Normalität schmeckt nach Eisen
Verfasst: Sonntag 26. Oktober 2025, 21:44
PROLOG
Das Jahr 258 - Vor zehn Jahren
Die Tür war abgeschlossen. Schon wieder. Doch sie hatte es mittlerweile aufgegeben, die Klinke hinabzudrücken und zu prüfen, ob sich der Umstand in der letzten Stunde geändert hatte. Sie hätte es gehört, denn sie war wach und aufmerksam. Auch wenn das nichts daran änderte, dass diese vier Wände sie einengten. Schon wieder. Sie hatte bereits jedes Buch in diesem Raum gelesen und jeden Winkel mit einem alten, zerrissenen Stoffhemd geputzt. Die Polster des Bettes hatte sie ebenfalls mehrfach ausgeklopft, sodass es ein Hochgenuss gewesen wäre, sich hineinzulegen. Doch sie genoss es nicht.
Liv stand einfach nur da und starrte auf die Klinke, während hinter dem Holz der Tür hitzige Diskussionen laut wurden, deren gesamten Inhalt sie nicht ganz erfassen konnte. Die Geräusche auf den Straßen waren zu laut, und die Unterhaltung fand eine Etage unter ihr statt, wodurch nur Fetzen des Streits die Stufen hinaufdrangen. Zu wenig Worte, um sinnvolle Sätze im Geist formen zu können. Zu wenig eigene Kraft im Leib, um die Fantasie weiter schweifen zu lassen, als nötig.
Remnon stritt sich oft mit ihm. Heute war ein Tag von vielen, und doch wusste sie nie, wie lange es dauern würde. Wie lange sie die Klinke anstarren musste, wie lange sie die vier Wände erdrückten, bis das Schloss sich wieder in die richtige Richtung drehte. Es war willkürlich. Immer. Alles, was in diesem Haus ihr gegenüber geschah, war willkürlich. Doch sie meckerte nicht, sie rebellierte nicht. Sie klopfte nicht gegen das Holz und zerrte nicht an der Klinke. Das hatte sie irgendwann eingestellt. Denn irgendwann war aus dem Gefühl der Ungerechtigkeit ein anderes geworden: Normalität.
Nach ein paar Stunden, als es im Haus ruhig geworden war und die Sonne sich verabschiedet hatte – so wie auch der Lärm der sonst so belebten Straße –, hörte sie, wie sich der Schlüssel im Schloss drehte. Ein Umstand, der dazu führte, dass sie einmal tiefer einatmete, um dem Hereinkommenden ein dünnes Lächeln zu widmen, während ihre Knie bereits weich geworden waren und der Stand nicht mehr stabil war.
Irgendwann hatte sie sich angewöhnt, einfach stehen zu bleiben und zu warten. Das war allerdings nichts, wofür sich ihre Muskeln und Sehnen bedankten. Diese litten unter der Marotte – besonders, wenn sich derlei Zwischenfälle länger als nur ein paar Stunden zogen. Diese Möglichkeit bestand.
„Wieso lächelst du? Kannst du mir verdammt nochmal sagen, warum du lächelst?“ Er war wütend, und sie wusste, dass sie nicht die Schöpferin dieser Wut war. So konnte sie diese Emotion zumindest besser ertragen – auch wenn sie noch nicht herausgefunden hatte, wie sie sie ändern konnte. Also nickte sie einfach und stellte das Lächeln ein, während ihre Füße voran wankten und sie an ihm vorbeizog, in Richtung Freiheit.
Wenn diese Freiheit auch nur aus einem Flur, einer abgehenden Treppe und einem großen Wohnraum bestand, in dem sie begann, ihre nächsten Kreise zu ziehen. Remnon folgte ihr mit einigem Abstand, und immer wieder konnte sie hören, wie er nach Luft schnappte, bereit, ein paar weitere Worte zu sagen, die irgendwo in der Leere des Hauses und seiner Kehle stecken blieben.
