Seite 1 von 1

Briefe an Mutter

Verfasst: Mittwoch 23. Juli 2025, 13:44
von Gregor Grann
Vorwort

Diese Briefe fanden sich in einer schlichten Holzschatulle, sorgfältig gebündelt mit einem Band aus blauer Seide. Es war keine Adresse darauf vermerkt, kein Wachssiegel, das auf eine Sendung hindeutete. Nur der Name „Mutter“, immer wieder, in feiner Handschrift auf dem oberen Rand jedes Bogens.

Man sagt, der junge Mann, der sie schrieb, habe sie nie abgeschickt. Vielleicht fehlte ihm der Mut, vielleicht die Hoffnung, dass Worte den Abgrund zwischen den Welten überwinden könnten. Und doch schrieb er weiter - Brief um Brief -, als wolle er ihr all das erzählen, was er auf seinem Weg durch die Lande erlebte. Als könne das geschriebene Wort die Verbindung bewahren, die der Tod getrennt hatte.

Dies ist die stille Chronik seines Herzens. Bewahrt, nicht für die Welt - sondern für sie allein.

Verfasst: Mittwoch 23. Juli 2025, 14:39
von Gregor Grann
Vom ersten Licht auf Gerimor,  05. Cirmiasum 268

Liebste Mutter,

es ist noch keine sieben Tage her, dass mein Fuß zum ersten Mal den Boden Gerimors berührte, und doch ist mein Herz bereits schwer von Eindrücken und Bildern, die ich kaum in Worte zu fassen vermag. Wenn ich meine Augen schließe, sehe ich noch das aufragende Portal vom Kloster Schwingensteins vor mir: weiße Mauern, wie vom Morgenlicht selbst geformt, gekrönt von goldenen Zinnen, und auf jedem Sims sitzt ein Gedanke, der fliegen will. Die Glocken dort klingen wie aus einer anderen Welt, ein jeder Ton ein Ruf zur Einkehr und zur Hoffnung.

Ein Ort des Glaubens, der Besinnung, der Ordnung. Und doch voller Leben, voller Stimmen, die sich in den Gängen verlieren, voller Geschichten, die man zwischen den Fenstern atmen kann. In der großen Halle wehen bunte Fahnen, jede ein Zeugnis des Glaubens, jeder Wandteppich ein Gebet in Bildern. Die Luft duftet nach Wachs, getrocknetem Lavendel und alten Büchern, und selbst das Sonnenlicht scheint durch die hohen Fenster milder zu fallen.

Ich verweilte lange im Gebet, nicht nur zu Temora, sondern auch zu dir, in Dankbarkeit, dass du mir die Kraft gabst, diesen Schritt zu tun.

Ach, Mutter, du hättest sie sehen müssen, die Menschen hier! Eine farbenfrohe Schar aus Edlen, Gelehrten, Gläubigen und Abenteurern. Ein junger Knappe reichte mir Brot und Wasser, mit jener stoischen Miene, wie sie wohl nur die Jugend kennt, wenn sie sich müht, Haltung zu bewahren. Ein Freiherr höchstpersönlich hieß mich willkommen - seine Stimme klang wie polierter Stein, würdevoll und geübt, doch sein Blick blieb warm, beinahe väterlich. Und ein großer Krieger (gewiss nicht in Statur, doch Kampfeskraft) der Kaluren forderte mich zum Sparring auf - seine Bewegungen waren wie ein Sturm, präzise und unaufhaltsam. Es grenzt an ein Wunder, dass mir kein Knochen gebrochen ward danach. Einen Treffer landete ich nicht, doch ob seiner Reaktion wirkte es, als hätte ich mich dennoch gut geschlagen.

Bislang ward ich vorgestellt als Gregor. Noch immer trage ich Lindenbrock vor den Lippen, doch auf dein Geheiß flüstert es leise in meinem Herzen: Grann. Ich spreche es nicht laut - noch nicht -, aber ich trage es wie ein Samenkorn unter der Zunge, bereit zu keimen, wenn der rechte Boden gefunden ist.

