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Das Ende einer Reise....

Verfasst: Donnerstag 18. Dezember 2025, 12:38
von Elina Barim
Mit schwerem Herzen verließ Elina noch vor dem Morgengrauen das Haus. Die Welt lag still, als hielte sie den Atem an. Im Schlafzimmer blieb sie einen Moment stehen. Auf dem gemeinsamen Bett hatte sie einen schlichten Beutel und den sorgsam gefalteten Brief zurückgelassen, so platziert, dass Alex ihn finden musste, noch ehe der Tag ganz begonnen hätte. Ihre Finger verweilten einen Herzschlag zu lang auf der Decke, dann wandte sie sich ab. Kein Blick zurück folgte diesem Abschied, nur ein letzter Atemzug der vertrauten Luft, die ihr nun fremd geworden war.

Über ihrer Schulter hing ein einfacher Beutel, leicht an Gewicht, schwer an Bedeutung. Alles, was sie einst besessen hatte, ließ sie zurück. Waffen, Erinnerungsstücke, all die Dinge eines gemeinsamen Lebens. Was blieb, trug sie in sich, unausgesprochen und schmerzend.

Der Weg zum Hafen führte durch leere Straßen. Ihre Schritte hallten leise, begleitet vom fernen Kreischen der Möwen. Das Schiff, das gen Heimat auslaufen sollte, war alt, aber seetüchtig. Als Elina an Bord ging, musterte der Kapitän sie kurz, stellte keine Fragen. Manche Reisende trugen ihr Schicksal offen im Blick.

Kaum hatte das Schiff abgelegt, zog sich der Himmel zu. Die See verdunkelte sich, als hätte sie die Ankunft des Sturms längst erwartet. Der Wind frischte auf, erst mahnend, dann fordernd. Segel knallten, Taue ächzten. Bald darauf brach der Sturm mit voller Gewalt los. Wellen türmten sich auf wie Mauern aus schwarzem Wasser und schlugen gegen den Rumpf. Regen peitschte Elinas Gesicht, der Boden schwankte unter ihren Füßen. Einmal wurde sie zu Boden gerissen, ein anderes Mal musste sie sich an der Reling festklammern, um nicht von der See verschlungen zu werden.

In jener Nacht dachte sie an Alex, an die Worte, die sie geschrieben hatte, und fragte sich, ob sie gelesen würden, bevor das Meer ihr Schicksal entschied. Doch der Sturm ließ sie leben. Zerschlagen, durchnässt, aber unbeugsam trug das Schiff sie durch die tobende Finsternis, bis am nächsten Tag das Land am Horizont erschien.

Ihre Heimat empfing sie schweigend. Die Küste war rau, der Wind trug den Geruch von Erde und alten Erinnerungen. Elina setzte ihren Fuß an Land, und mit jedem Schritt schien die Vergangenheit näher zu rücken. Sie mied große Wege und folgte jenen Pfaden, die sie einst als Kind gegangen war, damals voller Angst, später voller Zorn.

Das Dorf lag noch immer dort, doch es hatte sich verändert. Der Hof des einst tyrannisierenden Besitzers war nicht länger ein Ort der Furcht. Türen standen offen, Stimmen klangen unbeschwerter. Elina beobachtete all dies mit stiller Genugtuung. Vielleicht hatte ihr Handeln damals tatsächlich etwas bewirkt. Vielleicht war ihr Leid nicht umsonst gewesen.

Als die Dämmerung hereinbrach, betrat sie die Schenke. Wärme, Stimmengewirr und der Geruch von Brot empfingen sie. Sie setzte sich abseits, lauschte, trank langsam. Es war beinahe Frieden. Bis ihr Name fiel. Zuerst beiläufig, dann mit einem Innehalten, das sie spürte, noch ehe sie es verstand.

Elina.

Was sie nicht wusste, war, dass der Mann, den sie einst gedemütigt und vertrieben hatte, einen Sohn gehabt hatte. Einen, der den Verlust seines Vaters nie vergessen hatte. Für ihn war Elina keine Retterin gewesen, sondern der Ursprung allen Niedergangs.


Als sie die Schenke verließ, umfing sie die Nacht. Die Gasse war schmal, der Mond verborgen hinter Wolken. Schritte folgten ihr, leise, entschlossen. Der Angriff kam plötzlich. Ein harter Schlag, der ihr den Atem raubte. Elina wehrte sich, schlug zurück, kämpfte mit jener Entschlossenheit, die sie ihr Leben lang getragen hatte. Doch Müdigkeit und Verletzungen verlangten ihren Tribut.

Sie fiel. Der Steinboden war kalt. Über ihr ragte das Gesicht eines Mannes, erfüllt von Hass. Als er von ihr abließ, war ihr Blick bereits glasig. Ihre Gedanken wanderten fort, zu Alex, zu dem Bett, auf dem der Brief lag, zu einem Leben, das sie nicht mehr erreichen würde.

Ihr Atem wurde flach, dann still, sie starb an Ort und Stelle.

