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Invasion im Kuriositätenkabinett

Verfasst: Samstag 31. Mai 2025, 21:06
von Q'in
Altern - wenn es ein Alter betrachtete - ist die Sammlung an Mechanismen, die man im Laufe des Lebens erlernt, um zu überleben. Es beginnt damit, sprechen und gehen zu lernen und fährt daraufhin fort damit, dass man schweigt und stillhält. Die Eindrücke des Lebens werden nicht weniger, aber das Auge und der Geist lernen, zwischen Wichtigem und Unwichtigem zu unterscheiden. Fokus. Die Kunst, in der Fülle aller Eindrücke den Weg zu erkennen, den zu gehen Erfolg verspricht. Oder Überleben. Altern.

In Q’ins Fall war zwischen den ersten Schritten eines frisch erzeugten Letharfen und dem Hier und Jetzt einiges passiert, was den Fokus des Ala’thraxor auf mannigfaltige Weise geformt hatte. Q’in sah, wenn auch nicht so, wie seine Geschwister. Er nahm wahr, auch wenn dabei vermeintlich Essenzielles ignoriert, gar nicht erst registriert wurde. Der Tunnelblick war sein Überlebensrezept geworden: Singulär, frei von Ablenkungen und dem unnötigen Schmuck der Realität existierte der Alte in seiner Idee von Welt. Widersprüchliches versuchte oft vergebens, in diese individuelle Wahrheit einzudringen.

Und doch kam der Tag, als Wahrnehmung es schaffte, wahrgenommen zu werden.

Es war ein sonniger Tag, oder ein regnerischer. Vielleicht schneite es auch wieder - das kalte Zeug war nutzlos und blendete Q’in nur unnötig - jedenfalls war außerhalb des Axorns Tag oder Nacht oder irgendetwas dazwischen und dazu dieses oder jenes Wetter. Nichts davon war von Wichtigkeit, denn die Geradlinigkeit der Verhältnisse im Axorn ließen sich nur seltenst davon beeinflussen. Q’in hatte seine Stunden irgendwo in den Gängen verbracht, geisterte wie eine ungewollte Erscheinung laut und vorwarnend durch Tunnel, Räume, Lager und Pilzfarmen. Wie immer trieb es ihn um, schrie es in ihm danach, nicht zu verweilen, nicht anzuhalten. Ohne Richtung, jedoch mit dem größten Willen, sammelte der Alte so manche Meile untertage. Doch wenn der Drang abebbte, fand er sich zumeist wieder in den Hauptgängen seiner neuen Heimat. Die Füße mussten nicht suchen, um ihn laut scharrend und unter dem Protest einer zerstörten Lunge zu seinem Lager zu führen.

Als Ala’thraxor stand ihm im neuen Axorn eine Wohnhöhle zu. Dies hatte er begriffen. Sie war ihm und seine eigene. Auch dies war klar. Er könnte sie nutzen, um seinen Fokus aufzuweichen, so wie es seine Geschwister mit unnützem Tand machten. Selbst dies verstand er. Und doch fühlte es sich für Q’in fremd an, einen Ort als „seinen“ zu verstehen. Dies war neu, unerhört, fast schon häretisch in der Art, wie es den geringeren Völkern nacheiferte.

Q’in wusste nichts mit der Höhle anzufangen… und so war sie sein Warenlager geworden, der Ort, an dem alles Unbekannte, Interessante, Getötete, Gestohlene und Gefundene ohne ersichtliches System zusammengerafft lag. Der Wohnhöhle lag eine Logik zugrunde, die glasklar für den Alten erschien, wenn ihre Auswüchse auch jedem äußeren Betrachter die Sorgenfalten in das Gesicht treiben würden.

Mit dem Eintreten in sein kleines Reich der Kuriositäten stellte sich ein neues Gefühl ein. Nein - nicht neu. Aber klarer. Lauter. Substanzieller. Etwas war anders. So anders, dass gleich mehrere Sinne im frenetischen Chor um Aufmerksamkeit buhlten. Was bisher nicht stark genug war, um den Wall der Ignoranz, den allumfassenden Filter des Fokus, zu durchdringen, konnte nicht mehr länger aus dem Lebensbild von Q’ins Realität verbannt bleiben. Etwas war anders.

Seine Realität musste diesen Eindruck quantifizieren. Etwas Neues war in seine Definition von Realität eingedrungen - und in seine Wohnhöhle. Es fehlte an Verständnis, da und dann. Und so begann ein zerschlissener, alter Ala’thraxor damit, Antworten auf neue Fragen zu finden, während draußen die Sonne schien oder der Mond oder es regnete oder auch nicht.

Ein Buch. Dieses stach heraus, denn es lag nicht sauber katalogisiert, wie all seine Funde, sondern alleine. Unordentlich. Systemfremd. Es reizte ihn genug, um es zu betrachten. Von außen, aber auch von innen. Lesend sogar. Und mit jeder Zeile, jedem Wort, drohte mehr Neues in sein Leben zu bluten. Etwas war anders und neu. Und falsch?


Nicht jeder, der hinsieht, kann wirklich sehen. Ich sehe.

Die Schriftzeichen tanzten vor Augen, die vor Jahrzehnten bereits das Lesen aufgegeben, sich dieser Ablenkung abgewandt hatten. Und doch .. scheiterten diese zu Pergament gebrachten Gedanken auch nicht an seinen inneren Mauern. Sie invasierten, brachen sich einen Pfad, stellten ein Wehrlager auf. Innerhalb seiner Realität. Gemeinsam mit anderem Neuen.

