Windgeflüster vom Sturmkind
Verfasst: Montag 28. August 2006, 23:53
„Aber du bist noch ein Kind!!! Kommt also gar nicht in Frage – Ende der Diskussion!“
Mit stoischer, düsterer Ruhe beäugte sie ihr Mündel, welches nun recht aggressiv mit dem Bein aufstampfte und die Hände zu Fäusten ballte, während sich das Gesicht dunkel verfärbte.
Von wegen junge Frau, liebes Mädchen, du bist alles andere als erwachsen!
Seufzend wollte sie in einem etwas milderen Tone mit beruhigenden Worten einlenken um den aufkeimenden Wutanfall noch im Keim zu ersticken. Der schrille Aufschrei Lileas’, deren Züge nun fast die Farbe ihres kastanienrotbraunen Haares angenommen hatten, zeigte der ältlichen Haushälterin der stolzen Burg Dunnomar, dass es dafür schon zu spät war.
„Waruuuum? Ich will, will, will aber… und NICHTS hält mich auf!“, verkündete sich mit unheilvollschwangerer Stimme und schüttelte drohend die kleinen, verkrampften Fäuste. Auch der nächste Versuch seitens der Burgmagd einzulenken wurde von der aufheulenden Stimme zunichte gemacht, welche leidenschaftlich hinzufügte:
„Er ist mein Lieblingsvetter, hörst du?! Wenn da nun dunkle… dunkle… Schurken und sonst ein Gesindel nach seinem Leben trachten, dann werde ICH ihn retten… verstehst du?“
Doch wartete sie keine Antwort ab.
Verletzt glomm ein Funke übereifriger Verzweiflung in den maigrünen, hellen und sehr lebendigen Augen auf, als sich keine Woge des Verständnis über der steifen Miene der Disputpartnerin breit machte und noch ehe jene auch nur einen einzigen Einlenkungsversuch frei hatte, knallte die dicke Eichentüre des Burgzimmers und rasche Schritte hasteten stapfend die Treppen herab. Lange ruhte der Blick der ergrauten Haushälterin auf der Stelle an welcher bis vor kurzem noch die erboste Heranwachsende gestanden war und getobt hatte. Dann zog ein trüber, verstimmter Schleier seinen Pfad durch das Augenmerk und im selben Moment ließ sie den Kopf kraftlos sinken. Wohin sollte das mit der Kleinen nur führen? Wohin…
Ein pfeifender Jammerwind heulte empört um die Turmmauern Dunnomars.
----
Nachdem sich der auftosende Orkan im inneren der jungen Seele gelegt hatte blieb nach all der heißen Luft nicht mehr sehr viel mehr als ein Häufchen Elend zurück. Dieses kleine Etwas fand sich alsbald zusammengekauert an einem windgeschützten Eck Felsbrocken nahe dem jähen Abgrund der Klippen und starrte dramatisch seufzend und greinend auf die düstere See, während der Küstenwind fast tröstlich über das flammenartig rote, lange Haar strich.
Lileas Jagotin versank im Selbstmitleid und bemerkte gar nicht wie sie erneut gar wunderbar in die vorher so abgestrittene Rolle eines verwöhnten, störrischen Kindes fiel. Blinzelnd quetschte sie noch ein paar Krokodilstränchen von den langen, dunklen Wimpern um dann leise zu schniefend sich selbstumarmend zusammen zu kuscheln, wie es kleinere Bälger gern des Nachts unter der Bettdecke hielten. Verständnislos schüttelte sie den Kopf langsam und begann ein weiteres Mal ihren inneren Monolog voller Klagen und Beschimpfungen.
Wieder einmal hatte sie jedermann eilig in die Schublade „dummes Gör“ gesteckt und offensichtlich war sie einmal mehr mit ihrer Meinung ganz alleine. Allein der Gedanke an diese schreiende Ungerechtigkeit verschleierte ihren Blick auf das ins Abendrot blutig getauchte Gewässer ein weiteres Mal. Ja… alleine… wie treffend, denn niemand verstand sie- NIEMAND!
… bis auf eine Person, da war sie sich ganz, ganz sicher... und ein wehmütiges, kleines Lächeln stahl sich fast diebisch auf die zuvor so schmollig verzogenen Lippen, welche nur wenige Momente später liebevoll und schmachtend verträumt einen Namen aushauchten:
Feeeeeeeoooohraaaaaahaaaaas….
