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Windgeflüster vom Sturmkind

Verfasst: Montag 28. August 2006, 23:53
von Lileas Jagotin
„Aber du bist noch ein Kind!!! Kommt also gar nicht in Frage – Ende der Diskussion!“
Mit stoischer, düsterer Ruhe beäugte sie ihr Mündel, welches nun recht aggressiv mit dem Bein aufstampfte und die Hände zu Fäusten ballte, während sich das Gesicht dunkel verfärbte.
Von wegen junge Frau, liebes Mädchen, du bist alles andere als erwachsen!
Seufzend wollte sie in einem etwas milderen Tone mit beruhigenden Worten einlenken um den aufkeimenden Wutanfall noch im Keim zu ersticken. Der schrille Aufschrei Lileas’, deren Züge nun fast die Farbe ihres kastanienrotbraunen Haares angenommen hatten, zeigte der ältlichen Haushälterin der stolzen Burg Dunnomar, dass es dafür schon zu spät war.

„Waruuuum? Ich will, will, will aber… und NICHTS hält mich auf!“, verkündete sich mit unheilvollschwangerer Stimme und schüttelte drohend die kleinen, verkrampften Fäuste. Auch der nächste Versuch seitens der Burgmagd einzulenken wurde von der aufheulenden Stimme zunichte gemacht, welche leidenschaftlich hinzufügte:

„Er ist mein Lieblingsvetter, hörst du?! Wenn da nun dunkle… dunkle… Schurken und sonst ein Gesindel nach seinem Leben trachten, dann werde ICH ihn retten… verstehst du?“

Doch wartete sie keine Antwort ab.
Verletzt glomm ein Funke übereifriger Verzweiflung in den maigrünen, hellen und sehr lebendigen Augen auf, als sich keine Woge des Verständnis über der steifen Miene der Disputpartnerin breit machte und noch ehe jene auch nur einen einzigen Einlenkungsversuch frei hatte, knallte die dicke Eichentüre des Burgzimmers und rasche Schritte hasteten stapfend die Treppen herab. Lange ruhte der Blick der ergrauten Haushälterin auf der Stelle an welcher bis vor kurzem noch die erboste Heranwachsende gestanden war und getobt hatte. Dann zog ein trüber, verstimmter Schleier seinen Pfad durch das Augenmerk und im selben Moment ließ sie den Kopf kraftlos sinken. Wohin sollte das mit der Kleinen nur führen? Wohin…
Ein pfeifender Jammerwind heulte empört um die Turmmauern Dunnomars.

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Nachdem sich der auftosende Orkan im inneren der jungen Seele gelegt hatte blieb nach all der heißen Luft nicht mehr sehr viel mehr als ein Häufchen Elend zurück. Dieses kleine Etwas fand sich alsbald zusammengekauert an einem windgeschützten Eck Felsbrocken nahe dem jähen Abgrund der Klippen und starrte dramatisch seufzend und greinend auf die düstere See, während der Küstenwind fast tröstlich über das flammenartig rote, lange Haar strich.

Lileas Jagotin versank im Selbstmitleid und bemerkte gar nicht wie sie erneut gar wunderbar in die vorher so abgestrittene Rolle eines verwöhnten, störrischen Kindes fiel. Blinzelnd quetschte sie noch ein paar Krokodilstränchen von den langen, dunklen Wimpern um dann leise zu schniefend sich selbstumarmend zusammen zu kuscheln, wie es kleinere Bälger gern des Nachts unter der Bettdecke hielten. Verständnislos schüttelte sie den Kopf langsam und begann ein weiteres Mal ihren inneren Monolog voller Klagen und Beschimpfungen.
Wieder einmal hatte sie jedermann eilig in die Schublade „dummes Gör“ gesteckt und offensichtlich war sie einmal mehr mit ihrer Meinung ganz alleine. Allein der Gedanke an diese schreiende Ungerechtigkeit verschleierte ihren Blick auf das ins Abendrot blutig getauchte Gewässer ein weiteres Mal. Ja… alleine… wie treffend, denn niemand verstand sie- NIEMAND!
… bis auf eine Person, da war sie sich ganz, ganz sicher... und ein wehmütiges, kleines Lächeln stahl sich fast diebisch auf die zuvor so schmollig verzogenen Lippen, welche nur wenige Momente später liebevoll und schmachtend verträumt einen Namen aushauchten:

Feeeeeeeoooohraaaaaahaaaaas….

