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Münzseiten

Verfasst: Montag 23. Oktober 2006, 18:16
von Cyrion Sha´Ar
Gedankenvoll sass er beim Feuer, die Finger ineinander verschränkt und die Lippen an diese gelehnt. Sein Atem fuhr warm über seine Finger während sein Blick nichtssehend hin und her flackerte, schwer von Erinnerungen. Der gestrige Abend... hing ihm wie ein Stein im Magen. Und nicht nur dieser. Er hatte Grenzen überschritten, die nicht hätten überschritten werden dürfen. Wie war es nur dazu gekommen? Albea und er hatten sich doch bislang nur unterhalten... Wann hatte er angefangen sie zu begehren? Wann angefangen nicht länger über seine Vermutungen bezüglich ihrer Person nach zu denken? Wann hatten ihre Worte angefangen, bei ihm Wirkung zu zeigen. Wann hatte sie Halt in ihm gefasst? Das sie mit wenigen ausgesuchten Worten ihm seine Beherrschung nahm?
>Was ist gestern nur passiert?< Fragte er sich und wischte sich einige lose Strähnen aus dem Haar. Gestern hatte er so vollständig die Beherrschung verloren, das es ihn erschreckte. Er hatte sie nach einem Streit, absichtlich und geschickt durch sie hervor gerufen, an die Wand seiner Turmmauer gepresst und war über sie hergefallen. Sie trug Wunden von den dornigen Kletterrosen, die dort zwischen dem Wein wuchsen an Armen und Rücken... Und dennoch hatte er Lust in ihrem Gesicht gesehen, Lust und Leidenschaft. Ihr hatte gefallen, was er getan hatte, hatte gefallen, das er sie in die Rosen presste. Hatte gefallen, das er ihr in die Armwunde biss und das Blut aus dieser trank. Schmerzen steigerten ihr Verlangen... Und er hatte es gemerkt, und sich an ihrer wachsenden Leidenschaft ergötzt...

Er schüttelte wieder den Kopf, das die Strähnen nur so flogen, versuchte, sich von diesen Erinnerungen zu befreien. So fremd ihm sein Handeln auch vorkam, die Erinnerungen setzte erneut Verlangen nach dieser Frau frei... Sie war wie eine Droge, die durch seine Adern floss. Er wollte mehr von ihr und gleichzeitig von ihr wegkommen. „Süsses Gift....“ wisperte er leise und rieb sich über das Gesicht. Ein passender Name für sie.
Wann hatte sich die Beziehung zwischen ihnen verändert? Er hatte sie doch nicht so kennen gelernt, oder? Was wusste er eigentlich von ihr? Sie war immer so vorsichtig gewesen, ihn nichts wissen zu lassen... Der Blick klärte sich, während er darüber nachsann, was er von ihr erfahren hatte. Wann er sie kennen gelernt hatte... Der Blick verlor sich wieder erneut spiegelten sich in dem ansonsten nichtssehenden Blick schwere Erinnerungen.

Berchgard... Er war dort hingegangen, weil... Der Friedhof... Er hatte jene betrauert, die bei dem Kampf um Berchgard umgekommen waren. All die Kinder, die von den Mauern gestürzt worden waren. Es war eine unruhige Zeit für sie alle gewesend.
Sie war schon da gewesen und er hatte sich dazu gesetzt... Er erinnerte sich, das da noch jemand für eine kurze Weile gewesen war, aber da er keine weiteren Erinnerungen an ihn hatte, war er wohl nicht von Wichtigkeit gewesen.
Und Albea? Sie hatte sich bei den Kämpfen um Berchgard herausgehalten. Anderer Leute Kämpfe tangierten sie nicht, so ihre Aussage, wunderte sie sich doch, das Cyrion die Opfer dieses Kampfes betrauerte, so wie er sich wunderte, das der Tod von Kindern sie nicht berührte. Sie akzeptierte es als Tatsache, ohne über deren Tod zu klagen.Erst wenn man sie persönlich bedrohte, nahm sie sich dieser Bedrohung an. Eine kühle Schönheit schon damals.

Welche Themen hatten sie angesprochen? Doch gewiss... Ja. Sie hatten über Ziele gesprochen. Wie zu späteren Zeitpunkten auch so häufig. Albeas Ziel hatte ihn wirklich überrascht, aber auch amüsiert. Deswegen war es ihm auch so gut in Erinnerung verblieben. Er wusste noch seinen trockenen Kommentar zu ihrer Aussage: „Das ewige Leben ist mein Ziel. Nichts geringeres als das.“ Viel Glück... das waren seine Worte gewesen. Sie verfolgte dieses Ziel unbarmherzig. Das höchste Ziel in ihren Augen. Ziele, wie Wohlstand und Familie betrachtete sie als Kleinlich.

