Reys Gedichte und Geschichtenbuch
Verfasst: Mittwoch 21. Januar 2026, 02:25
Ausgelegt auf dem Schreibtisch in Greyas Dachbodenzimmer liegt eine große Ledermappe, gefüllt mit Notizen, Zeichnungen und einzelnen Gedichten. Die Schriftstücke sind offenbar wild durcheinander abgelegt und folgen weder einer klaren Ordnung noch einer durchgehenden Datierung.
Die Nachteule
Ich bin oft für die Nachtwache eingeteilt – und viele wundern sich darüber. Doch es ist meine eigene Entscheidung, meine Wahl, und jeder, der mich kennt, weiß, wie sehr ich an ihr hänge. Die Nacht ist mein vertrauter Gefährte: still, klar, geduldig. In ihren Stunden scheint die Welt langsamer zu atmen, als würde Adoran selbst für einen Augenblick zur Ruhe kommen. Das Flackern der Laternen, die das Schneetreiben in goldenes Licht tauchen, verwandelt die Hauptstadt in ein funkelndes Wintermärchen. Und inmitten dieser Szenerie fühle ich mich auf eine Weise zuhause, wie ich es am Tage nur selten tue.
Neben mir knistert die Kohlepfanne, ein kleiner roter Punkt in der weiten Dunkelheit, während die Stimmen meiner Kameraden leise durcheinanderklingen. Die Gespräche der Nacht haben einen anderen Klang: weniger angespannt, weniger von der Hektik des Tages getrieben. Hier, wenn der Frost die Straßen gläsern macht und der Wind nur flüsternd an den Mauern zerrt, zeigen die Menschen ihr wahres Wesen. Kameraden werden zu Freunden, Fremde zu Verbündeten. Zwischen den Schichten, zwischen Müdigkeit und Pflichtbewusstsein entstehen Bande, die stärker sind als jedes geschriebene Eidwort.
Doch es ist nicht nur die Stille, die mich hier hält. Ich habe ein waches Herz – eines, das sich verantwortlich fühlt. Für die Händler, die tagsüber ihre Stände aufbauen. Für die Kinder, die lachend durch die engen Gassen rennen. Für die alten Frauen, die an Winterabenden Kräuter und Geschichten austauschen. Für all jene, die Adoran zu dem machen, was es ist: eine Stadt voller Leben, Wärme und Hoffnung. Während andere die Dunkelheit fürchten, habe ich früh gelernt, dass sie ein Schutzraum sein kann – wenn nur jemand bereitsteht, über sie zu wachen.
Und irgendwo dort unten, hinter Fenstern, die nun vom Schnee verschleiert werden, schläft "er". Der Gedanke an ihn ist kein Grund für meine Pflicht – aber ein leises, stetiges Licht in mir. Ich liebe unsere gemeinsamen Dienste, die Momente, in denen unsere Schritte sich im Einklang finden. Doch auf eine seltsame Weise schenkt es mir fast noch mehr Frieden zu wissen, dass er ruhen kann, weil ich wache. Weil ich seinen Schlaf, sein Wohl und seinen morgigen Mut mit meiner Wachsamkeit hüte.
Wenn die Stimmen verstummen und nur noch das Knacken der Kohle und das ferne Rascheln des Schnees zu hören ist, hebe ich gern den Blick nach Osten – zur Stadt, zur Stille, zu all jenen, die mein Herz nie loslässt. Für sie stehe ich hier. Für sie bleibe ich wach.
Ich fürchte die Dunkelheit nicht. Ich trete bewusst in sie hinein, begegne den Schatten mit meinem Mut und wache über die Menschen, die mir etwas bedeuten – und über all jene, die jemanden brauchen, den sie nie sehen werden.
Bittgebet an Temora
Temora, Licht im Zweifel,
halte meine Hand, wenn mein Herz wankt.
Lehre mich Mitgefühl, ohne blind zu werden,
Ehre, ohne zu verhärten,
Tapferkeit, die nicht aus Zorn geboren ist.