Q’in verstand nicht, ob da ein Gefühl war, als er sich dieses geistigen Eindringlings bewusst wurde. Aber das Neue kitzelte ihn. Die Monotonie der eigenen Realität plötzlich erschüttert, die Wehr bezwungen. Etwas war anders und er würde sich dieses Mal der Suche hingeben, um die Quelle dieses Frevels ausfindig zu machen.

Absoluter Fokus war Perfektion - aber auch Einöde. Ernüchternde Leere. Diesmal jedoch war etwas anders.

Verfasst: Sonntag 1. Juni 2025, 11:42
von By'nar
„Er fiel nicht – er wurde verschoben. Dorthin, wo der Wahnsinn nicht stört, sondern formt.“
Irgendein Lethar, irgendwann, irgendwo.
Zeit. Sie hatte so viel davon, und doch fühlte es sich an manchen Tagen nicht genug an. Nicht, weil sie voller Tatendrang war oder sich durch endlose Aufgaben gehetzt fühlte, sondern weil ihr Kopf ihr vorgaukelte, tausend Gedanken gleichzeitig verarbeiten zu müssen.
Fetzen, die sortiert, eingeordnet und bewertet werden wollten. Fetzen – oder eher Massen davon – die ihr immer wieder entglitten, weil die Zeit ihr einen Strich durch die Rechnung machte. Ein Gedanke klopfte an, sie öffnete – und er war fort. Selbst wenn ihre Hand bereits auf der Klinke lag.

Ein zusätzliches Problem, irgendwo eingeschoben zwischen den Millionen Bruchstücken ihres Geistes, war die Wichtigkeit. Für By’nar gab es nichts, das sie als wichtig empfand – geschweige denn als so relevant, dass es verdient hätte, länger betrachtet zu werden.
Also blieben es unzählige Ansätze in ihrem Kopf, die sie versuchte zu fangen, aber selbst wenn sie sie endlich in den Fingern hielt, ließ sie sie wieder fallen.
Weil: irrelevant. So drehte sich der Kreislauf in ihrem Kopf – weder beständig, noch zu bändigen.

Ein Umstand, der im Axorn, in dem sie nun lebte, längst bekannt war. Niemand sah noch genau hin, wenn sie wieder in einen ihrer Zustände stürzte und darin lebte, bis sie hintenüber fiel. Nur wenn sie dabei spitzere oder schwerere Dinge mit sich führte – Dinge, die Nacken hätten brechen oder schneiden können – wurden die Blicke wachsamer.
Die Wahrscheinlichkeit, dass sie einfach ausholte und um sich schlug, war stets da. Immer. By’nar schmeckte diesen Drang oft auf der Zunge, während irgendeine Faser in ihrem Leib sie davon abhielt, ihn ganz auszukosten.
Zum Dank derer, die es aus der Ferne beobachten konnten. Oder zum Glück ihrer Hülle – die bei einem einzigen Schlag, mit dem falschen Gesicht als Ziel, vielleicht in die Lava getaucht wäre, schneller als ein Gedanke in ihrem Kopf auch nur ansatzweise den Weg zur Tür fand, vor der sie wartete, bereit, ihn willkommen zu heißen.

Wahnsinn, Irrsinn, Verrückt-sein – in ihrem Volk keine Neuheit. Und doch: Diejenigen, die zu sehr an diesen Eigenschaften klebten, waren die Gefährlichsten. Denn im Vergleich zu anderen war ein Wahnsinniger am wenigsten zu kontrollieren. Und genau das machte sie sich zunutze.
Schon seit dem Tag, an dem sie beobachtet hatte, wie ein angehender Lethrixor – einer, der in denselben Höhlen unterrichtet wurde wie sie – stets gemieden wurde. Während die anderen beiden, die denselben Rang hatten, Tag für Tag neu erlernten, was Schmerz bedeutete. Keiner aß mit ihm, keiner sprach mit ihm. Nicht einmal während jener Zeit, in der man sich – unter Maden – austauschte.
Er war wie sie: ein Ausgestoßener unter Ausgestoßenen. Ein Wertloser, weil keiner genauer hinsehen wollte. Denn es war einfacher, einen Bogen zu schlagen.

Gut – dieser Letharf wurde ein paar Wochen später nicht mehr gemieden.
Weil eine Klinge ihm den Kopf abtrennte. Aber bis zu dem Moment, in dem dieser Kopf über den Boden rollte wie ein außergewöhnlich runder Stein,
bis zu diesem Moment war er ihr ähnlich. Nun hatte ihre Hülle noch einen Kopf. Und seine, nun, seine eben nicht.

Die Schwelle zu ihrer Höhle, die nicht ihre war, steigend über ihre Dinge, die nicht ihre waren, überschritt By’nar mittlerweile mit einer gewissen Leichtigkeit. Sie hatte eine Routine entwickelt: Ankommen, lauschen – ihre Ohren suchten nach einem mittlerweile vertrauten Rasseln, das versuchte, ein Atmen zu sein. Und erst, wenn sie sicher war, dass es nicht in greifbarer Nähe weilte, ging sie weiter.
Es gab Tage, an denen sie stundenlang in einer finsteren Ecke vor der Höhle saß, bis das schleifende Geräusch sich entfernte und die Ruhe einkehrte, die sie brauchte, um hineinzugehen. Stunden, die sie geduldig ausharrte – denn sie hatte ja Zeit.

