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Wie das Leben spielt ...

Verfasst: Mittwoch 14. Januar 2026, 15:13
von Lioras Ylais
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Von A wie Auftakt bis Z wie Zäsur
~ Epos eines Wanderbarden ~

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In unserem Leben spielen wir alle mehrere Rollen. Die eine besser als die andere. Einige gern, manche nur zähneknirschend. In den vergangenen achtunddreißig Jahren habe ich schon eine ganze Reihe an Rollen eingenommen und die wenigsten davon habe ich je gänzlich wieder aufgegeben. Es ist wie bei einem Bühnenspiel: Nicht immer sind alle gleichzeitig dazu aufgerufen, ihr schauspielerisches Talent zum Besten zu geben. Es gibt immer wieder Phasen, in denen man sehnsüchtig hinter dem Vorhang auf seinen Einsatz wartet. Ein anderes Mal steht man schweißgebadet auf der Bühne, nur um sich zu wünschen, ganz schnell wieder runter zu können, aber das Publikum hat einen fest im Blick - also trägt man tapfer sein Stück vor.
Ich war schon der Sohn, Schüler, Freund, Unterhalter, Konkurrent, Störenfried, Liebhaber und Mann, Schwager, Witwer, Vater, Lehrer, Suchender, Frommer, Stiefvater, Reisender ... Auf die ein oder andere Rolle hätte ich rückblickend gern verzichtet, aber damals im Wetttanz mit dem Glück habe ich alles genommen, was sich mir anbot, und manches war dann nur noch eine natürliche Folge der Umstände, die sich daraus ergeben hatten.
Jetzt, in der zweiten Hälfte meines Lebens, probiere ich mich an etwas ganz anderem. Ich erfinde mich neu, bin nun der Reichsbürger, Soldat und Kamerad. Nie hätte ich gedacht, dass ich so anders sein könnte. Dass auch das in mir schlummert. Dass mir Regelreiterei, Routine und Strammstehen gelingen würden. 269 setze ich also ganz ins Zeichen des Neubeginns, im vollsten Vertrauen darauf, dass der Herr schon wissen wird, was er mit mir vorhat und wofür das alles gut sein soll.

Unterhalter & Witwer

Verfasst: Montag 19. Januar 2026, 22:24
von Lioras Ylais
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„Oder habt Ihr Angst, dass ihr wirklich etwas an Euch liegen könnte?“

