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[MMT] Können sie es sehen?

Verfasst: Donnerstag 7. Mai 2026, 09:46
von Lykka Hinrah
Der Abend hatte sich schon weit in die Nacht gestreckt, als Lykka am Ahnenbaum ankam. Njall war bereits da, saß zwischen den knorrigen Wurzeln des alten Baumes und sah auf, als er ihre Schritte hörte. Sie nickte ihm zu, setzte sich, und kurz darauf kam auch schon Norwin.

Die Hagvirkr kamen nicht oft so zusammen. Zumindest nicht in dieser Ruhe, ohne dass irgendjemand ihre Kraft gerade brauchte, ohne Dringlichkeit im Nacken. Sie waren keine große Gruppe. Aber vielleicht gerade deshalb wog jeder Abend wie dieser auf die gute Art schwer. Norwin, dessen Wissen über die Wächterahnen tiefer reichte als das irgendjemand anderen, den Lykka kannte. Und Njall, der Jüngste unter ihnen, dessen Bedachtheit manchmal fast vergessen ließ, wie kurz er erst dabei war.
Lykka begann zu erklären, warum sie die beiden gerufen hatte.

Ein Gedanke hatte sie seit Wochen beschäftigt, einer, den sie lange mit sich herumgetragen hatte, ohne ihn auszusprechen. Die Thyren trugen Hautbilder, seit irgendjemand sich noch erinnern konnte. Zeichen der Jagd, des Krieges, der Zugehörigkeit. Manche nur zu besonderen Anlässen, andere als stille Erzählungen vergangener Taten, in Haut und Holz geritzt wie Worte in Stein. Das gehörte zu ihnen. Das war nie eine Frage gewesen.

Aber was, wenn diese Zeichen mehr tragen könnten?
Was, wenn bestimmte Symbole nicht nur für die Augen der Lebenden gemacht waren?

Sie sprach langsam, versuchte die Worte zu finden, die davon erzählten, was ihre Gedanken waren. Es gelang ihr nicht immer gut, die richtigen Worte zu finden. Es war etwas, was tatsächlich schwer in Worte zu fassen war. Dann wartete sie innerlich auf das Zögern, auf den Einwand, auf das Aber.

Beide hörten zu, ließen sich Zeit, bevor sie antworteten, und was sie sagten, war kein Nein. Ganz im Gegenteil. Sie tauschten sich rege aus, sprachen über die Mittel die bereits da waren, Einwände und Diskussionen die zeigten, dass sie die Gedanken nicht nur gehört, sondern wirklich durchdrungen hatten. Beide bedächtig, beide ernsthaft, und das war mehr, als Lykka sich insgeheim erhofft hatte.

Erst dann holte sie die Holztafel aus dem Rucksack.

Sie hatte sich Zeit damit gelassen. Die Symbole waren sorgfältig in das Holz geritzt, keines davon zufällig gewählt. Sie hatte lange darüber nachgedacht, welche Zeichen die Wächterahnen vielleicht als die ihren erkennen würden, Muster, die zu ihrem Wesen passten, zu dem was sie im Leben gewesen waren und was sie nun hüteten. Norwin und Njall betrachteten die Tafel schweigend, ihre Blicke folgten den Linien, und Lykka sah, dass sie wirklich nachdachten.

Die Verbindung zwischen den Thyren und den Wächterahnen bestand. Das war keine Frage des Glaubens, das war etwas, das die Hagvirkr mit eigenen Händen, mit ihrer eigenen Stimme immer wieder erlebt hatten. Wenn sie riefen, antworteten die Ahnen, meistens. Wenn sie wirkten, strömte diese Kraft durch sie hindurch, spürbar, greifbar, so real wie die Rinde des alten Baumes vor ihnen.

