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Anerkannt - doch der Weg endet nicht.

Verfasst: Freitag 6. Februar 2026, 18:08
von Jael'Zeerith
Nach der Weihe war nichts leichter geworden.
Es hatte keinen Bruch gegeben, kein anderes Danach.

Es war noch immer der gleiche Lauf: Werkbank. Aufzeichnungen. Wege durch die verzweigten, feuchten Korridore des Axorns, in denen schwaches Pilzlicht über glühende Risse im Gestein flackerte und Wärme mit kühler Höhlenluft rang. Gänge an die Oberfläche, in einfache Siedlungen oder Höfe der Menschen, um Materialien und Gefälligkeiten zu tauschen.

Zurück im Halbdunkel folgte das Sortieren von Kräutern und Materialien. Das Zerreiben von Pilzkappen und Wurzelstücken im Mörser, bis ihre Wirkstoffe sich zu gleichmäßiger Paste verbanden. Konzentriertes Mischen bekannter Essenzen. Das wiederholte Prüfen ruhender Ansätze, deren Farbe sich über Tage hinweg veränderte. Das Verwerfen instabiler Substanzen ebenso selbstverständlich wie das Sichern gelungener Verbindungen.

Dazwischen das Reinigen und Neuordnen von Gefäßen, Werkzeugen und Arbeitsflächen, damit jede Substanz ihren festen Platz hatte und jede Verunreinigung rechtzeitig erkannt werden konnte. Ordnung war Voraussetzung.

Sie tat, was zu tun war.
So auch an diesem Tag.

Erst die Bestrafung zog eine feine Linie durch diese Gleichmäßigkeit.

Sie kam nicht mit Vorwarnung, schon gar nicht mit Erklärung. Der Meister hatte sie angeordnet und das genügte. Es ging nicht darum, zu verstehen, sondern zu vollziehen. Es reichte aus zu wissen, dass sie ausgesprochen worden war. Und dass sie ihn traf.

Als er die Tür öffnete, stand sie aufrecht vor ihm. Die schlichte, weite Robe hing ruhig an ihr herab, an Saum und Ärmeln noch von feinen Spuren aus Schnee und Feuchtigkeit gezeichnet. Der Rückweg aus der Kälte hatte sich in den Stoff eingeschrieben. In ihrem hochgesteckten dunklen Haar glitzerten noch einzelne helle Kristalle, als hätten sie sich dort verfangen und vergessen, zu schmelzen.

In ihren Händen hielt sie ein Paar eiserne Fußfesseln.
Das Metall war kalt, schwer und doch vertraut.

Die Tür war mit Schwung aufgegangen. In der Bewegung hatte Erwartung gelegen. Oder Ungeduld. Vielleicht auch beides zugleich. Zyn’tuins Gesicht trug noch die scharfen Linien von Zorn, doch kaum dass sein Blick auf das Metall in ihren Händen fiel, begannen sie sich zu glätten. Etwas in ihm ordnete sich neu und wurde still.

„Es ist an der Zeit“, sagte sie leise. Ohne Druck. Ohne Raum für Missverständnisse.

Er trat zur Seite und machte ihr Platz.
„Komm rein, Schwester.“

An der Schwelle streifte sie ihre Lederstiefel ab und betrat seine Höhle barfuß. Der Teppich lag fest unter den Füßen und dämpfte den Schritt. Ihr Blick glitt über Stein, Schatten und die wenigen Lichtquellen, eine sachliche Erfassung des Raumes.

Hinter ihr schloss er die Tür. Leise, beinahe bedächtig, wiederholte er ihre Worte, als müsse er sie sich selbst bestätigen. Dann führte er sie nach oben. Er setzte sich auf den Knochenthron und streckte ihr schließlich wortlos die Füße entgegen.

Einen Augenblick blieb sie vor ihm stehen. Nicht aus Zögern, sondern um die Gedanken zu ordnen. So, wie sie im Labor Werkzeuge ordnete: jedes an seinen Platz, jede Handlung mit klarer Funktion. Dann ging sie langsam auf die Knie. Der weite Stoff der Robe folgte ihr lautlos, ihr Blick blieb gesenkt. Nicht aus Furcht, sondern aus Respekt vor der Handlung selbst.