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Eine verhängnisvolle Frage. Nicht nur, weil ihr Empfänger kurz drauf Reißaus nahm, sondern weil sie gleichsam wie ein Bumerang zurück geschossen kam. Bin ich wirklich besser, was das angeht? Ihm mag man es anmerken, selbst als Blinder mit Krückstock, aber nur weil ich körperliche Nähe, nette Worte und ein gewisses Maß an Vertrautheit zulassen kann, heißt das nicht, dass ich Menschen gerne in mein Herz lasse. Ich hätte es wissen müssen. Hätte ahnen müssen, dass es einen wunden Punkt bei uns beiden treffen würde. Der heitere, redselige Geselle ist eine Rolle von mir - der Unterhalter. Eine Rolle, die ich schon von Kindesbeinen an probe. Sie fühlt sich fast wie eine zweite Haut an. Doch wenn ich ganz ehrlich mit mir bin, dann ist dieser Mann nicht ich. Nicht immer. Ich könnte jemanden in die Arme schließen und würde ihn doch auf Armeslänge Abstand halten. Nicht, weil ich Menschen nicht traue. Nicht, weil ich Nähe nicht ertrage. Ich ertrage bloß nicht die Angst davor, das alles wieder zu verlieren. Jynela hat das vermutlich schon erkannt, als ich ihren Fragen nach Schuld und Strafe ausgewichen bin. Soiradur und ich haben an der Stelle nicht nur 'Parallelen' in unserer Geschichte. Wir sind uns erschreckend ähnlich in diesem Belang. Keine Blindheit, keine Naivität mehr. Nie wieder alles fürs Herz aufs Spiel setzen. Das haben wir uns beide geschworen. Als wäre das so einfach. Als würde diese elende Schmodderpumpe in der Brust je tun, was man ihr sagt. Das wissen wir vermutlich beide - und trotzdem klammern wir uns an die Sinnhaftigkeit unseres Entschlusses. Mir ist fast, als lachte mich mein Herz in diesem Moment höhnisch aus. Wir suchen uns nicht aus, wen wir sympathisch finden. Wir entscheiden nicht, wem wir uns öffnen wollen und ganz sicher liegt es nicht an uns, zu bestimmen, wer wiederum uns mag. Das können wir nicht beeinflussen.
Genauso wenig wie den Schmerz des Verlusts, der ein unvermeidbares Risiko ist. Eine bekannte Nebenwirkung von Liebe. Wir können ihm nicht entkommen. Ich dachte, ich wäre drüber hinweg. Seit Jahren kann ich ihren Namen wieder aussprechen. Sogar, ohne unaufhaltsam in Tränen auszubrechen. Ich dachte, der Schmerz wäre vergangen. Ein Preis, den ich für meine eigene Naivität gezahlt habe. Warum musste Jynela auch dahin deuten, worauf ich meinen Blick auf gar keinen Fall mehr richten wollte? Und wieso zum Henker müssen Frauen immer Recht haben? Natürlich war Leonas Tod keine Strafe für meinen jugendlichen Leichtsinn. Vermessen, überhaupt zu glauben, dass der All-Eine sich mit einem so unbedeutenden Wesen wie mir beschäftigt. Ich weiß das. Wusste das schon immer. Nur wollte und will ich das nicht wahrhaben. Denn wenn das stimmt, dann heißt das, dass ihr Tod nichts weiter als die Tragik des Lebens war. Nicht meine Schuld und auch nicht die von irgendwem anderen. Dann hätte ich umsonst Tage und Nächte geweint, bis ich keine Tränen mehr überhatte. Geschrien, bis mir meine treue Stimme den Dienst versagt hat. Dann wäre Luisa umsonst ohne Mutter aufgewachsen und hätte umsonst das fahrende Volk verlassen, aus Angst, dasselbe Schicksal zu erleiden wie ihre Mutter ... Dann könnte ich niemanden dafür verurteilen, nicht einmal mich selbst.

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Vater und Freund vs. Kämpfer und Diener

