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Normalität schmeckt nach Eisen

Verfasst: Sonntag 26. Oktober 2025, 21:44
von Liv Kormin
PROLOG

Das Jahr 258 - Vor zehn Jahren

Die Tür war abgeschlossen. Schon wieder. Doch sie hatte es mittlerweile aufgegeben, die Klinke hinabzudrücken und zu prüfen, ob sich der Umstand in der letzten Stunde geändert hatte. Sie hätte es gehört, denn sie war wach und aufmerksam. Auch wenn das nichts daran änderte, dass diese vier Wände sie einengten. Schon wieder. Sie hatte bereits jedes Buch in diesem Raum gelesen und jeden Winkel mit einem alten, zerrissenen Stoffhemd geputzt. Die Polster des Bettes hatte sie ebenfalls mehrfach ausgeklopft, sodass es ein Hochgenuss gewesen wäre, sich hineinzulegen. Doch sie genoss es nicht.

Liv stand einfach nur da und starrte auf die Klinke, während hinter dem Holz der Tür hitzige Diskussionen laut wurden, deren gesamten Inhalt sie nicht ganz erfassen konnte. Die Geräusche auf den Straßen waren zu laut, und die Unterhaltung fand eine Etage unter ihr statt, wodurch nur Fetzen des Streits die Stufen hinaufdrangen. Zu wenig Worte, um sinnvolle Sätze im Geist formen zu können. Zu wenig eigene Kraft im Leib, um die Fantasie weiter schweifen zu lassen, als nötig.

Remnon stritt sich oft mit ihm. Heute war ein Tag von vielen, und doch wusste sie nie, wie lange es dauern würde. Wie lange sie die Klinke anstarren musste, wie lange sie die vier Wände erdrückten, bis das Schloss sich wieder in die richtige Richtung drehte. Es war willkürlich. Immer. Alles, was in diesem Haus ihr gegenüber geschah, war willkürlich. Doch sie meckerte nicht, sie rebellierte nicht. Sie klopfte nicht gegen das Holz und zerrte nicht an der Klinke. Das hatte sie irgendwann eingestellt. Denn irgendwann war aus dem Gefühl der Ungerechtigkeit ein anderes geworden: Normalität.

Nach ein paar Stunden, als es im Haus ruhig geworden war und die Sonne sich verabschiedet hatte – so wie auch der Lärm der sonst so belebten Straße –, hörte sie, wie sich der Schlüssel im Schloss drehte. Ein Umstand, der dazu führte, dass sie einmal tiefer einatmete, um dem Hereinkommenden ein dünnes Lächeln zu widmen, während ihre Knie bereits weich geworden waren und der Stand nicht mehr stabil war.
Irgendwann hatte sie sich angewöhnt, einfach stehen zu bleiben und zu warten. Das war allerdings nichts, wofür sich ihre Muskeln und Sehnen bedankten. Diese litten unter der Marotte – besonders, wenn sich derlei Zwischenfälle länger als nur ein paar Stunden zogen. Diese Möglichkeit bestand.

„Wieso lächelst du? Kannst du mir verdammt nochmal sagen, warum du lächelst?“ Er war wütend, und sie wusste, dass sie nicht die Schöpferin dieser Wut war. So konnte sie diese Emotion zumindest besser ertragen – auch wenn sie noch nicht herausgefunden hatte, wie sie sie ändern konnte. Also nickte sie einfach und stellte das Lächeln ein, während ihre Füße voran wankten und sie an ihm vorbeizog, in Richtung Freiheit.
Wenn diese Freiheit auch nur aus einem Flur, einer abgehenden Treppe und einem großen Wohnraum bestand, in dem sie begann, ihre nächsten Kreise zu ziehen. Remnon folgte ihr mit einigem Abstand, und immer wieder konnte sie hören, wie er nach Luft schnappte, bereit, ein paar weitere Worte zu sagen, die irgendwo in der Leere des Hauses und seiner Kehle stecken blieben.

„Sind sie weg?“ Das waren die ersten Silben, die Liv in seine Richtung sprach, während sie mit beiden Händen nach einem unberührten Apfel griff, der lieblos auf der Theke lag, als wäre er durch die kleine braune Stelle nicht mehr beachtenswert. „Irgendeine Einladung, von irgendwem. Ich habe es vergessen. Sie sind weg.“ Als sie sich herumdrehte und ihm wieder entgegensah, war seine Wut fort – und etwas anderes wollte sich in seinem Gesicht zeigen. Doch er war gut darin, es zu verbergen. Nicht, dass er es ihretwegen gelernt hätte. Es war ein Talent, das man in diesem Haus unbedingt benötigte.

Die Tatsache, dass sie beide fort waren, bedeutete für sie, dass sie mehr als eine Stunde Zeit für sich hatte – auch wenn sie selten wusste, was sie damit anfangen sollte. Meistens lief sie dann durchs Haus und erkundete zum hundertsten Mal jede Ecke. Wenn sie genauer wusste, wie lange sie für sich war, ging sie auch manchmal hinaus und lief durch die Straßen. Wobei das immer mit der Gefahr verbunden war, ihre Zeit zu überschätzen. Und wenn das geschah, war eine abgeschlossene Tür wahrlich ihr geringstes Problem.

„Wann wirst du aufbrechen? Auf große Reise gehen, Remnon?“ Er setzte einen Schritt auf sie zu, griff dann nach einer Stuhllehne, scharrte das Holz über den Boden und ließ sich darauf nieder.
„Gar nicht. Wie könnte ich.“
Sie hörte auf zu kauen, obwohl ihr Mund noch voll war, und senkte den Blick auf den Apfel, der nun auch im Inneren die dunkle Stelle zeigte. Wo außen nur ein kleines Stück verfärbt schien, fraß es sich innen bereits bis zum Zentrum durch. Dieser Apfel war ein Sinnbild. Doch sie hatte kaum Zeit, sich damit zu befassen: Der Rest im Mund wurde hinabgewürgt und war dabei noch so unzerkaut, dass es in der Kehle schmerzte. Und der Schmerz hielt an, als sie direkt in die Richtung des Sitzenden sprach:

„Du musst.“

Re: Normalität schmeckt nach Eisen

Verfasst: Montag 27. Oktober 2025, 18:30
von Liv Kormin
PROLOG

Das Jahr 261 - Vor sieben Jahren

Liv öffnete nur langsam den Mund, bereit, Luft in die Welt zu lassen – eine Luft, die nicht zwingend die war, die ihre Mutter schmecken wollte. Sie saß ihr gegenüber und blickte nur widerwillig von einem Buch auf, das offenbar selbst für diesen Moment nicht den kurzen Weg auf den Beistelltisch fand. Die Bitte, die im Endeffekt nie eine Bitte war, hing schwer in der Luft und wartete auf Livs Reaktion – die konsequent ausblieb. Dieses Mal hatte sie sich einfach entschieden, die Situation totzuschweigen. Eine Taktik, die manchmal funktionierte. Und manchmal eben nicht.

„Also, wann wirst du aufbrechen?“ Ihre Mutter hegte keinen Zweifel daran, dass Liv die Worte verstanden hatte. Und so folgte auf die Frage bereits die Forderung – fernab der Silben, die Liv in der Kehle hingen und einfach nicht hinauswollten. Angewohnheiten waren schon eine unangenehme Sache – man konnte sie nicht einfach, der Situation passend, ablegen. Man hatte sie irgendwann, und dann entschied sich mit der Zeit, ob es sich dabei um eine Schwäche oder eine Stärke handelte. Hier war es definitiv Letzteres.

Selbst diese Frage, die nun ebenfalls im Raum hing wie ein nasser, schwerer Sack, den irgendwer als Mahnmal an einen der Pfosten festgezurrt hatte, schuf keinen Raum für Möglichkeiten. Sie täuschte Offenheit nur an, war in Wahrheit aber verschlossen und versiegelt – und es gab nur eine richtige Reaktion.

„Jetzt.“ Das Wort begleitete ihre Drehung, denn die Aufmerksamkeit war ohnehin schon nicht mehr bei ihr, und das freundschaftliche Verhältnis zu ihrer Mutter war nur noch eine dünne Erinnerung aus brüchigem Eis, das der nächste Frühling mit der Sonne wohl gänzlich forttragen würde. Also begann sie, sich im Nebenraum die Stiefel überzuziehen und sich in alle Tücher zu wickeln, die der Kleiderhaken zu bieten hatte. Eines fungierte als Mundbedeckung, ein anderes schützte die Haare, und das dritte umschlang den Hals wie eine würgende Schlange.

Während sie sich den viel zu großen Mantel überwarf, der einst Remnon gehört hatte, ertönte nur dumpf das schwere Husten ihres Abgrunds am Ende des Flurs. Und der giftige Gedanke, der sie kurz abwägen ließ, ob sie statt Heiltinkturen lieber Gift besorgen sollte, hinterließ einen bitteren Geschmack auf ihrer Zunge. Ein Geschmack, der erst vom ersten kalten Windzug fortgerissen wurde – als sich alle Gedanken auf den sich aufbäumenden Schnee konzentrierten, der sich vor ihr wie ein erblindendes Meer auftat.

Es war ein harter Winter, der selbst den tollwütigsten Wolf zum Schweigen brachte. Ein Winter, über den man vermutlich in drei Wintern noch sprechen würde. Die Straßen unterschieden sich nicht mehr von den Gehwegen, alles floss ineinander über. Kein Haus hatte mehr seine Erkennungsmerkmale, und kein Passant erhob sich über den anderen. All jene, die bei diesen Bedingungen das Haus verließen, waren nur noch eine Ansammlung wandelnder Stoffe. Und wer ein paar Münzen mehr hatte, trug wenigstens gutes Fell.

Die Schritte im Schnee knirschten, und man schmeckte die Kälte. Doch Liv war niemand, der Umstände wirklich wahrnahm. Die Schönheit des Schnees war für sie nicht schön – sie machte blind. Die dünnen Lichter im Weiß hatten nichts Gemütliches; sie erinnerten nur an Wärme irgendwo, der sie fern war. Die ihr Entgegenkommenden boten keinen Trost, weil sie die Einsamkeit nahmen; sie waren nur genauso arm dran wie sie selbst. Auch wenn man sich gern einredete, man sei für gewöhnlich am ärmsten dran.

Liv wog jedoch selten ab oder verglich. Remnon hatte ihr irgendwann geraten, das zu unterlassen – aus gutem Grund. Vermutlich aus demselben herbeigezogenen Grund, aus dem er sie damals beim Würfeln immer hatte gewinnen lassen.

Als sie vor der Heilerstube zum Stehen kam und der Schnee zu ihrer zweiten Haut geworden war, entwich ihrer Kehle nur ein müdes Krächzen. Kein Licht brannte, keine Bewegung regte sich drinnen. Die Tür war zugefroren – ein Zeichen, dass hier schon länger keine Klinke mehr betätigt worden war. Selbst das Weiß auf dem Boden war nur spärlich plattgetreten. Ein weiteres Zeichen für Abwesenheit von Leben.

In einer normalen Welt hätte man sich in diesem Moment umgedreht, wäre zurückgegangen und hätte sich erklärt. Aber ihre Welt war nicht normal – sie hatte jegliche Hoffnung darauf verloren, als Remnon das letzte Mal einen Schritt über die Schwelle gesetzt hatte.

Also blieb sie stehen und starrte. Wieder reglos, wieder stoisch, wieder eine Tür, wieder eine Klinke. Denn mit leeren Händen zurückzukommen, war keine erwägenswerte Möglichkeit. Und der, der diese Kämpfe sonst für sie ausgefochten hatte, kämpfte nun woanders. Also erschien es ihr offenbar realistischer, hier im Schnee zu verweilen und auf den Frühling zu warten. Doch der kündigte sich nicht einmal leise an.

Re: Normalität schmeckt nach Eisen

Verfasst: Sonntag 2. November 2025, 15:43
von Liv Kormin
PROLOG

Das Jahr 268 - Vor einem Wochenlauf


Liv hatte in ihrem Leben noch nicht wirklich viele lebensverändernde Entscheidungen für sich getroffen. Und das war nur eine höfliche Umschreibung dafür, dass es sich dabei eigentlich um keine einzige handelte. Zumeist entschied ihr Vater über ihre Schritte – und wenn er dazu nicht in der Lage war, weil er sich wieder einmal dazu entschieden hatte, sie zu ignorieren, –, dann ersetzte ihn ihre Mutter. Es gab dabei nie eine Verhandlung, nie einen Austausch. Es war eine Bestimmung, die ohne Rebellion zu dulden war, ohne Kompromiss.

In jüngeren Jahren hatte sie noch versucht zu diskutieren, versucht, Argumente aufzuzeigen, die vielleicht den Weg an einer Kreuzung in eine andere Richtung gelenkt hätten. Aber es war wie das Laufen gegen eine Wand, und mit der Zeit tat ihr der Kopf weh. Der Schmerz erzeugte irgendwann ein Ziehen im Geist, das dafür sorgte, dass sie es gar nicht mehr in Erwägung zog, selbstständig zu entscheiden.

