Wenn du dich mit einem Dämon einlässt...
Verfasst: Samstag 27. September 2025, 18:22
von Syrr'ael
"Wenn du dich mit einem Dämon einlässt, verändert sich nicht der Dämon - der Dämon verändert dich."
Mandir'ith, Dämonologe
Neun Jahre zuvor:
Das also bedeutete es zu sterben...
Keine Fanfaren, kein letztes Geleit. Einfach nur ein verblassendes Bewusstsein, eine große Müdigkeit und die stete Erinnerung an den treuen Begleiter des Alters: Schmerz.
Hätte er noch die Kraft dazu gehabt, hätten sich seine Lippen vielleicht zur Grimasse eines Lächelns verzogen, denn wieder einmal drangen die fernen Worte seines Meisters Shan'Rhyl durch den Schleier des Vergessens an sein Bewusstsein: "Labe dich an dem Schmerz...er wird deinen Hass ins Unermessliche steigern...und somit deine Macht!"
Es war seltsam, dass diese Worte immer dann in seiner Erinnerung wie Luftbläschen aus der Schwärze des Sees seines Gedächtnisses aufstiegen, wenn seine Existenz bedroht zu sein schien. Vielleicht fungierten sie als eine Art Anker des sterbenden Gehirns: eine der stärksten, frühesten Erinnerungen seines Lebens... Die Schlange, die sich selbst in den Schwanz biss, ehe alles zum Ende kam.
Vielleicht war es die Klinge eines Feindes, vielleicht eine Kreatur in einem der zahllosen Verliese und versunkenen Schatzkammern dieser Welt gewesen. Vielleicht aber einfach nur ein versagender Leib, der zu lange über das Angesicht Gerimors gewandelt war. Eine Hülle - ein Werkzeug - die man bis zum Äußersten getrieben hatte, verdorben und korrumpiert durch die Kräfte, die der Geist darin zu manipulieren gelernt hatte.
Als das Leben aus ihm herausfloss, verlor sich das "Weshalb" in Bedeutungslosigkeit und auch das "Wo" verblasste zu einem vagen Ort, an dem ihn niemand finden würde - vor allem nicht "rechtzeitig", um ihm zu helfen, ihn zu retten, falls er es denn in seinem verzerrten Stolz überhaupt zugelassen hätte.
Nur das "Wie" gewann an Interesse, denn gleichermaßen zu den schwächer werdenden Vitalzeichen des Leibes spürte er eine Art Sog, ein Ziehen, am innersten Sein seiner Selbst. Das, was ein Kleriker vielleicht als Seele bezeichnen würde. Vielleicht waren es nur die letzten Halluzinationen eines sterbenden Gehirns, aber für einen Augenblick lang glaubte er, seinen Leib von Außen zu sehen, so als würde er vielleicht zwei Schritt über dem Körper schweben und darauf hinabblicken. Dann gewann der Sog an Stärke, potenzierte sich ins Tausendfache und riss scheinbar das, was von ihm übrig war, aus dieser Sphäre.

Für einen Augenblick lang drangen Bilder an das Echo seines Bewusstseins: eine tote, endlose Ebene, über die verzerrte Gestalten schritten. Manche davon klein, nicht größer als Kinder; andere titanisch - verdrehte Leiber als schwarze Schemen vor einem giftgrünen Himmel.
Weit entfernt am Horizont glaubte das Bewusstsein, das einmal Syrr'ael gewesen war, eine gigantische schwarze Festung emporragen zu sehen, erbaut in einer Geometrie, die sich jeder Vernunft zu entziehen schien, und aus dieser Richtung schien auch der ursprüngliche Sog gekommen zu sein, der ihn an diesen Ort geschleudert hatte.
Vor ihm aber ragte ein giftig grüner See auf, vielleicht aber auch nur ein Morast, an dessen Rand zahllos die vage erkennbaren Überreste humanoider Gestalten lagen. Manche davon schienen "frisch" zu sein, wiesen noch vor Pein oder Ekstase verzerrte Gesichtszüge auf, andere hingegen schienen zu dunkler Schlacke verfallen zu sein aus der, am Ende welchen Prozesses auch immer, schattenhafte Kreaturen emporstiegen um sich zum wilden Reigen im Inneren des Sees zu gesellen.
Dann spürte er auf einmal, wie der Kern seines Bewusstseins zu Zerfasern begann, als rissen hungrige, abertausende Ratten an seiner Essenz und er fühlte, wie die letzten Reste rationalen Denkens langsam begannen ausgelöscht zu werden, um nur einen einzigen Gedankenstrom als endgültiges Maxim zu hinterlassen:
Zerreiße, Vernichte, Vergifte!
