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Was Abschied alles bedeuten kann...

Verfasst: Sonntag 2. November 2025, 12:12
von Rahes Aurelian Aschenborn
Kapitel 1: Rahes

Nobilia Appelholm…
Diese Kombination war der blanke Hohn!
In seinem Haus war sie unter Temoras gestrengem Blicke aufgewachsen, hatte Zucht und Ordnung gespürt, nur um sich nun wie ein Flittchen an das Fell des Panthers zu schmiegen! Er keuchte kurz auf und musste sich zurückhalten, um nicht aufzuschreien, denn das hätte sie vorgewarnt und sie lief ihm gerade doch so schön in die Arme.
Aus dem unterdrückten Schrei wurde ein leises Grollen und zahniges Grinsen. Immerhin hatte der Titel nicht nur all das bestätigt, was man ihm an Informationen hatte zukommen lassen, sondern ein konkretes Ziel gesetzt.
Gefunden, nach all den Monaten, die zu zwei quälenden Jahren zusammengewachsen waren. Gefunden! Jetzt kam sie schon näher und aus der zierlichen Silhouette wurde tatsächlich das Mädchen, das ihm entkommen war. Die junge Frau, verbesserte er sich und wusste bereits, dass das Grinsen sinistere Züge angenommen hatte.
Cecilias Brief hatte ihn nachdenklich gestimmt und eine Weile die Jagd schleifen lassen, denn in ihren freundlichen, arglosen Worten erkannte er Elises Gemüt und diese Erinnerungen schmerzten auf eine ganz andere Art und Weise als die stetige Abweisung durch Ana Appelholm, Mutter der verdammten kleinen Hexe dort am Waldpfad.
Waldpfad…
Auch der Umstand des Aufeinandertreffens erheiterte ihn mit einem Schuss Wahnwitz!
In Referenz an das Gespräch und den Disput mit Tess, hatte er hier die Protagonistin seiner Allegorie gefunden. Das unvorsichtige Mädchen im Wald, abgekommen vom Weg und sich keiner Gefahr bewusst, bis es dann zu spät war.
Er duckte sich, machte sich zum Sprung bereit und entschuldigte sich noch ein letztes Mal gedanklich bei jenen, die ihm eine so viel weißere Weste zugestanden hatten.
Dann packte er zu und riss sie förmlich mit sich.
Habe ich dich endlich, meine Sae Appelholm.


[OOC-Disclaimer: Nicht wundern, dass dieser Text gleich zweimal auftaucht. Ich wollte den Abschluss meiner Rahes Memoiren nur auch gerne damit vollenden. Der Charakter wurde als fieser Antagonist erstellt und hat seine Erfüllung nach einem Jahr gefunden. Es war mir eine wahre Freude mit all den Charakteren, die ich in der Zeit treffen konnte und hoffe, dass der ein oder andere Kontakt über Rahes hinaus noch bleibt. Habe die Ehre!]

Re: Was Abschied alles bedeuten kann...

