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Blut von meinem Blut

Verfasst: Freitag 1. September 2006, 17:36
von Ariana von Wolfenfels
Ein Tropfen, silbrig und still zog seine Bahn über das matte Glas der Fensterscheibe. Der Morgen bahnte sich kühl seinen Weg, färbte den Horizont von einem tiefen, dunklem Blau zu Myriaden von Farbtönen. Verspielte Windböen ließen die Baumwipfel rauschen, brachten mit sich den ersten Gruß der kalten Jahreszeit. Die Schemen Varunas wurden nach und nach schärfer umrissen und das erste Leben begann sich auf den Strassen zu regen. Auch der Balkon des Gasthofes nahe der Ostmauer wurde von den ersten Strahlen der aufgehenden Sonne gekitzelt, woraufhin sich Arianas Wimpern senkten um die müden Augen zu schützen.

Trotzdem der vergangene Abend voll Gefahr, die Stunden hektisch und in Streit, Aufregung und Chaos verflossen waren, hatte der Schlaf in dieser Nacht ihr Bett gemieden. Sie hatte sich zwischen den Laken gewälzt, ruhelos und erschöpft. Ihr Geist ließ sich nicht zur Ruhe verleiten, die Gedanken rissen an der Vernunft wie unbändige Pferde. Erst als der Himmel sich aufzuhellen begann gab die junge Frau auf und setzte die bloßen Füße auf den Holzboden. Rasch in eine Hose und ihr weites Hemd geschlüpft, warf sie noch den Umhang um ihre Schultern und trat langsam auf den Balkon hinaus. Unter ihren Füßen überzog zarter Morgentau die Holzplanken und ließ einen Schauer über ihren Nacken laufen. Der Umhang wurde fester um die Schultern gezogen. Eine Hand fuhr mit einer müden Geste durch die rotbraunen Locken, die stets ihr Eigenleben zu bewahren schienen.

Einzelne Bilder tauchten vor ihren Augen auf, vergingen im Wandel der Gedanken wieder. Droyans zitternde Geste wie er vor dem Lethar im Staub der Strasse lag, eine Hand erhoben um den gefürchteten Streich abzuwehren. Die Angst in seinen Augen und ihre eigene Kraftlosigkeit. Die Wut, der Hass in ihrer Seele im Angesicht einer Macht die der ihren überlegen war.
Die hünenhafte Gestalt Leif Hinrahs, der die Aufmerksamkeit der dunklen Gestalten auf sich zog und ihnen so den Rückzug mit den letzten Resten ihrer Würde ermöglichte. Der Tiefländer hatte sie überrascht, die in Felle gehüllte Erscheinung ließ nicht die klugen, lebensweisen Ratschläge erwarten die er ihnen mit auf den Weg gegeben hatte.
Die strengen Züge ihrer Schwester, ihre rauchgrauen Augen die zu verstehen gaben das sie enttäuscht war. Enttäuscht von ihrem unvorsichtigen Verhalten und der instinktiven Verteidigung Droyans. In dieses Bild mischte sich die sonore Stimme ihres Vaters, der die alten Worte eines Treueides wiederholte.

Du bist Blut von meinem Blut, Fleisch von meinem Fleisch. Mein Arm soll dich schützen, mein Schwert dich verteidigen. Mein Geist soll deine Stütze sein, meine Treue sei ewig dein.

Die unbedingte Liebe zu ihrer Familie, das starke Band zwischen den Geschwistern war für Ariana stets etwas Selbstverständliches und doch ein Schatz – ein wertvolles Gut das um keinen Preis der Welt in Gefahr gebracht werden durfte. Und so schmerzte der Blick ihrer Schwester wie eine offene Wunde, streute Unruhe in ihrem Geist.

Mit einem Seufzen wandte sich Ariana wieder ihrem kleinen Zimmer zu. Die Türe zum Balkon ließ sie angelehnt, sollte die kalte Morgenluft doch die trüben Gedanken aus den vier Wänden vertreiben. Während sie ihre wenigen Habseligkeiten in dem Raum ordnete, in die Hand nahm, nach einem gedankenverlorenen Blick wieder abstellte, wanderte ihr Geist weiter. Die Ritterin von Elbenau erschien, ihr leuchtender Blick als ihr das Schwert wieder in die starken Hände gelegt wurde. Der Richter de Dynal, elegant und sicher in seinem Auftreten. Und schließlich ein blasses, von silbernem Haar umrahmtes Gesicht, der Ritter Llastobhar. Er hatte etwas an sich, das sie reizte ihn zu einem Lächeln zu bewegen. Sein Mund schien nicht dafür geschaffen ernst zu sein, und doch waren die Ereignisse der letzten Wochen nicht dazu angetan die Fröhlichkeit zu schüren.

Mit einer ungeduldigen Handbewegung verscheuchte sie die träumerischen Gedanken. Ein neuer Tag war angebrochen, es galt Kraft zu sammeln um ihm gegenüber zu treten.