Eisige Kälte und hitzige Glut
Verfasst: Freitag 15. Dezember 2006, 02:01
Scathlan - Szene eines Alltags
Eine weitere schillernde Schneeflocke löste sich aus dem von Wolken verhangenen Himmel, mischte sich erfüllt von windiger Leidenschaft in den Tanz ihres Gleichen, um schließlich still und leise den gefrorenen Boden Scathlans zu küssen. Eine schier endlose Decke aus reinem Weiß lag über der Insel, bedeckte Berggipfel wie Hausdächer gleichermaßen. Und doch, wenn man sich die Zeit nahm genau hinzusehen, erkannte man an manchen Stellen den Ast einer grünen Tanne unter dem hellen Pulverschnee hervorlugen oder das dunkle Gestein der Dorfhäuser frech hervorblitzen. Aus den Schornsteinen der im Tal gelegenen Siedlung stieg grauer Dampf hervor, der in abstrusen Gebilden in der eisig schneidenden Luft umherwirbelte und schließlich in den endlosen Weiten der nordischen Kälte verschwand.
Die starr stehende Gestalt Erin's fügte sich unauffällig in das Idyll der Schneelandschaft, trug ihr langer wärmender Fellmantel inzwischen ebenfalls die weiße Farbe seiner Umgebung. Und die helle Haut der jungen Angurin war ohnehin schwer von der Farbe der vom Himmel schwebenden Flocken zu unterscheiden, wären da nicht die rote Nasenspitze und die rosigen Wangen. Doch das kleine Schaf, welches in stolzen Schritten vor Erin umherstapfte, kümmerte sich nicht um die verräterischen Anzeichen, sah es in der Frau keinerlei Gefahr. Außerdem schien es vielmehr damit beschäftigt, seinen etwas abseits stehenden Artgenossen triumphierend entgegen zu mähen und das sogar mit gutem Grund. Während sein eigener Körper von einer dicken wohligen Wollschicht gewärmt wurde, hatten die anderen Schafe ihre Schutzschicht gegen die eisigen Temperaturen bereits unter den unerbittlichen Händen der alten Elinior lassen müssen. Dass nun auch Erin zum Jäger des wärmenden Guts wurde, damit rechnete der vierbeinige blökende Angeber nicht, war er seit jeher auf Elinior fixiert.
Umso mehr brachte der plötzlich Angriff Erin's das Tier aus seinem Konzept, zutiefst erschrocken sprang es auf und wirbelte auf seinen wendigen Beinchen davon. Im Blickfeld der Angurin hinterblieb lediglich eine puderige Schneewolke. "Bleib g'fälligst steh'n! Du kommst mir net davon!", brach es wie eine donnernde Drohung aus Erin's verärgert verzogenem Mund, als sie mit stapfenden Schritten das diffuse Hindernis durchbrach und hinter dem Schaf hermarschierte. Ihre Worte wohl verstanden habend, legte der Vierbeiner noch einmal einen Zahn zu und stob im Zick Zack aus ihrer Reichweite. Frustriert stemmte Erin die behandschuhten Hände in die Hüften. "Das Mistvieh is' zu schnell!", rief sie hörbar unmutig in die Richtung des Beschimpften, doch ihre Worte erreichten noch ein weiteres Gehör. Aus dem Schatten eines verschneiten Baumskeletts trat die bucklige Gestalt einer Frau heraus, deren vom Alter gezeichnete Züge zu einem sichtbaren Grinsen verzogen waren. "Mir altem Weib gelingt's die Schafe zu fangen und dir jungem Kind spring'ns davon?". Knarrendes Gelächter verteilte sich, welchem Erin mit einem beleidigten "Hrrrumpf!" konterte. Doch die alte Elinior hatte Recht und Erin konnte diese Tatsache unmöglich auf sich beruhen lassen. Sie, eine junge kräftige Frau, nicht in der Lage ein blökendes Schaf zu fangen, lächerlich! So nahm sie ihre Schritte wieder auf und lenkte sie zielstrebig in Richtung des anvisierten Tieres. Mit seinen pechschwarzen Knopfaugen blickte es ihr fast schon belustigt entgegen, offenbar noch lange nicht erschöpft genug um es nicht noch ein zweites Mal mit seinem angurischen Gegenüber aufzunehmen. "Ich krieg' dich Freundchen, das versprech' ich dir!", murrte sie dem Wollknäuel entgegen und die Jagd begann unter lautem Gemähe und Gefluche von neuem.
