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Fliehen für Anfänger

Verfasst: Montag 8. Dezember 2025, 08:59
von Sorcha Terwyn
Der Eindringling an der Rückseite der Stallungen hatte leichtes Spiel. Der nahe Gutshof lag prächtig beleuchtet im silbrigen Dunkel der eisigen Winternacht, und niemand dort verschwendete an diesem Abend einen Gedanken an die Stallungen. Ferne Musik, gelegentliches Lachen, schnatternde Gespräche und die Geräusche von klapperndem Geschirr wehten gelegentlich herüber und zeugten von dem rauschenden Fest, das man dort für eine erlauchte Gesellschaft ausgerichtet hatte. Der Eindringling ignorierte all dies. Sein Ziel waren die Stallungen.

Der eisige Nachtwind strich seufzend vorwurfsvoll über die ordentlich gefügten Holzbalken des Gebäudes, doch die Schritte des Eindringlings blieben im trockenen Knirschen des Schnees fast unhörbar. Verhalten knarrte die kleine Seitentür, als er sie öffnete. Das matte Licht einer einsamen Öllampe stahl sich kurz mit zitternden Lichtfingern in die Winternacht hinaus, bevor die Tür wieder hastig geschlossen wurde. Zielstrebig eilte der Eindringling auf eine Pferdebox am Ende der Reihe zu, strich dem verblüfft schnaubenden fuchsfarbenen Wallach beruhigend über den Hals und legte ihm mit geübten Bewegungen ein einfaches Zaumzeug an.

„Dachte ich’s mir doch, dass ich dich hier finde“ durchbrach eine raue Männerstimme ansatzlos die warme Stille des Stalls.

„UAH!“ Der Eindringling schrie unwillkürlich auf und fuhr entsetzt herum. Die Kapuze glitt ihm vom Kopf und entblösste eine wilde, dunkelrote Mähne lockigen Haars. Die junge Frau unter dem dunkelbraunen Wollumhang keuchte ertappt und starrte auf den grauhaarigen Mann, der gelassen zu einem nahen Strohballen schlenderte und sich seufzend darauf setzte. Mit aller Zeit der Welt zupfte er ein paar Halme von seiner Hose, ehe er die Hände im Schoss verschränkte und erwartungsvoll mit einem milden Lächeln auf die junge Frau blickte.

„Berric, verdammte Axt! Kra’thor soll dich holen! Mir wäre fast das Herz stehen geblieben!“ Sie atmete durch und wandte sich wieder dem Wallach zu. „Woher wusstest du, dass ich hier bin?“

„Junge Dame, ich bin der Stallmeister deiner Eltern schon länger als du auf der Welt bist.“ Er deutete um sich. „Ich wäre eine Schande für meine Zunft, wenn ich nicht wüsste, was in meinen Stallungen vor sich geht.“ Dann blickte er wieder zu ihr. „Was hast du vor?“

„Was schon, ich muss hier weg. Auf keinen Fall werde ich diesen fetten Idioten heiraten.“ Sie hievte einen sorgsam gewachsten Sattel auf den Rücken des Wallachs.

Berric rieb sich am Ohr und gestand gequält ein „Ja, die Ankündigung, dass eure Familien euch vermählen wollen, kam heute Abend eher unerwartet.“ Dann sah er wieder zu ihr. „Aber du könntest es schlechter treffen. Seine Familie ist wohlhabend und sie sind als eifrige Anhänger der Temora respektiert.“

„Er ist ein Schwachkopf, das ist er!“, begehrte sie auf und zurrte energisch den Bauchgurt des Sattels enger, worauf der Wallach protestierend schnaubte. „Hast du das mitbekommen, als ich ihm den Unterschied zwischen einem Ochs und einem Pflug erklären wollte?“ Sie hielt kurz inne und schaute anklagend über die Schulter zu dem alten Stallmeister. „Dieser Dummkopf meinte doch glatt, dass sich Gesinde um derlei Sachen zu kümmern habe. Er hatte keine Ahnung was der Ochs und der Pflug sind!“ Sie schnaubte verächtlich und wandte sich wieder dem Wallach zu.

Der Alte lachte leise. „Du kannst ihm keinen Vorwurf machen, dass er die einfachsten Huten des Schwertkampfs nicht kennt. Er ist ein Kaufmannssohn, bei Temoras Licht, kein Krieger.“ Dann wedelte er vorwurfsvoll mit einem Finger in ihre Richtung. „Und du selber weisst auch nur deshalb um diese Dinge, weil du den Schwertmeister deiner Eltern so lange angebettelt hast, bis er dir im Geheimen ein paar Grundlagen an der Klinge beigebracht hat. Und das auch nur damit du Ruhe gibst.“

„Pah, Grundlagen. Ich wette, ich könnte bei einem Turnier schon ganz gut bestehen.“, entgegnete sie trotzig, während sie nach zwei ledernen Satteltaschen griff.

Sie erntete nur ein leises Lachen des alten Stallmeisters. Sein Kopfschütteln entging ihr. „Und wo willst du nun hin?“, fragte er schliesslich.

„Keine Ahnung. Nach Süden. Nach Bajard vielleicht. Oder nach Adoran.“

„Und dann?“. Seine Stimme wurde ernster, eindringlicher. „Du kannst nichts“, erklärte er sachlich nüchtern, ohne jeglichen Vorwurf. „Beim Schwertkampf hast du bestenfalls die Grundlagen gemeistert, und mit höfischen Tänzen oder Dichtkunst kann man kein Leben bestreiten.“

Sie hielt inne, beliess die Hände auf dem Sattel und senkte den Kopf. Eine Weile stand sie nur da, schweigend, ehe sie ihm leise antwortete. „Ich weiss“, sagte sie schwach. Fort war der aufbegehrende Trotz, und in ihrer Stimme lag nur noch eine hilflose Unschlüssigkeit. Sie liess resignierend die Schultern sacken, drehte sich um und setzte sich müde neben ihn auf den Strohballen. Sie stützte die Ellbogen auf ihren Knien ab und starrte nach vorne gebeugt dumpf auf das Stroh am Boden. Er sah sie schweigend an und wartete.