Endlich der Lohn eines über 13 Dekaden dauernden Lebens im Dienste Alatars! Endlich die endgültige Loslösung aus dem verhassten Fleisch eines besudelten Leibes!
Er spürte, wie sich die Transformation dem Höhepunkt zuneigte und schloss genussvoll die metaphorischen Augen, ehe die kümmerlichen Reste der Existenz als Lethar von der reinigenden Essenz der Disharmonie hinweg gebrannt werden würden und er sich neu als Elementar reinsten Hasses erheben würde.
Aber etwas, ein fauliger, schwarzer Kern inmitten seines Selbst schien sich zu widersetzen. Ein Geschwür, ein Parasit, schon seit so vielen Jahren in seiner Seele eingenistet - und so klein, klein, klein, dass er es in seinen wachen Momenten nicht wahrgenommen und darüber hinaus nur als schmerzliches Echo einer unangenehmen Erinnerung abgetan hatte. Etwas, das selbst aus Disharmonie zu bestehen schien, nur anders polarisiert, irgendwie verdreht. Ein Kokon, der nun, als die Matrix seines Wirtskörpers aufgelöst und neu geformt wurde, zu Tage trat und selbst ein dissonantes Kreischen auszustoßen schien, ein Schrei voller Wut und Furcht zugleich.
Sofort schien sich der Fokus einer der gigantischen Kreaturen inmitten des Sees auf ihn zu fokussieren - eine Art Aufmerksamkeit, die heißer als die Sonne brannte und die jede Faser seiner Existenz zu evaluieren schien. Dann ein psychischer Schrei, ein zorniges Blubbern am Rande seiner Gedanken:
"UNREINER! BESUDELTER! DU HAST HIER KEINEN PLATZ!"
Und er spürte nur noch, wie sein Bewusstsein hinweggefegt, seine Existenz aus dieser Sphäre gedrückt, wie ein Furunkel herausgedrückt wurde und ehe ihm auch nur das psychische Äquivalent eines Schreies entfahren konnte, wurde es Schwarz um ihn.
Verfasst: Sonntag 28. September 2025, 22:23
von Syrr'ael
Eine Zeit lang - Tage, Monate, Jahre?! - schien er durch die Dunkelheit zu driften, das Bewusstsein am Rande der Auflösung. Seine ganze Essenz faserte noch immer aus, paradoxerweise nur noch von dem Ding in ihm zusammengehalten, das verhinderte, dass er sich komplett auflöste und stattdessen langsam, Stück für Stück, wieder an Kompaktheit gewann.
Gleichermaßen wurde auch der Strom seiner Gedanken reger, änderte sich von dem dumpfen Widerhall des "Zerreiße, Vernichte, Vergifte!" zurück zu der Grundstruktur seiner eigenen Persönlichkeit.
Irgendwann glaubte er Blasen wahrzunehmen, manche nicht kleiner als die Seifenblasen eines Kindes, andere von titanischem Ausmaß, das sich in seiner Gesamtheit nicht erfassen ließ.

Eine davon schien seltsam vertraut, eine Resonanz auf sein eigenes Sein, und er fühlte, wie er sich ihr anzunähen begann - erst langsam, dann immer schneller, bis sie in ihrer Gigantik seine ganze Wahrnehmung ausfüllte. An einem Punkt stellte sich seinem Herannahen kurz ein Widerstand entgegen, doch dann drang er darin ein, begann immer rascher durch milchigen, seltsamen Dunst zu treiben, ehe er auf einmal wie ein Komet durch eine Wolkendecke brach und auf den Boden zuraste, eine kleine Struktur - inmitten eines Waldes in der Nähe einer aus schwarzem Basalt erbauten Stadt - ansteuernd.
Kurz bevor er darin eindrang - im Augenblick eines Herzschlags - bemerkte er, dass die Struktur halb im Boden eingesunken und ansonsten von Farn und dornigen Büschen überwuchert war. Es war eine Art Kokon aus einer kompakt erscheinenden dunklen Masse und darin eingebettet lag die Ruine eines alten Letharenleibes, mehr tot als lebendig. Am Leben gehalten allein von dunklen, schwarzen Adern, die wie Wurzeln im Inneren des Kokons in seinen Leib getrieben waren und durch die leise blubbernd eine viskose Flüssigkeit rann.