Verfasst: Freitag 27. Februar 2026, 11:49
von Lioras Ylais
Dämonen, mannshohe Elementare, zaubernde Untote ... Wenn ich Luisa erzählen würde, was ich in den letzten Tagen erlebt und überlebt habe, würde sie mir garantiert nicht glauben. Höchstens würde sie es für die beste Gute-Nacht-Geschichte seit Langem halten. Die Erste vielleicht, in der ich sie nicht damit zum Lachen bringe, mich selbst in die Rolle des Hofnarren, Dorftrottels oder Scherzkekses zu begeben, sondern eine, in der ihr Vater auf einmal so etwas wie Risikobereitschaft, Kampfkraft und Vertrauen beweist. Aber sollte sie es überhaupt wissen? Unwissenheit ist gewähnte Sicherheit. Wenn sie nicht weiß, dass ich Dinge tue, die mich umbringen könnten, dann braucht sie sich auch keine Sorgen darüber zu machen. Wenn sie mich nur in vorsichtig und vorausschauend kennt, dann kommt sie gar nicht erst auf die Idee, dass ich auch anders sein kann - vielleicht. Sie weiß nicht, wie ich vor ihr war. Und das ist gut so.
Aber es geht nicht um sie. Nicht nur.
Sie weiß, wie ich früher war. Oder sagen wir: Sie ahnt es. Ich glaube nicht, dass sie mich für einen feigen Spießer hält. Dann hätte ich im Osten landen müssen ... und dann hätte sie mich nicht eingeweiht. Sie wird wissen, dass in mir immer noch eine Flamme flackert, die darauf wartet, entfacht zu werden. Ich wage fast, zu behaupten, er ahnt es auch. Oder? Sonst hätte er mich nicht eingeladen. Er würde sich keinen Klotz ans Bein holen, wenn er von vornherein wüsste, dass dessen Last nie weniger werden würde. Er würde mich nicht wissentlich in Gefahr bringen, wenn er glauben würde, durchgehend darauf achten zu müssen, dass ich nicht draufgehe.
Ich bin Lingor dankbar dafür, dass er mit mir losgezogen ist - ehrlich. Wir waren und sind uns einig: Lieber ich lerne es jetzt, im kontrollierten Rahmen, als auf dem nächstbesten Schlachtfeld. Denn auch darüber waren wir uns einig: Das würde früher kommen als uns lieb war. Fraglich, wie viel er von den Hintergrundaktivitäten mitbekam, aber er war zu lange schon im Dienst, zu lang und eng schon mit Jynela vertraut, als dass er ihr unterstellen würde, einen solch lebensbedrohlichen Angriff auf sie auf sich sitzen zu lassen. Ich glaube nicht, dass er so närrisch ist.
Er wird wissen, dass sie auf Rache sinnt. Nicht nur sie.
Beide Seiten hatten an diesem Nachmittag verloren. Beide Seiten sahen sich im Recht und beide wollten Antworten. Wir hatten unsere bekommen, ohne auf die Ehrlichkeit des Feindes zu hoffen. Wir hatten auf ihre Ahnungslosigkeit gehofft. Darauf, dass sie sich in Sicherheit wähnten - und dann zugeschlagen. Nicht gewaltsam. Leise, ja, fast schon perfide.
Und genau damit rechnet auch sie.
Ich wusste es. Wusste, dass ich mich damit auf verdammt dünnes Eis begebe, aber ich konnte ihn nicht allein damit lassen. Nicht, weil ich ihn für schwach hielt, sondern weil ich wusste, wie schnell Flammen hochschossen, wenn sie frische Luft witterten - und er war kein hermetisch abgeriegelter Raum. Auch, wenn er es sich sichtlich wünscht. Es war die Wahl zwischen Pest und Cholera. Zwischen Verrat und Distanz. Beide brauchten Nähe, jemanden, auf den sie sich verlassen konnten, weil er sie verstand, ohne sie deshalb hinter ihren Schutzmauern verrotten zu lassen. Aber an diesem Abend waren sie nicht beisammen und das zwang mich dazu, eine Wahl zu treffen, die ich hoffentlich später nicht bereuen würde.
Sein Teil der Rechnung ist aufgegangen. Meiner auch. Bleibt abzuwarten, wie es um sie steht. Doch ich befürchte, nicht gut.

Ich seufze. Das habe ich wohl davon, mich ausgerechnet zu den gezeichnetesten Menschen des Reichs hingezogen zu fühlen. Gedankenverloren lasse ich meine Finger über die Saiten meiner Laute gleiten. Keine Ahnung, welche Melodie ich spiele. Ob es überhaupt eine ist. Ich achte nicht darauf, lasse meinen Händen freien Lauf. Sie wissen am besten, was mein Inneres braucht, um zur Ruhe zu kommen. Das wussten sie schon immer. Wer weiß? Vielleicht brauche ich deswegen ständig etwas, womit sie sich beschäftigen können. Selbst im Dienst, wo stillstehen angebracht wäre. Na ja ... Wenn es jemanden von Relevanz stören würde, hätte er oder sie es mir längst gesagt.

