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Abseits des Krieges
Verfasst: Montag 6. Oktober 2025, 19:44
von Viktoria Hamberg
- Adoran, 06. Goldblatt 268 - Nerium Oleander Apotheke
Ein neues Tagebuch liegt auf meinem Schreibtisch, und während das matte Licht der Morgensonne durch die Scheiben fällt, gleitet meine Hand über den ledernen Einband, der so vertraut nach vergangenem Herbst riecht, nach getrocknetem Heu und Rauch aus alten Kaminen und auf dessen Oberfläche das Wappen meines Heimatdorfes ruht, Klein Aschenfeld, eingerahmt von feinen Linien, einer Windrose gleich, gesäumt von Oleanderblüten, die sich zart aneinander schmiegen, als wollten sie einander im Wind nicht loslassen. Der Herbst hat nun endgültig Einzug in Lichtenthal gehalten, leise und ohne Pracht, wie ein müder Wanderer, der spät am Abend noch eine Unterkunft sucht. Die Morgende liegen grau und träge über den Feldern, und nur selten wagt sich ein blasser Sonnenstrahl durch die dichten, bleiernen Wolken über Adoran, die wie schwere Gedanken über den Dächern hängen. Meine Küche liegt im Halbdunkel, als hätte sie vergessen, dass es so etwas wie Wärme überhaupt noch gibt, der Duft vergangener Tage haftet noch an den Wänden, schwach und fast schüchtern, wie eine Erinnerung, die man nicht ganz zu fassen bekommt.
Ich sitze an meinem Platz, der Leib geschunden vom Krieg, die Hände vom kalten Metall gezeichnet, und spüre bei jedem Atemzug das leise Pochen im Hinterkopf, gleichmäßig, fast beruhigend, und doch wie ein stetes Klopfen an der Tür meines eigenen Bewusstseins. Es ist das Echo meiner Erschöpfung, das Lied meiner Müdigkeit, das sich in mein Blut geschlichen hat. Noch vor einigen Wochen hielt ich beim Schreiben eine kleine Feder an meine Brust gedrückt, zart, kaum schwerer als der Hauch eines Gedankens. Sie war ein Geschenk von Renold, damals, als wir glaubten, das Schicksal hätte uns beide auf dieselbe Spur gesetzt. Nun ruht sie in einem gläsernen Anhänger, eingefasst in kühles Silber, und wenn das Licht sie trifft, schimmert sie wie Morgentau auf einem Spinnennetz. Aufgehoben in einer Schatulle. Ich hebe das Amulett nicht aus Sehnsucht auf, sondern aus Dankbarkeit - für das, was war, für das, was blieb, und für das, was ich noch nicht begreifen kann.
Ich habe lange nicht mehr über ihn geschrieben. Vielleicht, weil mein Herz, wie ein vom Sturm heimgesuchtes Haus, erst wieder lernen musste, stillzustehen. Wir hatten beide gespürt, dass das, was uns verband, sich wandelte - wie Blätter, die anfangs grün und lebendig sind, dann im Herbst noch einmal aufleuchten, ehe sie sanft zu Boden fallen.
Anfangs glaubten wir an Liebe, an jene zarte Form des Verlangens, die einem den Atem raubt und zugleich Flügel verleiht. Doch was als Schwärmerei begann, wurde bald von der Schwere des Alltags eingeholt, vom Dienst, vom Krieg, von Pflichten, die kein Aufschub duldeten. Wir redeten nicht darüber, und doch verstanden wir es beide. So gaben wir, ganz ohne Schmerz, unsere Herzen einander frei - nicht, weil sie erkaltet waren, sondern weil wir ihnen Raum lassen wollten, um weiterzuschlagen. Was geblieben ist, ist Freundschaft - nicht das zarte Band eines Liebespaares, sondern das feste Geflecht zweier Menschen, die Schulter an Schulter im Sturm stehen. Eine Form von Liebe, ja - aber von jener Art, die nichts fordert und doch alles gibt, die nicht Besitz, sondern Vertrauen kennt.
In meiner Hand liegt nun oft eine Münze - unscheinbar, abgenutzt, doch von jener Art, wie sie das Schicksal einem manchmal heimlich in die Tasche legt. Sie erinnert mich an alles, was ich losgelassen habe, und daran, dass nichts verloren geht, was man mit aufrichtigem Herzen gehalten hat.
Ich erinnere mich noch an den Rückweg vom Schlachtfeld, jener zähe, endlose Marsch durch die letzte Nacht, als der Sand der Wüste unter unseren Stiefeln knirschte und der Wind uns die Kälte wie kleine Nadeln ins Gesicht trug. Die Flammen hinter uns waren längst verloschen, doch ihr Widerschein brannte noch in unseren Gedanken nach. Ich weiß nicht mehr, wer das erste Wort sprach, vielleicht war es auch keines, vielleicht nur ein Blick, als wir begriffen, dass das Gröbste überstanden war und das Schlimmste doch noch in uns tobte.
