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Der Riss im Holz

Verfasst: Donnerstag 17. Juli 2025, 22:40
von Mirah Bashir
Mirah hätte nie zugegeben, dass sie sich von den Ereignissen im Ahnengrab mit diesem elenden schwarzgewandten Magier hatte einschüchtern lassen.

Er hatte nicht laut werden müssen. Es reichte, wie er sprach. Wie er schaute. Wir er ihren Kopf, wie bei einem Spielzeug hin und her drehte. Wie er den Eindruck vermittelte, dass man – nein: dass sie – bestenfalls eine Fußnote im Lied der Eluive sei. Eine unbequeme Dissonanz, die sich besser wieder auflöste, bevor jemand wie er sie einfach hinwegfegte.

Seither hatte sie den Gedanken nicht mehr abschütteln können: "Ich muss stärker werden."

Nicht gehorsamer, nicht vorsichtiger, nicht gefälliger – stärker.
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So stand sie also hier, an der Grenze der Durrah, den Blick auf das flirrende Band aus Sand gerichtet, das sich bis zum Horizont zog. Neben ihr schnaubte Kemal, Dakhils verfressener Lamafreund, der nicht zum ersten Mal spürte, dass aus einem kurzen Ausflug wieder etwas ganz anderes wurde. Sie hatte Dakhil einen Zettel dagelassen, natürlich. Dakhil wusste, dass das meistens nichts Gutes bedeutete. Er würde sich so oder so Sorgen um sie machen, so wusste er zumindest wo er sie wiederfinden konnte. Der Himmel über ihr wurde dunkler. Kein Sonnenuntergang. Ein Sandsturm. Ein echter. Groß, laut, mit donnerndem Atem. Sie hätte umkehren können, sie hätte alle Zeit dazu gehabt, sie hätte nachgeben können. Aber das war der Punkt: Genau deshalb tat sie es nicht. Die Böen wurden stärker. Kemal drückte sich gegen sie, als hätte er vergessen, dass Lamas keine windfesten Mauern waren. Sie stolperten gemeinsam zu einem halb eingestürzten Felsvorsprung – kaum Schutz, aber genug für zwei unvernünftige Geschöpfe. Der Sturm rüttelte an ihrer Kleidung, warf ihr Sand ins Gesicht, füllte ihre Kapuze und den Kragen wie ein aufdringlicher Gast.

Und dann, mitten im Tosen – eine Lücke. Ein Moment, in dem die Welt stiller wurde, und der Wind eine dünne Schicht Sand wegriss wie ein Schleier. Darunter: etwas Dunkles, Hartes, wie ein Knochen aus der Erde selbst. Versteinertes Holz. Ein Stamm, kaum dicker als ihr Arm, aber so lang wie sie selbst. Nicht perfekt gerade. Nicht elegant. Ein Stück Wüste, das sich nicht hatte klein kriegen lassen. Mirah kroch hin, grub ihn mit bloßen Händen aus dem heißen Sand. Der Stein war kühl. Schwer. Er hatte einen Riss, einen tiefen, wilden Spalt, der einmal längs über das Holz lief. Andere hätten ihn als Makel gesehen. Für Mirah war es genau richtig. Ein Fehler, der nicht versteckt werden konnte. Ein Zeichen von Widerstand – gegen Hitze, Zeit, Druck. Wie passend.

Sie spürte, wie ihre Finger über die Maserung fuhren. Wie der alte Trotz in ihr aufflammte.

"Wenn dieser Kerl mich für schwach hält... werde ich wohl alles daran setzen, das Gegenteil zu beweisen."

Als der Sturm sich legte, sah sie aus wie eine wandelnde Düne. Kemal ebenso. Sie schnaufte, lachte heiser und betrachtete den neu gewonnenen Schatz. In Gedanken war sie schon dabei, wie sie ihn bearbeitete oder jemanden mit den notwendigen handwerklichen Fähigkeiten dazu anleitete, ihn zum Fokus ihrer Magie machte. Etwas Echtes. Etwas Eigenes. Vielleicht würde sie den Riss nicht glätten. Vielleicht würde sie genau dort etwas einarbeiten, ein Band aus Metall, oder Salzkristallen, oder den Raum für unliebsame Überraschungen für andere nutzen. Vielleicht ein schweres Gewicht, dass man arroganten, schwarzgewandeten Magiern über die Rübe hauen konnte. Ein Teil von ihr überlegte auch mehr in Richtung eines gelungenen Streichs. Zum Beispiel: Einen Mechanismus, der beim Aufstützen Staub verteilte oder beim falschen Griff einen glitzernden Farbstaub freisetzte.

Sie streichelte den Stab, als wäre er ein alter Freund.

"Du und ich", murmelte sie, "wir machen das schon."
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Kemal schnaubte protestierend. Fast, als würde er sich ausgeschlossen fühlen. Wahrscheinlicher aber nur, weil er sie auffordern wollte, ihm bald frische Datteln zu besorgen.