Bevor sie nach dem Metall griff, berührten ihre Finger seine Haut an den Knöcheln. Warm. Noch feucht vom Baden. Sie markierte den Punkt, an dem sie ansetzen würde. Dann legte sie die erste eiserne Fessel an. Ihre Hände arbeiteten ruhig und sicher, als sie den Bügel zusammen führten. Das leise Klicken des Schlosses hallte einen Moment im Raum nach, bevor der Stein den Laut schluckte. Ihre Finger verweilten einen Atemzug lang auf dem Metall, spürten die Kälte, die sich langsam in ihre Haut zog, ehe sie zur zweiten Fessel griff. Als auch diese geschlossen war, lag die schwere Kette still zwischen seinen Beinen auf dem Boden.

In ihrer Haltung lag keine Genugtuung, keine Freude an der Strafe. Nur das stille Anerkennen dessen, was auferlegt worden war.

Er beugte sich vor, rüttelte leise an der Fessel, murmelte etwas.
Sie reagierte nicht.

Als sie sich dann wieder erhob, verrutschte der weite Kragen der Robe einen Moment lang. Kühle Luft strich über nackte Haut an Schulter und Hals, bevor sich der Stoff wieder schloss. Sein Atem veränderte sich kurz. Sie hörte es. Registrierte es. Und legte es ab.

Sie trat zur Seite und deutete auf den Schreibtischstuhl. Er sollte anfangen. Mit dem, was ihn in diese Lage gebracht hatte. Er solle es korrigieren.

Dann drehte sie sich von ihm weg und bewegte sich langsam durch den Raum. Ihre Schritte waren leise, ihr Blick wach. Hin und wieder hoben sich ihre Finger leicht, zeichneten Formen in die Luft, als würde sie Möglichkeiten prüfen, ohne sie zu berühren.

Er schrieb. Zornig, stockend. Zerknüllte Papier, Tinte spritzte. Sie nahm währenddessen Absinth vom Tisch, setzte sich auf den Teppich, den Rücken an die Wand gelehnt. Sie trank ruhig, löste die Haare und ließ dunkle Strähnen über Schultern und Rücken fallen. Aus den Falten ihrer Robe zog sie ein kleines Notizbuch hervor und einen Kohlestift. Sie schlug es auf. Der Stift lag ruhig zwischen ihren Fingern. Als er näherkam, sich vor sie hockte und hineinspähte, sah er nichts. Eine leere Seite. Er schnaubte.

Sie sah die Entzündung an seinem Auge, den immer wieder aufgerissenen Schorf. Spuren davon, wie wenig Geduld er mit sich selbst hatte. Wie sehr er riss, wo Heilung Zeit verlangte. Dann hielt sie seinem Blick stand und sagte nichts. Die Stille spannte sich zwischen ihnen. Sie spürte, wie sie ihn aus dem Gleichgewicht brachte. Wie seine Jugend sich regte. Dieses Drängen, dieses Müssen, das immer schneller wollte, als Denken folgen konnte. Seine Atmung wurde flacher, sein Fokus enger.

Seine Finger tasteten sich vor. Zögernd zuerst, dann entschlossener, als hätte Berührung Vorrang vor jedem anderen Impuls. Sie entzog ihm den Fuß nicht. Für einen Herzschlag ließ sie es zu, ließ ihn die nackte Haut unter dem Saum der Robe spüren, ließ ihn begreifen, wie schmal die Trennung war und wie wenig es brauchte, um sie zu überschreiten.

Dann schlug sie das Notizbuch hart zu.

Das Geräusch riss ihn aus dem Bann. Sein Körper spannte sich augenblicklich. Zähne zeigten sich, ein tiefes Knurren brach aus ihm hervor, animalisch und ungedämpft. Wie ein Junges, dem man das Futter entzog, bevor es begriffen hatte, dass Warten Teil der Jagd war.

Sie setzte den Fuß fest gegen seine Brust, schob ihn zurück, hielt stand, als er sich dagegen stemmte. Er tat es instinktiv, ohne Maß, ohne Berechnung. Kraft gegen Linie, Impuls gegen Kontrolle. In ihrem Widerstand lag kein Zorn. Nur eine klare Grenze.

Als der Druck nachließ, zog sie das Bein langsam zurück. Sie sammelte sich und ließ den Raum wieder zu dem werden, was er war: Stein, Schatten, Pflicht. Die Situation war beendet.

Ohne Hast wandte sie sich ab, verließ die Höhle und ließ ihn zurück.
Gefesselt, atmend, lauernd – und mit nichts als sich selbst.

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Re: Anerkannt - doch der Weg endet nicht.

