Der Welpe und der Maestro
Verfasst: Sonntag 22. Juni 2025, 15:34
von Aaryon von Hohenfels
Was für ein Tag...
Voller Begierde hatte er sich nach seiner Prüfung so bald wie möglich auf die Unterlagen gestürzt, die den Studiosi für Verwandlungen zur Verfügung standen, ohne den weiterführenden Unterricht abzuwarten. Wozu hatte man ihnen schon als Novizen eine Grundlektion in "Verwandlung" gegeben, wenn sie sich als Studiosus immer noch nicht damit hätten beschäftigen dürfen?
Und ja... die seitenlangen umständlichen
"Liedstrukturdarstellungen für Anfänger in der Morphologie"
waren alles andere als spannend oder gar leichte Lektüre, aber herrje: woher sonst sollten die Zöglinge lernen, wie die Liedstruktur eines "Löwenjungen" aussah?! Eichhörnchen zu beobachten, mochte ja grundsätzlich leichter erreichbar sein - Aaryon schmunzelte, als er darüber nachdachte, wie viele Eichhörnchen er wo kannte, darunter ein sehr spezielles - aber sie hielten selten lange genug still, um sich auf ihre Liedstruktur einzustimmen.
Sehr schnell blieb er an etwas hängen, was als
"Creatura lucis -für Studiosi" bezeichnet wurde.
Eine Lichtkreatur?! Ernsthaft?! Begeistert klappte Aaryon die Kinnlade herunter, als er sich daran erinnerte, wie sich Arcomaga von Meerswacht in ein solch beeindruckendes, geflügeltes, mindestens zwei Meter großes schlankes Wesen verwandelt hatte, um die Kreaturen in Varuna Sitten zu lehren. Und das konnte man schon als Studiosus?!
Zwei Nächte hockte er über den verworrenen Zeichnungen und studierte die Linien. Nickte schließlich, als er der Meinung war, es so grob begriffen zu haben. Ausdrücklich wurde empfohlen, diese Gestalt und ihre Fähigkeiten zu nutzen, um
"Licht in von Ogern und dergleichen durchseuchte Höhlengänge" zu bringen. Nun denn! In Gedanken krempelte er die Ärmel hoch - und ging erstmal schlafen, schließlich war es schon fünf Uhr morgens.
Wie erwartet weckte Valentin ihn ohnehin früh genug. Wenn nicht zu früh. Aber egal. Ja, auch er wollte wissen, was der ihm nun erlaubte Zugriff auf die Sekundärenergien für einen Unterschied machte!
Und wo hin? Unheilsberg? Wahrscheinlich überlaufen wie immer. Die Katakomben der Arkorither boten sich an: die kannte Aaryon halbwegs, es gab eine gute Mischung aus anfänglich zuverlässig zu bewältigenden Skeletten, selbst wenn etwas nicht so klappen sollte, dann halt Zweiköpfe, Oger...
"Mal sehen, wie wir mit den Dämonen und dem Drachen klar kommen!", meinte Valentin unternehmungslustig. Aaryon schaute skeptisch, wollte aber keine zu großen Bedenken äußern - immerhin hatte Valentin es vor Kurzem alleine geschafft, mit dem Blut und der Haut eines selbst erlegten Arkandrachen aus dem Käferlabyrinth zurück zu kehren.
Bevor sie die Höhlen betraten, ging es jedoch also an die Verwandlung. Wie es Arenvir ihn gelehrt hatte -auch wenn die Formulierung reichlich banal klang: "Ich bin eine Katze... Ich bin eine Katze. Ich bin.."
Na schön.
Er schloss die Augen. Konzentrierte sich auf seine eigene Liedstruktur und tastete sie ab.
"Ich bin Licht." Das fiel ihm leicht. Erstaunlich leicht. Licht war eine schöne Sache. Goldenes, warmes Glühen.
"Leuchten. Ich habe Flügel..." Er spürte, wie Schwere von ihm abfiel.
"Ich bin Teil des Lieds. Leuchten. Schweben. Mit Flügeln, Füßen, Körper..." Zwei Füßen. Er lächelte, als er die nötigen Strukturen ergänzte. Es war zwar wie vorgewarnt durchaus nicht angenehm, so viel von sich abschütteln zu müssen, wie es den Zeichnungen zu entnehmen gewesen war, aber es war gleichzeitig so unglaublich leicht, diese Last abzustreifen, das Humpeln, die schweren Krücken, all das war nicht nötig... Bereitwillig überließ er einen Teil seiner Struktur dem Lied und ließ sich auf natürlichste Weise von ihr durchfließen... diese Kreatur war fliegende Magie!
Heiter. Gelöst. Mit einem Kichern öffnete er begeistert die Augen, als es sich wirklich anfühlte, als würde er schweben...
