Mein Schlaf hätte Erleichterung bringen sollen, doch da war nichts, was man wirklich Schlaf nennen konnte. Nur ein langsames Treiben durch Leere, durch Reste von etwas, dass einmal Bedeutung gehabt haben muss. Bilder, welche zu Staub zerfielen, noch bevor ich sie greifen konnte. Stimmen ohne Worte. Erinnerungen ohne Form. Gesichter ohne Namen, ohne Bezug.
Als ich die Augen öffne, fühlt es sich falsch an. Nicht der Raum. Nicht die Stille. Ich.
Ein Atemzug hebt meine Brust, zu leicht, zu ruhig. Ich halte inne, zwinge mich zu einem weiteren, als würde ich prüfen wollen, ob ich mich irre. Doch da ist kein Widerstand, kein Ziehen, kein Drängen, das mich zwingt, mehr zu nehmen, mehr zu wollen. Keine Spur von jenem Hunger, der mich einst durch jede Regung begleitet hat. Kein Pochen, das mich antreibt, kein leises, unnachgiebiges Flüstern in der Tiefe meines Seins. Nichts.
Meine Finger krallen sich in den Stoff der Bettdecke, während ich den Blick auf meine Hände senke. Sie zittern nicht. Sie verlangen nichts und genau das ist es, was mir die Kehle zuschnürt. Da ist ein leerer Raum in mir, wo zuvor etwas war, das zu mir gehörte. Etwas, das gewachsen ist. Etwas, das ich stets versucht habe unter Kontrolle zu halten, etwas das ich nur selten hinaus lies. Etwas das immer da war, verlässlich, unnachgiebig. Ein Teil von mir, ob ich wollte oder nicht.
Ich erinnere mich nicht an den Moment, in dem es mir genommen wurde. Nur an dieses Ziehen. Dieses langsame, beinahe bedächtige Auseinandernehmen. Schicht um Schicht. Gedanken, Erinnerungen… immer mehr, immer tiefer. Etwas hat sich gewehrt. Es hat sich gekrümmt, gebissen, sich festgeklammert, während es fortgerissen wurde. Und ich habe es gespürt. Nicht als bloßen Verlust, nicht als Leere, sondern als Bruch. Als würde etwas aus mir herausgerissen werden, das mich getragen hat, selbst dann, wenn alles andere längst zerfallen wäre.
Einfach fort.
Ich schließe die Augen, doch selbst die Dunkelheit ist nicht mehr die Selbige. Sie ist flacher, stiller, weniger greifbar. Sie gehört mir nicht mehr so, wie sie es einst tat. Und doch… doch etwas ist geblieben. Kein Hunger. Keine Gier. Kein klarer Griff. Eher ein Rest. Ein Kern, der sich nicht hat lösen lassen. Als hätte etwas in mir Wurzeln geschlagen, die tiefer reichen als alles, was man mir nehmen konnte. Ich spüre es nicht wie zuvor. Es ist eine Bindung, zu tief, zu verankert um sie mir einfach zu entreißen.
Ich atme langsam aus. Das hätte mich zerreißen müssen. Alles an mir sagt mir, dass ich weniger bin als zuvor. Dass mir etwas genommen wurde, das mich über das hinausgehoben hat, was ich einmal gewesen bin. Und doch bleibt die Panik aus. Kein Aufbäumen, kein verzweifeltes Greifen nach dem, was verloren ging. Nur eine nüchterne, kalte Erkenntnis. Es wurde mir genommen und hat gleichsam dafür gesorgt, dass ich noch hier bin...so wie ich es sein sollte.
Mein Blick löst sich von meinen Händen und ich richte mich langsam im Bett auf. Er fällt auf den Teller mit der geschälten Orange. Für einen Moment zögere ich, dann greife ich danach und beiße vorsichtig hinein. Ich spüre die Frische der Frucht auf meiner Zunge, den Saft, der sich ausbreitet, den Duft, der in meine Nase steigt. Etwas so Einfaches. So klar.
Und für einen kurzen Augenblick heben sich meine Mundwinkel.
Ich schlucke und mein Blick fällt zur Tür.
Ich muss hier weg. Muss meine Erinnerungen wiederfinden, muss sie ordnen… muss mich ordnen.
Wer bin ich.
Wer war ich.
Und wer… werde ich sein.