In ihrem Heim, das nicht ihr Heim war, lebte das Leben eines Anderen.
Und doch fühlte es sich an wie das Eigene. Der Inhalt der Höhle war ein Abbild des Zustands in ihrem Kopf: Keine Ordnung. Tausend Dinge verstreut.
Kein Fokus, der dazu einlud, länger hinzusehen oder sich Zeit zu nehmen.
Vielleicht waren es bedeutende Dinge, Erinnerungen, Splitter einer Vergangenheit. Und doch – alles auf einmal nicht mehr wichtig.

Was sie jedoch als wichtig empfand – und das formte jedes Mal ein eigentümliches Gefühl – war ein kleines Buch, das im Zentrum von irgendwas auf dem Höhlenboden lag. Dem Boden, der nicht ihrer war.

Und jedes Mal, wenn sie ein paar Zeilen hineinschrieb, schob sie alles andere in ihrem Kopf zur Seite. Sie stellte das Rauschen ab. Das penetrante Klopfen.
Die Tür, die sonst jedes Mal geöffnet wurde, bereit für Neues, das sie nicht interessierte – sie blieb geschlossen. Das hier – das war ihr wichtig. Auch wenn sie nicht verstand, warum. Aber das Warum stand ebenfalls hinter der Tür und klopfte. Bereit, beantwortet zu werden. Doch sobald sie wieder öffnete, würde es hinten herunterfallen – wie alles andere auch.

Also schrieb sie. In Ruhe. Mit Zeit. Mit Fokus.
Zeile für Zeile in das Buch, von dem sie wusste, dass er es lesen würde. Er, der irgendwie war wie sie. Er, der mehr war als das, worum andere einen Bogen machten. Er, der es irgendwie geschafft hatte, dass Zeit genug war.

Verfasst: Samstag 12. Juli 2025, 17:52
von By'nar
"Nur weil du etwas nicht kennst, ist es nicht zwingend schlecht. Außer es ist schlecht."
Irgendein Lethar, irgendwann, irgendwo.
Es war zur Gewohnheit geworden, dass sie einmal in der Woche ihre Kreise durch jene Höhle zog – ein Ort, bewohnt von den Erinnerungen einer Zeit, in der sie selbst noch nicht einmal als Ahnung existierte. Eine Ära, zu fern, um von Bedeutung gewesen zu sein, und doch unauslöschlich in den Mauern verankert.

Der Ablauf war stets derselbe: Sie sammelte all jene Dinge ein, die sich dazu entschlossen hatten, ein eigenes Leben zu führen. Meist erkannte sie sie am Geruch – die Verwesung hatte ihre ursprüngliche Form längst verschleiert. Nur selten wusste sie im Voraus, dass es besser wäre, etwas zu entfernen, bevor es wachsen konnte.

Oft kreisten dabei Gedanken wie fremde Vögel durch ihren Kopf, und nicht selten führten sie zu kleinen Zwiegesprächen mit sich selbst, während ihre dürren Finger sorgsam einen Leinensack mit Unrat füllten.
„Wo hat er so viel Fisch her?“
„Was ist das für ein Kuchen?“
„Woher kommen all diese Daumen? Kann ein ganzes Dorf nun nicht mehr greifen?“

Das Gute an Selbstgesprächen war: Sie machten nie einsam.
Auch wenn dieses Gefühl nur selten an ihr nagte – und noch seltener konnte sie benennen, was es eigentlich war, dieses seltsame Ziehen irgendwo im Innern, meist in der Brust, manchmal im Magen. Ihre Fähigkeit, Gefühle zu unterdrücken, war so tief verankert, dass es ihr schwerfiel, den eigenen Körper noch als Kompass zu deuten. Wenn es blutete, war das gut – denn wo Blut war, da war vielleicht auch Schmerz. Und Schmerz war wenigstens etwas Greifbares.

Die Tage zogen dahin, wurden zu Wochen, und allmählich begannen sie, sie beide, nicht nur sie allein, zu funktionieren. Es war nicht so, dass sie viel sprachen oder abends beieinander saßen – doch es funktionierte. Manchmal genügte ein Blick, und sie glaubte zu verstehen. Und glaubte, verstanden zu werden.
In Q'ins Gesicht war selten eine Regung zu erkennen, seine Monotonie schien jede Mimik zu verschlucken. Und doch bildete sie sich ein, dort flüchtige Dinge zu sehen, die vorher nicht da gewesen waren.

Q'in war ein seltsames Wesen. Er maß den Dingen keinen Wert bei – und gerade das hatte für By’nar einen besonderen Wert. Sie ähnelten sich in manchem, unterschieden sich in vielem. Und selten nur fand sie Sinn in diesem Wechselspiel. Vor allem, weil alles so neu war. Und weil das Neue immer wieder Neues gebar.

Da war dieses Ziehen – nicht zu verorten durch Blut, nicht durch Schmerz – sondern durch Neugier. Ein wachsendes Interesse, wo früher Gleichgültigkeit war.
Früher war ihr vieles nur für kurze Zeit verlockend erschienen, und ebenso schnell war die Muße versiegt, ihr Denken an Ort und Stelle zu belassen.

Doch sobald sie jene Höhle betrat – die weder ihr gehörte noch, wie es schien, ihm – wurde ihr Geist wach. Sie war bereit zu erleben, auch wenn es nichts zu erleben gab. Und selbst wenn sie oft den Faden verlor, hielt sie ihn dort, zwischen seinen Erinnerungen, stets ein wenig fester.