Am Morgen fand man sie. Die Dorfbewohner trugen sie schweigend hinaus, vorbei an den Höfen, die nun frei waren. Niemand sprach laut, als man sie neben ihrer Mutter begrub. Zwei Leben, verbunden durch Leid und Mut, vereint in der Erde ihrer Heimat.

So endete Elinas Reise. Nicht durch Sturm oder See, sondern durch die Schatten der Vergangenheit. Doch ihr Name blieb. Nicht als Fluch, sondern als Erinnerung an jene, die sich einst erhoben hatte, als niemand sonst es wagte.

Re: Das Ende einer Reise....

Verfasst: Freitag 19. Dezember 2025, 06:17
von Alexandria Reichenstein
Die Monate seit Alex eigener monatelanger unfreiwilliger Abwesenheit waren schwierig gewesen, distanzierter als vorher und nicht mehr so vertraut, es hatte sich etwas verändert, allerdings nicht bei ihr selbst.

Der Abschiedsbrief auf dem Bett traf sie schwer. Diese Endgültigkeit der Abreise hatte sie trotz der Schwierigkeiten aufgrund trauriger Ahnungen wegen eines Gefühls nicht erwartet: Hoffnung.

Der Brief hatte allerdings einen Haken und eine Lücke im Plan der Abreise, die möglichst ruhig und schnell und schmerzlos sein sollte: Elina hinterließ sämtliche Schlüssel, auch den für den großen Stapel an Büchern, in denen sie ihre Lebensgeschichte samt Herkunft, die sie sich Alex gegenüber nie auszusprechen traute, aufgeschrieben hatte. Eigentlich wollten die beiden diese Bücher gemeinsam lesen, was in den letzten Monaten nie passierte. "Na, dann eben jetzt..." murmelte sie.

Ein Brief in Elinas Heimat folgte. Die ernüchternde, tragische, postalische Antwort war wie ein mehrfacher Hammerschlag in die Magengrube...

Re: Das Ende einer Reise....

Verfasst: Sonntag 21. Dezember 2025, 21:50
von Alexandria Reichenstein
Alex dachte lange nach und fasste einen Plan. Der Brief aus der Heimat von Elina mit der Nachricht über den Mord und die Art dessen hatte sie geschockt, aber wenigstens brachte er Gewissheit.

Elina war abgereist und nach kürzester Zeit einem Mord zum Opfer gefallen, der der Schwere der Verletzungen nach (die man nur Exzess nennen konnte) und dem Zeitpunkt in Alex' Augen unmöglich Zufall gewesen sein konnte. Da sie nicht ausgeraubt wurde, musste das Motiv ein anderes sein.

Alles in ihren Aufzeichnungen deutete auf ein archaisches anderes Motiv hin: Rache.

Elina hatte jemanden gedemütigt, der für jeden, der ein Herz hatte, nur als Monster gelten konnte. Und er hatte ihre Mutter ermordet. Sie hatte ihm daraufhin als Rädelsführerin die Macht genommen. Und sie hatte das mit allen Details in ihrer eigenen Handschrift aufgeschrieben und diese Worte in Bajard zurückgelassen. Also schrieb Alex die Bücher für das eigene Andenken ab und schickte die Originale an die Behörden in Elinas Heimat. Ohne jegliche Zensur, Elina kam nach Ansicht von Alex dabei ohnehin nicht schlecht weg, und sie hatte nicht das Gefühl, dass Elina etwas dagegen gehabt hätte.

Dass daraufhin ermittelt wurde und der Mörder überführt, verurteilt und am nächsten Baum aufgehängt wurde, worüber Alex danach benachrichtigt wurde, machte Elina nicht wieder lebendig. Aber es sorgte für Gerechtigkeit!

Die Zeit mit ihr war bisher der schönste Abschnitt ihres eigenen Lebens. Aus all den Aufzeichnungen von Elina und den vielen Briefen an Alex, die in einer Schublade lagen und den Erinnerungen wusste Alex aus tiefstem Herzen, dass das auf Gegenseitigkeit beruhte und die gemeinsame Zeit in Elinas allzu kurzem Leben von 27 Jahren wohl die einzige war, die man glücklich nennen konnte, zumindest die ersten Monate.

Dass die unfreiwillige Abwesenheit von Alex ihrer Elina den Boden unter den Füßen weggerissen und sie verändert hatte, war traurig. Alex hatte gehofft, dass sie das mit Liebe schaffen würden, aber manchmal reicht das leider nicht. Und der Schmerz des vermeintlichen Verlustes hatte Narben hinterlassen, Narben im Herzen und Kopf einer Frau, die eigentlich schon genug Narben trug. Und das überstieg auch die Heilkünste der eher praktisch und handfest veranlagten Heilerin Alex, die für schwere Probleme der Seele und des Kopfes einfach keine Ausbildung hatte.

Man konnte ihr diese Frau nehmen, aber nicht die Erinnerungen, die einfach schön waren, vertraut, auf Augenhöhe, geprägt von Achtsamkeit und Aufmerksamkeit beider Seiten.

Dass es so enden musste, war trotzdem einfach ungerecht und grausam.