„Es ist guter Wind heute.“ Der Fremde, der ihr irgendwann einmal seinen Namen genannt hatte, lächelte aufs Meer hinaus, über dem sich am Horizont bereits Gerimor abzeichnete, während die Sonne im Westen langsam vom Wasser verschluckt wurde und nur noch in den Farben des Feuers an sich erinnerte.

Liv hatte seinen Namen vergessen, weil sie die ersten Tage über der Reling hing und ihren Mageninhalt dem Meer übergab. Er hielt ihr dabei die Haare – mehr als einmal. Das führte dazu, dass sie sich ein paar Tage später mit einem rostigen Dolch, den sie irgendwo fand, die Haare abschnitt und sie dem Meer hinterherwarf. So musste sie fremde Hände nicht allzu lange an sich dulden, auch wenn die Übelkeit nach einigen Tagen nachließ und nur noch ab und an durch ein vages Klopfen im Kinn auf sich aufmerksam machte.

„Immer wenn man sich ans Leben auf dem Meer gewöhnt hat, winkt das Land aus der Ferne. Dumm, eh? Dabei kannst du nun endlich über Deck laufen, ohne dich alle zwei Sekunden irgendwo festzuhalten.“ Er lächelte ihr zu, und aus dem Augenwinkel betrachtete sie seine Offenheit mit Zurückhaltung. Vielleicht war er kein schlechter Mensch – aber woher sollte man das schon wissen? Sie hatte bereits Monster lächeln sehen.
Doch ihre Schweigsamkeit führte immerhin nicht zu seinem Schweigen. Seine Worte durchbrachen das laute Klopfen ihres Herzens in den Ohren, das umso stärker wurde, je näher sie der großen Insel kamen.

„Wir ankern gleich für ein paar Stunden in Bajard, und morgen Vormittag sollten wir dann Rahal erreichen.“ Er hob bei den Worten die Rechte, deutete voraus und zeigte in verschiedene Richtungen der Insel, die immer klarer wurde. Manche Schemen wurden zu Häusern, andere zu Bäumen. Es war nicht mehr nur ein Schatten im Irgendwo – es war Zivilisation.
„Bajard?“ Ihre Stimme klang dünn, kratzig und belegt. Sie hatte auf der Reise nicht viel gesprochen und sich lieber aufs Zuhören konzentriert. Denn sonst wären vermutlich alle wie er gewesen – offen und nah. Dinge, die sie nie so schnell verarbeiten konnte, wie sie kamen.

„Mh-m, ja. Es liegt zwischen dem Konflikt auf Gerimor. Dort wohnen die, die sich daran nicht beteiligen wollen oder können. Es herrscht reger Handel am Hafen, und innerhalb des Dorfes ist es eher … einfach. Weniger geprägt durch Glauben oder Gesetze.“
– „Also keine Ordnung.“

Der Mann, den sie in Gedanken einfach Tom nannte, blinzelte einmal auf ihre Worte hin.
„Du gehst in Rahal von Bord, eh?“

Wie oft stand sie schon an einer Kreuzung, und wie oft hatten diese unsichtbaren Hände in ihrem Rücken sie in eine bestimmte Richtung gedrückt? Sie konnte es kaum noch zählen. Doch diesmal, als der Tag zur Nacht wurde und „Tom“ sie erwartungsvoll ansah, drückte nichts. Keiner schob sie an, keiner flüsterte ihr ins Ohr. Die Möglichkeit, eine Entscheidung zu treffen, war da – und ohne groß darüber nachzudenken, traf sie sie, während das Dröhnen ihres Herzschlags sie taub machte und das Schlucken erschwerte.

„Nein, in Bajard.“

Re: Normalität schmeckt nach Eisen

Verfasst: Mittwoch 5. November 2025, 18:02
von Liv Kormin
HEUTE
„Hattest du dich jemals gefragt, wie es ist, anzukommen? Wenn du irgendwo die Stufen hinaufgehst und das Knarzen des Holzes dich daran erinnert, dass dein Bett in der Nähe ist. Wenn du die Tür öffnest und nichts als der Schatten der Straßenlaternen den Raum beleuchtet, den du dein Eigen nennst. Eine erstickende Stille, die zugleich bedrohlich und tröstlich wirkt. Einsamkeit, die sich mit jener Ruhe mischt, von der man glaubt, sie zu brauchen.“
Heute trug sie zum ersten Mal das Barett – jenes Stück Stoff, das auf ihrem Kopf immer leicht schief saß. Wie oft hatte sie die Hand daran gelegt, wie oft daran gezupft? Irgendwann hatte sie aufgehört zu zählen. Der Druck auf ihrer Brust war zu groß, als dass ihr Kopf sich Zahlen hätte merken können.
Zwischen tausend neuen Gesichtern, tausend Eindrücken, war der Abend im Dienst an ihr vorbeigezogen wie eine Möwe an einem Schiff, das nach wochenlanger Irrfahrt endlich Land wittert: ein Rausch, ein kurzer Moment der Erleichterung nach langem Hunger – und doch war man zu betäubt, um etwas davon zu schmecken.

Liv wusste nicht, was es bedeutete, irgendwo dazuzugehören. Sie hatte zu ihrem Bruder gehört – das hatte sie ihm immer gesagt, jeden Morgen und jeden Abend, bis aus kindlicher Nähe allmählich jene Distanz wurde, die Erwachsene füreinander finden müssen.
Je älter sie wurde, desto klarer erkannte sie, dass es ein kindliches Hirngespinst gewesen war: kein wahres Dazugehören, wie sie es aus Büchern kannte. Nur gemeinsames Blut, derselbe Stamm. Er hatte sein Leben, sie ihres. Und doch hätte sie widersprochen, hätte man sie nach einer Definition gefragt.

Der Abend im Regiment fühlte sich an wie ein Fiebertraum. Immer wieder glaubte sie, aufzuschrecken – nur, um gleich darauf wieder hineinzusinken. Eine ständige Überforderung, überdeckt von dem Willen, normal zu wirken. Lächeln, nicken, salutieren – das konnte sie. Sie konnte auch sehen und starren, als sei sie dafür geboren worden, Torwache zu sein. Zumindest bis zu jenem Moment, in dem etwas geschah und man körperlichen Einsatz erwartete.
„Ich habe ihre Blicke bemerkt. Und ich habe sie ignoriert und gelächelt. Dinge, die man eben tut, damit es nicht noch unangenehmer wird. Erinnerst du dich an den Tag, an dem ich gestürzt bin? Mitten auf dem Marktplatz, nach einem Regentag. Meine Kleidung war durchnässt, überzogen mit Schlamm – und was der noch so alles in sich trug. Ich erinnere mich gut. Denn ich erinnere mich, wie du dich ebenfalls in dieselbe Pfütze geworfen hast, um dann mit erhobenem Kinn weiterzugehen. Es war dir egal, ob sie starrten, während ich den Rest des Weges weinen musste. Heute weine ich nicht mehr.“
Der Glimmstängel, den ihr ein Gardist gegeben hatte, war das erste materielle Geschenk ihres Lebens. In ihren bescheidenen vier Wänden hatte er einen Ehrenplatz – direkt vor dem Spiegel. Wie eine kleine Trophäe aus zerknittertem Papier und getrocknetem Kraut. Für Liv war er ein Symbol für Zusammenhalt, vielleicht überinterpretiert nach nur einem Tag, aber wer würde das schon hinterfragen?

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So schmückte der Stängel ihren spärlichen Beistelltisch, gleich neben dem perfekten Blatt, das sie fand, als sie das Schiff in Bajard verließ. Auch das war eine Symbolik – zumindest redete sie sich das ein. Solche Dinge waren für sie wie Pfeiler: stützende Beweise, dass ihre Entscheidungen Gewicht trugen. Nun hatte sie zwei davon. Vielleicht würden noch drei weitere folgen, und das Fundament wäre stark genug, um Wände zu tragen.
„Kannst du mir sagen, wann du das letzte Mal eine Entscheidung getroffen hast, die kein anderer beeinflusste als du selbst?
Kannst du mir sagen, ob du jemals angekommen bist?“

Re: Normalität schmeckt nach Eisen

Verfasst: Montag 10. November 2025, 21:39
von Remnon Kormin
Heute

Es war wieder an der Zeit seine Pflicht zu erfüllen. Die Schatten tanzten bei dem Kerzenschein an der Wand und verbargen das Rot im Braun des Haarschopfs eines Kriegers. Zwei Stück Papier lagen vor ihm ausgebreitet und Ratlosigkeit lag in seiner Mimik, da er nicht wusste, wo anzufangen war - stellt man sich zuerst dem Schlimmeren, um im Nachgang mit der Süße der guten Gedanken das Schreibpult zu verlassen, oder dreht er es. Unnötige Gedanken, die nur Zeit kosteten: Wie beim Essen, erst alles, was nicht schmeckt und der Nachtisch, der es perfekt abschließt.

Also zuerst der Brief an den Vater.
Geschätzter Vater,

es sei mir gestattet, Euch über den Stand der familiären Angelegenheiten in Kenntnis zu setzen.
Eure Tochter hat die Reise zu meinem Standort unbeschadet vollendet und sich, ganz Euren Weisungen folgend, einer Institution von gutem Ruf angeschlossen. Dort sammelt sie jene Erfahrungen, die dem Reiche von Nutzen sind und die Ehre unseres Hauses mehren werden. Dessen dürft Ihr Euch gewiss sein. Ich überwache ihre Fortschritte in regelmäßigen Abständen und werde Euch über alle bedeutsamen Entwicklungen unterrichten.

Was meine eigene Person betrifft, so befolge ich Euren ausdrücklichen Wunsch und übe mich unablässig in den verschiedenen Waffengattungen. Perfektion mag unerreichbar sein – doch stetiges Streben bleibt die Pflicht eines jeden Kriegers von Stand.

Eure Worte dienen mir als beständige Mahnung. Ich bemühe mich nach Kräften, eine Gemeinschaft zu finden, welche meine Fähigkeiten zu würdigen vermag. Welche Organisation sich hierfür als geeignet erweisen wird, lässt sich zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch nicht absehen.

Zwei weitere Umstände seien der Vollständigkeit halber erwähnt: Ich habe kürzlich Bekanntschaft mit den Gegebenheiten eines Kerkers gemacht. Überdies habe ich mich entschlossen, den westlichen Provinzen den Rücken zu kehren.

Es ist meine Hoffnung, dass Ihr Euch bester Gesundheit erfreut.

In pflichtschuldiger Ergebenheit,
Remnon, Sohn des Hauses
Das Herz schlug gegen den Brustkorb, breitete sich über den Hals aus und pochte irgendwo im Hinterkopf. Er konnte sich lebhaft vorstellen, wie die Mimik seines Vaters umschlägt, sobald er Satz für Satz das Schriftstück durchwandert. Gelächelt hat er ohnehin selten.

Die Gedanken und der Schrieb an die Mutter würde ihn milde stimmen, ihn beruhigen.
Geliebte Mutter,

ich hoffe, dieser Brief findet Dich bei guter Gesundheit und in Frieden.

Liv ist wohlbehalten angekommen, doch Deine mütterliche Sorge sollte sich bewahrheiten. Sie ist nicht nach Rahal gereist, wie ursprünglich geplant, sondern bereits zuvor in Bajard von Bord gegangen – einem schlichten Fischerdorf, das weder dem alatarischen Reich noch den hiesigen östlichen Reichen angehört, welche mehrheitlich dem Temora-Glauben folgen. Von dort aus führte ihr Weg sie weiter nach Adoran, einer Stadt im Herzen jener östlichen Lande.

Du kennst mich, Mutter, und Du weißt, dass ich mich unverzüglich auf den Weg gemacht habe, als ich davon erfuhr. Doch ich muss Dir gestehen – und es fällt mir nicht leicht, diese Worte niederzuschreiben –, dass ich von Gefühlen überwältigt wurde, die mir sonst fremd sind. Mein Beschützerinstinkt für unsere Kleine brach mit solcher Macht hervor, dass ich jede Besonnenheit verlor. Ich ließ mich zu unüberlegten Handlungen hinreißen, wurde von vernünftigeren Männern überwältigt und fand mich schließlich im Kerker wieder.

Ich weiß, wie seltsam dies klingen mag, wenn Du diese Zeilen liest. Es ist nicht meine Art. Doch ich bitte Dich, mir zu glauben.