Verfasst: Mittwoch 11. Februar 2026, 17:45
von Jael'Zeerith
Sie hatte in der Nacht nicht geschlafen. Ihre Hände waren bereits taub vor Müdigkeit gewesen, die Finger steif vom immer gleichen Greifen und Abmessen, und die Augen hatten gebrannt, als sie die Essenzen prüfte, verwarf und neu ansetzte. Immer wieder. Bis die Salbe nicht nur wirksam war, sondern stabil.

Jetzt kniete sie am Rand des Beckens. Das Wasser war warm, in stetiger Bewegung, ein leises Fließen, das den Raum füllte. Zwei Finger stabilisierten sein Kinn, während das feuchte Tuch die entzündete Augenhöhle berührte. Keine Eile, aber auch keine unnötige Sanftheit. Nur Arbeit. Sein Knurren vibrierte unter ihrem Tun. Nicht aus Schmerz, sondern aus dem rohen Drang, den Moment an sich zu ziehen.

„Halt still.“

Als sein Finger sich der Wunde näherte, schob sie seine Hand vehement beiseite. Sein Blick verhärtete sich sofort. Ein gewohnter Impuls regte sich bei ihm: greifen, festhalten, bestimmen. Sie legte ihre Finger wieder an sein Kinn und brachte den Kopf zurück in Position. Der Widerstand spannte sich unmittelbar in ihm.

„Lass es“, flüsterte sie.

„Ich habe die Kontrolle“, kam es zurück, leise, zitternd vor Zorn. Die Worte waren schneller gesprochen als gedacht, wie ein ungeschliffener Reflex. Ihre Hand blieb ruhig. Erst als sein Griff fester wurde, ließ sie nach, gewährte ihm, ihre Finger von seinem Kinn zu lösen. Dafür neigte sie sich näher, so dass ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch an seiner Wange war.

„Ich nehme sie dir nicht“, sagte sie ruhig.
„Aber deine Wunde braucht meine Führung, wenn du nicht vollkommen entstellt enden willst.“

Knirschend presste er die Zähne zusammen. Die Zustimmung kam nicht aus Reife, sondern wider Willen. Er ließ sie. Also wandte sie sich dem Tiegel zu. Der Geruch der Salbe stieg auf, herb und kühl zugleich. Mit der Fingerspitze nahm sie eine kleine Menge auf und trug sie langsam und gleichmäßig auf die gereinigte Haut auf. Kälte breitete sich aus und ging in ein klares Brennen über. Er zuckte kaum - Stolz, selbst darin. Sie betrachtete ihr Werk einen Moment lang, legte dann einen sauberen Stoffstreifen locker über die behandelte Stelle.

„Deine Augenklappe.“

„Ich trage sie hier nie.“

Die Weigerung war augenblicklich da.

„Dann ist es Zeit für eine Ausnahme“, sagte sie ruhig.

Sie richtete den Stoff sorgfältig aus und zog das Band fest genug, um Halt zu geben. Erst als alles saß, löste sie ihre Hände. Als sie sich zurückziehen wollte, griff er nach ihr. Nicht hart oder fordernd, aber auch nicht bereit den Augenblick ziehen zu lassen. Kontrolle musste irgendwohin, wenn sie ihm an anderer Stelle genommen wurde.

Sie entzog sich nicht, sondern senkte den Blick zu seinen Fingern um ihre Hand. Sie ließ die Stille stehen, mehrere Herzschläge lang. Dann ging sie langsam vor ihm auf die Knie. Bewusst gab sie ihm den Moment zurück, wissend, dass er ihn so unbedingt brauchte. Seine Anspannung ließ nach und der Atem wurde tiefer.

„Ich brauche ein neues Giftfass“, sagte er schließlich, als greife er nach etwas Vertrautem.
„Bringst du es mir später?“

„Ich bringe es dir später. Entlässt du mich nun?“

Er drückte sich hoch und musterte sie. Das Bedürfnis, sie zu halten, blieb noch eine Sekunde zu lang. Dann erst er ließ er los. Als sie den Keller verließ, sah sie sich nicht mehr nach ihm um.

Und das Wasser floss weiter. Unbeeindruckt.

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Re: Anerkannt - doch der Weg endet nicht.

Verfasst: Freitag 13. Februar 2026, 19:23
von Jael'Zeerith
Als sie spät am Abend zu ihm zurückkehrte, lag das Gewicht des kleinen Fässchens schwerer in ihrem Arm, als es dürfte. Nicht, weil es übervoll war, sondern weil sie es selbst war. Der Auftrag hatte keinen Aufschub geduldet. Sie hatte keinen Aufschub geduldet.

