Windschatten
Verfasst: Dienstag 19. August 2025, 00:43
Ein wunderschöner Tag.
Jahr: 267. Monat: Eluviar.
Es war ein wunderschöner Tag. Der Himmel war klar. Es wehte ein leichter Wind von seewärts - nicht mehr als ein sanftes Unterheben dankbar angenommener Frische an einem Tag, den man sonst vielleicht als gerade eben etwas zu warm für den persönlichen Komfort empfunden hätte. Das dissonante Lied der in Brandholm ansässigen Möwen erinnerten die Landgänger daran, dass sie zurückgekehrt waren: Nach Hause. Obwohl die kleine Siedlung nur wenige Einwohner zählte und ein Großteil der dort lebenden Menschen im Militärdienst des Herzogtumes Alrynes stand und der Ort mehr an eine sich zur See verjüngende Festungsanlage erinnerte, als an ein Dorf oder einen Weiler und die Arbeiter ihren Aufgaben grundsätzlich konzentriert nachgingen, hatte sich ein Band der Heiterkeit heute über den Ort gelegt. Das Leben pulsierte, nicht nur in der Hafenanlage, sondern auch in den Straßen, vom einzigen Haupttor über den kleinen Marktplatz bis hin zu den zwei Festungstürmen der Marine, die wiederum die Pforte zur Steganlage flankierten. Verwandte, Frauen und Kinder nahmen ihre Wiederkehrer in Empfang, nachdem die Kunde sich verbreitet hatte, dass die Silberspeer zurückgekehrt war und Arbeiter wie Soldaten nahmen sich die Zeit, für einige Momente inne zu halten und sich von dieser Woge der Eintracht mitreißen zu lassen. Es war einer dieser Tage, an den man sich noch Jahre später erinnert und in nostalgischer Verklärung feststellt, dass alle Sterne richtig gestanden haben mussten - dass dieser eine Tag ein kurzlebiger, vergänglicher Ausblick auf eine Zeit war, in der das alumenische Reich in Frieden leben würde, ohne Katastrophen, ohne Feinde. Ein Tag, an dem die Welt selbst beschlossen hatte, still zu stehen und ihren Bewohnern einen Augenblick gewährte, um frische Kraft zu tanken - für den nächsten Sturm, der unweigerlich kommen würde.
Arjen Elsinga schlängelte sich durch die Reihen seiner Kameraden, die sich mit ihren Liebenden zu einem wimmelnden Tanz der Vermischung vermengten. Ein farbenfrohes Diffusium, durch das Arjen als grauer Punkt, gleich einem Fremdkörper, schwebte. Es war selten, dass man in Brandholm nicht von jemandem abgeholt wurde und zumeist hatte dies gute Gründe. Arjen hatte nicht damit gerechnet, dass er hier auf Sehnsucht oder Wiederkehrensfreude treffen würde - denn die eine Person, die ihn sonst in jedem Fall empfangen hätte, war auch gleichzeitig eine zwei von zwei Personen, die wusste, dass es Arjens letzte Ausfahrt mit der Silberspeer sein würde - und die andere war schlicht er selbst.
Der Weg des Seemannes führte ihn zwischen den großen Türmen, Bollwerken der Alryner Marine, durch einen riesigen Torbogen, dessen hochgelassenes, doppelt verstärktes Gatter, dem Durchlass das Aussehen eines riesigen Maules verlieh - eines das besonders bei Nacht und spärlicher Beleuchtung beinahe dämonisch anmutete, bereit den unvorsichtigen Seemann zu verschlingen. Hinter dem Tor bog der Seemann mehrfach ab, in Gassen die immer enger zuliefen und von kastenförmigen Wohnbauten, die sich in die Festungsanlage der Siedlung einfügten, flankiert wurden. Vereinzelte Wäscheleinen zwischen grauen Mauern, die sich in eine leichenblasse Stille hüllten, kontrastierten mit dem Leben auf den Hauptstraßen, den Farben und dem Frohsinn. Neben zum Trocknen verhangener Wäsche waren die einzigen Farbtupfer in diesem Gewirr aus effizient aber lieblos gestapelten Bauten lediglich noch die Blumenkästen an vereinzelten Fenstern von Bewohnern, die sich weigerten, dem soldatischen Grau das Feld zu überlassen.