Arjen war an meiner Seite geblieben, schweigend, entschlossen, wie einer, der weiß, dass Worte nichts heilen, was das Herz noch begreifen muss. Sein Arm stützte mich, als meine Knie nachgaben, und als wir endlich das Kastell erreichten, roch die Luft nach kaltem Eisen und nach Erde, nach all dem, was bleibt, wenn der Krieg fortgezogen ist. Ich weiß noch, wie mir die Sinne schwanden, die Welt wurde kleiner, enger, drehte sich nur noch um das ferne Schlagen meines Herzens und ehe ich fiel, spürte ich seine Hände, die mich auffingen, so behutsam, als hielte er etwas, das zerbrechen könnte, wenn man es zu fest umschließt. Er trug mich halb, noch in voller Regimentsrüstung, bis vor die Tür meines Hauses. Der Mond stand blass über Adoran, und das Licht fiel auf seine Schultern, auf die Spuren der Schlacht, die Staub und Blut und Schweiß hinterlassen hatten. Ich erinnere mich, dass ich kaum atmete, nur das Pochen spürte, dumpf und weit entfernt, und dass seine Stimme, leise, fast flüsternd, mich zurückholte.
Drinnen, im schwachen Schein der Kerze, beugte er sich über meinen Hinterkopf. Ich sah, wie seine Finger zitterten, nicht vor Angst, sondern vor Erschöpfung, und doch legten sie sich so sanft an meinen Kopf, dass ich den Schmerz kaum spürte. Er hatte die Wunde gesäubert, als wäre sie aus Glas, und in diesem Augenblick wurde mir bewusst, wie unbegreiflich nah Brutalität und Zärtlichkeit beieinander liegen können, wie dieselben Hände, die noch in der Nacht zuvor entschlossen den Abzug einer Muskete betätigt hatten, nun so ruhig, so sorgsam auf meiner Haut ruhten, als könnten sie nichts anderes, als trösten. Später, als ich mich gefasst hatte, war es an mir, ihn zu versorgen, sein Haar beiseite zu streichen und dieselbe Fürsorge zu erwidern. Seine Wunde war kleiner, aber sie blutete stärker, und während ich den Verband anlegte, fiel mir auf, dass ich kaum wagte, ihn zu berühren, nicht aus Furcht, ihn zu verletzen, sondern aus einer merkwürdigen Scheu, die man nur empfindet, wenn Nähe plötzlich Gewicht bekommt. Ich weiß nicht, wann genau dieser Wandel begann, ob es auf dem Schlachtfeld war, inmitten des Pulverdampfes, als sich unsere Blicke fanden, oder in jener Nacht im Lazarett, als kein Laut fiel und doch alles gesagt war. Vielleicht ist es nicht wichtig. Denn manche Dinge wachsen nicht aus Worten, sondern aus Augenblicken, die zu still sind, um sie zu beschreiben.
Wieder liegt ein Krieg hinter uns. Wieder hat er Spuren hinterlassen, Furchen in der Seele, Risse in den Nächten. Und doch, dieses Mal bin ich nicht allein. Arjen teilt die Stille mit mir. Auch er trägt die Schatten in sich, die nicht weichen wollen. Oft wacht er auf, schweißgebadet, mit weit geöffneten Augen, als sähe er noch einmal, was längst vorbei ist. Dann lege ich meine Hand auf seine, und in diesem kleinen Augenblick, zwischen Angst und Schlaf, scheint die Welt stillzustehen.
Er atmet schwer, dann ruhiger. Ich höre, wie der Regen draußen an die Fenster schlägt, gleichmäßig, unaufhörlich, wie eine leise Mahnung, dass alles vergeht, selbst der Schmerz.
Es wird Zeit brauchen, bis wir wieder leben, ohne zu zucken, wenn ein Ast bricht oder ein Windstoß an die Tür schlägt. Aber die Zeit, so glaube ich, ist ein sanfter Lehrer.
Und solange ich seine Nähe spüre, solange ich weiß, dass da jemand ist, der dieselben Schatten kennt - solange werde ich die Dunkelheit ertragen können.
Denn selbst im tiefsten Herbst liegt der Hauch eines neuen Frühlings verborgen.
- V.H.