Er war im oberen Stockwerk. Sie hörte das leise Rasseln der Kette, das Klappern von Geschirr, das Rühren in Töpfen. Sie roch Kräuter und Fisch – Gerüche der Oberfläche, fremd und gleichzeitig vertraut, wie etwas, das man sich angewöhnt, ohne es je ganz anzunehmen.

„Bist du da?“

„Ich bin oben. Wollte gerade essen.“

Einen Moment lang sagte sie nichts. Ihr Blick senkte sich, als würde sie prüfen, ob Bleiben heute noch sinnvoll war.

„Dann komme ich später wieder.“

„Nein, komm hoch.“

Es war kein Befehl und doch duldete es keine Widerrede. Der Griff um das Fass zog sich unbewusst fester, als müsse sie sich an etwas festhalten, um nicht nachzugeben. Als sie vor ihm stand, hingen ihre Schultern einen Hauch tiefer. Der Stand war fest, aber nur noch von Disziplin getragen. Unter ihren Augen lagen dunkle Schatten.

„Du siehst erschöpft aus. Setz dich.“

Sie stellte das Fass neben sich auf den Boden und gehorchte. Erst jetzt erlaubte sie sich, das Gewicht des Tages kurz abzulegen. Als er ihr Wein anbot, zögerte sie nicht. Das Glas war warm in ihrer Hand. Sie hielt es einen Moment einfach fest, als könnte allein das schon etwas lösen, dann trank sie. Nicht aus Genuss, sondern aus Bedarf.

Ihr Blick blieb an der verrutschten Augenklappe hängen.
„Der Stoff sitzt nicht richtig. Ich richte das. Später.“

Beim Essen sprach er vom Kochen, von Oberflächennahrung, von Energie. Seine Stimme blieb gleichmäßig und sachlich, als würde darunter nichts arbeiten.

„Kein Gift heute?“ fragte sie leise, fast beiläufig, aber mit einem Hauch, der deutlich erkennen ließ, dass sie sich erinnerte. Und dass sie nicht vergessen hatte.

Sein Blick wich aus. Stattdessen fragte er nach ihrer Hand.

Sie schob sie ihm über den Tisch. Die alte Bissstelle zeigte sich violett und ausgefranst. Sie erinnerte sich nicht an Schmerz, sondern an den Ausdruck in seinem Gesicht. An diese Selbstverständlichkeit, mit der er das Gift in die Wunde gestrichen hatte, im Vorbeigehen. Einfach, weil er es konnte. Weil es ihm gefiel, Kontrolle deutlich zu machen.

Sein Finger folgte den Rändern. Ein kurzer Atemzug entwich ihr, dann zog sie die Hand zurück und legte sie auf den Tisch, als würde sie damit etwas abschließen. „Dann können wir das als erledigt verbuchen.“

Sie aß, bis der Teller leer war. Erst danach lehnte sie sich zurück, löste den Zopf und ließ das Haar über ihre Schultern fallen. Gewohnheit. Keine Eitelkeit. Die Müdigkeit saß in jeder Bewegung und machte sie grober und ungenauer. Sie ließ den Becher stehen und stand auf. Ein paar ruhige Schritte durch den Raum, nicht zielgerichtet, sondern um nicht ganz still zu werden. Bewegung als Halt.

Vor der leeren Wand blieb sie stehen. Dort, wo zuvor ein Wandteppich gehangen hatte. Schwerer Stoff mit gedämpften Farben. Zyn’tuin mit einer Lethra. Sie hatte beim letzten Mal nicht lange genug hingesehen, um Gewissheit zu haben. Nur den Eindruck behalten, dass das Bild Gewicht getragen hatte.

„Er ist weg.“

„Eine Erinnerung an eine schwache Hülle hat keinen Platz.“

Der Satz kam ohne Zögern. Eine gelernte Doktrin. Kontrolle über Vergangenheit und über das, was bleiben durfte. Sie ließ den Blick noch einen Moment an der kahlen Stelle ruhen. Sie wusste nicht, wen die Lethra dargestellt hatte. Nur, dass es eine gewesen war. Und dass dieser Moment festgehalten worden war, weil er Bedeutung hatte.

