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Aufzeichnungen des Lucan Thane - Ein Krieger in Bajard

Verfasst: Freitag 5. September 2025, 14:11
von Lucan Thane
4. Searum des Jahres 268, Hafen von Bajard

Der Hafen von Bajard ist ein seltsamer Ort am Abend. Das Meer schlägt in gleichmäßigen Atemzügen gegen die Kaimauern, die Laternen flackern im Wind, und die engen Straßen scheinen den Schritt des Wanderers eher zu verschlucken, als ihn zu tragen. Dort stand ich – scheinbar verloren, wie ein Paket, das niemand abholt.

Und so muss ich auch gewirkt haben, denn ein Mann, groß gewachsen, von stämmiger Gestalt, kam die Straße entlang. Er trug ein weißes Hemd, das sich über kräftige Arme spannte, und eine schwarze Balronlederhose, deren Glanz sich mit der Abnutzung von Jahren mischte. In seinem Mundwinkel glühte eine Pfeife, und der Rauch legte sich schwer in die Luft, wie eine zusätzliche Präsenz zwischen uns. Seine Augen wirkten wachsam, fast unruhig, als prüften sie jedes Gesicht, das ihnen begegnete.

„Seht Ihr nicht aus, als wärt Ihr bestellt und nicht abgeholt?“ fragte er, mit einer Stimme, die eher eine Feststellung war als Spott.

Ich hätte lachen können, wenn nicht das Flackern der Laternen gerade meinen Schatten lang über die Pflastersteine geworfen hätte. Stattdessen lüftete ich den Hut und erwiderte, dass es wohl so sei, wenn man länger auf dem Weg verweile, als man selbst ahne. Ein paar Worte genügten, und schon war das Gespräch entfacht.

Wir sprachen zunächst beiläufig, fast spielerisch. Über Regeln, die man bricht, über Berufungen, über den Wert von Geist und Stahl. Der Schmied von Bajard rannte währenddessen wie ein rastloser Schatten immer wieder die Straße entlang – ich verlor bald das Zählen, wie oft er an uns vorbeihuschte. Sein Takt aus eiligen Schritten und schwerem Atem war die absurde Begleitmusik zu unserem Wortgefecht. Es wirkte fast, als wolle er mit seinem ewigen Hin und Her die Straße selbst in zwei Hälften treten.

Der Krieger – denn daran bestand kein Zweifel – sprach von Erfahrung. Von Nächten, in denen der Abgrund näher gewesen sei, als ihm lieb war. Von der Finsternis, die man nicht erhellt, sondern die man aushält. Seine Worte klangen rau, getragen von Härte, und sie ließen keinen Zweifel daran, dass er das Dunkel nicht nur gesehen, sondern darin gelebt hatte.

Ich hielt dagegen. Mit Fragen, nicht mit Behauptungen. Was wiege mehr – der, der jahrelang den Abgrund betrachte, oder der, der ihn erkennt, wenn er plötzlich vor ihm steht? Ich spürte, wie meine Worte ihn reizten, und doch hielt ich inne, notierte ein paar Zeilen auf dem Pergament, das ich hervorzog. Es war keine Trotzgeste, sondern ein Akt, der meine Natur verriet: Ich schreibe, weil ich suche. Ich schreibe, weil ich begreifen will.

Doch das schien ihn nur noch mehr zu erzürnen. Er trat näher. Schritt um Schritt, bis sein Gesicht so nah war, dass der Rauch seiner Pfeife direkt in meine Züge wehte. Der Geruch war beißend, süßlich und schwer, wie eine Drohung, die sich in Lungen und Gewand fraß. Sein Blick war düster, sein Tonfall schneidend. „Führe deine verdammte Feder,“ knurrte er, „und nicht dein Maul.“

Ich hielt seinem Blick stand, doch ich führte die Feder tatsächlich – nur kurz, ein paar Zeichen, nichts, was er hätte lesen können. Dann schob ich sie zurück in die Tasche, langsamer, als es nötig gewesen wäre. Es war, als setzte ich einen Punkt unter einen Satz, der längst geschrieben war.

Er drängte weiter, wollte, dass ich gehe. Nicht, dass er mich fortschickte, nein – er sagte, dass ich jetzt gehe. Ein Befehl, kein Wunsch. Doch ich bin kein Befehlsempfänger. Ich entschied, dass das Gespräch sein Ende gefunden hatte. Also lüftete ich den Hut, verneigte mich knapp, und wandte mich vom Hafen ab. Meine Schritte hallten über die Pflastersteine, gleichmäßig, ruhig, so, als wolle ich ihn jeden Schritt hören lassen.

Zurück blieb er: ein erfahrener Krieger, dessen Nächte offenbar mehr Schatten als Sterne kannten, dessen Worte härter waren als sein Pfeifenrauch. Und irgendwo zwischen uns rannte noch immer der Schmied von Bajard, als wäre er der einzige, der den Rhythmus verstand, in dem sich das Leben dort abspielte.

Ich ging. Nicht aus Angst. Nicht, weil er es befahl. Sondern, weil ich entschied, dass Worte genug gefallen waren – und weil ich weiß, dass selbst Schweigen manchmal lauter klingt als jeder Stahl.

So endete die Begegnung. Und wenn er glaubte, er hätte gesiegt, so täuschte er sich. Denn was bleibt, sind nicht die Drohungen eines Kriegers, sondern die Notizen eines Magiers, die länger leben als Rauch und Leder.