Die Sache mit dem Glauben
Verfasst: Mittwoch 11. Oktober 2006, 03:58
Wenn man in Bajard mit einer Phrase gegrüßt wurde in welcher der Name eines Gottes vorkam, dann war das ein untrügliches Zeichen dafür, dass man gerade mit einem Fremden sprach. Vermutlich sogar mit jemandem, der sich dem Dienst an seiner Gottheit stärker gewidmet hatte als der „einfache“ Gläubige. Von einem Bajarder selbst würde man den Namen eines Gottes vermutlich nie vernehmen, nicht einmal den der Göttermutter und Weltenschöpferin selbst. In dem kleinen Dorf hielt man es mit der Religion nicht besonders streng. Oder um es genauer auszudrücken: Man hielt es eigentlich gar nicht. Der Glaube an die Götter spielte hier kaum eine Rolle, erzeugte bei manchen sogar misstrauen, da man mit den Göttern schnell den Geschwisterkrieg und all sein Leid verband, sowie den ewigen Konflikt zwischen Varuna und Rahal, der in diesem Zwist seinen Urgrund fand und dessen unkontrolliert zuckende Seitenarme auch Bajard oft genug in Mitleidenschaft zogen. Wenn man sich also nicht unbedingt dem Verdacht aussetzen wollte zu einer einschlägig bekannten Vereinigung zu gehören, dann nahm man die Namen Alatar und Temora besser nicht in den Mund.
Auch Beldan gehörte dieser Gruppe Menschen an, die auf jeden Gruß im Namen eines Gottes die Stirn in Falten legten, eine unverbindliche Antwort gaben und ein intuitives Misstrauen oder zumindest eine gewisse Abneigung ganz von selbst zu hegen begannen. Warum das so war und weshalb er diese Gefühle und Regungen immer wieder zeigte, wusste er selbst kaum zu sagen. Es waren eingeübte Reaktionen, die er immer wieder abgerufen hatte und die ihm mit der Zeit einfach zur unreflektierten Gewohnheit geworden waren, die er nur selten hinterfragte. Haltungen die er zum Teil sicherlich einfach abgekupfert hatte, weil es in Bajard eben so üblich war, die zum Teil aber auch in ihm selbst begründet liegen mochten. Er hatte zeitlebens nie eine besondere Beziehung zu den Göttern aufgebaut. Zu Temora nicht und zu Alatar noch viel weniger. Die Haltung vieler, dass die Götter nur Unheil für die Welt bedeuteten und dass zwischen Alatar und Temora kein Unterschied bestand, teilte er allerdings nicht. Seine Haltung war irgendwie ambivalenter, unentschlossener, von mehr Zweifeln und Skrupeln durchsetzt. Wie sie genau war, das hätte er gerne gewusst, aber er kam in dieser Sache nie zu einem Schluss, so oft er sie auch aufrollte. Und das hatte er in seinem Leben oft getan.
Wie viele junge Menschen hatte auch er in seinem Elternhaus die Grundzüge der Schöpfungsgeschichte gelernt, wie sie in Varuna gelehrt wurde, den Glauben in Phrasen und Leitsätzen vorgelegt bekommen, in Gebeten und Liedern gefestigt und eigentlich nie verstanden worum es dabei ging, nur wiederholt was andere ihm gesagt hatten. Überzeugt aber verständnislos. Was verstand man als Kind oder junger Mann auch von solchen Dingen, die weit über den Horizont dessen hinausgingen, mit dem man sich üblicherweise auseinandersetzen musste ? Er zumindest nicht viel. Als er sich von seiner Heimatstadt und seinem Elternhaus abzuwenden begann, ließ er diese bunte Sammlung an halben Einsichten und nie verstandenen Sentenzen zurück und wandte sich anderen Dingen zu. Es war als wäre mit dem Verlassen der Stadt auch jeder Zwang zur Religion, jedes Muss an Sinnfragen und Orientierung von seinen Schultern gefallen. Natürlich hatte er sich einfach andere Fragen stellen müssen. Die Frage danach, wie ein junger Mann, der im behüteten Umfeld seines Elternhauses erwachsen geworden war, sein Leben meistern sollte nachdem er sich mit seiner Heimat überworfen hatte. In der Welt aus Gelegenheitsarbeiten, Kneipen und Mief, in die er hinabstieg, gab es für tiefgreifende Fragen und Gedanken keinen Platz mehr. Es waren Tage voller Schweiß, Erschöpfung und billigem Fusel, die seinen Geist taub für solche Dinge machten und seine Seele stumpf und leer zurückließen. Temora war für ihn in dieser Zeit nur eine Kindheitserinnerung. Und diese Erinnerung waren ihm verhasst. Sie gemahnten ihn an eine glücklichere, an eine leichtere Zeit, deren Verlust er sich selbst zuzuschreiben hatte.
