Unter den Wellen
Verfasst: Sonntag 11. Januar 2026, 00:40
Auf all den Möglichkeiten, die sie sich vorgestellt hatte, wie sie hätte sterben können, war diese wohl jene, die sie sich eher gewünscht hätte. Verschlungen vom Meer, von dem, was sie liebte.
Die Isla la Cabeza war immer mehr als ein Ort für sie gewesen, hier geboren, dann fortgerissen, und nach etlichen Jahren hatten sie sich die Isla zurückerobert. Hier war es das einzig richtige Gefühl von Ankommen nach Wochen auf See, von warmem Wind in den Palmen und salziger Haut, die endlich wieder trocknen durfte. Von dort aus zogen Shinaa und Vivo immer wieder hinaus, wenn ein Handelsschiff Schutz oder starke Hände brauchte, manchmal im Namen der Marine, manchmal aus gänzlich freien Stücken. Sie kamen und gingen mit den Gezeiten, frei, ungebunden, und doch tief verwurzelt im Rhythmus des Meeres, ein Leben, wie sie es sich immer gewünscht hatten.
Vivo hatte gelacht, als sie angeheuert hatten. Dieses leise, ehrliche und vor allem seltene Lachen, das selbst über knarrendes Holz hinweg Bestand hatte und nur ihr ganz allein gehört hatte. Sie arbeiteten wortkarg, aufeinander eingespielt, zwei Körper, die wussten, wann sie weichen und wann sie standhalten mussten. Für sie war das Meer kein Gegner, das war es noch nie gewesen. Es war ein Gefährte, launisch vielleicht, aber ehrlich, immer ehrlich.
Als der Sturm… dieser Sturm kam, fühlte er sich zunächst nur wie eine Prüfung an. Dunkle Wolken die sich am Himmel sammelten, schärferer Wind der an der Kleidung zerrte, Segel, die schneller geborgen werden mussten, bevor sie zerrissen wurden. Sie waren beieinander, Schulter an Schulter, Hände wund vom Tau, das Wasser kalt im Gesicht. Sie vertraute ihm blind.
Dann riss eine Böe mit der Gewalt des Meeres das Deck auseinander.
Ein Augenblick nur, ein einziger falscher Schritt, ein Moment der Unachtsamkeit. Vivo war eben noch da gewesen, greifbar, real und dann nicht mehr. Eine Wand aus Wasser hatte sich zwischen ihnen aufgebaut, weiß und tosend. Sie schrie seinen Namen, ohne nachzudenken, hatte für diesen einen Moment nur einen Gedanken für ihn übrig.
»Vivo!«
Sie kämpfte sich vorwärts, stolperte durch das durchgeschüttelte Schiff und rappelte sich immer wieder auf. Das Schiff neigte sich bedrohlich. Holz splitterte, Männer schrien, doch all das war fern. Es gab in diesem Moment des Kampfes nur noch ihn. Sie suchte sein Gesicht, seine Gestalt, irgendein Zeichen. Sie erhaschte eine Silhouette im Grau des Sturms, die sie überall erkennen würde. Der Seebär noch lebendig, schien sich nicht weniger über das Deck zu kämpfen, als sie.
Der nächste Schlag kam hart. Sie wurde gegen die Reling geschleudert, Schmerz brannte in ihrer Seite, nahm ihr kurz die Luft zum Atmen. Als sie wieder hochkam, war da nur noch Wasser. Das Meer schloss sich über ihr, kalt und schwer, aber sie wehrte sich mit allem, was sie hatte. Sie trat, schlug, wollte zurück an die Oberfläche, zurück zu ihm. Das Salz brannte in ihren Lungen, ihre Muskeln schrien, doch sie gab nicht nach. Freiheit bedeutete Leben. Und Leben bedeutete Kampf.
Sie dachte an die Isla, an Nächte, in denen sie und Vivo am Strand gesessen hatten, den Wellen gelauscht hatten, still und zufrieden. An ihre Pläne, die nie groß gewesen waren: noch eine Fahrt, noch ein Horizont, dann zurück. Immer zurück.
Ihr Körper wurde schwerer, ihre Bewegungen langsamer. In der Dunkelheit glaubte sie, ihn zu sehen… nur ein Schatten, ein Trugbild vielleicht. Sie streckte die Hand aus, verzweifelt, flehend.
Keine Antwort.
Als die Kraft sie verließ, geschah es gegen jeden Wunsch, den sie je gehabt hatte. Das Meer nahm ihr den letzten Atem und schließlich verklang auch der letzte Herzschlag in den Untiefen der Wellen, als die Weißhaarige, als Shinaa schließlich verstarb.
