Vom Riss im Glauben, 20. Wechselwind 269
Mutter,
ich weiß wohl, dass dieser Brief dich nicht erreichen wird. Und doch setze ich Feder auf Pergament, als säßest du mir gegenüber, die Hände gefaltet, der Blick still und wach, wie einst, da ich dir meine Sorgen anvertraute.
Du lehrtest mich zu glauben - nicht allein an die Götter, sondern an das Gute im Menschen: an Mitgefühl, an Gnade, an Gerechtigkeit. Ich trug diese Worte wie ein Gelübde, Mutter. Ich hielt mich daran fest, selbst dort, wo die Welt mir bereits das Gegenteil zeigte.
Ich wollte, dass du recht hast.
Doch sie haben dich widerlegt.
Nicht die Welt im Ganzen - sondern jene, zu denen ich aufsah. Die Priester, die von Gnade sprechen und sie verweigern. Die Ritter, die von Ehre sprechen und sie mit Füßen treten. Der Adel, der von Recht spricht und es beugt, wie es ihm beliebt.
Ich habe es gesehen. Mit eigenen Augen.
Sie standen im Saal, in ihren Gewändern, in ihrem Glanz, mit erhobenem Haupt - und sprachen von Tugenden. Und im nächsten Atemzug ließen sie einen Mann fallen, ohne Demut, ohne Mitgefühl, ohne einen Funken dessen, was sie predigen.
Und sie nennen es Gerechtigkeit.
Mutter… ich hasse sie dafür.
Ich hasse ihre Stimmen, die wie fromme Lieder klingen und doch nur hohl sind. Ich hasse ihre Blicke, die Milde versprechen und Verachtung tragen. Ich hasse ihre Ruhe, ihr Schweigen, ihr Einvernehmen, als das Beil fiel.
Und ich hasse, dass ich einst zu ihnen aufblickte.
Ich hasse, dass ich ihnen glaubte.
Ich hasse, dass ich sein wollte wie sie.
Und mehr noch… ich spüre Zorn gegen jene, die all dies zulassen. Gegen Temora und ihre Kinder, die doch sehen müssten, was geschieht. Die hören müssten, was gesprochen wird. Die wissen müssten, dass ihre Tugenden entweiht werden.
Und doch schweigen sie.
Oder sie sind fern.
Oder - und dieser Gedanke brennt am tiefsten - sie sind gleichgültig.
Was ist ein Glaube wert, der nur im Wort besteht, nicht in der Tat? Was ist eine Tugend, die nicht verteidigt wird? Was ist ein Licht, das nicht leuchtet, wenn es am dunkelsten ist?
Ich habe gebetet, Mutter. Ich habe gewartet. Ich habe gehofft.
Und ich wurde erhört von…
niemandem.
Vater wurde gerichtet, sagen sie. Doch ich sah kein Gericht, nur ein Schauspiel. Ich sah Männer und Frauen, die sich hinter Titeln und Gewändern verbargen und doch nichts anderes taten, als das, was sie verurteilen: Lüge, Hochmut, Heuchelei.
Und niemand stellte sie zur Rede.
Bis jetzt.
Ich werde nicht mehr zu ihnen aufblicken.
Ich werde nicht mehr auf ihre Worte hören.
Ich werde nicht mehr hoffen, dass sie sich ändern.
Ich werde sie messen - an dem, was sie tun.
Und ich werde handeln, wo sie versagen.
Vielleicht würdest du sagen, dass dieser Hass mich verzehrt. Vielleicht hast du recht. Ich spüre, wie er in mir wächst, wie er jede Lücke füllt, die der Glaube hinterlassen hat.
Doch in diesem Hass liegt Klarheit.
Er nimmt mir die Blindheit.
Er nimmt mir die Illusion.
Er nimmt mir die Furcht.
Ich erinnere mich an deine Worte, Mutter. Mehr, als mir lieb ist. Und gerade deshalb schmerzt es, sie nun gegen das zu halten, was ich gesehen habe.
Ich kann nicht zurück.
Aber ich gehe nicht blind voran.
Wenn noch etwas von dem in mir lebt, was du mir gabst, dann ist es dies: dass ich nicht aus Willkür handle - sondern weil ich nicht länger ertragen kann, wie das, woran ich glaubte, von jenen beschmutzt wird, die es zu hüten vorgeben.
Auch wenn es bedeutet, gegen sie zu stehen.
Auch wenn es bedeutet, gegen das zu stehen, was einst mein Halt war.
In bitterer Klarheit,
Dein Sohn,