Er schwebte!
Und die Welt war so herrlich frisch grün!
Moment...
Wo, zum Kuckuck, war er?
Verwirrt kämpfte er sich durch hüfthohes, störrisches Gestrüpp, bevor seine Füße... - er konnte laufen! Freudig hüpfte er auf und .. blieb irgendwie in der Luft hängen. Ein seltsames Geräusch erklang hinter ihm: als würde einem ein Kolibri direkt um die Ohren flattern. Er drehte sich um sich selbst. Das Flattern... war er selbst!
"Valentin?"
Irritiert prallte Aaryon gegen einen dunkelgrünen schlanken Stamm. Nein, keinen Stamm... er flog höher, auch wenn es ein ziemlich unkoordiniertes Schaukeln war, wie ein besoffener Schmetterling. Dann sah er auf das, was... sich aus der Luftperspektive als eine gewaltige rote Blume präsentierte. Und WIE riesig! Mit einer waschbeckengroßen Ansammlung von Wasser an den Blütenblättern.
"Sieht aus wie eine viel zu große Gerbera", erkannte er. Blumen mochte er ja eh. Aber wer baute sich eine Art Badelandschaft, oder was immer das hier sein sollte, in Form einer Gerbera?
Er sah sein Spiegelbild im Wasser. Blinzelte. Schaute überrascht und skeptisch, betrachtete seine elfisch - nein, noch spitzeren - Ohren und die zarten, durchscheinenden Flügel. Er hatte einen menschlichen Körper, ja, aber
das... äh...
war nicht die leuchtende, geflügelte Kriegergestalt, die Nyome gewesen war...
Schon gar nicht zwei Meter groß. Eher zwölf? Nein, nicht Meter. Zentimeter!
Als Valentin sich von dem Lachanfall beruhigt hatte, entschlossen sie sich, doch auszuprobieren, ob mit der Magie, die er klar wie nie durch seinen Körper strömen spürte, in den Tunneln etwas anzufangen war.
Oh ja!
Solange Valentin vorne stand und die Oger nicht um Aaryon herum in die Hände klatschten, waren sie ein durchaus erfolgversprechendes Duo! Leider musste Aaryon feststellen, dass er in dieser Gestalt nicht reden konnte. Also: konnte er schon. Laut Valentins dröhnend dumpfer Stimme musste es sich allerdings wie Mäusepiepsen anhören und reizte seinen Leibwächter zu neuerlichem Gelächter. Er ließ es einfach.
Stunden später, als sie die Katakomben der Arkorither wieder verließen, setzte sich Aaryon erschöpft auf einen gemütlich großen Champignon. Das war anstrengend gewesen! Aber toll!
Langsam sollte er sich jedoch zurück verwandeln, bevor er doch zu lange in dieser Form blieb.
Zum Eingang zurück blickend... fiel ihm ein Schatten auf. Groß. Irgend etwas an dem Schatten schnürte ihm sofort die Kehle zu. Zu dunkel für einen Schatten. Zu bedrohlich. Er versuchte, doch zu sprechen, nein, zu schreien, denn er musste Valentin warnen:
"Valentin! Lauf! LAUF WEG! Das ist...! irgendwas Böses! LAUF! Lauf, verdammt!
Nicht stehen bleiben, es verwandelt sich zurück!
Das ist ein Arkorither!
Verdammt, das ist ALTHAN! Der Maestro! VAAAALENTIIIN! Lauf jetzt endlich! Ich kann weg fliegen, LAUF du! DA! IST! DER! WALD!"
Was sich der Maestro der Arkorither wohl dachte, als einem ihm flüchtig bekannten Krieger ein albern kleines, geflügeltes, leuchtendes Feenwesen mit panischem Fiepen um den Kopf flog und an einem der Menschenohren zog, Richtung nahem Waldrand, bevor das Flattervieh selber in eine Baumkrone flüchtete? Wusste es, dass man es selbst zwischen den Blättern noch fröhlich leuchten und glitzern sehen konnte?
Verfasst: Sonntag 27. Juli 2025, 11:31
von Aaryon von Hohenfels
Er durfte bald wirklich keinen - seinen - Fuß mehr alleine auch nur eine Sekunde irgendwo hin setzen, es war zum verrückt werden! Dabei war er eigentlich gar nicht unbegleitet gewesen: Valentin hatte in der näheren Umgebung nur sein Pferd eben unterstellen wollen, während er schon mal zum Labyrinth Korags vor humpelte, sich in den ihm lieb gewordenen Feerich verwandelte und die blöde Riesenspinne briet. Seit er mit der Feengestalt vertraut geworden war, konnte er statt dem bis dahin üblichen Ekel Spinnen nun überhaupt nicht mehr ausstehen, seltsam. Selbst die kleinste und harmloseste von ihnen bekam einen ausgewachsenen Feuerball um die Oh... Beine.