Re: Abseits des Krieges
Verfasst: Sonntag 26. Oktober 2025, 15:45
von Viktoria Hamberg
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Adoran, 26. Goldblatt 268 - Nerium Oleander Apotheke
Langsam, beinahe zögerlich, findet das Leben wieder in seinen alten Rhythmus zurück, so, als müsse es erst prüfen, ob die Welt, in die es zurückkehrt, noch dieselbe ist, die es einst verlassen hat. Der Krieg liegt nun hinter uns wie eine ferne, unruhige Küste, von der man sich endlich abgewandt hat, und doch trägt jeder von uns noch den Salzgeschmack auf der Zunge, den Wind in den Haaren und das Echo der Brandung im Ohr. Es ist seltsam, wieder von Alltag zu sprechen, als ließe sich das, was wir gesehen und getan haben, einfach in eine Schublade legen, beschriftet mit "Vergangenheit". Und doch - irgendwie gelingt es, Tag um Tag ein wenig mehr.
Am Morgen ruft der Dienst, wie er es immer getan hat. Die Mauern des Kastells atmen wieder gleichmäßiger, der Hof füllt sich mit Stimmen, mit Schritten, mit dem metallischen Klang der Waffen, die gepflegt und geprüft werden. Der Geruch von Öl, Leder und kaltem Eisen liegt in der Luft, vertraut wie der Pulsschlag eines alten Gefährten. Das Regiment hat ihre Ordnung wiedergefunden, die Rekruten stehen in Reih und Glied, noch unbeholfen, aber mit leuchtenden Augen, die so viel Hunger nach Ruhm in sich tragen, dass ich manchmal wegblicken muss. Manchmal sehe ich in ihnen die, die nicht mehr zurückgekehrt sind, und ein Schatten fällt über mein Herz, doch dann zwinge ich mich, zu lächeln. Denn auch das ist Teil unseres Dienstes: Leben zu lehren, nachdem man zu oft Tod gesehen hat.
Voneinander lernen, miteinander kämpfen, füreinander einstehen.
Ich unterrichte wieder Trankkunde, und wenn ich über Kräuter und Tinkturen spreche, über Wundsegen und alte Heilkunst, dann ist meine Stimme fast wieder dieselbe wie früher, nur dass sie leiser geworden ist, nicht schwächer, sondern bedachter, als wöge sie jedes Wort ab, ehe sie es ausspricht. Arjen steht oft unweit davon auf dem Exerzierplatz, übt mit der Marine, Gesten, den Griff an der Muskete, und manchmal, wenn der Wind günstig steht, dringt sein Ruf bis zu mir herüber. Er klingt klar und fest, aber ich kenne die Nuancen in seiner Stimme - jene, die nur ich zu hören scheine: den Rest von Müdigkeit, der niemals ganz vergeht, die Ruhe, die von innen kommt, und die zarte Geduld, die ich so sehr an ihm bewundere.
So vergehen die Tage. Pflicht, Ordnung, Arbeit. Die Stunden fügen sich wieder aneinander wie Steine in einem Mauerwerk, und man könnte fast glauben, die Welt habe vergessen, was sie uns angetan hat. Doch am Abend, wenn das Licht in den Fenstern der Kaserne erlischt und nur noch das leise Summen der Stadt zu hören ist, dann zeigt sich, dass manches nicht verlernt werden kann und vielleicht auch nicht soll.
Kameradschaft.
Und nach dem Dienst. Nach der Pflicht. Nach unzähligen Briefen, Aushängen und Notizen: Dann wartet er auf mich. Manchmal vor der Apotheke, manchmal am Hafen, wo das Wasser im fahlen Mondlicht schimmert, manchmal auch einfach an der alten Brücke, deren Bögen wir schon unzählige Male überquert haben. Und jedes Mal, wenn ich ihn sehe, wie er dort steht, die Hände in den Taschen, den Blick auf das Wasser gerichtet, wird mir bewusst, dass Nähe nichts mit Berührung zu tun haben muss, um wahr zu sein.
Wir sprechen wenig, wenn wir beieinander sind. Worte würden zu grob klingen für das, was zwischen uns ruht. Stattdessen teilt sich die Stille, wie Brot, das man bricht. Er begleitet mich heim, manchmal schweigend, manchmal mit einem halben Lächeln, das mehr sagt als jede Liebeserklärung. Und wenn ich an meiner Tür den Schlüssel drehe, spüre ich, dass seine Gegenwart noch in der Luft liegt, warm, ruhig, wie ein letzter Sonnenstrahl auf einer kalten Mauer.
In manchen Nächten bleiben wir länger beieinander, reden über nichts und über alles, über das Regiment, die neuen Rekruten, die unaufhörlichen Berichte, die niemand gerne schreibt. Von Vergangenheit, Von Heimat. Über Dinge, die uns beschätigen. Und wenn ich mich dabei an ihn lehne, ist es kein Bedürfnis nach Trost, sondern jenes stille Wissen, dass zwei Menschen, die dieselben Schatten kennen, sich gegenseitig Licht werden können.