In inniger Liebe,
Dein Sohn,
Gregor

Verfasst: Freitag 25. Juli 2025, 14:34
von Gregor Grann
Vom zerbrochenen Bild, 12. Cirmiasum 268

Mutter,

ich schreibe dir heute mit zittriger Hand. Nicht vom Wind der See, nicht vom Zorn der Götter, sondern vom Sturm in meinem Innersten.

Ich trat ein in den Saal des Rathauses, um die letzten Schritte zur Bürgerschaft zu gehen. Die Edle, Vogtin van Winterwacht, empfing mich mit Würde, wie aus Porzellan geformt - so fein, so unerbittlich. Sie sprach mich an, bat nach meinem Namen, den vollen, den wahren, und ich, wie von dir aufgetragen, nannte ihn laut: Gregor Grann.

Doch ihre Miene veränderte sich. Nicht Wohlwollen lag in ihren Zügen, sondern Bedauern, gar Mitgefühl. Und dann die Worte, die mein Bild ins Wanken brachten: Euer Vater, so sagte sie, war kein Baron. Kein Edelmann. Kein Held. Er war ein Betrüger, ein Hochverräter, hingerichtet für seine Schandtaten.

Ich lauschte, doch ich hörte nicht. Ich nickte, doch ich verstand nicht. Alles in mir wehrte sich gegen dieses neue Bild, gegen diesen Riss in dem Mosaik, das ich von dir und ihm in meinem Herzen trug.

Mein einziger Trost ist, dass du jenes nicht mehr ertragen musstest, als du noch auf dieser Ebene wandeltest. Dass dir dieses Wissen erspart blieb. Oder wusstest du es? Hieltest du ihn dennoch in Ehren, aus Liebe, aus Trotz? Ich weiß es nicht.

Den Bürgerbrief erhielt ich dennoch. Ob aus Mitleid oder aus Hoffnung, vermag ich nicht zu sagen. Vielleicht sah sie in mir nicht das Blut, sondern das Bemühen.

Ich werde jenen Namen tragen, Mutter - nicht aus Verdienst, sondern als Übung in Demut.

In treuer Liebe, Dein
Gregor

Verfasst: Dienstag 5. August 2025, 10:56
von Gregor Grann
Die Prozession der Demut, 18. Cirmiasum 268

Liebste Mutter,

heute schreibe ich dir mit einem Herzen so voll, dass es mir fast die Feder führt. Ich durfte Teil einer heiligen Prozession sein, wie sie wohl nur selten das Auge der Welt erblickt. Nicht nur wurde mir gestattet, an der Seite des Paladins von Sankurio zu reiten - einem Mann, in dessen Blick das Licht selbst zu wohnen scheint, sondern wir besuchten auch zwei der heiligen Schreine Temoras: jenen der Ilara und jenen des Alsamar.

Ich kann dir nicht schildern, was es bedeutet, wenn sich ein Heiliger offenbart. Es ist, als halte die Zeit den Atem an, als ob jedes Blatt, jede Stimme, jeder Gedanke still wird, um nicht zu stören. Und sie erschienen. Beide. Ilara, die Demütige, trat aus dem Licht ihres eigenen Altars, ihre Gestalt schimmernd, ihre Worte wie Wasser auf ausgedorrter Seele. Und Alsamar, der Wahrhafte, stand wie eine Mauer aus Gnade.

Doch das Unglaublichste, das für mich kaum Fassbare: Ilara wandte sich mir zu. Mir, Mutter. Sie reichte mir die Statue ihres Abbildes. Schlicht, schön, vollkommen in ihrer Zurückhaltung und bat mich, sie zur Kirche Adorans zu tragen.

Ich, Gregor, der in seinem Herzen oft mehr Stolz als Weisheit trug, durfte ihr Diener sein. Ich trug die Statue nicht als Triumph, sondern als Bitte. Um Einsicht. Um Wandlung. Um Demut. Ihre Tugend.

Ich fühle mich kleiner seit jenem Tag. Und gerade darum wahrhaftiger.