Seit sie eine Erinnerung aufzeichnen und geistig behalten konnte war der mehr als zehn Jahre ältere Vetter ein gern gesehener und häufiger Gast in der umfassenden Bibliothek in den Kellern der Burg Dunnomar. Ach, was verdankte sie diesem Gewölbe doch nicht alles. Dank der Bibliothek und der passenden Berufung ihres Vaters hatte der junge Witwer samt seiner damals erst dreijährigen Tochter eine gut bezahlte und wohl angesehene Arbeit gefunden, die beiden ein sehr angenehmes Leben an der rauen, doch ungezähmt schönen Küste des Landes ermöglichte. Während ihr Herr Papa mehr Zeit in diesem Keller als ausserhalb der Burgmauern verbrachte, streunerte das Mädlein schon früh sehr wild mit all den jungen Pagen und Stallburschen, welche – so wie die kleine Schönheit - zum Inventar Dunnomars gehören in der freien, nicht ungefährlichen Küstennatur umher. Da hier die etwas gestrengere, oberste Magd des Anwesens, Mialla mit Namen, kein Auge mehr auf ihren erkorenen Schützling werfen konnte und der werte Vater sich in Sachen Erziehung lieber zurückhielt um die Nase in ein weiteres Buch zu stecken war das Ergebnis dieser Unachtsamkeit bald deutlich spürbar:

Lileas war stur, dickköpfig, aufbrausend, launisch, wild und da die Kleine ein sehr hübsches und vor allem einzig weibliches Wesen in einer Bande brüderlich angehauchter Knaben war leider auch sehr verzogen. Vielleicht lag es daran, dass ihr Vetter gerade nicht in das Bild der hätschelnden, unreifen Bengel passte, sondern sich auch stets die „Frechheit“ herausgenommen hatte, seiner kleinen Cousine offen und ehrlich die Meinung zu sagen oder sie auf die häufigen Albernheiten und Lächerlichkeiten hinzuweisen, welche sie sich am laufenden Bande leistete. Seltsamerweise jedoch schürte das nur die Hingabe des Mädchens, welche den jungen Kerl mit dem sanften Lächeln, der ihr ebenso stur ab und an Parole bot völlig idealisierte, nur noch mehr. Sie hatte für diese Entwicklung ihre ganz eigene Erklärung und war sich sicher, dass da etwas Ungreifbares, Unersichtliches für Außenstehende gab, welches ihre beiden Seelen wie ein unsichtbares Band zusammenknüpfte. Er verstand sie… einzig er…

Doch ER war nicht da, er war in Varuna und der letzte Besuch bei seinen Eltern hatte Gerüchte mit sich gezogen, die schwer auf dem Herzen Lileas’ lasteten und ihr schlaflose Nächte bereiteten. Dunkle Magier, so raunte man und allein das, was sie in den Geschichtsbüchern der Bibliothek über Arkorither gefunden hatte ließ sie heftig innerlich beben. Diesem Gräuel war nun der liebe, so unschuldig wirkende Feoras schutzlos ausgeliefert und hatte niemanden an seiner Seite im fernen Varuna.
Außer…
Ein weiterer, sehr strenger Schatten überzog die feinen Züge und entstellten sie ein wenig.
Da war noch ein weiteres Gemunkel – ein Flüstern, welches ihre Brauen fast ruckartig tiefer gleiten ließ und rasch schüttelte sie das stolze Haupt ein weiteres Mal, als ihr junger Körper sich unweigerlich mit plötzlicher Entschlossenheit zu straffen begann.
Nein, bei all diesen dunklen Gestalten und einer weißhaarigen Hexe würde sie ihn nicht lassen! Er brauchte sie und es war längst an der Zeit allen zu beweisen, dass sie kein unselbständiges Kind, sondern eine junge, selbstbewusste Frau war, die ganz gut eigene Entscheidungen fassen konnte!