„Sind sie weg?“ Das waren die ersten Silben, die Liv in seine Richtung sprach, während sie mit beiden Händen nach einem unberührten Apfel griff, der lieblos auf der Theke lag, als wäre er durch die kleine braune Stelle nicht mehr beachtenswert. „Irgendeine Einladung, von irgendwem. Ich habe es vergessen. Sie sind weg.“ Als sie sich herumdrehte und ihm wieder entgegensah, war seine Wut fort – und etwas anderes wollte sich in seinem Gesicht zeigen. Doch er war gut darin, es zu verbergen. Nicht, dass er es ihretwegen gelernt hätte. Es war ein Talent, das man in diesem Haus unbedingt benötigte.
Die Tatsache, dass sie beide fort waren, bedeutete für sie, dass sie mehr als eine Stunde Zeit für sich hatte – auch wenn sie selten wusste, was sie damit anfangen sollte. Meistens lief sie dann durchs Haus und erkundete zum hundertsten Mal jede Ecke. Wenn sie genauer wusste, wie lange sie für sich war, ging sie auch manchmal hinaus und lief durch die Straßen. Wobei das immer mit der Gefahr verbunden war, ihre Zeit zu überschätzen. Und wenn das geschah, war eine abgeschlossene Tür wahrlich ihr geringstes Problem.
„Wann wirst du aufbrechen? Auf große Reise gehen, Remnon?“ Er setzte einen Schritt auf sie zu, griff dann nach einer Stuhllehne, scharrte das Holz über den Boden und ließ sich darauf nieder.
„Gar nicht. Wie könnte ich.“
Sie hörte auf zu kauen, obwohl ihr Mund noch voll war, und senkte den Blick auf den Apfel, der nun auch im Inneren die dunkle Stelle zeigte. Wo außen nur ein kleines Stück verfärbt schien, fraß es sich innen bereits bis zum Zentrum durch. Dieser Apfel war ein Sinnbild. Doch sie hatte kaum Zeit, sich damit zu befassen: Der Rest im Mund wurde hinabgewürgt und war dabei noch so unzerkaut, dass es in der Kehle schmerzte. Und der Schmerz hielt an, als sie direkt in die Richtung des Sitzenden sprach:
„Du musst.“
Das Jahr 258 - Vor zehn Jahren
Die Tür war abgeschlossen. Schon wieder. Doch sie hatte es mittlerweile aufgegeben, die Klinke hinabzudrücken und zu prüfen, ob sich der Umstand in der letzten Stunde geändert hatte. Sie hätte es gehört, denn sie war wach und aufmerksam. Auch wenn das nichts daran änderte, dass diese vier Wände sie einengten. Schon wieder. Sie hatte bereits jedes Buch in diesem Raum gelesen und jeden Winkel mit einem alten, zerrissenen Stoffhemd geputzt. Die Polster des Bettes hatte sie ebenfalls mehrfach ausgeklopft, sodass es ein Hochgenuss gewesen wäre, sich hineinzulegen. Doch sie genoss es nicht.
Liv stand einfach nur da und starrte auf die Klinke, während hinter dem Holz der Tür hitzige Diskussionen laut wurden, deren gesamten Inhalt sie nicht ganz erfassen konnte. Die Geräusche auf den Straßen waren zu laut, und die Unterhaltung fand eine Etage unter ihr statt, wodurch nur Fetzen des Streits die Stufen hinaufdrangen. Zu wenig Worte, um sinnvolle Sätze im Geist formen zu können. Zu wenig eigene Kraft im Leib, um die Fantasie weiter schweifen zu lassen, als nötig.
Remnon stritt sich oft mit ihm. Heute war ein Tag von vielen, und doch wusste sie nie, wie lange es dauern würde. Wie lange sie die Klinke anstarren musste, wie lange sie die vier Wände erdrückten, bis das Schloss sich wieder in die richtige Richtung drehte. Es war willkürlich. Immer. Alles, was in diesem Haus ihr gegenüber geschah, war willkürlich. Doch sie meckerte nicht, sie rebellierte nicht. Sie klopfte nicht gegen das Holz und zerrte nicht an der Klinke. Das hatte sie irgendwann eingestellt. Denn irgendwann war aus dem Gefühl der Ungerechtigkeit ein anderes geworden: Normalität.