Nachdem ich wieder auf freien Fuß gesetzt wurde, haben Liv und ich uns in Bajard getroffen, und wir konnten endlich in Ruhe miteinander sprechen. Mutter, ich kann Dir nicht sagen, warum sie diesen Weg gewählt hat – vielleicht versteht sie es selbst noch nicht vollständig. Doch ich kann Dir versichern, dass es ihr gut geht. Mehr noch: Sie scheint sich dort wohl zu fühlen und baut sich womöglich sogar eine Zukunft auf, während ich selbst noch immer nicht weiß, wohin mein eigener Pfad mich führen wird.

Ich habe dem Westen den Rücken gekehrt und lebe nun in Bajard - in neutraler Position, ohne zu wissen, welche Richtung ich als nächstes einschlagen werde. Vater habe ich von alledem bereits in Kenntnis gesetzt. Sollte seine Stimmung in den kommenden Tagen und Wochen... angespannt sein, so weißt Du nun, weshalb.

Ich denke oft an Dich und an unser Zuhause.
Grüße mir die anderen Geschwister.
Ich vermisse alle.

In Liebe und Dankbarkeit,
Dein Sohn Remnon
Trotz der ganzen Waffenübungen über den Tag hinweg, hat ihn das am meisten Kraft gekostet. Es wurden Ressourcen verbraucht, die nicht in dem Maße vorhanden waren, wie er es sich ausgemalt hatte. Immerhin hatte er beide fertiggestellt und würde sie gleich morgen früh in die Heimat schicken.

Kaum hatte er sich aufdrückt, warf er sich zwei Schritt weiter entfernt auf das Bett. Die Stiefel löste er, ohne hierfür Hände benutzen zu müssen. Gedanken und Ideen malten Bilder an die Zimmerdecke, während er sich treiben ließ. Anfangs in der Hoffnung so rasch seinen Schlaf zu finden, doch nach zwei Stunden Kopftheater schließlich verzweifelt.

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Re: Normalität schmeckt nach Eisen

Verfasst: Donnerstag 27. November 2025, 18:26
von Liv Kormin
Vor vielen Jahren

„Rasmus ist ein Verräter. Er wird nicht mehr mit uns essen.“

Livs Vater saß am Tisch und hielt ein altes Pergament in der Hand, dessen Oberfläche im flackernden Licht erkennen ließ, dass darauf nicht viel stand. Zwei Sätze, vielleicht drei – Worte, die im nächsten Moment bereits in seiner Faust zerknitterten und im hohen Bogen in die Flammen flogen, die wenige Meter weiter im Kamin loderten.
Liv schwieg. Sie fragte sich zwar, ob sich diese Strafe nur auf den heutigen Abend bezog, auf die nächste Woche oder gar den nächsten Mond, doch sie stellte die Frage nicht. Stattdessen wanderte ihr Blick immer wieder aus dem Augenwinkel zu ihrer Mutter, die das Stück Fleisch mit Messer und Gabel in so winzige Teile zerlegte, dass sie es ebenso gut durch einen Fleischwolf hätte drehen können.

„Was hat er getan?“ Remnons Stimme durchbrach das Kratzen der Bestecke. Eine Frage, die er schon so oft gestellt hatte, als läge jedes Fehlverhalten in seiner Verantwortung, als sei er bereit, jede Strafe eigenhändig zu vollziehen. Für Nichtigkeiten – es waren immer Nichtigkeiten.
Doch Liv wusste es besser. Er fragte nicht, um zu strafen. Er fragte, weil er wusste, dass seine Rüge milder ausfallen würde als die ihres Vaters. Und so war er stets bemüht, dem Vater ein Stück Verantwortung abzunehmen, bevor dieser zuschlug – mit Worten oder Schlimmerem.

„Er hat seine Sachen gepackt und ist weg. Er hat sich gegen uns gestellt, gegen unser Haus, gegen Alatar. Schwäche ist der Tod jedes Lebens.“ Das Schneiden ihrer Mutter nahm kein Ende. Irgendwann war das Fleisch so zerteilt, dass sie bei den Kartoffeln weitermachen musste. Kein einziger Bissen fand den Weg in ihren Mund. Das Ganze wirkte eher apathisch, fast ungesund. Ein Anblick, der Liv unruhig machte und ihren Blick zu Remnon wandern ließ.

Er saß angespannt auf seinem Stuhl, die Kiefermuskeln hart, die rechte Hand auf dem Tisch zu einer Faust geballt. Er war derjenige, der sofort aufspringen würde – bereit, dem Vater auf sein gesatteltes und beladenes Pferd zu folgen, bereit, jede Loyalität zu beweisen. Familientreue war im Hause Kormin heilig, und sie zogen ihn wie ein unsichtbarer Strick zusammen. Liv verstand nicht immer, wie die beiden funktionieren konnten – Vater und Sohn –, doch sie wusste nur zu gut, wie dieses Haus an den Gedanken nagte, wie es im Inneren fraß wie Feuchtigkeit im Holz.

Langsam hob sie die rechte Hand und legte sie auf den Unterarm ihrer Mutter. Der Schnittfluss kam zum Stillstand. Auf dem Teller war kaum noch zu erkennen, was einmal Fleisch und was Kartoffel gewesen war. Es war keine liebevolle Geste. Kein Trost. Sie wollte lediglich, dass dieses kratzende, nervenzermürbende Geräusch über dem Porzellan endlich endete.

Remnon warf Liv einen flüchtigen Blick zu – stumm, denn mit ihr wurde am Tisch nie gesprochen. Dennoch lagen in diesem stummen Austausch tausend unausgesprochene Silben. Ein Versprechen, eine Meinung, ein Gefühl, das keiner von beiden aussprach.
Doch Liv wusste: Dieses Mal schwammen sie nicht auf derselben Welle. Während in ihm Empörung brodelte, war es bei ihr Neid, der bitter in ihrer Kehle aufstieg. Rasmus hatte das getan, wovon sie heimlich träumte. Aber Liv war kein Vogel. Sie konnte nicht fliegen. Sie konnte nicht einmal schnell laufen.

Als sie ihre Hand wieder von dem Unterarm ihrer Mutter löste, schob sie das Essen auf die Gabel und führte es zum Mund. Ihr rechter Mundwinkel zuckte – aus Überraschung, fast aus Unglauben. Nie hätte sie gedacht, dass sie das überhaupt essen würde.
Aber sie hätte auch nie gedacht, dass Rasmus den Sprung von der Planke wagte. Dass er lieber von Haien gefressen werden wollte, als in einer Meuterei unterzugehen. Doch Liv konnte so wenig schwimmen, wie sie fliegen konnte. Also blieb ihr nur, mit den Klingen an jeder Ecke zu leben – und mit der Kartoffel auf ihrem Teller, die sie nun aufspießte und anhob.

Schwäche war der Tod jedes Lebens.

Re: Normalität schmeckt nach Eisen

Verfasst: Donnerstag 4. Dezember 2025, 21:49
von Rasmus Kormin
Vor vielen Jahren

Rasmus war etwa zehn Jahre alt, als er endgültig begriff, dass all die Kindergeschichten über Monster nicht bloß Warnungen oder Gute-Nacht-Märchen waren. Für andere Kinder endeten sie mit dem Schließen eines Buches. Für ihn begannen sie erst dann. Das Anwesen der Kormins, verborgen zwischen den Bäumen von Baerweid, war bei Tag nichts weiter als ein altes, vornehmes Haus, das schweigend über der Landschaft thronte. Doch sobald die Sonne sich neigte, veränderte es sich und mit ihm seine Bewohner.

Am Tage wirkte sein Bruder Remnon wie ein Abbild des gemeinsamen Vaters: steifer Rücken, der Blick gesenkt, als wäre er von einem unsichtbaren Band an die strenge Hand Eamons gebunden. Er sprach ernst, fast zu streng für einen Jungen seines Alters, und jeder Satz war wie ein sauber gezogener Schnitt – präzise, kalt, gehorsam. Doch sobald die Nacht über die Ländereien kroch, verwandelte er sich. Dann schlich er in Rasmus’ Kammer, setzte sich zu ihm und erzählte Geschichten, die viel zu warm für die Wände des Hauses waren. Er lachte leise, klang wieder wie ein Bruder, der beschützte statt zu verurteilen, und strubbelte ihm durchs Haar, bis Rasmus glaubte, die Mauern selbst würden für einen Augenblick weicher werden. Niemand sonst durfte Remnon so sehen. Am Morgen verschwanden diese Nächte aus seinem Gesicht, als hätte der Tag sie aufgefressen.

Die kleine Liv war ein anderes Wesen – ein stiller Schatten, der mehr glitt als ging. Sie wirkte, als würde sie kaum den Boden berühren, wenn sie durch die endlosen Korridore schwebte. Manchmal hörte Rasmus ein leises Schluchzen, obwohl er sie nicht sah; ein dünner Faden von Traurigkeit, der durch die Flure wehte wie ein kalter Luftzug. Liv sprach selten, doch manchmal, wenn sie für einen Moment neben ihm stand, die Finger um den Zipfel seines Hemdärmels gekrümmt, hatte er das Gefühl, sie bestünde aus etwas Zerbrechlichem, das bei einem zu lauten Wort verschwinden könnte. In diesen Augenblicken war sie weniger ein Mensch als viel mehr ein Geist, der im Haus gefangen war, weil niemand die Tür öffnete.

Seine Mutter dagegen bewegte sich mit der Schwere einer Marmorstatue, die jemand heimlich zum Leben erweckt hatte. Ihre Hände waren steif, als seien sie aus Stein, und ihre Augen flackerten nur, wenn sie sicher war, dass niemand sie beobachtete. Wenn sie ihn ansah, schien sie eine Sekunde lang lebendig zu werden, doch sofort erstarb jede Regung wieder wie ein Funke, den man zwischen den Fingern erstickte. Sie sprach wenig und nie ohne Grund. Ihre Berührungen waren selten, und wenn sie ihn an der Schulter fasste, fühlte es sich an, als würde ein steinerner Griff sich durch sein Hemd schneiden. Rasmus konnte sich kaum erinnern, wann sie zuletzt gelächelt hatte – vielleicht bevor dieses Haus sie verschluckt hatte.

Dann war da Eamon, der Patriarch. Er war nicht das kindliche Monster mit Klauen oder Hörnern, das man in Büchern findet. Er war schlimmer, weil er echt war und weil niemand sonst ihn als das erkannte, was Rasmus in ihm sah. Seine Schritte waren gleichmäßig, seine Stimme ruhig wie die eines Lehrmeisters, der seine Schüler zur Ordnung rief – doch dahinter lauerte etwas Kaltes, etwas, das selbst das Licht zu scheuen schien. Immer wenn seine Augen über den kleinen Rotschopf glitten, fühlte Rasmus sich kleiner als der Staub, der im Sonnenlicht tanzte. Es gab Momente, in denen er dachte, das Haus selbst wäre nur ein Werkzeug, welches Eamon benutzte, um seine Stimme in jeden Raum und jedes Herz zu tragen.

Das Haus war voller Monster. Nicht solche, die nachts aus Schränken krochen, sondern solche, die am Tisch saßen, in kreisenden Gedanken gefangen waren oder von jedem neuen Tag, dem Gewicht ihrer eigenen Pflicht, zu neuen Gestalten verzerrt wurden. Doch Rasmus wusste inzwischen: Er selbst gehörte nicht zu ihnen. Noch nicht. Und so hielt er fest an jenen wenigen Stunden, in denen sein Bruder Wärme zeigte, seine Schwester nicht verschwand und seine Mutter vielleicht noch ein Mensch war.

Er wusste bereits damals, dass er eines Tages fortlaufen würde. Dass seine Beine ihn schneller tragen mussten, als das Haus ihn halten konnte. Doch bis dahin blieb er – als Junge zwischen Monstern, der sich weigerte, einer von ihnen zu werden, und der jeden Atemzug nutzte, um sich selbst daran zu erinnern, wer er war.

Und vielleicht, so hoffte er, würde diese Sturheit reichen. Um zu Überleben. Um zu Entkommen.

Re: Normalität schmeckt nach Eisen

Verfasst: Mittwoch 10. Dezember 2025, 23:27
von Remnon Kormin
Vor vielen Jahren

Die dunkle Winternacht hatte die Räume und Gänge des Anwesens nicht nur in fühlbare Kälte gehüllt, sondern auch für das Auge in Grau und kaltes Blau getaucht. Durch manch undichten Verschlag pfiff der Wind und trieb das Draußen gnadenlos bis in die Glieder. Die Kormin-Kinder konnten das noch besser wegstecken, während die Erwachsenen sich bereits in den frühen Abendstunden zu Bett begaben. Doch das Haus war kaum leiser geworden – die Stille war trügerisch, angespannt.

Dem Haus war Lautsein unerwünscht.