Erst im Laufe des Nächsten Tages, als der junge Trotzkopf zu keiner der Mahlzeiten erschien, nicht in der nahen Umgebung auffindbar war und Mialla entsetzt bemerkte, dass einige Münzen aus der Haushaltskasse und etwas Brot aus der Küche fehlte, wurde dem kleinen „Hofstaat“ Dunnomars die Tragweite von Lileas „erwachsenen“ Entscheidung bewusst.

Fast höhnend pfiff der Wind an der Küste entlang…

[img]http://www.saxtravel.co.uk/images/landscapes/dunnottar.jpg[/img]

Verfasst: Montag 27. November 2006, 00:54
von Lileas Jagotin
Mit Resignation verfolgte Alaria, das sommersprossige, dürre Zimmermädchen blicklich die lautlosen, aber hastigen Bewegungen der kleinen Mieterin, welche ein weiteres Mal an diesem Tag für mehrere Momente wie ein fleischgewordener Orkan durch die kleine Kemenate fegte und ruhelos das Augenmerk von Fenster zu Tür und wieder zurück schweifen ließ. Meist endeten diese Eskapaden dann damit, dass das junge Temperamentbündel sich auf die Bettkante plumpsen liess und schmollend die Arme vor der Brust verschränkte um eine Seufzarie anzustimmen oder aber missgestimmt mit den leichten Absätzen ihrer gleichermaßen heißgeliebten wie unpassenden, klobigen Stiefel gen Bodenlatten zu donnern.

Dieser Aufruhr hatte erst seit dem gestrigen Abend begonnen, als die Kleine, wohl die junge Cousine des geachteten und hochgeschätzen Hofmagiers Feoras de Jagotin, plötzlich von einem Alptraum aufgeschreckt aus dem Zimmer gestürmt und nur mit dem langen Linnennachthemd bekleidet die Treppen herab gen Portier gehastet war um dem völlig ahnungslosen, armen Gastwirt eine wüste Geschichte über "unzufriedene, laute Winde" und einer abstrusen "Gefahr", in welcher sich der junge Magier befinden sollte, aufzudrücken.

Man hatte, in Alarias Augen und Ohren, das einzig richtige sofort getan:

Nachdem doch bekannt war, dass die junge Dame das Haus hüten sollte und keine Spaziergänge seitens ihres Cousins geduldet waren, hatte man das wild plappernde Kind am Arm gepackt und trotz Heulerei wie Gezeter wieder ins Zimmer geschleift. Der alte Ewan, seines Zeichens Herr der Schlüssel im noblen Gasthof, hatte sich sogar noch in aller Gnade und Liebe zu dem widerborstigen Rotschopf die Zeit genommen sich ihre Geschichte anzuhören, doch scheinbar gab es da nicht wirklich viel zu erzählen. Kopfschüttelnd und seufzend hatte er höchstpersönlich Alaria am Morgen, als sie sich mit der "Wachschicht" über den nun wild-gewordenen Miniaturdrachen ablösten, berichtet, dass "Fräulein Jagotin" im Endeffekt ihren Schreckmoment dann doch an keiner klaren Aussage festigen konnte und nur wieder reichlich verquer versucht hatte ihm eine Erklärung über Veränderungen im Wetter oder dergleichen als "böses Omen" zu verkaufen. Schließlich hatte er nach gutem Hausmannsrezept nach Baldrian Tropfen gegriffen und sie in den Tee des Mädchens gemischt... zumindest bis zum Mittag hatten sie ihren Dienst halbwegs getan.