„Ewiges Leben...“ murmelte die Gestalt leise an seine Finger, die in gewohnter Geste an seinen Lippen lehnten. Mit der Erinnerung an dieses erste Gespräch kamen auch die anderen Themen, die sie gestriffen hatten... Wie etwa die Wiedergänger. Mit ihrem Ziel vor Augen hatte sie Literatur dazu gelesen, sowie laut ihren Aussagen mit solch Unsterblichen gesprochen. >Keine Zombies... keine Seelenlosen... doch was dann?<
Sie hatte nur erwähnt, das diese ihre Seele und ihren Willen behielten. Er erinnerte sich schwach an eine Anfrage seinerseits, ob diese Ähnlichkeit mit den Ahnen hatten. Ob sie infolgedesssen dem Glauben an die Ahnen anhing. Ihre Antwort... Er runzelte konzentriert die Stirn. Er erinnerte sich nicht mehr. Aber wahrscheinlich weder bejaht noch verneint. Es war eine Vorliebe von ihr, Antworten auf diese Weise zu entrichten. So konnte man keinen Halt an ihr finden. Er fragte sich heute noch, wie mächtig diese Wiedergänger im Leben gewesen waren und wie mächtig sie jetzt sein mussten. Und was diese Wesen davon abgehalten hatte, Albea einfach als lästig zu beseitigen. „Jene, die ihre Seele auf ewig geschenkt bekamen.“ >Wer hat sie ihnen geschenkt? Und unter welchen Bedingungen?< Diese Fragen waren ihm schon damals durch den Kopf gegangen, aber er hatte sie nicht gestellt. Er hatte nicht geglaubt darauf eine Antwort zu bekommen und er glaubte auch heute nicht, darauf eine zu bekommen.

Er lächelte leicht, als er sich erinnerte, das er ein wenig von seinem Volk erzählt hatte. Von den Rabenkriegern. Und wann sein Schwert trotz Befehls in der Scheide verblieb. Warum er seinen Herren sehr genau aussuchte. Einem verstandlosen Befehl würde er nicht gehorchen. Einem willkürlichen Befehl würde er verweigern. Denn Schande kam über jene, welche sich zu etwas hinreissen liessen... aus Wut oder Hass
Leben nahmen oder den Befehl dazu gaben. Dies galt auch für solche, die diesen Befehl ausführten. Und er dachte nun daran Albea zu töten... Hass? Nein... Wut? Nein. Instinkt? Ohja...
Sein Handeln wurde vom Verstand gelenkt... und dieser sagte ihm heute, dass er sie bei nächster Gelegenheit töten sollte. Seine Eingeweide sagten ihm das... Was unter diesen lag, mochte seine Eingeweide nach gestern Nacht nicht mehr. Triebe gegen Verstand.
Sie handelte ebenfalls nach Verstand, erhob diesen, sowie rationales Denken und Logik über alles andere. Gefühle wurden von ihr ausgesperrt, unterdrückten sie doch den Verstand.
Jemand der keine Gefühle zuliess... Er befand das schon damals für befremdlich. Jemand, der keinerlei Gefühle zuliess. Gefühle konnten einen ins Chaos stürzen, das stimmte... Er schnaubte scharf. Und wie das stimmte, war doch er grade im Gefühlschaos gesunken – dank Albea. Was für eine Ironie. Dennoch war es aber auch so, das Gefühle einem das Leben erfüllten. Ohne sie war man leer. So verneinte sie Liebe, Hass, Freude und Trauer... Gefühle, die einen an anderer banden. Somit wurden – nach ihrem dafürhalten, ihre Entscheidungen vollkommen rein. Gefühle waren Ketten für sie, die sie sprengen wollte. Freunde wurden damit unwichtig, empfand man für sie nichts mehr. Sie würde auch ihr Leben nicht als verarmt betrachten, wie es andere tun mochten. Denn auch dies würde an Bedeutung verlieren. Es würde keine Massstäbe mehr geben, die ihr wichtig wären... Sie würde sich nicht mehr weiter entwickeln.
„Es ist die Statik die ich anstrebe. Das Leben auf ewig. Das ist die Statik in Vollendung.“ Eine Aussage, an die er sich klar erinnerte, da sie ihn doch beeindruckt wie überrascht hat. Er hielt es nach wie vor nicht für erstrebenswert... Sie aber wohl auch nicht mehr – inzwischen. Ja... sie hat sich ziemlich verändert...

