garten und eure Nähe genießen?“
Es war so klar, wie einfach.. es lag auf der Hand, deutlich sichtbar, für den, der zu sehen bereit war.. zu sehen und zu verstehen.
Sie und Ryana zu betrachten ließ mich oft schmunzeln in den letzten Tagen. Der Anblick so fremd und gleichsam vertraut.
Auch einer gewissen aufsteigenden Freude konnte ich mich nicht erwehren, zu sehen, wie die junge Ritterin aufblühte. Zunächst viel schlafend, dem Körper die nötige Ruhe gebend, das erste zaghafte Lächeln, bis hin zum befreiten Lachen.. war sie am Ende gar zu Scherzen aufgelegt, oder aber sich belehren zu lassen, wie man einen Pfirsich ‚richtig‘ ißt.
Der Gedanke an jenen Abend läßt mich unwillkürlich leise auflachen.
Keine Frage.. man kann einen Pfirsich auf verschiedenste Art und Weise essen und so hatten auch Ryana und Darna ihre ganz eigene Art dies zu tun.
Ryana mit dem herzhaften, genußvollen Biß, ungeachtet dessen, dass der Saft über Kinn und Finger lief. Die Süße der Frucht spiegelte sich in ihren Augen, wie die Freude darüber, ohne groß etwas tun zu müssen, einfach hinein beißen zu können, den Saft anschließend vom Kinn wischend und die Finger ableckend.
Darna zunächst bedächtig den Pfirsich mit einem Messer halbierend, den Kern sorgfältig heraus lösend, in eine der Hälften beißend, wobei sich ihre Lippen sogleich um die Bißstelle legten, dem Saft die mögliche Absicht an Kinn und Fingern herunter zu laufen verwehrend.
Beide schienen sich geradezu herausgefordert zu fühlen, der jeweils Anderen die eigene Weise nahe bringen zu müssen.
So sollte die junge Ritterin ‚einfach‘ in einen neuen Pfirsich beißen, Ryana hingegen einen Apfel mit zu Hilfe nahme von Messer und Gabel verspeisen. Zu Letzterem kam es nicht, da nicht nur der Pfirsich auf einfache Art gegessen sein sollte, sondern zudem sein Kern in die Kuhle fruchtbaren Bodens gespuckt! Was eine beträchtliche Zeit des Abends einnahm auf Grund der zuvor zu klärenden Regeln, die für ein solches Kernspucken nun einmal unerläßlich scheinen.

„Ihr spuckt den Kern ganz ungeniert und unritterlich in dieses Loch.“
„Reinspucken? Ich hab den Kern doch gar nicht im Mund?“
„Das läßt sich ändern... ich würde es euch ja gern vor machen, aber erstens habt Ihr schon an dem Kern geknabbert und zweitens würdet Ihr Euch wohl, so er danach voller Erde ist, erst recht weigern, ihn in den Mund zu nehmen.“

Schweigen, Blinzeln, kaum hoffend:
„Es muß wohl auch spucken sein, ja?“
Zustimmung.
In Augenschein nehmen der Erdkuhle.
„Gibt es dafür einen vorgegebenen Abstand, oder...?“
„Die einzige Regel die es gibt ist: Jeder daneben gegangene Treffer muß wiederholt werden.“

Vorsichtiges Heranpirschen an das Erdloch, bis die Zehenspitzen sich am Rande dessen befinden.
Den Rock zurückhalten, damit der Kern nicht unglückseliger Weise in seiner Flugbahn abgelenkt wird, durch ein Streifen des Stoffes... und die Überlegung anstellen, sich das Haar vorher zu frisieren, auf dass die nach vorn rutschenden Strähnen ebenfalls nicht im Wege sind, bei Anvisieren des Zieles.
Den Kopf, nach zwei verstohlenen Blicken, noch etwas senken, damit die Flugbahn sich verkürzt und... spucken! Nein.. den Kern sich langsam von den Lippen lösen lassen, als könne er sich im Notfall, wie plötzlich aufkommender Sturm, der droht, ihn aus der Flugbahn zu werfen, durch tiefes Einatmen zurück befördern lassen.
Im zweiten Notfall, so der Kern trotz aller Vorsichtsmaßnahmen im Gras neben dem Erdloch landet, empört drein sehen und die Schuld dafür auf die schieben, die in ihrer Gutmütigkeit Hilfestellung geben wollte und während des Vorwurfsvollguckens den Kern mit dem Zeh in das Loch kicken.
Das Loch zu schaufeln.
Einfache Regeln.
„Sobald er seine erste reife Frucht trägt, werde ich sie Euch zukommen lassen, als Erinnerung, was einfacher Genuß ist.“

