Der Anfang anzufangen
Verfasst: Sonntag 15. März 2026, 19:24
15.03.269 - Berchgard, lausig kalt
Die kalte Luft in den Stallungen roch nach Heu, feuchtem Holz und diesem unverwechselbaren, beißenden Geruch nach Tier, der Fainche normalerweise sofort den Magen umdrehte. Allerdings war ihr an diesem Tag schon vorher flau im Magen gewesen, und der Geruch, der mit so vielen unangenehmen Erinnerungen verbunden war, mischte sich recht nahtlos in ihr allgemeines Unbehagen.
Vor ihr stand Marius‘ Rappstute. Noch so eine Erinnerung. Nicht an die Stute selbst, auch wenn sie bereits einmal über den Pferdekopf abgestiegen war. Aber an den Besitzer des Tiers. Den vorherigen Besitzer des Tiers – korrigierte sie sich in Gedanken. Das Tier war ein massiver, muskelbepackter Schatten in der Dämmerung der Box. Es schnaubte leise, ein Geräusch, das in Fainches Ohren ohrenbetäubend laut widerhallte.
Jeder Atemzug war ein brennender Riss. Die frischen Nähte unter ihrem Schulterblatt spannten grausam bei der kleinsten Bewegung, und ihr Schädel fühlte sich an, als würde der Schildschlag, der sie vor ein paar Tagen von den Beinen geholt hatte, noch immer im Sekundentakt gegen ihre Schläfen donnern. Die Welt verschwamm an den Rändern, das Licht schmerzte, aber sie rührte sich nicht vom Fleck. Sie blinzelte die Übelkeit der Verletzung stur weg.
Nur ein Schritt. Sie zwang ihren rechten Fuß nach vorn. Im selben Moment stieg die Panik in ihr hoch – dickflüssig und erstickend. Plötzlich war da wieder der Geschmack des Knebels im Mund. Das Gefühl des Metalls, das ihre Handgelenke unbarmherzig an den Sattelknauf geschnürt hatte. Die absolute, lähmende Ohnmacht aus der Kindheit und aus der Nacht vor nur wenigen Tagen verschmolzen zu einer Eisdecke, die ihre Gliedmaßen einfrieren ließ. Das Herz hämmerte ihr bis zum Hals, wilder als der Kopfschmerz. Ihr Instinkt schrie sie an, sich umzudrehen und zu rennen.
Doch Fainches rechte Hand steckte tief in der Tasche ihres Mantels. Ihre Finger schlossen sich unerbittlich um einen kleinen, scharfkantigen Stein, den sie vom Hof aufgelesen hatte. Sie presste zu. Härter. Die spitzen Kanten gruben sich in ihre Handfläche, durchschnitten die Taubheit der Panik mit einem glasklaren, stechenden physischen Schmerz.
Der Schmerz erdete sie. Er war real. Er war hier. Er holte sie aus der Erinnerung an ihre Handlungsunfähigkeit zurück in die Gegenwart.
Sie atmete zischend durch die Zähne ein, den Blick starr auf den muskulösen Hals der Stute gerichtet. Du bist nicht wehrlos. Du bist keine verdammte Fracht.
Noch ein Schritt. Das Holzmehl knirschte unter ihren Stiefeln. Die Stute drehte den massigen Kopf, die dunklen Augen fixierten Fainche, und die Ohren spielten nervös. Fainche blieb stehen, den Stein so fest umklammert, dass ihre Knöchel weiß hervortraten und Blut unbemerkt zwischen ihren Fingern hervorrann. Sie ließ dem Tier Zeit, ihre Anwesenheit zu akzeptieren, und sich selbst die Zeit, nicht vor dem warmen Atemhauch des Pferdes zurückzuschrecken.
Quälend langsam hob sie die linke Hand. Die Bewegung riss an der Wunde auf ihrem Rücken, als würde die Haut direkt zerreißen. Ein stummes Keuchen entwich ihren Lippen, Schweißperlen bildeten sich auf ihrer ohnehin blassen Stirn. Ihr Arm zitterte unkontrolliert – teils vor körperlicher Erschöpfung, teils vor der nackten, rohen Angst, die in ihren Adern tobte.
Als ihre Fingerspitzen schließlich das raue, warme Fell am Hals der Rappstute berührten, hielt Fainche den Atem an.
Das Tier schnaubte, senkte den Kopf ein wenig und ließ die Berührung zu. Fainche schloss die Augen. Die Anspannung in ihrem Körper war so gewaltig, dass ihre Knie weich wurden, doch ihre Hand blieb auf dem Hals des Pferdes liegen. Ein streichelnder, starrer Kontakt. Es war ein winziger, hochgradig ungeschickter Moment, der sie mehr Kraft kostete als ein stundenlanger Kampf. Aber sie stand. Und sie wich nicht zurück.