Liv hatte an diesem Morgen einen ihrer Milchzähne verloren, und jetzt klaffte an ihrer Front – aufgrund anderer fehlender Zähne – eine so große Lücke, dass man mit dem Zeigefinger direkt hätte hineinbohren können. Das hatte Remnon zwar niemals getan, aber er hatte es sich oft vorgestellt. Zum Glück konnte er diese innere Stimme überhören – etwas, wofür er dem Vater dankbar sein konnte. Die Selbstkontrolle war eine Kormin-Fähigkeit, die beigebracht werden musste. Der Vater sollte eigentlich das beste Vorbild dafür sein, doch an diesem Abend war es ihm nicht gelungen. Er hatte seine Wut vor allem an den Kleineren ausgelassen. Die schlechte Laune hatte er bereits von draußen mitgebracht, nachdem er einem Würdenträger der Region begegnet war. Beide waren einander zutiefst unsympathisch und hätten sich am liebsten gegenseitig einen Dolch in den Bauch gerammt.

Remnon selbst hatte in den letzten Wochenläufen und Tagen alles richtig gemacht. Der Liebling zu sein hatte seine Vorteile – keine Rüge, ein voller Teller, nachts die Zimmerlampe länger anlassen dürfen. Auch heute war das so, trotz der finsteren Laune des Familienoberhauptes. Liv dagegen ließ den Kopf hängen, das Kinn auf der Brust. Sie zittert, als wolle sie weinen.

Dem Haus war Weinen unerwünscht.

Wie die Mäuse, die von den Hauskatzen gejagt wurden, schlichen auch nachts die Kinderfüße durch das Haus. In der Dunkelheit konnte man sich verstecken und die Gesichter zeigen, die tagsüber nicht geduldet waren. So war Remnon nicht mehr der lernwillige und fügsame Sprössling, sondern tatsächlich ein großer Bruder. Klopfen durfte er nicht, also schob er vorsichtig und leise die Tür zur kleinen Schwester auf.

Die Geräusche waren unverkennbar. Er fand die Kleine zusammengekauert auf dem Bett vor, das Kissen über den Kopf gestülpt. Ein Sammelsurium von Schluchzen, Wimmern, Rotz und Tränen. Doch er legte ihr keine Hand auf, drückte sie nicht, sah sie nicht an. Stattdessen werkelte er still. Er hob den Stuhl an, schob ihn herum. Einen zweiten hatte er aus dem eigenen Zimmer mitgebracht. Dann wurde ein Laken gespannt und diverse Kissen auf dem Boden ausgebreitet.

Spätestens da verstummten die Geräusche. Livs Kopf kam unter dem Kissen hervor, und ihr Augenpaar beobachtete neugierig, was der Bruder da tat. Den Lippen entwich nur ein verwundertes: "Nom nom?". In diesem Moment war die Burg auch schon fertig – die schlichte Konstruktion wurde vom Mondschein in ein erhabenes, magisches Licht gehüllt. Es fühlte sich richtig so an.

Das Lächeln kehrte auf ihr Gesicht zurück, auch wenn es dort nur kurz weilte. Der kleine Leib schob sich im Nachthemdchen vom Bett, und die Decke wurde samt einiger Kissen mitgezogen. Der Palast aus Kissen wurde weiter ausgebaut, die Mauer mit einer weiteren Decke verstärkt. Die dickste Decke nahmen sie, um sich darin einzuwickeln und gemeinsam zum Fenster hinauszuschauen. Sie sprachen nicht, und vermutlich malte sich jeder seine eigene Geschichte aus – von Helden und Drachen, von wunderschönen Kleidern und fernen Ländern...

Dann stand auch Rasmus in der Tür: ein Kissen unter dem linken Arm, eine Decke über den Schultern, ein Stuhl zu seiner rechten Seite.

Dem Haus war Trauer unerwünscht.

Re: Normalität schmeckt nach Eisen

Verfasst: Donnerstag 11. Dezember 2025, 17:47
von Liv Kormin
Heute

„Wieso kommst du allein zurück?“
Rasmus ließ die Hände sinken, nachdem er einige Blätter aus dem Gestrüpp gelöst hatte, um sie in einen Mörser zu werfen. Sie konnte nicht einmal deuten, was für Kräuter es waren. In diesem Moment hätte sie nicht einmal sagen können, welche Farbe das Hemd hatte, das er trug – obwohl sie es ihm vermutlich selbst genäht hatte. Ihr Blick war fahrig und müde. Die Muskeln fühlten sich taub an, und ihre Seele zeigte ähnliche Erscheinungen, als wäre sie ebenfalls Seile und Wände hinaufgeklettert, nur um anschließend wie ein Sack hinabzufallen.

Liv warf Rasmus einen Blick zu. Ein Ausdruck, den er kannte, auch wenn er ihn wohl über ein Jahrzehnt nicht gesehen hatte. Es war derselbe Ausdruck, den sie zeigte, wenn sie von einer Unterredung mit dem Vater zurückkam. Mimik und Gestik, die klar machten, dass sie in diesem Moment nicht bereit für ein Gespräch war – ein Umstand, den er verstand und nicht hinterfragte. So griff er wieder nach dem Mörser, während sie sich die Stufen hinaufschleppte und sich fragte, ob ihre Beine die letzte Stufe überhaupt noch schaffen würden.

Vor vielen Jahren

„Hast du alles?“
Liv stand in der Tür und beobachtete Remnon, der die letzten Dinge in seinen Seesack packte. Der Beutel wies kaum Gebrauchsspuren auf; Remnon brauchte nie viel zum Leben. Und doch wirkte es in diesem Moment, als wäre es nicht genug.

Nicht ungenügend hingegen war der Kraftaufwand, mit dem er versuchte, den Beutel zu verschließen. Einen Moment lang nahm sie an, er hätte sich durch den Ruck die Handinnenflächen aufgeschürft. Doch der nächste Blick belehrte sie eines Besseren. Auf ihre Frage antwortete er nicht, obwohl er ihr einen kurzen Seitenblick zuwarf, der ihr zeigte, dass er sie gehört hatte. Manchmal sprachen sie tagelang nicht, und doch reichte ein Blick zur Kommunikation. Eine Angewohnheit, die sie in diese Beziehung hineinbrachte. Es gab so viele Tage, an denen sie keinen Laut mehr von sich geben wollte. Sie wollte unsichtbar sein und ungehört – etwas, das keiner ihrer Brüder jemals bemängelt hatte. Sie alle hatten ihre Eigenheiten und Seltsamkeiten, und sie wurden bedingungslos akzeptiert. Zumindest untereinander.

Als Remnon an ihr vorbeiging und sich den Seesack über die rechte Schulter warf, wirkte er gehetzt. Als wartete irgendwo eine Kutsche auf ihn, ein Schiff, das er noch erreichen musste. Doch dem war nicht so. Es gab keine Eile. Keine Hektik. Und dennoch musste er sich beeilen, denn würde er es nicht tun, könnte er sich umentscheiden. Darüber hatten sie nie gesprochen. Doch sie wusste es. Also folgte sie ihm einfach – die Treppen hinab, in den Flur, wo ihre Mutter bereits zusammengesackt stand und versuchte, sich an das Weinen zu erinnern. Daneben ihr Vater, stramm und bereit, seinen Sohn zu verabschieden, und zugleich bereit für irgendeinen Krieg, den es momentan nicht gab.

„Eine bescheiden gepackte Tasche, Remnon. So ist es recht. Perfektion wird nicht durch Überfluss erreicht.“
Die rechte Hand des Älteren legte sich auf Remnons linke Schulter, während sich beide starr in die Augen sahen. Das war vermutlich das liebevollste, was Liv bis dahin von ihrem Vater gesehen hatte. Ein Bild, das jedoch sofort wieder zerfiel, als ihr die äußerliche Ähnlichkeit der beiden bewusst wurde – ein Gedanke, der ihr die Kehle zuschnürte, ohne dass sie es hätte verhindern können.

Ihre Mutter schloss Remnon in die Arme, was zur Folge hatte, dass sie in stumme Tränen ausbrach und ihn umklammerte wie ein verhungerndes Tier, das die letzte Hoffnung auf Nahrung nicht loslassen wollte.

Liv hatte die letzte Stufe nicht geschafft und war dadurch gezwungen, auf Augenhöhe stehen zu bleiben, als ihr Bruder sich zu ihr umdrehte, ohne näherzukommen. Die Nägel ihrer rechten Hand bohrten sich in das Holz des Geländers, während sich ein dünnes Lächeln auf ihr Gesicht legte. Sie weinte nicht. Sie brach nicht zusammen. Sie starrte ihm nur direkt entgegen und nickte leicht, um das Ganze mit einer einfachen Floskel zu besiegeln:

„Gute Reise, Bruder. Für Alatar.“

Remnon nickte und wandte sich ab. Dabei beobachtete sie, wie er die rechte Hand kurz zur Faust ballte und erst wieder lockerte, als die Tür bereits kurz davor war, ins Schloss zu fallen. Und als es nur noch drei Menschen im Flur waren, fühlte es sich für sie so an, als wäre mit ihm jede Wärme aus dem Haus gewichen.

Den bohrenden Blick ihres Vaters ignorierte sie, während sie endlich die Treppe überwand und sich in den hinteren Teil des Hauses zurückzog.

Nur um dort durchs Fenster zu klettern.

Ihre baren Füße zerbrachen einige Äste, als sie mit beiden Händen den Rock raffte und zu rennen begann. Ihre Lippen bewegten sich lautlos, während sie die Straßen der Stadt in Gedanken ablief: den Bäcker, den Barbier, die Heilerstube und das Gasthaus. Dann rechts, dann die Allee zum Hafen – und da war er.

„Remnon!“
Ihre Stimme hallte über die leere Straße, während sie mit schnellen Schritten auf ihn zurannte und sich dabei die Füße an Kieseln und Geäst aufschnitt. Im nächsten Moment sprang sie in seine Arme – und wurde selbst zu dem verhungernden Tier, das ihre Mutter zuvor gewesen war. Ohne Tränen, denn sie hatte irgendwann verlernt, wo man sie herholte.

Re: Normalität schmeckt nach Eisen

Verfasst: Freitag 19. Dezember 2025, 15:28
von Liv Kormin
Damals, etwa das Jahr 263

Zur Mittagszeit herrschte im Hause Kormin stets reges Treiben. Viele Leute gingen ein und aus, und nur selten verebbten die Schritte auf dem dunklen Holz. Vorräte wurden aufgefüllt, Essen vorbereitet, Zimmer geputzt, Handel begonnen oder abgeschlossen. Nur der letzte Tag der Woche war für die Familie bestimmt. Was jedoch nicht bedeutete, dass man Zeit miteinander verbrachte – es bedeutete lediglich Ruhe. Ruhe in allen Formen und Farben.

An diesem Tag, es war der zweite Tag der Woche, war es nicht ruhig. Ihr Vater hatte einige Männer geladen, um mit ihnen etwas zu besprechen, von dem sie weder wusste, worum es ging, noch es verstanden hätte. Viele dieser Männer hatten ihre Frauen mitgebracht, wodurch auch der gesamte Wohnraum vom Tratsch und oberflächlichem Austausch erfüllt war, der bei den meisten vermutlich zu einem Ohr hinein- und zum anderen gleich wieder hinauswanderte.

Liv war, gleich ob es der erste oder der letzte Tag des Wochenlaufes war, unsichtbar. Keiner redete mit ihr, und sie erweckte auch nicht den Eindruck, als suche sie nach Kommunikation. Es war sozusagen ein verbindliches Geschäft, das sie mit dem Haus und den Seelen darin geschlossen hatte. Und so ging sie an diesem Tag, an dem das Haus noch voller war als sonst, unbemerkt und stumm in die Küche, um sich ein Stück Brot zu nehmen. Es war jenes Brot, das ihr Vater am Morgen verschmäht hatte, weil es an einer Seite zu dunkel gebacken war, und von dem sie wusste, dass die Angestellten es nicht wegwerfen würden. Stattdessen schnitten sie sich selbst ein paar Scheiben ab, wenn sie Hunger hatten. Liv vermutete, dass sie das Brot daher absichtlich in unbestimmten Abständen anbrennen ließen und die Rüge dafür hinnahmen.

Als sie gerade dabei war, die Schwelle zur Küche zu übertreten, erblickte sie das Hausmädchen, das für gewöhnlich für die Betten im Haus zuständig war – ebenso wie für die Ordnung in den Zimmern, wenngleich sich darum auch noch ein paar andere kümmerten. Die wohlgeformte Frau, deren Namen Liv nicht einmal kannte, war meistens mit der Bettwäsche beschäftigt, wenn sie ihr begegnete. Heute jedoch lag ihr Fokus woanders. Ihre Wangen waren beschämt gerötet, während ihre Augen regelrechte Forderungen an das Gegenüber sandten. Sein Gesicht konnte Liv nicht sehen; er hatte ihr den Rücken zugewandt, und seine gesamte Aufmerksamkeit schien der Frau zu gelten. Während sie so viele Worte säuselte, dass einem schwindelig werden konnte, gab er keinen Ton von sich.