„Berric, das kann doch nicht alles sein“, erklärte sie leise im leeren Blick zu Boden. „Einen Mann zu heiraten, seine Bälger auf die Welt bringen und artig seinen Haushalt zu führen. Das kann doch nicht alles sein, was das Leben einer Frau zu bieten hat.“ Sie sah auf in Richtung des grossen Stalltors. „Dort draussen wartet eine ganze Welt voller Unbekanntem; prächtige Städte, seltsame Orte, rätselhafte Geheimnisse, ungeahnte Feinde, unerwartete Freunde, Abenteuer. Ist es gerecht, dass mir all das versagt bleiben soll?“

Sie schwieg lange, während ihre Gedanken bei der unbekannten Welt weilten, die lockend hinter dem verschlossenen Stalltor auf sie wartete. Schliesslich spürte sie, wie sich eine alte, schwielige Hand auf ihre Schulter legte. „Du brauchst einen neuen Namen. Unter dem alten würde man dich finden.“ Sie wandte den Blick zu ihm, während er sie mit einem warmen, grossväterlichen Lächeln anblickte. Er hatte verstanden. Und er hatte ihr ohne grosse Worte seine Zustimmung erteilt. Sie erwiderte sein Lächeln ebenso herzlich und nickte langsam und dankbar.

Dann erhob sie sich und atmete durch, den Blick auf den gesattelten Wallach gerichtet. „Terwyn.“

Der alte Stallmeister prustete unwillkürlich los. „Das kann nicht dein Ernst sein. Du willst dich Terwyn nennen? So wie unser Dorftrottel, der sich immer bepisst, wenn er zu viel getrunken hat?!“

Sie befestigte die Gurte einer Satteltasche und entgegnete maulig „Ich habe gehört, dass er sich gar nicht mehr so oft bepissen soll wie früher.“

Der Alte lachte leise und schüttelte den Kopf. „Und dein neuer Vorname?“

„Sorcha“ kam es ohne Zögern. Sie hatte sich offenbar bereits darüber Gedanken gemacht.

„Du bist ja von Sinnen“ wieder lachte er. „Störrisch und dickköpfig warst du ja schon immer, aber anmassend? Du willst dich nach einer Schwertkriegerin aus Kindermärchen nennen?“

„Was denn? Es ist ein guter Name“, erklärte sie wieder mit leisem Trotz in ihrer Stimme, während sie auch die zweite Satteltasche befestigte.“

„Sorcha Terwyn also. Grundgütige Temora, das kann ja was werden.“ Das Lachen des Stallmeisters wurde leiser und er erhob sich schwerfällig. Er trat neben sie und strich dem Wallach über die Kruppe. „Aber eines hast du vergessen.“

Sie blickte über Sattel und Satteltaschen. Dann an sich herab. „Was denn?“

Der Alte klopfte mit der flachen Hand auf die Flanke des Pferdes. „Wenn du untertauchen willst, kannst du nicht mit ihm hier aufkreuzen. Er ist aus guter Zucht und jeder mit ein wenig Pferdewissen wird das erkennen.“ Er sah zu ihr. „Du wirst dort draussen ein Niemand sein, der nichts hat und nichts kann. Du kannst nicht mit einem teuren Pferd deiner Eltern durch die Welt ziehen, und hoffen, dass du nicht auffällst.“

Sie sah gequält zu ihm. „Du meinst, ohne ...“, und deutet auf das Pferd. Er nickte. „Und nur mit ...“, sie deutete auf ihre Beine. Wieder nickte er und grinste. „Der Preis der Freiheit, junge Dame. Willkommen im richtigen Leben.“

Er hatte recht. Sie stöhnte leidend, während sie auf den Wallach blickte. Nicht nur irgendein Pferd, sondern ihr Lieblingspferd. „Aus einem Leben zu fliehen ist schwerer als ich dachte, Berric.“

„Und von hier an wird es nicht einfacher“, erwiderte er ernst, legte seine Hände auf ihre Schultern und drehte sie zu sich. „Aber wenn es jemand schaffen kann, sich mit nichts im Beutel ein neues Leben aufzubauen, dann du.“ Er blickte ihr tief in die Augen und fuhr ernst weiter. „Versprich mir nur eines: verlass niemals den Pfad des Lichts, folge stets Temoras Lehren, hörst du?“
Sie nickte schweigend und feierlich. Tränen traten in ihre Augen und sie umarmte den alten Stallmeister stürmisch und zitternd. Er hielt sie tröstend in seinen Armen und tätschelte ihr schweigend den Rücken.

Dann löste er sich von ihr, ging zum Stalltor, öffnete es und wandte sich ihr zu. Sie nickte verstehend, stopfte das Nötigste aus den Satteltaschen in einen Beutel, hängte ihn sich über die Schulter und atmete durch.
Sie blickte kurz auf die silbrig dunkle Welt jenseits des Stalltors; eine Welt, die mit all ihren Verheissungen und Gefahren auf sie wartete. Sie nickte entschlossen, tat einen zögernden Schritt, dann noch einen – fester nun – und trat schliesslich hinaus in ein neues Leben.

Der alte Stallmeister sah ihr noch eine Weile nach, während das samtene Dunkel der Winternacht die junge Frau umfing. „Schütze sie auf ihren Pfaden, Temora, sie wird es brauchen.“