Denn letztlich war dies hier doch ihres und seines. Und es hatte verdient, dass jemand darauf achtgab. Es hatte Aufmerksamkeit verdient. Denn es wirkte, als könne daraus etwas Großes entstehen.

Oder eben nicht.

Verfasst: Montag 25. August 2025, 22:00
von By'nar
„Wenn du einem Bruchstück zu nahe kommst, zerbrichst du – von außen oder von innen. Doch am Ende wirst du brechen. Denn wer könnte ihm schon standhalten, ohne daran zu zerbrechen?“
Irgendein Lethar, irgendwann, irgendwo.
By’nar glaubte, das Ausmaß der vielen Stimmen in ihrem Kopf längst zu kennen. Sie nahm an, sie hätte sie unter Kontrolle. Hätte man sie gefragt, was ihre Hülle am besten beherrsche, hätte sie geantwortet, dass sie den Wahn in ihrem Inneren im Griff habe. Das stimmte vielleicht nicht immer, doch die eine Stimme, der sie öfter lauschte, glaubte fest daran.

Aber sie irrte sich. Noch nie war die Vielzahl der Stimmen in ihrem Kopf so laut und greifbar wie in dem Moment, als sie dem Mael’Rayat nahekam. Kein Flüstern konnte sie erfassen, kein Raunen festhalten. Alles stürzte auf sie ein – und mit ihm das überwältigende Gefühl der völligen Überforderung. Also tat sie, was sie gelernt hatte: Wenn es zu viel wurde, musste die Hülle abgeschaltet werden.
Nur zwei Handgriffe waren nötig, bis sie ihren Fokus sammelte – so gut es in dieser Lage ging – und mit letzter Kraft ihren Kopf gegen die nächste Steinwand schlug. Als der Verstand sie verriet und dennoch weiter funktionierte, tat sie es wieder. Und wieder. Bis Blut unter ihrem Helm hervorquoll und ihre Sicht langsam in Schwärze versank. Ja, es war zu viel. Und die Glückseligkeit der Stille, begleitet von einem Gleichgewicht am Rande des Todes, war in diesem Moment das Beste, was ihr geschehen konnte.

Erst der metallische Geschmack von Blut und das hämmernde Pochen in ihrem Schädel, das mit jedem Schritt stärker wurde und ihren Körper vor und zurück wippen ließ, holten sie zurück ins Hier und Jetzt. Ihre Augen erfassten nur den dunklen Rücken vor sich und den wechselnden Boden unter ihr: Gras wurde zu Erde, Erde zu Sand, Sand zu Stein. Wo sonst Verwirrung und wirre Gedanken ihr Bewusstsein überlagerten, herrschte nun Leere. By’nar fragte sich nicht, wer sie da über Strand, Wald und durch das Axorn trug. Sie wusste es auch ohne das sie ihren Kopf bemühte. Die Ruhe in ihrem Kopf war kostbar – und sie wollte sie behalten. Nur einmal bäumte sie sich auf, um einen Blick auf Q’in zu erhaschen, bevor sie wieder zusammensackte und die Augen schloss.

Sie waren zwei, und doch vertraute sie ihm wie sich selbst – auch wenn sie kaum zu sagen vermochte, was Vertrauen eigentlich bedeutete. Oft funktionierten sie ohne Worte. Manchmal sogar ohne Blicke. Und trotzdem war alles im Einklang. An anderen Tagen jagte ihr dieser Umstand Irritationen durch den Geist. Heute war er willkommen.
Die Schlacht war geschlagen, und sie lebte – auch wenn die klaffende Wunde an ihrem Kopf etwas anderes vermuten ließ. Und er lebte ebenfalls. Sie konnte nicht leugnen, dass ihr das in manchen Momenten wichtig war.

Doch für heute war sie nur noch eines: müde. Die letzten Wochen hatten an ihr gezerrt, und das mehrfache Schlagen ihres Kopfes gegen Stein hatte seinen Tribut gefordert. Ob sie künftige Abweichungen in ihrem Denken überhaupt noch bemerken, geschweige denn benennen würde, bezweifelte sie.

Aber sie waren noch da. Zwei Hüllen, ein Fleisch.

Verfasst: Montag 1. September 2025, 21:10
von Q'in
Q’in wusste nicht mehr, ab wann es so geworden war. Erinnerungen waren unzusammenhängend, wie einsame Inseln in einem weiten Meer. Und genau darum ging es: Erinnerungen. Irgendwann zwischen jetzt und vorher waren sie ihm abhanden gekommen. Erinnerungen - aber auch der Wert, wofür man sich an sie klammerte. Q’in konnte nicht sagen, ab wann es alles an Wert verloren hatte. Ab wann die Welt nicht mehr so aussah, wie er glaubte, sie davor wahrgenommen zu haben.

Er dachte selten nach. Sein Geist, sein Kopf, bot nicht die Ruhe, die man für das Grübeln und Sinnen brauchte. Irgendwann war es passiert, dass Zeit, dass vorher und jetzt an Bedeutung verloren hatten und er nur noch war.

Und die Welt hatte irgendwann alle Farbe verloren, zeigte sich nackt und verzerrt und leer.

