Aus Schaden wird man klug?
Verfasst: Dienstag 5. Mai 2026, 22:47
Die Mauer muss weg!
Da war sie also. Als er sie das erste Mal gesehen hatte, war ihm nur ungläubig die Kinnlade runter gefallen. Der Schrein der Ehre war geschändet. Sichtbar. Spürbar. Nun gut. So weit, so "normal".
Aber DAS hier?!
Pilger konnten den Schrein der Geistigkeit nicht mehr betreten, weil diese Mauer da war. Durch die schwarzen Platten mit diesen kruden eingeritzten Zeichnungen sah sie auch noch übel abschreckend aus. "Das ist ein langsames Sterben..!", dachte er entsetzt. Diese Mauer musste weg. Wenn es nach ihm ging, hatten in den nächsten zwei Tagen hier Bündel von Priestern anzurücken, geschützt von Truppen, und die Schreine der Ehre und Geistigkeit wiederherzustellen - und auf dem Rückweg Grenzwarth anzuzünden!
"Das ist 'mein' Schrein!", dachte er wütend. Gut, Antorius hatte die Statuette erhalten. Aber das Licht? Brannte die Flamme noch? Die Laterne in der Kirche sagte: ja. Aber wie lange, wenn niemand den Schrein aufsuchte?!
Die nächsten Tage waren verplant, und er war es leid, zu warten - wenn er die Magie, die auf der Mauer lag, untersuchen wollte, musste er es heute Abend machen. Seitens des Konvents kam keine Anweisung. Seitens des Klosters keine Anfrage. Konnte doch nicht wahr sein! Wollten die erst nach einem Magier fragen, wenn sie mit der ganzen Priesterschaft wie Ochs davor standen, oder was? Vertrauten sie darauf, dass ihr Glaube sie vor Arkorithermagie schützte?
Er traf die üblichen Vorbereitungen, wenn es gefährlich werden mochte: Notiz im Anwesen hinterlassen, wann er für was wo hin wollte und an die gewohnte Stelle legen. Persönliche Sachen weg packen, so weit es ging.
Und dann los.
Schnuppernd näherte er sich dem Schrein. Sah sich sichernd um. Auch wenn der Schrein im Wald lag, waren nahe Wege doch recht frequentierte Routen hier. Schon seit einer Weile hatte er keine Probleme mehr, sich einem Eichhörnchen entsprechend auch zu benehmen, und so huschte er mal hier, mal dort hin, lief in Spiralen um den Stamm herum einen Baum hoch, sprang zum Ast eines Nachbarbaumes, ließ sich ein wenig Zeit...
Gute, hohe Position. Er kletterte an dem Ast der Zeder weiter nach außen und reckte die Nase nach vorn, sah durch die alten offenen Fensterbögen des eigentlichen Schreingebäudes. Ja. Die Flamme brannte noch. Erstes Ausatmen. Gut.
Position wechseln. Er begann, sich jeweils bequeme Sitzpositionen zu suchen, gut zwischen den Blättern oder Nadeln vor Blicken verborgen und die beiden schwarzen Platten jeweils genauer anzusehen.
Magie spüren, wenn er "Fiep" war? Kein Problem. Aber als Eichhörnchen?
Er wusste, dass er einen Teil seiner Konzentration darauf bewahren musste, in der Tiergestalt zu bleiben. Ein Teil, der nun fehlte und womöglich wichtig werden mochte, aber er wollte erstmal ja auch nur oberflächliche Blicke werfen. Also begann er, seine Sinne für das Lied zu öffnen... Mit viel zu intelligentem Blick, viel zu lange fixiert, sah das Eichhörnchen danach jeweils auf eine der beiden schwarzen Platten und auf die Mauer insgesamt:
Keine Kuppel.
Das war fast das erste, wonach er spürte und was ihm als erstes auffiel.
Wirklich? Kein "geschlossenes System", nicht mal ein "Flachdach", das an den Oberkanten der Mauer abgeschlossen hätte?
Nein. Nur die Mauer als solche war von Magie durchdrungen.
"Seid ihr bescheuert?", dachte er irritiert. Kurz nahm in ihm der Wunsch ungeahnte Ausmaße an, vom Baum einfach zum Dach des Schreins zu springen, runter zu klettern, sich zurück zu verwandeln und ne Runde zu beten. Er blinzelte. Der Kopf ruckte herum, als über einen der Wege ein gemächlich trabender Reiter zu hören war.
Nein. Weiter. Die Zeichen...
Äh...

Was war das? "Wissen die nicht, wie man ein Pentagramm richtig zeichnet?" Nun... das war ein sehr erheiternder Gedanke, aber leider reichlich unwahrscheinlich. Trotzdem bildete sich ein unguter Verdacht bei ihm:
"Wollen die uns nur verarschen? Ist das Illusion? Ein Trugbild? Abschreckung? Einfach die Mauer gefährlicher aussehen lassen, als sie ist, und sich darüber kaputt lachen, dass sich keiner heran traut...
Das wäre... eine herablassende Art, unser Streben nach Wissen zu verhöhnen... 'Die Temoris lassen sich von Kindergekritzel abschrecken, so wichtig kann ihnen ihr Schrein nicht sein'..." Der Gedanke hatte etwas Perfides. Dann auch noch diese überheblichen Initialien hier und dort an den Steinen... "Und es würde erklären, warum die Magie so dicht am Schrein Bestand haben kann: es ist quasi gar keine..."