Er lacht seltener, als er sollte, aber wenn er es tut, dann so, dass die Zeit kurz innehält. Seine Hände, die so hart wirken, wenn er Befehle erteilt, sind weich, wenn er die meinen berührt und manchmal, wenn er glaubt, ich merke es nicht, streift sein Blick mein Gesicht, als wolle er prüfen, ob ich wirklich da bin. Ich habe gelernt, nichts davon zu benennen. Denn manches verliert an Wahrheit, sobald man es in Worte kleidet. Aber wenn ich ihn sehe, dort am Abend, wartend, im Licht der letzten Sonne, dann weiß ich, dass der Krieg zwar Wunden geschlagen hat, aber nicht alles zerstört. Manches, so scheint mir, hat er erst möglich gemacht.
Und während ich diese Zeilen schreibe, höre ich draußen seine Schritte auf dem Pflaster, ruhig, vertraut, wie der Herzschlag einer Stadt, die langsam wieder zu leben beginnt. Wie ein stiller Strom, der selbst im tiefsten Winter nicht gefriert, fließt meine Zuneigung zu ihm - klar, lautlos und ohne Erwartung, nur wissend, dass sie da ist, so selbstverständlich wie das Atmen.
Sein Atmen.
- V.H.
Re: Abseits des Krieges
Verfasst: Mittwoch 29. Oktober 2025, 20:55
von Viktoria Hamberg
- Adoran, 29. Goldblatt 268 - Nerium Oleander Apotheke
Der Alltag hat uns wieder fest in seinen Händen, und manchmal kommt es mir vor, als läge über der Stadt ein grauer Schleier, weich und dicht zugleich, wie das Tuch einer alten Großmutter, das sie sorgsam über all das legt, was ihr lieb und teuer ist. Die Tage sind stiller geworden, das Licht schwächer, die Stimmen gedämpfter. Der Herbst zeigt sich nun in seinem vollen Wesen, nass, kühl, und mit diesem feinen Nebel, der morgens in den Gassen hängt, als wolle er die Welt für einen Augenblick anhalten.
Viele Menschen werden in dieser Jahreszeit etwas stiller, und ich kann es ihnen kaum verdenken. Das trübe Wetter kriecht in die Knochen und in die Gedanken, und wo im Sommer noch jedes Lachen weit trug, klingt es nun kürzer, gedämpfter, beinahe verschämt. Doch ich finde, selbst darin liegt etwas Schönes - so wie die Erde, die im Herbst zur Ruhe kommt, um im Frühling wieder zu blühen, brauchen auch wir wohl unsere stillen Tage, in denen man sich selbst wiederfindet, eingehüllt in Decken und Gedanken.
Mein Zuhause ist mir in diesen Wochen ein ganz besonderer Zufluchtsort geworden. Wenn ich abends heimkehre und die Kälte des Tages noch in meinen Fingern spüre, dann genügt mir schon der Anblick des flackernden Lichtes hinter den Fenstern, um das Herz leichter werden zu lassen. Draußen bläst der Wind durch die Straßen, treibt die letzten Blätter vor sich her, und drinnen riecht es nach Tee und nach Holz, nach Wärme und nach Frieden. Es gibt kaum ein schöneres Gefühl, als die Tür zu schließen und zu wissen, dass man erwartet wird.
Und wenn ich dann am Morgen erwache, noch halb im Traum, das erste Licht schüchtern durch die Gardinen tastend, höre ich das leise, gleichmäßige Atmen des Menschen neben mir, den ich nicht mehr missen will und für einen Augenblick scheint die Welt vollkommen stillzustehen. Kein Befehl, kein Marsch, kein Lärm der Stadt dringt herein, nur dieses kleine, ruhige Geräusch, das mir sagt, dass ich nicht allein bin. Ich glaube, das ist Glück in seiner reinsten Form: nicht laut, nicht überwältigend, sondern einfach da, wie ein Herzschlag, den man kaum bemerkt, weil er so selbstverständlich geworden ist. Aber das ist alles andere als selbstverständlich.
Im Kastell herrscht indes wieder reges Treiben. Die Offiziere eilen geschäftig über den Hof, und die Kameraden wirken allesamt ein wenig angespannter als sonst. Vielleicht liegt es am Wetter, vielleicht auch daran, dass nach der langen Stille der Erholung nun wieder der volle Dienst ruft, Übungen, Ausbildungen, neue Befehle. Wir alle tragen noch unsere Narben, sichtbar oder verborgen, und manchmal stoßen sie eben aneinander, so wie Steine im Flussbett, die sich reiben, bis sie rund geworden sind. Doch genau das macht uns aus: wir glätten uns aneinander, wir lernen, wir wachsen und am Ende passt alles wieder ineinander, so wie es soll.