Während er sich um ein zwei... oder sechs... oder achtzehn Goblins kümmerte, bemerkte er den Schatten nicht, der HOCH über seinem Kopf an den bröckeligen Mauern heran schwebte. Und als er um die Ecke bog und abrupt direkt vor ihm schwebte, quiekte er fast zu Tode erschrocken auf. DAS da war schlimmer als eine Spinne! Ohne nachzudenken, drehte Aaryon sich um und flog, so schnell er konnte, auf den Eingang der Höhlen zu, als etwas an ihm wortwörtlich erbarmungslos riss und ihn unvorbereitet schmerzvoll von seiner Verwandlungsform trennte. Sein Körper wurde so unvermittelt "riesig", dass ihm speiübel wurde. Sein rechtes Bein, das rennend aufsetzen wollte, stellte fest, dass fünfzehn Zentimeter bis zum Boden fehlten, dass die zarten Flügel im Weg stehende Achselkrücken waren und der Schatten verwandelte sich genüßlich beobachtend in den Maestro zurück, während der Jungmagier vor ihm unelegant auf die Schnauze flog.
Es war geradezu erbärmlich anzusehen, wie der junge verkrüppelte Robenträger danach sich auf dem Gesäß rückwärts schob, den Arkorither panisch ansehend, bis er klassischerweise gegen Felsen in seinem Rücken stieß und es nicht weiter ging.
In seiner Panik hörte Aaryon kaum, was Althan sagte, dabei war es teils lebenswichtig: " Ich warne dich nochmal.. ein Zugriff auf das Lied.. nur das kleinste Fitzelchen an Wirken darin.. und ich vergesse, dass ich nur Gleichgestellte jage.." Stattdessen hätte der Maestro aber regelrecht beobachten können, wie der Jungmagier, getrieben vor Angst, in geradezu dilletantischer Weise die Liedstruktur zerknautschte, so wie man ein Laken in eine Ecke des Wäschekorbs stopfte, statt es sauber zusammen zu falten. Was sollte das werden, ein Portal? In Aaryons Denken - oder eher Wünschen - ja. Nach Hause! Adoran, Drachenfels, nein.. Akademie... egal, Hauptsache: weg!
Es war besser für ihn, dass Althan das mit einem erneuten Bannzauber unterband, auch wenn ihm von der Brutalität, mit der Aaryon plötzlich gefühlt auf überhaupt nichts mehr zugreifen konnte, während er sich auf einen anderen Ort konzentrierte, regelrecht schwindelig wurde.
"Immer das Gleiche mit Schülern...", seufzte Althan, "Sie hören nicht zu..."
Dann trat er aber doch näher, um näher zu betrachten, was da überhaupt so erbärmlich vor ihm hockte. Nicht ganz, was er erwartet hatte.
So etwas wie der Ansatz eines ersten "Gesprächs" entspann sich. Nicht mal ein erster, den Gegner prüfender Schlagabtausch - denn es gab keinen Kampf. Der Sieger hätte bereits fest gestanden.
"Solltest du Althan je in die Hände geraten, spiel auf Zeit. Überlebe", hatte Arenvir ihm mitgegeben, nebst einer ahnenden Warnung: "Und halt deine vorlaute Klappe!"
Er schaffte es nicht.
"Einige suchen Euch, Ihr wart fleissig in letzter Zeit", sinnierte der Maestro und Aaryon kam nicht umhin, den rechten Mundwinkel zu einem schiefen Grinsen zu verziehen: ja, ganz fleißig; heute Morgen erst hatte er den Aushang zu sehen bekommen, auf dem sein Name - nun ja - der seiner Familie stand. Ein Name, der ihm aus dem Stand das gleiche Kopfgeld einbrachte, als wäre er kein dummer Studiosus, sondern ein Kronritter. Welch Ehre. Und auf die Hand mit dem Siegelring gab es noch eine Extrasumme. Die Rechte, an der besagter Siegelring ruhte, begann unbemerkt zu zittern.
"Aber Ihr dürft mit mir verhandeln", unterbreitete Althan generös seine Frage, "Was ist Euch Eure Freiheit wert?"
Oh bitte... Der Jungmagier sah spontan massiv gelangweilt grob gen Himmel und rollte die Augen: "Wirklich dieser ausgeleierte Spruch..?", rutschte ihm raus. Hätte ein Mann von Althans Format in der Erfahrung seiner Jahre sich nicht etwas Spritzigeres als Formulierung überlegen können? Dann schluckte er ein mal, die Wirklichkeit nicht völlig ausblendend. Und die war in etwa das, was der feindliche Erzmagier gerade auch sagte:
"Du bist zu vorlaut... Und ich frage mich, wie man mit so viel Angst auf den Gedanken kommen kann, ein Raubtier durch Dummheit noch zu reizen."