Liv kannte sich mit derlei Dingen nicht aus, doch wusste sie, dass sie nicht hier hätte sein sollen. Dass dieser Moment nicht für drei gemacht war. Dieser Umstand löste einen Schock in ihr aus und erzeugte das nächste Problem: Immer wenn etwas geschah, das sie überraschte, schockierte, ihr Angst machte oder in irgendeiner Form unvorhersehbar war, verfiel sie in eine Starre. Etwas, das ihr schon viele wertvolle Informationen durch die Finger hatte rinnen lassen, denn sie hatte bereits oft Dinge gehört, die sie nicht hätte hören sollen. Dinge, die ihr oder ihren Brüdern sicherlich irgendeinen Vorteil verschafft hätten. Doch bis sie dazu in der Lage war, sich wieder zu bewegen, sich umzudrehen oder gar die Situation zu verlassen, war es meist schon zu spät, und derjenige, den sie erwischt oder belauscht hatte, bemerkte sie. Was nicht verwunderlich war. Man musste keine Aufmerksamkeit aus Stahl besitzen, um sie wahrzunehmen. Die Starre war wie eine unangenehme Präsenz im Nacken.

Die Bettwäschebeauftragte bemerkte sie zuerst – oder zumindest drehte sie ihr zuerst den Kopf entgegen. Wirr und hektisch klopfte sie bereits im nächsten Moment dem Gegenüber auf Schulter und Oberarme, sodass er Abstand von ihr nehmen musste. Die Röte in ihrem Gesicht blieb, während Liv sich darauf konzentrierte, mit aktiven Regungen ihrer Finger auch wieder Bewegungsfähigkeit in den restlichen Körper zu pumpen. Gedanklich schrie sie sich bereits seit Sekunden an, dass sie sich endlich umdrehen und gehen sollte. Doch wann hatte Schreien jemals geholfen?

Der Blonde drehte nur langsam den Kopf und warf einen Blick über die Schulter. Es waren nicht die Augen eines Mannes, der ertappt worden war. Es waren Augen, die abschätzten, wie groß die Gefahr war. Augen, die berechneten, ob man kämpfen konnte oder fliehen musste. Und bevor er diese Entscheidung hätte treffen können, kam wieder Leben in ihre Beine. Sie drehte sich um – ohne das Stück Brot, auf das sie sich gefreut hatte – und verschwand erneut in den Schatten der Flure. Eine normale Reaktion wäre vermutlich eine Entschuldigung gewesen oder ein seltsamer Spruch, der die Situation hätte auflockern können. Aber sie sprach in diesem Haus nie mit irgendwem, und wenn doch, dann eher mit ihrer Familie als mit denen, die ihr Vater so oft austauschte wie manch Reicher seine Kleider.

„… ich glaube, sie kann sowieso nicht sprechen.“ Die Worte hallten ihr noch über den Flur nach, wurden zum Teil vom Gewirr im Haus und dem regen Treiben auf der Straße davor verschluckt. Doch sie konnte sie hören. Und es war ein Moment, in dem sie nach langer Zeit wieder an Rasmus dachte.

Immer wenn er sie damals fragte, was sie gesehen hatte oder warum Vater dieses Mal sauer auf sie gewesen war oder weswegen sie heute nicht mit ihnen am Tisch hatte essen dürfen, sagte sie stets Dinge wie: Ich glaube, ich habe …, ich glaube, weil …, ich glaube, es … Sie konnte ihre Gedanken nur selten zu Ende bringen, denn ihr Bruder unterbrach sie stets zuvor und sagte: Liv. Glauben heißt nicht Wissen.

So war es wohl.

Glauben heißt nicht Wissen.

Re: Normalität schmeckt nach Eisen

Verfasst: Dienstag 23. Dezember 2025, 16:08
von Remnon Kormin
Heute

Nach diesem Abend hätte Remnon sich am liebsten ins Badehaus begeben und einen Zuber voll dampfenden Wassers anrichten lassen. Dort wäre er untergetaucht, bis all dies vorübergezogen wäre wie ein Unwetter in der Ferne.

Doch der Besuch bei den Geschwistern war in etwas ausgeartet, das selbst der fähigste Seher nicht hätte voraussagen können. So viele Gesichter der alten Heimat, versammelt auf einem Haufen. Sie alle hatten hergefunden, ganz wie Rasmus es prophezeit hatte. Wie naiv war er doch gewesen, sich in Sicherheit zu wiegen – in dem törichten Glauben, er würde schon damit fertig werden, sollte Vater nach ihnen suchen. Nun hatte er zumindest Gewissheit, dank Roric: Vater stieß vor Zorn Feuer aus allen Löchern und würde bald alles daransetzen, seine Tochter zurückzuholen, Rasmus leiden zu lassen und ihn, Remnon, in die nächste Anstalt zu stecken, wo man ihm Disziplin und Loyalität einbläuen würde.

Jahrzehnt um Jahrzehnt hatte er zu diesem Mann aufgeschaut und ihn als greifbares Götzenbild von Stärke, Macht und Weisheit verehrt. Jeden Wunsch hatte er ihm von den Lippen abgelesen, keine Order je hinterfragt. Nun war nichts mehr davon übrig. Es blieb nur noch ein Sammelsurium aus Abneigung, Enttäuschung und bitterem Hass. Diese Familie, die nun unter seiner Obhut stand, würde nicht mehr gen Westen zurückkehren – und schon gar nicht nach Weidenheim. Jenes Kapitel war abgeschlossen, und der Schlüssel dazu zerstört.

Nach all dem Tumult und dem Abschied von Liv setzte er sich vor ihrem Haus auf die steinerne Stufe, lehnte sein Schwert gegen das rechte Bein und umschloss den Teebecher mit beiden Händen. Davon würde es in dieser Nacht noch mehr geben. Von hier aus hatte er auch Rasmus' Haus und dessen Eingang im Blick. Hier würde er seine Runden drehen, um den Winter zu bekämpfen, der ihm rot und fleckig ins Antlitz blies und durch die Kleider bis in die Glieder kroch.

Feilscher hatte seine Geschichte erzählt – von dem liegengebliebenen Wagen und der Suche nach Arbeit und Unterkunft. Remnon hegte nichts gegen ihn, kannte ihn aber auch nicht wahrhaft. Das Gesicht hatte er ohne die Erklärung des Genannten ohnehin nicht zuordnen können. Er würde ihn im Auge behalten, doch vorerst stellte er keine offenkundige Gefahr dar.

Roric hatte zu den übrigen Geschwistern gefunden. Als er sich verabschiedete, traf es Remnon kalt zwischen die Schulterblätter. Der bloße Gedanke, dass ein Halbbruder – ein Bastard – überhaupt in dieser Welt weilte, schmerzte bereits genug. Doch dass dieses Gesicht nun auch noch beständig in seiner unmittelbaren Nähe auftauchen würde, trieb ihm den Puls in die Höhe. Dieser Mann würde in seinen Augen stets der schmächtige Bursche bleiben, der im Schatten Größerer stand und sich hinterrücks seinen Anteil nahm. Ihn würde er noch schärfer beobachten als Feilscher. Immerhin aber gab er Kunde preis, die glaubhaft schien – genug, um sich Sorgen zu machen.

Lu trat auf, wie er sie aus früheren Jahren kannte. Eine Cousine, die man sich wahrlich nicht wünschte, mit mehr Vermögen, Unheil anzurichten, als manch erklärter Feind. Sie hatte ihre Eigenheiten, doch war sie ihm stets sympathisch gewesen. Man wusste, woran man bei ihr war, und den Kindern der Eamons gegenüber hatte sie sich immer loyal gezeigt – selbst dann, wenn alle Mist gebaut hatten und sie dafür einstecken musste. Einzig wegen der ganzen Sauferei sollte er auch dort ein wachsames Auge haben.


Als im Wachdienst des Militärs für gewöhnlich der Schichtwechsel angestanden hätte, erhob sich Remnon, um abermals ins Haus zu treten und sich frischen Tee zu bereiten. Er hatte aufgehört zu zählen, wie oft er zwischen Rasmus' und Livs Haus hin und her gestapft war, sich Tee eingeschenkt und davon pissen müssen hatte. Eine Sache jedoch beruhigte ihn und ließ ihn nicht in Einsamkeit versauern:

Bei Rasmus brannte noch immer Licht.

Bild

Halb

Verfasst: Sonntag 28. Dezember 2025, 22:22
von Roric Kormin
Damals

Die ersten Jahre lebte Roric sehr abgeschottet bei seiner Mutter Thelma am Dorf tief in der Provinz Weidenheim. Das Steinhäuschen mit der dunklen Stube und vorallem der Innenhof mit seinen hohen Mauern blieb ihm tief in der Erinnerung eingebrannt. Dort lernte er gehen und sprechen, dann auch lesen und zählen, ebenso wie die Gebote des All-Einen auswendig aufzusagen. Dort gab es sogar Momente glücklichen Spielens, die Thelma gegen alle Widrigkeiten ertrotzte. Doch ewig konnte sie die kleine, heile Welt nicht halten…

Eines Tages zog sie dem Kind besonders feines Gewand an und bestieg mit ihm eine Kutsche nach Bärweid. Das Ruckeln des Gefährts und die geflüsterten Worte der Mutter ließen Roric ganz aufgeregt werden: er würde seinen Vater treffen! Ein wichtiger Mann in einem großen Haus. Und da gäbe es auch Kinder.
Sei gehorsam. Sei artig.
Antworte nur, wenn man dich etwas fragt.
Mach dich nützlich.


Als sie mit abgeklopften Kleidern und einem kargen Köfferchen vor dem herrschaftlichen Haus Eamon Kormins standen, konnten sich Rorics Augen an dem Anblick nicht sattsehen, doch bemerkte er nichts vom dem eisigen Hauch, der den beiden entgegenschlug.
Die Mutter platzierte ihn am Tisch des prächtigen Hofes und verschwand mit Eamon in der Schreibstube, um etwas zu besprechen. Bald kam eine Bedienstete und brachte ihm ein kleines Käsebrot und Traubensaft. Von den angeblichen Kindern keine Spur. Bedächtig kaute Roric am Brot und ließ die schilfgrünen Augen über den blühenden Garten und die Arkadengänge des Hofes gleiten. Beim aufmerksamen Beobachten entging ihm keine Bewegung. Da pickte ein Vogel in der Tränke herum und flog wieder fort. Dort wackelte ein Halm, als ein Käfer ihn zu erklimmen versuchte. Und da… hatte da nicht ein Vorhang geflattert, als wäre eben jemand vom Fenster verschwunden? Es reizte ihn sehr, aufzuspringen und nachzusehen. Doch Mutters Geflüster hallte in seinen Ohren.
Sei artig, Roric.

Was hinter verschlossenen Türen gesprochen wurde, fand er erst Jahre später heraus.
Eamon präsentierte seiner entfernten Cousine Thelma seinen Plan für das ungeplante, gemeinsame Kind. Nun war es einmal geschehen und es sollte das beste daraus gemacht werden. Roric würde einige Zeit in Eamons Haus verbringen, mit den vollwertigen Kindern lernen, beten und speisen. Er bekam eine Chance, sich zu beweisen. So sollte sich entscheiden, ob er ein echter Kormin werden und eine fundierte Ausbildung erhalten würde. Diese Zeit begann sofort und Thelma müsste sich nach dem Essen sofort verabschieden. Natürlich fügte sich die Cousine ohne Widerworte.
Damals nahm sie ihn nur stumm, aber innig in den Arm, ehe sie die Kutsche nach Hause bestieg. Eine Träne sickerte in das dunkle Haar.

