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Was soll schon schiefgehen?

Verfasst: Freitag 14. November 2025, 17:11
von Rudolf Allerthal
Mit einem einfältigen Lächeln auf den Lippen setzte der Berg von einem Kerl einen Fuß vor den anderen. Die Sohlen der Wanderstiefel hinterließen beinahe glatte Abdrücke im Matsch des Grabens neben der Straße, als er auf die Herberge zuhielt. Das obskure Konstrukt auf seinem Rücken, das wie eine Kreuzung zwischen Buchenholzkommode und Bastkorb wirkte, war mit unzähligen kleinen Schubladen versehen, mit Stoffstücken behangen und klapperte und klirrte vor Tiegelchen, Phiolen und Zangenwerkzeugen. Der hohe Herr Christoph hatte sie wahrlich ganz fein gezimmert.

Am Kreuzungsschild verstummte das Konzert aus Gerappel, als er anhielt, um sich zu orientieren.

A. Schon gar nicht so schlecht, dachte er sich.
Aaaaad. Ja, geht doch. Bin gar nicht sooo langsam. Seine Stirn furchte sich vor Anstrengung.
Aadoooo. Aha! Seine Zunge lugte im Mundwinkel heraus, als er konzentriert die Buchstaben entzifferte.
'Aaadoooraaan? Adoran.' schlussfolgerte er letztendlich und lächelte stolz. Sein Magen knurrte laut und erinnerte ihn daran, weswegen er wieder auf Wanderschaft war. Die fleischigen Finger der schaufelartigen Hände strichen über den voluminösen Bauch und endeten in einem
dunklen Trommeln der Fingerspitzen.

"Immer dem Bauch nach, ja. Hu-hu-hu," lachte er vor sich hin, "Das hat der Meister immer gesagt, hmja."

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Die, die er getroffen hatte, waren auf Pferden unterwegs gewesen. Einen jeden hatte er - ganz so, wie er es auf der Olitätenwanderschaft mit seinem Meister gelernt hatte - mit "hoher Herr" gegrüßt. Wer so hoch saß, musste ja schließlich viel Geld haben und ein hoher Herr sein. Selbst die, die beladen mit Erzsäcken oder Bündeln von Stroh umherliefen, trugen feine Kleider und dergleichen. Entweder war er in einen komischen Kostümball geraten und es gab keine Landbevölkerung mehr unter den zahlreichen Adligen hier (so sahen sie nämlich aus), oder hier hatten sie wirklich alle viel Geld.
Geld... dafür schienen sie sich alle zu interessieren. Ein hoher Herr warnte ihn sogar davor, allein zu wandern, weil ihn sonst Räuber überfallen würden - er müsse gut auf sich Acht geben.
Es schien ihm nicht ganz schlüssig, warum ausgerechnet er überfallen werden sollte, er hatte ja kaum Geld bei sich. Und wie hatte sein Meister damals gesagt? "Auf dich muss man nicht Acht geben, du Klotz gehst ja eh nicht verloren."

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Später in der Stadt verbrachte er ein wenig Zeit am Marktplatz. Da gab es viel zu sehen: Selbst bis in die Nacht verkauften die Herren Händler und die Fräuleins ihre Waren. Und so wollte auch er dann einmal seins dazu tun und seine Mittelchen anpreisen. Er stellte das mächtige Tragekonstrukt vor sich auf den Boden und befühlte die orthografisch nicht ganz korrekten Buchstaben, die er selbst eingeritzt hatte.

ЯUDi

Was würde schon schiefgehen können? Ein wenig Lesen konnte er, Schreiben ging ja auch... nur Rechnen, davor fürchtete er sich. Aber die Leute würden wohl schon Acht geben, dass alles mit rechten Dingen zuging - waren ja wohl nicht alle Betrüger, wie der hohe Herr zu Pferd gemeint hatte.

So hob er die Stimme und gab zum ersten Mal in der neuen Umgebung mit
dröhnendem Bass seinen Vers von sich:
Fault ein Zahn dir mal im Maul,
lahmt doch glatt des Herren Gaul,
spar' dir doch die lange Qual,
ruf' den Rudi Schallerthal.