Und während draußen der Wind die Dächer streift und die Nächte länger werden, spüre ich, wie sich in uns allen langsam eine neue, freudige Unruhe regt, denn der Stapellauf unserer Regimentsbrigg steht bevor. Wochen, nein, Monate haben wir Seite an Seite gearbeitet, geschuftet, gelacht, geflucht und wieder gelacht, um dieses stolze Schiff auf Kiel zu bringen. Noch fehlen die Kanonen, jene wuchtigen Stimmen aus Metall, die Garvin bald gießen wird, doch selbst ohne sie scheint das Schiff schon jetzt Kraft auszustrahlen, als wüsste es, dass sein erster Tanz mit den Wellen bald beginnen wird.
Ich freue mich so sehr darauf, das Holz unter den Händen zu spüren, die Segel sich füllen zu sehen, die Arbeit all der fleißigen Hände endlich in Bewegung, in Leben übergehen zu lassen. Und noch schöner ist es, zu sehen, wie Arjen vor Freude fast selbst zu leuchten scheint. Dieses Leuchten, das tief aus ihm kommt, das selbst durch Müdigkeit und Strapaze hindurch strahlt, es wärmt mir das Herz auf eine Weise, die schwer in Worte zu fassen ist. Wenn ich ihn so sehe, weiß ich, dass es all die Mühe wert war. Denn Freude, die geteilt wird, wächst und mit jedem seiner Blicke scheint auch mein Herz ein wenig heller zu werden.
Und wenn ich am Abend nach Hause komme, müde vom Dienst, aber zufrieden, und die Welt draußen wieder in Nebel gehüllt ist, dann weiß ich, dass inmitten all des grauen Himmels und der trüben Tage doch etwas leuchtet – klein, beständig und warm.
Ich nenne es: Zuhause. Mein Zuhause.
– V.H.
Re: Abseits des Krieges
Verfasst: Freitag 7. November 2025, 11:28
von Viktoria Hamberg
- Adoran, 07. Rabenmond 268 – Nerium Oleander Apotheke
Aurora.
Schon der Name klingt, als würde er über das Wasser gleiten, wie der erste Hauch des Morgens, der die Nacht vertreibt. Aurora - das Licht, das wiederkehrt, selbst nach den dunkelsten Stunden. So heißt sie nun, unsere Brigg. Unsere Regimentsbrigg.
Der Moment, als sie aus der Werft lief, war mehr als nur ein Augenblick aus Holz, Tau und Wasser, er war ein Herzschlag aus all dem, was wir sind. Der Hafen war erfüllt von Stimmen, von Rufen, vom Klang der Schmiedehämmer, die noch immer in der Ferne widerhallten, als wollten sie sagen: Wir haben sie geboren. Das Schiff glitt in die Bucht hinaus, stolz, aufrecht, mit einer Würde, die selbst der Wind zu achten schien. Das Wasser teilte sich vor ihr wie ein Vorhang aus Silber, und für einen Moment hielt die Welt den Atem an. Nun liegt sie dort, vor Anker in der Bucht von Adoran, sanft schaukelnd im Rhythmus der Wellen, wie ein Wesen, das erst langsam zu begreifen beginnt, dass es lebt.
Sie wartet.
Auf uns.
Auf die Marine
Auf unsere Hände, auf unsere Stimmen, auf die Befehle, die eines Tages über das Deck hallen werden.
Sie wartet auf Leben.
Und wir werden es ihr schenken.
Schon bald.
Das Fest am Hafen zog an mir vorbei wie eine dieser Nächte, auf die man so lange hingearbeitet hat, dass man am Ende gar nicht mehr weiß, wann der Anfang war. Wochenlang hatten wir organisiert, geschrieben, geplant, Briefe, Termine, Abläufe, Anordnungen, und all das in dieser rastlosen Mischung aus Pflichtgefühl und stiller Vorfreude, die mich trägt, wenn Müdigkeit längst zur Gewohnheit geworden ist. Es war, als hätte man ein großes Mosaik gelegt, Stein für Stein, Gedanke für Gedanke, und am Ende steht man davor und erkennt: es ist vollbracht. Die Menschen lachten, tranken, sangen, das Meer funkelte wie flüssiges Glas, und selbst der Himmel schien für einen Abend seinen tristen Schleier ablegen zu wollen.
Natürlich wurden die Worte des Dankes, die man sprach, an jene gerichtet, die in der ersten Reihe standen - an die Hochrangigen, an jene, deren Namen glänzen wie die Knöpfe auf ihren Uniformen. Ich stand im Hintergrund, lächelte und klatschte, und in meinem Inneren lachte ich mit, leise, herzlich, voller Freude. Denn ich wusste: das wahre Lob liegt nicht in Worten, die auf Podesten gesprochen werden, sondern in der Glut, die in der eigenen Brust brennt, wenn man weiß, dass man Teil von etwas Größerem war.