Verfasst: Montag 3. November 2025, 11:15
von Sae Appelholm
Kapitel 2: Sae

Erst Stunden später kam die Frage auf, warum sie so unglaublich blind dahingewandert war und die einzige Person, die ihr dies voller Vorwurf an den Kopf war, war sie selbst. Oh die Elemente hatten versucht sie zu warnen, aber sie hatte ihnen allen an diesem Tag kaum Gehör geschenkt und war gedanklich in eine Entscheidung versunken, die ihr das Herz seltsam drückte und zugleich hüpfen ließ. Eine Entscheidung, die vor allem nur noch rein rhetorisch im Raum stand, war sie doch schon lange gefallen, selbst wenn sie keineswegs damit gerechnet hatte, dass sie so plötzlich offen damit konfrontiert werden sollte.
„Willst du…?“
Für den Bruchteil eines Lidschlages wollte sie ihm vor allem aus dieser Angelegenheit einen Strick drehen und ihm unterstellen, dass er nur darauf gewartet hatte, bis sie nicht mehr nur die Apothecaria Appelholm war, doch wie ungerecht diese Verdrehung der Tatsachen gewesen wäre, wusste sie genau. Nicht er war es, der gezögert hatte, sondern immer sie. In allen Belangen ihrer Beziehung war sie nie sein kleines, schmutziges Geheimnis, nein, wenn überhaupt, hatte sie sich ganz zu Beginn diese Rolle selbst zugeschrieben und ihn damit maßlos verblüfft.
„Willst du…?“
Nein, wäre es damals gewesen, weil sie ihm und schon gar nicht sich vertraut hatte. Später war es dann zu einem Spielchen auf Zeit geworden und sie hatte sich mit Phrasen abgesichert, die immer in die Richtung „Lass uns noch etwas warten, bis…“ oder „Ich brauche nur noch ein wenig Zeit…“ – dabei wussten sie beide, dass es keinerlei Antwort auf die Frage „Zeit für was?“ gab. Seine Geduld schien ewig und all ihre Ankündigungen und Offenbarungen hatten ihn nie abgeschreckt. Nicht einmal die Sache mit den Kindern. Er hatte fein gelächelt und mit einem ominösen Zwinkern gemurmelt, dass er mehr als genug Töchter, für eine Lebenszeit, dem All-Einen hinterlassen hatte und weil wirklich nicht mehr auf diese Spinnerei herauszubekommen war, gab sie die Nachfragen alsbald auf und ließ ihm sein gebasteltes Mysterium. Doch all die Gespräche, das Zaudern, Zögern und sich winden schien seine Ausdauer nur zu verstärken und dann, nach der öffentlichen Bekanntgabe durch die Alkas, kam es ein weiteres Mal.
„Willst du…?“
Und diesmal rollte es einfach von ihren Lippen, das „Ja“ und fühlte sich überraschend richtig an. Vor anderthalb Jahren hatte sie noch mit Mairi darüber geschnaubt und sich mehr als nur abfällig über die Frauen geäußert, die sich so anketten ließen, so stellte sie nun fest, dass die Kette seinerseits nie eine war, während sie selber daran geschmiedet hatte. Mairi… die Nachbarin, nach der sie sich sehnte und deren Brief nun in ihrer Tasche am Gurt ruhte, sollte bald einen Besuch bekommen, mit Nusskuchen, weshalb sie die letzten wilden Früchte von den Bäumen zupfte. Da blieb sicher auch noch genug für ihre Schwestern übrig, sowohl diejenigen, mit welchen sie im Blute verbunden war und diejenigen, welche Eluive ihr noch zusätzlich zugewebt hatte.
Fraglich nur, ob ihr Nusskuchen je so gut werden würde, wie der von Vanda…