Da bekanntlich eine Herausforderung einer Anderen folgt, ward zum nächsten Tag ein nicht gänzlich ernst zu nehmender Faustkampf angesetzt, was den konzentrierten Bemühungen der Beiden aber keinen Abruch tat.
Eine Weile besah ich mir das Schauspiel, bis mein Blick übers Meer schweifte und mir eine Nebelbank auffiel, die dicht über der Wasseroberfläche hing und auch nur eine bestimmte Fläche einnahm. Sie schien etwas mit sich zu führen, größer als eine Holzplanke, kleiner als ein Schiff.
Die beiden jungen Frauen schienen mir vergessen, als ich am Ufer stand und mir die alten Verse in den Sinn kamen.

Aus den Nebeln wird sie kommen,
siehst du sie zunächst verschwommen,
Tag für Tag sie näher schwimmt,
dich schlußendlich mit sich nimmt.

In dem Bestreben,
dir zu geben,
was du bereits erahnt,
nicht gewollt, nunmehr gemahnt.

Zeit, anzutreten diese Reise,
sanft ist sie auf diese Weise.
Gib du auf den Zeitpunkt acht,
wann die Bark‘ am Ufer wacht.


Ich kniete mich ans Ufer und leise ließ ich die Worte von meinen Lippen.
„Du hast geschaffen, du hast mich beschenkt... du hast mich begleitet. Du bist mir Schutz und Freude. Dein ist mein Weg und dein ist mein Dank. In deine Hände Mutter empfehle ich mich, wann immer es dein Wille ist.“
Abermals schweift mein Blick über die Schlafenden, während mir bewußt ist, dass es nicht mehr viele solcher Nächte geben wird.
Gib du auf den Zeitpunkt acht, wann die Bark‘ am Ufer wacht...

Verfasst: Dienstag 2. Januar 2007, 18:48
von Nuria Mondin
Sie hatte die letzten Tage größtenteils mit Arbeit verbracht... die Pest wütete seit der Schlacht recht unermütlich... und wenn kein Patient mehr in der kleinen Heilerstube war, kein Bote vor ihrer Tür stand sie zu holen und alle Spuren der Behandlung von Laken und Dielen getilgt sowie die Kräutervorräte aufgestockt waren, machte sie lange Spaziergänge. Den Dingen, die im Haus vor sich gingen, wich sie erst einmal aus.. genug Sorgen hatte sie momentan auch so, zudem suchte sie für sich den Weg zu Mutter, zermaterte ihre Gedanken, suchte in Meditation und im Gebet nach Antworten, horchte in sich, versuchte die Sprache ihrer Gefühle zu deuten und in ihnen Hinweise zu finden, was Mutter ihr für die Zukunft bestimmt hatte. Sie ging am Ufer der sumpfigen Insel entlang und ließ sich den Wind durch das Haar wehen. Wie ein Schatten huschte sie durch das Haus, wenn die Welt bereits im Dunkel der Nacht versunken war, begab sich in eine abgelegene Ecke des Gartens und schaute über das Meer. Sie spürte, wie sich das weiche Fell von Arasmha an ihre Seite schmiegte, kraulte sie zärtlich hinter den Ohren und schaute hinaus auf das Meer, ließ ihren Geist frei schweifen, lauschte dem Wind, den Wellen und dem Schnurren der Katze. Es lag etwas in der Luft... das spürte sie... es war viel geschehen und es würde noch viel geschehen.

Verfasst: Dienstag 2. Januar 2007, 21:58
von Darna von Hohenfels
Leben.
Selten hatte ich so erholsam, lange und tief schlafen können. Einige Stunden war es regelrecht erschreckend gewesen, wie taub sich danach mein ganzer Körper angefühlt hatte, doch danach sog er das Leben wie ein Schwamm erneut in sich auf. Essen, etwas Bewegung, zwangloses Reden - nicht belanglos, mitfühlend, und doch nicht gute Ratschläge und Belehrungen aufdrängend. Keine ungebetene Nähe, keine Einsamkeit. Vivianne erwies sich als ein Quell an Ruhe und Weisheit, mit der Distanz des Alters; und auch wenn mich das bald in Selbstverständlichkeit gesprochene "Kind" mir gegenüber an die Heiligkeit erinnerte, ist sie doch anders, ihre Art, ihre Ausstrahlung. Die Wärme der Heiligkeit strahlt in alles über - Vivianne ist Wärme in sich. Sie kann mit der Art, wie sie sich geben will, spielen, wie andere Leute Kleidungsstücke an- und ausziehen; und doch, als sie sich verletzt zeigte, mir gegenüber einen Fehler zugab und mir gleichsam die Augen für Geschehenes öffnete, da war sie... Mensch.
Wer hat diese Frau zuletzt schwach gesehen - und wann? So viel es auch löste, die letzte unangenehme Distanz aufhob, so unbehaglich war es mir und ich war froh, als es gelang, dieses Stückchen Welt wieder zurechtzurücken.

