Seite 1 von 3
[MMT]Der leere Posten an den Zinnen
Verfasst: Donnerstag 19. Februar 2026, 22:19
von Gregor Grann
Man weiß nur eines mit Gewissheit:
Gregor trat seine Nachtschicht in der Klosterwache nicht an.
Die Glocke schlug, die Posten wurden verteilt, und sein Platz auf dem Wehrgang blieb leer. Zunächst dachte man an eine Verspätung. Dann an Nachlässigkeit. Doch wer Gregor kannte, wusste, dass er seinen Dienst ernst nahm - vielleicht zu ernst.
Am selben Abend hatte man ihn gen Norden gehen sehen.
Ein junger Bursche vom Markt schwor, Gregor habe den Pfad eingeschlagen, der zu dem alten Schrein der Ilara führt. Allein. Ohne Begleitung. Ohne Fackel.
Was am Schrein geschah, weiß niemand.
Es gibt nur Gerüchte.
Eine Bäuerin behauptete, sie habe in der Dämmerung dunkle Gestalten zwischen den Bäumen gesehen - keine gewöhnlichen Räuber, sondern Frauen und Männer mit Haltung. Zu aufrecht. Zu geordnet.
Später in der Nacht, so erzählen es einige Kaluren im Schankhaus, sei an der Klamm eine kleine Gruppe vorbeigezogen. Fackeln flackerten im Wind. Zwischen ihnen ein Mann. Gefesselt, heißt es. Geführt. Sein Schritt unsicher.
Man wandte sich gen Westen.
Seitdem ist Gregor nicht zurückgekehrt. Und das Einzige, was bleibt, ist die Leere auf dem Wehrgang - und das Wissen, dass er seine Nachtschicht versäumte.
Re: [MMT]Der leere Posten an den Zinnen
Verfasst: Donnerstag 19. Februar 2026, 23:57
von Florence Lascari
*Als sie das mitbekommt in dem Bhir Schankraum nickt sie erst ein paar mal bedächtig, als sie den Kaluren von ihrem Gesehenen lauschte. Ein orakelnder Blick in ihren Humpen folgte, der mit bestens gebrannten Rum halbwegs gefüllt war, als enthielte er Antworten auf die vielen Fragen, die ihr seit einiger Zeit im Kopf herumschwirrten. Fragen, auf die es keine befriedigenden Antworten geben würde, wie über ihre Zukunft, das Leben, die Ungerechtigkeiten des Seins an manchen Tagen oder an welchem Tag Cirmias nach dem Bhir brauen auch das Schnaps Brennen ersonnen hatte.
Eines stand fest: Das musste ein guter Tag gewesen sein, immerhin mal eine weise Antwort in ihrem Kopf voller Ideen und Flausen.
Sie blinzelte langsam. Zweimal, dreimal, ehe sie sich zu den anderen Kaluren umdrehte*
Was sagt ihr da? Fackelträger, ein Gefangener an der Klamm vorbei auf dem Weg nach Westen?
*Eine Reihe mittlerweile sattelfest eingeübter Flüche in der Sprache des Berges folgten, als sie mit einer Hand flach auf den Tisch hieb*
Wie sahen die Kerle aus? Warum führen Leute so offen jemanden nach Westen hin ab? Ich will das sofort wissen! Meldet der Graik, sie sollen den Weg absperren, damit die Spuren nicht verloren gehen soweit es im Blickfeld der Türme der Klamm ist. Armbrustschützen Späher auf Beißern sollen das Gebiet absichern, ich habe keine Lust auf einen Überfall dabei.
Fragt die Schützen nach Spurenlesern und ich schick einen schnellen Boten zu Ramon, mir egal ob der jetzt schon schläft, es ist wichtig er soll sich das mit unseren Graiklern ansehen, die davon was verstehen. Sucht Tilda und Mithra, schlimmstenfalls lernen sie was dazu... Ach genau und Bericht danach an den Kal Khazad und an Rago!
Und jetzt guckt nicht wie Spitzohren die einen nackten Kaluren gesehen haben! Abmarsch und Ausführung, aye!
*Aber weil es so ist, nichts zu verschwenden tranken alle an den Tischen, die es betraf ihre Krüge leer und auch Florence Rum landete der Kehle entlang in ihrem Laderaum. So suchten sie Tilda, Ramon und Mithra und jeden der sich aus Neugier der Untersuchung anschließen wollte...*
Re: [MMT]Der leere Posten an den Zinnen
Verfasst: Freitag 20. Februar 2026, 00:40
von Lioras Ylais
Was die Armbrustschützen der Kaluren auf dem Nilzadan gesehen haben mögen, da der Gefangene - zwar geknebelt, aber fest entschlossen - und ein knappes Dutzend gerüsteter Reiter nun mal nicht leise waren, war eine verdächtig dunkle Uniform, bespickt mit signalrotem Stoff, der im wenigen Schein der Fackeln und Sterne wie eine Warnung gewirkt haben mag. Der einzig nicht Gerüstete wurde in Ketten gelegt von einer Reiterin hinter sich her gezerrt. Der Rest war wachsam und vorausschauend. Selbst wenn es also Bolzen geregnet haben sollte - auf die Gefahr hin, den Gefangenen zu treffen - dann waren Schilde am Arm parat, um das Schlimmste zu verhindern. Gesprochen hat so gut wie niemand. Meist nur besagte Reiterin, die den Gefangenen forsch dazu ermahnte, nicht zu trödeln und endlich den Mund zu halten. Und ja, ihr Weg führte sie tatsächlich weit in den Westen, bis sie irgendwann von der Dunkelheit der einbrechenden Nacht verschluckt wurden. Sie kamen aus Richtung Sumpf, wo sich vermutlich aufgrund des feuchten Bodens ihre Spuren alsbald verlaufen werden. Viele Möglichkeiten, wo sie jenseits dessen herkamen, gibt es allerdings nicht, liegt dahinter doch bloß Lichtenthal ...
Re: [MMT]Der leere Posten an den Zinnen
Verfasst: Freitag 20. Februar 2026, 10:01
von Tanara Vasai
Man hatte gehört, dass an jenem Abend der Appell der Garde geschlagen worden war.
Zehn Reiter verließen Rahal. Kein Aufmarsch. Kein Ruf. Ihr Weg führte sie zu den Schreinen der Ostler.
Am Schrein der Demut trafen sie auf ihn.
Gregor Grann.
Er stand bei den Schreinen und sprach sein Gebet. Als er bemerkte, dass sich die Reihen um ihn geschlossen hatten, brach er es ab.
Sein Blick ging über die Rüstungen. Hart. Prüfend.
Kurz legte er die Hand an seine Waffenscheide.
Er zog nicht.
Worte fielen dennoch. Scharf. Widerständig.
Auf Befehl des Hauptmanns wurde er gestellt. Er leistete Widerstand, erst mit Stimme, dann mit Körper. Tanara trat vor und nahm ihm die Waffe ab. Ein Schlag traf sein Gesicht. Keine Wut. Eine Entscheidung.
Gemeinsam mit Wachtmeister Edora drückte sie ihn zu Boden. In die Knie. Staub stob auf, Metall knirschte.
Er spannte sich noch einmal gegen den Griff.
Dann nicht mehr.
Handschellen schlossen sich um seine Handgelenke. Zwischen ihnen hing eine lange, schwere Kette.
An dieser Kette wurde ein Seil befestigt.
Das andere Ende band Tanara an ihren Sattel.
Dann wendeten die Pferde.
Zehn Gardisten ritten geschlossen zurück nach Rahal, so ruhig, wie es Hufe und Rüstung zuließen. Leder knarrte. Metall schlug gegeneinander. Wenn Gregor Grann ins Straucheln geriet, spannte sich die Kette hörbar.
Kein Überfall.