Jetzt war der kleine Drache wieder vollends wach und schlug zumindest sinnbildlich krakeelend mit den Flügeln. Eine zeitlang war Alaria wirklich kurz davor gewesen entweder einen Boten zur Villa de Jagotin oder aber zu jenem Magister Ving Wyllen, dessen Namen die Kleine mehrfach genannt hatte, zu entsenden - nur um das Kind endlich zu beruhigen, doch war ihr dann wieder eingefallen warum man die junge Dame den überhaupt hierhergebracht und ihnen anvertraut hatte...

Nein, es war wirklich besser, wenn jener Wirbelwind einmal zur Ruhe kam. Schließlich konnte man dem armen, charmanten Hofmagier ja nicht zumuten ein derart verwöhntes und überdrehtes Mädchen alsbald in die Gesellschaft einzuführen.

Noch während sie diesem Gedanken mit stillem Grimm nachhing und die Hände, zum selbstfestigendem Trotze, in die knochigen Hüften stemmte, jaulte draussen der winterliche Rabenmondswind hell auf und kündigte die Nacht an. Fast zeitgleich mit jenem hellen Aufschrei des Elements, warf sich Lileas Jagotin der Länge nach ins Federbett und vergrub das Gesicht tief im Kissen. Das Schluchzen, welches im Folgemoment gedämpft aus den Tiefen des Bettes drang, war allerdings so herzerweichend und kindlich-rein verzweifelt, dass Alaria ihre harte Pose vergaß und sich rasch gen Türe wandte.

Noch in jener Nacht fand ein Bote seinen Weg durch die dunklen Gassen Varunas, mit einer schriftlichen Nachricht an den jungen Hofmagier Feoras de Jagotin, in welcher wohl knapp berichtet stand, dass dessen Cousine, die kleine Dame Lileas, sich grämen und um ihn sorgen würde....
Der Schreibstil des Zimmermädchens Alaria deutet deutlich daraufhin, dass auch sie nicht abgeneigt wäre, wenn der Herr Lileas doch vielleicht im Laufe der Woche einmal persönlich aufsuchen könnte.

Während all jenes um sie herum geschah, lag das Sturmkind zusammengekauert im prächtigen Federbett, versuchte die Tränen einzudämmen und den Schluchzeatem zu kontrollieren, lauschte dem harmonisierenden Klagelauten des Windes... und verstand die Welt nicht mehr.


[img]http://www2.wit.ie/users/art/Art2-2005/keith%20devereux%20web%20site/Crying.gif[/img]

Verfasst: Dienstag 28. November 2006, 13:46
von Lileas Jagotin
Plitsch, platsch, plonk!
Die Regentropfen prasselten hörbar gegen das Milchglasfenster in ihrem kleinen, doch sehr komfortablen Zimmer des Gasthauses zu Varuna. Während der Sturm sich draussen mit dem Gewitter vermählte und die Hochzeit der Elemente ihren wüsten Höhepunkt fand, sass sie, Lileas Jagotin, mit dem eher boshaften Spitznamen "Sturmkind" geprägt, auf dem Bett, die Daumendecke um die Schultern geschlungen und focht ihren eigenen Unwetterkampf im Inneren aus.Die Lippen fest, zum blutleeren Strich, aufeinandergepresst, die Zähne zusammengebissen, den Blick starr geradeaus ins Nichts gerichtet und den Kopf nur so voller Gedanken, welche unablässig von den Geschehnissen des Vorabends erzählten und ihr keinen Schlaf zusprechen wollten. Immer wieder kreisten sie um eine Person, ein Gesicht, einen Namen.