"Naja, wenn du mich schon frisst, dann tu es wenigstens mit Stil!", huschte es dem jungen Adligen durch den Kopf, der noch auf seinen Schultern saß. "Bisher.. will ich nur spielen, mal sehen, wie lange."
"Ja genau", erwiderte der Bursche in der weißen Robe erstaunlich nüchtern, "Spielen. Das ist der Punkt. Ich habe keine Optionen in der Hand gerade. Was soll also die Frage, als könne ich irgendwas bestimmen?"
"Ich bringe Euch nach Alatarien und da will dann jeder ein Stückchen von Euch abhaben...", sinnierte der Schwarzberobte laut.
"Dabei teilt Ihr doch so gerne...", erwiderte der Weißberobte trocken zynisch und landete zumindest einen kleinen Treffer.
"Nein, eher nicht.
Wo ist Valentin?"
"Kommt hoffentlich gleich", betete Aaryon, machte sich aber auch Sorgen: warum fragte Althan so explizit nach ihm? "Und wenn du abgelenkt bist, seh ich zu, Land zu gewinnen, und wenn es auf Krücken ist..."
"Mitkommen", befahl der Arkorither - nicht ein mal scharfen Tons, sondern einfach in der festen Erwartung, dass dem Befehl Folge zu leisten war. Aaryon schluckte und eine erneute Panikwelle brandete auf. Althan wendete sich absolut gleichgültig wirkend ab, als erwarte er keine Überraschungen, und ebenso nebensächlich verwandelte er den heranstürmenden kreischenden Goblin in ein kleines Häufchen Asche.
Hinter sich hörte er Steine knirschen... sich entfernend, statt folgend.
Er rollte die Augen und folgte, weiter ohne Hast, dem ins Labyrinth geflüchteten Burschen.
Kaum hatte dieser den Kegel von Licht, der von außen hinein drang, verlassen, als er auch schon zur letzten seiner "Wusch und weg"-Phiolen griff, die Ragai ihm mitgegeben hatte. Aaryon ergab sich keinen Illusionen, dass er mit seiner Behinderung vor Althan flüchten konnte. Aber vielleicht ging der Schwarzmagier auch nir ein STÜCK zu weit in den Tunnel, damit er wiederum an ihm vorbei nach draußen...
Althan kam gerade rein, als zwei Dinge passierten:
Aaryon setzte die Lippen an die Phiole.
Und bekam das Glas gegen die Zähne gestoßen, als ein Flügelaffe an ihm hochsprang, als wolle er mit dem Studiosus regelrecht kuscheln - oder ihm das glitzender Etwas vor dem Mund entreißen. Der Unsichtbarkeitstrank fiel zu Boden, die Flasche zerklirrte... dann gab es ein häßliches Geräusch von Holz gegen Kopf, als Althan nun doch leicht entnervt dem frechen Magierschüler seinen Stab über den Schädel zog: "So, mein Freund. Genug geplänkelt."
Stöhnend prallte Aaryon gegen die Wand und sackte ein Stück daran herunter, kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren, als er am Kragen gepackt wurde und auch sein Rücken Bekanntschaft mit den Wänden von Korags Labyrinth machte. Es wurde der kürzeste Höhlenbesuch seines bisherigen Lebens.
Althan zwang ihn, sich die Augen zu verbinden, und wenigstens war Aaryon nicht so dumm, eine Lücke zu lassen. Aber glatte, schiere Todesangst durchflutete ihn, als er spürte, dass Althan ihn kurz darauf durch ein Portal schubste: zur Ordensburg der Arkorither?
Er hörte kurz Wasser rauschen. Oder war das das Blut in seinen Ohren? Noch immer kämpfte er gegen die Benommenheit durch den Schlag mit dem Stab. Althan drehte und führte ihn in unterschiedliche Richtungen, dass er völlig die Orientierung verlor. Nur besonders weit ging es nicht, so viel bekam er mit. Seine Krücken verfingen sich an Wurzeln und in weich gepolsterten Unebenheiten: Moos? Wald?
Als er die Augenbinde abnehmen durfte, stellte er irritiert fest, dass sie in der Nähe der alten Katakomben der Arkorither waren. Die hatten doch nicht immernoch hier ihr Quartier? Fast war er dankbar, als er an einem der Bäume Platz nehmen sollte.
Was wollte Althan hier mit ihm? Ihn aufhängen? Als Mahnung?
"Meine Taschen leeren?! Was bist du, ein lausiger Wegelagerer?!", dachte er bei der entsprechenden Aufforderung entgeistert. Was hatte Althan vor? Ihn anhand dessen, was er bei sich führte, "besser kennen lernen"? Widerwillig und vorsichtig holte Aaryon zunächst irrelevanten Kram hervor: seine Salbe, wenn das Bein schmerzte, ein Fläschchen Duftwasser, eine Sichel...