Die kalte Luft in den Stallungen roch nach Heu, feuchtem Holz und diesem unverwechselbaren, beißenden Geruch nach Tier, der Fainche normalerweise sofort den Magen umdrehte. Allerdings war ihr an diesem Tag schon vorher flau im Magen gewesen, und der Geruch, der mit so vielen unangenehmen Erinnerungen verbunden war, mischte sich recht nahtlos in ihr allgemeines Unbehagen.
Vor ihr stand Marius‘ Rappstute. Noch so eine Erinnerung. Nicht an die Stute selbst, auch wenn sie bereits einmal über den Pferdekopf abgestiegen war. Aber an den Besitzer des Tiers. Den vorherigen Besitzer des Tiers – korrigierte sie sich in Gedanken. Das Tier war ein massiver, muskelbepackter Schatten in der Dämmerung der Box. Es schnaubte leise, ein Geräusch, das in Fainches Ohren ohrenbetäubend laut widerhallte.
Jeder Atemzug war ein brennender Riss. Die frischen Nähte unter ihrem Schulterblatt spannten grausam bei der kleinsten Bewegung, und ihr Schädel fühlte sich an, als würde der Schildschlag, der sie vor ein paar Tagen von den Beinen geholt hatte, noch immer im Sekundentakt gegen ihre Schläfen donnern. Die Welt verschwamm an den Rändern, das Licht schmerzte, aber sie rührte sich nicht vom Fleck. Sie blinzelte die Übelkeit der Verletzung stur weg.
Nur ein Schritt. Sie zwang ihren rechten Fuß nach vorn. Im selben Moment stieg die Panik in ihr hoch – dickflüssig und erstickend. Plötzlich war da wieder der Geschmack des Knebels im Mund. Das Gefühl des Metalls, das ihre Handgelenke unbarmherzig an den Sattelknauf geschnürt hatte. Die absolute, lähmende Ohnmacht aus der Kindheit und aus der Nacht vor nur wenigen Tagen verschmolzen zu einer Eisdecke, die ihre Gliedmaßen einfrieren ließ. Das Herz hämmerte ihr bis zum Hals, wilder als der Kopfschmerz. Ihr Instinkt schrie sie an, sich umzudrehen und zu rennen.
Doch Fainches rechte Hand steckte tief in der Tasche ihres Mantels. Ihre Finger schlossen sich unerbittlich um einen kleinen, scharfkantigen Stein, den sie vom Hof aufgelesen hatte. Sie presste zu. Härter. Die spitzen Kanten gruben sich in ihre Handfläche, durchschnitten die Taubheit der Panik mit einem glasklaren, stechenden physischen Schmerz.
Der Schmerz erdete sie. Er war real. Er war hier. Er holte sie aus der Erinnerung an ihre Handlungsunfähigkeit zurück in die Gegenwart.
Sie atmete zischend durch die Zähne ein, den Blick starr auf den muskulösen Hals der Stute gerichtet. Du bist nicht wehrlos. Du bist keine verdammte Fracht.
Noch ein Schritt. Das Holzmehl knirschte unter ihren Stiefeln. Die Stute drehte den massigen Kopf, die dunklen Augen fixierten Fainche, und die Ohren spielten nervös. Fainche blieb stehen, den Stein so fest umklammert, dass ihre Knöchel weiß hervortraten und Blut unbemerkt zwischen ihren Fingern hervorrann. Sie ließ dem Tier Zeit, ihre Anwesenheit zu akzeptieren, und sich selbst die Zeit, nicht vor dem warmen Atemhauch des Pferdes zurückzuschrecken.
Quälend langsam hob sie die linke Hand. Die Bewegung riss an der Wunde auf ihrem Rücken, als würde die Haut direkt zerreißen. Ein stummes Keuchen entwich ihren Lippen, Schweißperlen bildeten sich auf ihrer ohnehin blassen Stirn. Ihr Arm zitterte unkontrolliert – teils vor körperlicher Erschöpfung, teils vor der nackten, rohen Angst, die in ihren Adern tobte.
Als ihre Fingerspitzen schließlich das raue, warme Fell am Hals der Rappstute berührten, hielt Fainche den Atem an.
Das Tier schnaubte, senkte den Kopf ein wenig und ließ die Berührung zu. Fainche schloss die Augen. Die Anspannung in ihrem Körper war so gewaltig, dass ihre Knie weich wurden, doch ihre Hand blieb auf dem Hals des Pferdes liegen. Ein streichelnder, starrer Kontakt. Es war ein winziger, hochgradig ungeschickter Moment, der sie mehr Kraft kostete als ein stundenlanger Kampf. Aber sie stand. Und sie wich nicht zurück.