„Vielleicht“, sagte sie ruhig.
„Aber doch hatte sie einen.“

Sie äußerte nichts weiter. Ließ ihm die Arbeit, das einzuordnen. Zurück am Tisch goss sie sich Wein nach. Ging wieder durch den Raum, rastlos auf leise Art, als könnte nur Bewegung sie wach halten. Er sprach von Ruhe, von Wasser, von Fellen.

„Und dann schlafe ich hier ein?“
„Was wäre schlimm daran?“

Sie presste ein trockenes Schnauben durch die Nasenflügel.
„Erst dein Auge“, sagte sie.

Unten am Wasser wechselte sie das Tuch über der Wunde und richtete die Augenklappe neu. Die Salbe vom Morgen war eingezogen, nur ein matter Film war zurückgeblieben. Kein Nässen, keine neue Rötung. Die Stelle war empfindlich, aber vorerst stabil.

Als er anfing, mit warmen Tropfen ihre Haut am Hals zu benetzen, zuckte sie kaum.

„Lass das.“

Er setzte es fort. Natürlich. Sie ließ es geschehen. Ihre Augen schlossen sich kurz. Ein müder Moment des Zulassens, weil ihr die Kraft fehlte, die Grenze noch einmal aktiv zu halten. Seine Stimme erreichte sie nur noch halb. Als seine stützende Hand sich löste, kippte ihr Kopf nach vorn. Er fing sie auf, hob sie an, trug sie fort. Das Rasseln der Kette begleitete die Bewegung, gleichmäßig, fern, wie ein Geräusch, das nicht mehr zu ihr gehörte.

Als sie in den Fellen lag, zog sie im Schlaf die Knie an und drehte sich auf die Seite.
Er blieb.

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Re: Anerkannt - doch der Weg endet nicht.

Verfasst: Samstag 14. März 2026, 14:39
von Jael'Zeerith
Die Höhle lag still im gedämpften Licht, das sich in den Kristallen der Wände brach und von dort weich in den Raum zurückfiel. Zwischen den schweren Fellen bewegte sie sich langsam. Zögernd richtete sie sich auf, als müsse ihr Körper sich erst wieder an sein eigenes Gewicht erinnern. Einen Moment lang blieb sie sitzen. Die Müdigkeit hing noch in den Muskeln, doch ihr Blick war bereits wach.

Auf der anderen Seite der Felle lag Zyn’tuin. Unruhe schwamm in seinem Blick, als störe ihn etwas, das sich noch nicht greifen ließ. Dennoch regte er sich nicht und ließ ihr den Augenblick des Erwachens.

Irritiert glitt ihre Hand über den Stoff auf ihrer Haut. Mit den Fingerspitzen zupfte sie daran. Weich und leicht, ohne jeden Zweck außer dem, an einem Körper zu hängen und betrachtet zu werden. Es roch fremd und süßlich, eindeutig der Duft einer anderen.

Ihr Blick wanderte durch die Höhle. Über die Felle, den Boden, die ruhige Ordnung des Raumes. Nichts war verrückt, nichts lag verstreut. Der fremde Duft im Stoff war unberührt. Ein tiefer Atemzug, dann erhob sie sich.

„Ausgeruht?“

Sie antwortete nicht. Stattdessen zog sie das Kleid erneut leicht von der Haut und prüfte den Geruch ein zweites Mal. Nein. Nicht ihrer. Fragend sah sie den Letharfen an. Offen missbilligend.

„Es ist falsch“, sagte er schließlich. „Doch ich hatte nichts anderes für die Nacht.“

Er wollte bereits nach dem Stoff greifen, aber sie kam ihm zuvor. Mit einem Ruck riss sie sich das Kleid vom Leib, während sie einen Schritt auf ihn zuging. Nachdem sie in die Hocke gesunken war, drückte sie ihm das zerrissene Kleid mit zwei Fingern gegen die Brust. Erst jetzt fiel ihr Blick auf seine Handgelenke. Fesseln aus rotem Stahl lagen eng um die Haut, die Kette zwischen ihnen kurz genug, um jede Bewegung zu begrenzen. Das matte Metall verschmolz beinahe mit dem Rot seines Wamses.

„Ich entscheide, was meine Haut berührt“, flüsterte sie und ließ den Stoff aus ihrer Hand gleiten.

Zyn’tuin knurrte unterschwellig und schleuderte das Kleid achtlos in eine Ecke der Höhle.