Den Kindern des Hauses wurde Roric zunächst als Sohn der Cousine vorgestellt und der Umgang untereinander war kein allzu schlechter. Sie lernten zusammen Hierarchie, Gesetz und Glaubenskunde, ebenso wie das Fechten und Reiten, und fanden auch eine gewisse Zusammengehörigkeit. Roric bemühte sich, zu gehorchen und jeden Auftrag zur Zufriedenheit auszuführen, doch blieb er, was Körperliches betraf, stets hinter den Halbbrüdern zurück. Seine zierlichere Gestalt erlaubte ihm keine solch harten Hiebe wie die der Halbbrüder und sein schwaches Knie ließ ihn beim Laufen stets einige Schritte zurückbleiben, so sehr er sich auch plagte. Zusätzlich zu der Enttäuschung, die er für Eamon zwangsläufig darstellen musste, wurden ihm - ganz genauso wie allen Mitgliedern des Haushaltes - für jeden kleinen Fehltritt Strafen zuteil. Mit der Zeit fühlte er sich geringer geschätzt als Vaters Jagdhunde. Mit der Zeit bohrte der Frust in seinen Gedanken, nagte der Neid an seinem Herzen.

~~~

Es läutet zur achten Abendstunde.
Die Messe im Tempel beginnt. Die Kormins schreiten der Reihe nach durch die Tore und ein jeder geht mit dem Gesicht zum Altar gerichtet auf die Knie, ehe sich alle in einer Sitzreihe auffädeln. Auf die Kormins wird stets geschaut. Alle rötlichen Köpfe sitzen gerade, alle grünen Augen richten sich auf die Templer am Altar. Seit einiger Zeit ist ein neuer kleinerer Kopf dabei, dunkler Farbe, aber auch mit Rotschimmer und mit sumpfig grünen Augen. Es wird getuschelt. Ein Bastard. Von Eamon Kormin.
Die Glocke ertönt, der Tempel wird still, während Vicarii Kerzen vor den Steinaltar tragen. Dann folgt ein Sermon des Tetrarchen. In dieser geschlagenen halben Stunde ruhig und geduldig zu bleiben ist naturgemäß besonders schwierig für Kinder. Als der tattrige Templer endlich endet, ist Rorics Fokus allerdings wieder da. Alle erheben die Stimme zum gemeinsamen Gebet. Er spricht die Worte deutlich und klar, mit einem Auge zum Vater gerichtet, dessen Stolz ersehnend. Da fällt ihm der freche Halbbruder ins Auge. Unkonzentriert zieht dieser Grimassen in Richtung eines Freundes in der Menge. Niemand sonst scheint das Geplänkel zu bemerken. In Rorics Eifer stockt das Gebet, jedoch nicht aus Schreck, sondern um im nächsten Atemzug mit unverminderter Deutlichkeit auszurufen:
„Vater, Rasmus betet nicht richtig mit!“

Für die Bevölkerung von Bärweid ging der Gottesdienst wie üblich weiter, wenn auch kurze Blicke getauscht wurden. Doch für die Kormins zog sich die nächste Stunde wie Sülze.
Roric sah den Schreck und die Empörung der Geschwister, die Überraschung der Stiefmutter, den flüchtigen Ärger des Vaters. Er sah es eher in den Körperhaltungen als den Blicken. Er selbst senkte den Kopf, sobald der naive Eifer der Demut eines geschlagenen Hundes gewichen war, und erwartete seine Strafe spätestens daheim.
Auf dem Heimweg lag eisige Stille über den Kormins. Roric traute sich kaum, Rasmus anzusehen, jedoch erhaschte er einen Blick auf dessen Gesicht, ehe er von Eamon in die Schreibstube geführt wurde, ohne Zweifel um seine Bestrafung zu erhalten. Abscheu legte das sonst meist fröhliche Gesicht in Falten. Kleine Petze! Rasmus‘ Beschimpfung echote in seinen Ohren.
Der Vater hingegen tat etwas Seltenes: er nickte Roric zufrieden zu. Nur leicht traf die Rute auf die Finger - die Strafe für das Lärmen im Tempel. Ein Unterschied, den der Bastard nie vergaß.

Re: Normalität schmeckt nach Eisen

Verfasst: Mittwoch 31. Dezember 2025, 13:43
von Rasmus Kormin
Sommer 255

Vier Monate auf der Straße hatten Rasmus ausgezehrt und seinen Körper geschunden, aber seinen Stolz nicht brechen können. Sein Körper war hager geworden, die Wangen eingefallen, die rostrote Haarfarbe stumpf von Straßenstaub und Regen. Seine einst edle Kleidung hing ihm zu locker am Leib, mehrfach geflickt, an vielen Stellen zerrissen. Doch hinter den moosgrünen Augen brannte noch immer etwas; steter Trotz, der sich weigerte, den Kopf zu senken, selbst wenn der Magen krampfte und die Füße bei jedem Schritt schmerzten. In den vergangenen Wochen hatte er es, mal aus eigener Kraft, mal als Mitfahrer auf diversen Wägelchen und Postkutschen, zuletzt gar auf einer Fähre, bis in die Grenzprovinz Shevanor geschafft. Diese Insel des alatarischen Reichs war schön auf eine melancholische Art und Weise. Üppige Hügel zogen sich bis zum Horizont, durchbrochen von alten Steinmauern und den Ruinen längst vergessener Wachposten. Reben rankten sich über alles, als wollten sie das Land zurückholen, und der Wind trug den süßen, schweren Geruch von Most und Meer heran. Sein Ziel war die Nordküste von Shevanor, wo angeblich in tiefen Nächten geheime Boote ablegten, um Waren und Menschen aus dem Griff Alatariens zu befreien. Doch gerade an jener Küste, dort wo Rasmus passieren musste, lag die eiserne Präsenz der ansässigen Legion über allem. Banner flatterten auf Anhöhen, Patrouillen schnitten durch die Wege, und jeder Fremde war ein potenzieller Verdacht, den es zu kontrollieren galt. Schlechte Voraussetzungen für den Zweitgeborenen des Hauses Kormin, denn er hegte keinerlei Zweifel daran, dass sein Vater inzwischen viele mögliche Hebel in Bewegung gesetzt hatte, um ihn wieder in jenem vermaledeiten Haus einzukerkern.

Er erinnerte sich kaum, wie er es an jenem folgenschweren Abend unbehelligt bis zum “Rostigen Eber” geschafft hatte. Die Spelunke lag tief geduckt an der Straße, als schämte sie sich für ihre Existenz. Ein schiefer Holzbalken trug ein verblasstes Schild, das einmal einen Eberkopf gezeigt haben mochte. Drinnen war es warm auf eine widerliche Art und Weise, stickig und laut. Rauch hing schwer unter der niedrigen Decke, und der Geruch von saurem Wein, Schweiß und gebratenem Fett legte sich wie ein Film auf die Haut. Trotzdem, Rasmus trat ein und zwang sich, nicht zu zögern. Zögern fiel auf. Er hielt den Blick gesenkt und wählte einen Platz nahe der Wand, wo Schatten seine Präsenz vielleicht verschlucken würden. Die wenigen Münzen in seiner Tasche fühlten sich an wie ein lebendiger Rettungsanker; klein, kostbar, doch unzureichend. Er wusste, dass sie kaum für ein ordentliches Essen reichen würden, geschweige denn für eine Nacht. Eine recht aufmerksame Schankmaid musterte ihn mit einem Blick, dem die Schatten seiner dunklen Ecke nicht standhalten konnten, Augen, die alles sahen: den Hunger, die Müdigkeit, die vorsichtige Art, mit der er sich bewegte. Sie sagte nichts, stellte ihm jedoch ein Becherchen dünnen Weins hin…nachdem er zögernd eine Münze auf den Tisch gelegt hatte. Egal wie ärmlich er wirkte, niemand hier konnte sich leisten, Geschenke zu machen.

Rasmus trank das Gebräu langsam, während er den ungewaschenen Horden lauschte. Händlerstimmen, raue Lacher, das dumpfe Klirren von Würfeln. Zwei Legionäre saßen unweit der Tür, ihre Schwerter abgelegt, doch nie ganz außer Reichweite. Der Rotschopf hielt den Rücken rund und bucklig, machte sich klein, die Kapuze seines zerschlissenen Umhangs tief ins Gesicht gezogen. Es lag nicht in seiner Natur, doch er wusste, wie man unsichtbar werden konnte. Die meisten Bewohner seines ehemaligen Zuhauses lernten diese Kunst schnell, auch wenn kaum jemand sie so sehr perfektionierte, wie seine Schwester Liv.
Während sein verstohlener Blick durch den Raum wanderte, begegnete er plötzlich einem anderen Augenpaar und sein Herz setzte für einen Moment aus, aufgrund der Furcht entdeckt worden zu sein. Es war ein Mann am Nachbartisch, der ihn ansah, allerdings ohne dass es wie unangenehmes Starren wirkte. Der Fremde war gutaussehend auf eine unaufdringliche Weise, dunkles Haar, ein stoppeliger Bart, ein draufgängerisches Lächeln, das weich genug war, um Vertrauen zu wecken. Seine Kleidung war an Stellen bedeckt mit Ruß, aber ansonsten nicht übermäßig auffällig. Jemand der scheinbar wusste, wie man sich anpasste um gleichzeitig aus der Meute herauszustechen.
„Schlechter Tag?“ fragte der Mann leise, den Oberkörper ein wenig in Rasmus’ Richtung gebeugt. Der Kormin jedoch zögerte, bevor er nickte. Worte kosteten Kraft und Vertrauen. Von beidem hatte er im Moment nur wenig zu bieten. Der Kerl stellte sich als Andres vor, sprach ruhig und mit tiefer Stimme, stellte wenige Fragen. Ein einfaches Gespräch, in dem es kaum versteckte Fallen zu geben schien, die es zu umschiffen galt. Rasmus bemerkte, wie sich etwas in ihm entspannte, ein Knoten im Hinterkopf und in seinen Gedanken, den er seit Monaten mit sich trug. Als Andres beiläufig erwähnte, ein Zimmer im Obergeschoss gemietet zu haben, stockte sein Herz ein weiteres Mal, diesmal jedoch mit einem Nachhall von Aufregung und Abenteuer. Jenes…Angebot…kam vorsichtig, beinahe schamhaft. Eine Nacht. Gesellschaft. Kein Geld. Nur Wärme, Nähe und insgeheim eine Gelegenheit für Rasmus, ein Dach über dem Kopf zu haben. Er nahm an.

Später, im schmalen Zimmer über der Schankstube, fühlte sich alles unwirklich an. Ein Funken von Freiheit, gefunden in einer heruntergekommenen Kammer. Der Boden knarrte leise, das Bett roch unbekannt. Als Andres ihn berührte, war es nicht fordernd, nicht brutal. Es war das erste Mal, dass Rasmus diese Seite von sich wirklich zuließ, ohne Angst vor Strafe, ohne das Echo der Stimme seines Vaters im Kopf. Für einen kurzen, kostbaren Moment war er einfach ein junger Mann, lebendig und gewollt. Später schlief er ein, mit einem Gefühl von Hoffnung und Zukunft auf der verschwitzten Haut.
Das darauffolgende Erwachen kam jedoch recht bald, zuerst als Kratzen in der Kehle, ehe der nächste eigene Luftzug vollständig ausblieb. Ein Druck lag auf seinem Hals, warm und knöchern. Hände ohne Zärtlichkeit. Rasmus riss die Augen auf, sah Andres Gesicht im schwachen Restlicht der Tavernenstube; kalt, konzentriert, fremd. Keine Wut. Kein Mitleid. Panik explodierte in der Tiefe seines Brustkorbes, doch etwas anderes war schneller: altes Wissen einer militärischen Grundausbildung, mit Schlägen und Nachdruck tief in seine Knochen getrieben. Er rammte Andres ein spitzes Knie in die Seite, brach mit beiden Armen den kurz geschwächten Griff um seine Kehle, und sog keuchend die rettende Luft ein. Es war nur ein wilder Herzschlag, bevor sie beide in einem Chaos aus Nacktheit und wirbelnden Gliedmaßen vom Bett hart auf den Holzboden stürzten. Andres war stärker, trainierter, nicht geschwächt von Monaten zehrender Flucht, doch Rasmus war verzweifelt… und Verzweiflung gab ihm Kraft. Als der andere Mann ein weiteres Mal die Überhand gewann, sich wieder unerbittliche Finger um den Hals des jungen Kormins legten, ertastete sein eigener, flehender Griff etwas Hartes aus Metall. Er schlug zu und Andres sackte zusammen, als hätte ein Blitz ihn getroffen. Keine Spannung blieb mehr in der Statur seines Nahezu-Mörders zurück. Krächzend und keuchend, die Augen nahezu schmerzhaft weit aufgerissen, blickte sich Rasmus gehetzt um, bevor er unter dem leblosen Leib hervor kroch, um nach naher Kleidung zu greifen. Unverwandt starrte er auf die braune Weste in seiner Linken, eindeutig nicht sein eigenes geflicktes Hemd, und doch prangte dort unverkennbar im fremden Innenfutter ein allzu bekanntes Siegelzeichen. Ein Symbol, das Rasmus’ Magen versteinern ließ. Das Wappen des Hauses Kormin.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~ ⚜ ~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~
Winter 268