Schlussendlich bog der Seemann ab, erklomm einige, sich verzweigende Treppen und stand schließlich vor der hölzernen Tür zu seiner Wohnung. Von salziger Luft verkerbtes Holz knarrte widerwillig, als der Schlüssel zur Wohnstatt von Arjen Elsinga sich im Schloss drehte und das Klacken der Schließriegel mit Vertrautheit verkündeten: Du bist daheim. “Nicht mehr.” antwortete der Seemann und trat ein.
In der Wohnung, die von innen viel größer wirkte als es von außen den Anschein hatte - eine Eigenschaft die allen Kastenbauten Brandholms zu eigen war, besonders bei jenen, die man in die Festungsanlagen integriert hatte - entfaltete sich das Reich des Wiederkehrers. Zweckmässige Einrichtung mischte sich mit Memorabilia aus den Ausfahrten der letzten Jahre, zusammen mit der persönlichen Habe einer anderen Person. Eine alte Standuhr pendelte beharrlich gegen die Stille an. Der Seesack des Mannes ächzte beim Aufschlag auf den Boden, als Arjen Elsinga sein ehemaliges Heim durchmaß und in einem Arbeitszimmer auf Lene Dijkstra traf, die Frau die ihn bereits seit seiner Grundausbildung in der Alryner Marine begleitet hatte.
Sie hatten sich beide als junge, ehrgeizige Reichstreue kennengelernt und obwohl sie unterschiedliche Wege eingeschlagen hatten - Arjen im Militär, Lene zuletzt als Verwalterin im städtischen Dienst von Brandholm, hatte sich, entgegen anfänglicher Widrigkeit, ein Band des Vertrauens zwischen beiden gebildet, das irgendwann unweigerlich zu einer Beziehung geführt hatte. Es waren Kleinigkeiten, die das Band zwischen den beiden gestärkt hatten - kleine, unterstützende Hilfsdienste, die vor allem aus Treue zum Reich und nicht aus Sympathie geboren waren. Wachsendes Vertrauen führte am Ende zu Geborgenheit an einem Ort, an dem nach außen hin stets korrektes Auftreten und vollständige Disziplin verlangt wurde. In diesem Grau an Gefühlen, das nur durch Feierlichkeiten wie jene am heutigen Tag durchbrochen wurde, fanden Lene und Arjen ihre kleine Fuge an Ehrlichkeit und Sicherheit, in der sie äußern, sagen und tun konnten, wonach ihnen der Sinn stand - ohne dass man eine Wertung von außen fürchten musste. Das Paar hatte eine erfüllte Zeit, eine die vor allem dem Fortkommen von beiden gewidmet war - nun jedoch fanden sie sich auf einem Plateau wieder. Einem Punkt, an dem sie sich fragten, ob sich alles was sie einander geben und schenken konnten, erschöpft hatte. Es war ein ebenso schleichender Prozess gewesen, wie ihr Zusammenkommen. Einer der ohne Missgunst oder einen Mangel an Vertrauen auskam.
Manche Episoden unseres Lebens sind begrenzt - sie haben eine Zeit, einen Ort und eine Bedeutung - aber sie sind nicht von Dauer. So zumindest, war das Verdikt von Lene und Arjen, ein zusammen gefälltes Urteil ohne Fingerzeig und ohne Groll. Lene hatte die Möglichkeit, in Eherntrutz einen neuen Posten anzutreten, einen der sie voranbringen würde - doch dafür musste sie Brandholm verlassen. Arjen hingegen, war auf der Silberspeer zufrieden, doch trug er einen ganz eigenen Rucksack, geschmiedet aus den Seelen von auf See verlorener Kameraden mit sich, den er hoffte, andernorts loswerden zu können. Auch dies war eine Wahrheit, die nur Lene kannte. Genauso wie Arjen wusste, dass Lene in Brandholm im Grunde nie zufrieden war, sondern den kleinen Marinestützpunkt in einem Akt der Rebellion gegenüber ihren Eltern seinerzeit aufgesucht hatte, nach außen aber immer die Beschaulichkeit und effiziente Bauweise der Seefestung lobte. Es war Zeit, weiter zu ziehen.