Als die Welt noch Farbe hatte, war sein Kopf ein einsamer Ort. Es war genug gewesen. Q’in hatte früh schon gelernt, dass nichts Wichtigkeit hatte, dass es keinen eigenen Willen, keinen Wunsch und keine Hoffnung zu hegen galt. Und nach einem Jahrhundert aus Hass, Blut und Eingeweiden war dieser Minimalismus gereift und perfektioniert worden. Er war es, der ihm den Fokus gegeben hatte, mehr zu werden. Erwählt zu sein. Zu bluten, zu heilen, weiterzumachen. Immer wieder.

Er war, weil er sein musste. Es war entschieden worden, wahrscheinlich. Nein: Offenbar! Nicht durch ihn, nicht durch die Seinen. Etwas anderes war seiner noch nicht überdrüssig geworden. Und so atmete er, kämpfe er, aß und ruhte. Blutete, zerbrach, heilte und setzte sich fort.

Auf der Schneide zwischen zwei Wahrheiten.

Als die Welt aufhörte, in allen Facetten zu strahlen, war sein Kopf ein lauter Ort geworden. Q’in wusste nicht mehr, wann. Aber da war etwas, was seinem Geist kaum noch Raum gab, zu atmen. Wie ein Stein auf der Brust, unerbittlich. In Worten und Bildern und Erinnerungen zu denken hatte den Sinn verloren, galt es doch, sich gegen das Klagen, das Fordern und Brüllen zu beweisen. Sich selbst zu erhalten. Irgendwie. Wofür auch immer. Und so war Q’in. In einer Welt ohne Farbe, in einem Geist ohne Zuflucht, in einem Leben mit nur einem Ziel.

Es war selten, dass die Welt an Farbe gewann. Dass sich etwas emporhob aus dem grauschwarzen Nichts, um sein Interesse zu wecken. Ein Leuchtfeuer, selten, einsam. Syrr’ael und Velvyr’tae hatten Farbe. Sie lockten seine Neugier, sorgten für die Aufregung, die die Kakophonie im Innern zurückzudrängen vermochte. Einige wenige Widersacher erstrahlten so hell, dass Q’in nicht anders konnte, als sie zu suchen, sie zu jagen, sich mit ihnen zu messen. Ihr Feuer auszulöschen.

Und da war noch jemand. Es war, wie alles Fleisch um ihn herum, auf den ersten Blick bedeutungslos. Schwach und langweilig, dauerte es, bis Q’in das erste Mal eine Lethra wahrnahm, die sich abhob aus der Welt. Sie war anders. Vielleicht brauchbar. Vielleicht fähig. Aber nicht grau. Nicht langweilig. Gedanken zu formen war ermüdend in einem Geist, der wie von äußeren Mächten belagert um das blanke Dasein focht. Und so blieb zuerst nur das Verständnis, dass da etwas war. Fleisch, welches geformt werden konnte, um Stärke zu enthüllen und Schwäche zu tilgen.

By’nar war lauter geworden in seiner Welt. Kein Leuchtfeuer, aber eine kleine Flamme, die vehement gegen das Grau ankämpfte und mehr und mehr an Kraft gewann. Eine Glut, welche den alten Ala’thraxor eigenartig reizte.

Q’in verspürte .. etwas. Es zu benennen war bedeutungslos, und so ließ er es einfach nur in seinem Geist marinieren. Er wusste, dass er Es formen, Es leiten und vollenden könnte. Das Wissen darum, sich in der Lage zu sehen, reichte aus, um einem anderen Gedanken gar nicht erst die Bühne zu geben.

Leise war da die Stimme, die einfach nur verlangte: „Warum?“

Verfasst: Montag 1. September 2025, 21:16
von By'nar
“Wer schwach ist, muss diese Schwäche beseitigen. Und wer sie nicht beseitigt, der stirbt.”
Irgendein Lethar, irgendwann, irgendwo
Zeit verlief unterirdisch anders. Es war dunkel. Keine Sonne, kein Mond. Nichts, das verriet, wann ein Tag endete und eine Nacht begann. Keine Nachtigall, keine Lerche. Keine Wolken, keine Sterne. So wurden aus Minuten bald Stunden, aus Stunden ein ganzer Tag oder eine ganze Nacht. Irgendwann erinnerte der Körper daran, dass man nicht ewig ohne Schlaf existieren konnte. Ein Indiz dafür, dass man bereits lange bei einer Sache verweilte oder eben schon eine ganze Weile an einem Ort war.

By’nars innere Uhr tickte. Ihre Lider waren schwer geworden, die Lippen trocken. Der Genuss von Wasser war nichts, wonach sie sich sehnte. Sie trank, weil sie wusste, dass es notwendig war. Sie war keine Genießerin – Genuss gehörte nicht zur Lehre des letharischen Lebens. Doch die Müdigkeit, die an Muskeln und Sehnen zog, führte dazu, dass die dürren Finger nach vorn griffen, den Knauf des Dolches umschlossen und ihn mit einem Ruck herauszogen. Zwei, drei, vier Bewegungen. Dann ein weiterer Stoß, bevor die Klinge erneut in die bereits tief geschnittene Stelle drang. Ihr Ziel war es, die Öffnung so präzise wie möglich zu treffen. Doch sie konnte kaum noch sehen, und Feinmotorik war ohnehin nichts, womit sie hätte prahlen können.

Sie wird irgendwann genug sein.