Und Ryana? Ein daneben bestehendes Leben, ihre unaufgesetzte Freundlichkeit, ihr charmanter Sturkopf, und trotz aller Unkompliziertheit wahrt sie eine persönliche Art von Distanz, die mir sehr entgegen kommt. Sie scheint selber sparsam mit Berührungen zu sein, und kumpelhafte Annäherungen fanden noch nie meine Sympathie. Sie lässt mir Raum, mich selber zu sortieren.

Ich atme tief durch und stelle fest, ich hätte keine bessere Wahl finden können als die, hier um Zuflucht zu bitten. Sie ließen mir die Trauer und sie ließen sie mich verarbeiten. Ließen mich als lebendiges Wesen mit Stärken und Schwächen an ihrer Seite weilen, offenbarten sich selber als Menschen, Wesen meiner Art. Mit einem inneren Lächeln stelle ich immer wieder fest, wie sehr Viviannes Lehren unter dem Licht der Geistigkeit zu stehen scheinen. Als Ryana gestern mit mir gemeinsam an kämpferischen Unzulänglichkeiten arbeitete, sich der Sache widmete und mir die Hand reichte, um beim Aufstehen behilflich zu sein, da war in ihr einer dieser Funken des Ritterseins, die in so vielen Menschen zu finden sind, wenn man nur hinsieht. Sie sind Teil von mir, ich Teil von ihnen, und sie sind anders.

Gestern war es alles offenbar.
Frau Vivianne wird diese Welt verlassen und es wird gewiß lediglich eine Frage weniger Tage sein. Ja, gemeinhin wird es "sterben" genannt, doch der Nebel über den Wassern des Meeres lässt dieses Wort unangemessen wirken.
Ein Tod mehr - und das Leben geht weiter.
Als ich begriff, was der Nebel und die Barke darin bedeuten, als ich sah, wie Ryana zum Ufer schritt und einen Stein in die Richtung warf, mit aller Wucht, als ich begriff, wie nahe ihr Vivianne steht und welchen Verlust es für sie bedeutet...
Als mir gewahr wurde, welch wertvoller Mensch erneut also dieser Welt genommen wird und wie sinnlos eine verzweifelte Frage wäre, ob dieses Leid denn nie aufhören wird, wie oft ich selber auch noch damit konfrontiert werden soll, da...
war plötzlich Ruhe.

Ruhe in mir.
Ich sah, wie sich die Bilder wiederholten. Sah, wie Adrian vor dem Sarkophag seiner Schwester kniete und hörte Aradans Worte: "Ja ... seine Hoheit kann eine treue Gefolgschaft wie Euch gewiss dringender benötigen als ich." Ich konnte Adrian damals keinen Trost geben, kannte ihn kaum, und doch... ich spürte seine Hand und die Rafaels auf meiner Schulter, als vor mir die sterblichen Überreste Aradans vergingen. Nun stand ich hier im Garten, Ryana vor mir und jene, deren Fortsein bald zu betrauern sein wird.
Es hätte Gram wecken können, doch das tat es nicht. Ich war traurig, doch ich empfand kein Leid. In diesem seltsamen Moment war die Welt draußen nicht in perfekter Harmonie, doch vieles in mir war es und ich bin dankbar darum. Mir wurde bewusst, daß ich wieder auf eigenen Füßen stand und daß auch Aradans Tod damit verwunden war, bis auf Trauer ohne Leid.

Ich bot an, das Haus zu verlassen, damit Vivianne ihre Töchter um sich sammeln könne. So sehr ich die bislang gezeigte Gastfreundschaft genieße, so hege ich doch die Vermutung, daß meine Anwesenheit der Grund dafür ist, daß ich bislang nur Ryana und Vivianne im Haus sah. Mit welchem Recht sollte ich jemand anderem die Behaglichkeit seines eigenen Heims zerstören? Doch ist es auch, wie Vivianne sagte: alle Entscheidungen sind getroffen und jeder entschied für sich. Ich kann niemandem eine Besorgnis nehmen, die weit darüber hinausgeht, daß ich niemandem etwas tue oder... bereits eher bereit war, lieber selber zu brennen als irgendwas zu verraten.
Ich weiß nicht sicher, wie rasch die Barke sich nähern wird.
Ich weiß nicht sicher, ob mir Frau Vivianne noch helfen kann oder es überhaupt Hilfe finden soll, was diese Schwertträume von mir angeht.
Eines nur weiß ich:

für alles wird seine Zeit kommen.