Als der Seemann in das Arbeitszimmer trat, saß Lene am Schreibtisch und schien in ein Schreiben vertieft. Es war ein kleines Zimmer, das jedoch eine magische Bedeutung für beide hatte: Auf einer kleinen Bank unterhalb des einzigen Fensters hatten oft wahlweise Arjen oder seine Partnerin die Abende verbracht, während man gemeinsam über Aufgaben, Aufzeichnungen und sonstigen Schriftstücken brütete und darüber debattierte, was der jeweils andere am besten tun sollte. Es war ein Refugium der guten Ratschläge. Als Arjen sich der Frau am Schreibtisch näherte, merkte er, dass ihr Körper bebte. Er legte eine Hand von hinten auf ihre Schulter. Die Schultern von Lene waren schmal und auch wenn sie eine Körperhaltung einnehmen konnte, die nach außen hin Stärke symbolisierte, so fühlten sich ihre Schulterpartien stets zerbrechlich an - so zerbrechlich wie das Wesen dieser eigentlich starken Frau in diesem Augenblick war. Sie weinte - und die Berührung des Seemannes ließ Lenes Hand instinktiv nach der seinen greifen, beinahe panisch. Ihr Griff war fest, wie der Griff einer Person die drohte, in einen Abgrund zu fallen. “Ich dachte, es wäre leichter.” krochen ihre Worte gebrochen in den Raum, als wäre es eine Schande oder Peinlichkeit, derlei zuzugeben. Der Seemann umarmte sie in sanfter Stärke von hinten und spürte, wie der zierliche Körper der Frau sich in die Form des Mannes schob, den sie eigentlich verlassen wollte. Sie blieben endlose Momente in dieser Position. Selbst als keine Tränen mehr flossen, schenkten sie einfach weiter einander diese vertraute Nähe, die den Kern ihrer Welt der letzten Jahre ausgemacht hatte.
Als sich das Licht der Welt um sie herum der Dunkelheit der Nacht untergeordnet hatte, gingen sie genauso schweigend zu Bett, wie sie dort im kleinen Arbeitszimmer verharrt hatten. Sie liebten sich nicht, da war kein letztes Aufflackern inniger, körperlicher Bedürfnisse, sondern nur die Geborgenheit ihrer Leiber in einer Geste melancholischer Vertrautheit. Die Schwärze der Nacht floss in die Geister der beiden Brandholmer und verweigerte ihnen jegliche Form von Träumen. Im Gegenteil: Wäre da nicht dieses Gefühl matter Erholung gewesen und der fahle Lichtschein von an Gassenbauten gebrochener Sonnenstrahlen, hätte Arjen schwören können, dass er keine Minute geschlafen hatte.
Ein letztes mal teilten Lene und Arjen die Tafel im Esszimmer, tauschten die letzten Geschichten, die zu erzählen waren. Seit dem Abend des letzten Tages hatten sie mit dem Gefühl einsetzenden Verlustes umzugehen gelernt, begonnen zu akzeptieren, was sie längst beschlossen hatten - für das das Herz jedoch nur noch nicht bereit war. “Besuchst du deine Eltern vor der Abreise?” fragte Lene, als sie abräumten. “Nur kurz. Ich kann sie jederzeit besuchen.”antwortete Arjen, während sich in seinem Kopf die Worte “Nur dich nicht, du wirst dann längst ein neues Leben begonnen haben.” manifestierten. Lene sah ihn an und lächelte. Es war ein Lächeln das Trost spenden konnte - eines das ihm sagte, dass sie diese Worte gehört hatte, auch wenn sie nur in seinem Kopf existierten.
