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Der Beginn einer langen Nacht

Verfasst: Sonntag 29. Oktober 2006, 16:09
von Vyra Lopasz
Vyra kam gerade mit einem Sack Äpfel in Bajard herein, als sie Nilama mit diesem Mann sprechen sah. Sie nickte den beiden nur kurz zu und brachte ihre Äpfel zum Gemüsehändler. Einige behielt sie sich jedoch um sie später selbst zu Essen.
Nilama hatte sich bis jetzt in Bajard als ein zuverlässiger Mensch erwiesen. Er kannte viele Leute und war trotz seiner kriegerischen Stärke noch etwas jugendlich, hatte ein reines Herz und verfolgte einen kleinen Traum Temora zu dienen. So kam es jedenfalls Vyra vor.
Sie hätte es nicht direkt ausnutzen genannt, denn sie mochte Nilama, aber zugleich spürte sie von Anfang an, dass Nilama eine gute Informationsquelle und ein recht praktischer sozialer Anker war. Und Menschen wie ihn konnte sie gut gebrauchen. Sie waren zuverlässig und ihr Glaube an Temora war noch in jugendlicher Frische eingebrannt, keine Zweifel, keine Versuche sie zu Durchschauen, keine Hintergedanken wenn sie ihm entgegen trat.
Sie hatte versucht ihr Image einfach zu halten. Es war noch zu früh, um zu viele Kontakte zu knüpfen. Das Bild einer einfachen Händlerin, die eher ungeschickt versuchte sich ein wenig Geld zu verdienen, war wohl das praktischste was sie machen konnte.
Und allmählich genoss sie die Rolle. War sie auch wegen den jüngsten Ereignissen auch wirklich körperlich kaum in der Lage derzeit zu kämpfen. Jeden Tag führte sie zwar ihre Übungen durch, doch ihre Wunde brannte immer noch manchmal, und auch die Knüppelschläge am Schiff [url=http://www.g4b.org/uo/vyra_de_lopasz/erinnerungen](?)[/url] meldeten sich bei manch einer Bewegung, und das Gefühl, als das Wasser sie umschwabbte und sie still dem Tod ins Auge blickte war irgendwo noch tief in ihr, sodass sie in letzter Zeit sogar ein oder zwei Alpträume über all das Wasser hatte, und am Ende immer in das Gesicht eines Skelettes sah, welches sie aus leeren Augen anblickte.
Das Buch des Letharen [url=http://www.g4b.org/uo/vyra_de_lopasz/der_auftrag](?)[/url] hatte sie inzwischen fast durch, doch sie genoss inzwischen auch manchmal die Gedichte die er am Anfang schrieb. Jene kleinen Abschnitte, die er in seiner eigenen Sprache verfasst hatte, müsste sie einmal auch übersetzen lassen. Und die Frage, warum er in der Allgemeinsprache schrieb, beantwortete sich ihr auch bald, denn offenbar waren zwar viele Letharen fähig diese zu sprechen, aber nicht alle, sie auch zu lesen, weshalb es wohl ein Schutz gegen seine eigenen Leute war.

Als sie einen Apfel dem Mann reichte, welcher in Bajarder Wachuniform dastand, setzte sich dieser dort plump vor dem Tor hin und begann den Apfel zu verarbeiten, indem er ihn in einen Mörser warf. Es war sonderbar und Vyra war in dieser Sekunde etwas amüsiert aber zugleich auch hochinteressiert, was es mit diesem Herren in seiner Kapuzenrobe auf sich hatte.
So ging sie auch nach Varuna mit, und wunderte sich nicht schlecht über seine Entlohnung einer kleinen Lapalie, nämlich kurz Versuchskaninchen zu spielen. Auch wenn sie zugeben musste, auf einer bestimmten Ebene kostete es ihr viel Überwindung den Trank zu trinken. Doch, sie sah ja was hineingekommen war, und keines der Zutaten schien wirklich giftig zu sein, wenn sie auch nicht sicher war, was eine Eichel für Nachwirkungen haben konnte.
Die neue Frisur lenkte sie sofort ab. Es war wunderbar. Ihre Haare wurden samtweich und wuchsen, und wenn es etwas gab, was Vyra de Lopasz für kurze Zeit von Allem ablenken konnte, waren es kleine Freuden des Alltags. Kleine Freuden einer Frau, sich im Spiegel anzusehen und eine wahrlich schöne Haarpracht zu sehen.