Die Lethoryxae kannte sie gut. Für By’nar war das ein Problem, denn alles, was diese traf, traf unweigerlich. Jede Lehre, jedes Wort – mitten ins Zentrum, dorthin, wo es wehtat. Körperlicher Schmerz berührte By’nar längst nicht mehr. Er war, wie er war, doch sie hatte in fünfzig Jahren Methoden entwickelt, um damit umzugehen. Zumindest bis zu einem gewissen Grad. Velvyr’tae jedoch fügte ihr keinen Schmerz der Klinge zu, sondern setzte Schnitte an Stellen, an denen weder Stahl noch Laut existierten. An Orten, die By’nar längst verschlossen hatte, weil es so sein musste. Schwäche – ein Relikt aus den Ursprüngen ihres Volkes.

Er sieht sie nicht.

An By’nars Kehle lag keine Hand, die sie würgte, und doch fiel ihr das Atmen schwer. Auf ihrer Brust ruhte kein Fuß, der sie zu Boden drückte, und dennoch schien sie erdrückt. Diesen Schmerz kannte sie nicht, diese Schwäche war ihr neu. Also tat sie, was sie immer tat, wenn etwas sie schwächte: Sie überdeckte es. Mit Dingen, die zu Ziegeln wurden. Mit Ziegeln, die zu Mauern wuchsen. Erst eine, dann drei. Und jedes Mal, ja jedes Mal, vergaß sie dabei die Türen.

Ihr rechter Finger begann, sich neben die Einstichstelle ins Fleisch zu pressen. Der Schmerz, den das Adrenalin gemildert hatte, sollte zurückkehren. Er sollte sich vor ihr auftürmen, ihr den Atem zurückgeben und das Herz wieder in den richtigen Schlag zwingen.

Und, tut es weh?

Die Wunde schmerzte, und das war beruhigend. Sie konnte etwas sehen – einen Schnitt, eine Waffe. Daher kam der Schmerz. Blut – ein weiterer Beweis. Fakten, auf die sie bauen konnte, Erklärungen, die sie greifen konnte. Doch das Andere, das in ihr tobte, ungezähmt und schwach, blieb unsichtbar. Kein Geruch nach Eisen, keine Klinge, kein Schnitt. Etwas, das sie zum Maurer machte, das sie antrieb, Stein auf Stein zu legen. Eine Schwäche, die sie sich – wenn ihr jemand zuflüsterte – auch gern als Stärke einbildete. Aber sie konnte es nicht greifen, nicht entfernen. Es war ungestüm, mal leise klopfend, mal kaum spürbar, heute jedoch ein Donnern, ein Dröhnen in ihrem Kopf, ein inneres Reißen an all den Orten, die sie ihr Leben lang auszublenden versuchte.

Das erste Mal war, als sie für den Vater ein Kind warf und es fortgab. Damals konnte sie es nicht erklären, und niemanden fragen. Heute ebenso wenig – auch wenn die Lethoryxae offenbar wusste, was es war, ihr jedoch die Erklärung schuldig blieb.

Stein um Stein musste gelegt werden, doch der Schmerz riss Mauern wieder ein, warf Ziegel herab, verwandelte mühsam errichtete Ordnung in eine Ruine.

Doch stehend auf den Felsbrocken, bereit erneut aufzubauen, war ihr Blick klar. Kein Verwischen, kein Abwenden von der Schwäche. Denn da war noch etwas anderes, jenseits von Schmerz und dem, was sie nicht benennen wollte. Etwas hinter all den Stimmen, all den wirren Persönlichkeiten, die sie erschaffen hatte, um der eigenen zu entkommen.
Hoffnung.

Sie konnte sehen.

Verfasst: Freitag 5. September 2025, 09:36
von Q'in
Riposte.

In den Augen eines Kämpfers die eleganteste Methode, einem Widersacher das Leben kurz oder zumindest schwer zu machen. Q’in hatte dies gelernt, verinnerlicht, bis der Körper reagierte, noch bevor der Geist realisierte. Es wurde wie Atmen, wie blinzeln. Teil der rudimentärsten Eigenschaften seiner selbst. Der Ala’thraxor hatte in den Jahrzehnten, die er im Dienst verschiedener Axorn verbracht hatte, eine ganz persönliche Note der Gewalt entwickelt. Nichtsdestotrotz konnten die Grundlagen niemals verlacht werden. Sie zu beherrschen bedeutete, ein solides Fundament zu haben, um darauf die mörderische Kreativität eines Mael’Qil oder gar Ala’thraxor aufblühen zu lassen.

Der Eindruck dieses Gedankens flackerte auf, als Q’in neben seinem Waffenbruder Ryx’tar vor Bajard auf einer apathischen Reitechse saß und aus den Augenwinkeln die kleine Gestalt der Lethra wahrnahm, wie sie zwischen ihnen und einer Wand aus hellem Fleisch in sanften Farben stand.. und die Riposte ausführte. Immer und immer wieder. Nicht mit der Klinge oder der Axt, wie es Q’ins Präferenz gewesen wäre, sondern mit der Waffe der Niederen, der Ungesegneten: Mit Worten. Auch, wenn es dem alten Veteranen zuwider war, ihn langweilte und jeden Moment unnötig in die Länge zog, konnte er doch nicht leugnen, dass die Lethra die Riposte im Prinzip zu verstehen schien.

Meisterhaft gab sie die Attacken der Gegenseite zurück, während sie sich von den Eisenschalen und bunten Schilden und behuften Reittieren nicht einschüchtern oder zurückdrängen ließ. Ganz im Gegenteil: Sie nutzt die Riposte, um sogar weiter in die Reihen vorzudringen. Wenn auch weiterhin nur.. mit Worten.