Wieder aus den Erinnerungen auftauchend, blinzelte er ins Feuer. Er fragte sich, wodurch die Änderung bewirkt wurde? Warum lechzte sie nun nach Gefühlen? Warum wollte sie unbedingt, das er dies auch am eigenen Leibe erfuhr? Von Emotionen völlig beherrscht sein, hilflos diesen gegenüber zu stehen, mochte zwar im Bett durchaus aufregend sein, aber... es war nichts, was er dauernd haben wollte... und schon gar nicht unter Zwang. Er erhob sich und blickte gen Himmel. Es war einige Zeit vergangen... Er hatte es gar nicht mitbekommen. Die Hände an der Hose abreibend, ging er zu den Pferden herüber. Er konnte auch später weiter darüber nachdenken. Nun hatte er zu tun. Doch auch wenn er sich konzentriert seiner Arbeit zuwandte - gänzlich konnte er die Gedanken von seinen Erinnerungen und von Albea nicht lösen.

Verfasst: Dienstag 31. Oktober 2006, 22:00
von Cyrion Sha´Ar
Es war Abend, als er sich auf seinen Turm begab und nachdenklich zum Mond hinblickte, der tief über dem Waldrand hing. Nicht viel Zeit hatte er gehabt, um alles, was er sich vorgenommen hatte, zu erreichen. Doch die Turmspitze war hergerichtet... Die unbewöhnlich breite Kohlenpfanne in der Mitte des Turm aufgestellt, so das er ein Signalfeuer geben konnte, wenn sich irgendwas von Wichtigkeit ergab... In Varuna mochte man es sehen... Bajard war er sich nicht sicher, aber es war vielleicht möglich. Dazu noch Bündel von normalen Pfeilen, Pyrian- und Coelliumpfeilen in einer Truhe. Öl und Pech würde er morgen besorgen müssen... doch die Fässer dafür standen im Keller bereit. Strohmatten.. er würde sie gewiss morgen auch beim Nachbarn erstehen können. Vieles, was er noch tun musste, wollte er seinen Turm sichern gegen Rahal, das so nah war. Eines Tages würde Rahal seine Grenzen erweitern wollen... und er wollte für diesen Fall bereit sein. Doch heute würde nichts mehr in die Wege zu leiten sein. Für heute war das Tageswerk vollbracht.
Die Tage waren inzwischen schon empfindlich kürzer geworden. Bereits gegen 8 Uhr dunkelte es. Die silberne Sichel des Mondes betrachtend, hing er Gedanken nach, die ihn beschäftigten... Keine Wache diese Nacht, kein Ausschau nach den Sternen, nicht mal die frostige Luft geniessen, die einem laut Meinung vieler die Gedanken klärte. Wenig gab es allerdings, was ihm helfen konnte, seine Gedanken zu klären. Die Erinnerung an das Gespräch hatte auch andere Gespräche in Erinnerung gebracht. Darunter eines, das er mit ihr kurz nach dem Tod von Solveigh geführt hat und ihn angesichts seiner Situation seltsam berührte. Damals hatte er am Markt einiges aus Sols Nachlass verkaufen wollen. Er erinnerte sich, das auch die erste Armensspeisung stattgefunden hatte. Ein paar Minuten verweilten seine Gedanken bei der Armenspeisung, die er nicht für effizient hielt... Doch dann wanderten seine Erinnerungen weiter und er fand Albea und sich an einem steingefassten Teich sitzen. Sein Rabe war auch da, während des Gespräches zu ihnen gekommen...
Es war eine Zeit gewesen, in der er zerrissen gewesen war. Seine Frau vor kurzem gestorben, sein Leben damit entwurzelt. Seine Gefühle abgestumpft, wenn nicht sogar zum Teil erkaltet. Ohne Solveigh leben... er hatte es erlernen müssen. Man hatte es ihm angesehen, erinnerte er sich. Viele sich gewundert, das er abgemagert war, Schatten unter den Augen hatte und sein einst warmer Bariton nun so an Kraft und Ton verloren hatte.