"Langweilig... langweilig...", kommentierte Althan. Aaryon furchte die Stirn. Was suchte der Arkorither? Er zog eine Pergamentrolle heraus und beobachtete, wie Althan diese zielgerichtet ergriff. Aha? Nun ja...
Es war tatsächlich als Meisterleistung von Aaryon zu verbuchen, dass er bei Althans Mimik NICHT grinste, als dieser auf ein Rezept für Kürbissuppe schaute - es waren halt zu viele Räuber derzeit in Lichtenthal unterwegs. "Bürgerbrief?", fragte Althan. "Aha... das sucht er? Warum?"
"Siegelring? Ihr Adeligen habt doch sowas?", fragte er und ging vor dem Jungmagier in die Hocke, musterte ihn lauernd.
Nun... den Siegelring konnte er schlecht vor ihm verstecken.
"Wenn Ihr...", setzte Aaryon an, zu sagen, schluckte den Rest: "in Rahal zweihundert Kronen dafür bekommt, ich biete immerhin dreihundert! Mehr hab ich leider nicht..." aber runter.
Derweil betrachtete Althan eingehend das Wappen auf dem Ring.
"Das bedeutet dir etwas...", schlussfolgerte Althan.
"KLAR bedeutet mir meine Hand etwas!", wetterte Aaryon in Gedanken, "Wenn Ihr mich die Hand auch noch kostet, bin ich rechts überhaupt nicht mehr zu gebrauchen! Dann zweiteilt mich lieber gleich!"
"Du solltest niemals deinem Feind zu erkennen geben, was dir wichtig ist. Damit kennt er deinen Druckpunkt und wird ihn auch benutzen", dozierte der Ältere.
"Ach, darum geht es dir...", schlussfolgerte Aaryon, "Du suchst persönliche Gegenstände." Ein kalter Griff legte sich um sein Herz; wenigstens begann synchron dazu auch ein Teil seines Verstandes, kalt zu arbeiten. Er brachte weiteren belanglosen Kram zum Vorschein - und verbarg dazwischen teils erfolgreich Nippes, an dem aber doch zu sehr sein Herz gehangen hätte. Nicht mal an einem teuren Gegenstand wie einem ungebundenen Reise-Runenstein zeigte Althan Interesse.
Aber seinen - praktisch überflüssigen, aber seinem Adelsstand geschuldeten - Schwertgurt sollte Aaryon schließlich ablegen und aushändigen. Ein alter Schwertgurt, wie dem Arkorither leider korrekt auffiel:
Es war die erste verzierte Schwertscheide gewesen, die seine Mutter geschenkt bekommen hatte. Von Viola. Es war wahrlich nicht die einzige geblieben und sie hatte welche, an denen ihr weit mehr lag, aber diese symbolische Geste als Mitgabe für ihren Sohn, der nach Gerimor aufbrach, hatte sie sich doch nicht nehmen lassen. Irgendwo lag seiner Mutter also eigentlich mehr an dieser Schwertscheide als Aaryon.
"Ich hoffe, Mutter findet dich anhand dessen und versohlt dir den... !", dachte der Jungmagier wütend, aber es stimmte natürlich nicht ganz: Dass Althan, ausgerechnet Althan, sie hatte, störte ihn durchaus.
"Du darfst es wieder einstecken", deutete Althan auf das Gerümpel und leise seufzend verstaute er wieder alles, genauso beiläufig die Dinge greifend, von denen er heilfroh war, dass Althan ihnen keine Beachtung geschenkt hatte. Seinem Beschörungsanker zum Beispiel...
"Ihr wollt wirklich nicht wissen, wie man Kürbissuppe kocht?", lenkte er noch mal ab und verstaute das Rezept, währenddessen überlegend, ob er künftig also wirklich wichtige Notizen mit Geheimtinte auf solches Papier schrieb.
"Grüß Arenvir von mir."
Er kam tatsächlich davon.
"Warum zitterst du?", hatte Linus tatsächlich den Nerv, zu fragen, als Aaryon sich im Dorfkrug mehrere starke Met - das erste, was greifbar gewesen war - und eine Flasche Wolfsheuler-Whiskey hinter die Binde kippte, nachdem er am Tor zu Berchgard die Wachen sofort gebeten hatte, einen Kollegen nach Adoran zu schicken und Entwarnung zu geben, dass er in Sicherheit war.
Aber nach Hause, zu Valentin, kam er jetzt nicht und wollte er jetzt nicht.