Feoras...
Sie liebte ihren Cousin aufrichtig und wusste, dass sie in ihm beinahe eine Art Bruderersatz sah. Schwer war es zu begreifen, dass da wohl ein anderer Mensch in seinem Leben stand. Jemand, der ihr nicht vertraut war, den sie nicht einschätzen konnte, der ihr wertvolle Zeit und Nähe stahl und viel schlimmer noch: Feoras auf eine andere Art und Weise kannte, welche sie nie erblicken würde und ihn ihr entfremdete.
Ihr stets so wortgewandter, ja beinahe frecher und freier Cousin nun an einer Art Kette? Feoras der dümmlich-verliebt grinsende Pantoffelheld?
Hastig schüttelte sie sich und versuchte das so einprägsame Bild, als er an der Küste stand und sogar mit sanfter Stimme das Unwetter, welches über dem Land und der See tobte, zu übertönen, wieder loszuwerden. Das Unterfangen blieb jedoch fruchtlos und so lauschte sie erneut den Worten, welche er ihr nach und nach unbarmherzig zugeworfen hatte:

"Weisst du, du bist mir wirklich sehr wichtig, Lileas. Aber du musst akzeptieren, dass es auch andere in meinem Leben gibt - du weisst, wen ich meine. Und gerade _weil_ du mir so wichtig bist, möchte ich, dass ihr euch versteht. Deswegen nutze ich diesen Moment dafür, dir zu sagen, dass das, was Una und ich für einander empfinden, denn dies beruht definitiv auf Gegenseitigkeit, noch weit über jenes Gefühl der Glückseligkeit im Sturm hinaus geht. Auch du wirst irgendwann jemanden finden, bei dem es dir so ergeht, das muss aber nicht heißen, dass wir beide uns weniger näher sind als vorher..."


"PAH!"
schleuderte sie der Zimmerwand entgegen, während ein dumpfes Donnerkrachen in den Wolken über dem Gasthaus ihren kurzen Wutanfall untermalte. Sie wollte niemanden finden! Sie hatte Vater, hatte Feoras- brauchte keinen komischen Gecken, der dann so blöde grinste wie ihr Cousin, wenn es um "Gefühle" ging. Sie würde lieber ihr Leben lang allein bleiben und wenn DAS "wahre Liebe" war, dann sollte Una Feoras in solchen komischen Augenblicken wirklich voll und ganz behalten!

Plötzlich entschwand die Kraft und trotzig vorgestrecktes Kinn sank etwas herab, als sie den Blick gen Boden schweifen ließ.
Er hatte sie verwirrt... zusätzlich zu jener verzwickten, unangenehmen Situation noch Dinge über den Wind und sogar sie gesagt, welche sie nicht recht begreifen konnte... begreifen wollte. Sie habe eine Gabe, so wie die seine. Ja, sicher! Schon früh hatte sie begriffen, dass Feoras sie anders verstand und ansah als all die anderen Leute, dass ein Band sie mit ihrem Cousin verband und sie sich nahe standen. Aber sie war doch keine Magierin! Ihr sagten all die Geschichten über Pentagramme, Alchemie, das Lied Eluives meist reichlich wenig und im Grunde wusste sie etwas besseres mit ihrem Interesse anzufangen. Doch er hatte sie plötzlich umherdirrigiert, ihr wirklich für wenige Augenblicke das Gefühl gegeben, wieder auf den Klippen nahe der Burg Dunnomar zu stehen und die brütende Sonne, trocken-sandige Erde, das tosende Meer und allen voran ihren Wind zu spüren... ja, sie spürte, wie er an Kleid und Haaren zupfte, sie neckte und mit ihr spielte.

Sie wusste nicht _was_ sie getan hatte, dass ihr Cousin plötzlich zu loben begann, ihr von einer Gabe berichtete, die sie nicht als solche begriff, darüberhinaus wohl jene Neugigkeit ihrem Vater mitteilen wollte und sie dann auf jene nächtliche Exkursion zum Strand schleppte.
Dort war das wahre Freudenfeuer an Begeisterung in ihr explodiert, als er ihr das Unwetter über dem Meer zeigt, als Sturm zog, peitschte, brüllte und seine Macht in ihr und um sie herum entlud. Es war ein kurzer Höhenflug... bis wieder Una zur Sprache kam.