Seit sie eine Erinnerung aufzeichnen und geistig behalten konnte war der mehr als zehn Jahre ältere Vetter ein gern gesehener und häufiger Gast in der umfassenden Bibliothek in den Kellern der Burg Dunnomar. Ach, was verdankte sie diesem Gewölbe doch nicht alles. Dank der Bibliothek und der passenden Berufung ihres Vaters hatte der junge Witwer samt seiner damals erst dreijährigen Tochter eine gut bezahlte und wohl angesehene Arbeit gefunden, die beiden ein sehr angenehmes Leben an der rauen, doch ungezähmt schönen Küste des Landes ermöglichte. Während ihr Herr Papa mehr Zeit in diesem Keller als ausserhalb der Burgmauern verbrachte, streunerte das Mädlein schon früh sehr wild mit all den jungen Pagen und Stallburschen, welche – so wie die kleine Schönheit - zum Inventar Dunnomars gehören in der freien, nicht ungefährlichen Küstennatur umher. Da hier die etwas gestrengere, oberste Magd des Anwesens, Mialla mit Namen, kein Auge mehr auf ihren erkorenen Schützling werfen konnte und der werte Vater sich in Sachen Erziehung lieber zurückhielt um die Nase in ein weiteres Buch zu stecken war das Ergebnis dieser Unachtsamkeit bald deutlich spürbar:
Lileas war stur, dickköpfig, aufbrausend, launisch, wild und da die Kleine ein sehr hübsches und vor allem einzig weibliches Wesen in einer Bande brüderlich angehauchter Knaben war leider auch sehr verzogen. Vielleicht lag es daran, dass ihr Vetter gerade nicht in das Bild der hätschelnden, unreifen Bengel passte, sondern sich auch stets die „Frechheit“ herausgenommen hatte, seiner kleinen Cousine offen und ehrlich die Meinung zu sagen oder sie auf die häufigen Albernheiten und Lächerlichkeiten hinzuweisen, welche sie sich am laufenden Bande leistete. Seltsamerweise jedoch schürte das nur die Hingabe des Mädchens, welche den jungen Kerl mit dem sanften Lächeln, der ihr ebenso stur ab und an Parole bot völlig idealisierte, nur noch mehr. Sie hatte für diese Entwicklung ihre ganz eigene Erklärung und war sich sicher, dass da etwas Ungreifbares, Unersichtliches für Außenstehende gab, welches ihre beiden Seelen wie ein unsichtbares Band zusammenknüpfte. Er verstand sie… einzig er…
Doch ER war nicht da, er war in Varuna und der letzte Besuch bei seinen Eltern hatte Gerüchte mit sich gezogen, die schwer auf dem Herzen Lileas’ lasteten und ihr schlaflose Nächte bereiteten. Dunkle Magier, so raunte man und allein das, was sie in den Geschichtsbüchern der Bibliothek über Arkorither gefunden hatte ließ sie heftig innerlich beben. Diesem Gräuel war nun der liebe, so unschuldig wirkende Feoras schutzlos ausgeliefert und hatte niemanden an seiner Seite im fernen Varuna.
Außer…
Ein weiterer, sehr strenger Schatten überzog die feinen Züge und entstellten sie ein wenig.
Da war noch ein weiteres Gemunkel – ein Flüstern, welches ihre Brauen fast ruckartig tiefer gleiten ließ und rasch schüttelte sie das stolze Haupt ein weiteres Mal, als ihr junger Körper sich unweigerlich mit plötzlicher Entschlossenheit zu straffen begann.
Nein, bei all diesen dunklen Gestalten und einer weißhaarigen Hexe würde sie ihn nicht lassen! Er brauchte sie und es war längst an der Zeit allen zu beweisen, dass sie kein unselbständiges Kind, sondern eine junge, selbstbewusste Frau war, die ganz gut eigene Entscheidungen fassen konnte!
Erst im Laufe des Nächsten Tages, als der junge Trotzkopf zu keiner der Mahlzeiten erschien, nicht in der nahen Umgebung auffindbar war und Mialla entsetzt bemerkte, dass einige Münzen aus der Haushaltskasse und etwas Brot aus der Küche fehlte, wurde dem kleinen „Hofstaat“ Dunnomars die Tragweite von Lileas „erwachsenen“ Entscheidung bewusst.