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Musiker und Geliebter

Verfasst: Samstag 28. Februar 2026, 14:15
von Lioras Ylais
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Shevon, 247 n.Gk.
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„Ihr seid überraschend scharfsinnig.“
Eine Braue lupft sich schneller in meinem Gesicht, als ich es aufhalten kann. „Wieso überraschend? Muss man dumm sein, wenn man arm ist?“
„Oh, nein, nein, nein“, entgegnet sie direkt und ihre Augen weiten sich. „So habe ich das nicht gemeint. Verzeiht. Es ist nur …“
Ein amüsiertes Schnauben verlässt meinen Mund, dicht gefolgt von Worten, die mich eines Tages meinen Kopf kosten könnten. „Du kennst keinen vom fahrenden Volk, mit dem du dich auf Augenhöhe unterhalten kannst.“ Ich bin mir sicher, dass ich Recht habe, und ihr fassungsloses nach Luft Schnappen bestätigt mich darin.
„Das mit der Etikette lernt Ihr trotzdem nie, oder?“ Fast schon niedlich, wie ihre Stimme dabei hochschnellt.
„Mit Absicht nicht“, kontere ich und beuge mich zu ihr runter. Das schelmische Grinsen lasse ich dabei ganz bewusst auf meinen Zügen.
Sie engt ihre Augen zusammen und bleibt trotzig stehen, riskierend, dass ich ihr damit näherkomme, als ich es vermutlich sollte. Unsere Blicke treffen sich, Hitze schießt durch meinen Körper und auf einmal sind all meine Gedanken wie weggeblasen.
Verdammt. Nichts anmerken lassen!
Ich mustere ihre Augen, weil mir nichts Besseres einfällt. Sie haben die Farbe von jungem Moos im Frühling, wenn der Frost endlich gewichen ist und die Sonne zwar bereits die Luft erwärmt, aber noch nicht gnadenlos auf alles unter sich hernieder strahlt. Ihre Wimpern sind heller als die der meisten Leute hier. Passend für eine blonde Frau, aber was macht sie in Shevon? Hier gibt es kaum blonde Menschen. Ein leichtes Zucken geht durch ihre Lider. Ihr Blick wird unstet.
Ich blinzle. Dann räuspere ich mich und richte mich wieder auf. Betont unschuldig hebe ich meine Brauen und setze mein frommstes Lächeln auf. Natürlich war das - genau - so - geplant. „Da verschlägt’s ihr glatt die Sprache“, necke ich sie und würde über meine eigenen Worte am liebsten mit den Augen rollen. Ehe ich weiterdenken kann, kommt sie mir jedoch zuvor.
„Wie alt wart Ihr noch gleich?“ Ihr Kopf neigt sich zur Seite.
„Siebzehn?!“ Eigentlich weiß ich, wie alt ich bin. Warum klingt die Zahl wie eine verdammte Frage aus meinem Mund?
Sie führt ihre Hände vor sich zusammen, wie sie es sonst tut, wenn sie mit anderen redet, und tätigt ein paar Schritte – jedoch nicht von mir weg, sondern … um mich herum?!
Ich wende auf der Stelle, lasse sie nicht aus den Augen. Als ich merke, dass sich meine Stirn dabei in tiefe Falten gelegt hat, glätte ich sie direkt wieder.
„Wie ist dein Name, Musiker?“
„Oh, jetzt doch per Du?“
„Verspiel es dir nicht.“ Ihr Blick bleibt erwartungsvoll auf mich gerichtet. Keine Spur mehr von Unsicherheit. Gerade wirkt sie eher erschreckend erhaben.
Furchtbar. Genau deshalb mag ich reiche Leute nicht.
„Lioras.“ Es kostet mich alle Beherrschung, die ich aufbringen kann, meine Stimme nicht schon wieder am Ende hochschnellen zu lassen, so als hätte ich in ihrer Gegenwart vergessen, wie mich meine Eltern noch gleich getauft haben. „Und deiner?“
Ein flüchtiges Schmunzeln zuckt um ihre Mundwinkel und lenkt mein Augenmerk für einen gefährlich langen Moment auf ihre Lippen. „Leona.“ Mit jener Antwort bleibt sie stehen. Nun hat sie die Nachmittagssonne im Rücken und ich schwöre, ihren goldenen Wellen schmeichelt das deutlich mehr als meiner wilden Mähne.
Herr hilf, Fokus, Lioras!


