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Rechtschaffener Zorn

Verfasst: Montag 4. Dezember 2006, 16:11
von Sorcha Llastobhar
Zorn kann vielschichtig sein. Da gibt es zum einen den Zorn, der in blinder Raserei endet. Er lässt einen nicht mehr klar denken, vernebelt die Sicht und fixiert alle schlechten Gedanken meistens auf eine oder mehrere bestimmte Personen. Wer unter diesem Hass litt, war unberechenbar, zu sich selber, zu jenen die man liebte und zu jenen, die man hasste.
Dann gibt es noch den Zorn, den man in sich hineinfrisst, der einen von Innen er zermürbt, den man immer weiter hinunterschluckt und der einen beginnt zu Verderben, auf die eine oder andere Weise. Wer diesem Zorn nachgeht, versteckt sich vor den Dingen die auf ihn zukommen und irgendwann holen all diese Dinge einen geballt ein. Und dann gab es noch den rechtschaffenen Zorn. Jener Zorn der präsent war, der sich aber darauf verließ, dass alles seine Wege finden würde, dass die Gerechtigkeit am Ende siegen würde, auf kurze oder lange Sicht.

Sorcha empfand rechtschaffenen Zorn.

Es war schon eine Überraschung gewesen, als sie die junge Frau im Garten des Grundstückes der Familie antraf. Ein Blicktausch, mehr war nicht nötig als die beiden einander erkannten, Schwestern. Es war Shanna, sie war tatsächlich hier und so sehr sie diese Tatsache sie auch zu überrumpeln schien, gab es keinen schöneren Moment den sie sich gerade wünschen konnte. Sie drückte ihre geschwächte Schwester an sich, strich ihr über den Rücken und hielt sie fest. Leise schluchzte die Jüngere und Sorcha hatte auch große Mühen, nicht Tränen zu vergießen, doch sie wollte jetzt für ihre kleine Schwester da sein. Sie nahm sich die Zeit sie zu beruhigen, sie zu betrachten. Sie hatte sich kaum verändert, sie war immer noch so hübsch und stolz in ihrer Gestalt und auch wenn sie nun deutlich älter war als damals, so kam es ihr vor, als wäre sie nie fort gewesen. Noch glücklicher machte sie der Umstand, dass sie sich anscheinend von den Verletzungen und dem Fieber erholt hatte, auch wenn sie noch deutlich fühlen konnte, wie schwach Shanna auf den Beinen war. Sie führte die junge Frau mit in die kleine Holzhütte am Baugrund der Festung, sie sollte ins Warme.

Die erste Frage die Shanna hatte, war gleich diejenige, die am schwersten zu beantworten war. Sie wollte wissen was es mit jener Verwechslung auf sich hatte, die Verwechslung mit Alassea. Je mehr Sorcha ihre Schwester betrachtete, desto närrischer und dümmer kam sie sich vor. Wie konnte sie all die Zeit auf jene Narretei hereinfallen, die sich ihre Gedanken aufgelegt hatten? Hatte sie sich damals vielleicht einfach nur gewünscht Shanna wieder bei sich zu haben dass sie so blind war, das seltsame Verhalten Alasseas und auch die ganzen Worte von ihr zu glauben? Sie konnte sich diese Frage nicht beantworten aber sie konnte ihrer Schwester alles erklären, und dadurch ihre eigene Torheit eingestehen. Shanna schien es gefasst aufzunehmen, doch brachte sie auch Neuigkeiten mit sich und auch wenn Sorcha gedacht hätte, dass sie nichts mehr aus der Bahn werfen könne, so waren die nachfolgenden Worte mehr als stark genug um sie wanken zu lassen.

Shanna hatte den Namen des Mörders ihres Vaters. Tuirean. Er. Ein Llastobhar! Ihre Gedanken schienen sich zu kreisen und je mehr sie den Worten Shannas lauschte, desto mehr wuchs ihre Wut an, ihr Hass. Dieser feige Kerl hatte ihren Vater ermordet und hatte auch geplant gehabt, die ganze Familie zu entführen? Er hatte Shanna Schmerzen zugefügt, hatte sie eingesperrt und er hatte den Tod ihres Vaters auf dem Gewissen. Eine ganze Weile war es schwer, den Worten zu folgen, zu groß war die Wut die in ihr aufschäumte. Es musste Gerechtigkeit geschehen! Doch dann hielt sie inne. Alles im Leben geschah mit einem gewissen Sinn und auch wenn man im Moment nicht in der Lage war, diesen Sinn zu deuten, so war dies ein Weg, den Temora für das Leben auferlegt hatte. Sie schloss die Augen und atmete tief durch, fühlte wie die Luft ihre Lungen füllte und atmete dann wieder aus. Es würde Gerechtigkeit geschehen, ja. Aber sie würde nicht auf den gleichen Wegen vollstreckt werden, wie es Tuirean selbst tat. Früher oder später würde sich die Möglichkeit bieten, und dann würde dieser Mörder seine gerechte Strafe erhalten. Es war Gewissheit, und es würde geschehen, keine Sekunde zweifelte sie daran. Doch nun galten ihre Gedanken nicht ihm, sondern ihrer Schwester, für die sie da sein wollte.

