Seite 1 von 1

Ein Haus voller Hühner in Adoran [MMT]

Verfasst: Mittwoch 4. Februar 2026, 10:27
von Marius Marlon
Das Haus in Adoran war nie still.
Greya, Innes und Iselda füllten jeden Raum mit Stimmen, Meinungen, Lachen – manchmal gleichzeitig.
Marius war durch seine Liebe zu Greya Teil dieses Hauses geworden, nicht durch Schlüssel oder Besitz, sondern durch Nähe. Und obwohl sein Herz Greya gehörte, hatte er auch für Innes’ Wärme und Iseldas Eigenheiten einen festen Platz darin gefunden.

Und doch gab es Tage, an denen er sich fragte, ob er nicht versehentlich in einem Hühnerstall gelandet war – ein liebevoller zwar, aber einer voller fröhlichem Gackern, neckischem Streit und lautem Leben.

An diesem frühen Morgen jedoch war alles ruhig.
Das erste Licht fiel weich durch die Fenster, als Marius neben Greya erwachte. Er betrachtete sie einen Moment lang, strich ihr eine Haarsträhne aus dem Gesicht und küsste sie sanft, um sie nicht zu wecken. Dann schlich er sich aus dem Zimmer, hinaus in den erwachenden Tag.

Er kam zurück mit einem Rosenstrauß – schlicht, ehrlich, voller Bedeutung.
In der Küche setzte er sich an den Tisch, nahm Papier und Stift und schrieb ein paar Zeilen. Keine großen Worte, sondern wahre. Anschließend legte er den Strauß dazu, offen sichtbar, mitten auf den Küchentisch, wo ihn niemand übersehen konnte.
Dann machte er sich auf den Weg zum morgentlichen Dienst an der Mauer wo es galt Wache zu halten.

Hähne die kräh'n...Hals umdreh'n

Verfasst: Donnerstag 5. Februar 2026, 10:21
von Innes Ontanu
Als ich vor einigen Monden von Eirensee nach Gerimor zurückkehrte und mich erneut in Adoran niederlassen wollte, suchte ich mir das kleinste Haus, das ich finden konnte. Hätte ich geahnt, dass erst Greya und kurz darauf Iselda einziehen würden, hätte ich wohl von Anfang an ein größeres Heim gewählt. Und dann hießen wir auch noch Marius willkommen.

Und doch – ich liebe es. Ich liebe unser kleines Häuschen, unsere Abendessen am Küchentisch und die geselligen Runden, die sich immer wieder ganz von selbst ergeben. Erstaunlicherweise bietet diese kleine Hütte sogar genügend Rückzugsmöglichkeiten, und niemand scheint unter der Nähe so vieler Menschen Erstickungsgefühle zu entwickeln.

Auch wenn wir im Winter die Tür geschlossen hielten, um die wohlige Wärme des Kaminfeuers zu bewahren, stand sie doch sinnbildlich stets offen. Besucher und Gäste waren willkommen, und wem es einmal zu viel wurde, der fand auf seine Weise Freiraum und Freiheit.

Greya zum Beispiel schien es zu genießen, stundenlang am Kohlebecken beim Adoraner Stadttor zu stehen, zu wachen, für unsere Sicherheit zu sorgen und hier und dort einen Plausch zu halten. Vermutlich gesellte sich Marius nicht selten dazu, selbstvergessen in seiner Pflicht, der Stadt zu dienen – selbstverständlich wollen wir ihm dabei keine eigennützigen Motive unterstellen und gehen fest davon aus, dass es allein das reine Pflichtgefühl ist, das ihn antreibt. Marius war ohnehin ein angenehmer Zeitgenosse, den ich nicht mehr missen wollte.

Wenn Iselda eine Auszeit benötigte, suchte sie eine Schneiderin auf, vorzugsweise Liv in Junkersteyn. Nicht selten kehrte sie schwer beladen mit einem Stapel neuer, wunderschöner Kleider zurück, die wir bewundern durften. Zuhause präsentierte sie diese mit ihrer ganz eigenen Anmut – und errötete zart, wenn man sie zu sehr lobte, während sie doch jeden Moment sichtlich genoss. Iselda war so sehr Teil meines Lebens geworden, dass ich mir ein Dasein ohne sie kaum mehr vorstellen konnte.

Und was tat ich, wenn ich einmal Zeit für mich brauchte? Ich schnappte mir meine heißgeliebten Schatzkarten und spürte verborgene Truhen auf. Es tat mir gut, mich zu bewegen, zu kämpfen und mit reicher Beute heimzukehren. Es war auch eine gute Möglichkeit, schwere Gedanken an Vergangenes, loszulassen.

Am Ende blieb nur eine Erkenntnis: Manchmal braucht es kein großes Haus, sondern nur genug Herzen, um es bis in die letzte Ecke gemütlich und zu einem Zuhause zu machen – und notfalls einen sehr strengen Plan für die Nutzung des Badezubers am Morgen.