Und diese Glut trage ich in mir, hell und still zugleich.
Ich erinnere mich, wie Arjen neben mir stand, den Blick hinaus auf das Meer gerichtet, die Hände verschränkt hinter dem Rücken, als wolle er den Moment mit aller Kraft festhalten. In seinem Gesicht lag diese Mischung aus Ernst und stiller Freude, die ich so an ihm liebe, dieses Lächeln, das nicht laut ist, sondern tief. Ich sah, wie seine Augen das Schiff verfolgten, wie sie in der Abendsonne aufblitzten, und spürte, dass in ihm dieselbe Wärme aufstieg, die auch mich durchströmte.
Die Aurora - sie ist nicht nur ein Schiff.
Sie ist ein Versprechen.
Ein neuer Anfang, ein Stück Hoffnung, das wir selbst gebaut haben.
Und wenn die Aurora eines Tages in voller Montur aufbricht, mit Wind in den Segeln und Donner im Bauch, dann werden wir wissen, dass jeder Hammerschlag, jeder Tropfen Schweiß, jede durchwachte Nacht sich gelohnt hat. Ich kann es kaum erwarten, diesen Moment zu erleben, wenn der Bug das Wasser teilt und das erste Kommando über das Deck hallt. Wenn wir gemeinsam auslaufen, Schulter an Schulter, und der Wind uns an die Hand nimmt, als wollte er sagen: Nun gehört ihr wieder der Welt.
Bis dahin aber, genieße ich jeden kleinen Moment hier, den Geruch von Teer und Salz, das leise Knarren der Planken, das ferne Rufen der Möwen über Adoran. All das ist Musik, die nur jene hören, die ihr Herz dem Meer anvertraut haben. Und wenn am Abend der Himmel über der Bucht in Purpur versinkt und die Sonne sich hinter den Masten der Aurora verabschiedet, dann weiß ich, dass sie wartet. Geduldig, stolz und lebendig.
So wie wir alle.
- V.H.
Re: Abseits des Krieges
Verfasst: Samstag 29. November 2025, 01:42
von Viktoria Hamberg
- Adoran, 29. Rabenmond 268,
Nerium Oleander Apotheke - Nachtgedanken
Es gibt Tage, an denen mir scheint, als atme die Welt selbst ein wenig tiefer, als würde sie, ganz ohne Ankündigung, ein Stück heller, weiter und sanfter werden. Heute ist einer dieser Tage. Vielleicht liegt es an der salzigen Luft vom Hafen, die den Geruch von frischem Holz, Maschinenöl und Meer herüberträgt. Oder daran, dass meine Gedanken immer wieder zu Arjen wandern: zu dem Leben an seiner Seite, das mir mehr Halt gibt, als ich je zugeben würde. Und zu der Aufgabe im Regiment, die ich mir selbst geschaffen habe und die mir, wider jeden Zweifel, das Gefühl gibt, am richtigen Ort zu sein.
Arjen.
Ich könnte ein ganzes Buch mit Beobachtungen über ihn füllen. Aber am Ende würde jedes Wort doch nur unzureichend beschreiben, was er für mich bedeutet. Er ist kein Held aus einem Märchen, keiner, der mit großen Gesten die Welt aus den Angeln hebt. Er ist eher wie der feste Boden unter den Füßen, wenn man meint, man müsse schwanken. Ein leiser Stern, der einem den Weg weist, ohne darauf hinzuweisen, dass er leuchtet. Ich mag, wie er denkt, noch bevor er spricht. Wie seine Stirn sich in diesen feinen Linien kräuselt, wenn er etwas ernst nimmt und wie dieser Ausdruck verschwindet, wenn er am Morgen schläfrig in der Tür steht, das Haar zerzaust vom Kopfkissen. Und ich mag, wie selbstverständlich es inzwischen geworden ist, dass der Tag nicht ganz beginnt, bis ich das leise Atmen neben mir gehört habe. Man sagt, man gewöhne sich schnell an schöne Dinge, aber wenn es wahr wäre, müsste doch irgendein Teil von mir bereits abgestumpft sein. Das ist er aber nicht. Ganz im Gegenteil: jedes Mal, wenn ich seine Nähe spüre, denke ich insgeheim: Möge dieses Stück Frieden so lange währen, wie mein Herz schlägt. - Worte über einen Menschen wie ihn zu schreiben, ist wie den Morgenhimmel in ein Notizbuch pressen zu wollen, am Ende bleibt doch nur ein zarter Abdruck von etwas, das in Wirklichkeit den ganzen Horizont füllt.