Aber ließ sich diese Kraft noch genauer lenken? Ließ sich der Blick der Wächterahnen gezielt auf jemanden richten, auf einen Krieger, einen Hüter, jemanden der Schutz brauchte oder Führung? Lykka dachte dabei an ein Schlachtgetümmel, in der die Konzentration der Hagvirkr schwer war. Ein Ruf des Namens der reichte, damit die Ahnen den Claner finden konnten. Wie ein brennendes Feuer in der Dunkelheit, dass den Blick der Ahnen lenken sollte.

Die Frage, wie man herausfinden würde, ob die Ahnen diese Zeichnungen verstanden und nutzen konnten zog sich durch den Abend. Niemand wusste, ob irgendjemand vor ihnen Ähnliches versucht hatte, und wenn doch, ob er darüber gesprochen hatte. Zu viel war verloren gegangen, nicht mit Absicht, sondern so, wie Dinge verloren gehen, still, zwischen einer Generation und der nächsten.

Am Ende stand ein Entschluss. Lykka würde die Symbole auf sieben einzelne Holztafeln übertragen, eine für jeden der Wächterahnen, mit Zeichen, die zu ihnen passen sollten. Danach würden die Tafeln gemeinsam aufgestellt werden, die Ahnen angerufen, und sie würden beobachten.

Was dabei zählte, war nicht nur das Ergebnis. Sie wollten zeigen, dass dieser Versuch aus ehrlichem Wunsch entstand, dem Wunsch, die Verbindung nicht stillstehen zu lassen, die alten Bande nicht nur zu tragen, sondern weiter zu festigen. Sie wollten nicht nur den Ahnen beweisen, wie wichtig ihnen die Bindung war... es sollte ein Teil des Rudels werden. Es musste dabei sein.

Lykka war die Erste, die aufstand.

Sie verabschiedete sich von den beiden, schlang den Rucksack über die Schulter und ließ den Ahnenbaum hinter sich. Ihre Schritte trugen sie durch die Dunkelheit, und in ihrem Kopf drehte sich noch immer alles um das Gespräch, um die Tafeln, um die Fragen, die sie aufgeworfen hatten und noch keine Antwort kannten. Aber da war noch jemand, dem sie davon erzählen wollte. Thorlav war vielleicht schon von der Wacht zurück. Sie hoffte es.
Er sollte das hören. Als Erstes.

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Re: [MMT] Können sie es sehen?

Verfasst: Donnerstag 7. Mai 2026, 17:10
von Njall Wikrah

Der Ahnenbaum rauschte leise im Wind, als die Stimmen langsam verklungen waren. Norwin hatte sich verabschiedet und war seinen eigenen Pfad zurück zum Fort gegangen. Auch Lykka war bereits aufgebrochen, gedanklich wohl schon halb bei Thorlav und der Frage, wie sie ihm von alldem berichten sollte.

Njall war geblieben.

Wie so oft.

Er saß noch immer zwischen den mächtigen Wurzeln des Ahnenbaumes, den Speer quer über den Knien gelegt. Die vielen kleinen Fylkjur daran bewegten sich sacht im Wind und klackerten leise gegeneinander. Knochen auf Holz. Zähne auf Stein. Geschichten, die einander antworteten.

Über ihn hatte sich längst die Nacht ausgebreitet. Zwischen den Ästen hing nur noch Dunkelheit, und irgendwo fernab brandete dumpf das Meer gegen die Küste Sturmouves. Der Hain wirkte um diese Stunde anders. Ruhiger. Älter. Als würde mit dem Schlaf der meisten Clanner etwas erwachen, das tagsüber still blieb.

Njalls Gedanken kreisten noch immer um die Holztafel, die Lykka mitgenommen hatte. Um die eingeritzten Linien und Zeichen, die er während ihres Gesprächs betrachtet hatte. Es war seltsam. Manche Gedanken wirkten fremd, bis jemand sie laut aussprach. Und plötzlich erschienen sie so selbstverständlich, als hätten sie schon immer dort gelegen.