Der Mann, Theradil sein Name, erwies sich mysteriöser und tragischer als sie es sich erwartet hatte. Mit vorsichtigen Fragen näherte sie sich seinen Ansichten. Sie hörte nicht nur seine Geschichte, sondern begleitete ihn sogar in seine Verstecke, weil er doch darauf vertraute, dass sie eine einfache Händlerin sei.

Die Geschichte zweier Attentäter brachte sie zum Kopfschütteln. Wer auch immer diese zwei Panscher waren, die versucht hatten, Theradil zu ermorden, es waren mit Abstand die miesesten und unprofessionellsten Attentäter von denen sie jemals gehört hatte.
Dass sie dennoch fast Erfolg hatten, war eher das Glück des Dummen und Zufall, als Planung. Aber es scheiterte ja schließlich dennoch, sei es an Loran, oder an dem Konvent, oder allem gemeinsam.

Schließlich entschied sich Vyra Theradil zu vertrauen. Sie verriet dem Mann, dass sie einen Attentäter kannte, mit Namen Valeth, was ja auch nur halb gelogen war, denn sie kannte wirklich einen Valeth, wenn er auch weit von einem Attentäter entfernt war.
Theradil wollte Valeth treffen. Nur konnte sie nicht vor Nilama preisgeben, wer Valeth war. Nilama sollte nichts wissen. Nicht, weil sie ihn hasste, oder nicht vertraute, eher weil sie den jungen Mann schützen wollte. Seine Wege waren noch zu frisch, seine Erfahrung noch zu gering, er würde womöglich vieles Mißverstehen und in Vyra eine Verräterin oder dunkle Person sehen. Womit er aber nur zur Hälfte Recht hatte.
Vyra dachte sich zwar schon, dass Nilama etwas ahnte, aber sie war der Meinung, Nilama war noch weit weg von der Wahrheit.

Sie standen am Fenster, auf Amalia wartend, alleine, als Vyra schmunzelnd zu Theradil meinte, sie würde Valeth sehen. Theradil war natürlich neugierig und blickte umher, suchte das Weite ab. Vyra fand es direkt amüsant, wie Theradil sich ganz ans Fenster presste und auf die Pferde vor dem Haus starrte, immer noch Ausschau haltend nach Valeth.
Vyra meinte mysteriös: “Ihr schaut zu weit” und lächelte Theradil durch das Spiegelbild im Fenster an. Doch Theradil verstand noch immer nicht ganz. Seine Augen suchten weiter.
Sie hatte Theradil von Valeth in großen Tönen erzählt. Er sei ein professioneller Attentäter. Womöglich der Mann, mit dem er letztens ein Bier trank. Er würde bestimmt schon alles über Theradil wissen. Fast hätte sie schon gesagt, womöglich stand er ja gerade neben ihm, aber das war damals – vor allem auch wegen Nilama – zu auffällig.
Nun waren sie allein und Vyra nutzte die Sekunde. Sie fasste unbemerkt nach einem Dolch während Theradil immer noch Ausschau nach Valeth hielt. Der Dolch berührte Theradil an der Seite, und er zuckte zusammen, hielt inne und versuchte nach seinen Wurfdolchen zu greifen.
Doch es war klar, wenn Vyra ihn hätte töten wollen, oder schwer verwunden, wäre dies schon lange geschehen. Sie war in seine Nähe gelangt, hatte alles über ihn erfahren, sie war in seinen Verstecken und kannte genug, um für ihn ein wirklich großer Feind zu sein.
Meister Sales, dritter Meister der Schattentänzer hat geschrieben:“Konfrontiere deinen Freund mit Macht
Und mache ihm klar, du willst diese nicht gegen ihn nutzen
Nichts ist überzeugender
Nichts ist gefährlicher”
Theradil hatte verstanden, wer Valeth war. Noch Stundenlang wiederholte er immer wieder erstaunt: “Händlerin, was?” “Valeth, soso”. Er hatte gewissermaßen eine kleine Niederlage erlebt. Vyra amüsierte das natürlich zutiefst. Doch niemand ausser ihr und Theradil wussten über dies. Und niemand würde es erfahren. Und Theradil schien sich dafür zu entscheiden, ihr zu vertrauen.
Wäre auch Schade gewesen. Mit schmerzenden Knochen wäre es viel schwerer gewesen, ihn nun, wo er wusste wer sie war, doch noch entledigen zu müssen. Es wäre gefährlich gewesen. Und auch sehr Schade.
Dennoch, tief in Vyra blieb das pochende Wort von Meister Sales: “Freunde sind deine größten Feinde”. Aber nun war nicht die Zeit für Angst und Zweifel, denn tief innen vertraute sie der Ehrlichkeit Theradils. Ausserdem, wie Meister Bushi es sagte, und man könnte es nicht oft genug wiederholen...
Meister Bushi, erster Meister der Schattentänzer hat geschrieben:“Was getan ist, ist getan
...”

