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Säufer!

Verfasst: Samstag 9. September 2006, 03:54
von Beldan Scherenbrueck
„Säufer!“ Kluge Worte für einen halben Burschen, der von der Welt noch nicht besonders viel gesehen hatte. Und so Unrecht hatte er damit gar nicht gehabt, auch wenn die Flaschen, die neben seiner Schlafstatt standen, einen übertriebenen Eindruck erwecken mochten. Natürlich trank er - und natürlich trank er zu viel. Um das festzustellen brauchte man nur einen Blick in sein Gesicht werfen. So sah man nicht aus, wenn man den Tag auf einer Liege irgendeines höfischen Lustgartens verbrachte und Früchte aus Menek’ur aß. Schnaps und Bier waren für einen Mann seines Alters, der sein Gold immer noch damit verdiente irgendwelchen Kreaturen – oder Menschen - den Kopf einzuschlagen, gute und altvertraute Freunde. Zwei Dutzend Jahre waren eine lange Zeit. Eine Zeit in der man vieles sehen konnte. Viele Fratzen, eine grässlicher als die andere, viele Gesichter, eines unschuldiger als das andere. Blut auf Planken und Wegen, auf Feldern und Eben, auf Pflaster und auf Sand, in Höhlen und Gängen, auf Hemden und Hosen, an Stiefeln, an Händen und an Füßen, an Köpfen, in Gemächern, auf Wiegen, an Männern, an Frauen, an Kindern. Es brachte einem den Kopf zum Platzen. Zwei Dutzend Jahre Krieg, zwei Dutzend Jahre Mord, zwei Dutzend Jahre eine befremdenden Jagd nach Gold und Befriedigung. Mittlerweile schwor er sich jedes Jahr aufzuhören, jeden Mond, jeden Tag, jede Stunde. Und kehrte immer wieder zurück. Er brauchte das Gold längst nicht mehr. Manchmal ließ er die Beute einfach liegen und kam nur noch um zu kämpfen, zu töten. An anderen Tagen starrte er befremdet auf seine Hand, die hastig einen toten Körper abtastete oder in den morschen Knochen eines Untoten wühlte und wie fiebrig einen Edelstein oder einige Münzen an sich zog. War das er ? All das war absurd und bizarr. Sein Körper zehrte sich mit jedem Mal mehr aus und würde ihn irgendwann im Stich lassen, zurückgelassen in irgendeiner Höhle oder Katakombe, namenlos und nichtig – wie schon so viele zuvor. Es machte ihn einfach krank. Es war krank. All das war eine kranke, verpestete Art zu leben.

Und es kam ihm so vor als würde es mit jedem Tag schlimmer werden. Heute war er in Höhlen im Norden Varunas gewesen, zusammen mit zwei jüngeren Kriegern, die dort nichts verloren hatten und den Ernst ihrer Lage nicht begriffen, obwohl alles um sie herum nach Tod stank. Aber diese Bastardzicke von Harfnerin, die sie dort getroffen hatten, setzte allem die Krone auf. Geschminkt wie für einen Hofball marschierte sie mit einer Schelle in der Hand durch die Höhle und verteilte Befehle. Er hatte den ersten Augenblick lang einfach nur starren können. Was erwartete diese Frau hier ? Eine modische Art sein Gold zu verdienen ? Es kam ihm wie purer Hohn vor, dieser Frau gegenüberzustehen, die in ihrem makellosen Auftreten durch die Höhlen schritt und sich mit ihrem Harpyiengesang und ihrem Bogen irgendeiner gekünstelten Art des Kampfes bediente, während seine Rüstung vom Blut und Kot der armen Schweine stank, die er einige Wegstücke weiter erschlagen hatte, und sowohl ihm als auch seinen Begleitern bereits das eigene Blut aus dem ein oder anderen Bruch in der Rüstung sickerte. Es war irgendwie eine fremde, seltsame Welt dort unten, in der die Grenzen zum Wahnsinn sich zu verflüssigen schienen und die Vernunft ihre Konturen verlor. Es war grotesk. In solchen Momenten gönnte er Lairja ihre Aufgeregtheit und Befremdung über ein paar harmlose Unruhen und Geistesverwirrungen von ganzem Herzen. Es war beruhigend zu wissen, dass es noch Menschen mit Grenzen gab, Menschen denen diese groteske Unterwelt fremd war, in die er regelmäßig abtauchte und aus der ihn nur ein tiefer Blick in die Flasche retten konnte, wenn sie ihn später wieder Heimsuchte. Vielleicht war er dieser Welt aus Blut und Schande zu lange treu geblieben. Vielleicht wurde er auch einfach nur schwach. Aber wie man es auch drehen und wenden wollte, es war schwer sie wieder zu verlieren. Ob träumend oder wach, irgendwie blieb sie immer bei einem, als hätte sie ein seltsames Eigenleben entwickelt, eine sanfte Zuneigung zu all denen, die sich ihr einmal ergeben hatten.