Die Thyren bemalten ihre Haut seit Generationen. Vor der Jagd. Vor Schlachten. Zu großen Festen. Manche Zeichen standen für Ruhm, andere für Verlust, manche waren so alt, dass kaum noch jemand wusste, woher sie ursprünglich stammten. Doch niemals hatte der Rotschopf wirklich darüber nachgedacht, ob die Wächterahnen darin vielleicht mehr sahen als bloße Farbe.

Langsam hob er den Blick in die dunkle Krone des Ahnenbaumes. Das Rascheln der Blätter erinnerte ihn an seine ersten Monde als Hagvirkr. Damals hatte er geglaubt, die Ahnen würden alles sehen. Jeden Schritt. Jeden Gedanken. Inzwischen wusste er, dass es nicht so einfach war.

Die Ahnen waren da. Daran zweifelte er nicht.

Aber Nähe war nichts Selbstverständliches.

Sie musste verdient werden.

Vielleicht war genau das der Grund, weshalb Lykkas Gedanke sich so richtig angefühlt hatte. Nicht, weil die Bemalung selbst Macht besaß. Das tat sie nicht. Holunder blieb Holunder. Kohle blieb verbranntes Holz. Farbe blieb Farbe. Doch Bedeutung… Bedeutung trug Gewicht. Geschichten trugen Gewicht. Und wenn es etwas gab, das die Wächterahnen verstanden, dann waren es Geschichten.

Seine Finger strichen gedankenverloren über die kleine Federkette an seinem Handgelenk. Hildrefs Zeichen. Aufmerksamkeit. Orientierung. Das Erkennen des richtigen Pfades selbst dann, wenn Schnee und Sturm alles verschlangen.

Vielleicht waren die Bemalungen nichts anderes.

Keine Befehle an die Ahnen. Keine Mittel, um ihren Willen zu erzwingen. Sondern Wegweiser. Kleine Zeichen inmitten des Lärms der Lebenden.

„Sieh hierher.“

Der Gedanke ließ ihn für einen kurzen Moment schmunzeln.

Wie viele Stimmen mochten die Wächterahnen hören? Wie viele Bitten? Wie viele Namen? Vielleicht brauchte selbst ein Ahne manchmal etwas Vertrautes, an dem sein Blick hängen blieb. Linien, die an alte Taten erinnerten. An Schwüre. An Opfer. An die Thyren, die sie einst selbst gewesen waren.

Und wenn es funktionierte…

Er dachte an Schlachtenlärm. An Schildwälle. An Blut im Schnee und den dumpfen Klang von Trommeln. An Hagvirkr, die zwischen Verwundeten standen und die Namen der Wächterahnen gegen das Chaos schrien. Vielleicht konnten diese Zeichen wirklich helfen. Nicht weil sie mächtig waren, sondern weil sie verstanden wurden.

Doch ebenso dachte er an die andere Seite.

Daran, wie schwer es wog, jemanden bewusst vor die Augen eines Wächterahnen zu stellen. Nicht jeder Thyre war bereit dafür. Nicht jeder trug die Stärke eines Ahnen in sich, dessen Zeichen er auf der Haut trug. Man rief sie nicht grundlos und welche Konsequenzen es haben würde, wenn ein Wächterahn den Blick abwandte, konnte er nur vermuten. In seiner Ausbildung erwog er jeden Ruf genau und bisher schlug ihm lediglich Wohlwollen entgegen. Wie es wohl war, wenn man scheiterte?

Njall verzog leicht den Mund.

Das war keine Wunde, die ein Medizinweib verbinden konnte.

Er verstand nun besser, warum Lykka diesen Gedanken so lange für sich behalten hatte. Es war nicht bloß eine neue Idee. Es war Verantwortung. Die Art von Verantwortung, die schwerer wurde, je näher man den Ahnen kam.

Der Wind frischte etwas auf.

Langsam erhob sich der Wikrah und stützte sich auf seinen Speer. Für einen Augenblick blieb er still vor dem Ahnenbaum stehen, ehe er die freie Hand gegen die raue Rinde legte.