Kein Feuer.
Nur der Rückweg.
In Rahal führte man ihn in die Kommandantur. Seine Kleidung nahm man ihm ab. Man steckte ihn in die schlichte Gewandung eines Gefangenen. Die Zelle schloss sich hinter ihm.
Während andernorts von einem leeren Posten auf der Klosterwache gesprochen wird, sitzt Gregor Grann hinter Stein und Eisen.
Er ist nicht verschwunden.
Er ist in Rahal.
Re: [MMT]Der leere Posten an den Zinnen
Verfasst: Freitag 20. Februar 2026, 16:31
von Edora
Der Tross bewegte sich Routiniert aber die Anspannung war da.
Jeder Spürte das während sie sich so schnell bewegten wie es nur ging in Richtung Rahal.
Der Weg war lang und jeder erwartete einen Angriff doch es blieb ruhig.
Die Anspannung sank als sie das Tor der Stadt erreichten und sie sich wie eine Prozession auf den kürzesten Weg durch die Stadt bewegten.
Bewohner, Händler und Reisende die noch Unterwegs waren machten Platz und beäugten Neugierig Die Garde und die gefangene Person die sie führten.
Der Gefangene wurde in die Zelle gebracht und Durchsucht.
Routine und doch angespannt.
Erst als alles erledigt war und die Zellentür sich schloss und verriegelt wurde erlaubten die Gardisten sich kurz etwas zu entspannen.
Die einen gingen über in die normale Arbeit, die anderen gingen in den Dienstschluss und andere machten sich nach kurzen Ausruhen daran mit dem Schreibkram zu beginnen.
Re: [MMT]Der leere Posten an den Zinnen
Verfasst: Freitag 20. Februar 2026, 21:42
von Jynela Dhara
Der Abend hatte Rahal längst in jenes matte, blaugraue Schweigen gehüllt, das Städte nur dann tragen, wenn selbst der letzte Marktschreier begriffen hat, dass Worte gegen Dunkelheit keine Zinsen abwerfen.
In der Kommandantur brannte noch Licht.
Mal wieder.
Im oberen Arbeitszimmer saß Jynela, Hauptmann der Garde, Scharfschütze des Alleinen, und – wie es der Zufall oder eine schlecht gelaunte Gottheit gewollt hatte – auch diejenige die am Ende des Tages noch nach der Feder greifen musste um sämtliche Unannehmlichkeiten zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang niederzuschreiben.
Vor ihr lag der beschissene Bericht.
Neben ihr stand eine Kerze, die bereits mehr Wachs verloren hatte als mancher Idealist Blut. Und unter ihr knarrte der hölzerne Boden, als wolle er sie daran erinnern, dass selbst solide Dinge irgendwann nachgeben, wenn man nur lange genug darauf herum tritt.
Sie hatte den Umhang abgelegt.
Die schwarze Lamellenrüstung trug sie noch, die Metallplatten glänzten gedämpft im Schein der Flamme und sie drückte unangenehm gegen die Wunde, die durch den Ritt auch nicht besser geworden war. Sie vermied es tunlichst einen Blick unter den Verband zu werden, denn sie befürchtete Schlimmes.
Die Kapuze lag neben ihr, die Maske mit dem angedeuteten Panthermaul halb im Schatten. Ihre linke Hand ruhte ruhig auf dem Tisch, der fehlende kleine Finger wie stets ein stiller Kommentar zur Welt.
Demut.
Sie ließ das Wort in Gedanken kreisen wie eine Münze, die man wirft, ohne wirklich wissen zu wollen, auf welcher Seite sie landet.
Der Schrein der Demut im Osten war ein stiller Ort. Wind, Stein, ein Altar, der schon mehr Gebete gehört hatte als vernünftige Ratschläge und wo sich das Kerzenwachs irgendwelcher irrer Gläubigen über den Stein ergoss, als hätten sie geglaubt, man könne Demut in Litern messen. Und dort hatte er gestanden – Gregor Grann – inbrünstig, überzeugt, im Besitz der Wahrheit wie ein Händler im Besitz gefälschter Edelsteine: laut, selbstsicher und völlig immun gegen Zweifel.
Noch.
„Nur vor dem Licht mag ich auf die Knie fallen.“
Idiot.
Sie erinnerte sich an seine Stimme. An den trotzigen Glanz im einen noch nicht zugeschwollenen Auge. An die Art, wie er die Worte „Licht“ und „Wahrheit“ gebrauchte, als wären sie schwere Hämmer, mit denen man Realität einfach in die gewünschte Form prügeln konnte.
Menschen neigten dazu, ihre Götter für ausgesprochen parteiisch zu halten. Das machte den Alltag übersichtlich. Und blutig.
Sie hatte ihn knien lassen. Nicht aus Zorn. Nicht mal aus irgendeiner Laune heraus, sondern weil Worte allein bei Männern wie ihm ungefähr so wirksam waren wie höfliche Hinweise, bei einem Brand das Haus zu verlassen, bevor der Dachstuhl über einem zusammenbrach.
Demut, hatte sie gesagt, bedeute zu wissen, dass man sich irren kann.
Er hatte sie Hass geheißen. Umso besser?
Das war der Nachteil an Führung: Man wurde regelmäßig für die Summe fremder Entscheidungen verantwortlich gemacht. Und manchmal auch für deren Dummheit.
Sie lehnte sich zurück, betrachtete die Flamme.
Hätte sie ihn laufen lassen sollen?
Ihre Mundwinkel zuckten.
Die Frage war unerquicklich, weil sie keine dramatische Antwort kannte. Er war bewaffnet am Schrein eines fremden Glaubens erschienen. Hatte auf einen Paladin verwiesen, auf Befehle, die nicht aus Rahal stammten. In einer Zeit, in der Grenzwarth noch nicht lange zurücklag und Gerüchte schneller reisten als Pferde.
Zehn Reiter gegen einen.
Er hatte von Feigheit gesprochen.
Die Welt war seltsam darin, Zahlen moralisch zu bewerten. Ein Dutzend gegen einen war feige – es sei denn, man war der eine und hatte zufällig göttlichen Beistand in Aussicht gestellt bekommen.
Sie verzog kaum merklich die Lippen.
Hätte er mal nach Temora gerufen und nicht nur nach einem ihrer selbsterwählten Kinder mit etwas Gottesmacht versehen und wäre sie tatsächlich persönlich erschienen und hätte sie niedergeblitzt, hätte das zumindest Klarheit geschaffen.
Göttliche Interventionen hatten den Vorteil, dass sie Diskussionen abkürzten.
Meist endgültig.
Stattdessen hatte es nur Staub gegeben. Metall. Einen Schlag. Ketten.
Und seine Stimme, bis der Knebel sie erstickt hatte.
„Das Licht ist mit mir…“
Sie schloss kurz die Augen.
In ihrem Kopf klang das anders. Leiser. Nicht trotzig, sondern verzweifelt. Vielleicht bildete sie es sich ein. Vielleicht war es nur der Nachhall der Nacht. Führung bedeutete nicht, keine Zweifel zu haben. Führung bedeutete, sie sich nicht leisten zu dürfen. Und in dem Fall waren da Zweifel, wie tief sein Glaube wirklich reichte.
Zunächst würde er im Gardekerker sitzen. Stein war geduldig. Kälte ebenso. Und Zeit war bekannt dafür, die lautesten Überzeugungen auf Zimmerlautstärke zu bringen. Menschen neigten dazu, ihre Götter sehr viel inniger zu lieben, solange sie sich frei bewegen konnten.
Man ließ Dinge gern erst ein wenig schmoren, bevor man sie weiterreichte.
Sollte danach noch immer etwas von seinem trotzigen Licht übrig sein, würde man ihn dem Tempel übergeben. Der Tempel war alt, mächtig und von jener ruhigen Selbstgewissheit, die nur Institutionen entwickeln, die schon länger existieren als die meisten Argumente gegen sie.