Noch weiter sackte ihr Kinn herab und mit einem Ächzen, welches sichtliche Überforderung bedeutete, zog sie die Decke enger um die Schultern. Heimweh krampfte plötzlich ihr Herz zusammen und machte ihr klar, dass zumindest der geplante Besuch bei Vater und der Burg, ihren Klippen notwendig war. Die Ereignisse drohten das Kind zu erdrücken. So verwirrend, so viel, so durcheinander- wie ein Gewitter im Tanze mit dem Sturm, auf dem Parkettboden des Meeres.

[img]http://www.thewrightgallery.com/images/Winslow/tina%20storm%20sea.jpg[/img]

Verfasst: Donnerstag 30. November 2006, 00:54
von Feoras de Jagotin
Natürlich hat dieses Gespräch viel zu lange auf sich warten lassen. Doch interessiert es die Prioritäten wenig, wie es dem ergeht, der sie setzen muss. Und so blieb Feoras nur die Hoffnung darauf, dass die Vernunft seine kleine Cousine in der Zwischenzeit ereilte und sie es ihm nicht allzu übel nahm - Naja, auch wenn Lileas ihm nie wirklich lange böse sein konnte, haben Hoffnungen die gleiche Angewohnheit wie schöne Feierlichkeiten in Form von Stabweihen: Sie nehmen oft ein jähes Ende, zumindest scheint es im ersten Moment so.

Eigentlich fand jenes Gespräch auf zwei Ebenen statt. Zum einen die offensichtliche:
Von zuhause ausgerissen - wegen ihm?
Mit einer Lüge bei Ving Wyllen Obdacht gesucht - um zu beobachten?
Die Antipathie gegen Una - Eifersucht? Neid? ... Angst?

Dann war da noch die weniger offensichtliche Frage, deren Antwort Feoras schon längst kannte, doch wollte er sie auf einem Silbertablett serviert bekommen, und so geschah es auch. Lileas war mit dem Segen der Eluive belegt, daran bestand kein Zweifel. Sie spürte, dass an jenem Abend, als er mit Una die Windrose "reparierte", etwas großes passierte... sie spürte den "falschen" Wind.
Und auch empfand sie nicht einfach ein gewöhnliches Wohlbefinden, wenn sie ihre Nase in die salzige Meerluft streckte, während sie auf den heimatlichen Klippen stand, es war viel mehr ein Gefühl der Glückseeligkeit - und dem jungen Erzmagier nur allzu gut bekannt. Lileas war eine Magierin, eine Elementaristin der Luft, genau wie er. Diese Erkenntnis war spätestens dann nicht mehr zu widerlegen, als sie auf der Terasse des varunesischen Gasthauses für den Bruchteil einer Sekunde, wenn auch unter Feoras' Anleitung, den heimatlichen Wind auftreiben ließ.

Umso mehr bereitete es beiden Freude, als der "Luftikus" später an der Meeresküste nahe Tirell das erste mal ganz ungezwungen und in freier Natur seine Kräfte entfaltete - ein beeindruckendes und bizarres Schauspiel aus Windhosen, Blitzen, Wellen, Gischt, umherwirbelnden Regentropfen... und letztlich zwei über dem Boden schwebenden Magiern, falls man Lileas bereits so titulieren möchte. Und dabei hatte er gerade erst angefangen, zu wirken...