Nur kurz.

„Wenn wey falsch liegen…“, murmelte er leise in die Dunkelheit hinein, „…dann zeigt es uns.“

Für einen langen Moment blieb alles still.

Dann rauschten die Blätter über ihm.

Re: [MMT] Können sie es sehen?

Verfasst: Donnerstag 7. Mai 2026, 17:38
von Thorlav Hinrah
Thorlav saß noch am Feuer ihrer Kammer, als Lykka diese betrat. Die Flamme war tief heruntergebrannt, nur rote Glut lag noch zwischen verkohltem Holz und tauchte sein Gesicht in flackerndes Licht. Er sah auf, als sie näherkam, sagte aber nichts.

Er wartete.

Und Lykka sprach.

Sie erzählte ihm alles. Vom Ahnenbaum. Von Njall und Norwin. Von den Tafeln. Von den Symbolen. Aber vor allem von dem Gedanken dahinter. Nicht einfach Zeichen zu schaffen, sondern den Blick der Wächterahnen in bestimmten Augenblicken auf einen einzelnen Thyren zu lenken. Einen Krieger im Schildwall. Einen Verwundeten. Einen jungen Wächter in seiner ersten Nacht allein außerhalb der Grenzen. Einen Claner, dessen Geist im Begriff war zu brechen.

Als sie geendet hatte, blieb es lange still.
Thorlav ließ den Blick im Feuer ruhen. Seine Stirn war kaum merklich gefurcht. Nicht aus Zweifel. Sondern weil er das Gewicht ihrer Worte erkannte.
Schließlich sprach er.


Die Ahnen wachen über das Rudel.

Seine Stimme war tief, ruhig, wie immer ohne jede Hast.

Nicht über einzelne Namen. Nicht über einzelne Gesichter.

Er hob langsam den Blick zu ihr.

Das war immer unsere Stärke.

Er pausierte für einen Moment und erhob die Stimme dann erneut.

Jeder Thyre weiß, dass sein Leben Teil von etwas Größerem ist. Dass Schutz, Ehre und Opfer zuerst dem Rudel gehören… und erst dann ihm selbst.
Und genau deshalb "kann" dein Gedanke gefährlich sein.


Er formulierte die Worte nicht abweisend. Nicht hart. Nur ehrlich.
Dann griff er nach einem Stück Holz aus der Nähe des Feuers und drehte es langsam zwischen den Fingern.


Nicht weil die Ahnen einen Einzelnen nicht sehen dürften.

Begleitend zu den Worten schüttelte er sachte den Kopf.

Sondern weil wir entscheiden würden, wer gesehen werden soll.

Wieder eine kurze Pause.

Ein Hagvirkr, der einen Namen spricht, einen Wolf "zeichnet"… hebt diesen Claner für einen Moment aus der Menge.
Er sagt damit nicht nur dieser braucht Hilfe...


Dann hob er den Blick wieder und sah sie liebevoll aber durchaus ernst an.

Er sagt auch… diesen sehe ich zuerst.
Und wenn er falsch wählt…
…wenn er jemanden hervorhebt, der es nicht braucht, während anderswo ein Brottr fällt… dann trägt der Hagvirkr dieses Gewicht.


Er legte das Holz zurück in die Glut und musterte es kurz wie es von der restlichen Glut aufgenommen wurde und in einer kleinen Flamme verging.

Nicht nur vor dem Rudel.
Auch vor sich selbst.


Dann schwieg er einen Moment und schenkte ihr einen nachdenklichen Blick, bevor er weitersprach.

Und schlimmer noch… was, wenn die Ahnen nicht antworten?

Zum ersten Mal in diesem Gespräch lag etwas Dunkleres in seinem Blick.

Was, wenn ein Zeichen getragen wird… ein Name gesprochen wird… und nichts geschieht?

Er ließ die Frage bewusst bewusst für einen Moment in der Stille zwischen ihnen stehen.