"Weil ich zum ich-weiß-nicht-wie-vielten Male in viel zu wenigen Monaten dem verdammten Tod knapp entkommen bin!", fauchte er kurz. "Gut gut, das ist verständlich."
Oder war das auf Gerimor so normal, dass er tatsächlich in den Augen der Leute hier übertrieben reagierte? Er fragte Linus, wie oft er solche "Nahtod-Erfahrungen" gemacht hatte.
Eine, wenn er die Antwort richtig deutete.
"Putzig."
Wobei er auch teils nicht mehr wirklich zuhörte. Er unterdrückte den Impuls, den Giftgehalt des Alkohols zu neutralisieren und starrte nach einer Weile unfixiert auf das gegenüberliegende Sofa.
"Hast du es weit bis nach Hause?", fragte der Barde wissend.
"Ich leg mich unten hin", brummte Aaryon. In das kleine, karge Zimmer, in dem er zum Beweis für Heinrik das erste Mal seinen Siegelring hervor geholt hatte. So kahl dieser Raum war, er... war für ihn zu einer sicheren Zuflucht geworden. Mit dem ungewohnten Alkohol hatte er sich wie beabsichtigt so gründlich selber abgeschossen, dass man sich schon fragen konnte, wie er heil die Stufen herunter gekommen war. Er fiel aufs Bett und schlief ein.
Zum 2. Mal erwischt...
Verfasst: Sonntag 27. Juli 2025, 18:36
von Althan
In den letzten Jahren hatte ich eine fast tödliche Routine entwickelt, um in
den diversen tiefen Höhlen dieser Lande deren Schätze mit maximaler
Effektivität an mich zu reißen. Auch an diesem Abend sollte es einer dieser
Ausflüge werden, doch halt… hier war schon jemand am Jagen. Ich wäre
nicht ich, wenn ich demjenigen nicht einen Besuch abstatten würde. Die
Applikationen, das unrunde Wirken an sich sprach hier eine deutliche
Sprache und als ich dann das kleine filigrane goldene Wesen sah… näherte
ich mich ihm.
Zu Beginn bekam es gar nicht mit, dass es beobachtet wurde und wenn ich
eines hierbei hatte dann Zeit. Es war allein… wie es schien kein Leibwächter
anwesend, auch kam niemand aus dem Höhleneingang zurück um den
bummelnden Liedwirker zu schelten. Was ebenso bedeuten könnte, dass sie
noch kamen und gerade hierher auf den Weg waren, also hatte ich nicht viel
Zeit… ärgerlich.
*Darf ich es auffressen?* Seine Stimme bohrte sich
in meinen Kopf drängend, fordernd und ungeduldig wie immer wenn ihm
langweilig war. *Nein, du darfst ihn nicht fressen*
*Warum?* ein fast grollender, enttäuschter Ton und ein kurzes versuchtes
Aufbäumen um sich gegen meinen Willen zu stemmen, natürlich erfolglos.
*Weil das unsere Beute ist und eine tote Beute kann man nicht mehr jagen*
Die kurze Zwiesprache die ich in Gedanken hielt, war rasch geklärt und als
ich jene beendet hatte tat ich das was jeder gescheite Magier tun würde…
sein Opfer am Abhauen hindern. So erfolgte der rasche Zugriff auf die
Applikation des Bannfeldes und alles Gewirkte setzte sich in den Urzustand
zurück. Ich, darauf vorbereitet, landete deutlich eleganter auf meinen
Beinen als mein Gegner. Kurz durchflutete mich so etwas wie Zufriedenheit,
dass seine Landung deutlich schlechter war als meine und das war ja auch
so gewollt. Somit hatte ich ihn hier zum zweiten Mal erwischt, dass ich ihn
so rasch wiedersehen würde, nun damit hatte ich nicht gerechnet, aber
meine These bestätigt… er hielt es hinter goldenen Gittern scheint’s nicht
lange aus. Doch etwas hatte sich verändert, denn ich wusste nun wer er
war und gerade fragte ich mich wie ich meinen Spaß haben könnte mit ihm
und danach das ‚Häschen‘ wieder recht unbeschadet aussetzen und unseren
Schülern zur Jagt überlassen konnte.
Nachdenklich musterte ich den jungen Liedwirker vor mir. Noch kein Gegner
es wäre kein Vergnügen sich mit ihm im Kampf zu messen, zudem ging es
mir strikt gegen meine Ehre mich mit Welpen zu messen. Vielleicht eines
Tages, wenn er soweit war… wenn er bis dahin lernte zu überleben.
Immerhin hatte es sein Name und in meinen Augen war es allein der Name,
weniger eine seiner eigenen Leistungen, die ihn auf eine Kopfgeldliste
gebracht haben. Auch jenes musste dem Kleinen zusetzen… auf von
Hohenfels reduziert zu werden ohne selbst dafür etwas geleistet zu haben.