"Da bist' ja endlich. Ich dacht' schon, du kommst gar nicht mehr!", empfing Agnes einige Zeit später ihre Tochter in der elterlichen gut beheizten Holzhütte. Im gleichen Atemzug nahm sie Erin die frisch geschorene Wolle aus den Händen. "Wie ich seh' warst erfolgreich?", setzte Agnes nach und erntete seitens ihres Nachwuchses ein kräftiges Brummen. "Schafe, pah!", gab die junge Angurin lediglich als Erklärung für ihr langes Fortbleiben an, während sie sich des Fellmantels und der Handschuhe entledigte und sich händereibend vor den knisternden Kamin setzte. Agnes' Lippen umwob nur ein Schmunzeln, sie fühlte sich zu gut an ihre ersten eigenen Versuche erinnert ein bockiges Schaf zu fangen und zu scheren. Welches Tier wollte auch schon freiwillig bei diesen Temperaturen seinen wärmenden Pelz abgeben? So gönnte sie ihrer Tochter eine kleine Verschnaufpause und begann ohne deren Hilfe die Wolle zu Garn zu verarbeiten.
"Mit der Zeit geht's schneller, nich?", brach Erin nach einigen Minuten das Schweigen und damit auch die fauchende Melodie der brennenden Holzscheite. "Erinnerst' dich noch, als du das erste Mal Garn g'woben hast?", entgegnete Agnes ohne auch nur eine Sekunde ihr Tun zu unterbrechen, wissend, ein Nicken zu ernten, auch wenn sie es nicht sah. "Siehst, damals hat's auch 'ne Ewigkeit gedauert. Und heut'? Heute machst es zack zack. Genauso wird's dir beim Scher'n gehen, wart's nur ab". Kurz sah Agnes von ihrer Arbeit auf um Erin ein Augenzwinkern zu schicken. "Und nun ab in die Küche mit dir, dein Vater und dein Bruder kommen sicher bald von ihrer Jagd zurück und wollen was Gut's auff’m Tisch hab'n!". Erin rollte mit den Augen, doch erhob sie sich protestlos von ihrem gemütlichen Platz am Feuer. "Das hab' ich g'sehn!", warf ihr Agnes hinterher noch bevor sie vollends im Nebenzimmer verschwunden war. Lautlos wiederholte Erin die Worte ihre Mutter, dabei das Gesicht zu einer Fratze verziehend. Und trotz der Lustlosigkeit des heutigen Abends gelang es Erin ihre Familie einige Zeit später mit einem warmen wohlmundenden Mahl zu erfreuen. Die ausgelassene Stimmung am Tisch und das viele Lachen taten ihr übriges um Erin von den zähen Erfolgen des Tages abzulenken.
[...]
Eine weitere schillernde Schneeflocke löste sich aus dem von Wolken verhangenen Himmel, mischte sich erfüllt von windiger Leidenschaft in den Tanz ihres Gleichen, um schließlich still und leise den gefrorenen Boden Scathlans zu küssen. Eine schier endlose Decke aus reinem Weiß lag über der Insel, bedeckte Berggipfel wie Hausdächer gleichermaßen. Und doch, wenn man sich die Zeit nahm genau hinzusehen, erkannte man an manchen Stellen den Ast einer grünen Tanne unter dem hellen Pulverschnee hervorlugen oder das dunkle Gestein der Dorfhäuser frech hervorblitzen. Aus den Schornsteinen der im Tal gelegenen Siedlung stieg grauer Dampf hervor, der in abstrusen Gebilden in der eisig schneidenden Luft umherwirbelte und schließlich in den endlosen Weiten der nordischen Kälte verschwand.
Die starr stehende Gestalt Erin's fügte sich unauffällig in das Idyll der Schneelandschaft, trug ihr langer wärmender Fellmantel inzwischen ebenfalls die weiße Farbe seiner Umgebung. Und die helle Haut der jungen Angurin war ohnehin schwer von der Farbe der vom Himmel schwebenden Flocken zu unterscheiden, wären da nicht die rote Nasenspitze und die rosigen Wangen. Doch das kleine Schaf, welches in stolzen Schritten vor Erin umherstapfte, kümmerte sich nicht um die verräterischen Anzeichen, sah es in der Frau keinerlei Gefahr. Außerdem schien es vielmehr damit beschäftigt, seinen etwas abseits stehenden Artgenossen triumphierend entgegen zu mähen und das sogar mit gutem Grund. Während sein eigener Körper von einer dicken wohligen Wollschicht gewärmt wurde, hatten die anderen Schafe ihre Schutzschicht gegen die eisigen Temperaturen bereits unter den unerbittlichen Händen der alten Elinior lassen müssen. Dass nun auch Erin zum Jäger des wärmenden Guts wurde, damit rechnete der vierbeinige blökende Angeber nicht, war er seit jeher auf Elinior fixiert.