Auch Albea war es aufgefallen und sie hatte bald den Grund seines Aussehens erfasst. Sie schlug ihm etwas vor, mit dem er hätte rechnen müssen... Seinem Schmerz zu entgehen, indem er sich gegen Gefühle abhärtete. Ein Zustand frei von Emotionen. Ungewöhnliche Worte an jemanden, der gerade erst eine geliebte Person verloren hatte. Albea war schon immer ungewöhnlich gewesen. Doch all die Gefühle erkalten lassen... Auch jene, die er für Solveigh empfand... Nein, das konnte er nicht. Sie war sein Leben gewesen. Ohne sie... Etwas, was sich auch Albea fragte. Er erinnerte sich an ihre Worte, war ihm doch klar, das sie da etwas Wahres ansprach. "Nun ist sie fort, was ist nun euer Leben? Zu Leben ohne Ziel ist riskant." Ja.. es war riskant, aber es hatte ihn wenig interessiert. Sehen, was seinen Weg kreuzen würde. Solveigh hatte seinen Weg gekreuzt und sie waren diesen Weg eine Weile gemeinsam gegangen. Er hatte geduldig sehen wollen, was als nächstes kam. Vielleicht eine neue Liebe, vielleicht ein neuer Herr. Viel hatte er mit Solveigh verloren, vieles was ihm einst wichtig gewesen war, interessierte ihn nun nicht mehr. Doch seine Freunde und seine Loyalität zu diesen waren ihm wichtig. Ebenso wie Präzision, da diese ihm davon abhielt, zu zerbrechen und seinen Weg in die Tiefen einer Flasche zu finden. Doch war dies nie sein Weg gewesen. Todessehnsucht? Nein... Er sah keinen Sinn darin, sich in seinem Turm zu erhängen. Ihn verlangte es nicht nach dem Tod. Sie fragte immer weiter, brachte ihn dazu, sich selbst einer Betrachtung zu unterziehen. Doch kam nicht viel bei heraus. Er war seltsam ruhig... Schmerz wegen ihrem Tod, ja, aber nicht so, wie er sein sollte. Es fühlte sich an, wie ein sehr langer Schock. Es fühlte sich an wie... Leere.
Cyrion blickte fast erschrocken auf, als ein Gewicht sich auf seine Schulter niederliess. Munin... Er war so vertieft in seine Gedanken gewesen, das er den schweren Flügelschlag des Vogels nicht gehört hatte, noch den Windstoss gefühlt hatte, der mit diesem einher ging. Er musste wirklich weit weg gewesen sein mit seinen Gedanken...
Die Hand wanderte nach oben zum Kopf des Raben, der ihm über das Haupt hinausragte und kraulte ihn sachte. Eine altgewohnte Geste, für die sich Munin mit einem liebevollen Schnäbeln an seinen Fingern bedankte. Ein kleines Lächeln zeigte sich auf seinen Zügen, dann blickte er wieder hinaus, suchte den Mond als Fixpunkt und liess sich erneut von seinen Erinnerungen einfangen.
Tugenden... Sie hatten von Tugenden gesprochen.
Für ihn waren Tugenden ein Luxus, den man sich in Friedenszeiten gönnen konnte. Im Krieg konnte man sich Tugenden selten erlauben. Tat man es dennoch, war man ein toter Narr. Für sie waren Tugenden Mittel zum Zweck, ein Werkzeug, nicht mehr. Wenn er nun drüber nachdachte, waren damals viele Dinge für sie Mittel zum Zweck gewesen... Opportunismus...
Auch seine eigene Haltung gegenüber den Tugenden sei Opportunismus, hielte er sich ja nicht immer an diese, so ihre Worte. Es war nicht ganz von der Hand zu weisen.
Gestört hatte ihn ihre Haltung wenig. Auch nicht die Wahrheiten, die sie aussprach... Man konnte sich gut mit ihr Unterhalten, Diskussionen führen... Etwas, was er schätze...
Den Blick von dem Mond abwendent, wandte er sich gen Rahal, zu der Stadt mit der rötlichen Beleuchtung. Aus der Nähe war es rötliches Licht... aus dieser Entfernung aber nicht mehr als ein rötlicher Schein, ein Film, der der Dunkelheit um die Stadt Farbe gab. Irgendwo da drin mochte sie sein. Sie hatte sich sehr verändert. Wollte damals mit Worten ihn dazu bewegen, den Gefühlen zu entsagen... Nein, nicht ganz richtig. Nicht ihn dazu bewegen... Vielmehr in ihm die Vorstellung wachsen lassen, dies wäre eine gute Idee. So subtil, immer so subtil. Nie etwas sagen, woran man sie festnageln konnte. Nie echte Zugeständnisse machen. Keine Antwort war ein rechtes Ja noch ein bestimmtes Nein. Eine geschickte Frau... doch irgendwann hatte sie sich verändert. Sie hatte ihm davon erzählt – aber nicht soviel, das er sich ein genaues Bild machen konnte... Er seufzte leicht... wenn er in seinen Erinnerungen irgendetwas finden konnte, was er verwenden konnte... In dieser Erinnerung zeigte sich nur, das sie einst völlig skrupellos sein konnte, das Tugenden für sie nur Werkzeuge waren. Ob sie immer noch so skrupellos sein konnte? Daran hatte er keinen Zweifel.