Der Claner wird sich fragen, warum.
War er nicht würdig? Hat der Ahn ihn nicht erkannt? Hat er etwas getan, das ihn unsichtbar gemacht hat?

Thorlav schüttelte kaum merklich den Kopf.

Solche Fragen können einen Krieger tiefer schneiden als Stahl.

Er atmete ruhig aus und setzte erneut an, den Gedanken zuende zu führen.

Und der Hagvirkr?
Er wird sich fragen, ob die Ahnen seinen Ruf nicht hören wollten… oder ihm selbst nicht mehr zuhören.
Wenn das geschieht, verliert nicht nur ein Claner Vertrauen.


Seine Stimme blieb ruhig, aber jedes Wort hatte Gewicht.

Dann kann auch ein Hagvirkr beginnen, an seiner Verbindung zu zweifeln.
Darum reicht es nicht, nur zu prüfen, ob die Zeichen wirken.
Denn wenn ihr den Blick der Ahnen lenken wollt… dann tragt ihr nicht nur Hoffnung.
Dann tragt ihr auch jede Enttäuschung, die daraus geboren werden kann.


Nun wandte er sich gänzlich zu und suchte den Blick ihrer Augen mit einem Ausdruck von Wärme und Zuneigung in den Seinen.

Aber wenn jemand diese Last tragen sollte… dann jene, die gelernt haben, nicht nach Nähe, Liebe oder Ruhm zu wählen… sondern nach Pflicht.
Denn es ist keine kleine Gabe. Und keine kleine Last.


Abschließend beugte er sich nach vorne, gab ihr einen zärtlichen Kuss und machte Anstalten sich zu erheben.

Ich stehe hinter dir und eurem Vorhaben, als dein Kerl der daran glaubt, dass du nichts tust, ohne dass dein Herz und deine Pflicht in dieselbe Richtung zeigen.

Nun musste er unweigerlich Schmunzeln als er sich letztendlich erhoben hatte und zu den Fellen gegangen war. Der nächste Satz wurde von einem Blick über die Schulter begleitet.

Und weil ich aus eigener Erfahrung weiß, dass die Ahnen gut daran täten… auf dich zu hören.

Re: [MMT] Können sie es sehen?

Verfasst: Freitag 8. Mai 2026, 00:17
von Lykka Hinrah
Sie hatte nicht erwartet, dass er so lange schweigen würde.

Thorlav war kein Thyre der schnellen Worte, das wusste sie. Aber dieses Schweigen hatte ein eigenes Gewicht, und Lykka ließ es stehen, ohne es zu füllen. Sie beobachtete ihn, wie er ins Feuer sah, wie seine Stirn sich kaum merklich zog, und und sie kannte diesen Ausdruck. Draußen, vor den Augen des Rudels, wäre es anders gewesen. Dort war er der Jarl, und sie war die Ahnenruferin. Jeder trug seine Rolle, und das war richtig so. Aber hier, in dieser Kammer, mit dem wärmenden Feuer bei ihnen und niemandem sonst, der zuschaute, war er einfach Thorlav. Und das bedeutete, dass seine Worte zählten wie die keines anderen.

Und dann sprach er.

Sie unterbrach ihn nicht. Kein einziges Mal, obwohl ihr Gedanken auf der Zunge lagen. Seine Worte trafen sie nicht als Einwand, sondern als das, was sie wirklich waren: ehrlich. Ungeschönt. Genau das, was sie von ihm wollte und manchmal auch fürchtete. Denn er kannte sie. Besser als Norwin, der ihr Lehrmeister gewesen war. Besser als Njall, dem sie vertraute. Besser als jeder andere im Rudel.

Wer gesehen werden soll.

Der Satz blieb hängen.