Dort verstand man sich auf Glaubensfragen. Sehr gründlich sogar. Man pflegte zu sagen, der Tempel breche niemanden — er entferne lediglich alles Überflüssige, bis nur noch die Wahrheit übrigbleibe.
Es war erstaunlich, wie selten nach dieser Prozedur noch Widerspruch aufkam.
Und wenn sein Licht tatsächlich göttlicher Natur war, nun, dann würde es auch dort bestehen.
Falls nicht, würde der Tempel ihm gewiss helfen, eine passendere Dunkelheit zu finden.
Sie griff nach dem Bericht, überflog die nüchternen Zeilen: Festnahme ohne Verluste. Keine feindliche Intervention. Gefangener in Gewahrsam. Durchsuchung abgeschlossen.
Routine.
Das Wort war trügerisch. Routine war nur ein anderes Wort für „Heute ist niemand gestorben“. Und man gewöhnte sich erschreckend schnell daran, dankbar dafür zu sein.
Ihr Blick wanderte zum Fenster. Draußen lag Rahal ruhig da. Dächer, Türme, die dunkle Linie der Mauer. Menschen schliefen. Manche schnarchten. Manche träumten. Manche glaubten fest daran, dass irgendjemand über sie wachte.
Sie tat es.
Und manchmal bedeutete das, einen Mann an einen Sattel zu binden, damit er nicht mit einem Schwert in der Hand wieder auftauchte.
„Ihr kniet nicht aus Demut. Ihr kniet, weil ihr verloren habt.“
Die Worte hatten kalt geklungen. Das wusste sie. Sie hatte gewollt, dass sie kalt klangen.
Aber jetzt, allein im Zimmer, fragte sie sich, ob er irgendwann begreifen würde, was sie gemeint hatte. Dass Niederlage eine Gelegenheit sein konnte. Dass Knien nicht immer Unterwerfung bedeutete. Manchmal war es der erste Schritt, um aufzustehen – diesmal mit offenen Augen.
Oder er würde es nicht begreifen.
Die Welt war reich an Menschen, die lieber im Irrtum brannten, als im Zweifel zu frieren.
Sie strich mit der Hand über die Tischkante, langsam, nachdenklich. Die Narbe an ihrem Hals spannte leicht, als sie den Kopf neigte. Eine Erinnerung daran, dass Überzeugung auf beiden Seiten Klingen führte.
Vielleicht, dachte sie trocken, wäre es einfacher, wenn Götter bei der Erschaffung des Menschen ein kleines, magisches Licht eingebaut hätten, das rot aufblinkte, sobald man im Begriff war, etwas Unwiderrufliches zu tun.
Eine Art göttlicher Warnhinweis: „Achtung. Sie handeln gerade aus Stolz. FALSCH!“
Das hätte allerdings die Hälfte aller Heldengeschichten verhindert.
Und vermutlich auch die Hälfte aller Beerdigungen.
Sie griff nach der Feder.
Unter den offiziellen Bericht setzte sie eine zusätzliche Notiz – nicht für die Archive, sondern für sich.
Befragung persönlich führen. Motive klären. Keine öffentliche Vorführung.
Die Feder kratzte leise.
Draußen schlug irgendwo eine Tür. Schritte hallten durch den Korridor. Leben ging weiter, unbeeindruckt von philosophischen Überlegungen über Wahrheit und Knie.
Sie löschte die Kerze.
Im Dunkeln blieb nur ein letzter Gedanke, so trocken wie Staub auf einem Schrein:
Wenn das Licht wirklich mit ihm war, dann würde es ihm vielleicht im Kerker ein wenig Gesellschaft leisten.
Und wenn nicht — dann würde Rahal sich seiner annehmen. Gründlich.
Re: [MMT]Der leere Posten an den Zinnen
Verfasst: Samstag 21. Februar 2026, 00:25
von Edora
Die Stunden Vergingen und immer wieder gingen Wachen an den Zellen ein und Aus.
Blieben stehen, beobachteten ihn und gingen wieder.
Andere kamen und gaben zu gewissen Zeiten Trockenes Brot und etwas Wasser.
Nicht mehr. Nicht weniger als jeder andere Gefangene.
Trotz allem blieben sie Wachsam und schauten nach Veränderungen und Auffälligkeiten in der Zelle.
Auch die mit dem einem Toten Auge und Asche farbenden Haar.
Ihre besuche waren regelmässig wenn auch immer unterschiedlich aber ihre Miene blieb Kalt.
Leise schabte Metal auf Metall der schwarzen Rüstung während sie sich bewegen.
In der Nacht als er Schlief legte sie etwas durch das Gitter in die Zelle.
Ein schwarzes Buch völlig unscheinbar ohne Protz einfach schlicht.
Kein Besondere Gestaltung nichts was es als Wertvoll ausmacht ausser die Worte "Die 10 Gebote" die von Hand drauf geschrieben wurde.
Dazu einen Zettel hauch dünn und gerade so gross genug für die Worte "lest und lernt zu verstehen" .
Dann ging Sie wieder und verliess den Raum
Re: [MMT]Der leere Posten an den Zinnen
Verfasst: Samstag 21. Februar 2026, 12:44
von Nathaniel Dumont
Die Glocke des Klosters von Schwingenstein hallte schwer über den Innenhof, als Nathaniel seinen Dienst antrat. Der Wind strich kalt über die Zinnen, trug den Duft von nassem Stein heran.. Die Posten wurden verteilt, Worte gewechselt, Schritte verhallten auf dem Wehrgang.
Nathaniels Blick jedoch blieb an einer Stelle hängen.
Gregor fehlte.
Kein verspäteter Schritt auf der Treppe. Kein knappes Nicken zur Begrüßung. Kein prüfender Blick über die Zinnen, wie er es stets tat, bevor er sein Schweigen für die Nacht wählte.
Nathaniel wusste es im selben Moment.
Das war nicht gewöhnlich.
Gregor war kein Mann, der Pflichten vergaß. Er lebte für den Dienst in der Klosterwache von Schwingenstein. Er selbst war der Letzte, der seinen Posten ohne Wort oder Zeichen verließ.
Hatte ihn jemand abberufen?
Unwahrscheinlich – eine solche Anweisung wäre bekannt gemacht worden.
War er erkrankt?
Gregor hätte Meldung gemacht, selbst wenn er kaum hätte stehen können.
War er in Streit geraten?
Auch dann hätte er sich gestellt, nicht entzogen.
Als die Tinte getrocknet war, wirkte Nathaniel ruhiger – nicht, weil seine Sorge geschwunden wäre, sondern weil er gehandelt hatte.
Gregor hätte nicht geschwiegen, wenn ein Bruder fehlte.
Und Nathaniel würde es ebenso wenig tun.
Nein.
Gregor würde die Klosterwache nicht wortlos im Stich lassen.
Je länger sein Platz leer blieb, desto schwerer legte sich die Gewissheit auf Nathaniels Herz: Etwas hatte ihn aufgehalten. Etwas, das stärker war als Pflichtbewusstsein und Disziplin.
Nathaniel ließ den Blick über die dunklen Wälder schweifen, die sich jenseits der Mauern erstreckten. In der Ferne zeichnete sich nur Schatten ab. Doch in diesen Schatten mochte sich mehr verbergen, als das Auge erkennen konnte.
Er kannte Gregor gut genug, um zu wissen – sollte er gegangen sein, dann nicht aus Nachlässigkeit. Sondern aus Notwendigkeit. Oder unter Zwang.
Die Unruhe ließ Nathaniel nicht los.
Noch während die Nachtwache lief und der Wind über die Mauern von Schwingenstein strich, fasste er einen Entschluss. Schweigen würde Gregor nicht zurückbringen – doch Worte konnten Bewegung schaffen.
