Kapitel 1:
Vom Karten zeichnen, Plattfüßen und einem Löffel
Vom Karten zeichnen, Plattfüßen und einem Löffel
Es gibt Kartenzeichner, die glauben, eine Linie sei eine ernstzunehmende Angelegenheit.
Das ist verständlich. Kartenzeichner sitzen gewöhnlich in Räumen mit Dächern, Wänden und Tischen, die ihnen eine gewisse Sicherheit vorgaukeln. Sie beugen sich über Pergament, tauchen die Feder in Tinte, ziehen einen Strich von einem Berg zu einem Wald und schreiben daneben mit gewichtiger Hand: Hier endet dies. Dort beginnt jenes.
Die Welt lässt dergleichen mit jener Geduld geschehen, mit der alte Schildkröten Regen hinnehmen. Während der Kartenzeichner seine Grenze also trocknen lässt, schickt die Welt einen Fuchs darunter hindurch, einen Falken darüber hinweg, einen neuen Bachlauf quer hindurch und dreißig Ameisen daran vorbei, von denen keine einzige nach einem Passierschein gefragt wird. Grenzen, so eine Schlussfolgerung der Arundarh, sind für Menschen gemacht.
Rodwyn Arundarh wurde in Weidenheim geboren, und das ist, wie Kartenzeichner sagen würden, eine eindeutige Sache. Ein Kind, das auf Weidenheimer Boden zur Welt kommt, gehört nach Weidenheim, wie ein Stein zu dem Hang gehört, auf dem er liegt, oder wie ein Kiesel zu Mutter Fels, die ihn irgendwann widerwillig ausgespuckt hat. Die Arundarh hätten darüber vermutlich freundlich genickt und anschließend den Stein aufgehoben, um zu sehen, ob darunter eine neuerliche volkstümliche Wahrheit versteckt lag.
Die Arundarh sind ein Wandervolk. Wer sie zum ersten Mal sieht, hält sie womöglich für eine seltsam zusammengewürfelte Gruppierung, die aus Versehen in einer Landschaft vergessen wurde: Zelte aus grobem Tuch und gegerbter Haut, Bündel, Körbe, hölzerne Gestelle, wetterfeste Mäntel, Kinder mit staubigen Knien, eigensinnige Ziegen, ein paar hochmütige Hühner und gelegentlich ein Falke, der die Welt betrachtet, als habe er sie persönlich erfunden und befinde die vom Menschen beanspruchte Zuständigkeit für mittelmäßig.
Über ihre Herkunft gibt es mehrere Erzählungen, von denen jede mit großer Überzeugung vorgetragen und von einer anderen mit noch größerer Überzeugung bestritten wird. Manche sagen, sie seien vor langer Zeit aus Steppenläufern hervorgegangen. Andere meinen, die Steppe sei überhaupt erst zur Steppe durch ihre platten Füße geworden. Einige behaupten, ihr Name bedeute in einer alten Sprache „die Wandernden“.
Ein sehr alter Mann namens Daruk, der keinen einzigen Zahn mehr besaß und dennoch hartes Brot aß, erklärte bei jeder Gelegenheit, Arundarh bedeute eigentlich „jene, die wissen, wann man den Kessel vom Feuer nimmt“. Da Daruk über dreiundachtzig Jahre alt geworden war und nie eine Suppe hatte anbrennen lassen, genoss seine Deutung ein gewisses Ansehen.
Die Arundarh fühlen sich also niemandem angehörig außer dem Weg, und selbst dem Weg gehören sie für gewöhnlich nur für die Dauer eines Schrittes. Sie sind keine Leute Weidenheims, obwohl viele ihrer Kinder dort geboren wurden. Sie sind keine Leute Al’Wasis, obwohl sie die Hitze kennen, die Ebenen durchziehen und das kostbare Wasser zu finden wissen. Sie ziehen zwischen kalten Wäldern und warmen Landstrichen, zwischen Fichtenharz und dürrem Gras. Sie schlafen dort, wo der Boden trocken genug, das Wasser nahe genug und die Nachbarn weit genug entfernt sind.