Er spürte, wie er in den Leib eindrang, eins damit wurde, wie ein Animus, der in ein künstliches Konstrukt fuhr und dieses beseelte. Doch anstatt vom Licht des Erwachens illuminiert zu werden, fand er sich abermals an einem Ort reinster Dunkelheit wieder und eine leise, vergessen geglaubte Stimme schnarrte zur Begrüßung in tiefem Timbre: "Willkommen zurück! Bist du endlich bereit, mir zu dienen, Syrr'ael?!"
Panik - erschreckendes Erkennen - gefolgt von heißer Wut, als er zornig zu einer Antwort ansetzte.
"Ich werde dir niemals dienen, Furmas!"
Verfasst: Dienstag 30. September 2025, 22:55
von Syrr'ael
"Sieh dein Fleisch, fett und weiß. Weißt du, was es bedeutet vom Tod geliebt zu werden?!"
Furmas, ehemaliger Wächter Mael'Rayats
Wächter.
Verführer.
Verschlinger.
Furmas trug viele Titel und Syrr'ael hatte sie alle in ihrer Funktion erlebt. Einst ein Wächter des ersten Bruchstückes Mael'Rayats, dann von der Verheißung der Macht korrumpiert und es für sich selbst beansprucht. Als ihn die Kinder des Panthers besiegten, floh er vor dem Tod und versteckte sich unbemerkt im Bruchstück selbst, um sich dort an der Essenz derjenigen zu laben, die sich unbedarft den "Prüfungen Mael'Rayats" stellten - ohne zu wissen, dass diese Prüfungen nur eine Falle des Dämons waren und niemals zu bestehen waren, um schlussendlich als Futter für diesen zu enden.
Auch er selbst wurde von dem Bruchstück verschluckt, von Wahnsinn und Verzweiflung bestürmt und um ein Haar selbst verschlungen.
Damals hätte es eigentlich enden sollen, aber nun schien die Kreatur - die widerliche Antithese zu den Lehren der Letharen - erneut in sein Leben getreten zu sein.
"Oder ist er schon immer da gewesen?", flüsterte eine leise, gehässige Stimme am Rande seiner Wahrnehmung. Ehe er aber diesen Gedanken weiter verfolgen konnte, schälte sich aus dem Dunkel des Ortes ein giftig glimmendes Augenpaar in der Farbe grünlich-gelben Eiters und fixierte ihn mit dem wachsamen Interesse eines Jägers, der ein Stück potentieller Beute begutachtete.

"Aber, aber...!", ertönte abermals die Stimme der Kreatur, ein höhnisches Raunen in gespielter Verwunderung. "Zeig doch ein wenig Dankbarkeit, kleiner Lethar. Habe ich mich nicht gut um deinen Körper gekümmert? Habe ich mich nicht gut um deine Essenz gekümmert?!"
"Schweig, verfluchter Parasit! Du weißt genau, dass mir ohne dir endlich die Last des Fleisches erspart bleiben würde!"
"Nun, vielleicht." Die Stimme wurde ruhiger, berechnender. "Vielleicht ist es aber so, dass du einfach unwürdig warst..."
Eine kurze Pause, gefolgt von leisem Lachen.
"Nein, nein, spar dir deine Worte, denn egal was du mir nun gerade sagen wolltest, kleiner Lethar, solltest du dich doch eher mit den Fakten anfreunden."
Fakten. Ein Wort, dessen Bedeutungskern eher zu der analytischen Herangehensweise menschlicher Liedwirker passen würde, dem er sich aber dennoch stellen musste.
Er überlegte kurz, um dann langsam ein Nicken anzudeuten.
"Was willst du...?"
Und die Augen des Dämons wurden größer, gieriger - triumphierend?! - und so begann ein Dialog in jener Dunkelheit, die die Seele des Letharen erfüllte...
Verfasst: Samstag 11. Oktober 2025, 20:10
von Syrr'ael
Die erste Empfindung, die er - nun wieder mit physischer Hülle - fühlte, war ein brennender Schmerz, der sein ganzes Sein zu erfassen schien und sich wie Feuer vom Scheitel seines Kopfes bis in die Spitzen seiner Zehen fraß und er benötigte einen Augenblick um zu erkennen, dass dies lediglich die überreizte Empfindung neuerwachter Nervenbahnen war. Dann, als hätten sie nur auf dieses erste Signal gewartet, drangen die restlichen Schmerzen seiner verbrauchten Hülle an sein Bewusstsein, peitschten seine Nerven und überrannten seinen Körper wie eine brandschatzende Armee ein grünes Tal. Er wollte schreien, aber seiner Kehle entfuhr nur ein feuchtes Blubbern, denn eines der wurzelartigen Tentakel des Kokons - des Sarkophages, in dem er lag! - führte direkt über seinen Mund die Kehle hinab in den Bauch.