In der spannungsgeladenen Atmosphäre aus Armut, Zorn und Trunkenheit, die in den Hafenvierteln und Spielunken den Alltag beherrschte, war dann alles sehr schnell gegangen. Noch bevor er seinen Dienst auf See aufgenommen hatte, waren ihm Stück für Stück der Stolz, die Ehre und das Mitgefühl abhanden gekommen. All diese hehren Ideale, die man ihm vergeblich einzubläuen versucht hatte, ohne dabei auf dauerhaft fruchtbaren Boden zu stoßen. Mit dem ersten Morgen, an dem er in irgendeiner Gosse erwacht war, mit blutiger Nase und im Gestank des eigenen Erbrochenen, dem ersten Male, als er eine Dirne ein blaues Auge geschlagen hatte, während seine Kameraden ihm zugejohlt hatten und ihre Flaschen geschwenkt, und dem so seltsamen, schauderhaften Moment, als er in einer Schlägerei einmal so fest zugeschlagen hatte, dass sein Gegner auch am nächsten Tag nicht mehr aufgestanden war, sich nie wieder regte. Später war ihm nicht mehr jedes Gesicht im Gedächtnis geblieben, nicht jeder Mensch, der unter seiner Klinge gefallen war. Manche ja, manche hartnäckiger und furchterregender, aber keines hatte ihn so dauerhaft und geduldig begleitet wie dieses eine nichtssagende Gesicht. Sein erstes Menschenleben.
Als er dazu überging sein Leben und seinen Arm auf den Handels- und Kriegsschiffen dieser Welt zu verkaufen, war er bereits stumpf und geistlos gewesen. Die Taten, die er später vollbrachte, mochten vielfach ehrloser, unentschuldbarer, skrupelloser und würdeloser gewesen sein als diese Ausrutscher und Unbeherrschtheiten, die seine ersten Schritte begleitet hatten und die vielleicht verzeihbar gewesen wären, aber sie hinterließen nicht mehr diese tiefen Einschnitte in seiner Persönlichkeit. Der Übergang von der unabsichtlichen zur absichtlichen Auslöschung eines Menschenlebens war nur mehr ein gleitender gewesen, ein Einschnitt, den er selbst nicht mehr richtig wahrgenommen hatte. Danach wurde alles fließend. Nach der ersten Wiederholung trivialisierte der Tod sich von selbst. Menschen wurden zu Malen und schlussendlich verschwanden sie ganz, waren keine Ziffer mehr wert, keinen Strich auf einem Papier, keine Kerbe im Holz. Sie blieben ungezählt und unerinnert. Der Name Temora war damals nicht mehr Teil seines Wortschatzes. Er existierte nicht mehr. Und Alatar ? Selbstverständlich war offenbar, dass er ihm mit seinen Taten nahe war. Aber dem schenkte er keine Beachtung. Es spielte für ihn keine Rolle.
Was dazu geführt hatte, dass er angefangen hatte diese Routine zu unterbrechen, war im Nachhinein schwer auszumachen. Vielleicht hatte es die jahrelange Verinnerlichung seines Handwerks und seiner Taten gebraucht, deren volle Akzeptanz, um sie anschließend nüchtern genug betrachten zu können und trocken festzustellen: Ich habe gefehlt. Irgendwann hatten die Bilder angefangen zu spinnen, sich selbstständig zu machen und unangenehme Wahrheiten aufzudecken. Die langen Seefahrten, der müde, kaputte Körper, der Anblick der jungen Nachzügler, die ihre ersten Erfahrungen in einem Gewerbe machten, das er langsam zu beenden begann, all das eröffnete ihm einen nachträglichen Blick auf sich selbst, eine Widerspiegelung seiner eigenen Vergangenheit und seines eigenen Lebens. Ein Bild absonderlicher Hässlichkeit, aber auch von erschreckender Nichtigkeit und Bedeutungslosigkeit. Wäre ihm diese Einsicht früher gekommen, er hätte es zu den Sachen gezählt, die man am besten irgendwo tief vergrub und nie wieder erwähnte. Aber ein halbes Leben, das ließ sich nicht so einfach verstecken und vergessen. Das wurde man nicht wieder los.