Und mitten in dem Gedanken schrillten die Alarmglocken noch einmal innerlich auf, doch war es zu spät und sie sah ihren Korb fliegen, die Nüsse regelrecht hinausspritzen, während sie selber von den Füßen gerissen wurde, um kurz danach schmerzhaft auf dem Waldboden aufzukommen. Ein Ächzen entwich der Kehle, als die Luft peinvoll aus den Lungenflügeln gestoßen wurde und sie musste erst wieder um Atem ringen, während die Welt kurz in Schemen und Schatten versank. Dann erklang seine Stimme und katapultierte sie wieder ins Bewusstsein, weckte mit nur wenigen Worten die knisternden Funken tief in ihrer Seele.
„Hast du denn in all der Zeit nicht gelernt, dass es unklug ist, nicht stets auf der Hut zu sein? Ich dachte, ich habe dich besser unterwiesen, mein Kind. Erschreckend, wie schnell du alles vergessen hast… Rahal bekommt dir nicht, Sae.“
Sie verwandelten sich, einem Lauffeuer gleich, in tosende Flammen und sie wusste, dass sie für alles, was gleich kommen sollte, nicht einmal die Hände benötigte, die er mit festem Griff so unsanft auf den Untergrund quetschte.
„Gut, dass ich dich gefunden habe, nicht wahr? Ich werde dafür sorgen, dass deine Zeit als kleine Hure eines Tetr…“ Weiter kam er nicht mehr und schrie gequält auf, als die Flammen sich seinen Ärmel entlang hochfraßen. Hastig ließ er sie los und riss den Mantel von sich, während sie sich ganz kurz nur ein triumphierendes Lächeln gönnte und ihn damit ein weiteres Mal falsch eingeschätzt hatte. Statt über die Brandwunden am Arm zu jaulen und sich auf dem kühlen, nassen Moos zu wälzen, starrte er ihr kurz aus geweiteten Augen entgegen, dann kam er Schlag so schnell, dass ihr Kopf zur Seite flog und sie warmes Blut auf den Lippen schmeckte, während die Sinne wieder zu versinken drohten. Dumpf und mit einem kalten Klingeln begleitet, vernahm sie seine folgenden Worte.
„Verfluchtes… Miststück… Hexe, ja, Hexe! Ich wusste es schon immer! Aber glaub mir, ich werde dich lehren.“ Da war der Griff wieder und sie spürte seinen Atem an der Wange, als er sich näher zu ihr herabbeugte.
„Glaubst du wirklich, ich bin ohne Unterpfand gekommen? Erinnere dich, Sae, wem wirst du schaden, wenn du dich nicht benimmst?“
Die Flammen wurden schlagartig kleiner und so viel kälter. Das war der Grund, warum sich ihre Schwester in den letzten Monaten mehr und mehr zurückgezogen hatte – ER war der Grund!
„Pip…“, kam es von den blutenden Lippen und mit einem herzhaften Auflachen bestätigte er all ihre schlimmsten Befürchtungen. Der Kampf war verloren, die Flammen erstarben und das Knistern verstummte vollkommen.
„Es ist so simpel, so lächerlich einfach. Ihr legt euch gegenseitig an die Leine.“ Er beugte sich noch einmal herab, als er nun boshaft verbal nachtrat. „Aber weißt du, Sae, ich werde dir auch ein hübsches Hexenstahlzimmerchen gestalten, vielleicht lass ich Pip es sogar dekorieren und dann kann sie darüber greinen, welch schlechte Beschützerin sie doch ist, während ich ihre kleine Schwester…“
Das Geräusch war unmittelbar, scharf und schnell, als habe man ein Messer in einen etwas festeren Kürbis geworfen und ihm folgte ein leises Röcheln. Der Griff um die Handgelenke wurde locker, nein lose und er verlagerte das Gewicht, setzte sich benommen auf. Sie und er starrten beide fassungslos auf den Pfeil, der aus seinem Brustkorb ragte, ließen zeitgleich den Blick auf die Gestalt am Waldesrand schwenken, den Bogen noch in der Linken, die Rechte seitlich erhoben, wo die Finger die Sehne freigelassen hatten.
„Pip…“, hauchte sie ein zweites Mal. Dann gurgelte er leise glucksend, eine seltsame Mischung aus Ersticken und Lachen, ehe er müde zu ihr herabblickte und noch murmelte.
„Seltsam, ich habe immer ged…acht, dass du es sein w… wirst, die…“
Dann verdrehte er die Augen und fiel seitlich an ihr herab auf den Untergrund, um zum letzten Mal, diesmal mit seinem Ableben, ein neues Kapitel in ihrem Leben aufzuschlagen.

Re: Was Abschied alles bedeuten kann...

Verfasst: Montag 3. November 2025, 12:14
von Pip Appelholm
Kapitel 3: Pip

Jetzt erst brach die Kraft, die sie gefunden hatte, zusammen.
Die Finger zitterten und der Bogen glitt aus den Händen.
Dann zog ihr die Schwäche die Füße unter den Beinen weg.
Ein Wimmern, das aus ihrer Brust zu kommen schien, ertönte kläglich
und als Sae sie in die Arme nahm, schluchzte sie bereits unkontrolliert.
Es war vorbei.
Der Albtraum endlich vorbei!
Aber zugleich war sie eine Mörderin geworden.
Ihr Pfeil hatte ein Menschenleben beendet und selbst wenn dieser Mensch
ein Ungeheuer in der Geschichte der Appelholm Schwestern gewesen war,
so würde er für viele andere Leute ein Freund, Liebster, Bruder, Sohn bleiben.
Sae sprach davon, ihn mitten im Wald zu begraben und das bedeutete, dass
ihn wahrscheinlich niemand finden würde. Aber das bedeutete auch, dass für
all diese Leute immer Ungewissheit bestehen würde.
Und sie trug die Schuld.
Musste sie tragen, weil sie nicht wollte, dass es am Ende Sae gewesen wäre.
Drei Jahre lang war es Sae gewesen, die einen Platz eingenommen hatte, der
ihr zuerst zugeschrieben war. Diese drei Jahre konnte sie ihr nicht mehr zurück-
geben und auch leider nie ungeschehen machen. Doch jetzt hatte sie einmalig
den Platz zurücktauschen und alles beenden können. Aber die Seele tat weh.
Wohin nun?
Wie ein verwundeter Hase, wollte sie rasch in einen Bau, doch zugleich hatte sie
den Wunsch zu fliehen. Weit, weit weg von Gerimor und auf keinen Fall Nachhause.
Sae schien es zu spüren und während sie sie wie ein kleines Mädchen in den Armen
wiegte, begann sie von Shevanor zu erzählen. Davon, dass sie gedachte zu heiraten,
dass sie dort vielleicht beide nun neu anfangen konnten.
Dass sie auch Flo zu sich holen konnten und endlich wieder vereint wären.
Wie damals, die drei Schwestern im Hause Appelholm.
Sie lauschte und nach und nach beruhigte sie sich etwas.
Shevanor.
Die Familie hatte ihr Leben zwischen den beiden Reichen, im umkämpften
Grenzgebiet aufgebaut und tänzelte auf dieser Waage.
Sie kannte Siebenwacht, sie kannte Shevanor und beide waren auf ihre Art
wunderschön. Sie dachte an die Rosenfelder, an die Weinhänge und die Wälder.
Oh, die Wälder Shevanors in der Herbstpracht.
Und langsam huschte der Schatten eines kleines Lächelns über ihre Lippen.
„Ja, Sae, nimm mich mit.“