Zuckend lag er da und fühlte nun erstmals in seiner Gesamtheit die zahllosen Fortsätze der ihn umgebenden Hülle, die wie ein Geflecht aus Adern seinen Leib umgaben und darin eingedrungen waren. Er spürte, wie allein die Anstrengung bei Bewusstsein zu bleiben, an seiner Essenz zehrte und instinktiv griff er nach der Macht der Disharmonie, um über die Resonanzen mit dem verhassten Lied die gröbsten Schäden zu heilen.
Sofort begann der gröbste Schmerz zu verblassen und die Regeneration der Hülle trieb die Adern des Kokons zum größten Teil aus ihm heraus. Er spürte, wie sich das schlauchartige Konstrukt aus seinem Bauch und seiner Kehle zog und als der Mund endlich frei war, das rasselnde Husten einen Teil des Schleims - der seine ganze Kehle zu bedecken schien - endlich aus seiner Brust lösen konnte. Gleichermaßen schien irgendwo in seinem Körper sofort wieder etwas zu reißen und wieder brandete heißer Schmerz durch ihn hindurch, wieder die Heilung um dann zu spüren, dass an einem neuerlichen Ort eine von Eiter verseuchte Wunde aufbrach.
Eine Zeit lang lag er einfach nur, ein rasselnder Atemzug nach dem anderen, fühlend wie Schmerz einer Welle nach der Anderen gleich seinen Leib durchflutete und er damit beschäftigt war, lediglich dazu zu sorgen, dass die neuerlichen Wunden wieder geheilt wurden, ehe er eine Art geistigen Automatismus entwickelte, der den Schmerz zu einem Hintergrundrauschen quälender und zugleich seltsam berauschender Agonie verkommen ließ.
Der Dämon in ihm schwieg, zurechtgewiesen durch die Macht eines überragenden Geistes. Er hatte Furmas früher besiegt und es war närrisch gewesen anzunehmen, dass es diesmal anders sein würde.
Mittlerweile hatte er sich aus den Überresten des Kokons gekämpft und verharrte keuchend in dem kleinen Waldstück. Hass brandete wie eine Flamme in ihm auf, als die geordneten Strukturen des Lieds seine Sinne besudelten und in einem ersten Instinkt griff er abermals nach der süßen, verderbenden Macht des Disharmonie. Feuer zuckte aus dem Boden, leckte nach der Vegetation und in blinder Zerstörungswut kanalisierte er seinen Hass und zerfetzte das Erdreich um sich, ehe der verkümmerte Rest der Vernunft ihn Einhalt gebieten ließ.
Die letzten Flämmchen verebbten, ließen verkohlte, qualmende Erde übrig. Einen Augenblick lang versuchte er sich in der fremd wirkenden Umgebung zu orientieren, ehe er einer vertrauen Struktur in der Dissonanz folgte, wo sein Weg ihn bald in das neue Leth'Axorn bringen würde.

Verfasst: Sonntag 12. Oktober 2025, 13:48
von Syrr'ael
Der Weg gen Leth'Axorn war eine seltsame Mischung aus würdelosem Gestolper durch dichtes Unterholz und einer inneren Unruhe, die einem Raubtier glich, das der Fährte eines Beutetiers folgte, und ihn Schritt für Schritt voran trieb.
Irgendwann durchschritt er einen Torbogen und fühlte die neugierig wachsamen Blicke zweier letharischer Wachen auf sich ruhen, die Armbrüste in ihren Händen eine Handbreit angehoben, ehe ihr Blicke auf die Robe fielen, die ihn als Lethyr auszeichnete und quasi als magischer Türöffner fungierte.
Eine fremde Kaverne - ein fremdes Axorn - umgab ihn und dennoch hatte alles eine vertraute Note an sich, eine vertraue Empfindung. Hin und wieder spürte er die fragenden, scheuen Blicke anderer Bewohner auf sich ruhen, doch keiner wagte es den buckeligen, alten Lethyren anzusprechen, dessen inhährente Macht über die Disharmonie ihn wie eine Blase umgab, die niemand zu durchdringen wagte. Irgendwann erreichte er einen Turm, denn instinktiv spürte er, dass an diesem Ort die größte Macht im Axorn zu finden war und als er auf der Turmkrone einen weiteren Türbogen durchschritt, offenbarte sich seinen Sinnen die Präsenz mehrerer Letharen.