Wenn ich heute gezögert habe, so prüfe mein Handeln gerecht,
nicht nach meinem Mut, sondern nach meiner Demut.
Und sollte Opfer gefordert sein, so gib mir die Kraft,
es bewusst zu tragen – nicht aus Stolz, sondern aus Liebe zum Leben.
Schönste Rose
Wo helles Gold im Haare ruht,
und Anmut still die Straßen hüt’,
da wandelt sie mit klarem Blick,
der Schönheit selbst ein leises Glück.
Wie Rosen blühn in ihrem Sein,
so rein, so stolz, so sonnenfein,
Vogtin der Stadt im lichten Glanz,
ein Herz aus Pflicht, ein Hauch aus Tanz.
Drum bring ich heut’, wie einst versprochen,
mit süßem Duft und warm gekrochen,
Blaubeereierpfannkuchen fein –
ein kleiner Gruß, doch ehrlich mein.
Mög’ diese Gabe lächelnd sagen:
Nicht nur die Rose darf man tragen,
auch süße Freude, schlicht und wahr,
gehört zu Schönheit – Jahr um Jahr.
Für meine Prinzessin
In stillen Nächten, wenn die Stadt
im Schneeglanz leise Atem holt,
denk’ ich an dich, Prinzessin –
an unser Lachen, kühn und ungezähmt,
an Wege, die wir Seite an Seite fanden.
Wir zwei, ein Rest von alter Sippe,
Schwestern mehr als Blut verrät,
ziehen durch Straßen, Mauern, Welten,
bauen uns ein Leben aus Mut
und jenen kleinen Wundern,
die nur wir bemerken.
Am Tage teilen wir die Arbeit,
die Sorgen, den Kram der Welt –
doch in uns brennt dasselbe Feuer,
das uns hinausträgt zu Abenteuern
und heimkehrt in dieselbe Stille.
Und wenn ich Nacht für Nacht
über Adoran wache,
weiß ich, dass du irgendwo dort unten
schläfst, träumst, lebst –
und dass ich nie ganz allein bin.
Für dich halte ich die Schatten fern.
Für uns bewahre ich das Licht.
Für immer wir –
Prinzessin und Räuberzofe,
Herz an Herz und Schritt an Schritt.
Dank- und Bittgebet an Eluive
Eluive, Allmutter des Lebens und des ersten Liedes,
ich danke Dir für den Atem der Welt,
für Licht, Wärme und den Einklang, der allem Sein innewohnt.
Auch wenn mein Pfad einem anderen Namen folgt,
erkenne ich Dein Wirken in jedem Funken Leben
und neige mein Haupt in Dankbarkeit vor Deiner Schöpfung.
So bitte ich Dich in Demut:
Binde diese Flammenaxt an meine Seele,
nicht aus Zorn, sondern aus Deinem reinen Feuer geboren.
Lass sie ein Werkzeug des Schutzes sein,
ein Licht wider die Dunkelheit
und ein Zeichen Deiner wärmenden, nicht verzehrenden Flamme.
Möge Dein Lied durch Stahl und Herz zugleich erklingen.
So sei es.
Krone und Wacht
Ich trage keine Krone,
doch ich trage ihr Gewicht.
Ich spreche keine Urteile,
doch ich stehe, wenn sie vollstreckt werden müssen.
Mein Name wird nicht gerufen,
wenn Feste gefeiert werden,
doch er steht zwischen Schild und Leib,
wenn die Nacht unruhig ist.
Ich bin nicht makellos,
nicht ohne Zweifel,
aber ich bin da.
Heute. Morgen.
So lange man mich braucht.
Nach der Wache
Die Stadt schläft,
als hätte sie nichts gefordert.
Meine Rüstung liegt schwer,
doch nicht so schwer
wie die Gedanken darunter.
Ich frage nicht,
ob ich richtig stand –
nur, ob ich stand.
Und das tat ich.