Irgendwann in dieser Zeit musste es gewesen sein, dass der Name Temora wieder eine Rolle in seinem Denken zu spielen begann. Ohne Bezug auf die Götter und ihre Lehren gab es keine Moral, keine Gerechtigkeit und auch keine Schuld. Wer sollte begründen was gut und richtig ist, ohne sich dabei auf etwas berufen zu können, das ihm Wahrheit und Gewissheit gab ? Wenn nicht von den Göttern, woher sollte man diese Gewissheit nehmen ? Wahrscheinlich war es, weil er keine andere Grundlage für Recht und Unrecht fand, dass er wieder dazu überging über die Göttin nachzudenken. Jetzt, an diesem Bruchpunkt seines Lebens, brauchte er dringend eine Möglichkeit sein Leben zu verstehen, seine Vergangenheit bewerten zu können und sich in das Gefüge der Welt einordnen zu können, und sei es auch ganz unten. Er wollte seiner Vergangenheit einen Abschluss geben, sich anderen Dingen zuwenden können. Was bot sich dafür mehr an als die vielen Regeln und Werte, die er irgendwann einmal gelernt und wieder vergessen hatte ? Mit Mühe hatte er sich ihrer wieder erinnert und über sie nachgedacht, sich versucht in ihnen zu finden und darin Schuld und Versöhnung zu erlangen. Aber sie waren ihm auf eine ganz andere Weise entrückt und fremd geworden. Verstehen konnte er sie jetzt besser, sie nachvollziehen, ihren Inhalt begreifen, aber sie ließen ihn lachen. Nicht vor Heiterkeit, sondern weil sie ihm unerreichbar erschienen, zu perfekt, zu vollkommen. Er hatte oft darüber nachgedacht, ob er nicht wieder nach Varuna gehen sollte, ob man nicht alles noch einmal umdrehen könnte und einen neuen Anfang beginnen. Er würde seine Schuld eingestehen, man könnte verzeihen und sich wieder finden, Heimat und verlorenes Kind. Aber als er die Stadt das erste Mal wieder betreten hatte, als ihm die erste Dienern der Göttin über den Weg gelaufen war, mit einem zaghaften Lächeln und einem freundlichen Blick, als er den ersten Ritter des Reiches getroffen hatte, nach außen höflich und im Herzen mit Liebe und Selbstzweifeln beschäftigt, da war er sich wie ein seltsamer Eindringling vorgekommen, der in seinem Schlepptau eine Welt mit sich zog, die hier niemand kannte und niemanden erfahren wollte. Und stillschweigend war er wieder gegangen und hatte sich einen Ort gesucht, wo niemand fragend würde, wo er ungestört wäre mit sich selbst.
Dass es kein Zurück mehr in den Schoß der alten Heimat geben würde, das war ihm endgültig offenbar geworden. Sie waren sich für immer fremd geworden, sie und er. Zwei Welten, die nichts mehr miteinander gemein hatten. Und die Göttin ? Sie würde wohl wieder untergehen und in dem schalen Nichts seiner Seele verschwinden, zusammen mit der Stadt, an die sie in seiner Vorstellung so unverbrüchlich gebunden war. Die Fragen blieben trotzdem. Und irgendwann, das wusste er, würde er sie endgültig stellen müssen. Ohne Ausflüchte, ohne Umschweife und ohne Verstecken. Nur wem ? Das war die Tragik des Glaubens, der seine Kinder im behüteten Schoß des Lichts aufwachsen ließ, wie einen Schwarm Falter und Motten, die sich immer im Lichtkreis hielten und darüber ganz vergaßen, dass es um sie herum sehr viel dunklere Dinge gab als eine wankende Liebe, ein kränkelndes Herz oder Streit mit einem Freund. Dinge, die den engen Gefühlskreis des Individuums überschatteten. Ihm blieb nur der Blick auf diesen Lichtkreis und damit hatte er sich abgefunden. Aus dem Hellen heraus sah man schlecht ins Dunkle, so konnte er zumindest ungestört dabei zuschauen, was sie dort trieben und taten. Es war irgendwie tröstlich ihnen dabei zuzusehen. Sanft und vergesslich wie die Kinder. Er spürte kein Verlangen mehr danach diese ruhige Unschuld durch seine Anwesenheit zu stören.
