"Warum Bögen keine Waffen sind"
Eine Abhandlung über trollische Mundpflege, fehlgeleitete Langbeiner und den Niedergang vernünftiger Werkzeugnutzung
geschlagen von Grim Goldspalter, Maul und Bartwart der Klamm
Seit vielen Jahren muss akh mit ansehen, wie Langbeiner, Waldläufer und andere dünnarmige Völker Bögen mit großem Ernst behandeln, als handle es sich dabei um ehrbares Kriegsgerät. Sie hängen sie sich auf den Rücken, ölen die Sehnen, geben den Bögen Namen und sprechen darüber mit derselben Ehrfurcht, mit der ein Kalure über einen guten Kriegshammer spricht.
Dos allein hätte mich bereits misstrauisch machen müssen.
Denn kein Werkzeug, dos bei Regen weich wird, beim falschen Zug bricht und dem Träger erlaubt, den Feind aus sicherer Entfernung anzustupsen, kann ernsthaft für ehrlichen Kampf geschaffen worden sein.
Ein Hammer zerschmettert. Eine Axt spaltet. Ein Schild hält. Ein Stein fällt auf Dinge. Der Bogen hingegen? Er pfeift.
Und so begann akh meine Nachforschungen.
Die Entdeckung der Trolltafeln
Während einer Reise durch alte, halb eingestürzte Stollen stieß akh auf mehrere verwitterte Reliefs trollischer Herkunft. Große Gestalten waren darauf zu sehen, mit gewaltigen Schädeln, breiten Kiefern und überraschend ordentlichen Zahnreihen. Dos allein widerspricht bereits dem heutigen Trollbild.
Die heutigen Trolle kauen auf Leder, Knochen, manchmal auf eigenen Fingern und riechen, als hätte man nassen Hund in sumpfiges Bier gelegt. Doch die alten Reliefs zeigten etwas anderes: Werkzeuge, Ordnung, und vor allem: Zahnpflege.
Eine Darstellung zeigte eindeutig einen Troll, der einen langen Stab mithilfe einer gespannten Sehne zwischen seine hinteren Mahlzähne führte. Ein anderer Troll daneben hielt mehrere solcher Stäbe in einem Köcher-artigen Behälter.
Die Langbeiner würden darin vermutlich Jagdszenen sehen. Weil Langbeiner bekanntlich alles missverstehen, was nicht direkt auf sie einschlägt. Doch für einen geübten Kaluren war die Wahrheit offensichtlich.
Die wahre Funktion des Bogens
Die frühen Trolle waren riesig. Ihre Köpfe allein maßen beinahe die Größe eines Gährfasses. Zwischen solchen Kauleisten sammeln sich nach einer Mahlzeit erhebliche Mengen an Resten. Sumpfwurzeln, Höhlenpilze, Sehnenstücke, Knochenmark und gelegentlich sicher auch halbe Ziegen.
Ein Kalure erreicht seine hinteren Zähne mit Silberdraht, einem Kieferhaken oder notfalls einem kleinen Meißel. Ein Troll jedoch benötigte längere Werkzeuge. Und genau dafür wurde der Bogen geschaffen.
Die gespannte Sehne erlaubte es, langen Reinigungsstäben zusätzliche Kraft und Führung zu verleihen, um tief zwischen die gewaltigen Zahnreihen vorzudringen. Die sogenannten "Pfeile" waren ursprünglich Reinigungsstäbe - vorne mit kratzenden Spitzen gegen Zahnstein, hinten mit weichen Federn zur Reinigung empfindlicher Zahnhälse.
Mehrere gefundene Spitzen weisen sogar Abschabungen von Zahnstein auf.
Die große Degeneration der Trolle
Leider verfielen die Trolle im Laufe der Jahrhunderte geistig. Ob durch Pilzgase, schlechte Ernährung oder wiederholte Schläge auf den Kopf vermag akh nicht endgültig zu sagen. Fakt ist jedoch: Sie vergaßen die eigentliche Nutzung ihrer Werkzeuge.
Die Trolle selbst haben Bögen niemals als Waffen genutzt. Selbst im Verfall ihres Denkfleischs blieb ihnen offenbar ein Rest alter Erinnerung: Dos Werkzeug gehörte an die Kauleiste, nicht aufs Schlachtfeld. Der Irrtum kam später.
Langbeiner fanden die alten trollischen Zahnreinigungsgeräte, verstanden weder Zweck noch Würde des Werkzeugs und spannten daran herum, bis sie merkten, dass sich die Reinigungsstäbe mit Gewalt fortschleudern ließen. Von dort an ging es bergab.
Statt daraus zu lernen, nannten sie es Jagd. Statt sich zu schämen, nannten sie es Kriegskunst. Und bis heute nennen sie Bögen "edle Waffen", obwohl jeder Kalure erkennen sollte, dass dos gesamte Werkzeug eher an Mundpflege erinnert als an ehrliches Kriegshandwerk.
Warum Kaluren niemals Bögen brauchten
Ein Kalure kämpft mit Werkzeug, dos Verstand besitzt. Eine Armbrust ist ehrliches Handwerk: Holz, Stahl, Bolzen, Mechanik, Zugkraft, Verriegelung. Dos ist eine kleine Belagerungsmaschine fuer die Hand.
Ein Bogen hingegen ist ein gebogener Ast mit Sehne und zu viel Vertrauen. Akh brauche kein biegsames Holzgestell, dos jault wie ein erschrockener Höhlenfuchs, nur um einen Zahnstocher durch die Gegend zu werfen.
Außerdem besitzen Kaluren vernünftige Zahnwerkzeuge: Silberdraht, Kieselschaber, Pilzfaserbürsten, den kleinen Winkelhaken oder, in dringenden Fällen, den Griff eines Bierkruges.
Unsere Vorfahren wussten: Nicht jedes Ding mit Sehne ist eine Waffe. Manche gehören zurück in den Mundraum eines Trolls.
Schlusswort
Nach all meinen Untersuchungen komme akh zu nur einer möglichen Wahrheit:
Der Bogen ist kein Kriegswerkzeug. Er ist ein missverstandenes Mundpflegeinstrument eines untergegangenen Trollvolkes.
Und jedes Mal, wenn ein Langbeiner stolz einen Pfeil verschießt, erinnert er akh weniger an einen Krieger - und mehr an einen Troll, der vergessen hat, wie man sich die Zähne putzt.