Die wenige Habe, die der Seemann mit nach Gerimor nehmen würde, war schnell gepackt. Den Rest, inklusive dem Inventar der Wohnung würde Lene in Eherntrutz gut gebrauchen können. “Wann reist du ab?” - “In einem Wochenlauf. Ich habe einen Karren gemietet. Die Überführung von all’ dem hier wird ein Kraftakt. Aber auch wenn ich es nicht zugeben will, ich hänge an der alten Uhr.” Arjen war es nun, der lächelte. Ein Lächeln, das in dem Moment erstarb, als er die Wohnung zum letzten Mal verließ und sich seine Abberufungspapiere aus der Kommandatur holte. Er hatte selten einen so kühlen Umgang erlebt - eine weitere Schattenseite des Stützpunktes. Die Brandholmer waren eingeschworen. Eine große, oft farblose Familie, in Treu und Glauben an das alumenische Reich geschmiedet. Und wenn man diese Familie verließ, beging man etwas, das irgendwo unter Reichsverrat war. Es gab kaum offizielle Papiere mit den auf den Weg, alleine die nötigen Nachweise über den Militärdienst wurden dem ehemaligen Marine-Soldaten ausgehändigt, als er ein ziviles Handelsschiff bestieg. Es fühlte sich wie eine Entehrung an und vermutlich war es auch so gemeint.
Gut einen Jahreslauf später würde die Marine von Lichtenthal kurz davor stehen, endlich wehrfähig zu sein und Arjen Elsinga würde neue Kameraden gefunden haben. Kameraden, auf die er sich verlassen konnte und die er als neue Familie akzeptiert hatte. An den Tagen, an denen er nicht an den letzten Schritten zur Fertigstellung des Schiffes half oder sich von seinen Kameraden ausbilden ließ, hatte er zudem neue Routinen gefunden, in denen er oft an die Zeit in Brandholm zurück dachte - an den Reichtum an Kameraden, den er zurückgelassen hatte und an den Reichtum, den er hier auf Gerimor gefunden und die neue Vertrautheit, die er dabei entdeckt hatte.
“Ich bin genau dort, wo ich sein will.” waren die Worte, mit denen der Rekrut und Seemann den neuen Morgen begrüßte, als die Sonne über Lichtenthal aufging. Es würde ein wunderschöner Tag werden.

Jahr: 267. Monat: Eluviar.
Es war ein wunderschöner Tag. Der Himmel war klar. Es wehte ein leichter Wind von seewärts - nicht mehr als ein sanftes Unterheben dankbar angenommener Frische an einem Tag, den man sonst vielleicht als gerade eben etwas zu warm für den persönlichen Komfort empfunden hätte. Das dissonante Lied der in Brandholm ansässigen Möwen erinnerten die Landgänger daran, dass sie zurückgekehrt waren: Nach Hause. Obwohl die kleine Siedlung nur wenige Einwohner zählte und ein Großteil der dort lebenden Menschen im Militärdienst des Herzogtumes Alrynes stand und der Ort mehr an eine sich zur See verjüngende Festungsanlage erinnerte, als an ein Dorf oder einen Weiler und die Arbeiter ihren Aufgaben grundsätzlich konzentriert nachgingen, hatte sich ein Band der Heiterkeit heute über den Ort gelegt. Das Leben pulsierte, nicht nur in der Hafenanlage, sondern auch in den Straßen, vom einzigen Haupttor über den kleinen Marktplatz bis hin zu den zwei Festungstürmen der Marine, die wiederum die Pforte zur Steganlage flankierten. Verwandte, Frauen und Kinder nahmen ihre Wiederkehrer in Empfang, nachdem die Kunde sich verbreitet hatte, dass die Silberspeer zurückgekehrt war und Arbeiter wie Soldaten nahmen sich die Zeit, für einige Momente inne zu halten und sich von dieser Woge der Eintracht mitreißen zu lassen. Es war einer dieser Tage, an den man sich noch Jahre später erinnert und in nostalgischer Verklärung feststellt, dass alle Sterne richtig gestanden haben mussten - dass dieser eine Tag ein kurzlebiger, vergänglicher Ausblick auf eine Zeit war, in der das alumenische Reich in Frieden leben würde, ohne Katastrophen, ohne Feinde. Ein Tag, an dem die Welt selbst beschlossen hatte, still zu stehen und ihren Bewohnern einen Augenblick gewährte, um frische Kraft zu tanken - für den nächsten Sturm, der unweigerlich kommen würde.