Im Wachhaus der Klosterwache setzte er sich an den groben Holztisch, zog Pergament heran und tauchte die Feder in Tinte. Noch in der selben Nacht, ließ er ein Schreiben im Wachhaus zurück. Ein zweites Pergament war für die Geweihten bestimmt. Schließlich bereitete er ein drittes Schreiben vor – für das Regiment.
Re: [MMT]Der leere Posten an den Zinnen
Verfasst: Samstag 21. Februar 2026, 21:08
von Gregor Grann
Stein spricht nicht. Aber er zwingt einen, die eigenen Gedanken laut zu hören.
Die Stunden hier sind gleichförmig. Schritte im Gang. Metall auf Metall. Brot. Wasser. Blicke durchs Gitter. Manche neugierig. Manche kalt. Manche prüfend.
Ich weiß nicht, was sie von mir wollen.
Hauptmann Jynela Dhara kam selbst.
Sie sprach wenig. Fragte wenig. Doch ihr Blick wog schwerer als jede Frage. Nicht Hass. Nicht Spott. Eher ein Abtasten. Als suche sie etwas unter der Oberfläche - oder als warte sie darauf, dass etwas bricht.
Ich weiß nicht, was sie in mir sieht... von mir will.
In der Nacht lag ein schwarzes Buch in meiner Zelle. Schlicht. Ohne Zier. „Die 10 Gebote“ stand darauf. Dazu nur die Worte: Lest und lernt zu verstehen.
Ich stieß es fort mit dem Fuss - und ich bete.
Ich bete zu Temora. Nicht um Befreiung. Nicht um Triumph.
Ich bitte sie um Klarheit. Wenn Stolz in mir ist, soll sie ihn mir zeigen. Wenn Irrtum in mir wohnt, soll sie ihn benennen. Und wenn Standhaftigkeit gefordert ist, soll sie mich nicht wanken lassen.
Ich spreche auch zu den Heiligen Sieben.
Zu jenen, die litten, ohne ihren Glauben zu verkaufen. Zu jenen, die Zweifel kannten und dennoch nicht in Bitterkeit versanken. Ich bitte sie nicht um Wunder. Nur um Maß. Um Geduld. Um die Fähigkeit, nicht aus Trotz zu handeln.
Eine Weile später nahm ich das Buch doch zur Hand.
Ich schlug es auf.
Las.
Seite um Seite.
Worte über Gehorsam. Über Treue. Über eine Wahrheit, die sich selbst genügt und keinen Widerspruch duldet. Gebote, die sich als Licht ausgeben und doch nur Schatten werfen.
Ich las bis zum Ende - dann klappte ich es zu.
Wenn dies das „Verstehen“ sein soll, das man mir anbietet, dann ist es kein Verstehen, sondern ein Tauschhandel: Gewissen gegen Gehorsam. Zweifel gegen Stille.
Ich lege das Buch beiseite.
Es ist kein Licht darin.
Nur Anspruch.
Mein Gebet aber ist nicht verstummt.
Re: [MMT]Der leere Posten an den Zinnen
Verfasst: Montag 23. Februar 2026, 17:04
von Jynela Dhara
Der Ritt zurück nach Rahal war schneller gewesen als vernünftig, was Jynela nicht weiter störte, da Vernunft im Allgemeinen ein überschätztes Gut war – besonders wenn sie Zeit kostete.
Später würde sie es vielleicht bereuen.
Der Wind hatte an ihrem Mantel gezerrt, Bajard war hinter ihr versunken, der Rittersee hatte geschwiegen wie alle Gewässer, die mehr gesehen hatten, als sie preiszugeben gedachten.
Und nun saß sie wieder an ihrem Schreibtisch in der Kommandantur. Ihr Körper schrie nach Ruhe, ihre Seite brannte von dem rücksichtslosen Ritt, doch Müdigkeit war ein Luxus, den sie sich angewöhnt hatte zu ignorieren.
Die Tür war geschlossen. Die Kerze brannte ruhig.
Vor ihr lag das Bündel Briefe, das sie aus der Truhe im Gasthaus am Rittersee gezogen hatte – beinahe enttäuschend leicht für etwas, das vermutlich schwer wiegen würde.
Sie lagen ausgebreitet vor ihr wie ein unscheinbares Kartenspiel, dessen Wert sich erst offenbarte, wenn man wusste, worauf man achten musste. Das Papier war einfach, kein bedeutendes Siegel, die Handschrift ordentlich, beinahe bemüht korrekt. Nichts daran schrie nach Verschwörung. Nichts nach Hochverrat. Nichts nach jener dramatischen Wichtigkeit, mit der junge Männer ihre Bedeutung zu unterstreichen pflegten.
Gregor war kein Drahtzieher.
Das war klar.
Er war nicht der Mann, der Pläne schmiedete. Er war derjenige, der glaubte, Teil eines großen Plans zu sein, ohne je zu fragen, wer ihn entworfen hatte. Loyalität aus Überzeugung war selten. Loyalität aus Bedürfnis hingegen ausgesprochen häufig.
Gregor Grann.
Zweiundzwanzig Jahre alt.
Und doch klang er wie ein alter Prediger, der sein eigenes Echo für Weisheit hielt. Mit zweiundzwanzig verwechselte man Überzeugung gern mit Erfahrung. Der Irrtum hielt gewöhnlich genau so lange, bis jemand mit tatsächlicher Erfahrung beschloss, ihn zu prüfen.
Sie lehnte sich zurück. Ihre linke Hand ruhte auf der kalten Tischplatte, der fehlende kleine Finger zeichnete sich im Kerzenschein als vertraute Lücke ab. Kein heroisches Opfer. Keine Schlacht.
Eine Orange.
Sie war elf gewesen. Vielleicht zwölf. Alt genug, um Hunger zu kennen, jung genug, um zu glauben, Schnelligkeit ersetze Vorsicht. Sie hatte nicht besonders geschickt gestohlen. Nur schnell.
Der Oberst war schneller gewesen. Er hatte sie gepackt, ihre Hand auf den Tisch gedrückt und entschieden, dass ein Beispiel lehrreicher sei als ein Gespräch. Die Orange landete im Dreck. Ihr Finger daneben.
Damals hatte sie verstanden, was Macht bedeutete. Nicht Gerechtigkeit. Nicht Moral. Entscheidung.
Später hatte sie begriffen, dass Männer wie jener Oberst sich gern Hüter der Ordnung nannten. Erstaunlich, wie viele Menschen Ordnung liebten – solange sie bestimmten, wer darunter zu liegen hatte.
Überzeugungen waren schön, solange man sie sich leisten konnte. Hunger war ehrlicher.
Vielleicht war das der Unterschied zwischen ihr und Gregor. Er hatte sich dem Glauben zugewandt, um Halt zu finden.
Sie hatte gelernt, dass Halt etwas war, das man sich selbst verschaffte – notfalls mit einer Fingerbreite weniger.
Und deshalb wusste sie, wie man Fragen stellte.
Die meisten Menschen logen nicht aus Raffinesse. Sie logen, weil sie glaubten, man stelle die falsche Frage. Auf der Straße hatte niemand Zeit für lange Verhöre. Die erste Antwort war selten die Wahrheit – sie war die gewünschte Version. Die zweite war vorbereitet. Interessant wurde es bei der dritten, wenn man die Frage verschob.
Nicht: „Warst du dort?“
Sondern: „Wer hat dich gesehen?“
Nicht: „Kennst du ihn?“
Sondern: „Seit wann?“
Schweigen war wirksamer als Drohung. Wer sich im Gespräch sicher fühlte, begann zu reden. Und wer reden wollte, verriet sich.