Auch Beldan gehörte dieser Gruppe Menschen an, die auf jeden Gruß im Namen eines Gottes die Stirn in Falten legten, eine unverbindliche Antwort gaben und ein intuitives Misstrauen oder zumindest eine gewisse Abneigung ganz von selbst zu hegen begannen. Warum das so war und weshalb er diese Gefühle und Regungen immer wieder zeigte, wusste er selbst kaum zu sagen. Es waren eingeübte Reaktionen, die er immer wieder abgerufen hatte und die ihm mit der Zeit einfach zur unreflektierten Gewohnheit geworden waren, die er nur selten hinterfragte. Haltungen die er zum Teil sicherlich einfach abgekupfert hatte, weil es in Bajard eben so üblich war, die zum Teil aber auch in ihm selbst begründet liegen mochten. Er hatte zeitlebens nie eine besondere Beziehung zu den Göttern aufgebaut. Zu Temora nicht und zu Alatar noch viel weniger. Die Haltung vieler, dass die Götter nur Unheil für die Welt bedeuteten und dass zwischen Alatar und Temora kein Unterschied bestand, teilte er allerdings nicht. Seine Haltung war irgendwie ambivalenter, unentschlossener, von mehr Zweifeln und Skrupeln durchsetzt. Wie sie genau war, das hätte er gerne gewusst, aber er kam in dieser Sache nie zu einem Schluss, so oft er sie auch aufrollte. Und das hatte er in seinem Leben oft getan.
Wie viele junge Menschen hatte auch er in seinem Elternhaus die Grundzüge der Schöpfungsgeschichte gelernt, wie sie in Varuna gelehrt wurde, den Glauben in Phrasen und Leitsätzen vorgelegt bekommen, in Gebeten und Liedern gefestigt und eigentlich nie verstanden worum es dabei ging, nur wiederholt was andere ihm gesagt hatten. Überzeugt aber verständnislos. Was verstand man als Kind oder junger Mann auch von solchen Dingen, die weit über den Horizont dessen hinausgingen, mit dem man sich üblicherweise auseinandersetzen musste ? Er zumindest nicht viel. Als er sich von seiner Heimatstadt und seinem Elternhaus abzuwenden begann, ließ er diese bunte Sammlung an halben Einsichten und nie verstandenen Sentenzen zurück und wandte sich anderen Dingen zu. Es war als wäre mit dem Verlassen der Stadt auch jeder Zwang zur Religion, jedes Muss an Sinnfragen und Orientierung von seinen Schultern gefallen. Natürlich hatte er sich einfach andere Fragen stellen müssen. Die Frage danach, wie ein junger Mann, der im behüteten Umfeld seines Elternhauses erwachsen geworden war, sein Leben meistern sollte nachdem er sich mit seiner Heimat überworfen hatte. In der Welt aus Gelegenheitsarbeiten, Kneipen und Mief, in die er hinabstieg, gab es für tiefgreifende Fragen und Gedanken keinen Platz mehr. Es waren Tage voller Schweiß, Erschöpfung und billigem Fusel, die seinen Geist taub für solche Dinge machten und seine Seele stumpf und leer zurückließen. Temora war für ihn in dieser Zeit nur eine Kindheitserinnerung. Und diese Erinnerung waren ihm verhasst. Sie gemahnten ihn an eine glücklichere, an eine leichtere Zeit, deren Verlust er sich selbst zuzuschreiben hatte.