Arjen Elsinga schlängelte sich durch die Reihen seiner Kameraden, die sich mit ihren Liebenden zu einem wimmelnden Tanz der Vermischung vermengten. Ein farbenfrohes Diffusium, durch das Arjen als grauer Punkt, gleich einem Fremdkörper, schwebte. Es war selten, dass man in Brandholm nicht von jemandem abgeholt wurde und zumeist hatte dies gute Gründe. Arjen hatte nicht damit gerechnet, dass er hier auf Sehnsucht oder Wiederkehrensfreude treffen würde - denn die eine Person, die ihn sonst in jedem Fall empfangen hätte, war auch gleichzeitig eine zwei von zwei Personen, die wusste, dass es Arjens letzte Ausfahrt mit der Silberspeer sein würde - und die andere war schlicht er selbst.
Der Weg des Seemannes führte ihn zwischen den großen Türmen, Bollwerken der Alryner Marine, durch einen riesigen Torbogen, dessen hochgelassenes, doppelt verstärktes Gatter, dem Durchlass das Aussehen eines riesigen Maules verlieh - eines das besonders bei Nacht und spärlicher Beleuchtung beinahe dämonisch anmutete, bereit den unvorsichtigen Seemann zu verschlingen. Hinter dem Tor bog der Seemann mehrfach ab, in Gassen die immer enger zuliefen und von kastenförmigen Wohnbauten, die sich in die Festungsanlage der Siedlung einfügten, flankiert wurden. Vereinzelte Wäscheleinen zwischen grauen Mauern, die sich in eine leichenblasse Stille hüllten, kontrastierten mit dem Leben auf den Hauptstraßen, den Farben und dem Frohsinn. Neben zum Trocknen verhangener Wäsche waren die einzigen Farbtupfer in diesem Gewirr aus effizient aber lieblos gestapelten Bauten lediglich noch die Blumenkästen an vereinzelten Fenstern von Bewohnern, die sich weigerten, dem soldatischen Grau das Feld zu überlassen.
Schlussendlich bog der Seemann ab, erklomm einige, sich verzweigende Treppen und stand schließlich vor der hölzernen Tür zu seiner Wohnung. Von salziger Luft verkerbtes Holz knarrte widerwillig, als der Schlüssel zur Wohnstatt von Arjen Elsinga sich im Schloss drehte und das Klacken der Schließriegel mit Vertrautheit verkündeten: Du bist daheim. “Nicht mehr.” antwortete der Seemann und trat ein.
In der Wohnung, die von innen viel größer wirkte als es von außen den Anschein hatte - eine Eigenschaft die allen Kastenbauten Brandholms zu eigen war, besonders bei jenen, die man in die Festungsanlagen integriert hatte - entfaltete sich das Reich des Wiederkehrers. Zweckmässige Einrichtung mischte sich mit Memorabilia aus den Ausfahrten der letzten Jahre, zusammen mit der persönlichen Habe einer anderen Person. Eine alte Standuhr pendelte beharrlich gegen die Stille an. Der Seesack des Mannes ächzte beim Aufschlag auf den Boden, als Arjen Elsinga sein ehemaliges Heim durchmaß und in einem Arbeitszimmer auf Lene Dijkstra traf, die Frau die ihn bereits seit seiner Grundausbildung in der Alryner Marine begleitet hatte.