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Grenzwarth, 269 n.GK.
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Ich blinzle, starre an die Zimmerdecke über meinem Bett. Es ist erschreckend hell. Ich blinzle erneut. Dann sehe ich nach links zum Nachttisch. Die Kerze darauf ist komplett niedergebrannt. Das Licht stammt also nicht von ihr. Es stammt –
Mein Blick schwenkt zum Fenster direkt geradeaus. Verräterische Sonnenstrahlen brechen durch die schmalen Schlitze zwischen den grünen Gardinen. Ein Seufzen entweicht meiner Kehle. Schon wieder eine schlaflose Nacht rum. Zumindest eine Nacht, in der ich es nicht in die Waagerechte geschafft habe. Gedankenverloren zupfen meine Finger an den Saiten der Laute. Ich halte sie noch immer auf meinem Schoß. Keine Ahnung, wie lang schon. Es war jedenfalls noch dunkel.
Welchen Tag haben wir noch gleich?
28. Eisbruch – der Einsatz – verflucht.
Na ja, immerhin kein Dienst vorher. Dann kann ich mir vielleicht wenigstens einen Mittagsschlaf erlauben.
Hoffentlich bleiben die Erinnerungen so positiv …

Witwer, Vater & Schwager

Verfasst: Freitag 13. März 2026, 14:52
von Lioras Ylais
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Shevon, 250 n.GK.
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Von der Geburt eines Mannes, der Ruhe im Sturm fand.
Nicht, weil er wollte oder es frommer war, sondern weil
die Not es forderte.
Verantwortung ist ein schweres Gut und deine Haltung ent-
scheidet darüber, ob sie dich in die Tiefe zwingt oder ankert.

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Der Eisbruch gibt sich alle Mühe, mir diesen Tag schwerer zu machen als er ohnehin schon ist. Winde peitschen mir Haare ins Gesicht, zerren an Stoffen. Frost beißt mir in jedes freie Stück Haut und als ich sehe, wie Linus und seine Eltern den Friedhof betreten, erschaudere ich erneut. Doch diesmal kommt die Kälte von innen. Dicht gefolgt von einem heißen Strom, der vom Magen aus hoch in die Brust zieht. Fast so, als wolle er ihnen trotzen. Diesen Heuchlern, die es nicht einmal für nötig hielten, an ihrem glücklichsten Tag im Leben aufzuschlagen. Zu beweisen, dass Familie auch dann Bestand hat, wenn Meinungen auseinander gehen und Wege sich trennen. Spannend, wie sich Annahmen ändern, wenn Endgültigkeit eintritt. Wenn sie einem vor Augen führt, was man verkackt hat, als man es noch hätte klären können.
Ich will sie nicht hier haben. Will nicht sehen, wie sie trauern um etwas, das sie erst verloren haben, nachdem sie es schon lange abgeschrieben hatten. Aber ich muss. Das gebietet die Gerechtigkeit. Meine Version der Gerechtigkeit, die in Familie nicht bloß Blutsverwandtschaft, sondern Bündnis sieht. Die anerkennt, dass auch schlechte Menschen leiden. Manchmal vielleicht sogar mehr als gute, weil sie tief in sich drinnen wissen, dass sie Fehler begangen haben und ihr Schmerz sie nun richtet - zurecht. Ich würde nicht wollen, dass jemand, den ich kenne, geht und ich nicht einmal davon erfahre, geschweige denn die Chance erhalte, mich von ihm zu verabschieden. Also habe ich Linus geschrieben und ihm gesagt, was los ist. Keine Einladung. Kein Beileid. Beides hat er nicht verdient. Nicht nach allem, was er ihr und mir angetan hat. Aber Wissen und die Verantwortung, selbst zu entscheiden, was er damit tut.