Einer davon strahlte Macht wie eine Sonne in dunkler Nacht aus und instinktiv neigte Syrr'ael das Haupt vor der Gestalt, die unzweifelhaft der neue Van'leth'axorn, der Meister des Axorns, sein musste.
"Erhabenster, ich bin... Syrr'ael", drang es als heiseres Krächzen aus seit vielen Jahren unbenutzten Stimmbändern hinter der Maske, die seine Gesichtszüge verbarg, hervor.
"Das kann jeder behaupten", erklang die Antwort, aber ehe Syrr'ael noch zu weiteren Erklärungen ansetzen konnte, wirbelte eine andere, buckelige Gestalt eines alten Letharfen heran und versuchte ihn am Hals zu packen. Ein warnendes Zischen entfuhr ihm, ein Laut zwischen einem Sabbern und ernsthafter Entrüstung, doch der alte Letharf machte keine Anstalten in seinem Tun innezuhalten. Einen Augenblick lang war er zu konsterniert, um auf den versuchten Griff zu reagieren, dann aber spannte sich der dürre Leib und ein dissonantes Kreischen ertönte, als er nach der Macht der Disharmonie griff und sich zwei Schritt hinter den Letharfen teleportierte.
"Wenn Q'in überprüft hat, ob du Syrr'ael bist... wirst du mir eine Frage beantworten."
Q'in?! Der Ala'thraxor, der vor so vielen Jahren Vater diente und den er tot oder zumindest verschollen geglaubt hatte?
Doch ehe er diesen Gedanken weiter verfolgen konnte, kommentierte Q'in lediglich "Lethyr", und eine Waffe aus schwarzem Teer formte sich in dessen Hand, um ohne ein weiteres Wort nach Syrr'ael zu hacken, der gerade noch in einer instinktiven Bewegung den Stab heben konnte, um den Schlag abzuwehren. Dennoch schleuderte ihn dieser einen halben Schritt nach hinten und trieb ein unangenehmes Knirschen durch seinen Leib .
Dies schien den Ala'thraxor aber nur anzuspornen, denn gleichwohl der erste Hieb lediglich verspielt war, spannten sich nun unmerklich dessen Muskeln - das Chaos, das die Kampfkunst Q'ins war, drohte aufzublühen. Währenddessen begann der Saum des Umhangs, der Syrr'aels Leib umgab, in den Flammen des offenen Kamins hinter ihm Feuer zu fangen und er riss das qualmende Ende nach vorn, Q'in entgegen, der ihn aber lediglich mit einer Bewegung der, in schwarzen Stahl gehüllten, freien Hand beiseite wischte um im selben Atemzug die Klinge nach vorn schwirren zu lassen, um am Hals Syrr'aels zu verharren.
"GENUG!", donnerte überraschend kraftvoll dessen Stimme und der zuvor gewirkte geistige Griff nach der Macht der Disharmonie verstärkte sich. Über die Finger seiner ausgestreckten Hand begannen giftig-grüne Elmsflämmchen zu tanzen, während sich der Brustkorb unter regelmäßigen, rasselnden Atemzügen hob und senkte.
"Wenn er es ist...", ertönte nun die seltsam vertraut klingende Stimme einer Lethra, "dann hat der Erzlethyr Wissen, das sonst niemandem offen stand. Q'in wird für einen Moment ablassen."
"Sieh mich an, Erzlethyr."
Langsam drehte er sich zu ihr und im gleichen Moment schien es, als griffe eine klamme Hand nach seinem Herzen. Velvyr'tae?!
Sie verharrte mit der Geduld der Langlebigen, das Kinn leicht erhoben, ohne Arroganz.
"Un...unmöglich...", murmelte er halblaut, "Tot, ihr seid beide tot."
"So wie du."
Sie schien mit den Jahren gealtert und die sichtbaren Runen waren andere, aber die Gesichtszüge waren recht unverkennbar die Alten.
"Ich...", begann er, um dann zu stocken und der Rest seiner Worte verlor sich in undeutlichem Murmeln. Er drehte den Kopf zwischen Q'in und Velvyr, schien beide kurz zu taxieren, ehe er die Hand sinken ließ und die Flammen, die sie noch umgaben, vollends verebben zu lassen.
"Es scheint, dass Vater für uns alle noch einen Plan hat..."