Fast höhnend pfiff der Wind an der Küste entlang…
[img]http://www.saxtravel.co.uk/images/landscapes/dunnottar.jpg[/img]
Mit stoischer, düsterer Ruhe beäugte sie ihr Mündel, welches nun recht aggressiv mit dem Bein aufstampfte und die Hände zu Fäusten ballte, während sich das Gesicht dunkel verfärbte.
Von wegen junge Frau, liebes Mädchen, du bist alles andere als erwachsen!
Seufzend wollte sie in einem etwas milderen Tone mit beruhigenden Worten einlenken um den aufkeimenden Wutanfall noch im Keim zu ersticken. Der schrille Aufschrei Lileas’, deren Züge nun fast die Farbe ihres kastanienrotbraunen Haares angenommen hatten, zeigte der ältlichen Haushälterin der stolzen Burg Dunnomar, dass es dafür schon zu spät war.
„Waruuuum? Ich will, will, will aber… und NICHTS hält mich auf!“, verkündete sich mit unheilvollschwangerer Stimme und schüttelte drohend die kleinen, verkrampften Fäuste. Auch der nächste Versuch seitens der Burgmagd einzulenken wurde von der aufheulenden Stimme zunichte gemacht, welche leidenschaftlich hinzufügte:
„Er ist mein Lieblingsvetter, hörst du?! Wenn da nun dunkle… dunkle… Schurken und sonst ein Gesindel nach seinem Leben trachten, dann werde ICH ihn retten… verstehst du?“
Doch wartete sie keine Antwort ab.
Verletzt glomm ein Funke übereifriger Verzweiflung in den maigrünen, hellen und sehr lebendigen Augen auf, als sich keine Woge des Verständnis über der steifen Miene der Disputpartnerin breit machte und noch ehe jene auch nur einen einzigen Einlenkungsversuch frei hatte, knallte die dicke Eichentüre des Burgzimmers und rasche Schritte hasteten stapfend die Treppen herab. Lange ruhte der Blick der ergrauten Haushälterin auf der Stelle an welcher bis vor kurzem noch die erboste Heranwachsende gestanden war und getobt hatte. Dann zog ein trüber, verstimmter Schleier seinen Pfad durch das Augenmerk und im selben Moment ließ sie den Kopf kraftlos sinken. Wohin sollte das mit der Kleinen nur führen? Wohin…
Ein pfeifender Jammerwind heulte empört um die Turmmauern Dunnomars.
----
Nachdem sich der auftosende Orkan im inneren der jungen Seele gelegt hatte blieb nach all der heißen Luft nicht mehr sehr viel mehr als ein Häufchen Elend zurück. Dieses kleine Etwas fand sich alsbald zusammengekauert an einem windgeschützten Eck Felsbrocken nahe dem jähen Abgrund der Klippen und starrte dramatisch seufzend und greinend auf die düstere See, während der Küstenwind fast tröstlich über das flammenartig rote, lange Haar strich.
Lileas Jagotin versank im Selbstmitleid und bemerkte gar nicht wie sie erneut gar wunderbar in die vorher so abgestrittene Rolle eines verwöhnten, störrischen Kindes fiel. Blinzelnd quetschte sie noch ein paar Krokodilstränchen von den langen, dunklen Wimpern um dann leise zu schniefend sich selbstumarmend zusammen zu kuscheln, wie es kleinere Bälger gern des Nachts unter der Bettdecke hielten. Verständnislos schüttelte sie den Kopf langsam und begann ein weiteres Mal ihren inneren Monolog voller Klagen und Beschimpfungen.
Wieder einmal hatte sie jedermann eilig in die Schublade „dummes Gör“ gesteckt und offensichtlich war sie einmal mehr mit ihrer Meinung ganz alleine. Allein der Gedanke an diese schreiende Ungerechtigkeit verschleierte ihren Blick auf das ins Abendrot blutig getauchte Gewässer ein weiteres Mal. Ja… alleine… wie treffend, denn niemand verstand sie- NIEMAND!
… bis auf eine Person, da war sie sich ganz, ganz sicher... und ein wehmütiges, kleines Lächeln stahl sich fast diebisch auf die zuvor so schmollig verzogenen Lippen, welche nur wenige Momente später liebevoll und schmachtend verträumt einen Namen aushauchten:
Feeeeeeeoooohraaaaaahaaaaas….