„Lioras, nimm mal Luisa, bitte.“ Die Stimme meiner Mutter lässt mich aufmerken.
Meine Bewegungen sind träge, viel zu schwer. Ich kann nicht verleugnen, dass Schlaf zu einem Fremdwort für mich geworden ist. Noch ehe ich etwas entgegnen kann, reicht meine Mutter mir Luisa. Behutsam, aber mit einer Bestimmtheit, die mich noch im Anflug vergessen lässt, dass ich verweigern will. „Warum? Du weißt ganz genau, dass ich nicht ruhig bleiben werde.“
„Ja, aber bleib wenigstens bei ihr.“ In ihren Augen spiegelt sich eine Weitsicht, die mir den Magen verdreht. Sie braucht keine Pause vom Großmutter-Sein. Nicht mal eben eine freie Hand. Sie will, dass ich Luisa im Arm halte.
„Sie soll das nicht ertragen müssen. Das hat sie nicht verdient“, protestiere ich, während ich dennoch schützend meine Arme um dieses zerbrechliche Bündel aus Windeln und Wolldecke lege. Mein Blick schwenkt zu ihr runter. Eisblaue Augen blinzeln mich müde an, werden bei jeder verstohlenen Schneeflocke, die ihren Weg in ihr Gesicht findet, zusammengekniffen.
„Richtig. Sie hat einen Vater verdient, der weiter denkt als bis zum Jetzt. Der mehr sieht als seinen Zorn.“ Mutters Worte sind mehr ein Hintergrundrauschen als ein Dialog, den ich mit ihr führe. Ich spüre ihren strengen Blick auf mir. Sie kennt mich zu gut. Sie weiß, dass ein falsches Wort von Linus reichen würde, um mich zur Weißglut zu treiben.
Der Grat zwischen Schmerz und Zorn ist verflucht schmal. Ich merke es seit Tagen und mit jeder Nacht, die schlaflos verstreicht, wird es schlimmer. Ich bin noch nicht ganz darüber hinweg, dass der Herr mir diesen Schmerz zumutet. Dieses Leben - Luisas Leben - als Bürde. Ich weiß, ich sollte so nicht von ihr denken. Nicht von einem jungen Leben und erst recht nicht von dem Einzigen, was mir von ihr geblieben ist. Nur weiß ich nicht, ob ich will, was ich habe. Ich weiß nicht, ob ich das halten kann. Ob ich sie halten kann. Jeden Tag mit dem Blick in ihre unschuldigen Augen daran erinnert werden, was mir genommen wurde. Was ich ertrage, nur um mir nicht vorwerfen lassen zu müssen, meine Familie im Stich gelassen zu haben.
Und da ist sie wieder, diese bleierne Schwere. Das Gefühl, nicht tief genug atmen zu können, um Luft zu bekommen. Um gegen diese Enge in meinem Brustkorb, gegen das träge, stete Poltern meines Herzens anzukommen. Die Bestattungszeremonie zieht an mir vorbei wie eisiger Wind, der einen Abhang runter und über einen hinwegfegt. Man sieht ihn kommen und doch lässt er einen zusammenfahren. Er ist nicht zu fassen, nicht umzulenken und wo er durchgerauscht ist, bleibt Verwüstung zurück.
Nicht weinen. Nicht weinen, sage ich mir immer wieder in Gedanken.
Du musst stark bleiben ... Sie darf nicht weinen.
Mit jedem leisen Laut von Luisa zucke ich zusammen, spanne mich mehr an, wiege sie unterbewusst hin und her und fast kommt es mir vor, als wollte ich mich selbst damit mindestens genauso beruhigen. Ich tue es sogar noch, als bereits alle weitergezogen sind. Vage erinnere ich mich noch an den ein oder anderen Schultertätschler ... Mitleidige Blicke ... Gebrochene Worte. Doch am Ende gingen sie alle und ließen mich. Sogar meine Mutter, die es scheinbar immer noch nicht für nötig hält, mir endlich wieder Luisa abzunehmen, damit ich verdammt nochmal durchatmen kann.