Verfasst: Dienstag 31. Oktober 2006, 22:00
von Cyrion Sha´Ar
Er hätte sie töten sollen... Gestern hatte er so eine gute Gelegenheit gehabt. Diese Frau war das reinste Gift. Khazkal und Malachai hatten beide recht! Zornig bastelte er mittels einer Angel, Korken und einem Stück Blei ein Lot für die Teiche. Auch wenn er schäumte, konnte er doch die anstehende Arbeit nicht liegen lassen. Das Jahr wurde nicht jünger. Bald würde es zu kalt sein, um mit Arbeiten an den Gewässern auch nur zu beginnen. Wieder wanderten seine Gedanken zu der Frau... Sie töten... Er scheute sich davor, dies zu tun. Es war genau das, was sie wollte... Loslassen von allem, was ihm wichtig war. Handeln, ohne über das Später nach zu denken. Und sie zu töten aus Zorn... Damit würde er Schande auf seine Schultern laden, laut dem Kodex seiner Leute. Doch wie? Wie konnte er dieser Frau beikommen? Sie von aufstachelnden Reden abhalten... Wie sich unter Kontrolle halten und ignorieren, was sie von sich gab? Wie heraus finden, wer sie eigentlich war?
Er bedauerte inzwischen, das sie sein Heim kannte... Sie wusste einiges über ihn – zuviel, als ihm lieb war. Doch sie hatte sein Zuhause durch Zufall gefunden. Das erste Mal bei ihm zuhause... Es hatte auch ein Gutes, dass sie sein Heim kannte, in seinem Haus übernachtet hatte. Der Rabe kannte sie nun. Während sie schlief, hatte er den Raben auf sie gedrillt, leise nur, damit sie nichts mitbekam. Er würde sie wieder erkennen können. Und ihn zu ihr führen. Zumindestens, wenn der Rabe sie im Umkreis von ihm ausmachte, nachdem er ihn suchen geschickt hatte.
In Rahal... da war sie häufig. Aber ein richtiges Zuhause hatte sie nicht. Er musste doch schnaubend schmunzeln, als er daran dachte, das er – im Spätsommer noch, ihr angeboten hatte, zu ihm zu kommen, sollte sie im Winter keinen Unterschlupf finden. Er würde sie nicht fortschicken, auch wenn er nun mehr über sie wusste. Er liess niemanden draussen erfrieren... Vielleicht einen Letharen, aber keinen Menschen. Aber er war nicht mehr sicher, ob ihr Kommen ihn freuen würde.
Worüber hatten sie gesprochen? Der interessanten Gespräche wurden so viele ausgetauscht... Und sie war da noch so gefühlskalt gewesen.
Sie hatten über seine Freunde gesprochen... ob er für diese sterben würde. Etwas, was er bejahte, so diese dadurch eine grössere Chance zum Überleben hatten. Denoch hielt er es für nicht Sinnvoll zu sterben, da dann zumeisst die Schützlinge kurz darauf auch tot waren. Ein toter Beschützer nützte niemanden etwas. Albea verglich dies mit der Tugend der Aufopferung – etwas was sie verwunderte, da Cyrion Temora nicht anhing... Aber sie hing ihr ja auch offensichtlich nicht an – hielt sie die Tugenden auch für ein Werkzeug.
Das Thema wechselte zu Solveigh und Cyrs Verlust. Albea sah diese Wunde, diese Leere, die in ihm weilte, gerne gefüllt... >Doch mit was?< Fragte sich Cyrion bitter amüsiert, während er mittels einem einfachem Lot die Tiefe der Teiche an seinem Haus mass. >Mit Gefühlslosigkeit – damals zumindestens.< Er stellte sich vor, was wäre, wäre er so wie sie geworden... Gefühlslos, ohne Bande an seine Freunde, ohne ein Ziel, aber mit dem Wissen über seine Freunde und seinen Fähigkeiten... Er schüttelte sich, als Gänsehaut über seinen Nacken kroch. Nein, der mochte nicht wirklich drüber nachdenken...