Nach ein paar Stunden, als es im Haus ruhig geworden war und die Sonne sich verabschiedet hatte – so wie auch der Lärm der sonst so belebten Straße –, hörte sie, wie sich der Schlüssel im Schloss drehte. Ein Umstand, der dazu führte, dass sie einmal tiefer einatmete, um dem Hereinkommenden ein dünnes Lächeln zu widmen, während ihre Knie bereits weich geworden waren und der Stand nicht mehr stabil war.
Irgendwann hatte sie sich angewöhnt, einfach stehen zu bleiben und zu warten. Das war allerdings nichts, wofür sich ihre Muskeln und Sehnen bedankten. Diese litten unter der Marotte – besonders, wenn sich derlei Zwischenfälle länger als nur ein paar Stunden zogen. Diese Möglichkeit bestand.
„Wieso lächelst du? Kannst du mir verdammt nochmal sagen, warum du lächelst?“ Er war wütend, und sie wusste, dass sie nicht die Schöpferin dieser Wut war. So konnte sie diese Emotion zumindest besser ertragen – auch wenn sie noch nicht herausgefunden hatte, wie sie sie ändern konnte. Also nickte sie einfach und stellte das Lächeln ein, während ihre Füße voran wankten und sie an ihm vorbeizog, in Richtung Freiheit.
Wenn diese Freiheit auch nur aus einem Flur, einer abgehenden Treppe und einem großen Wohnraum bestand, in dem sie begann, ihre nächsten Kreise zu ziehen. Remnon folgte ihr mit einigem Abstand, und immer wieder konnte sie hören, wie er nach Luft schnappte, bereit, ein paar weitere Worte zu sagen, die irgendwo in der Leere des Hauses und seiner Kehle stecken blieben.
„Sind sie weg?“ Das waren die ersten Silben, die Liv in seine Richtung sprach, während sie mit beiden Händen nach einem unberührten Apfel griff, der lieblos auf der Theke lag, als wäre er durch die kleine braune Stelle nicht mehr beachtenswert. „Irgendeine Einladung, von irgendwem. Ich habe es vergessen. Sie sind weg.“ Als sie sich herumdrehte und ihm wieder entgegensah, war seine Wut fort – und etwas anderes wollte sich in seinem Gesicht zeigen. Doch er war gut darin, es zu verbergen. Nicht, dass er es ihretwegen gelernt hätte. Es war ein Talent, das man in diesem Haus unbedingt benötigte.
Die Tatsache, dass sie beide fort waren, bedeutete für sie, dass sie mehr als eine Stunde Zeit für sich hatte – auch wenn sie selten wusste, was sie damit anfangen sollte. Meistens lief sie dann durchs Haus und erkundete zum hundertsten Mal jede Ecke. Wenn sie genauer wusste, wie lange sie für sich war, ging sie auch manchmal hinaus und lief durch die Straßen. Wobei das immer mit der Gefahr verbunden war, ihre Zeit zu überschätzen. Und wenn das geschah, war eine abgeschlossene Tür wahrlich ihr geringstes Problem.
„Wann wirst du aufbrechen? Auf große Reise gehen, Remnon?“ Er setzte einen Schritt auf sie zu, griff dann nach einer Stuhllehne, scharrte das Holz über den Boden und ließ sich darauf nieder.
„Gar nicht. Wie könnte ich.“
Sie hörte auf zu kauen, obwohl ihr Mund noch voll war, und senkte den Blick auf den Apfel, der nun auch im Inneren die dunkle Stelle zeigte. Wo außen nur ein kleines Stück verfärbt schien, fraß es sich innen bereits bis zum Zentrum durch. Dieser Apfel war ein Sinnbild. Doch sie hatte kaum Zeit, sich damit zu befassen: Der Rest im Mund wurde hinabgewürgt und war dabei noch so unzerkaut, dass es in der Kehle schmerzte. Und der Schmerz hielt an, als sie direkt in die Richtung des Sitzenden sprach:
„Du musst.“