Aber wer konnte schon in den Kopf dieser verrückten Adeligen blicken? Das
Reich wollte ihn in Stücke sehen… Kopf… Siegelring… Hand… gegen ein
Kopfgeld, nun das Kopfgeld war für mich nie ein Anreiz gewesen. Ich hatte
Anderes mit ihm vor… er sollte von den Schülern des Ordens gejagt werden.
Ich gab ihm warnende Worte mit auf dem Weg, nicht das ich annahm er
hörte zu junge Magier in Panik hörten nie zu. Also unterbrach ich erneut
seine hektischen Versuche _was auch immer_ im Lied zu wirken und
erwirkte nochmals die Applikation Bannkreis und rette ihm damit vielleicht
das Leben. Ja, Arenvir… dafür kannst du dich beizeiten einmal bedanken.
Eigentlich interessierte er mich nicht wirklich, ebenso wenig wie das
Kopfgeld was auf diverse Körperteile von ihm wohl ausgesetzt war. Sein
Leibwächter hatte mein Interesse erregt, aber der war nicht hier.
*Lass mich endlich seinen Kopf abbeißen... Oder seine Hand. Nein, noch
besser Beides! Ich will sein Fleisch. Brechende Knochen… so leicht.*
flüsterte es wieder in meinem Schädel und ich fühlte die rohe
ungeduldige Kraft des Dämons in mir aufsteigen.
*Nein!* diesmal sandte ich dem Gedanken einen
warnenden Klang mit hinzu mich nicht weiter zu reizen, aber es lenkte mich
ab und der Kleine floh in die Höhle. Ein Aufheulen des Dämons zog durch
meinen Schädel. *Lass ihn mir. Lass ihn mir… lass mich frei!*
Ich setze ihm hinterher. Also folgte ich ihm schlug ihn routiniert zu Boden
und schüchterte ihn soweit ein, dass er meinen Anweisungen folgte.
Er bekam eine Augenbinde verpasst und geritten von diversen
Einflüsterungen und grimmiger Genugtuung zeichnete ich ihm Augen mit
langen Wimpern darauf.
Dann erwirkte ich einen bisphärischen Tunnel zu einem meiner fernen
Ankersteine und vor Ort sorgte ich erst einmal dafür, dass er weiter die
Orientierung verlor.
Erst an der alten Ordensburg durfte er sie abnehmen und sich setzen. Die
Ironie dahinter, der gleiche Ort an dem ich ihn zum ersten Male gestellt
hatte. Doch hier war er nun vollkommen in meiner Hand und wir waren
ungestört vor etwaigen seiner ‚Freunde‘.
Sollte er mich nur falsch einschätzen, zuerst musste ich ein Klischee
bedienen. Das Untersuchen seiner Taschen… mich interessierte dabei nicht
unbedingt was er mit sich herumtrug, sondern wie er reagierte… wenn ich
etwas davon an mich nahm. Darin noch nicht so routiniert im Zeigen einer
stoischen Maske suchte ich indessen nach weiteren Druckpunkten und
bekam sie auch geliefert.
Der Siegelring bedeutete ihm etwas, das war nicht zu übersehen. So bekam
er gleich eine Lehreinheit vollkommen gratis dazu, wie es schien hatte ich
heute eher meine gutmutigen Tage?
Doch auch der Ring verblieb bei seinem Besitzer, immerhin mussten sich
meine Schüler das Kopfgeld auch verdienen. Dafür fand ich etwas Anderes,
Wertvolles. Seinen vorlauten Worten war es dann doch geschuldet, dass er
zur Strafe etwas abgeben durfte. Wer so darum bettelte, bestraft zu
werden… da kann ich nur schwer widerstehen.
Althan:
„Ehrfurcht… Ehre und Furcht
Ehre jene die du fürchten musst
und mich musst du fürchten.
Das wird sich erst ändern,
wenn du stärker oder besser wirst als ich.
Nur so allein kannst du es ändern.“
Weiter ging die Untersuchung… alles nicht wichtig, aber dann. Fand ich
etwas wo ich ansetzen konnte. Ein Unfruchtbarkeitstrank. Das bedeutet er
hatte Kontakt zu jemandem der ihm etwas bedeutete oder wo er sich
einfach nur erleichterte. Ein weiterer Druckpunkt?!
Also zerstörte ich die Phiole, ihm weitere Unannehmlichkeiten damit bereiten
wollend.
‚Dass Arenvir euch nicht verprügelt, weil ihr euch nicht dem Studium
widmet, aber das erklärt ja Einiges im Osten. Nun… wenn du dein Eigentum
wiederhaben willst und mir etwas dafür anbieten möchtest… weißt du ja nun
wo du mich findest. Grüß Arenvir von mir!‘
Ich verstaute die alt wirkende edle Lederscheide in meiner Robentasche.