Verfasst: Dienstag 31. Oktober 2006, 15:12
von Vyra Lopasz
Die Nacht verging lang und schleppend. Der neue Kontakt Theradil erwies sich als abenteuerlustiger Mann, mit einem Tiefgang, der ihn schließlich auch beim Gespräch mit der Dirne Ciria in der Taverne aufgehen - oder eher untergehen - hat lassen.
Seine Stimmung verschlechterte sich zunehmend, und bei viel zu viel Met wurde viel zu viel über das persönliche Schicksal geredet.

Ausweglosigkeit, so hätte man Ciria's Schicksal nennen können. denn sie war es, so wie sie sagte, leid, neu anzufangen.
Vyra erschütterte das Bild von einer Hure, die sich mit ihrem letzten Rest an Ehre gerade noch darüber erfreute, nicht wie die Pfennigdirnen am Hafen zu sein, welche der nette Herr Regado und Keldon wohl zu besuchen wussten.

Sah sie denn nicht, worum es wirklich ging?
War ihre Ansicht von der Welt schon derart trostlos, dass sie ihr Schicksal völlig abgab?
Wenn man sich selbst aufgab, wovon Theradil und sie nur zu gut wussten, waren sie im Grunde doch ähnliche Schicksale, gab es nur eine Rettung, nicht völlig zu versinken: das Höhere.
Ja, möge man selbst nicht mehr zu Ruhm kommen, möge die eigene Seele niemals Frieden finden, niemals Ruhe, im endlosen Kampf gegen Unterdrückung und Kriege, gegen Verrat und was einem die Welt angetan hatte, aber ein Ziel gab es noch zu verfolgen: den Frieden anderer.

Auf das kalte Grab tranken Vyra und Theradil schließlich, welches sie erwartete. Rahal wird brennen, die schwarze Klaue sich im Gift windend, Eisenwart geschliffen, und die beiden traurigen Gestalten werden wohl selbst dann keine Ruhe finden.
Wenn Theradil nun wieder den Tod küssen würde, so wohl mit der Hand um dem Hals des letzten Eisenwartlers, sich gegenseitig erwürgend. So beschrieb Vyra seinen Tod. Es sollte ein glorreicher Tod sein, das traurige Schicksal eines verratenen und gejagten Menschen, der seine Liebe, seine Freunde und alles verlor.
Rache? Darum ging es nicht. Rache war nur ein Teil, ein kleiner Aspekt des Ganzen.