Verfasst: Dienstag 9. Januar 2007, 22:02
von Darna von Hohenfels
Sowas nennt sich Heimweh, Darna

"Ich war heute in der Stadt, und..."
Blinzeln. Schaudern.
"War denn so alles in Ordnung in Varuna?"
Wieso plötzlich so angespannt?
"Tja... ich weiß nicht. Ich bin da nicht so häufig. Wie sollte die Stadt denn sein, wenn alles in Ordnung ist?"

Ein Meer aus Gassen und Häusern, umschlossen von Wasser und meterdicken Mauern, von Zwergenhand aus Stein gefügt - im Angesicht von Menschen schier für die Ewigkeit gebaut. Aus der Asche von Schmerz und Leid auferstanden wie ein Phönix, schöner, gewaltiger, prächtiger. Auf den Zinnen die königliche Garde in blau und gold, Hüter der Menschen in diesem steinernen und doch lebendigen Wesen namens "Varuna". Blau die Dächer von Kirche, Rat, Kastell und Schloß - Herz, Hände und Kopf.
Still war es dort, wenn alles in Ordnung war, manche breite Straße in diesen und jenen Stunden dann so beklemmend leer, als wäre es makaber, sie sich überhaupt gefüllt vorzustellen.
Geschäftig war es dort, wenn alles in Ordnung war, wenn die Marktschreier mit Stolz verkündeten, daß Waren aus nah und fern feilgeboten wurden auf dem großen Platz mit seinen bunt überdachten Ständen und dem großen Brunnen.

Wenn Herr Weinschenk seine Krüge polierte, wenn seine Ehren de Dynal über den neuesten Bürgerschaftsanträgen brütete, wenn in dem großen Stallhaus die Pferde von Bürgern und Gästen gestriegelt wurden, wenn Kinder die Kirschen aus dem Theatergarten stahlen, wenn im Konvent ein Studiosus angesichts der nächsten Prüfung Schweißausbrüche bekam, von der Kirchenempore unbemerkt grüne Augen die Ungestörtheit eines Betenden bewachten, wenn im Gardehof der Herr Leutnant brüllte...
dann war alles in Ordnung.

Was Rafael wohl gerade wieder anstellte?
Wessen Geldbeutel würde heute wieder in den Tiefen des Armenviertels verschwinden?
Wie ging die Ausbildung der Kadetten voran?
Wo mochte sich Viola gerade wieder herumtreiben?
Welche Schandtaten heckten Elias und Selissa neu füreinander aus?
Würde seine Hoheit irgendwas davon mitkriegen?
Wieviele kleine bis mittelschwere Katastrophen suchten sich heute erneut andere Wege, um Aufmerksamkeit zu finden, statt sich bei ihr zu entladen?

Die alte Kastanie hinter'm Rathaus, wo Adrenalon und sie sich noch heimlich küssten. Der Sarkophag Anaras in der kleinen Krypta am Schloß. Das Haus Aradans, in dem ihr Werden als Knappin in dieser Stadt seinen Anfang und sein Ende nahm. Die Kirche, in der liebende Paare, denen ihr ganzes Wohlwollen galt, sich die Hände zu einem innigen Bund gereicht hatten. Die Gassen und Winkel, die sie als Gardistin zur Mahnung und als Ritterin mit dem Willen zur Hilfe abgeschritten hatte. Der Handelsposten der Khaz Aduir, wo sie ihr erstes Zwergenbier getrunken hatte. Die Taverne der Weinschenks, wo Worte so vieles schon gewandelt hatten. All die Blumenbeete, über denen die stete Mahnung ihres verstorbenen Ritters noch ein bißchen schützend hing.
Es gab kaum mehr einen Winkel in der Stadt, den sie nicht mit irgendwelchen Erinnerungen verband, über den sie nichts zu erzählen gewusst hätte.

"Welchen... ähm... welchen Tag haben wir heute eigentlich?"
"Den siebten Hartung des Jahres 250."
Blinzeln. Schaudern.
Wie lange war sie fort gewesen? Zwei Wochen? Nur zwei Wochen? Die zeit im Kloster war ihr nicht so lange vorgekommen, dabei war das fast ein Monat gewesen. Aber hier hatte kein Hauptmann an die Tore geklopft, kein Schützling oder Freund sie besucht, niemand, dem sie sich irgendwie verpflichtet hätte fühlen müssen.