In der spannungsgeladenen Atmosphäre aus Armut, Zorn und Trunkenheit, die in den Hafenvierteln und Spielunken den Alltag beherrschte, war dann alles sehr schnell gegangen. Noch bevor er seinen Dienst auf See aufgenommen hatte, waren ihm Stück für Stück der Stolz, die Ehre und das Mitgefühl abhanden gekommen. All diese hehren Ideale, die man ihm vergeblich einzubläuen versucht hatte, ohne dabei auf dauerhaft fruchtbaren Boden zu stoßen. Mit dem ersten Morgen, an dem er in irgendeiner Gosse erwacht war, mit blutiger Nase und im Gestank des eigenen Erbrochenen, dem ersten Male, als er eine Dirne ein blaues Auge geschlagen hatte, während seine Kameraden ihm zugejohlt hatten und ihre Flaschen geschwenkt, und dem so seltsamen, schauderhaften Moment, als er in einer Schlägerei einmal so fest zugeschlagen hatte, dass sein Gegner auch am nächsten Tag nicht mehr aufgestanden war, sich nie wieder regte. Später war ihm nicht mehr jedes Gesicht im Gedächtnis geblieben, nicht jeder Mensch, der unter seiner Klinge gefallen war. Manche ja, manche hartnäckiger und furchterregender, aber keines hatte ihn so dauerhaft und geduldig begleitet wie dieses eine nichtssagende Gesicht. Sein erstes Menschenleben.
Als er dazu überging sein Leben und seinen Arm auf den Handels- und Kriegsschiffen dieser Welt zu verkaufen, war er bereits stumpf und geistlos gewesen. Die Taten, die er später vollbrachte, mochten vielfach ehrloser, unentschuldbarer, skrupelloser und würdeloser gewesen sein als diese Ausrutscher und Unbeherrschtheiten, die seine ersten Schritte begleitet hatten und die vielleicht verzeihbar gewesen wären, aber sie hinterließen nicht mehr diese tiefen Einschnitte in seiner Persönlichkeit. Der Übergang von der unabsichtlichen zur absichtlichen Auslöschung eines Menschenlebens war nur mehr ein gleitender gewesen, ein Einschnitt, den er selbst nicht mehr richtig wahrgenommen hatte. Danach wurde alles fließend. Nach der ersten Wiederholung trivialisierte der Tod sich von selbst. Menschen wurden zu Malen und schlussendlich verschwanden sie ganz, waren keine Ziffer mehr wert, keinen Strich auf einem Papier, keine Kerbe im Holz. Sie blieben ungezählt und unerinnert. Der Name Temora war damals nicht mehr Teil seines Wortschatzes. Er existierte nicht mehr. Und Alatar ? Selbstverständlich war offenbar, dass er ihm mit seinen Taten nahe war. Aber dem schenkte er keine Beachtung. Es spielte für ihn keine Rolle.
Was dazu geführt hatte, dass er angefangen hatte diese Routine zu unterbrechen, war im Nachhinein schwer auszumachen. Vielleicht hatte es die jahrelange Verinnerlichung seines Handwerks und seiner Taten gebraucht, deren volle Akzeptanz, um sie anschließend nüchtern genug betrachten zu können und trocken festzustellen: Ich habe gefehlt. Irgendwann hatten die Bilder angefangen zu spinnen, sich selbstständig zu machen und unangenehme Wahrheiten aufzudecken. Die langen Seefahrten, der müde, kaputte Körper, der Anblick der jungen Nachzügler, die ihre ersten Erfahrungen in einem Gewerbe machten, das er langsam zu beenden begann, all das eröffnete ihm einen nachträglichen Blick auf sich selbst, eine Widerspiegelung seiner eigenen Vergangenheit und seines eigenen Lebens. Ein Bild absonderlicher Hässlichkeit, aber auch von erschreckender Nichtigkeit und Bedeutungslosigkeit. Wäre ihm diese Einsicht früher gekommen, er hätte es zu den Sachen gezählt, die man am besten irgendwo tief vergrub und nie wieder erwähnte. Aber ein halbes Leben, das ließ sich nicht so einfach verstecken und vergessen. Das wurde man nicht wieder los.