Seit sie eine Erinnerung aufzeichnen und geistig behalten konnte war der mehr als zehn Jahre ältere Vetter ein gern gesehener und häufiger Gast in der umfassenden Bibliothek in den Kellern der Burg Dunnomar. Ach, was verdankte sie diesem Gewölbe doch nicht alles. Dank der Bibliothek und der passenden Berufung ihres Vaters hatte der junge Witwer samt seiner damals erst dreijährigen Tochter eine gut bezahlte und wohl angesehene Arbeit gefunden, die beiden ein sehr angenehmes Leben an der rauen, doch ungezähmt schönen Küste des Landes ermöglichte. Während ihr Herr Papa mehr Zeit in diesem Keller als ausserhalb der Burgmauern verbrachte, streunerte das Mädlein schon früh sehr wild mit all den jungen Pagen und Stallburschen, welche – so wie die kleine Schönheit - zum Inventar Dunnomars gehören in der freien, nicht ungefährlichen Küstennatur umher. Da hier die etwas gestrengere, oberste Magd des Anwesens, Mialla mit Namen, kein Auge mehr auf ihren erkorenen Schützling werfen konnte und der werte Vater sich in Sachen Erziehung lieber zurückhielt um die Nase in ein weiteres Buch zu stecken war das Ergebnis dieser Unachtsamkeit bald deutlich spürbar:
Lileas war stur, dickköpfig, aufbrausend, launisch, wild und da die Kleine ein sehr hübsches und vor allem einzig weibliches Wesen in einer Bande brüderlich angehauchter Knaben war leider auch sehr verzogen. Vielleicht lag es daran, dass ihr Vetter gerade nicht in das Bild der hätschelnden, unreifen Bengel passte, sondern sich auch stets die „Frechheit“ herausgenommen hatte, seiner kleinen Cousine offen und ehrlich die Meinung zu sagen oder sie auf die häufigen Albernheiten und Lächerlichkeiten hinzuweisen, welche sie sich am laufenden Bande leistete. Seltsamerweise jedoch schürte das nur die Hingabe des Mädchens, welche den jungen Kerl mit dem sanften Lächeln, der ihr ebenso stur ab und an Parole bot völlig idealisierte, nur noch mehr. Sie hatte für diese Entwicklung ihre ganz eigene Erklärung und war sich sicher, dass da etwas Ungreifbares, Unersichtliches für Außenstehende gab, welches ihre beiden Seelen wie ein unsichtbares Band zusammenknüpfte. Er verstand sie… einzig er…
Doch ER war nicht da, er war in Varuna und der letzte Besuch bei seinen Eltern hatte Gerüchte mit sich gezogen, die schwer auf dem Herzen Lileas’ lasteten und ihr schlaflose Nächte bereiteten. Dunkle Magier, so raunte man und allein das, was sie in den Geschichtsbüchern der Bibliothek über Arkorither gefunden hatte ließ sie heftig innerlich beben. Diesem Gräuel war nun der liebe, so unschuldig wirkende Feoras schutzlos ausgeliefert und hatte niemanden an seiner Seite im fernen Varuna.
Außer…
Ein weiterer, sehr strenger Schatten überzog die feinen Züge und entstellten sie ein wenig.
Da war noch ein weiteres Gemunkel – ein Flüstern, welches ihre Brauen fast ruckartig tiefer gleiten ließ und rasch schüttelte sie das stolze Haupt ein weiteres Mal, als ihr junger Körper sich unweigerlich mit plötzlicher Entschlossenheit zu straffen begann.
Nein, bei all diesen dunklen Gestalten und einer weißhaarigen Hexe würde sie ihn nicht lassen! Er brauchte sie und es war längst an der Zeit allen zu beweisen, dass sie kein unselbständiges Kind, sondern eine junge, selbstbewusste Frau war, die ganz gut eigene Entscheidungen fassen konnte!
Erst im Laufe des Nächsten Tages, als der junge Trotzkopf zu keiner der Mahlzeiten erschien, nicht in der nahen Umgebung auffindbar war und Mialla entsetzt bemerkte, dass einige Münzen aus der Haushaltskasse und etwas Brot aus der Küche fehlte, wurde dem kleinen „Hofstaat“ Dunnomars die Tragweite von Lileas „erwachsenen“ Entscheidung bewusst.
Fast höhnend pfiff der Wind an der Küste entlang…
[img]http://www.saxtravel.co.uk/images/landscapes/dunnottar.jpg[/img]