Umso mehr brachte der plötzlich Angriff Erin's das Tier aus seinem Konzept, zutiefst erschrocken sprang es auf und wirbelte auf seinen wendigen Beinchen davon. Im Blickfeld der Angurin hinterblieb lediglich eine puderige Schneewolke. "Bleib g'fälligst steh'n! Du kommst mir net davon!", brach es wie eine donnernde Drohung aus Erin's verärgert verzogenem Mund, als sie mit stapfenden Schritten das diffuse Hindernis durchbrach und hinter dem Schaf hermarschierte. Ihre Worte wohl verstanden habend, legte der Vierbeiner noch einmal einen Zahn zu und stob im Zick Zack aus ihrer Reichweite. Frustriert stemmte Erin die behandschuhten Hände in die Hüften. "Das Mistvieh is' zu schnell!", rief sie hörbar unmutig in die Richtung des Beschimpften, doch ihre Worte erreichten noch ein weiteres Gehör. Aus dem Schatten eines verschneiten Baumskeletts trat die bucklige Gestalt einer Frau heraus, deren vom Alter gezeichnete Züge zu einem sichtbaren Grinsen verzogen waren. "Mir altem Weib gelingt's die Schafe zu fangen und dir jungem Kind spring'ns davon?". Knarrendes Gelächter verteilte sich, welchem Erin mit einem beleidigten "Hrrrumpf!" konterte. Doch die alte Elinior hatte Recht und Erin konnte diese Tatsache unmöglich auf sich beruhen lassen. Sie, eine junge kräftige Frau, nicht in der Lage ein blökendes Schaf zu fangen, lächerlich! So nahm sie ihre Schritte wieder auf und lenkte sie zielstrebig in Richtung des anvisierten Tieres. Mit seinen pechschwarzen Knopfaugen blickte es ihr fast schon belustigt entgegen, offenbar noch lange nicht erschöpft genug um es nicht noch ein zweites Mal mit seinem angurischen Gegenüber aufzunehmen. "Ich krieg' dich Freundchen, das versprech' ich dir!", murrte sie dem Wollknäuel entgegen und die Jagd begann unter lautem Gemähe und Gefluche von neuem.
"Da bist' ja endlich. Ich dacht' schon, du kommst gar nicht mehr!", empfing Agnes einige Zeit später ihre Tochter in der elterlichen gut beheizten Holzhütte. Im gleichen Atemzug nahm sie Erin die frisch geschorene Wolle aus den Händen. "Wie ich seh' warst erfolgreich?", setzte Agnes nach und erntete seitens ihres Nachwuchses ein kräftiges Brummen. "Schafe, pah!", gab die junge Angurin lediglich als Erklärung für ihr langes Fortbleiben an, während sie sich des Fellmantels und der Handschuhe entledigte und sich händereibend vor den knisternden Kamin setzte. Agnes' Lippen umwob nur ein Schmunzeln, sie fühlte sich zu gut an ihre ersten eigenen Versuche erinnert ein bockiges Schaf zu fangen und zu scheren. Welches Tier wollte auch schon freiwillig bei diesen Temperaturen seinen wärmenden Pelz abgeben? So gönnte sie ihrer Tochter eine kleine Verschnaufpause und begann ohne deren Hilfe die Wolle zu Garn zu verarbeiten.
"Mit der Zeit geht's schneller, nich?", brach Erin nach einigen Minuten das Schweigen und damit auch die fauchende Melodie der brennenden Holzscheite. "Erinnerst' dich noch, als du das erste Mal Garn g'woben hast?", entgegnete Agnes ohne auch nur eine Sekunde ihr Tun zu unterbrechen, wissend, ein Nicken zu ernten, auch wenn sie es nicht sah. "Siehst, damals hat's auch 'ne Ewigkeit gedauert. Und heut'? Heute machst es zack zack. Genauso wird's dir beim Scher'n gehen, wart's nur ab". Kurz sah Agnes von ihrer Arbeit auf um Erin ein Augenzwinkern zu schicken. "Und nun ab in die Küche mit dir, dein Vater und dein Bruder kommen sicher bald von ihrer Jagd zurück und wollen was Gut's auff’m Tisch hab'n!". Erin rollte mit den Augen, doch erhob sie sich protestlos von ihrem gemütlichen Platz am Feuer. "Das hab' ich g'sehn!", warf ihr Agnes hinterher noch bevor sie vollends im Nebenzimmer verschwunden war. Lautlos wiederholte Erin die Worte ihre Mutter, dabei das Gesicht zu einer Fratze verziehend. Und trotz der Lustlosigkeit des heutigen Abends gelang es Erin ihre Familie einige Zeit später mit einem warmen wohlmundenden Mahl zu erfreuen. Die ausgelassene Stimmung am Tisch und das viele Lachen taten ihr übriges um Erin von den zähen Erfolgen des Tages abzulenken.
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