In liebender Dankbarkeit,
Dein Sohn,
Gregor

Verfasst: Donnerstag 28. August 2025, 16:17
von Gregor Grann
Schwur und Schwert, 26. Cirmiasum 268

Liebste Mutter,

ich schreibe dir heute mit klopfendem Herzen und schmerzender Schulter - nicht vom Kummer, sondern von den Übungen des heutigen Morgens. Denn es ist mir gewährt worden: Die Aufnahme in die Klosterwache zu Schwingenstein wurde mir bestätigt.

In einem feierlichen Akt, trat ich in das Rund der Versammlung. Der Paladin selbst - jener, an dessen Seite ich einst in der Prozession ritt - nahm mir den Schwur ab. Seine Hand auf meiner Schulter war schwer wie Gerechtigkeit selbst, und seine Stimme hallte noch lange in meinem Inneren nach.

Mein Pate in dieser Anwärterzeit ist niemand Geringeres als der Knappe van Bernau - der stoische junge Mann, der mir einst Brot und Wasser reichte. In seinem Blick lag kein Erstaunen, nur stille Zustimmung, als hätte er es von Anfang an gewusst. Er hat mir bereits einen festen Übungsplan aufgestellt und spricht selten, doch mit Klarheit, die keinen Zweifel lässt.

Ich weiß nicht, ob ich je ein großer Kämpfer werde, Mutter, doch ich will wachen. Wachen mit Geist, Herz und Hand. Und möge mein Name dereinst nicht nur in der Schatulle deiner Erinnerungen bestehen, sondern auch im Dienst an etwas Größerem als mir selbst.

In aufrechter Hoffnung,

Dein Sohn,

Gregor

Verfasst: Donnerstag 28. August 2025, 16:20
von Gregor Grann
Die Kunde vom Ende, 29. Schwalbenkunft 268

Liebste Mutter,

ich schreibe dir heute mit einer Hand, die schwerer ist als sonst, denn das, was sie niederschreibt, drückt nicht nur auf das Pergament, sondern auch auf mein Herz.

Heute, in der Klosterbibliothek, stieß ich auf ein Exemplar der Tiefenberger Kunde, Ausgabe vom 26. Schwalbenkunft. Und dort, auf der zweiten Seite, unter dem Titel „Das Ende des Gustav Grann“, stand es in festen Lettern, unwiderruflich wie ein Urteil in Stein: Vater ist tot. Hingerichtet.

Ich las die Zeilen mehrfach, Mutter. Der Bericht war kalt, beinahe höhnisch. Sie sprachen von Größenwahn, von Hochverrat, von Lügen und Spott. Von einem Tribunal, das er selbst verhöhnte. Von Schriftstücken, die seine Schuld belegten. Von einem Urteil, das kein Erbarmen kannte. Und von einem Mann, der bis zum letzten Atemzug seine Rolle spielte - oder vielleicht, wer weiß, an sie glaubte.

Ich weiß nicht, was davon wahr ist. Vielleicht alles. Vielleicht nichts. Vielleicht war er beides: ein Narr und ein Träumer, ein Schwindler und ein Suchender. Ich will nicht richten, Mutter. Ich will verstehen. Doch heute scheint mir das schwerer als je.

Ich fragte mich oft, ob er wusste, dass ich hier war. Ob er je von mir sprach. Ob er die Briefe suchte, die ich nie abschickte. Ich werde es nie erfahren.

Doch eines weiß ich: Ich trage seinen Namen nicht mehr aus Trotz, sondern aus Pflicht. Eine Pflicht, ihn zu reinigen, ihn mit Demut und Aufrichtigkeit neu zu formen. Nicht für ihn. Nicht für jene, die urteilten. Sondern für dich.

In Trauer, doch fester denn je,

Dein Sohn,

Gregor

Verfasst: Donnerstag 28. August 2025, 16:27
von Gregor Grann
Abschied, 28. Ashatar 268

Vater,

ich habe dich nie gekannt, und doch folgst du mir wie ein Schatten, den ich nicht abstreifen kann. Man sagt mir, du seist einer gewesen, der nicht liegen blieb - der selbst dann, wenn das Schicksal ihn niederdrückte, wieder aufstand. Und doch frage ich mich, ob du manchmal müde warst. Ob es Nächte gab, in denen du nur im Stillen seufztest, weil die Welt dich nicht den Weg gehen ließ, den du dir erträumt hattest.