Im Regiment selbst wird es nie langweilig. Die Rekruten treten inzwischen mit einer Mischung aus Respekt und vorsichtigem Mut auf mich zu und nichts erfüllt mich mehr, als ihr Wachsen zu beobachten. Ihre ersten Schritte, die noch wackeln, die unsicheren Hände an der Waffe, die zitternden Finger beim Grenzritt, die Art, wie sie schauen, wenn sie etwas zum ersten Mal richtig machen. Diese kleinen Siege sind kostbarer als Medaillen. Sie erinnern mich daran, warum ich diesen Dienst so sehr liebe. Es ist ein seltsamer Trost, ausgerechnet im Krieg Handlungen zu finden, die Leben schützen. Die Gardisten, die durch mich und mit mir ausgebildet wurden, sind mir in den letzten Monaten so ans Herz gewachsen, dass ich manchmal lachen muss, wenn ich an frühere Zeiten denke, in denen ich glaubte, Kameradschaft sei nur ein Wort aus dem Handbuch. - Ein Handbuch ist nichts weiter als ein höflich gebundener Geisteshusten.
Adoran ist mein Heim geworden, still und unaufdringlich. Die Straßen riechen nach feuchtem Stein, Ruß aus den Schornsteinen und nach dem Meer, das nie weit ist. Ich mag die Art, wie die Stadt morgens erwacht, mürrisch manchmal, verschlafen, aber ehrlich. Und abends, wenn die Straßenlaternen brennen, wirkt sie wie ein Ort, den selbst der Krieg nicht ganz brechen konnte. - Adoran ist wie ein alter Mantel: ein bisschen rau, ein bisschen abgewetzt, aber er wärmt die Seele besser als jeder neue Stoff.
Doch so viel Licht mein Alltag gerade trägt, gibt es auch Schatten, die noch leise hinter mir hergehen. Ich vermisse Antarian. Nicht nur ihn selber, sondern den Austausch, der uns immer begleitet hat, diese Art von Gespräch, die nicht oberflächlich bleibt, sondern wie ein tiefer Fluss unter allem fließt. Er war ein Stück Ruhe und zugleich ein Spiegel, in dem ich mich selbst sehen konnte. Dynal, sein Zuhause, war für mich immer ein Stück Welt, das anders atmete als Adoran: weicher, vertrauter, wie ein Raum, in dem Gedanken Platz haben und nicht an die Wände stoßen. Es ist still geworden um ihn, um sie, und diese Stille wiegt schwerer, als ich es zugeben mag. Doch ich glaube fest daran, dass manche Wege sich wieder kreuzen, so wie Ströme, die sich trennen, um später wieder in dasselbe Meer zu münden.
Und während ich dies schreibe, höre ich draußen das ferne Schlagen der Schiffsglocken, höre das Pfeifen des Windes, der über die Häuser streicht, das leise Atmen neben mir, das von Arjen ausgeht, und ich weiß: das Leben hier ist gut. Voller Arbeit, voller Pflichten, voller Menschen, die man liebt und voller Hoffnung, die in kleinen Funken aufglimmt, überall dort, wo man sie zulässt. - Manchmal wirkt das Leben in Adoran wie eine Laterne im Wind: Es flackert, es arbeitet, es ächzt und doch leuchtet es genau dann am schönsten, wenn man innehält und merkt, dass all das, was zählt, bereits im eigenen Schatten mitgeht.
Ich bin genau dort, wo ich sein will.
- V.H.
Re: Abseits des Krieges
Verfasst: Dienstag 2. Dezember 2025, 23:32
von Viktoria Hamberg
- Adoran, 02. Alatner 268,
Nerium Oleander Apotheke
Ich bin müde.
Eine jener tiefen Müdigkeiten, die in den Knochen glüht wie eine langsam verglühende Kohle. Die Glieder sind schwer, angenehm erschöpft, und die Uniform klebt mir nach der letzten Übung eng am Leib, als wolle sie mich daran erinnern, dass ich heute jede Faser meines Körpers gebraucht habe. Ein Hauch von Wärme liegt noch auf meiner Haut, dort, wo der Stoff sich zu lange angeschmiegt hat, und für einen Augenblick fühle ich mich wie Metall, das gerade erst aus dem Feuer genommen wurde - weich genug zum Formen, stark genug zum Tragen. Langsam schäle ich mich aus den Schichten der Uniform, Stück für Stück, wie jemand, der sich aus dem Tag selbst löst. Die Riemen an den Schultern haben sich wieder einmal verhakt, und bevor ich auch nur fluchen kann, spüre ich Arjens Hände über meinen Rücken wandern - ruhig, sicher, vertraut. Er löst die Schnallen mit der geduldigen Präzision eines Mannes, der diese Bewegungen inzwischen so gut kennt wie meinen Atem. Ein leises Seufzen entweicht mir, nicht aus Schwäche, sondern aus Erleichterung, als die schweren Rüstungsteile nachgeben. Gemeinsam verstauen wir sie in der Truhe, ich lege jedes Stück sorgsam hinein, so wie man Erinnerungen eines langen Tages ordnet. Arjens Nähe ist warm, beruhigend, und für einen stillen Moment wirkt es, als wäre das Ablegen der Rüstung ein kleines Ritual zwischen uns geworden - eines, das mir fast lieber ist als der Augenblick, in dem ich sie anlege.