"Es gab Hochstapler und Verrückte in den Jahren, die versuchten das Axorn zu infiltrieren."
Die Finger ihrer rechten Hand spielten unablässig an ihrer Seite, dort, wo vielleicht ein Dolch verborgen hätte sein können. Ihr Blick und ihre Stimme aber waren ruhig.
Für einen Augenblick schien alles vor ihm zu verschwimmen, als die Macht der Erinnerung auf ihn eindrückte, Worte drangen an sein Ohr und er hörte sich wie in Trance antworten. Dann durchdrang die klare Stimme Velvyr'taes seinen Schleier.
"Also beantwortet eine Frage, Erzlethyr. Sie besteht aus zwei Teilen."
"Wie hieß der Wächter des ersten Bruchstücks der Flamme, die wir fanden?"
Diese Frage hämmerte mit der Macht eines Hammers auf den Amboss seines fragilen Geistes. Auf einmal blitzten wieder Bilder in seiner Erinnerung hoch, Bilder als er eine Gruppe Letharen in einen versunkenen, alten Tempel führte, die erhabene Gestalt eines Wächters, der das erste Bruchstück Mael'Rayats bewachte. Mächtige Schwingen, eine kraftvolle Physis, die in ihrer Perfektion den Göttern selbst ähnelte. Die wahre Macht aber war der geniale Geist, der...
Irgendetwas ließ ihn inne halten, ein stiller Schrei in der Dunkelheit seines Geistes?
Noch immer starrte Velvyr'tae ihn an, auf eine Antwort wartend.
"F-F-Furmas...", brachte er dann langsam und gedehnt hervor und erst jetzt wandte er sich vollends zur Lethra um. "Quäle mich nicht, Lethoryxae", zischte er dieser aus zusammengebissenen Zähnen zu.
"Furmas", echote sie den Namen und da war ein kurzes Flackern in ihrem Blick, eine Erinnerung vielleicht, und leiser, "Ich erfülle meine Pflicht, wie ich es immer getan habe... nicht wahr? Egal, welche Rolle du mir zugedacht hast."
Ein neuerliches Knirschen, als sich Syrr'aels Finger fester um den Stab schlossen und damit schien der flüchtige, intime Moment zwischen den beiden wieder beendet. Ihr Stimme wurde wieder härter, als wollte sie eine mögliche Erwiderung schlichtweg übertönen.
"Wer hat dich aus seinem Griff befreit? Deinen Geist zurückgeholt? Damals..."
"Zurückgeholt...", echote er und das Ende des Wortes wurde irgendwie mit einem Hauch reinsten Wahnsinns betont, als sich seine Stimme fast überschlug.
"Du warst es, geschätzte Lethoryxae... du, dein Volk und die Lethry Lys'Xaera."
"Er ist es. Er gehört dir, Meister", meinte Velvyr'tae an die Gestalt Qy'lhors gewandt. Wieder wurden Worte gewechselt, er wurde vorsichtig willkommen geheißen und doch schien es Syrr'ael, als versank sein Geist in einer Art zähflüssigen Moorast, durch den alles irgendwie gedämpft und reduziert wirkte.
Warum hatte er "dein Volk" gesagt, nicht "unser Volk"?! Er spürte eine seltsame Empfindung in seiner Brust, seinem Herz - nein, seiner Seele. Ein harter, diamantener Kern, der nicht er selbst war. Ein Parasit, der sich wohlig räkelte und während Syrr'ael Q'in und einem Lethrixor in die ihm zugewiesene Schlafstätte folgte, schrie sein Geist voller Wut und Panik.
Getäuscht, der Dämon hatte ihn getäuscht und wieder spürte er dessen Lachen in seiner Seele.
"Oh kleiner Lethyr, hast du gedacht es könnte so einfach sein?"
Er kam sich wie der dumme Narr vor, der er war. Seine Überheblichkeit war stets seine größte Schwäche gewesen und der Dämon hatte genau gewusst, welchen Hebel er wieder ansetzen musste.
Er würde einen Weg finden, sich des widerlichen Parasiten zu entledigen. Schwarzes Eis brannte durch seine Adern, als sich Furmas bemerkbar machte.
"Du brauchst mich genauso, wie ich dich brauche, Lethyr. Vergiss das nicht!"
Oh ja, vielleicht mochte das stimmen. Vielleicht würde seine Hülle tatsächlich so rasch kollabieren, wie der Dämon es ihm einzureden versuchte, und die Befreiung in Nileth'Azur durch den Makel auf seiner Seele verwehrt.
Noch...