Eine Ente im Hühnerstall

Verfasst: Donnerstag 5. Februar 2026, 19:55
von Fainche Orlaith
Die Kälte kroch nicht nur durch das Leder meiner Uniform, sie schien direkt aus meinem Inneren zu kommen. Der Wachdienst war vorbei, aber ich fror noch immer – vor Wut. Auf mich, auf andere, auf Unfähigkeit und Puppenspieler. Normalerweise ist das etwas, das mich warmhalten kann – die Wut, nicht die Puppenspieler –, aber seit einigen Tagen funktionierte das nicht mehr so wie gewohnt. Vielleicht lag es am Winter oder daran, dass ich einfach nicht mehr wütend sein wollte. Es waren zu viele Emotionen geworden.

Ich stand vor Innes' Haustür. Ursprünglich wollte ich den Abend im Haushalt in Berchgard verbringen, aber ich hatte eine zu ruhige Stunde erwischt. Ich brauchte Gesellschaft. Eine, die nicht fordert, sondern nur ist.

Meine Hand, steif vom klammen Lederhandschuh, klopfte. Zweimal. Hart. Kein Zögern.
Als sie öffnete, sah ich wahrscheinlich aus wie eine Gewitterwolke, die sich in einen Eiszapfen verwandelt hatte. Ich hatte die Brücken hochgezogen, die Tore verrammelt. Ich wollte keine Fragen hören. Keine gut gemeinten Ratschläge, keine Analysen.

„Ich brauche … Zeit“, knurrte ich leise, ohne Begrüßung. „Und Ruhe. Bitte.“

Innes sah mich an. Sie musterte mich kurz, sah die Anspannung in meinem Kiefer und die Kälte in meinem Blick. Sie stellte keine Fragen. Sie trat einfach zur Seite, eine Geste so selbstverständlich wie das Atmen. Das war das Gute gerade: Sie erkannte, dass Worte überflüssig waren.
Drinnen war es warm. Es roch nach trockenen Kräutern, frisch gebackenen Leckereien und einem Kaminfeuer. Ich schälte mich aus dem schweren Mantel, warf ihn fast achtlos über einen Stuhl und ließ mich in den Sessel vor dem Kamin fallen. Ich starrte in die Flammen, die Lippen fest aufeinandergepresst. Hör auf, dich zu ärgern, befahl ich mir selbst. Lass sie alle mit ihrem Scheiß alleine.
Innes bewegte sich lautlos im Hintergrund. Kein Klappern, kein Summen. Kurz darauf schob sich eine dampfende Tasse in mein Sichtfeld. Sie stellte sie auf den Boden neben meine Stiefel, klopfte mir einmal kurz, fast grob auf die Schulter – Ich bin da, halt die Klappe – und verschwand in ihrem Sessel.

Ich griff nach der Tasse. Die Hitze tat gut.
Wir saßen lange so. Das einzige Geräusch war das Knacken des Feuers und das leise Umblättern von Seiten. Innes las. Ich starrte. Und langsam, ganz langsam, bröckelte der Wall. Die Wut verlor ihre Schärfe, wurde stumpfer, erträglicher. Die Stille hier war kein Vakuum, sie war ein Fundament. Sicher. Solide. Es war gut mehr als einen solchen Ort zu kennen, und Zutritt zu haben.

Irgendwann atmete ich tief aus, lehnte den Kopf in den Nacken und blinzelte zur Decke.

„Was liest du da, das so dick ist, dass man damit jemanden erschlagen könnte?“ fragte ich. Meine Stimme war noch rau, aber der bissige Unterton war nicht mehr feindselig, sondern nur noch meine übliche Art.

Innes sah nicht auf, blätterte aber um. „Reiseberichte aus dem Süden. Der Autor schwärmt gerade von einer Stadt, die komplett auf dem Wasser gebaut ist. Kanäle statt Straßen. Gondeln statt Kutschen.“
Ich schnaubte leise und nahm einen Schluck Tee. „Klingt furchtbar. Aber bestimmt haben die keine Pferde da.“
Jetzt sah Innes auf, eine Augenbraue hochgezogen. „Furchtbar? Er beschreibt es als den romantischsten Ort der Welt.“
„Ich höre nur 'nasse Socken' und 'Schimmel an den Wänden' – der Pilz, nicht das Pferd“, erwiderte ich trocken und spürte, wie sich ein echtes, wenn auch schiefes Grinsen auf mein Gesicht stahl. „Und stell dir den Geruch im Sommer vor. Romantik stinkt vermutlich nach altem Fisch.“
Innes lachte leise, ein kurzes, trockenes Geräusch. „Vermutlich hast du recht. Er schreibt hier etwas von 'duftenden Wassern', aber das ist wohl dichterische Freiheit.“
„Lies weiter“, forderte ich und rutschte etwas bequemer in den Sessel. „Ich will hören, wie er sich die Mückenplage schönredet.“

Die Eiswälle waren geschmolzen, weggespült von Spott und heißem Tee. Ich war noch nicht ganz heil, aber ich war für diesen Abend wieder ich selbst.