Doch wachte der ständige Schatten der ernsten Dinge des Lebens beharrlichen über ihnen, soviel stand fest. Sein Entschluss, gemeinsam mit der Cousine in die Heimat zu reisen und das Gespräch mit ihrem Vater - seinem Onkel - zu suchen, war ebenso unumstößlich wie aussichtsreich, denn war genau dieser Onkel es, welcher Feoras' einst den Weg nach Tirell ebnete. Und auch die logische Konsequenz, die Ausbildung Lileas', war für ihn fast schon eine Pflichtaufgabe, zumal sie noch einige Jahre in der Zukunft lag. Die Kür bestand wieder einmal im Zwischenmenschlichen.
Denn auch wenn sowohl mit Collega Wyllen als auch seinem Onkel schnell die Wogen geglättet werden konnten, so war die Antipathie seiner Cousine auf Una, seine Una, nur langsam am bröckeln. Mahnende Worte... weise Worte... verstehende, aber dennoch bestimmende Worte - viel sagte er an jenem Abend zu diesem Mädchen, dass für ihn fast schon eine kleine Schwester war. Denn sie war ihm zweifelsohne wichtig, doch Una ebenso, also musste ein Weg gefunden werden.

Letztlich bleibt wieder nur die Hoffnung, dass die Saat Früchte tragen und der Widerstand langsam schrumpfen wird. Doch war dies eine Hoffnung, die früher oder später in Erfüllung geht, denn er wusste eines: Diese ganz spezielle Form der "Geschwisterliebe" zwischen ihm und Lileas beruht eindeutig auf Gegenseitigkeit. Und Liebe findet immer einen Weg - da waren Una und er das beste Beispiel.

Verfasst: Sonntag 10. Dezember 2006, 23:52
von Lileas Jagotin
Die Klippen, ihre Klippen...
Entweder hat sie nicht gemerkt, dass ich mich ihr nähere, oder sie ignoriert es gekonnt. Einige Schritte noch von ihr entfernt bleibe ich stehen und betrachte sie still, sauge den Anblick in mich hinein wie ein Schwamm, behalte dieses Bild für immer im Inneren, wie einen Schatz.
Warum?
Um den Moment zu präservieren für die spätere Zeit, um zu sinnieren in den Tagen, wenn sie nicht mehr bei mir ist... meine kleine, geliebte Tochter.

Ich werde all das vermissen.

Der helle und dennoch extatisch lodernde, grüne Blick, welcher unstet über das Meerwasser gleitet, das Schauspiel zwischen Wind und Wellen verinnerlicht und versucht zu begreifen.
Die schmale, gerade erst knospende Mädchengestalt, welche fast trotzig, fest mit dem Boden, dem immergrünen Grund der Küste verbunden, am Rande des Abgrundes verharrt.
Einige rötliche Flecken auf der nördlich- blassen Haut künden von den zahlreichen Küssen der vom Windhauch trügerisch verschleierten Sonne, doch schmälert dies die jugendliche Rein- und Schönheit kaum.

Zuletzt ist da der Anflug eines schwachen Sturmes, welcher das Kittelkleid , mit all seinen Täschchen und Schürzenbändern, flatternd umspielt und an den rotorangenen Locken mit Hingabe zupft.
Mit ihnen treibt er sein liebstes und prachtvollstes Spiel, dreht sie im Sonnenlicht, so dass facettenartige Rottöne, gemischt mit purem Gold über ihr Haupt gleiten und strahlen.

Ich erhasche einen längeren Blick auf ihr noch eher kindliches, hübsches Gesicht und erstarre. Ach, könnte ich doch nur einen genaueren Einblick in die kreisenden Gedanken erlangen! So voller Verzweiflung, Verwunderung und brütender Nachdenklichkeit.
Liebes Kind, es schmerzt mich sehr, denn nach dem Tod deiner Mutter und dem Fortgehen deines Cousins, welcher mir schon fast wie ein Sohn ans Herz gewachsen ist, habe ich nur noch dich und weiss dennoch, dass ich dich ziehen lassen muss...

... denn, Lileas, egal wie genau die pochenden Fragen in deinem Kopf, auf deiner Zunge, an deinen Lippen lauten mögen - die Antwort findest du nicht bei mir, nicht hier.

[img]http://www.kiviart.com/natalia.vitkovska/girl_and_the_sea.jpg[/img]