Dieses eine Mal würde sie nicht wieder zur Isla zurückkehren.
Die Isla la Cabeza war immer mehr als ein Ort für sie gewesen, hier geboren, dann fortgerissen, und nach etlichen Jahren hatten sie sich die Isla zurückerobert. Hier war es das einzig richtige Gefühl von Ankommen nach Wochen auf See, von warmem Wind in den Palmen und salziger Haut, die endlich wieder trocknen durfte. Von dort aus zogen Shinaa und Vivo immer wieder hinaus, wenn ein Handelsschiff Schutz oder starke Hände brauchte, manchmal im Namen der Marine, manchmal aus gänzlich freien Stücken. Sie kamen und gingen mit den Gezeiten, frei, ungebunden, und doch tief verwurzelt im Rhythmus des Meeres, ein Leben, wie sie es sich immer gewünscht hatten.
Vivo hatte gelacht, als sie angeheuert hatten. Dieses leise, ehrliche und vor allem seltene Lachen, das selbst über knarrendes Holz hinweg Bestand hatte und nur ihr ganz allein gehört hatte. Sie arbeiteten wortkarg, aufeinander eingespielt, zwei Körper, die wussten, wann sie weichen und wann sie standhalten mussten. Für sie war das Meer kein Gegner, das war es noch nie gewesen. Es war ein Gefährte, launisch vielleicht, aber ehrlich, immer ehrlich.
Als der Sturm… dieser Sturm kam, fühlte er sich zunächst nur wie eine Prüfung an. Dunkle Wolken die sich am Himmel sammelten, schärferer Wind der an der Kleidung zerrte, Segel, die schneller geborgen werden mussten, bevor sie zerrissen wurden. Sie waren beieinander, Schulter an Schulter, Hände wund vom Tau, das Wasser kalt im Gesicht. Sie vertraute ihm blind.
Dann riss eine Böe mit der Gewalt des Meeres das Deck auseinander.
Ein Augenblick nur, ein einziger falscher Schritt, ein Moment der Unachtsamkeit. Vivo war eben noch da gewesen, greifbar, real und dann nicht mehr. Eine Wand aus Wasser hatte sich zwischen ihnen aufgebaut, weiß und tosend. Sie schrie seinen Namen, ohne nachzudenken, hatte für diesen einen Moment nur einen Gedanken für ihn übrig.
»Vivo!«
Sie kämpfte sich vorwärts, stolperte durch das durchgeschüttelte Schiff und rappelte sich immer wieder auf. Das Schiff neigte sich bedrohlich. Holz splitterte, Männer schrien, doch all das war fern. Es gab in diesem Moment des Kampfes nur noch ihn. Sie suchte sein Gesicht, seine Gestalt, irgendein Zeichen. Sie erhaschte eine Silhouette im Grau des Sturms, die sie überall erkennen würde. Der Seebär noch lebendig, schien sich nicht weniger über das Deck zu kämpfen, als sie.
Der nächste Schlag kam hart. Sie wurde gegen die Reling geschleudert, Schmerz brannte in ihrer Seite, nahm ihr kurz die Luft zum Atmen. Als sie wieder hochkam, war da nur noch Wasser. Das Meer schloss sich über ihr, kalt und schwer, aber sie wehrte sich mit allem, was sie hatte. Sie trat, schlug, wollte zurück an die Oberfläche, zurück zu ihm. Das Salz brannte in ihren Lungen, ihre Muskeln schrien, doch sie gab nicht nach. Freiheit bedeutete Leben. Und Leben bedeutete Kampf.
Sie dachte an die Isla, an Nächte, in denen sie und Vivo am Strand gesessen hatten, den Wellen gelauscht hatten, still und zufrieden. An ihre Pläne, die nie groß gewesen waren: noch eine Fahrt, noch ein Horizont, dann zurück. Immer zurück.
Ihr Körper wurde schwerer, ihre Bewegungen langsamer. In der Dunkelheit glaubte sie, ihn zu sehen… nur ein Schatten, ein Trugbild vielleicht. Sie streckte die Hand aus, verzweifelt, flehend.
Keine Antwort.
Als die Kraft sie verließ, geschah es gegen jeden Wunsch, den sie je gehabt hatte. Das Meer nahm ihr den letzten Atem und schließlich verklang auch der letzte Herzschlag in den Untiefen der Wellen, als die Weißhaarige, als Shinaa schließlich verstarb.
Dieses eine Mal würde sie nicht wieder zur Isla zurückkehren.