Nachdem sie das Haus auf K’awi gefunden hatte, erlaubte ihr der untere Teil des Hauses mit Wasserzu- und ablauf eine kleine Sehnsucht zu erfüllen:
Schlafen, wie in einem Kojenbett auf See, mit dem Schaukeln in seichtem Wellengang.
Dicke Taue, die auf Zug gehalten wurden, sorgten für die Stabilität des kleinen Schlafbootes und verhinderten ein Anstoßen an die Wände.
Sie war früh auf gewesen, den ruhigen Morgen zum Angeln genutzt und später ihren Tagesdienst angetreten. Sie war Seefahrerin aus Leidenschaft und mit eben jener und Pflichtgefühl auch Mitglied der Inselwacht.
Sie hatte schon vieles gesehen an Meereswesen, aber die uralten Wesen, die man ehrfürchtig „die Ersten“ nannte, waren vor ihren Blicken bislang verborgen geblieben… wenn man von der magischen Verwandlung in einen solchen Ersten vom Iggyjung einmal absah.
An jenem Abend legte sie sich behaglich in ihr Bootsbett, las noch die Sage vom angeblich riesigen Schatz des Seefahrers Schatten-Loki, dem man nachsagte, immer im Schatten zu verschwinden, wenn es Arbeit gab und nach einer Weile fielen ihr auch die Augen zu.
Ein Grollen ging durch die Tiefen, als würde das Meer seine Knochen strecken, hohe Wellen wälzten sich ans Ufer und brachen über die Uferkanten, Sand und Leuchtalgen wirbelten auf und das folgende Beben ließ den Boden K’awis erzittern.
Bewohner, die noch wach waren und andere die aus dem frühen Schlaf gerissen wurden liefen zusammen und dann sahen sie ihn: zwischen den brechenden Wassermassen zeichnete sich seine gewaltige Gestalt ab – einer der Ersten!
Mit großer Aufregung, Spannung, aber auch begleitendem leichten Unwohlsein wurde er angestarrt.
Würde es einen Angriff geben? War K’awi in Gefahr?
Nur eine bekam von alledem nichts mit.
Eske schlief. Und träumte. Allerdings war das sanfte Wiegen plötzlich nicht mehr ganz so sanft.
Sicher, einen Teil der Wucht fing das Ufer ab, einen Teil die Hausmauer, aber es reichte dennoch, das kleine Boot ordentlich ins Schwanken zu bringen.
Das Tauwerk löste die Spannung und spannte sich wieder bis zum Äußersten, in stetem Wechsel. Es knarrte, vibrierte, aber auf der schlafenden Eske zeigte sich ein Lächeln auf den Lippen.
In ihrem Traum stand sie auf der Brücke eines großen Seglers, dessen Masten ächzten, dessen Segel sich weit aufblähten, wie im Sturm, ja sogar Blitze zerrissen den Himmel.
Laut rief sie mit fester Stimme: „Refft dit Jroßsejel! Steuamann, zwee Strich nach dit Backboard! Wia koofn jejen dit Welle an!“
Ihre Mannschaft, wettergegerbte Gestalten mit Seetang in den Haaren und Salz auf den Lippen, gehorchte. Das Deck schwankte unter ihren Füßen, wie das kleine Boot im Untergeschoss des Hauses. Jede Erschütterung der Insel verwandelte sich zu einer Welle in ihrem Traum und als ein besonders starkes Beben durch die Insel lief, stemmte sich Eske gegen das Steuerrad und lachte dem „Sturm“ ins Gesicht.
Erst am nächsten Morgen erfuhr sie von der abendlichen Begebenheit. Vom Inselbeben, von den Wellen, den Blitzen und … dem Auftauchen des Ersten!
Die Aufregung war auch da noch zum Greifen nahe.
Eske wurde still, ganz gegen ihre Gewohnheit.
Ohne Worte zu verlieren warf sie sich in ihre Inselwachtkluft, packte reichlich Proviant ein und suchte stiefelte los. Sie wählte eine Stelle auf der Brücke, die zur Magierakademie führte. Gar nicht so fern zeichnete sich die Gestalt des Ersten ab, halb verborgen in Strömungen und Licht.
Mit glänzenden Augen und aller seefahrerischen Begeisterung starrte sie zu ihm hinüber und ließ ihre Stimme über das Wasser tragen, indem sie laut rief: „Ick pass uff uff dia, meen Earstajung!“
Und während vielleicht einige Bewohner noch immer flüsterten und staunten, stand die Seefahrerin wach und bereit – mit Proviant, Uniform und einem Herzen, das selbst im größten Beben seinen eigenen, ruhigen Kurs hielt.
Einfach Eske.