Sie hatten sich beide als junge, ehrgeizige Reichstreue kennengelernt und obwohl sie unterschiedliche Wege eingeschlagen hatten - Arjen im Militär, Lene zuletzt als Verwalterin im städtischen Dienst von Brandholm, hatte sich, entgegen anfänglicher Widrigkeit, ein Band des Vertrauens zwischen beiden gebildet, das irgendwann unweigerlich zu einer Beziehung geführt hatte. Es waren Kleinigkeiten, die das Band zwischen den beiden gestärkt hatten - kleine, unterstützende Hilfsdienste, die vor allem aus Treue zum Reich und nicht aus Sympathie geboren waren. Wachsendes Vertrauen führte am Ende zu Geborgenheit an einem Ort, an dem nach außen hin stets korrektes Auftreten und vollständige Disziplin verlangt wurde. In diesem Grau an Gefühlen, das nur durch Feierlichkeiten wie jene am heutigen Tag durchbrochen wurde, fanden Lene und Arjen ihre kleine Fuge an Ehrlichkeit und Sicherheit, in der sie äußern, sagen und tun konnten, wonach ihnen der Sinn stand - ohne dass man eine Wertung von außen fürchten musste. Das Paar hatte eine erfüllte Zeit, eine die vor allem dem Fortkommen von beiden gewidmet war - nun jedoch fanden sie sich auf einem Plateau wieder. Einem Punkt, an dem sie sich fragten, ob sich alles was sie einander geben und schenken konnten, erschöpft hatte. Es war ein ebenso schleichender Prozess gewesen, wie ihr Zusammenkommen. Einer der ohne Missgunst oder einen Mangel an Vertrauen auskam.
Manche Episoden unseres Lebens sind begrenzt - sie haben eine Zeit, einen Ort und eine Bedeutung - aber sie sind nicht von Dauer. So zumindest, war das Verdikt von Lene und Arjen, ein zusammen gefälltes Urteil ohne Fingerzeig und ohne Groll. Lene hatte die Möglichkeit, in Eherntrutz einen neuen Posten anzutreten, einen der sie voranbringen würde - doch dafür musste sie Brandholm verlassen. Arjen hingegen, war auf der Silberspeer zufrieden, doch trug er einen ganz eigenen Rucksack, geschmiedet aus den Seelen von auf See verlorener Kameraden mit sich, den er hoffte, andernorts loswerden zu können. Auch dies war eine Wahrheit, die nur Lene kannte. Genauso wie Arjen wusste, dass Lene in Brandholm im Grunde nie zufrieden war, sondern den kleinen Marinestützpunkt in einem Akt der Rebellion gegenüber ihren Eltern seinerzeit aufgesucht hatte, nach außen aber immer die Beschaulichkeit und effiziente Bauweise der Seefestung lobte. Es war Zeit, weiter zu ziehen.
Als der Seemann in das Arbeitszimmer trat, saß Lene am Schreibtisch und schien in ein Schreiben vertieft. Es war ein kleines Zimmer, das jedoch eine magische Bedeutung für beide hatte: Auf einer kleinen Bank unterhalb des einzigen Fensters hatten oft wahlweise Arjen oder seine Partnerin die Abende verbracht, während man gemeinsam über Aufgaben, Aufzeichnungen und sonstigen Schriftstücken brütete und darüber debattierte, was der jeweils andere am besten tun sollte. Es war ein Refugium der guten Ratschläge. Als Arjen sich der Frau am Schreibtisch näherte, merkte er, dass ihr Körper bebte. Er legte eine Hand von hinten auf ihre Schulter. Die Schultern von Lene waren schmal und auch wenn sie eine Körperhaltung einnehmen konnte, die nach außen hin Stärke symbolisierte, so fühlten sich ihre Schulterpartien stets zerbrechlich an - so zerbrechlich wie das Wesen dieser eigentlich starken Frau in diesem Augenblick war. Sie weinte - und die Berührung des Seemannes ließ Lenes Hand instinktiv nach der seinen greifen, beinahe panisch. Ihr Griff war fest, wie der Griff einer Person die drohte, in einen Abgrund zu fallen. “Ich dachte, es wäre leichter.” krochen ihre Worte gebrochen in den Raum, als wäre es eine Schande oder Peinlichkeit, derlei zuzugeben. Der Seemann umarmte sie in sanfter Stärke von hinten und spürte, wie der zierliche Körper der Frau sich in die Form des Mannes schob, den sie eigentlich verlassen wollte. Sie blieben endlose Momente in dieser Position. Selbst als keine Tränen mehr flossen, schenkten sie einfach weiter einander diese vertraute Nähe, die den Kern ihrer Welt der letzten Jahre ausgemacht hatte.