Gregor hatte nicht gelogen. Er war nur so sehr bemüht gewesen, standhaft zu wirken, dass er vergaß, vorsichtig zu sein. Menschen, die sich moralisch im Recht wähnten, hielten Verschwiegenheit für unnötig. Tugend, so glaubten sie, brauche keine Tarnung.
Das war der Unterschied zwischen Fanatikern und Strategen:
Fanatiker glaubten, Worte seien Waffen.
Strategen wussten, dass Worte Türen öffneten – manchmal die falschen.
Und Strategie war ihre Stärke.
Den Raum zu verlassen, Ylais übernehmen zu lassen, draußen einen Glimmstängel zu rauchen und zu wissen, dass der Bruch sich von selbst vertiefte – das war keine Manipulation. Es war Taktik. Sie und Ylais funktionierten gut zusammen. Nicht überraschend. Überraschend war nur, wie wenig es gebraucht hatte.
Und so bekam sie auch schnell eine Antwort, die ihr genau das gab, wonach sie gesucht hatte. Sie hatten ihm Schlüssel abgenommen. Jene waren für ein Zimmer im Gasthaus am Rittersee.
Sie schmunzelte trocken.
Wenn der Osten tatsächlich auf die Idee käme, eine Auswahlprüfung für seine Klosterwachen einzuführen, wäre „Verschwiegenheit“ vermutlich ein Fach, das Gregor wiederholen müsste. Mehrfach.
Er hatte sich für standhaft gehalten und war dabei gesprächig geworden.
Sie hatte die Herberge betreten wie so oft: ohne Rüstung, ohne Wappen, mit anderer Kleidung, einem anderen Aussehen, mit einem Lächeln, das nichts versprach und alles verbarg. Der Wirt war höflich gewesen. Man bekam dort Besuch, sagte man sich. Gasthäuser waren bemerkenswert flexible Orte. Moral war dort meist optional, Diskretion hingegen im Preis inbegriffen.
Und manchmal braucht man auch nur ein kleines bisschen Glück, denn der Schlüssel hatte direkt in die erste Tür gepasst.
Sie durchsuchte das Zimmer mit der Ruhe einer Frau, die wusste, dass Hast Spuren hinterließ. Wenig Persönliches. Ein sauber gefaltetes Hemd. Ein Gürtel. Die Uniform der Klosterwache – sorgsam gelegt, als hinge daran mehr als Stoff.
Sie hatte gezögert. Nicht aus Respekt. Sondern aus Kalkül.
Eine verschwundene Uniform wurde bemerkt.
Und dann hatte sie das Bündel gefunden.
Briefe, gebunden mit einem einfachen Band. Keine große Versiegelung. Keine dramatische Geheimhaltung. Das Gefährlichste an ihnen war vermutlich, dass ihr Verfasser geglaubt hatte, sie seien harmlos. Menschen glaubten oft, Harmlosigkeit sei eine Eigenschaft von Dingen. Dabei war sie meist nur eine Frage der Perspektive.
Sie hatte sie eingesteckt und war gegangen, als unten eine Tür geschlagen hatte.
Keine Heldentat. Kein Sprung aus dem Fenster. Kein dramatisches Entkommen über Dächer. Nur Schritte im Flur, ein Atemzug weniger, ein Mantel enger gezogen, ein Nicken zum Wirt. Man musste nicht immer rennen, um zu entkommen.
Manchmal genügte es, auszusehen, als gehöre man dorthin.
Jetzt lagen die Briefe vor ihr und boten so viele Möglichkeiten.
Gregor war kein Verschwörer und auch kein Drahtzieher. Er war ein Werkzeug. Und Werkzeuge hatten den unschönen Nachteil, dass sie selten merkten, in wessen Hand sie lagen.
Sie dachte an ihn im großen Saal, wie er den Hähnchenschenkel mit fast kindlicher Gründlichkeit abnagte, während er von Ilara sprach. Von Demut. Von Hochmut seines Vaters. Von der Schwertmaid.
Er glaubte wirklich. Das war das Problem.
Zyniker waren einfacher. Die konnte man kaufen. Fanatiker konnte man einschüchtern.
Aber junge Männer, die Halt suchten und ihn in einer Tugend fanden, die sie nie selbst geprüft hatten, die waren komplizierter.
Der Osten wusste bereits von seinem Verschwinden. Natürlich wusste er es. Ein junger Wachmann tauchte nicht einfach nicht zur Nachtschicht auf, ohne dass jemand zählte.
Noch war er das Ass in ihrem Ärmel und nur eine Bewegung im Stuhl erinnerte sie schmerzhaft daran, wofür sie diese Karte nutzen würde.
Doch die Zeit rann ihr zwischen den Fingern davon. Alles was sie tun musste war, sich auf ihre Stärken zu verlassen.
Sie hatte nicht laut gesprochen, nicht gedroht, nicht einmal die Stimme gehoben — und doch hatte sie ihn dort unten in wenigen Sätzen sauber auseinandergelegt wie ein Uhrwerk, dessen Zahnräder man prüfend nebeneinander ausbreitet. Herkunft. Rang. Bedürfnis nach Ordnung. Angst vor eigenem Denken. Sie hatte nichts erfunden. Sie hatte nur zugehört — und ihm anschließend erklärt, wer er war. Manche Menschen führten Verhöre mit Druck.
Andere mit Drohungen.
Jynela hingegen stellte ein paar Fragen, lehnte sich zurück und ließ den Betroffenen anschließend staunend dabei zusehen, wie sie aus seinen eigenen Antworten eine vollständige Biografie zusammensetzte. Es war ein Kunststück, das sicher nichts mit Magie zu tun hatte als mit Menschenkenntnis, Intuition und vor allem Aufmerksamkeit, eine Fähigkeit, die erstaunlich selten war in einer Welt, in der jeder lieber sprach, als zuzuhören.
Und in dem Moment in dem er schwieg, begriff er es selbst: Nicht sie hatte ihn entblößt.
Er hatte es getan.
Sie hatte lediglich das Licht gehalten.
Er spürte es.
Man sah es an dem Moment, in dem seine Schultern sanken — nicht aus Trotz, sondern aus Erkenntnis. Sie hatte nichts erzwungen. Er hatte sich selbst offenbart.
Es ist kein besonders angenehmes Gefühl, wenn jemand einen besser versteht, als man sich selbst. Menschen neigten in solchen Momenten dazu, beleidigt zu reagieren. Nicht, weil sie widerlegt worden waren – sondern weil sie ertappt worden waren.
Gregor Grann war nicht anders.
Sie stand auf, trat zum Fenster. Rahal lag ruhig da, Lichter in der Dunkelheit, Türme wie schwarze Finger gegen den Himmel.
Alatar verlangte Klarheit. Keine blinde Gefolgschaft. Keine lautstarke Ehre.
Klarheit.
Und Klarheit bedeutete, einen jungen Mann nicht nur zu brechen – sondern zu verstehen, wo genau die Risse bereits verliefen, wenn denn dort welche sein sollten.
Gregor hatte keinen Vater gekannt, nur dessen Schatten. Er hatte Demut gepredigt, während er gleichzeitig glaubte, auserwählt zu sein. Das war kein Widerspruch, wenn man es nie gelernt hatte, Fragen zu stellen.
Sie kehrte zum Schreibtisch zurück und setzte sich.
Aber vielleicht, dachte sie, vielleicht konnte man ihm zeigen, dass Denken kein Verrat war.
Dass Demut bedeutete, die eigenen Begrenzungen zu erkennen – nicht sie mit Parolen zu übertönen.
Sie nahm die Feder in die Hand, ein neuer Eintrag im Bericht, eher knapp.
Zimmer am Rittersee durchsucht. Schriftverkehr gesichert. Hinweise auf Wachstruktur des Klosters. Weiter prüfen.