Sie verehren das Leben als Lehrsatz in seiner praktischen Ausführung.
Das klingt bei ihnen selten feierlich. Ein Arundarh sagt kaum: „Wir achten den Kreislauf des Seins.“ Er sagt eher: „Tritt nicht auf die jungen Pilze, die Suppe der nächsten Woche wächst schlecht unterm Stiefel.“ Beides meint in etwa dasselbe, nur ist die zweite Fassung nützlicher.
Die allgemeine Lebensbefürwortung der Arundarh sieht vor, alles Lebendige so lange am Leben zu lassen, wie Hunger, Winter, Krankheit, Schutzbedürfnis oder eine sehr überzeugende Ziege keinen vernünftigen Einwand erheben. Sie verlangt, Bäche wie alte Nachbarn zu behandeln, Feuer wie Gäste, Tiere wie Mitbewohner mit anderen Sitten, Pflanzen wie langsame Verwandte, Kinder wie zukünftige Fragesteller, Alte wie wandelnde Vorratskammern halbrichtiger Wahrheiten und den eigenen Besitz wie etwas, das bei zu viel Bedeutung rasch anfängt, einen Menschen zu besitzen.
Ihre Kleidung ist einfach, selbstgemacht und klug. Ein Mantel der Arundarh kann am Morgen den Tau aus den Wäldern schütteln und am Mittag als schattenspendende Großartigkeit gegen die Ebenensonne dienen. Schmuck gibt es, doch ist er von einer Art, die nicht in Truhen gehortet wird: Knochenringe, Holzschnitzerei, getrocknete Samen, kleine Muscheln von weit entfernten Wegen und Federn von Vögeln, die man lieber nicht beim Namen nennt, weil sie sonst angeblich eitel werden.
Rodwyn wuchs zwischen solchen Dingen auf und entwickelte sich zu einem kräftigen Kerlchen. So verdiente er sich schon früh als Ziegenzieher, was unter den Arundarh keineswegs ein Spottname, sondern eine durchaus ernstzunehmende Tätigkeit war: Man zog das störrische Zicklein vom falschen Hang fort, erklärte ihm mit möglichst wenig Worten die Vorzüge des richtigen Hanges und tat anschließend so, als habe das Tier aus freien Stücken eingesehen, was Vernunft bedeutet.
Sein Körper war von Anfang an eine verlässliche Sache. Breit, schwer, gesund, mit Händen, die rasch begriffen, wie man packt, hebt, hält und schützt. Seine Gedanken gingen andere Wege. Sie kamen selten dort an, wo Erwachsene sie erwarteten.
Fragte man ihn zum Beispiel, warum er so lange auf einen Stein gestarrt habe, antwortete er: „Weil ich wissen möchte, warum das Moos ausgerechnet diese Seite schöner findet.“
Solche Antworten machen Erwachsene für gewöhnlich nervös. Kinder dürfen Unsinn reden, das ist sogar erwünscht, solange ihr Unsinn simpel und leicht zu vergessen ist. Rodwyns Unsinn hatte Wurzeln. Er blieb ungewöhnlich lange im Kopf hängen. Die Alten der Arundarh fanden aber daran wenig Besorgniserregendes. Sie hatten viele Arten von Kindern gesehen, und Rodwyn war eben eines von denen, die mit offenen Augen träumten.
Er träumte von Regen, der rückwärts fiel. Von Bäumen, die unter der Erde miteinander flüsterten. Von Fischen, die nur dann schwammen, wenn es am Vormittag geregnet und am Nachmittag Suppe des Vortags gegeben hatte. Das Träumen ließ ihn oft still wirken, obwohl sich in seinem dicken Kopf die wildesten Abenteuer zutrugen.