Sie erzählen von Ambitionen, von Plänen, die größer waren als das, was dir erlaubt war zu leben. Doch fremde Hände, fremde Mächte, Einflüsse von außen legten sich wie Steine in deinen Pfad. Du bist weitergegangen, ja - aber ich sehe vor mir eher einen, der schwer atmet, und dennoch... triumphiert.

Früh schon, so heißt es, hast du den Tod wie einen Vertrauten angesehen. Nicht als Schrecken, nicht als Feind, sondern als stummen Begleiter, der dir zur Seite ging. Vielleicht sprach er nicht zu dir, vielleicht legte er dir nur die Hand auf die Schulter, leise, unnachgiebig. Und du hast ihn nicht verleugnet. Du hast ihn angenommen, so wie man eine Bürde annimmt, die man nicht abwerfen kann.

Ich weiß nicht, wie es gewesen wäre, dir gegenüberzustehen. Ob dein Blick Wärme getragen hätte, oder Strenge, oder beides. Ich weiß nur, dass ich ihn vermisse, ohne ihn je gesehen zu haben. Da ist ein Loch in mir, das weder Zeit noch Glauben füllt - nur Leere, die hallt.

So will ich dich in Erinnerung halten, Vater: nicht als Helden, nicht als Überwinder, sondern als einen, der getragen hat, was ihm auferlegt war. Als einen, der im Schatten des Todes ging, und doch nie ganz erlosch. Als Vater, der mir fehlt - obwohl er nie bei mir war.

Dein Sohn,
Gregor

Re: Briefe an Mutter

Verfasst: Donnerstag 5. Februar 2026, 15:25
von Gregor Grann
Gebeine im Schatten, 5. Eisbruch 269

Mutter,

heute brennt etwas in mir, das sich nicht in Andacht oder Gehorsam fassen lässt. Ich habe sie gebeten - mehrfach, demütig, mit aller mir verbliebenen Geduld. Ich habe darum ersucht, dass die Gebeine meines Vaters nicht in der namenlosen Erde verscharrt bleiben, sondern einen Platz finden, wie ihn selbst der niederste Bettler verdient: mit einem Stein, einem Zeichen, einem Gebet.

Hochwürden Kalveron versprach es mir. Sie legte ihre Hand auf die meine, blickte mich an mit ihren milden Augen und sagte, man würde sich darum kümmern. Dass man Zeit brauche, Rücksprache mit der Kirche, mit der Stadt, mit den Akten. Doch es geschah nichts.

Mutter, sie lügen. Oder sie fürchten sich vor der Wahrheit. Und vielleicht ist es diese: dass selbst im Licht Temoras kein Platz ist für jene, die gefallen sind. Dass die Vergebung, die sie predigen, an der Schwelle zur Schande haltmacht.

Oder - und das ist vielleicht das Bitterste - sie halten mich für zu unbedeutend, um gehört zu werden.

Ich wache nachts mit dem Gedanken auf, dass seine Knochen irgendwo im Schatten liegen, ohne Namen, ohne Licht, ohne Hoffnung. Was ist mit all ihrem Gerede von Erlösung, von Gnade, von Vergebung? Gilt das nur für jene, deren Ruf nie fiel?

Ich will nicht zürnen, Mutter. Ich will glauben. Doch mein Glaube bröckelt. Nicht an Temora - an ihre Diener.

Dein Sohn,
Gregor

Re: Briefe an Mutter

Verfasst: Montag 20. April 2026, 12:13
von Gregor Grann
Vom Riss im Glauben, 20. Wechselwind 269

Mutter,

ich weiß wohl, dass dieser Brief dich nicht erreichen wird. Und doch setze ich Feder auf Pergament, als säßest du mir gegenüber, die Hände gefaltet, der Blick still und wach, wie einst, da ich dir meine Sorgen anvertraute.