Lykka merkte, dass ihre Finger sich um den Stoff ihres Ärmels geschlossen hatten, ohne dass sie es bewusst getan hätte. Er hatte etwas benannt, das sie selbst noch nicht in Worte gefasst hatte. Nicht weil es ihr nicht aufgegangen war, sondern weil sie es vielleicht noch nicht hatte aufgehen lassen wollen. Draußen hätte sie diese Lücke in ihrem eigenen Gedanken niemals zugegeben. Dort musste sie sicher wirken, geerdet, eine Thyrin die wusste, was sie tat, wenn sie die Ahnen rief. Aber hier konnte er ihr zeigen, wo sie noch nicht zu Ende gedacht hatte, und sie musste es nicht wegdrängen.

Was, wenn die Ahnen nicht antworten?

Das war der Gedanke, der sie traf.

Nicht weil sie daran zweifelte, dass die Ahnen hörten. Sie zweifelten nicht. Die Verbindung war real, das hatte sie oft genug gespürt. Aber zwischen hören und antworten lag etwas, das kein Hagvirkr erzwingen konnte. Und wenn ein Claner ein Zeichen trug und sich dennoch allein fühlte, wenn er sich fragte, ob er nicht würdig war, ob er unsichtbar geworden war vor den Augen der Ahnen...
Sie schluckte den Gedanken weg, aber er blieb.
Draußen hätte sie ihn begraben. Hätte weitergemacht. Hätte funktioniert.
Hier ließ sie ihn stehen.
Als Thorlav geendet hatte und sie ansah, mit diesem Blick, der gleichzeitig warm war und ernst, öffnete sie den Mund, schloss ihn wieder und atmete kurz aus. Es war keine Schwäche, das hier zuzulassen. Das hatte sie irgendwann gelernt, langsam, über viele solcher Abende. Es war das Gegenteil davon.

Du hast recht.

Sie sah kurz zur Seite, zum Kammerfeuer hin, wo das Holz tief heruntergebrannt war und nur noch ruhige Glut zwischen den verkohlten Scheiten lag.
Er hätte ihr zustimmen können. Hätte nicken und sagen können, dass es ein guter Gedanke war, dass sie es versuchen sollten. Viele hätten das getan. Aber Thorlav wusste, was sie brauchte, besser als sie es manchmal selbst wusste.

Nicht Bestätigung. Sondern Wahrheit.

Ich habe am Ahnenbaum gesessen und gedacht... wenn die Absicht rein ist, dann ist der Weg richtig. Aber du hast mir gerade gezeigt, dass reine Absicht allein nicht reicht. Dass es nicht ausreicht, gut zu wollen. Dass man auch stark genug sein muss, die Last zu tragen, wenn es schiefläuft.

Ihre Stimme war ruhig. Aber darunter lag etwas, das sie nur bei ihm zuließ. Etwas, das sie tagsüber, wenn das Rudel sie brauchte sorgfältig wegpackte.

Ich weiß nicht, ob ich das immer bin. Stark genug.

Den Kuss nahm sie an, ohne sich zu rühren, einfach nur da, für einen Moment. Und dann, als er aufstand und zu den Fellen ging und dieser letzte Satz über seine Schulter flog, hob sie die Augenbraue. Ein Schmunzeln ließ sich nicht verhindern.

Sie stand auf, warf einen letzten Blick in die heruntergebrannte Glut und folgte ihm.

Die Tafeln konnten bis morgen warten.
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Re: [MMT] Können sie es sehen?

Verfasst: Donnerstag 14. Mai 2026, 15:22
von Lykka Hinrah
Der Morgen war noch jung, als Lykka sich auf den Weg zum Ahnenbaum machte.
Die Luft hatte diesen Biss, der einen daran erinnerte, dass der Winter noch nicht ganz losgelassen hatte, und ihr Atem stand in kleinen Wolken vor ihr, während sie durch das Rudel ging. Sie hatte die sieben Holztafeln in einem Tuch zusammengebunden unter dem Arm, das Saxkniv am Gürtel. Im Kopf bereits die Frage, die sie seit Anfang an nicht mehr losließ.

Welches Zeichen für wen.