*Wir lassen ihn ziehen?!* Zerrende Ungeduld in meinem Inneren…
*Für heute ja, Nymeria darf jetzt mit ihm spielen. Ich will sehen wie sie sich
dabei anstellt.* *Gehen wir jetzt Köpfe abreißen?*
Ein freudiges Aufbäumen meines Dämons als ich brachial in
das Lied eingriff und ihn freigab, seine dämonische Kraft wandelte mich und
schoss durch meinen Körper, Knochen brachen und Muskeln wurden
gedehnt als ich seine daimonoide Form annahm.
*Jetzt gehen wir Köpfe abreißen, ja*
Verfasst: Dienstag 19. August 2025, 16:06
von Aaryon von Hohenfels
Die Überlegung, dass an allen möglichen Orten auf Gerimor - eigentlich auf der ganzen Welt - irgendwo edelsteinverzierte magische Objekte vergraben sein mochten und überall ein Magier plötzlich "aufploppen" konnte, hatte die erste Zeit etwas Verstörendes gehabt.
Dann gab es eine Phase, in der Novize Mikh jedes Mal lausbubenhaft zu grinsen anfing, wenn er sich vorstellte, die wohl im Garten des Konvents vergrabenen Runensteine alle heimlich auszubuddeln und an irgend einem absurden Platz zu deponieren: zum Beispiel im Springbrunnen mitten in Adoran oder auf einer bei Belastung zusammenbrechenden Plattform überm Meerwasser am Strand, hihihihi!
Inzwischen war er Studiosus von Hohenfels und natürlich gereifter in seinem Denken.
Ihm war klar, dass das Ausbuddeln leider nicht ging.
Die Runensteine waren unter anderem mit der sie umgebenden Liedstruktur des Ortes verbunden, so dass ein Entfernen den Runenstein einfach nur unbrauchbar machen würde.
Und ... mit den Lehrkräften und Mitstudiosi des Konventes wollte er es sich nun auch nicht unbedingt verscherzen: die Dinger waren teuer.
Aber es gab da jemanden, mit dem er noch eine Rechnung offen hatte.
Und auch, wenn Althan ihn gezwungen hatte, sich selbst die Augen gründlich zu verbinden, bevor er ihn durch ein Portal schubste und danach "blinde Kuh" mit ihm gespielt hatte, hatte Aaryon gewisse Anhaltspunkte und konnte Rückschlüsse ziehen, wo einer von Maestro Althans Ankersteinen sich uuungefähr befinden musste!
Tja. Und dann? Selbst, wenn er den Runenstein finden würde, wie würde er dieses Wissen nutzen können?
Er könnte eine Art großen Zuber dort aufstellen lassen, mit färbendem Wasser füllen und Althan schreiben, wann er sich mit ihm treffen wollte.
"Ja klar... Und dann kommt er wie bestellt, weil er so nett ist..."
Den Zuber länger vorher vorbereitend dort aufstellen?
"Fällt auch niemand anderem auf, ist klar..."
Später dann die Erinnerung an Arenvirs Portale:
"Das ist eine Art Tunnel, eine Art Fenster: er würde den Badezuber vorher sehen und gar nicht erst durch gehen." Verflixte Kiste!
Die Innenseite des Badezubers von Elibell anmalen lassen, dass es aussah wie die Umgebung?
Raffiniert!
Nicht.
"Gefärbtes Wasser geht dann nicht, du Idiot. Außerdem: welche Lichtverhältnisse soll das Ganze dann haben? Das würde total seltsam aussehen.
Hm, also müsste ich Zeitdruck für ihn erzeugen, dass er nicht so genau hinsieht, bevor er hindurch tritt?"
Dann kam ihm doch noch eine andere Idee.
"Aber erstmal muss ich den Runenstein finden.
Und an seinem Platz lassen!
Das darf aber nicht auffallen, dass an dem Platz gegraben wurde...
DU willst da am Ufer herum graben? Mehrere Quadratmeter? Haaa hahahaha...
Und es darf nicht auffallen!!!
Hrmf!
Aber wenn er wusste, wo der Runenstein war, war die Idee inzwischen nicht schlecht!
"Wasserrauschen. Es war SO dicht am Wasser, dass meine Krücken und Sohlen matschig wurden. Und er hat mich zwar gedreht, aber die Strecke, die wir zurück legten, war nicht so fürchterlich lang... Und als ich die Augenbinde ab nahm, stand ich mit dem Rücken nach Westen, also... mmmh...
Lokalisierung möglich.
Könnten trotzdem immer noch mehrere Meter Flussufer sein, die du durchsieben müsstest. Keine Chance, dass das nicht auffällt!
Hrm....
Also beobachten?"