Natürlich war ihr Leib ungenügend, schwach, unbalanciert, langsam, klein, hager, fahrig, unreif und matt, aber der Geist darin zeigte einmal mehr einen Funken, den zu beachten lohnend sein würde. Anders als so viele andere Geschwister war hier etwas Reines, etwas Gepeinigtes. Gebrochen und befreit. Sie hatte kein Potential, nein.

Potential war der Mangel im Jetzt.

Q’in dachte nicht in Potential. Potential war die Idee, etwas zum Wachsen zu bringen, etwas zu fördern und zu stärken. Potential konnte nicht erreicht werden. Es war eine Phantasie der Zukunft, ein Versprechen ohne Antrieb. Q’in verschmähte Geschwister, in denen Potential ruhte. Sollten sich andere um diese Letharen mühen. Für ihn galt nur die rohe Kraft, die Macht, die bereits da war, klar ersichtlich in seinen Augen, knapp unter der Oberfläche brodelnd. Diese Lethra zeigte genau dies. Die Frage war, welche Schnitte zu tun waren, um ihre Macht zu befreien. Wie tief müsste er kerben und schnitzen, um diese Lethra von dem zu befreien, was sie zurückhielt?

Verfasst: Sonntag 14. September 2025, 16:17
von By'nar
"Alathraxoren sind die, die man an seiner Seite wissen will, wenn der Krieg beginnt. Sie sind aber auch die, die geführt gehören, wenn sie sich selbst aus der Realität verabschiedet haben."
Irgendein Lethar, irgendwann, irgendwo
Das erste Mal, die erste Begegnung. By'nar erinnerte sich gut daran. Vielleicht auch deshalb, weil sie sich diesen Augenblick immer wieder vor Augen geführt hatte, während andere Ereignisse schnell von den wirren Wegen ihres Geistes verschlungen worden waren. Nichts hatte lange so viel Wert, dass sie es in ihren Gedanken aufhob. Alles war vergänglich. Jedes Treffen, jede Unterhaltung, jede Handlung. Heute erfüllte etwas mit Zufriedenheit oder entfachte ungezügelte Wut – und morgen, ja morgen … Sie hatte früh gelernt, dass das Meiste verblasste, oft schon mit dem Schlaf. So entwickelte sich eine nicht immer tragbare Eigenschaft: Gleichgültigkeit gegenüber allem und jedem.
Etwas, das bei ihm von der ersten Nennung seines Namens an nicht vorhanden war. Etwas, das sie bis heute nicht erklären konnte.

By'nar erinnerte sich nicht an ihre Rückkehr ins Axorn, doch sie erinnerte sich daran, wie jemand zum ersten Mal seinen Namen aussprach. Die Geschichte, die damit verbunden war, hatte sie vergessen. Aber sie erinnerte sich an die Blicke und Gesten – eine Mischung aus Unbehagen und Respekt. Angst und Begeisterung zugleich, die niemand erklären konnte und auch niemand zu erklären versuchte. Es war etwas, das sie aufhorchen ließ. Etwas, das den stetigen Durchzug zwischen ihren Gedanken für einen Moment zum Stillstand brachte.

Sie erkundigte sich, um wen es sich handelte. Der letzte Funken Neugier, der das Fass zum Überlaufen brachte, entstand durch Velvyr’taes Blick. Ja, der Name, der zu Boden fiel und sich dann kriechend zu ihr bewegte, trug etwas in sich, das in ihr bereits eine ungesunde Besessenheit weckte – ohne dass sie jemals ein Gesicht dazu gesehen hatte. Und während die Lethrae damit begannen, vor dem Letharfen zu warnen, fühlte sie sich angezogen wie eine Motte vom Licht. Doch es blieb noch eine ganze Weile dunkel.

Einige Wochen vergingen, bis sie ihm endlich begegnete. Und im ersten Moment war da diese Enttäuschung, die man spürte, wenn man etwas zu hoch hinaufgestellt hatte – so hoch, dass niemand dieses Podest je hätte erklimmen können. Auf den ersten Blick war er der Inbegriff eines Alathraxors: gezeichnet von Zeit und Ereignissen, bereits zerfressen von der Begegnung mit dem Mael’Rayat. Man hatte sie in jungen Jahren vor diesen Letharen gewarnt. Unberechenbar nannte man sie. Doch für sie war „unberechenbar“ ein Wert an sich. Es bedeutete, man konnte überraschen, man blieb undurchschaubar, man sorgte für Spannung – auf die seltsamste Weise, vielleicht unter Verlust von Gliedmaßen. Aber By'nar war nicht wählerisch. Für eine Hülle, die alles mit Gleichgültigkeit tränkte, war der Verlust eines Armes kein wirklicher Verlust, wenn er ihr dafür einen Augenblick Lebendigkeit schenkte. Ungesund? Mit Sicherheit. Doch sie konnte ohnehin nicht sagen, wann sie sich das letzte Mal gesund gefühlt hatte. Vielleicht vor dem ersten Schlag ins Gesicht, vor dem ersten Tritt in die Magengrube.