Am Ahnenbaum angekommen ließ sie sich zwischen den Wurzeln nieder, das Tuch neben sich, und sah eine Weile einfach nur in die Äste über ihr. Das Licht kam grau und weich durch das Geäst, noch kein richtiger Morgen, aber er würde bald anbrechen. Irgendwo weiter hinten im Wald rief ein Vogel, einmal, dann Stille.
Sie löste das Tuch und legte die sieben Tafeln nebeneinander auf die Wurzel neben ihr. Gutes Holz hatte sie sich aus der Händehütte geholt. Schwer, dicht, jede ein bisschen anders in der Maserung. Sie strich mit dem Daumen über die erste und dachte an Thorlavs Worte.

Die erste Tafel nahm sie in beide Hände und schloss für einen Moment die Augen.
Ekkehard Talfurson Hinrah
Der Krieger. Einer der voranging weil er wusste, dass es jemand tun musste. Drei Pfeiler. Nebeneinander, aufrecht, unerschütterlich. Stärke, Mut, Entschlossenheit. Und eine waagrechte Linie, die alle drei zusammenhielt. Symbolisch getragen von Führung. Und darunter sollten die Pfeiler zusammenlaufen. Standhaftigkeit.
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Sie ritzte die Linien in das Holz und spürte, wie das Saxkniv sauber durch die Faser glitt. Als sie fertig war, lehnte sie die Tafel gegen die Wurzel und betrachtete sie einen Moment. Dann legte sie sie beiseite und nahm die nächste.
Vjelis Birlasdottr Tryant
Das Medizinweib. Lykka saß still und wartete darauf, dass das richtige Bild kam. Nichts, was man erzwingen konnte. Sie ließ ihre Gedanken gleiten, nahm die Welt einfach nur wahr. Es war ein Tropfen, der sich schließlich festsetzte. Klein, kostbar, in der Mitte. Das Leben, das bewahrt werden wollte. Blut als Zeichen von Leben. Blut, ein hohes Gut. Thyren waren stolz darauf. Und um diesen Tropfen herum zwei Halbkreise, oben und unten, wie Hände die sich schlossen. Schützend. Haltend. Hände einer Thyrin die von Fürsorge und Heilung, ob seelisch, oder körperlich, sprachen.
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Sie ritzte langsam, sorgfältig, und als die letzte Linie saß, hielt sie die Tafel einen Moment gegen das Licht.

Sie streckte die Beine von sich, lehnte den Rücken an die Wurzel hinter ihr und ließ den Blick einen Moment durch den Wald gleiten. Die Bäume standen still. Das Licht wurde langsam wärmer, kaum merklich, aber es wurde. Irgendwo knackte ein Ast unter dem Gewicht von etwas, das sie nicht sehen konnte.
Sie richtete sich wieder auf und griff nach der dritten Tafel.
Hildref Levynsdottr Ulfert
Der Wolfsheuler. Zielbewusstsein. Aufmerksamkeit. Sie dachte an einen Wolf auf der Jagd, wie er den Blick hielt, wie nichts ihn ablenkte, wenn er einmal gewählt hatte. Ein Kreis, geschlossen und klar, für den Fokus der ihn getragen hatte. Und aus dem Kreis heraus ein Pfeil, der nach oben strebte. Wie ein Blick, der sich auf etwas geheftet hatte und nicht mehr losließ, bis es erreicht war. Zielstrebig.
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Das Saxkniv glitt sicher durch das Holz. Lykka bemerkte, dass ihre Hand ruhiger geworden war als noch bei der ersten Tafel. Als hätte der Ahnenbaum ihr etwas zurückgegeben, das sie am morgen noch nicht gehabt hätte. Fokus, Klarheit und Ruhe. Sie schüttelte kurz die Hand aus, öffnete und schloss die Finger einmal, dann griff sie nach der vierten Tafel.
Caris Lottrdottr Mandre
Die Skjerme. Lykka dachte an Feuer und Form, an das Rohe das durch Fähigkeiten und Fleiß zu etwas Neum wurde. Zwei Flächen die aufeinandertrafen, gespiegelt, symmetrisch, eine Raute deren Kanten gerade und gleichmäßig waren. Keine Abweichung, absolute Perfektion. Und dann noch durch die Mitte ein senkrechter Strich, durchgehend, ohne Unterbrechung. Der Fleiß, der nie aufgehört hatte.
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Sie blies die kleinen Holzspäne von der Tafel.