„Gestern konntest du nichts mehr entscheiden.“

Langsam richtete sie sich wieder auf. Ein Schritt zurück brachte sie aus seiner Reichweite. Währenddessen neigte er den Kopf und zog mit den Zähnen etwas Kleines aus dem Kragen seines Wamses – einen schmalen Schlüssel. Mit geübter Bewegung führte er ihn an die Fesseln. Das Metall klickte leise. Erst die eine, dann die andere. Die geöffneten Ringe fielen dumpf in die Felle. Er rieb kurz über eines seiner Handgelenke.

„Du bist wach“, sagte er abschließend. „Deshalb brauche ich das nicht mehr.“

Eine ganze Weile betrachtete sie ihn schweigend.

„Du hast mich gestützt“, sagte sie irgendwann. „Das erkenne ich an.“

Ein Atemzug verstrich.
„Aber du hast über mich verfügt.“

Zyn’tuin hob den Blick zu ihr. Für einen Moment verharrte er einfach dort, als wolle er in ihrem Gesicht lesen, wie weit sie mit diesem Urteil ging.

„Fühlt es sich danach an“, fragte er, „als hätte ich etwas anderes getan, als deine Hülle zu schützen?“

Der Konflikt stand zwischen ihnen, klar und unausgesprochen. Dann wandte sie sich ab. Sie stieg aus den Fellen und ging in den Nebenraum. Im Hintergrund rasselten die Ketten leise an seinen Beinen.

„Nimm ein Bad“, rief er ihr nach.

Doch sie tat es nicht. Stattdessen griff sie nach ihrer Kleidung und legte sie Stück für Stück wieder an. Stellte die alte Ordnung wieder her. Zyn’tuin beobachtete sie vom Durchgang aus.

„Also willst du ihren Geruch an dir lassen“, stellte er fest und plötzlich lag Härte in seiner Stimme. „Den Geruch einer Lethra, die sich versteckt, anstatt zu dienen.“

„Gerüche sind flüchtig“, erwiderte sie, doch er schüttelte den Kopf.

„Jeder wird es riechen. Jeder Wachlethrixor, den du passierst. Damit lasse ich dich nicht aus meiner Höhle.“

Langsam drehte sie sich zu ihm. Ihr Blick ruhte einen Moment auf seinen Zügen, als würde sie etwas prüfen, das eben noch verborgen gewesen war. Dann wurde er klarer.

„Darum geht es dir also.“ Sie atmete einmal kontrolliert ein. „Nicht darum, dass es jemand riechen könnte, sondern darum, dass du nicht willst, dass ich ihren Geruch trage.“

Zyn’tuins Lippen pressten sich zusammen, so fest, dass die Farbe aus ihnen wich. „Ich gebe dir ein letztes Mal die Wahl“, sagte er leise. „Tu es freiwillig. Oder ich trage dich ins Wasser.“

Sie verlagerte ihr Gewicht. Nur ein kleiner Schritt. Ein neu gesetzter Fuß. Er verstand sofort. Sein Arm legte sich vor sie und versperrte den Weg.

„Versuche es erst gar nicht.“

Doch sie reagierte nicht auf die Barriere. Ohne den Blick von ihm zu nehmen, setzte sie sich in Bewegung. Ein schneller, kontrollierter Impuls. Der Körper tief, der Schwerpunkt verlagert. Sie tauchte unter seinem Arm hindurch – genau dort, wo Raum hätte sein können. Doch in dem Moment, in dem sie sich duckte, drehte er sich. Sein Spann traf ihr Gesicht hart. Der Schlag riss ihren Kopf zur Seite. Sie taumelte und prallte gegen die Wand. Eine Hand fuhr hoch und presste sich gegen den Stein, um das Gleichgewicht zu halten. Ein scharfes Einatmen, während sich zeitgleich der Geschmack von Blut auf ihrer Zunge ausbreitete.

Sein kirschroter Blick lag zornig auf ihr. Bewusst langsam streckte er den Finger zum Pool.

„Los“, sagte er. „Du hattest die Wahl.“

„Du verfluchter …“

Der Rest erstickte in ihrer Kehle. Sie hatte es gewusst. Es hatte nie einen wirklichen Weg an ihm vorbei gegeben. Mit dem Handrücken fuhr sie sich über ihren Mund und wischte Blut und Wort zugleich fort. Einen Moment lang stand sie bewegungslos, der Körper angespannt, die Schultern leicht gehoben. Der Widerstand lag noch deutlich in ihr. Nicht, weil sie wirklich geglaubt hatte, ihm entkommen zu können, sondern weil er sehen sollte, dass sie es trotzdem versuchen würde.