Langsame, schwere Schritte nähern sich mir, anstatt sich zu entfernen. Träge wende ich herum, ein Instinkt, und als ich sehe, wer vor mir steht, weiß ich plötzlich, wieso ich immer noch Luisa trage: Linus. Sein Gesicht röter als bloß von Kälte. Sein Blick kühler als dieser Winter. „Du hast sie auf dem Gewissen. Ich hoffe, das ist dir bewusst", sagt er so tonlos wie nie zuvor. „Nur wegen dir hat sie die Sicherheit und den Wohlstand unseres Hauses aufgegeben und sich damit ihrem Schicksal hingegeben.“
Hitze schießt wie Feuer durch meine Venen. Ich richte mich auf, starre ihn an, das Kinn leicht gereckt.
Das ist nicht sein verdammter Ernst. Ich schlag ihm die -
Wimmern lässt mich innehalten. Ich wage nicht, runterzuschauen. Will nicht sehen, dass mein Kind den Tränen nah ist. Sie strampelt unwillkürlich. Aber Linus ... Alles in mir spannt sich an - und dann: Weinen. Nicht leise. Hörbar. Für ihn, für mich, für alle, die eventuell noch weise genug sind, in der Nähe zu bleiben, um zu verhindern, dass ich -
Schnaubend sehe ich nun doch zu Luisa runter. Ihr Gesicht ist rot und verzerrt. Tränen rollen über ihre Wangen hinab. Sie wirkt so hilflos und ... überfordert.
Nun grollt Linus regelrecht und tritt noch einen Schritt auf mich zu, meint dann aber: „Du kannst so froh sein, dass du dieses Kind in den Armen hältst.“
Mein Blick legt sich erneut auf ihn. „Dieses Kind ist deine Nichte, Arschloch. Und jetzt geh mir aus den Augen, bevor ich mich vergesse.“ Meine Stimme klingt ruhig, zu ruhig - fremd gar. Ihre Heiserkeit verrät mir, wie kurz davor ich bin, für einen gefährlichen Augenblick zu vergessen, dass ich nun Vater bin und Verantwortung trage. Ich zittere, krampfe, aber ich versuche, es nicht zu zeigen, nicht zu fühlen. Luisa darf nicht leiden. Nicht unter ihm. Nicht unter mir. Unter niemandem.
Er sieht sie an und für einen Moment meine ich, trotz allen Zorns und Schmerz so etwas wie Bedauern in seinen stahlblauen Augen zu erkennen. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, ohne mir auch nur einen letzten Blick zuzuwerfen, wendet er sich ab und stiefelt durch den stetig tiefer werdenden Schnee zurück zu seinen Eltern. Zurück dahin, wo ich ihm und er mir nichts anhaben kann, obwohl wir uns beide vermutlich das Gegenteil wünschen. Aber es scheint fast, als wäre da ein stilles Abkommen zwischen uns: Nicht heute. Nicht vor Luisa. Nicht am Grab der Frau, die sich nie etwas sehnlicher gewünscht hat, als dass wir eines Tages miteinander auskommen würden.
Und auch ich gehe, weil bleiben keine Option mehr ist. Nicht für den Mann, der dieses zerbrechliche Leben in seinen Händen hält und nicht für den Vater in mir, der Luisa vor dem Leid der Erwachsenenwelt bewahren will. Denn wenn hier jemand keine Schuld trägt, dann ist es sie.