Irgendwo über ihr bewegten sich die Äste des Ahnenbaumes im Wind, ein leises Rauschen das kam und wieder ging. Lykka blieb einen Moment sitzen und hörte einfach hin. Es war einer dieser Momente in denen man einfach nur für den Moment anwesend war. Die Gedanken frei, ruhig, bereit für die nächsten Schritte.

Dann die fünfte Tafel.
Kjaln Lokisson Bunjam
Die Hofhand. Auch bei Kjaln kam das Bild nicht sofort, aber dann war es da und sie war sich sicher, es war das Richtige. Eine Ähre. Einfach und ehrlich. Unverkennbar für das Auge und den Sinn dahinter. Ein Stiel, gerade und fest, mit Ästen die sich nach oben öffneten wie eine Pflanze die wuchs. Leben, das aus der Erde kam. Ernte, die nicht von alleine einfach so entstehen würde, sondern etwas das aus Arbeit und Geduld und dem Wissen um die Jahreszeiten entstand. Kjaln hatte all das gekannt. Das Zeichen sollte es zeigen.
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Dann wandte sie sich der sechsten Tafel zu.
Narve Keldson Wikrah
Der Schamane. Traditionsbewusst, ruhig, besonnen, aber mit einem kleinen Witz. Lykka mochte den Gedanken daran, dass man, bei all dem was man war, sein wollte, oder musste, das Lachen nicht verlor. Ihr kam gleich der Gedanke für ein sehendes Auge, weit offen, mandelförmig. Einer der die Dinge sah wie sie waren ,manchmal verborgen, manchmal klar. So greifbar und doch so fern wie unsere Geister und Ahnen. Und durch die Mitte ein waagrechter Strich, ruhig und gerade. Nicht jeder würde es verstehen, aber er bestimmt. Es war das Zwinkern. Das kleine Augenzwinkern eines Kerls, der besonnen gewesen war und dennoch gewusst hatte, wann man lachen durfte.
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Sie hielt die Tafel einen Moment länger in den Händen als die anderen. Dann lehnte sie sie behutsam gegen die Wurzel.

Die letzte Tafel.
Bjork Frakokksson Sorcere
Der Skalde. Lykka musste beim Nachdenken unweigerlich schmunzeln. Ein Skalde trug Geschichten, webte sie aus Luft und gab ihnen Gewicht. Er stand in der Mitte von allem, was gewesen war, was ist und was noch kommen würde. Ein Kreis, der Skalde selbst, als Mittelpunkt. Und aus ihm heraus drei Linien, die in verschiedene Richtungen strebten. Vergangenheit. Gegenwart. Zukunft. Geschichten, die in alle Richtungen getragen wurden.
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Lykka legte das Saxkniv auf ihr Knie.

Vor ihr lehnten sieben Tafeln gegen die Wurzeln des Ahnenbaumes, eine neben der anderen. Sie saß still und betrachtete sie, eine nach der anderen, und ließ den Blick dann über alle gleiten. Sie waren ihrer Hand entsprungen. Sicherlich nicht perfekt, aber in einer klaren, symbolischen Botascht. Vielleicht musste es auch nicht perfekt sein. Die Wächterahnen waren auch keine vollkommenen Wesen gewesen. Sie waren Thyren gewesen, mit allem was dazugehörte.
Sie fuhr mit dem Finger die letzte Linie auf Bjorks Tafel nach und nickte einmal. Das mussten Njall und Norwin sehen...

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