Seine fürsorgliche und liebevolle Mutter strich ihm wenn er am morgen wieder zu still war mit dem Daumen über die Stirn und murmelte: „Wieder Fragen im Kopf, hm? Trink erst Wasser. Fragen trocknen aus und Wasser befeuchtet den Geist.“
Vielleicht war es diese einfache Morgenlehre seiner Mutter, vielleicht aber auch nur Durst am Trinken; jedenfalls war Wasser das erste Element, dem Rodwyn vertraute. Es verriet viel, wenn man ihm zuhörte. Wo es schnell lief, war der Boden hart oder geneigt. Wo es stand, sammelte sich Leben und manchmal Krankheit. Wo es verschwand, musste man fragen, was darunter lag. Wasser war selten ehrlich im menschlichen Sinne. Es war besser als ehrlich. Es war folgerichtig.
Die Erde verstand er über den unentwegten Wuchs seines Leibes in Höhe und Breite. Sie gab ihm Gewicht und Halt. Seine Füße kannten bald mehr Wege, als seine Zunge Namen dafür hatte, und fanden, je nach Wetter, Laune und Beschaffenheit des Schlamms, sogar neue.
Der Wind war schwieriger. Er kam ohne Einladung, ging ohne Abschied, brachte Gerüche, Gerüchte, Wetter, Staub, Blüten und Unruhe. Rodwyn liebte ihn und misstraute ihm. Unter allen Dingen, die keine Beine hatten und wandern konnten, war der Wind dem Wandern am nächsten. Vielleicht lag es daran, dass er Rodwyn schon als Ziegenzieher in die Ferne zog. Ein Wind konnte durch ein Lager fahren und ihm plötzlich das Gefühl geben, am falschen Ort zu sitzen, obwohl der Kessel warm, das Feuer gut und der Abend friedlich war.
Das Feuer gab Erinnerung. Bei den Arundarh ist das Feuer ein Gast. Man lädt es ein, füttert es, hütet es und verabschiedet es sauber. Niemand tritt in die Feuerstelle. Niemand spuckt achtlos hinein. Niemand lässt eine Glut ohne Grund sterben. Kinder lernen früh, dass Feuer weder Freund noch Feind ist, sondern ein Wesen von großer Empfindlichkeit und schlechtem Benehmen, sobald man es vernachlässigt.
Am Feuer werden Geschichten erzählt. Dort werden Namen wiederholt, damit sie nicht aus der Welt fallen. Dort trocknen Schuhe und kochen Wurzeln. Am Feuer lernte Rodwyn, dass eine Erinnerung nicht in Büchern wohnen muss. Sie konnte in einer Geste liegen, im Geruch von Harz, im Knacken eines Astes, in der Art, wie jemand schweigend einen Holzscheit nachlegte, wenn ein Toter erwähnt wurde.
Für Rodwyn waren all diese Dinge wie Fabeln ohne Tinte: vom Fuchs, der dem Jäger entkam, weil er den Jäger besser kannte als der Jäger den Fuchs; von der Kröte, die bei Regen auf dem Weg saß und alle Reisenden zur Demut zwang; vom Falken, der nie erklärte, warum er zurückkam; vom Bach, der den Fels nicht besiegte und dennoch das Tal formte.
Besonders die Falken der Arundarh hatten es ihm angetan. Ein Falke ist dem Grunde nach kein geselliges Tier. Er duldet Gesellschaft, wenn sie nützlich ist. Er erlaubt Nähe, wenn Nähe einen Sinn hat. Er kehrt zurück, sobald Rückkehr klüger ist als Freiheit. Das beeindruckte Rodwyn. Rodwyn durfte oft danebenstehen, wenn ein Vogel aufstieg. Dann sah er zu, wie er den Himmel prüfte, Kreise zog, wartete, stürzte und wiederkehrte, als habe er mit der Luft eine Abmachung getroffen, über die Menschen besser nicht zu viel wissen sollten.