Plötzlich vermisste sie all das schrecklich. Gleichzeitig stach der Schmerz des Abschieds zu. All dies hier also wieder zurücklassen. Dieses nicht gebaute, sondern gewachsene Haus mit seiner Schlafstatt aus Fellen und der einfachen Küche, die doch für soviel Freude und Lachen Raum gegeben hatte. Gefüllt mit dem Leben, das sie vorsichtig mißtrauisch umkreiste oder springlebendig einfach da war - aber viel mehr gefüllt mit Leben, das ihr zur Seite stand und Freud und Leid warmen und offenen Herzens mit ihr teilte.
Abschied?
Sie hatte alles hier so lieb gewonnen. Ja... alles...
Nachdenklich sah sie auf die Flammen des Feuers im Garten.

"Es ist einfach nur ein Feuer, dazu gedacht, gesellig beieinander zu sitzen und zu wärmen, Kind."
"Ich weiß, Frau Vivianne... aber ich ertrage seinen Anblick gerade einfach nicht."

Es war der letzte Abend im Heim der Töchter Eluives, als sie die Felle zu einem gemütlichen Schlafnest zusammenzog und die lodernden Flammen, die Funken, die Glut... anders ansehen konnte.
"Ein guter Platz, den Ihr Euch zum Schlafen ausgesucht habt."
Sie nickte nur, lud Ryana mit einer neben sich klopfenden Geste ein, ihr Gesellschaft zu leisten. Es bedurfte nicht mehr vieler Worte und still teilten sie die Wärme des Feuers, im Bewusstsein darüber, daß sich einiges zwischen ihnen wohl nie mehr voneinander trennen würde -

auch wenn es Abschied nehmen hieß, weil sie nach Hause wollte.

Verfasst: Dienstag 9. Januar 2007, 22:03
von Vivianne
Die Barke hat angelegt und schaukelt seicht auf den Wellen, die zum Ufer rollen.
Als hätte sie mit ihrer Ankunft gewartet, bis wir die junge Ritterin; die mir in der letzten Zeit so ans Herz gewachsen ist; nicht zuletzt, weil sie das Herz am rechten Fleck hat, sondern in ihrer so standfesten Art dennoch bereit ist, Dinge zuzulassen, die unumgänglich scheinen und dafür jeden Weg bereit zu gehen ist, unabhängig dessen, was da komme; wohlbehalten zum Schloß zurück gebracht haben.
Nun ist sie also da.. die Barke und ich weiß, ich sollte es den Töchtern sagen und mein Versprechen Darna gegenüber einlösen.
Ich werfe einen Blick zurück und weiß plötzlich, dass ich diesen letzten Weg allein bestreiten muß.
Sollen sie mich nach ihrem Bilde in Erinnerung behalten, ohne diesen letzten Gang.
Sacht setze ich einen Fuß auf die Planken und versuche das Schaukeln auszugleichen, den anderen nachziehend.
Als ich festen Stand habe, wende ich mich dem Ufer zu.. verharre so.
All die Jahreskreisläufe ziehen an mir vorbei.. die Jahre im Hain, wo ich aufgewachsen, meine Mutter mich lehrte... die Vertreibung, weil ich meinem Zorn gegenüber des Brudermörders Schergen Luft gemacht habe... all die Jahre hier auf dieser Insel.
Schwierige Zeiten und schöne Zeiten.
Ohne, dass ich es bemerke, legt die Barke ab, nimmt friedlich Fahrt auf.
Sehe ich bunten Stoff durch die Bäume schimmern, da hinten? Ryana?
Zu weit weg vom Ufer, wie ich nun feststelle, als dass sie meine Worte vernehmen könnte, es sei denn, der Wind ist geneigt, ihr die Worte zuzutragen, so sie es wäre:
„Wenn eine Flamme höher züngelt als alle anderen.. eine Welle höher steigt als alle anderen... eine Windböe kräftiger ist, als alle anderen.... und wenn die Sonne ein kräftigeres Rot zeigt als sonst.. dann weißt du...“

Das Ufer wird kleiner und kleiner und mit ihm Mutters Platz, die Bäume, das Haus, welches durch sie hindurch schimmert, immer kleiner, immer kleiner.
Der Wind der See fährt sanft durch mein Haar, spielt mit dem Stoff meiner Robe, ich straffe mich und erhebe meine Stimme.
„Du bist Spinnerin, Weberin und Durchtrennerin des Lebensfadens. Dein ist die Melodie des Kreislaufs der Natur.
Du bist Segenspenderin, Gabenschenkende und Wachende. Du bist die lebendige Quelle allen Seins.
Du bist Morgen, Mittag, Abend und Nacht. Was du bestimmst, wird geschehen.