Theradil und Vyra hatten einen Fehler gemacht. Zu viel haben sie den Wein und Met reden lassen, als sie mit dieser Dame redeten.
Sicherlich, die junge Dame hatte wesentliche Informationen Preis gegeben, aber um welchen Preis? Es widersprach Vyras Ausbildung zu viel zu reden.

"Die verdammten Götter!" dachte sich Vyra als sie trunken mit Theradil loszog um schließlich dann im Morgengrauen in Varuna einzutreten.

Am Abend hatten sie sich damals von Nilama verabschiedet. Das erste was die beiden angetrunkenen schließlich in der Morgenröte in Varuna sahen, war eine in Grün gekleidete Gestalt die auf sie zukam.
Theradil fragte Vyra gerade geistesabwesend, übermüdet und betrunken "Was machen wir eigentlich hier in der Stadt?", als auch er die Gestalt bemerkte.

Nilama. Der junge Herr kam ihnen auf der Straße entgegen, wo nur die Nachtwachen patroullierten. Um diese Zeit schliefen sogar Räuber und Diebe, und die Bäcker hatten noch nicht offen.

Beide blieben stehen. Sie mussten beide lachen. Mit unglaublichen Augen betrachteten sie den jungen lächelnden Krieger, in ihren schmutzigen Roben, wohl nach Met stinkend, und für Vyra war dies das Zeichen, dass es Zeit war wirklich Schlafen zu gehen.

Erneut sah Vyra dann vor dem Schlafengehen ihr eigenes Grab.
Ein kalter Kerker in Rahal. Dort hing sie, angekettet. Es war eine ältere Vyra. Eine starke Person. Sie hatte ruhmreiche Taten vollbracht, die niemandem bekannt waren, weil alle gestorben waren, die davon wussten.
Vyra sah ihr eigenes Gesicht im Mondschein. Die Gesichtszüge der Person waren reifer, stärker, erfahrener. Einige weiße Haarsträhnen hingen ihr ins Gesicht. Die Haut war nicht mehr jugendlich, wie die von Vyra. Immer noch eine wunderschöne Frau, aber anders.

War es ihr Grab? War es real? Hatte Vyra eine Vision? Oder war es der Met?
Was hatte diese Vyra in ihrem Leben vollbracht.

Die Vision blickte auf die junge Vyra von der Wand hinab. Kalte Augen durchfuhren sie. Sie sah Vyra an, als würde sie in einer anderen Zeit genauso auf ihr altes Ego zurückblicken. Mit aller Ruhe beobachtete sie die junge Frau, und schließlich öffnete sie den Mund und sang ein kleines Lied, in einer Sprache die Vyra nicht kannte aber dennoch verstand:

"Ruhmreiche Taten ohne der Bekanntheit Lohn
Kriege nie geboren ein Gefecht
Tyrannen und Regenten sahen nie einen Thron
Ungeschmiedete Pläne bereits gerächt

Bevor die Dunkelheit nach Dunklem griff
Und Seelen gefressen am Felde
In Schlachten zogen Katapulte und Schiff'
Und Blut klebte an vielem Gelde

Mein Dolch war in eurem Nacken
Meine Klinge in eurem dunklen Herz
Ich sah eure Reiche zusammensacken
Was mir blieb war nur der Schmerz

Der Name nie genannt
Vergessen und unbekannt
Blieb dunkel, und ward doch Lichte
Vyras stumme Geschichte..."


Die Worte trafen in Vyras Wesen tief, und das Lied ergriff sie. Mögen Barden tausende Lieder besserer Melodie und besseren Reimes geschrieben haben, unter der Sonne war dies das schönste und zugleich schrecklichste Lied, dass Vyra nur nennen konnte.

Stumm blickte sie zu den Sternen hinauf, keuchte vor Anstrengung dieser Vision, verfluchte den Met und all die Tränke Theradils und schließlich überkam sie der Schlaf wie ein dunkler Schatten.