Sie hielt inne. Dann fügte sie hinzu:
Gefangener reagiert auf Anerkennung. Ansatzpunkt: Vater. Tugend der Demut als Hebel.
Man hätte es auch „Manipulation“ nennen können. Jynela nannte es lieber „präzise Gesprächsführung“. Worte waren schließlich Werkzeuge. Und Werkzeuge waren nur dann unmoralisch, wenn man sie schlecht benutzte. Sie benutze sie nach den Geboten des Herrn und ja, sie zelebrierte das regelrecht.
Im Kerker würde Gregor jetzt vermutlich beten.
Um Licht.
Um Beistand.
Um Standhaftigkeit.
Sie schloss die Mappe.
„Nutzt euer verdammtes Hirn“, waren ihre letzten Worte gewesen, bevor sie ging.
Eine Provokation.
Denn nichts war für ein System gefährlicher als ein Gläubiger, der merkte, dass die Antworten nicht immer von dort kamen, wo sie behaupteten, ihren Ursprung zu haben und dass jene Antworten, die man ihm jahrelang eingetrichtert hatte, vielleicht weniger göttliche Wahrheiten waren als sorgfältig polierte Behauptungen.
Re: [MMT]Der leere Posten an den Zinnen
Verfasst: Dienstag 24. Februar 2026, 10:05
von Gregor Grann
Als die Tür wieder ins Schloss fiel und die Schritte im Gang verhallten, blieb Gregor noch einen Moment stehen. Das Feuer im Nebenraum hatte ihm Wärme gegeben. Das Essen Kraft. Doch fühlte er sich schwächer als zuvor.
Hauptmann Dhara nannte es „Daten aufnehmen“. Und sie tat es, als würde sie nicht einen Menschen befragen, sondern einen Mechanismus verstehen wollen. Nicht mit Drohungen. Nicht mit Geschrei. Wie aber?
Er wusste es nicht.
Sie hatte ihn nicht unterbrochen. Nicht laut widersprochen. Sie hatte ihn reden lassen. Und während er sprach, hatte sie ihn angesehen, als läge zwischen seinen Worten noch etwas anderes, das sie eigens betrachtete. Es waren keine großen Fragen gewesen. Kein offenes Anklagen. Keine ausgefeilten Fallen. Und doch hatte er sich am Ende gefühlt, als hätte sie jede Fuge in ihm geprüft.
Sie hatte Dinge ausgesprochen, die er selbst nie so benannt hätte.
Dass er Ordnung suche.
Dass er sich an Strukturen halte.
Dass er Worte wiederhole.
Er wollte es als Anmaßung abtun - als billigen Versuch, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Aber es war kein Spott in ihrer Stimme gewesen. Keine Hast. Kein Triumph - Nur diese ruhige Sicherheit.
Wie konnte sie aus ein paar Antworten mehr lesen als nur das Gesagte? Wie konnte sie wissen, wo er empfindlich war? Wo Stolz saß. Wo etwas Ungesagtes lag?
Er hatte nicht gezögert - und doch hatte sie Zögern gesehen.
Er hatte nicht gezweifelt - und doch hatte sie Zweifel vermutet.
Und das Beunruhigendste war: Sie hatte nicht geraten. Sie hatte gesprochen, als sei sie sich sicher.
Gregor fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Er verstand es nicht.
Er hatte versucht, ihr mit Ironie zu begegnen. Mit Stolz. Mit Gegenfragen. Und jedes Mal hatte sie ihn nicht abgewehrt, sondern aufgenommen – als würde selbst sein Trotz nur weiteres Material liefern.
Es war, als hätte sie ihn nicht bekämpft, sondern gespiegelt.
Und nun saß er hier und fragte sich, wie viel von dem, was sie sagte, wirklich aus ihm kam - und wie viel sie ihm nur einredete.
Er wollte wütend sein, aber stattdessen war da etwas anderes - Unruhe.
Re: [MMT]Der leere Posten an den Zinnen
Verfasst: Dienstag 24. Februar 2026, 18:28
von Gregor Grann
Als die Templer gegangen waren und die Schritte im Gang verklungen, blieb Gregor auf der Pritsche sitzen, die Hände locker zwischen den Knien.
Es hatte kein Geschrei gegeben. Kein Schlagen. Kein Blut.
Und doch fühlte er sich, als hätte man ihn auseinandergenommen.
Sie hatten ruhig gesprochen. Fast sachlich. Immer wieder dieselben Begriffe: Wille. Gemeinschaft. Beitrag. Potential. Irrweg.
Formeln.
Gregor hatte sie innerlich belächelt. Floskeln, die sie sich gegenseitig zuschoben wie Münzen mit immer demselben geprägten Gesicht. Vater. Stärke. Opfer.
Und dann hatte er sich selbst gehört.
„Wo Licht scheint…“
„Die Wege der Götter…“
„Pflicht…“
„Beitrag…“
Es war wie ein Schlag - kein körperlicher, sondern ein stiller, kalter.
Sie klangen wie er.
Und er klang wie sie.
Nicht im Glauben. Nicht im Inhalt. Aber im Bau der Worte. In der Sicherheit. In der Wiederholung.
Er hatte gedacht, er verteidige Wahrheit.
Doch je länger das Gespräch dauerte, desto öfter drehte der Vicarius seine Sätze um - nicht um sie zu verspotten, sondern um sie als gelernt zu entlarven.
„So wurde es euch beigebracht.“
„Ihr müsst so antworten.“
„Ihr denkt in der Ich-Form.“
Sie sagten es ohne Spott. Und genau das traf.
Gregor hatte versucht, sie als Henker zu sehen. Als Fanatiker. Doch sie stellten Fragen, die nicht mit Blut beantwortet wurden, sondern mit Begründungen. Und jedes Mal, wenn er auf eine vertraute Redewendung zurückgriff, fühlte es sich an, als reiche er ihnen Material.
Er merkte, dass er nicht nur verteidigte.
Er erklärte sich. Rechtfertigte sich.
Und das gefiel ihm nicht.
Am meisten nagte der Gedanke, dass sie seine Antworten nicht widerlegten - sie zerlegten sie. Drehten sie, bis nur noch Struktur übrigblieb. Herkunft. Erziehung. Stand. Gewohnheit.
Als sie von Dienern sprachen, von Wahl und Aufstieg, hatte er zum ersten Mal gestockt. Nicht, weil er sich schuldig fühlte - sondern weil er merkte, dass er nie darüber hatte nachdenken müssen.
Und sie hatten das gesehen.
Kein Triumph. Nur dieses ruhige Nicken. Dieses Kratzen der Feder auf Pergament.
Wie eine Bestätigung.
Gregor lehnte den Kopf gegen die kalte Wand.
Es war kein Zweifel an Temora. Kein Zweifel an seinem Glauben.
Es war etwas anderes.
Was, wenn seine Worte nur Geländer waren?
Was, wenn er sie so oft wiederholt hatte, dass er nie prüfen musste, wie fest sie wirklich waren?
Er hasste diesen Gedanken.
Eine Weile später griff er nach dem schwarzen Buch.
Er schlug es auf, las einige Zeilen, dann mehr.
Wieder diese Sprache. Ziel. Stärke. Hingabe. Gemeinschaft über dem Einzelnen.
Er spürte Widerstand in sich aufsteigen, fast erleichtert.
"Lüge," dachte er.
"Irrsinn."
"Verpackte Machtgier."
Er klappte das Buch zu.
Nein. Er war nicht wie sie. Seine Worte waren anders. Sein Licht war nicht bloße Abwesenheit von Schatten.
Und doch - als er sich auf die Seite drehte und die Augen schloss - blieb dieses eine, ungebetene Bild:
Zwei Männer in Rot und Schwarz.
Und sein eigenes Echo in ihren Sätzen.