Und jetzt war, bezüglich Cyrion, das krasse Gegenteil ihr Wunsch. Das er sich 'fallen lies', sämtliche Grenzen sprengte. Keine Konventionen mehr gelten liess... Hemmungslos war... Es klang so einfach bei ihr, doch wusste er instinktiv, das dies nicht das Richtige war. Denn das Ergebnis, so er auf ihre Worte dauerhaft einging – würde ihn bald ohne Freunde da stehen lassen... Würde ihm eine Frau gefallen, würde er sie, ohne Rücksicht auf eventuelle Partner oder Ehemänner, umwerben und in seine Felle tragen... Und dachte er an seinen Geschmack, was Frauen betraf – wieder ging ein grausiger Schauer über seinen Rücken. Eileen würde in diese Kategorie fallen. Würde einer seiner Freunde ihn verärgern... Khazkal, der manchmal etwas gedankenlos handelte – würde er ihn nicht bloss rüffeln, sondern einen handfesten Streit ausbrechen lassen, die Freundschaft könnte ebenfalls brechen... Zudem hatte er Malachai gebeten, einzugreifen, sollte er sich auffällig verändern. Dies hiess, Malachai würde ihm versuchen zu helfen. Würde er es nicht schaffen, würde seinem Freund die schwere Bürde zu Teil werden, Cyrion anderweitig zu stoppen. Der Mann war ein professioneller Assassine – wie dies Enden würde, war Cyrion klar. Ein weiterer Freund, den Malachai zu Grabe tragen würde – getötet aus eigener Hand.
Er konnte dies nicht zulassen. Er konnte nicht zulassen, das Albea weiterhin ihm so unter die Haut ging. Das sie ihn mit wenigen gezielten Worten beinahe in einen Mord drängte vor lauter Wut.
Er musste mehr über sie heraus finden... Was wusste er über sie? Er holte das Lot ein und notierte sich die Masse der Teiche. Er konnte jetzt nicht weiter arbeiten... Doch wie Konzentrieren, wenn beim blossen Gedanken an diese Frau sein Zorn kochte? Sich den Nacken reibend blickte er zu dem Steinkreis herüber. Ein Pentagram aus Steinen, hingesetzt von ihm, doch geplant von Solveigh. Sie hatte ihm mal erzählt, wer in diesem Steinkreis ruhte, mag er geschwächt, aufgebracht oder in Trauer sein, würde nach nicht langer Zeit fühlen, wie sein Inneres wieder ins Gleichgewicht käme, so man dieses erreichen wollte. Also warum nicht in den Steinkreis sich hinlegen, die Augen schliessen und ein wenig ruhen... Er kam sich ein wenig lächerlich vor, als er sich in das kühle Gras legte, doch stellte er nach einer Weile fest, das sein Drang, kreuz und quer durch den Garten zu laufen und Albea hingebungsvoll zu verfluchen, abnahm. Sein Atem beruhigte sich, seine Gedanken wurden wieder klarer. Was immer es war, das den Steinkreis wirken liess, es gab ihm das, was er gerade am meisten brauchte. Einen klaren Kopf. Eine klare Erinnerung...
In einem Dorf aufgewachsen, war sie nach Gerimor gekommen, geschickt von einem Heiler, sollte sie in Tyrell ihre Möglichkeiten ausschöpfen. Doch es kam nie so. Am Vorstellungstag verbrachte sie einige Zeit im Kloster und lauschte den Erzählungen des Glaubens – und erkannte, dass sie lieber die Weisen dieser Welt aufsuchte und ihre Erkenntnisse erfuhr, als ihr Leben mit kleinlichen Zielen zu vergeuden. Es war die reine Erkenntnis, die sie suchte, nicht einmal die Freude daran, etwas Neues erfahren zu haben.
Seine Mundwinkel verzogen sich, als er erkannte, das er ihr tatsächlich eine Entschuldigung schuldete...
>Sie hat mich nicht belogen...< dachte er, während er die Augen öffnete und an den Baumkronen vorbei zum Himmel sah. Sie war tatsächlich nicht in Tyrell gewesen. Seine Erinnerung hatte ihm einen Streich gespielt. Oder vielmehr ihrer Eigenart, Fragen nicht klar zu beantworten. Dieser Gedanke gefiel ihm wenig, aber was sollte er machen... Wieder schloss er die Augen, entspannter einatmend.