Komm und laß meine Seele frei.
Komm und besprühe sie mit dem Wasser des Lebens.
Komm und gib ihr die Kraft der Erde.
Komm und entzünde sie mit den Flammen deiner Liebe.
Komm und laß sie schweben, gleich einer vom Wind getragenen Wolke.
Komm und bringe, was sein muß.

Komm und nimm meinen Dank in deiner allgegenwärtigen Güte an.
Den Dank für deine Unermüdlichkeit mir immer wieder neue Wege aufzuzeigen.
Den Dank, diese beschreiten zu dürfen.
Den Dank für die Lehren und Erfahrungen, die ich daraus ziehen durfte, den Dank für die Kraft,
um wieder neue Wege beschreiten zu können.
Komm und hole mich... jetzt.“

Verfasst: Dienstag 9. Januar 2007, 23:11
von Nuria Mondin
Mit leerem Blick schaute sie auf das Wasser hinaus und auch ihr inneres war irgendwie.. leer. Es fehlte etwas.. spät war es ihr bewusst geworden.. zu spät. Mit Darnas Abreise hatte sie die Normalität in das Haus einkehren lassen und die Erwachenden im Garten unterrichtet... dabei war ihr Blick auf das Wasser gefallen.. kein Nebel. Sie waren hineingegangen.. sie hatte den beiden von den Tieren erzählt... und ihnen vom Hain Mutters berichtet. Der Hain.. Mutter... Vivianne.. die fehlenden Nebel.. der Klang, der anders war als sonst.. langsam baute sich das Mosaik in Nurias Kopf zusammen. Immer starrer wurde ihr Blick auf den Rest Tee in ihrem Becher und in ihren Gedanken wurde er zum Meer, auf dem die Barke entschwand... mit Vivianne.. wie sie noch einmal zurückblickte... ein dumpfes Gefühl bemächtigte sich ihrer. Sie musste es den Schülern sagen.. rang nach Worten... der Hain, Mutter, Vivanne, die Barke, die Nebel, Vivianne....

Sie hatten sich im Streit getrennt. Sie grollte ihr nicht, und Vivianne würde es gewusst haben.. sie hatte ihren kleinen Gruß erhalten, sie war sich sicher, dass sie den Vogel erkannt hatte... sie MUSSTE ihn erkannt haben... warum jetzt? Es war Mutters Wille... sie hätte ihr noch so viel sagen wollen, noch so viele Fragen gehabt.. aber.. sie hatte immer Fragen. Immer hätte sie noch etwas zu erzählen gehabt. Es war jetzt nicht wichtig.

Durch leichte Schleier blickte sie auf das Wasser. Ihre Augen waren voller Wasser und doch war sie außer stande zu weinen. Hatte sie einen Grund zu weinen? Wie sie es den Schülern gesagt hatte..

Vivianne ist noch da... nur anders...

Mit Viviannes fortgehen spürte sie, wie langsam sich die Last von Verantwortung auf ihre Schultern drückte. Es musste weitergehen... und nun musste sie selber die Antworten auf ihre Fragen finden. Mit Mutters Hilfe. So war der ewige Kreislauf des Lebens... irgendwann würde sie jene sein, die auf der Barke stand. Und hinfortfahren in einer Reise ohne Widerkehr... in den Hafen Mutters. Von dort würde der eine oder andere Wink hinüberwehen.. und sei es ein kleiner Windhauch, der eine kleine Kerze auspustete.

Verfasst: Dienstag 9. Januar 2007, 23:32
von Taralea Mirrosil
Zusammengekauert hockte Taralea am Stamm des Baumes und starrte auf die dunklen Wellen vor sich.

Ihre Wangen waren von der Luft gerötet, doch sie nahm die beißende Kälte nicht wahr. Auch nicht die heißen Tränen, die ohne Halt ihr Gesicht hinunterrannen oder die von der Haltung schmerzenden Glieder. All dies war unwichtig. Sie fühlte sich seltsam einsam, verloren.