Von einem alten Falkner namens Seregh lernte Rodwyn einen Satz, der ihm lange blieb:
„Wer den Falken halten will, hält am Ende nur den Handschuh, auf dem er zu sitzen pflegt.“
Das war eine jener Arundarh-Weisheiten, die zunächst nach bescheidener Tierpflege klingen und später ganze Lebensentwürfe ruinieren.
Mit sechzehn Jahren schließlich ging Rodwyn fort. Er hatte schlecht und gut zugleich geschlafen. In seinem Traum war ein Tal gewesen, verborgen im tiefen grün, mit über Steine flüsterndes Wasser und erstaunliche Dinge, die er nie zuvor gesehen hatte. Bäume standen dort so dicht beieinander, dass ihre Wurzeln unter der Erde Hände hielten.
Als er erwachte, sagten seine Füße: Geh.
Rodwyn fand seine Füße klug und hörte ihnen gerne zu.
Seine Mutter gab ihm Brot, getrocknete Kräuter und eine Schnur mit kleinen Knoten, von denen jeder für etwas stand, das sie ihm nicht noch einmal sagen wollte. Sein Vater, der selten lange Abschiede mochte, prüfte Rodwyns Bündel, zog einen Riemen fester, nickte und sah dabei aus, als habe er gerade eine besonders schwierige Wolke beurteilt.
Daruk, der zahnlose Suppenweise, schenkte ihm einen Löffel und erklärte, der Löffel sei unter allen Werkzeugen das einzige, das einen Menschen zugleich vor Hunger, Übermut und der schwerwiegenden Fehleinschätzung bewahre, eine Suppe könne sich ohne Aufsicht sittsam benehmen.
Das war ein guter Abschied. Besser als viele Worte. Rodwyn ging, und die Arundarh hielten ihn nicht. Man gibt einem, der gehen muss, nicht viel. Man gibt ihm einen guten Gedanken und, ganz wichtig, einen Löffel.

So begann Rodwyns Wanderschaft. Er schlief unter Bäumen, in verlassenen Schuppen, bei Hirten, unter Felsvorsprüngen und einmal in einem Heuhaufen, der sich bei Sonnenaufgang als Besitz eines sehr beleidigten Bauern erwies. Er lernte, dass Städte und Städter laut waren. Und mit dem Kennenlernen von zumeist feuchterer Flora und Fauna, neuen Geschichten und anderen Gesichtern ginge viele Jahre durch seine Sohlen.
Aus dem kräftigen Jungen wurde ein Mann, der in Städten wie ein Baum im Speisesaal wirkte. Ziemlich groß, ziemlich still, ziemlich stetig wetterfest. Sein Haar trug Staub, Regen und kleine Dinge, die andere Schmuck nannten, von Städtchen zu Städtchen. Seine Kleidung bestand aus Flickwerk, Leder, Fell und Erinnerungen an die Arundarh. An seiner Seite hingen Werkzeuge, Kräuter, Messer und manch klimperhaftes Geschirr, dessen Zweck nur Rodwyn kannte. Auf seinem Rücken ruhte eine geschwungene Klinge, und ein gewisser, ziemlich wetterbeständiger Löffel schmiegte sich unentwegt an der Seite.
Eines Nachts träumte er schließlich wieder von dem Tal.
Diesmal war der Traum deutlicher. Die Bilder prägnanter. Ein verborgenes Grün unter einem Himmel, der kaum zu sehen war. Wurzeln wie unzählige verschränkte Fingerhände. Eine Stille, in der jedes Blatt seinen Platz kannte. Rodwyn stand am Rand dieses Tales und wusste, dass es ihn kannte. Das war beunruhigend und interessant im gleichen Augenblick. Schließlich sollten Orte einen Menschen erst kennen, nachdem er dort gewesen war.
Also machte er sich auf den Weg, bis sich vor ihm das Meer auftürmte. Und seine Füße, diese alten, eigensinnigen Ratgeber, waren ungewöhnlich entschieden.
„Da geht es hin, mein Lieber“, sagten sie, ohne jeden Zweifel.