Er erinnerte sich an Fragen, die sie ihm immer wieder mal gestellt hatte... Welches seine Ziele waren. Und über die Gründe für diese Ziele. Was wollte er erreichen? >Das sie mich nicht länger aus der Reserve locken kann, wenn sie es will?< Dachte er mit einem Zucken seiner Mundwinkel. Kontrolle über sich und somit auch über sie in Bezug auf manche Dinge... und Zügellosigkeit, wenn er es wollte, nicht wenn andere es wollten... und nicht auf so zerstörerische Art wie sie es beabsichtigte. Ein tiefes, wenn auch bitteres Schmunzeln zog sich über seine Züge... Letztendlich hatte sie ihm Ziele geliefert. Ob er ihr dafür danken sollte? >Nicht wirklich...< Ein paar Minuten verweilte er noch, dann erhob er sich und trat, sich dien kühleren Temperaturen
gemäss ankleident, zu seinem Pferd. Er musste noch ein paar Dinge bei Tim bestellen, damit er diese in den See versenken konnte. Fussangeln, zwei Bärenfallen – für jeden Teich eine. Stacheldraht und Glasscherben. Vielleicht bei einem Schreiner noch zugespitzte Holzpfähle... er würde sich mit einigen Leuten beraten, die mehr Erfahrungen hatten, was sich in einem Gewässer an fallen einrichten liess. Aufgesessen, dauerte es nicht lange, bis er und sein Pferd nurmehr ein Schemen in der Ferne waren.

Verfasst: Mittwoch 1. November 2006, 02:09
von Cyrion Sha´Ar
Wie verstehen, was in ihr vorgeht? Vorher so kühl, so logisch denkend... Und nun... das... Ein grosser Schritt, doch mochte er mehr schleichend gewesen sein. Er hatte sie eine Weile nicht gesehen, hatte wohl verpasst, was für ihn vielleicht zum Verständnis wichtig gewesen wäre. Doch hatte er am eigenen Leib erfahren, wie diese schleichende Veränderung weiterging, ihn berührte mit ihrem Gedankengut. Was werden konnte, wenn er nicht Acht gab? Ihm war nicht klar gewesen, wie schwerwiegend die Veränderung war, wie tiefgründig...
Sie hatte ihn erneut besucht – kein besonderer Grund... Vielleicht Neugier, vielleicht das unbewusste Bedürfniss, ihre Bekannten zu besuchen, nachdem sie diese neue Sicht der Dinge erworben hatte. Sehen, was sie nun erlernen konnte. Sie war offener geworden... Hatte sogar erwähnt, das sie in früheren Zeiten ihn nie ohne einen Grund besucht hätte – und diese Gründe wollte sie nicht weiter erörtern – was ihn vermuten liess, das sie ihm vielleicht nicht gefallen hätten. Hätte sie damals Übles im Sinn gehabt, hätte sie ihn nicht zufällig getroffen? Er konnte diese Frage nicht beantworten.
Sie hatten darüber gesprochen, ob nicht alles, was man angestrebt hatte, all die Dinge, die man getan hatte, bedeutungslos wurden, so man erkennt, das man den falschen Weg gewählt hatte... War dann die Zeit des Irrens nicht verschwendet? Seiner bescheidenen Meinung nach nicht. Erfahrung war, was einen ausmachte. Erfahrung war, was einen zielstrebiger machte. Sie hatte etwas gesagt, das ihn an Solveighs Worte denken liess – gesprochen aus ihrem Mund: „Es ist kein Irrglaube gewesen, wenn sich Weisheit daraus ziehen lässt.
Die Gedanken lohnen sich, gedacht zu werden, sobald sie tatsächlich zu neuen Erkenntnissen führen.“
Weise Worte...
Sie wollte nun das Gefühl kennenlernen, ein der Logik entgegengesetzter Bereich. Wollte ihn auskundschaften, erforschen, neues Wissen erlangen. Sie hatte ihn nach seiner Meinung gefragt, wie man auf einer solchen Reise vorgehen sollte. Schwierig zu beantworten, doch konnte er sich da auf Erfahrungen mit Solveigh berufen, welche ihn lehrte, frei zu denken – frei von Konventionen, frei von anerzogenen Floskeln. Einfach nur zu Sein... Etwas, das er in seinem Haus konnte. Tun und lassen, was man wollte. Doch konnte er dies nicht am Hofe. Musste sich dort wieder an Konventionen halten, seine Zunge im Zaum halten, so er nicht in Ungnade oder gar in echte Schwierigkeiten geraten wollte. Wie einem Adligen sagen, was er von ihm oder seinem Verhalten hielt, ohne dabei von diesem gefordert zu werden? Er konnte mit Rafael offen sein. Doch mit anderen... Die Idee hatte ihr gefallen, bis er zugab, diese Philosophie nicht überall frei zu leben.