Er hatte schmerzlich lernen müssen, wie diese kalte Welt funktionierte und wie weit der Hass seines Vaters reichen konnte. Egal ob Luhan Feilscher, der Bastard Roric, selbst seine Cousine, die wilde Rezze oder gar seine direkten Geschwister. Sie alle würde er im Auge behalten. Es gab kein Vertrauen im Hause Kormin.

Re: Normalität schmeckt nach Eisen

Verfasst: Sonntag 4. Januar 2026, 21:52
von Caoilinn Quinn
Goldener Leviathan auf grauem Grund.

Das Wappen mit dem unwirklichen, schimmernden goldenen Monster hatte sich unauslöschlich in Caoilinns Gedächtnis eingebrannt. Es war dort verankert wie der Geruch von nasser Wolle, der selbst Jahre später noch an ihr haftete, oder das ferne Blöken der Schafe, das sie bis heute in ihren Träumen verfolgte. Auch wenn ihre Kindheit längst hinter ihr lag, stiegen die Erinnerungen an Ceotraigh immer wieder aus der Tiefe ihres Bewusstseins auf - wie dunkle, unheilvolle Schleier, die sich zwischen den Wellen ihrer Gedanken legten und jede Ruhe trübten.

Quinn.

Ein Name, den sie nicht mit Stolz trug, der ihr aber unausweichlich gehörte. Wie ein Fleck, den man nicht auswaschen konnte, ganz gleich, wie sehr man schrubbte, bis die Haut wund war und nur die zähneknirschende Akzeptanz blieb. Oder wie eine Klinge, der man nicht rechtzeitig ausweichen konnte – sie hatte getroffen, hatte eine Wunde geschlagen, und zurück blieb eine Narbe, die nie ganz verblassen würde.

Die Quinns waren eine Handelsfamilie auf Duthaich, in der kargen, rauen Provinz Buidheann. Eine Familie, in der Pflicht und Fleiß höher geschätzt wurden als Zuneigung oder Nähe. Reich an Schafherden, an Wolle, Filz und Loden, die in ferne Provinzen gehandelt wurden, und doch erbärmlich arm an Wärme und Fürsorge. In vielerlei Hinsicht waren die Quinns ein Spiegelbild ihrer Heimat: wortkarg, verschlossen, darauf bedacht, sich nur auf sich selbst zu verlassen. Geformt von einem Landstrich, in dem das Wetter gnadenlos und die Landschaft unnachgiebig war, in dem man sich jeden Atemzug erarbeiten musste.

Ihr Vater Conall hatte das Haus mit einer nüchternen Strenge geführt, mit der Art und Weise eines drohenden Unwetters, das einem von klein auf vermittelte, dass Widersprüche nicht geduldet werden würden, und ihre Mutter Laena hatte sich dem ganzen still gefügt, so wie es von ihr erwartet wurde. So wie es auch von Caoilinn immer erwartet wurde. Niemals zu laut, niemals zu auffällig. Sei brav, sei fügsam, sei fleißig, hilf deiner Mutter und falle bloß nicht auf. Und sollte die Natur des kindlichen Wesens doch einmal aus der vorbestimmten Bahn fahren, wurde mit unnachgiebiger Hand dafür gesorgt, dass dies nicht noch einmal vorkommen würde.

Zärtlichkeit war kein Mittel der Erziehung - Gehorsamkeit schon.

Als sie noch jünger gewesen war, hatte Caoilinn ihre Mutter bewundert. In den Augen des Kindes war Laena eine beinahe überirdische Gestalt gewesen, still und stoisch, als besäße sie die magische Fähigkeit, sich durch das Unwetter des Ungeheuers zu bewegen, ohne davon zerrissen zu werden. Sie hielt das Heim zusammen, sorgte dafür, dass alles funktionierte, ohne sich je offen gegen das Monster zu stellen. Nie ein Klagen, nie ein sichtbares Zögern, kein Flackern in den Augen … als wäre sie aus einem anderen Stoff gemacht, unempfindlich gegenüber dem Sturm.

Mit den Jahren jedoch begann Caoilinn, Risse in diesem Bild zu erkennen. Bruchstücke einer Vergangenheit drangen zu ihr durch: Erzählungen über die Familie Kormin, über den Bruder ihrer Mutter, der in Weidenheim lebte und dort ein eigenes Haus führte - eine Kindheit, die nun der ihrer Tochter nicht unähnlich erschien. Dazu fanden sich jedoch auch andere Erzählungen aus Weidenheim, über die Provinz, über ferne Reiche, belebte Marktplätze oder festliche Veranstaltungen. Kleine Geschichten, fast Märchen, die den grauen Alltag ein wenig färbten, ihn erträglicher machten. Für Caoilinn waren es bunte Sprenkel in einem ansonsten farblosen Leben, die Hoffnung nährten, dass es mehr geben musste als das Dasein in Buidheann.

Doch je älter sie wurde, desto klarer verstand sie, dass ihre Mutter keine mystische Überlebende war. Sie hatte den Sturm nicht bezwungen, sondern sie hatte gelernt, sich so klein und beweglich zu machen, dass er sie nicht völlig zerschlug. Laena war keine Siegerin, sondern eine Gefangene des Ungeheuers, die ihren Frieden darin gefunden hatte, sich seinen Regeln anzupassen. Und mit dieser Erkenntnis kam eine zweite, viel bitterere, die wie ein ungenießbares Kraut auf ihrer Zunge hing und von dort nicht verschwinden wollte:

Auch Caoilinn selbst würde eines Tages denselben Weg gehen.

Noch bevor sie das Konzept einer Ehe wirklich begreifen konnte, noch bevor sie wusste, wie sich das berühmte Flattern im Bauch anfühlte, war über ihre Zukunft bereits entschieden worden. Sie war Teil einer Verhandlung gewesen, ein Tauschgut, sorgsam kalkuliert. Wie ein besonders wertvolles Schaf sollte sie nach Shevanor gehen, um dort den Sohn eines Händlers zu heiraten, wenn die Zeit gekommen war. Eine Ehe zur Stärkung von Handelsbeziehungen, deren Bedeutung sie weder verstand noch verstehen sollte – denn als Mädchen war es nicht ihre Aufgabe, solche Dinge zu begreifen.

Sie verstand auch nicht, warum man sie bereits zwei Jahresläufe vor der eigentlichen Zeremonie fortschickte, lange bevor Alatars Augen überhaupt auf diese Verbindung gerichtet sein würden. „Erziehung“ nannte man es. „Einleben“. Das Erlernen ihrer zukünftigen „Pflichten“. Doch für Caoilinn fühlte es sich an, als würde man sie von einem Ungeheuer an das nächste verkaufen.

Als wäre sie nichts weiter als ein Ballen frisch geschorener Wolle, fest verschnürt, bereit für den Weitertransport – wertvoll, ja, aber leblos, stumm und austauschbar.

Re: Normalität schmeckt nach Eisen

Verfasst: Montag 5. Januar 2026, 16:12
von Caoilinn Quinn
Frühling 254

Schwarzer Rabe auf rotem Grund


Shevanor war anders als Buidheann. Die Hügel fügten sich sanft in die Landschaft, das Gras schimmerte selbst im Hochsommer noch saftig grün, und die Sonne brannte heller, fast gnadenlos ehrlich vom Himmel – zumindest für jemanden, der das stets graue, schwere Wetter von Buidheann gewohnt war. Der Wind hier trug Wärme statt Schmerz, strich über Haut und fruchtbare Felder, statt sie aufzureißen oder unnachgiebig an ihnen zu zerren. Und doch wäre es ein gefährlicher Irrtum gewesen zu glauben, sie sei hier sicher vor dem Monster ihrer Kindheit, denn das goldene Ungetüm war lediglich gegen ein schwarzes eingetauscht worden.

Der Haushalt der Kelmare, jener Familie, an die man sie verkauft hatte wie ein Versprechen auf zukünftigen Nutzen, bestimmt dazu, eines Tages den ältesten Sohn zu heiraten, folgte dem alatarischen Glauben mit derselben kalten Strenge wie die Quinn. Ausufernde Gefühle galten als Makel, als Riss in der Rüstung des Geistes, einer Rüstung, die wie eine Maske das wahre Ich verbergen sollte. Liebe war überflüssiger Ballast, etwas für Schwache oder Narren, die sich in ihren Irrwegen verlieren würden. Eine Ehe diente einzig dem Zweck, Erben hervorzubringen oder Krieger zu formen, die dem Willen des All-Einen dienten, um den Feind auf der anderen Seite des Meeres endgültig zu vernichten.

Hier begriff der Blondschopf schnell, dass ihre Annahme, die Landschaft habe ihren Vater zu dem gemacht, was er war, ein Irrtum gewesen sein musste. Denn Shevanor war optisch so viel freundlicher, lauter, prunkvoller ... ein scharfer Kontrast zu dem, was die Inseln von Buidheann ihr in ihrer Kindheit geboten hatten. Sie hätte sich gewünscht, es wäre anders gewesen. Dass die Kelmare ein wenig mehr Sonne in ihren Herzen trügen, ein wenig mehr Wärme … nur ein kleines bisschen mehr. Sie war jung, kaum zwölf Jahresläufe alt, als sie Teil dieses Haushalts wurde, und doch begegnete man ihr bereits mit der unausgesprochenen Erwartung, eines Tages an der Seite des Sohnes den Haushalt zu führen. Als wäre sie eine Investition, die noch geschliffen und gehärtet werden musste, bevor sie ihren Wert vollständig entfalten konnte.

Kelric, der Sohn, dem sie versprochen war, war etwa zwei Jahresläufe älter als sie und erinnerte sie in vielerlei Hinsicht an ihren großen Bruder Cael. Nicht unbedingt vom Äußeren her, denn Cael hatte das rote Haar der Mutter geerbt, etwas, von dem sie wusste, dass es wohl eine Eigenart der Kormins war, die für sie weiterhin nichts als Geschichten und Märchen blieben. Kelric hatte die gleiche steife Körperhaltung, den gleichen harten Gesichtsausdruck, die gleiche Eigenart, sich so zu verhalten, als wäre er eine in Lehm gepresste Form, gezwungen, so zu bleiben, bis er vollständig ausgehärtet wäre.

»Vater, die stinkt nach Schaf.«

Das waren die ersten Worte, die sie aus seinem Mund hörte, kurz nach ihrer Ankunft in Shevanor. Der erste Eindruck, der sich unauslöschlich in ihre Netzhaut brannte. Er war nicht anders als all jene, denen sie bisher begegnet war. Sie war es gewohnt, nicht mit Samthandschuhen angefasst zu werden, doch diese Worte schnitten ungewohnt tief. Es war eine neue Art der Herabsetzung, etwas, das in ihr das Gefühl weckte, weniger Mensch zu sein als jene, die in Sonne und Wärme lebten, ohne diese jemals wirklich ihr eigen zu nennen.

Mit den Jahren wurde ihre Stimme noch leiser und sie versuchte, sich an dem Vorbild ihrer Mutter zu orientieren, auch wenn jene nur noch eine Erinnerung für sie war, so fern ihrer Heimat. Ihre Schritte wurden vorsichtig, beinahe tastend, als müsse sie den Boden um Erlaubnis bitten, als würde sie glauben, dass sie mit der Zeit einfach ein Teil des Windes werden würde, geformt und geschaffen, um sich tragen zu lassen. Nur in seltenen Momenten, wenn sie allein auf ihrem kleinen Zimmer im Familienanwesen war und niemand sie sah, erlaubte sie sich zu träumen. Es war weniger Hoffnung als ein vages Ziehen in der Brust, ein Wissen darum, dass es mehr geben musste, auch wenn sie nicht wusste, wie dieses Mehr aussah. Es war mehr der Wunsch eines Mädchens, das noch nicht vollständig geformt und gebrochen war und das glaubte, irgendwo am Horizont würde sich irgendwann ein Licht auftun, welches das Monster verschlingen würde.

Sie war bereits über einen Jahreslauf im Haushalt der Kelmare, und da man sie nicht zurückgeschickt hatte, nahm sie an, ihre Aufgabe zufriedenstellend zu erfüllen, auch wenn sie sich nicht sicher war, worin diese Aufgabe eigentlich bestand. Sie half den Hausmädchen, arbeitete in der Küche, begleitete die Familie zu den wöchentlichen Messen und wohnte den Lehreinheiten über Traditionen und Glauben bei. Ohne Widerstand, ohne ein Zucken der Wimpern. Ihre Mutter wäre gewiss stolz auf sie gewesen.

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Frühsommer 255

Markttag bedeutete für Caoilinn, dass sie das Haus für die Einkäufe verlassen durfte. Ein Privileg, das sie sich mit vorbildlichem Verhalten mühsam erarbeitet hatte, und dennoch wurde sie von einer Magd begleitet, deren wachsamer Blick selten von ihr wich, auch wenn selbst jene mit der Zeit ein wenig milder mit ihr wurde. Es waren diese seltenen Tage, diese kleinen Freiräume, in denen die Welt für den Blondschopf wärmer und freundlicher erschien. Zwischen dem Stimmengewirr der Händler, den Rufen der Käufer, dem Scharren von Pferdehufen auf Pflasterstein und den unzähligen Gerüchen fand sie einen unwirklichen Augenblick des Friedens.