Verloren.. ja das traf es. Die Frau, die sie zu Mutter geführt hatte, die ihr ihre wahre Bestimmung gezeigt hatte, die ihr das Heim gegeben hatte, nach dem sich ihr Herz immer gesehnt hatte, sie war verloren.
Fort.
Sie hatte die Barke betreten, ohne dass eine der Schwestern sich hatte verabschieden können. Kein letzter Gruß, kein Lächeln, kein Segen. Nichts.
Auch wenn Taralea tief in ihrem Herzen wusste, dass Vivianne ihre Gründe gehabt haben musste, schmerzte sie dieser plötzliche und unvorbereitete Verlust tief.-

Wieder und wieder erklang Nurias Stimme in ihren Ohren:
"Ich sah eine Barke im Nebel....

Diese Barke ist fort...

Langsam wurde mir bewusst, welcher Klang in diesen Hallen fehlt...
der Viviannes..."


Vor ihrem inneren Auge bildete sich das Anlitz der Herrin vom See. Wie sie mit mütterlichem Lächeln zu ihr blickte und ihr mit unendlicher Geduld Mutters Werke näher brachte. Nun war sie fort- und Mutter alleine wusste, wann Taralea ihr wieder begegnen würde.

Langsam, ganz langsam hob Taralea den Kopf an. Ihr Blick verlor sich in den schwarzen Wellen. Leise füsterte sie: "Lebt wohl, Vivanne. Möge Mutter Euch in ihrem Hain empfangen, so liebevoll wie Ihr mich einst willkommen hießet."
Ein leichter Wind kam auf und trug diese Worte weit auf das Meer hinaus...

Verfasst: Mittwoch 10. Januar 2007, 19:47
von Darna von Hohenfels
Dicht über den Pferdehals gebeugt peitschten dünne Zweige über ihr Haar, doch sie trieb den Mustang nur noch mehr an, bahnte sich ihren Weg zwischen den kahlen Bäumen in der gespenstisch durch Schnee und Mond leuchtenden Nacht. Wieso war es schon dunkel? Wieso hatte sie es vergessen können? Sie hatte doch nicht vergessen... Vivianne hatte Bescheid geben wollen.

Doch es hatte zu lang gedauert. Plötzlich war ihr die fortgeschrittene Stunde viel zu spät vorgekommen, als sie im Gespräch mit Rafael wieder über den Traum nachdachte, über all die seltsamen Zeichen, dieses seltsame Verstehen, dieses vage Begreifen...
"Sag mal Rafael, kann ich dein Pferd haben? Sandsturm ist noch in Berchgard. Ich bin auch bald wieder da."
Er hatte keine Fragen gestellt. Und sie hatte kaum registriert, was er ihr da eigentlich gerade anvertraute - Rymis, seinen heißgeliebten Mustang.
"Schneller! Komm Junge, du kannst schneller! Lauf!"
Ein rötliches Aufleuchten links von ihr, aufgeregtes Wiehern, in atemberaubendem Tempo wirbelten die Hufe durch den Schnee. War das ein Feuererlementar gewesen? Egal - da vorne war die Brücke.

Ryana trat aus der Tür, und eigentlich hätte es nicht einmal ihres Blickes bedurft. Er räumte nur die letzten Zweifel fort.
"Ich bin zu spät gekommen..."

Warum? Weil es wohl Gründe gab. Vivianne stand nicht in dem Licht, nicht jeden Lidschlag lang sehr genau zu wissen, was sie tat und was das Beste in just diesen Momenten sei.
Nur war es nicht mehr die Zeit für Fragen - und es würde auch keine für Antworten kommen.

Es war noch immer dunkel, als ihr Weg sie zurückführte und der Morgen ließ lange auf sich warten, während sie auf einem der Turmdächer des Schloßes stand.
Einzig vor Augen hatte sie einen hellen Tag. Einen klaren, kalten, sonnendurchfluteten Himmel, unter dessen faserig zerrissenen Wolken zwei Adler kreisten, getragen von majestätisch ausgebreiteten Schwingen.
Sie hatten die Menschenfrau unter sich wachend begleitet, bis sie an die Tore dessen gelangte, was sie Zuhause nannte, dann zogen sie eine letzte Schleife und drehten ab, zurück in ihre eigenen Gefilde.
Es war ein so wunderschöner Anblick gewesen...

Und kein Mensch hätte in Worte kleiden können, was dieses letzte Bild von ihnen gemeinsam für die Ritterin an Bedeutung gewann.

Verfasst: Donnerstag 11. Januar 2007, 00:22
von Ryana
Wenn du dich an den Klang meiner Melodie erinnerst... werde ich bei dir sein.
Sie hatte die letzten Tage sehr bewusst gelauscht, versucht sich jeden noch so leisen Ton, jede noch so kleine Schwingung in Viviannes Melodie einzuprägen. Hatte ihre Nähe gesucht, solange ihr noch Zeit dafür blieb...so weit sie Nähe geben konnte und auch anzunehmen bereit war.