Re: [MMT]Der leere Posten an den Zinnen
Verfasst: Dienstag 24. Februar 2026, 18:49
von Florence Lascari
*Wie nicht anders von der Kal Dar zu erwarten hatte sie alles in ihrer Macht stehende getan, gehandelt und nicht gezögert. Der Rausch des Rums war wie zu erwarten dem Adrenalin gewichen, Befehle geben. Und so dauerte es auch nicht lange, dass sie zu viert sich einfanden. Der manchmal schweigsame Waldläufer Ramon hatte das Regiment hinzugezogen in Form der leisen Heilerin Cecila und er hatte auch seinen neuesten Lehrling mitgebracht.
Wie immer auch sein wirklicher Name war, der kleine flauschige Kerl wedelte heiter mit seinem Schwanz, als sie dazu kam. Unter anderen Umständen wohl für viele befremdlich, bei einem Welpen dagegen niedlicher.
Dabei war es schon erstaunlich, was ein ausgebildeter Fährtenleser und mehr noch die geschichtenumwobenen Waldläufer in der Lage waren, an Spuren herauszufinden. Ramon erzählte das, was er fand, als würde er in den Moment eintauchen und das Geschehene wieder zum Leben rufen, so als wäre er ein Stück weit dabei gewesen, wenn auch in stummen, bewegten Bildern.
Auf dem Weg wurde eines offensichtlich. Die Entführer hatten sich auch gar keine Mühe gegeben, Spuren zu verwischen oder auf Pfaden sich zu bewegen, wo sie ungesehen mit ihrer Beute abziehen würden. Nein es wirkte mehr wie offene Provokation oder wie bescheidene Fähigkeiten in solch einer Situation.
Der Gefangene oder wenn es eine Frau war eine auf großem breiten Fuß, man weiß ja nicht so genau, wurde weder niedergeschlagen oder gefesselt auf einem der Pferde mitgeführt, sondern musste laufen.
Das aber verringerte ihre Geschwindigkeit auf dem Rückweg und im Falle eines Angriffes, selbst wenn man diese mit sich gezogen haben würde. Offensichtlich nicht nur Pferde waren dabei sondern auch diese widerwärtigen Echsenkreaturen, oder was immer sie darstellen sollten, aus dem Abgrund der Letharen. Das Bild von den Berichten der Graik wurde also unterstützt. Rahaler Garde mit Verbündeten waren auf dem Streifzug. Was immer sie auch im Osten zu suchen hatten, konnten sie nicht herausfinden. Es wirkte aber ganz und gar nicht nach einem Zufall, wenn eine so große Truppe in Feindesland unterwegs war.
Am Ende fanden sie sogar einen Platz nahe eines Schreines, wo es zu einem Zusammentreffen kam. Wahrscheinlich war dabei schon mehr, dass das eigentliche Ziel durch die Gefangennahme unterbrochen wurde. Spuren auch hier ließen nur nochmal deutlich werden, dass eine bewaffnete geschulte Truppe am Werk war, die es gewohnt war sich abzusichern.
Am Ende zogen sie offen am Nilzadan in Sichtweite vorbei gen Westen, Düstersee schloss Florence nach ihrem bisherigen Wissen darüber aus, wahrscheinlicher war Rahal. Einem Ort, der es fast unmöglich machen würde, wer immer es auch war, so mit nichts Bhir nichts rauszubekommen.
Das Regiment würde sich umhören, wer vermisst würde, damit hatte sie getan was sie konnte um zu helfen. Eine Weile sah sie den dreien noch nach, als sie an der Brüstung stand. Man konnte sicher nicht die ganze Welt retten, aber zumindest versuchen Leben zu erhalten und andere zu schützen. Und eines der höchsten Güter war die Freiheit, Folter ihr ein Graus. Bei allen Versprechen des Westens hatte sie zu oft gelernt, dass Worte die gepredigt wurden nur sehr wenig mit der Wirklichkeit in den dunklen Landen gemeinsam hatten. Nicht das Streben nach etwas Schönem, Bewahrenswerten durch Schaffen und erhalten, wie es der große Schmied und Schöpfer des Handwerks lehrte. Lachen bei gutem Essen und Bhir in guter Gesellschaft, wie man es im Berg finden konnte und durch den Klang der Schmieden und Essen tönte war etwas, was man in dieser Herzlichkeit und vor allem Ehrlichkeit kaum andernorts finden konnte.
Ihr blieb dem armen Kerl ihre Gebete mit auf dem Weg zu geben und den Wachen deutlich zu verstehen zu geben, dass wenn man schon so einfache Ziele wie Reiter zu Pferd hat und den scharfen Augen der Zwerge, die an tiefste Finsternis gewohnt waren, sich in so einer Parade darboten, mit Bolzen und Ballista auf Bug und Backbord des Zugs zu schießen. Reittiere tragen keine Schilde und außerdem hatten sie schon lange keine Pferdeschnitzel mehr. Sie seufzte leise, als ihr dabei noch bewusst wurde, dass diese Leckereien Vistra mit sich genommen hatte andere damit glücklich machen würde. Sie würde daran denken, dem nächsten Trupp, der in die Tiefen zog Pferdefleisch als Hochzeitsgeschenk mitzugben!*
Re: [MMT]Der leere Posten an den Zinnen
Verfasst: Freitag 27. Februar 2026, 06:29
von Aaryon von Hohenfels
Achte Abendstunde. Die Messe, um Marius Marlorn das letzte Geleit zu geben.
Er hatte sich neben Innes gesetzt und versucht, einfach für sie da zu sein. Wenigstens das konnte er tun, auch wenn er selber ein mal verstohlen mit dem Taschentuch unter seinen Augen längs wischen musste. Wie es Greya ging, wollte er im Detail gar nicht nachempfinden können.
Nach Berenguer und Kathrina stand Marlan neben dem Sarg und sprach über Marius. Und er schnitt dezent verhüllt die Themen an, weswegen Aaryon dieser Tod so traf, auch wenn er Marius persönlich gar nicht so intensiv gekannt hatte:
"Marius Marlon ist gefallen. Im Dienst. Aufrecht bis zuletzt. Er war nicht der, der jeden Schritt zählte oder jede Vorschrift im Schlaf zitierte. Aber wenn es ernst wurde, war er da.
Als Kundschafter zog er hinaus, wo andere zweimal nachdachten. In Gebiete, die selbst erfahrene Männer nur ungern betreten. Er kannte das Risiko, er kannte die Einsamkeit und er ging trotzdem. Nicht weil man ihn zwang, sondern weil er es wollte.
Wir verdanken ihm mehr, als viele wissen. Früh erkannte Gefahren. Sicherere Wege.
Heimkehrer, die sonst vielleicht nicht zurückgekehrt wären."
Marius war nicht "sein" Mann gewesen. Er war Teil des Regimentes gewesen, und Temoraseidank - auch wenn er sich für diesen Gedanken irgendwo schämte - war es nicht seine Order gewesen, nicht sein Auftrag, von dem Marius nicht zurück kehrte.
Aaryon war sich seiner Rolle bewusst: als Lehnsherr, als Befehlsgeber musste er damit klarkommen können, wenn seine Befehle gute Menschen das Leben kosteten. Es war seine Aufgabe, abwägen zu lernen, wann das trotz allem nötig war.
Marius hatte um die Notwendigkeit gewusst, dass es Leute brauchte, die hinter die feindlichen Linien gingen. Bei Grenzwarth war er mit seiner Verkleidung, die selbst Cecilia getäuscht hatte, Aaryon in dem Moment höchst positiv aufgefallen, als ihm ausgerechnet wegen dieser Aktion eine Degradierung drohte. Aaryon hatte nur geschmunzelt und ihn sich für später gemerkt: DEN Mann kann ich brauchen!
Jetzt stand er an seinem Grab.