Es war in diesem Sommer, als sie ihn das erste Mal wahrnahm. Der wirre Schopf rostroter Haare und in dem ausgemergelten und mitgenommenen Gesicht das Augenpaar von einem satten Moosgrün. Irgendetwas an diesem Jungen erinnerte sie an ihre Mutter. Waren es die Augen? Oder der rote Schimmer im Schopf, der von der Sonne verstärkt wurde? Vielleicht war es auch einfach die Müdigkeit in seinem Blick, einen Ausdruck, den sie auch bei ihr oft wahrgenommen hatte … oder bei sich selbst, als hätte man ihr in diesem Moment einen Spiegel vorgehalten.

»Caoilinn! Kommst du, wir müssen noch den Wein für den Hausherren besorgen!«

Die Worte der Magd rissen sie aus ihren Gedanken, und eilig wandte sie sich ab, um Edda zu vermitteln, sie würde noch eine Kleinigkeit beim Brothändler erstehen wollen. Eine Aufmerksamkeit für Kelric. Die Rüstung aus vorbildlichem und folgsamem Verhalten hatte ihr in diesem Augenblick Schutz geboten, denn die Magd machte sich bei ihren Worten keine weiteren Gedanken dazu. Sie glaubte ihr. Ob es Mitleid war, oder die Erinnerungen an ihre Mutter, die irgendwo in ihr noch überlebt hatten, das wusste sie nicht, aber sie trat näher zu diesem Jungen, um ihm etwas Brot aus ihrem Korb zu geben.

Aus dieser kleinen, unscheinbaren Geste wuchs ein Gespräch. Dann beim nächsten Markttag das Zweite. Der Rotschopf gab nicht viel von sich preis, sie spürte das Misstrauen, die Vorsicht in jedem seiner Handlungen, als würde er in jedem Moment einen großen Verrat von dem Mädchen mit den gleichen Augen erwarten. Der Blondschopf aber konnte es ihm nicht verübeln. Ihr wäre es nicht anders gegangen und sie konnte selbst nicht greifen, was an diesem Jungen war, dass sie Markttag für Markttag ihre Rüstung gefährdete, indem sie bei der Magd nach neuen Ausreden suchte, kurz allein sein zu können.

Sie sprachen über ihre Herkunft, vorwiegend über die von Caoilinn, dass sie eine Quinn von Buidheann war und hier in Shevanor wie ein Schaf an die Kelmares verkauft wurde, denn etwas Persönliches von diesem Jungen zu erfahren, stellte sich als echte Herausforderung heraus. Mit jedem Treffen tauschten sie sich mehr aus und der Blondschopf erzählte die Geschichten, die ihre Mutter ihr immer erzählt hatte, über Feste in Weidenheim, über das Haus Kormin in dem sie aufgewachsen war, und das Moosgrün des Jungen wurde nachdenklicher, vorsichtiger noch, als hätte er eine Seite an ihr entdeckt, die ihm nicht gefiel? Für Caoilinn war es allerdings wie ein Stückchen persönliche Freiheit, diesem fremden Jungen das alles zu erzählen. Von ihren Träumen, dass irgendwo ein anderes Leben auf sie warten musste, von dem Licht am Horizont, dem Wunsch, dem Monster endlich zu entkommen.

Was als heimliche Begegnung zwischen dem Stimmengewirr der Markttage begann, wurde zu einem stillen Versprechen, zu einem kleinen persönlichen Stückchen von Freiheit und schließlich auch zu einem entscheidenden Entschluss, der so einiges für den Blondschopf verändern würde. Denn der Junge, der sich als Sprössling der Kormins herausstellte, war selbst auf der Flucht, und die dargebotene Hand fühlte sich wie das Licht an, auf das Caoilinn gewartet hatte. Schwarzwasser war das Ziel, sicherlich kein einfaches Ziel, aber vielleicht würden sie es gemeinsam eher schaffen, als allein für sich?

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Sommer 255

Silberner Turm über silbernem Fluss im Schildfuß auf schwarzem Grund.


Sie erwachte in Schwarzwasser.

Allein.

Ihre Lungen schmerzten, die Kehle war rau, vom Meerwasser getränkt, die Kleidung nass und schwer an ihrem Leib. Unter ihren Fingern fühlte sie feuchten Sand und als das erste Klingeln ihres benommenen Bewusstseins endlich verklungen war, nahm sie das Rauschen des Meeres wahr, das sie ungnädig an Land gespuckt hatte.

Rasmus.

Hektisch suchte sie den Strand ab, erhob sich, strauchelnd, die Glieder noch steif und kalt, doch sie fand den Jungen nicht. Langsam drängen sich die Erinnerungen der vergangenen Stunden wieder an die Oberfläche ihres Bewusstseins. Sie hatten es geschafft, auf eines der Boote zu gelangen, die von Shevanor nach Schwarzwasser überfahren sollten, aber das Meer, als wäre es die persönliche Strafe des Monsters, hatte sich über sie geworfen, mit solcher Gewalt, dass sie sich aus den Augen verloren hatten. Ein Erinnerungsfragment schoss ans Licht, als sie versuchten, noch gegenseitig nach der Hand des anderen zu greifen. Dann überkam sie die Übelkeit und ihr kaum vorhandener Mageninhalt, gemischt mit Meerwasser, entleerte sich auf dem Strand.

Sie suchte den Strand noch länger ab, aber konnte ihn nicht finden, bis sie sich sicher war, dass das Monster ein weiteres Opfer gefordert hatte und sie nun allein in diesem neuen Land sein würde. Zum ersten Mal allein.

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Winter 260

Fünf Jahresläufe waren vergangen, seitdem sie in Schwarzwasser als Waisenkind angekommen war und die Gnade der lichten Schildmaid erfahren hatte, indem sie in ein städtisches Waisenhaus aufgenommen wurde. Die Jahre dort waren … anders als alles, was sie bisher kennenlernen durfte, ehrlich und einfach, mit einer unterschwelligen Wärme genährt, welche die ersten Jahre erstaunlich abschreckend auf sie wirken ließ. Niemand erwartete hier von ihr, eine Rolle zu spielen oder ein Versprechen zu erfüllen. Überleben und folgsam sein genügte. Und das tat sie.

Im Winter 260 war es schließlich so weit, dass sie nicht nur alt genug war, das Heim zu verlassen, sondern sie auch eine Stelle als Hausmädchen bei einer ansässigen Familie annehmen durfte. Zum ersten Mal in ihrem Leben bedeutete Arbeit nicht nur Pflicht, sondern auch ein kleines Stück Selbstbestimmung, eine seltsame Art von Freiheit, an welche sie sich erst schwerlich gewöhnen musste.
Ein eigenes Zimmer, das sich nicht wie ein Gefängnis anfühlte. Ein eigener Lohn, mochte er noch so gering sein. Entscheidungen, so klein sie auch waren, die ihr gehörten. Sie hatte… freie Stunden, durfte sich bewegen, wie sie wollte, durfte ihren Tag selbst gestalten und das überforderte sie.
Sie wusste die erste Zeit nicht, was sie tun sollte und verstand in diesen Momenten nicht so wirklich, wer sie war, während sich in ihr die Erkenntnis heranreifte, dass sie bisher niemals wirklich “sie” sein durfte und nun erst, nach 18 Lebensjahren, anfing herauszufinden, was sie wirklich gern tat und wer sie sein wollte. Ohne dass sie eine Bestimmung oder eine Pflicht zu erfüllen hatte - abseits der notwendigen Arbeit, um einen Lohn zu erhalten.

Und irgendwie arbeitete sie gern.
Sie war gern Hausmädchen bei dieser so viel wärmeren und freundlicheren Familie in Schwarzwasser. Auch hier putzte sie das Heim, wusch die Kleidung, half der Köchin in der Küche und entdeckte dabei für sich, dass das etwas war, dem sie gern mehr Zeit widmen wollte. Es hatte etwas unterschwelliges Magisches an sich, dieses vielen verschiedenen Zutaten zu haben, aus welchen vollständig neue Gerichte entstehen konnten. Simple Dinge, mit denen man einem anderen ein Lächeln auf das Gesicht zaubern konnte, und diese Familie hier lächelte häufig, was Caoilinn in der Anfangszeit vermuten ließ, dass dies ihre Art der Rüstung hier wäre. Aber… Sie schienen einfach… Glücklich?

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Winter 261

Und dann, eines Tages, im Winter 261, sah sie ihn wieder, auch wenn die Umstände weniger erfreulich waren, denn eine Krankheit hatte die Mutter des Haushalts, dem sie diente, versterben lassen. Während sie sich als stille Begleitung der Familie im Hintergrund hielt, fiel ihr im trägen Sonnenschein des kalten Winters das Rot sofort auf, wie etwas, das nahezu darum bettelte, ihre Aufmerksamkeit zu erlangen und eine alte Erinnerung in ihr weckte.

Rasmus.

Ihm schien es nicht anders zu gehen, denn die so gleichen Augen hatten sich sofort gefunden, und für einen Moment starrten sie einfach aneinander an, als würden beide gerade glauben, einen Geist zu sehen... ganze sechs Jahre später.

Im Angesicht der Situation dieser Beerdigung hielt sich das Ausmaß über etwaige Freude jedoch im Hintergrund, und sie begnügte sich damit, jede Handlung des Totgeglaubten zu beobachten, als würde sie sichergehen wollen, dass es wirklich er war. Während die Familie sich im Anschluss an die Zeremonie schon dem Gehen zuwandte, beobachtete sie, wie er seiner Aufgabe des Totengräbers nachkam und nach und nach das Grab vollständig versiegelte, bis sie sich sputen musste, die Familie einzuholen.

Er war erwachsen geworden, wie sie auch, er hatte überlebt, wie sie auch, und der Blondschopf wusste, dass sie ihn hier erneut aufsuchen würde, dieses Mal mit Absicht und ohne die Last einer Beerdigungszeremonie.

In den Abendstunden suchte sie noch den Friedhof auf, samt der kleinen Kirche, zu welcher er gehörte, um sich nach dem Rotschopf zu erkundigen und ihn schließlich zu finden. Da war keine überschwängliche Wiedersehensfreude, keine großen Gesten oder Worte, die ausdrücken würden, dass man sich wahrlich darüber freuen würde, den anderen zu sehen, aber irgendetwas in dem Moosgrün und der Körperhaltung der beiden würde aneinander vermitteln, dass man sich doch eher darüber freute, keinem echten Geist gegenüberzustehen.
Die daraus recht still erwachsende Freundschaft beruhte weniger auf großräumigen Worten, als auf kleinen Gesten oder Erinnerungen. Caoilinn backte mittlerweile selbst und durfte die Küche ihrer Anstellung nutzen, und so brachte sie Rasmus oft in den Abendstunden eine Mahlzeit vorbei, während sie sich über Dinge unterhielten, die für jemanden, der vorbeikommen würde, vermutlich belanglos klangen. Über das Backen, über das Kochen von Tee, was man in den umliegenden Wäldern an Kräutern finden würde, denn vieles hatte der Blondschopf hier selbst von dem alten Hausmädchen der Familie gelernt. Die verstorbene Hausherrin hatte ihren Kräutertee geliebt und viel Wert auf eine richtige Zubereitung gelegt.

Die Unterhaltungen lenkten sich nur selten in die Vergangenheit und noch seltener erzählte Rasmus von den Kormins, seinen Geschwistern oder dem, was er in Weidenheim erlebt hatte. Caoilinn kannte aber den Blick, kannte die Erzählungen ihrer Mutter, die sie in seinen Augen sah, und konnte sich vorstellen, was er dort erlebt hatte oder wie er aufgewachsen war.

Als Rasmus schließlich nach Gerimor aufbrach, um einem stillen Ruf zu folgen, hinterließ er eine Lücke, von der sie nicht geglaubt hatte, dass er dazu in der Lage wäre. Aber ihr fehlten die abendlichen Unterhaltungen, ihr fehlte der Weg zur Kirche, mit dem Wissen, dort würde jemand auf sie warten. Ohne dass es ihr anfänglich klar oder bewusst gewesen war, war der Cousin, der Rotschopf, zu ein wenig Wärme in ihrem Leben geworden.

Er hatte ihr zugesichert, er würde ihr Mitteilungen schicken. Mitteilungen, die ihr zeigen würden, ob es sicher wäre nachzukommen, wenn sie denn dazu bereit wäre. Immer dann, wenn der Hausdiener mit der Post nach Hause kam, stand sie ungeduldig da. Wartend. Hoffend. Umso enttäuschter waren die ersten beiden Nachrichten, die lediglich ein “x” enthielten und Sorge in ihr aufkommen ließen, dass es Rasmus auf Gerimor vielleicht schlechter gehen würde, als in Schwarzwasser.

Doch dann, im späten Winter 268, erhielt sie endlich den Brief. Den mit dem Kreis. Der, der ihr sagen sollte, dass eine Anreise nach Gerimor sicher wäre, und sobald ihr Vertrag mit der Familie gegen Jahresende auslief, machte sie sich zusammen mit dem neuen Jahr auf den Weg nach Gerimor. Nach Lichtenthal, soviel wusste sie.