Dann dieses beklemmende Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte. Eine Ahnung, die sie aufspringen ließ. Es war kein einziger Gedanke notwendig, sie wusste einfach...

Ihr Rock verfing sich in einem der dornigen Büsche, die sich in dem wildgewachsenen Garten scheinbar wohlfühlten. „Nein. Lass mich los!“, bat sie hektisch. Sie versuchte den Stoff zu befreien, erst ein Ziehen, dann ein Zerren, als kein Nachgeben zu spüren war. „Lass...mich...los!“ leise, beschwörend...dann wütend zwischen den Zähnen hervorpressend, während sie weiter versuchte sich loszureißen. „Sie hat es versprochen! Du weißt, sie hat es versprochen! Bitte...“ das letzte Wort nur mehr ein Flehen, die Wut verflogen... Resignation, Unverständnis und Trauer Platz machend. Zu weit vom Ufer entfernt, um zwischen den dichten Bäumen einen wirklichen Blick erhaschen zu können, ließ sie die Hände sinken, gab auf. „Warum?“ Die leise ausgesprochene Frage blieb unbeantwortet, als die ersten Tränen sich ihren Weg bahnten. Sie ließ ihnen freien Lauf, wie sie es auch schon die letzten Tage getan hatte.

Und dann war sie frei...
Zitternd schlurfte sie zwischen den Bäumen hindurch, dem Ufer entgegen, keine Eile mehr...sie wusste es war...zu spät. „Warum?“ Mit einer Hand stützte sie sich am Stamm einer der Bäume ab, sah mit tränenverschleiertem Blick aufs Wasser, wo am Horizont die Nebelbank immer kleiner wurde, bis sie verschwand.
Zurück blieb nur eine leichte die Brise, die ihr die Worte heran trug.
„Wenn eine Flamme höher züngelt als alle anderen.. eine Welle höher steigt als alle anderen... eine Windböe kräftiger ist, als alle anderen.... und wenn die Sonne ein kräftigeres Rot zeigt als sonst.. dann weißt du...“

Nicht lange danach sah sie Darna hinterher, die ihrem Gefühl folgend, den Weg hierher gefunden hatte - in stiller Ahnung zu spät zu kommen – und schließlich, nach mitfühlend gesprochenen Worten, in ihrem Gefühl bestätigt, den Heimweg wieder antrat.


Die Nacht war schon weit voran geschritten, als sie abermals, den Blick in die Ferne gerichtet, auf den Horizont starrte, wo Erde und Himmel sich zu berühren schienen. Einzig das leise Rauschen der Wellen in die Ohren, die ihren Rock umspülten und hinter ihr sanft gegen das Ufer rollten.

Verfasst: Donnerstag 11. Januar 2007, 23:14
von Falira
Es war ihr nur ein kurzer Traum gewesen. Gerade war diese Frau in Faliras Leben getreten, hatte die Grundfest all dessen, was sie bisher gewusst und geglaubt hatte, zertruemmert und aus dem Staub und Schutt ein Mosaik zusammengelegt, das an Schönheit und Einzigartigkeit kaum zu übertreffen war.


Sie hatte Falira im Schnee getroffen, an die Wasser gefuehrt und dort war es, wo sie ihr wieder entschwandt.

Eine einsame Träne rann ihre Wange herunter als Nuria ihnen von dem Entschwinden Viviannes erzaehlte; ein einziger Gedanke brannte in ihr auf, einer alles verzehrenden Flamme gleich, und schien sie von innen heraus zu verbrennen; ein einziger Seufzter - allein in der Stille und Einsamkeit der Nacht - war es, der ihr entfuhr, als sie sich die wenigen Tage zurueckersann und daran dachte, wie ihr das Auftreten der Alten wie ein Traum erschienen war; und ein einziges Lächeln war es, das ihre Züge kleidete, als sie ihren Blick zum Himmel richtete und ein sanfter Windhauch ihr durch die Haare stricht, denn noch immer - so wusste sie - war Vivianne ihr nicht entschwunden.


Ein letztes... Seufzen? Es dran, von den wogenden Wellen der ruhigen See durch den Nachthimmel getragen, an ihr Ohr, aus der Ferne her und es ward.. als Stünde Vivianne neben ihr, als sei sie nie entschwunden, als habe sie ihren Weg noch nicht fortgeführt, als träumte Falira ihren Traum noch immer...

und dann erwachte sie...