Lange hielt die Unterhaltung nicht mehr an, Shanna war zu erschöpft, die Krankheit nagte noch zu sehr an ihr und irgendwann schlief sie erschöpft ein. Sorcha hingegen wachte noch eine ganze Weile über ihren Schlaf und sprach ein Dankesgebet an die Lichtbringerin. Wer Vertrauen in sie setzte, der würde auf dem richtigen Pfad wandeln, eine Tatsache die sich ihr immer wieder bestätigte. Und so würde es auch weiterhin sein, immer.

Verfasst: Montag 4. Dezember 2006, 20:05
von Shanna Llastobhar
Es war tiefste Nacht, als Shanna aus einem Traum hoch schreckte, ein Traum von einem dunklen Kellergewölbe, von Ketten und Blut. Mit einer Hand strich sie sich über die Augen, um die Bilder verschwinden zu lassen. Sie war nicht mehr dort. Als sie aufblickte, erkannte sie den Schemen ihrer Schwester. Sorcha saß noch immer auf der Truhe, auf welcher sie sich am Abend niedergelassen hatte. An ihren ruhigen Atemzügen erkannte Shanna, dass sie eingeschlafen war. Ein liebevolles Leuchten trat in Shannas Augen. Sorcha, ihre große Schwester, war schon immer die Starke der Familie gewesen. Schon als sie noch Kinder gewesen waren, hatte Sorcha auf sie Acht gegeben, hatte sie getröstet, wenn sie traurig war, gegen jede Anfeindung und Frechheit verteidigt. Abermals musst sich Shanna fragen, woher ihre Schwester all diese Kraft nahm...

Langsam und leise erhob sich Shanna und trat neben die Schlafende. Rasch legte sie eine Decke um Sorchas Schultern und zog sie um ihren Körper. „Verzeih mir, dass ich nicht da war!“, hatte sie am Abend zu Shanna gesagt und Shanna hatte die Trauer in ihrem Blick lesen können. Schwermütig sah Shanna auf Sorcha herab, schließlich wollte sie Vergebung erbitten für ihr plötzliches Verschwinden vor nicht ganz sieben Jahren, dafür, dass sie Sorcha mit der Sorge um ihre geschwächte Mutter, den zarten Säugling und sich selbst zurückgelassen hatte, ohne eine Erklärung, ohne Abschied. Am Abend hatte sie ihr alles erzählt, alles, was sich seit ihrer Abreise ereignet hatte, der Jagd nach den Mördern ihres gemeinsamen Vaters, die Entdeckung, dass Tuirean Llastobhar den Auftrag für diese abscheuliche Tat gegeben hatte, ihre Gefangennahme, ihre Qual. Eigentlich wollte sie Sorchas Geist nicht auch noch mit einer derartigen Geschichte belasten, doch es war wichtig dieses Wissen weiterzugeben. Viel zu lange hatte sie dazu keinerlei Möglichkeit gehabt. Sie begab sich wieder zurück auf ihr Lager und ließ sich dort nieder.

Natürlich verspürte auch Shanna Zorn, niemals hatten sich sie die Worte Tuireans aus ihrem Herzen gestohlen. Ganze sechs Jahre wusste sie nun schon um die Wahrheit jenes Mordes und ihr Wunsch nach Gerechtigkeit war so stark wie am ersten Tag. Shanna verzehrte sich nach der Rache an dem Initiator jener Tat, an dem Mann, welcher ihre Familie in einen Abgrund aus Schmerz und Trauer geführt hatte, an dem Mann, welcher sie zwei Jahre der Gefangenschaft und Folter ausgesetzt hatte. Ihre zur Faust geballte Hand zitterte vor Zorn. Schließlich atmete sie tief durch. Es war zu früh, sie war nicht bereit, würde es vielleicht niemals wieder sein. Sie brauchte Zeit, Zeit, um die Wunden verheilen zu lassen, Zeit, um das zu genießen, was sie zu lange entbehrt hatte, die Liebe ihrer Familie, das Vertrauen in die Lichtbringerin. Zeit und Ruhe...