Als sich das Licht der Welt um sie herum der Dunkelheit der Nacht untergeordnet hatte, gingen sie genauso schweigend zu Bett, wie sie dort im kleinen Arbeitszimmer verharrt hatten. Sie liebten sich nicht, da war kein letztes Aufflackern inniger, körperlicher Bedürfnisse, sondern nur die Geborgenheit ihrer Leiber in einer Geste melancholischer Vertrautheit. Die Schwärze der Nacht floss in die Geister der beiden Brandholmer und verweigerte ihnen jegliche Form von Träumen. Im Gegenteil: Wäre da nicht dieses Gefühl matter Erholung gewesen und der fahle Lichtschein von an Gassenbauten gebrochener Sonnenstrahlen, hätte Arjen schwören können, dass er keine Minute geschlafen hatte.
Ein letztes mal teilten Lene und Arjen die Tafel im Esszimmer, tauschten die letzten Geschichten, die zu erzählen waren. Seit dem Abend des letzten Tages hatten sie mit dem Gefühl einsetzenden Verlustes umzugehen gelernt, begonnen zu akzeptieren, was sie längst beschlossen hatten - für das das Herz jedoch nur noch nicht bereit war. “Besuchst du deine Eltern vor der Abreise?” fragte Lene, als sie abräumten. “Nur kurz. Ich kann sie jederzeit besuchen.”antwortete Arjen, während sich in seinem Kopf die Worte “Nur dich nicht, du wirst dann längst ein neues Leben begonnen haben.” manifestierten. Lene sah ihn an und lächelte. Es war ein Lächeln das Trost spenden konnte - eines das ihm sagte, dass sie diese Worte gehört hatte, auch wenn sie nur in seinem Kopf existierten.
Die wenige Habe, die der Seemann mit nach Gerimor nehmen würde, war schnell gepackt. Den Rest, inklusive dem Inventar der Wohnung würde Lene in Eherntrutz gut gebrauchen können. “Wann reist du ab?” - “In einem Wochenlauf. Ich habe einen Karren gemietet. Die Überführung von all’ dem hier wird ein Kraftakt. Aber auch wenn ich es nicht zugeben will, ich hänge an der alten Uhr.” Arjen war es nun, der lächelte. Ein Lächeln, das in dem Moment erstarb, als er die Wohnung zum letzten Mal verließ und sich seine Abberufungspapiere aus der Kommandatur holte. Er hatte selten einen so kühlen Umgang erlebt - eine weitere Schattenseite des Stützpunktes. Die Brandholmer waren eingeschworen. Eine große, oft farblose Familie, in Treu und Glauben an das alumenische Reich geschmiedet. Und wenn man diese Familie verließ, beging man etwas, das irgendwo unter Reichsverrat war. Es gab kaum offizielle Papiere mit den auf den Weg, alleine die nötigen Nachweise über den Militärdienst wurden dem ehemaligen Marine-Soldaten ausgehändigt, als er ein ziviles Handelsschiff bestieg. Es fühlte sich wie eine Entehrung an und vermutlich war es auch so gemeint.
Gut einen Jahreslauf später würde die Marine von Lichtenthal kurz davor stehen, endlich wehrfähig zu sein und Arjen Elsinga würde neue Kameraden gefunden haben. Kameraden, auf die er sich verlassen konnte und die er als neue Familie akzeptiert hatte. An den Tagen, an denen er nicht an den letzten Schritten zur Fertigstellung des Schiffes half oder sich von seinen Kameraden ausbilden ließ, hatte er zudem neue Routinen gefunden, in denen er oft an die Zeit in Brandholm zurück dachte - an den Reichtum an Kameraden, den er zurückgelassen hatte und an den Reichtum, den er hier auf Gerimor gefunden und die neue Vertrautheit, die er dabei entdeckt hatte.
“Ich bin genau dort, wo ich sein will.” waren die Worte, mit denen der Rekrut und Seemann den neuen Morgen begrüßte, als die Sonne über Lichtenthal aufging. Es würde ein wunderschöner Tag werden.