Q'in packte sie am Kragen, hob sie hoch und schleppte sie mit sich wie ein erlegtes, schlaffes Reh. Während sie sich an seinem Handgelenk festkrallte, um nicht an der Schwerkraft zu ersticken, starrte sie ihm entgegen. Kein Wort fiel zwischen ihnen. Sie hatte nichts getan, und er sah sie nicht einmal an. Sein Blick ging an ihr vorbei oder durch sie hindurch – und doch ließ er sie nicht los. By'nar erinnerte sich, wie sie eine ganze Weile schwieg und diesen Umstand akzeptierte, bis sie schließlich, ohne Scheu und ohne Unsicherheit, ihren Namen aussprach. Laut und deutlich – vollkommen klar. Er blieb stehen, und sie bildete sich ein, dass er den Namen wahrnahm, auch wenn er sie weiterhin nicht ansah. Dann stieß er seine Stirn gegen ihren Nasenrücken. Ein Knacken hallte durch ihren Kopf, gefolgt von stechendem Schmerz.

Und sie tat, was sie immer tat, wenn der Schmerz ins Unermessliche stieg und sie versuchte, ihn zu überwältigen: Sie lachte. Krächzend und gurgelnd, durch das Blut, das sich in Nase und Mundhöhle sammelte. Er ließ sie los, und für wenige Sekunden gab sie sich dem Moment hin, bevor sie mit der rechten Hand nach einem Fetzen seiner Kleidung griff. Sie zog daran, zwang ihn, sie wahrzunehmen, und blickte zu ihm auf. Und er sah tatsächlich zu ihr hinab.
Und er sah sie.

By'nar fühlte etwas, das sie seit Jahren tot geglaubt hatte: Euphorie.

Unberechenbar.

Verfasst: Sonntag 28. September 2025, 12:09
von By'nar
"Du kannst ihn nicht belügen. Ihn nicht. Und mich auch nicht."
Velvyr'tae, irgendwann, irgendwo
Die Erkenntnis, dass das Leben – und all das, was sich darin befand – nicht gleichgültig war, schmerzte zum Teil mehr als das Versagen, das an ihrer Hülle nagte und nach und nach Haut hinausriss. In By’nars Kopf dürfte es nichts geben, was man ihr in einem Spiegel hätte vorhalten können. Doch Alatar selbst führte ihr vor Augen, dass all die Mauern und Fronten in ihrem viel zu unordentlichen Geist nicht ausreichten, um den Blick auf ihr Innerstes zu verbergen. Und so fand sie sich im Zentrum ihrer Schwäche wieder – inmitten mahnender Blicke vertrauter Augen, die sie abwerteten und ihre Bedeutung mit Füßen traten. Bis zu diesem Augenblick wusste sie nicht einmal, dass es ihr wichtig war, in diesen Augen Bedeutung zu haben.

Der Schmerz in ihrer Brust und das Ziehen, das ein Wimmern ihre Kehle hinaufschickte, waren gleichermaßen präsent wie fremd. Es war ein Leid, das sie nicht gut bekämpfen konnte. Sie hatte davon gelesen: von dem Herzen und der Schwäche, die es schuf. Eine erbärmliche Erinnerung an das, was sie alle vor Hunderten von Jahren noch gewesen waren. Die Erinnerung an Licht, Geborgenheit und Liebe. Nun nur noch eine Schwäche – ein Mahnmal, das sie alle im Zentrum ihres Fleisches trugen. Etwas, gegen das Alatar stieß, erst dumpf, dann mit der Kralle, dann mit den Zähnen. Er riss daran, machte einen darauf aufmerksam. Er zeigte, dass man es hatte, dieses Herz. Und dann – dann riss er es heraus und presste es wieder hinein.

Wie oft war sie bereits zerbrochen und wieder zusammengewachsen? Sie und die Anderen in ihrem Kopf konnten es kaum noch zählen, und doch war es jedes Mal aufs Neue mit einem weiteren Zerfall ihres Geistes verbunden. By’nar hatte längst vergessen, wer sie wirklich war. Und es war auch nicht sonderlich wichtig, denn am Ende funktionierte alles. Mit gewissen Abweichungen, ja – aber wo man Scharfes bewegte, floss eben auch Blut.

Die Prüfung Alatars und der damit einhergehende Bruch jedoch waren neu, denn die Schwelle des Todes, die sie dabei berührte, war eine andere. Es war nicht die Hülle, erschöpft von Erziehung und fragwürdigen Methoden – es war die Seele, das Herz, das angegriffen wurde. Nichts, worum man eine Bandage legen konnte, nichts, wo man mit Druck die Blutung hätte stoppen können. Er prüfte sie dort, wo sie nichts entgegenbringen konnte. Er prüfte – und sie bestand.

Und anstatt aus dieser Prüfung eine Lehre zu ziehen, die Schwäche auszumerzen, trieb sie diese direkt erneut in sich hinein. Denn noch besudelt vom Blut unzähliger, die bestanden oder versagt hatten, und barfuß, rannte sie los. Während Rot zu Braun wurde und sich der Geruch von Eisen ausbreitete, ließ sie sich von dem Gefühl leiten, das nicht zwingend mit Dienlichkeit einherging.

By’nar fand sie schnell, sie fand sie immer: die Augen außerhalb des Spiegels, die sie direkt ansahen – und nicht durch sie hindurch. Und aus dem Mahnmal begann sie etwas zu schöpfen, das vielleicht kein anderer hätte greifen können. Aber sie war bereit, schwach zu sein, wenn sie dadurch an anderer Stelle Stärke zeigen konnte.

„Kannst du es sehen?“ fragte sie voran, getrieben von Euphorie und einem hochschlagenden Mahnmal, das gegen ihre Rippen donnerte. Ja, sie war gebrochen. Aber er war es auch – und er sah sie. Und Alatar sah sie ebenfalls. Er prüfte – und sie bestand.