Dann fügte sie sich. Als nur noch ihr Kopf aus dem Wasser ragte, ließ sie sich darin sinken.

„Wie lange?“

„Bis ich dir erlaube zu gehen.“

Eine kurze Pause.

„Warum lauft ihr gegen die Wand, wenn doch eine Tür da ist?“

Ein schmales, müdes Lächeln erschien in ihren Mundwinkeln.
„Weil die Türen euch gehören.“

Er schnaubte.
„Schlaue Antwort. Doch ich habe sie dir aufgehalten.“

„Und du bestimmst, wann ich hindurch darf.“

„So verlangt es die Ordnung.“

Das Wasser bewegte sich leise, als sie sich ihm näherte. Langsam hob sich ihr Körper daraus empor, bis das warme Nass nur noch an ihrer Taille lag. Tropfen perlten über ihre blaue Haut, sammelten sich an Schultern und Hüften und fielen in schmalen Rinnsalen zurück ins Becken. Sie hob den Kopf und sah ihm direkt in die Augen.

„Und was verlangt die Ordnung jetzt?“

Er schluckte.

„Dass ich meine Schwäche kontrolliere.“

Sie trat noch einen Hauch näher. Ihre Hand glitt aus dem Becken und legte sich auf den Steinrand neben seinen Oberschenkel. Sie berührte ihn nicht, aber sie war nah genug, dass er ihre Wärme spüren konnte.

„Dann kontrolliere.“

Langsam beugte sie sich vor. Ihre Lippen näherten sich seinen, Zentimeter um Zentimeter, bis kaum noch Abstand blieb. Ihr Atem streifte sein Gesicht. Der Kuss lag zwischen ihnen, greifbar nah. Sie hielt den Moment. Dann brach sie ihn. Gerade als kein Raum mehr zwischen ihren Lippen blieb, zog sie sich einen Hauch zurück.

„Du wirst mich jetzt gehen lassen.“

Ohne seine Antwort abzuwarten stieg sie aus dem Wasser. Die Kleidung zog sie direkt über die nasse Haut. Hinter ihr tauchte Zyn’tuin unter. Blasen brachen um seinen Kopf auf, als würde er seinen gezügelten Unmut ins Wasser hinausbrüllen.

Und ohne sich noch einmal umzusehen ging sie.

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Re: Anerkannt - doch der Weg endet nicht.

Verfasst: Sonntag 26. April 2026, 19:57
von Jael'Zeerith
Als Jael’Zeerith zurückkehrte, drang das Geräusch bereits durch die geschlossene Metalltür. Dumpfe Schläge hallten aus dem Inneren der Wohnhöhle, Holz schepperte auf Stein und dazwischen lag ein tiefes und rohes Grollen, als käme es nicht ganz allein aus einer Kehle.

Sie blieb einen Herzschlag lang vor dem Eingang stehen und lauschte der Gewalt darin. Erst dann schob sie die schwere Tür auf und trat ein. Schon der untere Raum trug deutliche Spuren. Ein umgestoßener Hocker lag schief am Boden, Splitter eines Bechers glitzerten im matten Licht und dunkle Tropfen zogen sich bis zur Treppe hinauf. Schweigend löste sie die Riemen ihrer Stiefel, stellte sie neben die Wand und folgte barfuß dem Lärm nach oben.

Ein Regal war halb auf den Tisch gestürzt, Schalen und Werkzeuge lagen über den Boden verstreut. Und zwischen all dem krachte immer wieder Fleisch gegen Stein.

„Verschwinde aus meinem Kopf!“

Sie blieb im Durchgang stehen. Zyn’tuin hockte zwischen den Trümmern, der Oberkörper nackt und verschwitzt, die rechte Faust blutüberströmt und kaum noch als solche zu erkennen. Unter der verrutschten Augenklappe klebte geronnenes Rot an Haut und Stoff. Sein Atem ging wild und in seinem Blick arbeitete etwas, das zwischen Zorn, Gier und Schmerz schwankte, ohne irgendwo Halt zu finden.

Ruckartig fuhr sein Kopf zu ihr herum.

„Du. Nein!“

Sie näherte sich ihm mit langsamen Schritten, während sie sich die Kapuze in den Nacken schob.

„Mach weiter“, sagte sie mit einer Stimme, die sich nicht in das Chaos fügen wollte. Sein Blick ging durch sie hindurch, als stünde sie vor ihm und zugleich weit außer Reichweite. Erst als sie eine Hand auf seine Schulter legte, setzte sich sein Blick fest.