Re: Was soll schon schiefgehen?

Verfasst: Sonntag 16. November 2025, 20:53
von Rudolf Allerthal
Die Verzweiflung wich von Albrechts Gesicht, als er den Riesen beäugte. Die grobschlächtige Gestalt konnte vielleicht etwas gegen sein Problem unternehmen: Sie sah aus, als könnte sie die Rattenbevölkerung in seinem Keller einfach unter ihren übergroßen Schuhen zermalmen.

"Du da!"

Rudi verlangsamte seinen behäbigen Gang und kam zum Halt.

"Huh?"
"Ja, du. Möchtest du dir ein paar Münzen verdienen?" fragte Albrecht hoffnungsvoll.

Der Blick aus den kleinen dunklen Augen im feisten Gesicht fixierte Albrecht, und irgendetwas schien in seinem Kopf vorzugehen: Angestrengt furchte sich die Stirn, ehe er langsam nickte. "Hm-ja."

"Gut gut, pass' auf: In meinem Keller sind Ratten. Große Ratten!"

Ein Lächeln schob sich mit der Geschwindigkeit eines Kontinentaldrifts auf Rudis Züge. Er mochte Tiere, hatte er doch schon auf seiner Wanderschaft allerlei Viehzeugs geholfen. Mal hatte er einen lahmenden Ochsen behandelt oder einem Hütehund den wunden Lauf versorgt.

"Was is' mit den Ratten, hoher Herr?"

Albrecht blickte Rudi verständnislos an: Er war schon viel genannt worden, aber sicher nicht "hoher Herr". Nach einem Moment peinlichen Schweigens fing er sich.

"Die sollen verschwinden. Kümmer' dich um sie, und ich belohn' dich dafür. Einverstanden?"

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Es war noch nicht ganz zur Mittagsstunde, als sich der Werkmeister bereits ein Stück Wurst seiner Vesper genehmigte. Beinahe verschluckte er sich, als die Kellerluke aufschwang und sich der große, runde Kopf Rudis zeigte. War er nicht gerade erst vor einer halben Stunde ins Gewölbe hinabgestiegen?

"Was machst du denn schon wieder hier? Wenn der Keller nicht rattenfrei ist, gibt's keinen müden Heller!"

Dunkle Augen fixierten Albrecht.

"Uhm, sind alle da."
"Wie, sind alle da? Weg sollen sie sein!"
"Hm-ja, wohin weg?"
"Raus aus dem Keller natürlich!"
"Hm-ja, is' gut."

Die Kellerluke spie Rudi förmlich aus, als er die letzten Stufen erklomm. Er beugte sich gemächlich zur Luke.

"Was machst du da, Kerl?"
"Die Ratten raus aus'm Keller, hoher Herr," murmelte er, ehe er einen groben Leinensack und einen langen Strick durch die Luke hievte. Der Sack schien in Bewegung zu sein. Quieken und Quietschen drang aus ihm hervor. Rudi schloss die Luke und ließ die Ratten frei, die panisch durch die Werkhalle flitzten und das Weite suchten.

"Bist du denn des Wahnsinns?!" kreischte Albrecht, und presste sich an die Wand hinter seiner Mittagsstatt. "Was soll das denn?"

"Hab' die Ratten aus'm Keller weg gemacht."

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Das Weißbrot, das ihm Hida in der Herberge verkauft hatte, hatte gut geschmeckt, es war sogar noch ein bisschen warm, weil sie es erst kurz zuvor aus dem Ofen geholt hatte. Zwar war das Wasser aus der Pferdetränke nicht ganz so kalt wie das aus der Quelle im Wald, aber damit konnte man es gut herunterspülen.

"Weiß gar nich', warum der hohe Herr Albrecht so gequiekt hat," erzählte er den draußen angebundenen Packpferden.
"Waren doch alle ganz lieb, nur bisschen wuselig. Guck, so wuselig war'n die," sagte er zur Stute, die ihn fortwährend anglotzte, und deutete auf die Kratzer auf seinem Unterarm. "Sogar die lustige Ratte, die auf zwei Beinen gelaufen is'. Hu-hu, diiiie war drollig!"