Irgendwann in dieser Zeit musste es gewesen sein, dass der Name Temora wieder eine Rolle in seinem Denken zu spielen begann. Ohne Bezug auf die Götter und ihre Lehren gab es keine Moral, keine Gerechtigkeit und auch keine Schuld. Wer sollte begründen was gut und richtig ist, ohne sich dabei auf etwas berufen zu können, das ihm Wahrheit und Gewissheit gab ? Wenn nicht von den Göttern, woher sollte man diese Gewissheit nehmen ? Wahrscheinlich war es, weil er keine andere Grundlage für Recht und Unrecht fand, dass er wieder dazu überging über die Göttin nachzudenken. Jetzt, an diesem Bruchpunkt seines Lebens, brauchte er dringend eine Möglichkeit sein Leben zu verstehen, seine Vergangenheit bewerten zu können und sich in das Gefüge der Welt einordnen zu können, und sei es auch ganz unten. Er wollte seiner Vergangenheit einen Abschluss geben, sich anderen Dingen zuwenden können. Was bot sich dafür mehr an als die vielen Regeln und Werte, die er irgendwann einmal gelernt und wieder vergessen hatte ? Mit Mühe hatte er sich ihrer wieder erinnert und über sie nachgedacht, sich versucht in ihnen zu finden und darin Schuld und Versöhnung zu erlangen. Aber sie waren ihm auf eine ganz andere Weise entrückt und fremd geworden. Verstehen konnte er sie jetzt besser, sie nachvollziehen, ihren Inhalt begreifen, aber sie ließen ihn lachen. Nicht vor Heiterkeit, sondern weil sie ihm unerreichbar erschienen, zu perfekt, zu vollkommen. Er hatte oft darüber nachgedacht, ob er nicht wieder nach Varuna gehen sollte, ob man nicht alles noch einmal umdrehen könnte und einen neuen Anfang beginnen. Er würde seine Schuld eingestehen, man könnte verzeihen und sich wieder finden, Heimat und verlorenes Kind. Aber als er die Stadt das erste Mal wieder betreten hatte, als ihm die erste Dienern der Göttin über den Weg gelaufen war, mit einem zaghaften Lächeln und einem freundlichen Blick, als er den ersten Ritter des Reiches getroffen hatte, nach außen höflich und im Herzen mit Liebe und Selbstzweifeln beschäftigt, da war er sich wie ein seltsamer Eindringling vorgekommen, der in seinem Schlepptau eine Welt mit sich zog, die hier niemand kannte und niemanden erfahren wollte. Und stillschweigend war er wieder gegangen und hatte sich einen Ort gesucht, wo niemand fragend würde, wo er ungestört wäre mit sich selbst.
Dass es kein Zurück mehr in den Schoß der alten Heimat geben würde, das war ihm endgültig offenbar geworden. Sie waren sich für immer fremd geworden, sie und er. Zwei Welten, die nichts mehr miteinander gemein hatten. Und die Göttin ? Sie würde wohl wieder untergehen und in dem schalen Nichts seiner Seele verschwinden, zusammen mit der Stadt, an die sie in seiner Vorstellung so unverbrüchlich gebunden war. Die Fragen blieben trotzdem. Und irgendwann, das wusste er, würde er sie endgültig stellen müssen. Ohne Ausflüchte, ohne Umschweife und ohne Verstecken. Nur wem ? Das war die Tragik des Glaubens, der seine Kinder im behüteten Schoß des Lichts aufwachsen ließ, wie einen Schwarm Falter und Motten, die sich immer im Lichtkreis hielten und darüber ganz vergaßen, dass es um sie herum sehr viel dunklere Dinge gab als eine wankende Liebe, ein kränkelndes Herz oder Streit mit einem Freund. Dinge, die den engen Gefühlskreis des Individuums überschatteten. Ihm blieb nur der Blick auf diesen Lichtkreis und damit hatte er sich abgefunden. Aus dem Hellen heraus sah man schlecht ins Dunkle, so konnte er zumindest ungestört dabei zuschauen, was sie dort trieben und taten. Es war irgendwie tröstlich ihnen dabei zuzusehen. Sanft und vergesslich wie die Kinder. Er spürte kein Verlangen mehr danach diese ruhige Unschuld durch seine Anwesenheit zu stören.