Ernsthaft?! War das ein Trugbild?
Er musste entschlossener vorgehen. "Werd nicht unvorsichtig!" Er brauchte eine kurze Denkpause und musste sich in seine Rolle zurück finden, auch wenn er sich gleich zurück verwandeln wollte. Aber da lagen diese leckeren Nüsse... Mh, köstlich. Erst vom letzten Herbst. Noch perfekt geschlossen. Er genehmigte sich eine Stärkung, und ohne nachzudenken schnappte er sich die zweite und lief zu einem nahen Baumstumpf, um sie zu vergraben. Mitten im Graben hielt er inne. Keine zwei Meter neben ihm stand ein verdammtes schwarzes Pferd. Er huschte hinter den Baumstamm.
"Meine Nuss!"
"Pfeif auf die Nuss!!"
Er sah zu der schwarzen Gestalt auf dem Pferd. Weiblich. Robe. Schlangenabzeichen. Nein, um himmels willen, BLOSS nicht unvorsichtig werden! Zum Glück konnte ein Eichhörnchen nicht blass werden. Die Arkoritherin sah sich einen Moment wie gleichgültig um, ritt dann weiter. Fort. Er wartete noch etwas.
"Ich brauch ein gutes Versteck."
"Oben in der Zeder ist..."
"Ich brauch ein Versteck für MICH!"
Nein... in einem der Bäume sitzend ging leider nicht: die Birke vor der Ostwand war herzlich ungeeignet und zwischen den Nadeln einer Zeder wollte er als Mensch nicht sitzen. Er musste etwas abseits und nutze die Nähe eines Laubbaumes und vor allem mehrerer hoher Farne, um sich abzuducken und darauf zu konzentrieren, sich bereits in einer sitzenden Position zurück zu verwandeln. Bereit, sofort nach der Phiole mit dem Unsichtbarkeitstrank zu greifen, wenn nötig. Er schob die Krücken tiefer unter den Farn. Sicherte... niemand da. Gut.
Er konzentrierte sich also neu auf das Lied und nahm die Sache nun entschlossener in Angriff: WAS war das da vor ihm? Selbst im Lied sah es irgendwie nach einer Art Verwirrungszauber oder Illusionsmagie aus - leider war das nicht gerade sein Spezialgebiet. Aber diese "gruselig" oder "bedrohlich" aussehenden Schleier, die über allem lagen, gingen ihm langsam auf den Keks.
"Wie habt ihr das verankert, hm? Das ist schon erstaunlich genug, dass ihr Magie überhaupt hier in direkter Nähe eines klerikalen 'Ortes der Macht' verankert haben wollt, dass hier was stabil bestehen bleibt, das wundert mich eigentlich am meisten.
Ich muss bei Gelegenheit untersuchen, wie dieses Wechselspiel zwischen Magie und klerikaler Kraft genauer funktioniert, vielleicht ist Leandra dafür zugänglicher..
Egal jetzt.
Wo ist eure Quelle? Wenn man die entfernt, wär der Spuk vorbei." Er ließ sich genauer auf die Strukturen ein. Verzog das Gesicht und schluckte. Woah, diese dissonanten Töne! Aber... ja: Es sammelte sich tatsächlich in diesen seltsamen Symbolen. Und die Struktur der einen Platte war gar nicht Steinmauerwerk, sondern ähnelte eher .. Diamantstahl.. häh?
Die Quelle war nicht eine Quelle, sondern zwei: je eines der Symbole. Es war so verschleiert und verwoben, dass er in der Notwendigkeit, die Quellen klar zu erkennen, dieses 'Gewaber' wie lästige Spinnweben beiseite schob, um...
Fehler.
Im gleichen Moment, wie er klar erkannte, dass hier also der Ursprung des Übels lag, aktivierte sich: eines der Übel. Das wirrere der beiden Symbole leuchtete auf der arkanen Ebene auf, ihm quasi direkt ins Gesicht und versuchte, in seinen Geist einzudringen.
"Jeder Geist hat eine natürliche Abwehr." Und die von Magiern war noch geschult. Aber das hier... war gebündelt. Hier hatten zwei oder mehr, die von ihrem Fach wirklich etwas verstanden, sich zusammen getan und darauf vorbereitet, einen Geist wie seinen nieder zu zwingen!
Es war ein widerliches Gefühl, als er merkte, dass er dagegen nicht würde ankommen können. Als er seinen Verstand in eine Ecke zurück drängen lassen musste und über die äußeren Bereiche seines Denkens etwas anderes die Kontrolle übernahm.
Angst.
Sie fluteten alles mit Angst. Nein: Panik. Blankem Horror.
Die Schatten der Lichtung schienen sich lila zu verdichten. Schwarze Nebelschwaden kamen auf. "Das ist nicht echt...!" Er fühlte sich aber wie in dem Moment, als er außerhalb des Forts bei Grenzwarth zwischen der Palisade und der schwarzen Armee eingekeilt gewesen war und tatenlos zusehen musste, wie sich Skelette aus dem Boden gruben.
Nur...
hier waren es keine Skelette, die auftauchten, sondern sein niedergerungener Verstand machte selbst aus den harmlosesten Waldbewohnern (und wenig später unter anderem aus einem Kronritter) völlig andere Kreaturen...