Sie berichtete ebenso mit wenigen Worten von einer Lehrmeisterin, die sie genommen hatte, einer Elfe, die sie lehren konnte, was sie über Gefühle zu wissen wünschte. Genauer berichtete sie nicht darüber – es hätte ihn auch masslos gewundert. Sie erzählte kaum genaueres über sich. War immer recht vage verblieben. So vorsichtig... Vorsichtig in der Beschreibung ihrer Ziele, vorsichtig in der Beschreibung ihres Weges zu diesen Zielen. Was sicher war, wurde offenbart, alles andere verblieb im Nebel der Vermutungen.
Und dennoch interessierte sie sich für seine Ziele, war offen der Meinung, er sollte sich Ziele suchen, die es Wert waren, solche genannt zu werden, oder sich wenigstens doch überhaupt welche suchen, die über das kurzfristige hinaus gingen. Ein Mann ohne Ziele – etwas, was ihr nicht so recht gefallen wollte. Er wusste nicht, wann sie begonnen hatte, ihn auf denselben Weg zu führen, den sie grad beschritt... Es war ein ähnlicher Weg, wie der von Solveigh – frei von Konventionen, frei von den Ketten, die man sich selbst gab. Wann hatte er angefangen, auf dieses einzugehen? Wohl an dem Abend, als er offen, mit passenden Worten beschrieben hatte, was er in ihr sah... Eine Frau, deren Schönheit einen erstaunen konnte, wenn sie sich ein wenig mühte, ihr seidenes Haar offen trug und einen mit diesem leicht verwunderten Blick ansah. Wie schön ihre alabasterfarbene Haut, samtig bei Berührung... Wie klar ihr Geist, sah sie doch mehr als die meisten. Er war immer ein Verehrer von Schönheit und Geist gewesen... hatte ihr einen zarten Handkuss gegeben, um damit seine Worte zu untermalen und sie wissen zu lassen, das er sie achtete... Eine Geste, die mit einem Kuss erwiedert wurde, von dem er angenehm überrrascht gewesen war. Wie weich ihrer Lippen, wie süss ihr Duft... Und dennoch hatte er gewusst, das sie eine gefährliche Frau war, hätte sie keinen Grund gebraucht, um ihm einen Dolch in den Rücken zu jagen – war es doch so, dass sie durchaus Dinge tat, wenn sie eben keinen Grund hatte, sie zu tun. Kein Grund zu haben, war ihr Grund genug...
Und das nur recht etwa eine halbe Stunde, nachdem er erfahren hatte, dass sie womöglich mit Rafaels Entführung vom Schiff zu tun hatte. Für sie war es möglicherweise eine Spielerei gewesen. Ein einziger Satz und sein Misstrauen war geweckt. Ein einziger Satz auf auf seine Antwort, bezogen auf ihre Frage, wann er das letzte Mal seine Beherrschung hatte fahren lassen – Damals als Rafael entführt worden war... „Seitdem nicht mehr?“ Er bezweifelte, das es weithin bekannt war... Sie spielte mit ihm, und als er zu ernst wurde, hatte sie dies Spiel beendet, war zu anderen Themen übergegangen, dieses Spiel als solches auch andeutend. Er hatte es hingenommen, aber eine Vermutung war gesäht worden. Wie war es dazu gekommen? Sie hatten darüber gesprochen, die Beherrschung aktiv fahren zu lassen... All die Ketten, die man sich selbst anlegte, zu sprengen... Der einfachste Weg dazu? Gewalt und Lust...
War das der Grund, warum sie ihn in letzter Zeit aufzustacheln versuchte? Es mochte gut sein.
Er versuchte sie zu verstehen, aber es fiel ihm schwer. Was er verstehen konnte, war, das sie den Wunsch hatte, ihm seine Ketten zu nehmen... Warum? Weil sie dies als ein besseres Leben empfand. Er konnte sie in diesem Punkt verstehen... Doch wusste er auch, das weitaus dunklere Dinge in ihm lagen, die er nicht kennenlernen wollte. Dunklere Dinge, als sie in Wut und Lust gegen die Aussenwand seines Turms zu pressen und zu nehmen, ohne jegliche Vorbereitung ausser der, das sie genau wusste, worauf sie sich einliess, ja es sogar beabsichtigt hatte. Es waren noch weitaus dunklere Dinge in ihm, als dies... Und was ihm zurück schrecken liess, war, dass diese Dinge ihm gefielen...