„Oder“, sprach sie leise, „du siehst mich jetzt an.“

Ihre zweite Hand hob sich an sein Kinn. Ein warmer, bestimmter Druck an seiner blutverschmierten Haut, bis sie seinen Kopf zu sich richtete. Sie war ihm so nah, dass kaum Raum zwischen ihnen blieb.

„Hier.“

Auf diesen einen Laut hin brach etwas in seinem Gesicht auf. Für einen Augenblick glitt der Wahn beiseite. Zyn’tuin schmiegte sich unwillkürlich gegen ihre Finger, als erkannte sein Körper früher als sein Verstand, woran er sich halten konnte.

„Wasser“, brachte er hervor.

Zwischen den Trümmern fand sie einen Krug und füllte ein Glas. Das leise Glucksen des Wassers klang plötzlich seltsam klar in dem verwüsteten Raum.

„Trink. Langsam.“

Seine linke Hand hob sich schwer, als müsste sie sich an jede Bewegung erst wieder erinnern. Kurz hielt er inne, rang mit sich, dann trank er doch zu schnell, verschluckte beinahe die Hälfte und zwang sich erst danach zu kleineren Schlucken. Sein Atem beruhigte sich kaum.

„Ich brauche das Fass“, raunte er heiser. „Dein Fass.“

Ein kaum sichtbarer Schatten glitt über ihre Züge, ein kurzer Augenblick der Irritation. Dann wandte sie sich rasch zum Regal, hob das kleine Giftfass mit beiden Armen heraus und brachte es zu ihm. Mit zitternden Fingern zog er ein Fläschchen hervor, füllte es und stürzte den Inhalt hinunter, als gäbe es nichts dazwischen. Die Wirkung kam schnell. Seine Augen rissen sich auf, der ganze Körper verkrampfte sich, ein Knurren brach aus ihm, Blut und Speichel spritzten auf den Teppich.

Jael’Zeerith wich keinen Schritt zurück. Als er den Halt verlor, ging sie mit ihm nach unten, ein Knie im Teppich, eine Hand an seinem Nacken, die andere gegen seine Brust. Sie hielt ihn nicht fest. Sie hielt ihn zusammen.

„Gut“, sagte sie leise.

Es war kein Trost, lediglich eine Feststellung. Mit dem Daumen wischte sie das Blut aus seinem Mundwinkel. Als er zu ihr aufsah, war sein Blick glasig geworden. Leer von Gier, leer von Zorn. Nur Erschöpfung blieb zurück.

„Warum bleibst du hier?“

Sie sah ihn lange genug an, dass kein Zweifel mehr blieb. Sie senkte den Kopf, bis ihre Stirn beinahe die seine berührte.

„Weil du noch da bist. Und weil Weggehen jetzt falsch wäre.“

Nach und nach löste sich das Krampfen aus seinem Körper. Seine schweißnasse Stirn sank gegen ihre und wie selbstverständlich nahm sie das Gewicht auf. Ihre Hand in seinem Nacken lockerte sich mit jedem nachlassenden Zittern, bis daraus nur noch ruhiger Halt wurde. Sie atmete langsam und gleichmäßig, bewusst so, dass er sich daran orientieren konnte. Als er sie erneut ansah, lag in seinem Blick etwas Müdes und Klares.

„Du verdammte ...“

Der Rest verlor sich, als seine Lippen die ihren berührten. Nicht fordernd, nicht hart. Eher ein instinktives Suchen nach dem Einzigen, das in ihm gerade Ruhe geschaffen hatte. Der Kuss trug wenig Kraft in sich, aber ehrlichen Willen. Sie erstarrte für einen Herzschlag, dann legte sie ihm die freie Hand an die Wange. Sie ließ den Kuss bestehen, gerade lange genug, dass sich das Aufgewühlte in ihm daran brechen konnte. Erst dann antwortete sie mit einer ruhigen Bewegung ihrer Lippen. Ohne Hunger, ohne Steigerung. Nur das stille Setzen eines Endpunkts hinter die Raserei. Bald löste sie sich wieder ein kleines Stück.

„Schlaf“, flüsterte sie. „Ich bleibe wach. Ich bleibe hier.“

Er antwortete ihr nicht mehr. Nach und nach verlor seine Atmung die Unruhe, wurde tiefer und gleichmäßiger, bis schließlich nur noch Stille zwischen ihnen lag.

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