Es gibt Abende, an denen der Tag in mir nachhallt wie ein letzter Glockenschlag, warm vibrierend, bis tief in die Knochen hinein. Heute ist einer dieser Abende. Vielleicht sogar mehr als das, ein kleiner Wendepunkt, ein stiller Meilenstein, den niemand laut beklatschen wird, der sich aber anfühlt, als hätte mir jemand einen weiteren kleinen Stein für meinen eigenen Weg in die Hand gelegt. Denn heute habe ich meine letzte Lehreinheit als Gardist erhalten. Der abschließende Baustein, die letzte Prüfung, der Moment, in dem aus all den Übungen, Anweisungen, Korrekturen und Wiederholungen ein fertiges Bild geworden ist. Es fühlt sich seltsam an, dieses Wort - ausgebildet - so endgültig, so rund, so fest. Und dennoch ist es kein Ende, sondern ein Anfang, ein leises Versprechen an mich selbst: Jetzt beginnt der Teil, in dem ich das, was mir beigebracht wurde, auch weitergeben darf.
Und wenn es etwas gibt, das mein Herz stärker brennen lässt als meine Waffe in der Hand oder der Dienst am Tor, dann ist es die Ausbildung unserer Rekruten. Es ist, als würde ich jedes Mal, wenn ich ihnen etwas erkläre, selbst wieder ein Stück wachsen, als würde ich mich gleichzeitig erinnern und erneuern. Jüngst ist wieder ein neuer dazugekommen, noch etwas unsicher in den Bewegungen, mit diesem typischen Blick, der zwischen Ehrgeiz und Überforderung pendelt. Ich erkenne mich darin wieder, so deutlich, dass ich manchmal lächeln muss. Es erfüllt mich, mehr als ich zugeben mag, wenn ich sehe, wie ein Griff sicherer wird, eine Haltung stabiler, ein Schritt präziser. Wenn jemand nach einer Woche etwas kann, was er zuvor für unmöglich hielt. Es ist eine stille Art von Freude, die nicht ausgelassen jubelt, sondern im Bauch glüht wie eine kleine, stetige Flamme. Ich gebe viel hinein - Zeit, Kraft, Gedanken, manchmal auch die Geduld, von der ich gar nicht wusste, dass ich sie besitze, aber ich bekomme auch viel zurück. Nicht in Worten, nicht in großen Gesten, sondern in Fortschritten, in Respekt, in diesem wachsenden Vertrauen, das irgendwann selbstverständlich wird.
Manchmal frage ich mich, warum mir diese Aufgabe so sehr ans Herz gewachsen ist. Vielleicht, weil sie mich daran erinnert, dass niemand allein stark wird. Dass jeder von uns Menschen hatte, die an ihn glaubten, als er selbst noch unsicher stand. Und vielleicht will ich einfach jemand sein, der diesen Funken weiterträgt. Der aus Rohstoffen etwas Formbares macht, ohne den Kern zu verändern. Der hilft, Soldaten zu formen, ohne Menschen zu verbiegen. Der Alltag im Regiment ist oft laut, hektisch und geprägt von Befehlen, die wie Pfeile durch den Hof schwirren, von Stiefeln auf Stein, vom Kratzen der Feder auf Papier, wenn Berichte geschrieben werden. Aber mittendrin gibt es immer diese Momente, die mich lächeln lassen: ein gelungener Witz zwischen zwei Übungen, ein Schulterklopfen, das stärker wirkt als jedes Lob, ein kurzer Blick, der sagt: Du machst das gut. Und manchmal reicht genau das, um mich durch einen ganzen Tag zu tragen.
Heute Abend, nach der letzten Lehreinheit, stand ich einen Moment auf dem Hof, die Hände in den Handschuhen vergraben, und sah den Rekruten beim reden zu. Und ich dachte: Genau hier will ich sein. Zwischen Holzwaffen, Schweiß, kaltem Wind und der Gewissheit, dass ich etwas beitrage, das mehr ist als nur Routine. Ich bin nun ausgebildet – aber fertig bin ich nicht. Werde ich wohl nie sein. Und das ist gut so. Denn es bedeutet, dass ich weiter lernen kann, weiter lehren, weiter brennen.
Und heute brenne ich besonders hell, nicht lichterloh, sondern wie eine beharrliche Flamme, die selbst im stärksten Wind nicht flackert, sondern leuchtet, weil sie weiß, wofür sie brennt.
Für Krone, Reich und Glauben.
- V.H.