Dürfen wir das? Andere schicken, statt selber zu gehen?
Er wusste, es gab genug hohe Herrschaften, die sich in der Rolle des Feldherrn - hinten, auf einem sicheren Hügel - gefielen. Er wusste, dass er nicht so einer war.
Zur Not geh ich eben selber. Ooooh, wie in seinem Kopf in einem solchen Moment das Wissen um den Sturm der Entrüstung einsetzte! All die Stimmen!
Aber "zur Not" war gut... Durch den Wegfall von Marius hätte er jetzt nicht mal gewusst, wen er schicken sollte. Mit zusammengepressten Kiefern starrte er auf das Holz da unten in der Erde, mit einer einsamen Rose und einem Schneeglöckchen darauf. Welches Recht habe ich, mich da auszunehmen?!, dachte er wütend bis frustriert und trug die Zweifel im Stillen mit sich.
Er geleitete Serina bis zur Kutsche. Dort, vor Adoran, standen Paladin Beak und Sir von Salberg.
"Ich informierte Sir von Salberg, dass ein Klosterwächter vermisst wird", erklärte Beak bei dem sich entspinnenden Gespräch, "Unübliches Verhalten für einen Mann, der stets als ein besseres Vorbild agiert, als es je sein Vater tat."
"Wusstet Ihr davon?", fragte ihn Keylon. Aaryon schüttelte den Kopf und empfand schon dies fast als Schlag ins Gesicht.
"Wer genau wird vermisst, und seit wann? Wisst Ihr mehr? Das Regiment informiert?", schossen Fragen aus ihm raus. "Das Regiment wurde durch Klosterwächter Nathaniel informiert. Vermisst wird Gregor seit dem 21. Eisbruch."
Schon fünf Tage?! "Gregor... Grann?"
"Korrekt."
Aaryon wurde eine Spur blasser.
Als die Spekulation aufkam, dass man Gregor aufgegriffen haben könnte, obwohl die Suche eigentlich Beak galt, rappelte Aaryon endlich den Sachverhalt um By'nar und Q'in herunter und warnte den Paladin eindringlich vor allem vor Letzterem.
Beak hatte dazu eine deutliche Meinung: "Tzeh ... Die Interessen der Blauhäuter gehen mir am Arsch vorbei. Weniger aber die Tatsache, dass der Anwärter möglicherweise drunter leidet. Ich benötige also Augen und Ohren in Rahal, vielleicht erfährt man ja etwas. Meine Quellen sind jedoch unpässlich und versiegt gegenwärtig."
Aaryons Miene schien noch etwas fahler zu werden.
Brauchst du's noch deutlicher?
Re: [MMT]Der leere Posten an den Zinnen
Verfasst: Freitag 27. Februar 2026, 15:52
von Aaryon von Hohenfels
Jetzt brauchte er sich die Stimmen nicht mehr bloß vorzustellen, die dagegen waren, dass er ging.
Marlan. Cecilia. Serina.
"Ihr dürft nicht gehen. Ihr seid zu wichtig", hauchte Cecilia. "Schmutzige Arbeit lässt man machen", klangen ihm noch Beaks Worte von gestern im Ohr.
"Und der Name, der eine tatsächlich greifbare Alternative darstellt, lautet...?", fragte er ruhig gegen.
Schweigen.
Genau.
"Ich wusste nicht, dass Ihr eine Verwandlung beherrscht, die bei sowas nützlich ist", bemerkte Marlan.
"Drei."
Cecilia hauchte sämtliche Informationen hervor, die sie über Rahal wusste. Wertvolle Informationen, sollte er wirklich den Blindflug wagen müssen, nach Rahal direkt rein zu gehen.
Wo der Tempel war. Wo das Kastell war.
"Du hast versprochen, dass du dich nicht in Menschengestalt da hin begibst", giftete Serina ihn fast an.
"Ich habe versprochen, jegliche Maßnahme auf das absolut nötige zu reduzieren, und dass ich darauf hin arbeite, diese Dinge
nicht brauchen zu müssen", wiederholte er sich, als er sie um alt aussehende einfache Krücken und um Requisiten bat, um sich notfalls verkleiden - oder verkleiden lassen - zu können.
Doch zunächst brauchte er diese Dinge nicht. "Ich sehe mich erst nach aktuellen Aushängen um."
Es machte ihm Sorgen, dass bislang keine Forderungen gestellt worden waren. Was hatten sie mit Grann vor, wollten sie ihn etwa...?
Zum Glück war es so weit getaut und wärmer geworden, dass es nicht groß auffallen sollte, wenn ein Eichhörchen nach der Winterruhe auf der Suche nach Nüssen durch die Gegend huschte. Grenzwarth ergab nicht viel. Das Kaff wirkte noch leerer als vor dem Angriff - welch Wunder.
Vielleicht kriegen wir es doch noch hin, dass dieses Nest ausstirbt!, dachte er grummelig und hielt zur Letharenfestung so viel Abstand wie möglich.
Es half aber nichts... um sich anständig zu informieren, musste er wohl nach Düstersee. Er wusste, wo er gut über die Mauer klettern konnte, aber er tat es trotzdem nicht, ohne sich abzusichern, wo Wachen waren, als wäre es das erste Mal.
Umwege. Jeden Busch und jede unbeachtete Hauswand nutzend. Die Kunst und Schwierigkeit war, mehr Geduld aufzubringen, als ein Eichhörnchen an Zeitgefühl hatte. Aber auch nicht zu viel trödeln. Und schön putzen und nach Nüssen graben.
Endlich hockte er zwischen alten Gräsern und noch kaum grünen Rosmarin in gründlicher Deckung und hatte die Front des Tempels relativ gut im Blick.
Ich hätte nachts kommen sollen, verdammt! In seiner Vorstellung wäre er dann auf das Dach des leeren Hauses hinter sich geklettert, hätte sich versteckt in menschliche Gestalt zurück verwandelt und dann in eine Eule... oder zumindest irgendwie die Teilverwandlung für Eulenaugen...
Dann könnte ich den Kram besser lesen... Was steht da?
'Gläubige'... 'Geboten'... ja ja. ''Tore der Schwarzen Festung'... 'Prüfung'. 'Waagschale'.. 'Nileth Azhur'.
Ähhh...
'Oder'... 'Abschaum'.. 'Ketzer'... 'Mit-Troll'... - Was für einen Mit-Troll? Ach: Met-Troll!
'Gefangenen'... 'Liefern'. 'ALATAR'.
'Vicarius Horatio Bes'.
Er schluckte. Das klang nicht gut.
Daneben ein weiterer Aushang. Und er traute sich nicht dichter an den Tempel, verdammt!
'Weihe La Cabeza al pantera' Der Zettel wirkte neu. Leider war die Schrift, die darunter folgte, noch kleiner als beim Aushang zuvor.
Können die nicht größer schreiben?!
Doch aufs Dach und in eine Eule...? Aber es war Tag. Er konnte, beziehungsweise wollte es sich jetzt nicht leisten, sich in seine menschliche Form zurück zu verwandeln, selbst wenn er dann auf einem Dach lag. Zu große Gefahr, gesehen zu werden! Unsichtbarkeitstrank und näher ran...?
Fast neben die Wachen? Bist du des blanken Irrsinns fette Beute?!
Ich kann das aber nicht lesen! ... Katzenaugen? Katzenaugen!
...
Kann man verwandelt eine Teilverwandlung vornehmen?
Shala-die-Waldelfe, das würde aber wohl Konzentration bedeuten!
Deutliche Zeit später tauchte er im Konvent wieder auf, vor sich hin murmelnd:
"Nicht gut... Überhaupt nicht gut!" und begann, sich bei Cecilia und Serina zurück zu melden und Marlan die gewonnenen Informationen im Regimentskastell zu hinterlegen.