Re: Was Abschied alles bedeuten kann...

Verfasst: Dienstag 4. November 2025, 14:44
von Cailen Vindheim
Kapitel 5: Cailen

Mit einem leisen Klicken schloss sich die Schmuckschatulle in seinen Händen, in ihrem Inneren die wenigen Kleinode wohl verborgen, die unter all dem Hausrat, der auf die eine oder andere Weise in seinem Besitz gelandet war, tatsächlich etwas bedeuteten.

Ein alter Ring. Rosenblüten, die heute noch immer so wirkten wie vor Jahren. Eine kleine, unscheinbare Statuette. Und mehr. Meilensteine einer Reise, die vom fernen Shevanor bis hier her geführt hatte. Und die letztlich wieder dorthin zurück führen würde.
Der Rest des Hausrates war, sofern noch nicht abtransportiert, mit weißen Tüchern abgedeckt. Kamin und Herd kalt und ruhend. Das Reisegepäck fertig und bei der großen Tür gestapelt. Die getreue Haushälterin war Tage zuvor schon aufgebrochen, alles notwendige vorzubereiten. Und einen Besuch bei den eigenen Eltern zu wagen. Und so war es nun recht still geworden.

Manche Dinge mussten indes nicht verpackt werden, um dennoch mit ihm zu reisen. Gesichter seiner Weggefährten. Die passenden Geschichten dazu. Triumphe und Rückschläge. Zuversicht. Vor allem das.

Als er Jahre zuvor das Eiland betreten hatte, dann weil er etwas gesucht hatte, das nur hier zu vermuten war. Weil die Unwägbarkeiten des eigenen Schicksals keinen anderen Pfad mehr aufzeigen wollten, als sich den Wirren und Herausforderungen dieser Insel zu stellen, die solch profunden Eindruck auf jeden zu machen pflegte, der länger auf ihr verweilte.
Ein Schmelztiegel der Kulturen. Aber auch ein Prüfstein für den Charakter. Wer blieb, der konnte sich diesem Einfluss nicht erwehren. Wachsen und gedeihen, oder untergehen.. und manchmal auch alles davon. In seinem speziellen Fall hatte ihn die Insel zu einer Art Abschluss mit der Vergangenheit geführt. Hatte der Herr ihm die Gelegenheit gegeben, noch einmal mit den Sünden der Vergangenheit konfrontiert zu werden. Mit den seinen wie auch mit denen seiner Geliebten. Und aus diesem Abschluss Stärke zu ziehen. Vertrauen in die Zukunft und in die Lehren des Herren.

Wäre Zeit gewesen, es gäbe wohl viele Geschichten, Gesichter und Begebenheiten, über die es sich gelohnt hätte, nachzusinnen. Die Zeit dafür würde kommen...später. Nun aber riss ihn das Geräusch einer sich öffnenden Tür aus seinen Gedanken, gefolgt von den Stimmen der jungen Frauen, die ihn auf seiner Reise begleiten würden. Schwestern. Auch sie waren mit ihren eigenen Schicksalen konfrontiert worden, die, wie er nun wusste, ebenso auf Gerimor zu einem Abschluss gefunden hatten. Das Ende einer Geschichte und der Beginn einer neuen. Verhaltenes Gelächter, die Freude vor Beginn einer Reise, deren Ende noch nicht geschrieben war. Eine gute Zeit, aufzubrechen.

Die Kerzen gelöscht, die Türen geschlossen. Ein letztes Mal der Schlüssel im Schloss gedreht.
Bis ein neuer Herr dieses Haus betreten würde. Und mit neuen Geschichten erfüllen...