Du lehrtest mich zu glauben - nicht allein an die Götter, sondern an das Gute im Menschen: an Mitgefühl, an Gnade, an Gerechtigkeit. Ich trug diese Worte wie ein Gelübde, Mutter. Ich hielt mich daran fest, selbst dort, wo die Welt mir bereits das Gegenteil zeigte.

Ich wollte, dass du recht hast.

Doch sie haben dich widerlegt.

Nicht die Welt im Ganzen - sondern jene, zu denen ich aufsah. Die Priester, die von Gnade sprechen und sie verweigern. Die Ritter, die von Ehre sprechen und sie mit Füßen treten. Der Adel, der von Recht spricht und es beugt, wie es ihm beliebt.

Ich habe es gesehen. Mit eigenen Augen.

Sie standen im Saal, in ihren Gewändern, in ihrem Glanz, mit erhobenem Haupt - und sprachen von Tugenden. Und im nächsten Atemzug ließen sie einen Mann fallen, ohne Demut, ohne Mitgefühl, ohne einen Funken dessen, was sie predigen.

Und sie nennen es Gerechtigkeit.

Mutter… ich hasse sie dafür.

Ich hasse ihre Stimmen, die wie fromme Lieder klingen und doch nur hohl sind. Ich hasse ihre Blicke, die Milde versprechen und Verachtung tragen. Ich hasse ihre Ruhe, ihr Schweigen, ihr Einvernehmen, als das Beil fiel.

Und ich hasse, dass ich einst zu ihnen aufblickte.

Ich hasse, dass ich ihnen glaubte.

Ich hasse, dass ich sein wollte wie sie.

Und mehr noch… ich spüre Zorn gegen jene, die all dies zulassen. Gegen Temora und ihre Kinder, die doch sehen müssten, was geschieht. Die hören müssten, was gesprochen wird. Die wissen müssten, dass ihre Tugenden entweiht werden.

Und doch schweigen sie.

Oder sie sind fern.

Oder - und dieser Gedanke brennt am tiefsten - sie sind gleichgültig.

Was ist ein Glaube wert, der nur im Wort besteht, nicht in der Tat? Was ist eine Tugend, die nicht verteidigt wird? Was ist ein Licht, das nicht leuchtet, wenn es am dunkelsten ist?

Ich habe gebetet, Mutter. Ich habe gewartet. Ich habe gehofft.

Und ich wurde erhört von… niemandem.

Vater wurde gerichtet, sagen sie. Doch ich sah kein Gericht, nur ein Schauspiel. Ich sah Männer und Frauen, die sich hinter Titeln und Gewändern verbargen und doch nichts anderes taten, als das, was sie verurteilen: Lüge, Hochmut, Heuchelei.

Und niemand stellte sie zur Rede.

Bis jetzt.

Ich werde nicht mehr zu ihnen aufblicken.
Ich werde nicht mehr auf ihre Worte hören.
Ich werde nicht mehr hoffen, dass sie sich ändern.

Ich werde sie messen - an dem, was sie tun.
Und ich werde handeln, wo sie versagen.

Vielleicht würdest du sagen, dass dieser Hass mich verzehrt. Vielleicht hast du recht. Ich spüre, wie er in mir wächst, wie er jede Lücke füllt, die der Glaube hinterlassen hat.

Doch in diesem Hass liegt Klarheit.

Er nimmt mir die Blindheit.
Er nimmt mir die Illusion.
Er nimmt mir die Furcht.

Ich erinnere mich an deine Worte, Mutter. Mehr, als mir lieb ist. Und gerade deshalb schmerzt es, sie nun gegen das zu halten, was ich gesehen habe.

Ich kann nicht zurück.

Aber ich gehe nicht blind voran.

Wenn noch etwas von dem in mir lebt, was du mir gabst, dann ist es dies: dass ich nicht aus Willkür handle - sondern weil ich nicht länger ertragen kann, wie das, woran ich glaubte, von jenen beschmutzt wird, die es zu hüten vorgeben.

Auch wenn es bedeutet, gegen sie zu stehen.

Auch wenn es bedeutet, gegen das zu stehen, was einst mein Halt war.

In bitterer Klarheit,

Dein Sohn,

Gregor