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Aller Anfang ist schwer..
Verfasst: Samstag 24. Mai 2025, 21:51
von Eskyl Tryant
Erster Teil - Ankommen.
Seit einigen Tagen war der junge Thyre nun auf Sturmouve. Er durchstreifte das wilde Land, wie man es ihm geraten hatte, hielt die Augen offen und lauschte dem Ungesagten – dem Flüstern der Äste, dem Schweigen zwischen den Zeilen. Zugleich sammelte er Kräuter, schlicht, doch nützlich, und bemühte sich, wenigstens ein wenig Anschluss an das bestehende Rudel zu finden. Ihm fiel es schon von Geburt an schwer Anschluss zu finden, war er schon immer ein wenig.. anders. So empfanden es auch die anderen Clanner. 'Anders sein' fand nie viel Anklang in einem doch recht zurückgezogenen Clan welche tief in ihren eigenen Traditionen steckten. Anders jedoch auf Sturmouve. So offen dieses Land auch war, so sehr entzog es sich auch für unwissende. Es war, als lebte Sturmouve in einem eigenen Rhythmus, abgewandt vom Rest der Welt. Und er, noch ein Fremder, wollte dazu gehören.
Noch immer pochte sein Kinn, wenn er an die Begrüßung der anderen dachte. Besonders die Schläge der Weiber hallten unvergessen nach. Nicht, weil sie stärker gewesen wären – an die Hiebe der Kerle reichte so schnell niemand heran. Doch was ihnen an Kraft fehlte, machten sie wett mit Präzision und Schnelligkeit.
Sowohl in seinem alten Rudel als auch hier hatte der junge Mann seine Bestimmung noch nicht gefunden – oder nicht finden lassen. Vielleicht war es die Dame im Wind, der er unbewusst die Entscheidung überließ. Viele Wege hatte er gesehen, doch keiner hatte ihn gehalten. Die Zeit als Hofhand? Die Kunst des Medizinmanns? Nein. Der Pfad des Kriegers? Vielleicht – lag er doch im Blut jedes Thyren. Und doch: sein Herz sprach nicht laut, wenn er das Sax in Händen hielt.
Aber Eskyl? Manchmal meinte er, ihren Hauch zu spüren – im Rascheln der Blätter, im Knacken des Holzes, wenn der Morgen kam. Doch immer, wenn er horchte, blieb sie stumm.
Noch.
Gedankenverloren warf er eine Handvoll Sand, der vom Mörtel übrig geblieben war, ins Feuer. Es zischte leise und die schlagenden Flammen wurde ngebändigt. Dann lehnte er sich wieder an den Baum, entspannt, den Blick gen Himmel gerichtet. Die Nacht war gerade erst angebrochen.
Re: Aller Anfang ist schwer..
Verfasst: Freitag 23. Januar 2026, 12:52
von Eskyl Tryant
Der Winter hielt die Lande noch immer fest umklammert. Seit Wochen schon gefror der Atem in der Luft und verwandelte sich in kleine, flüchtige Wolken. Eis lag über Feldern und Wegen, und selbst das Meer wirkte schwer und träge unter seiner Kälte.
Einige Tage waren vergangen, seit Eskyl nach Sturmouve zurückgekehrt war. Der Insel seiner neuen Heimat, der Insel seines Rudels. Von Anfang an hatte er sich hier aufgenommen gefühlt, nicht wie ein Außenseiter unter den rauen Thyren und an den wilden Küsten. Trotz aller Schwierigkeiten hatte er hier allmählich seinen Platz gefunden.
Er war zu einem Geisterrufer geworden. Noch nicht seit langem, noch nicht vollkommen sicher in seinem Wirken, doch bereits mit wachsender Stärke und Vertrauen in sich selbst. Die Stimmen der jenseitigen Welt flüsterten ihm nun vertrauter zu als je zuvor, und in den stillen Nächten konnte man die freudigen Raufereien der Elemente erahnen, die sich um das Feuer Wulfgards entfachten. Ein leises Tosen jenseits des Sichtbaren, das von Eskyls neu erwachter Gabe zeugte.
Die Ruhe für sich selbst fand er in den nahen Wäldern. Zwar fehlte dort das schützende Laubdach, doch allein die Gegenwart der Bäume schenkte ihm Sicherheit. Ihre Stämme waren wie alte Wächter, vertraut und beständig, eine Umgebung, die sich nie wirklich änderte. Selbst nicht im Angesicht des Winters.
Ab und an besuchten ihn ein oder zwei Erdgeister, die sich ihren Spaß mit ihm erlaubten. Sie ließen ihn stolpern, zupften an seinen Stiefeln oder flüsterten ihm neckische Warnungen zu, doch niemals ließen sie ihn hart fallen. Es war, als prüften sie ihn spielerisch, neugierig auf den jungen Geisterrufer, der gelernt hatte, ihre Streiche mit einem schiefen Lächeln und geduldiger Nachsicht zu ertragen.
Der letzte Unterricht war besonders spannend gewesen. Ulfur und Eskyl hatten über die Waldtotems gesprochen. Über ihre Bedeutung für das Rudel und für die Schamanen selbst. Welche Kräfte sie entfachen konnten, wie sie lenkten und schützten, und auf welche Weise sie dem Wirken im Lied und mit den Runen Tiefe und Richtung verliehen.
Seit jeher wusste Eskyl, wofür die Totems standen. Sein altes Rudel hatte eine enge Bindung zu Rabe und Bär besessen. Besonders als Tryant. Ja, besonders als Tryant.
Doch nun musste er die Gedanken für sich neu ordnen. Frei werden von den Fesseln der Vergangenheit, frei von alten Mustern und Vorurteilen. Die Totems waren mehr als nur Erbe und Tradition; sie waren lebendige Kräfte, wandelbar wie der Wind im Geäst. Und Eskyl spürte, dass er ihnen nur dann wirklich begegnen konnte, wenn er lernte, sie mit eigenen Augen zu sehen – nicht mit denen seines früheren Lebens.
"Mh? Was war denn das? Ein weisser Bär..?" er stapfte neugierig hinterher..
Re: Aller Anfang ist schwer..
Verfasst: Samstag 24. Januar 2026, 18:42
von Eskyl Tryant
Eskyl folgte ihm. leise, so unauffällig, wie es ihm möglich war. Diese Art der Bären hatte er auf Sturmouve bisher noch nie gesehen, fremd und zugleich sehr vertraut. Wie ein alter Verwandter, den man erst nach Jahren wieder sah.
Unter seinen Füßen knisterte das Eis, gefrorene Zweige brachen mit verräterischem Knacken. Jeder Schritt schien lauter als der vorherige, als wolle der Winter selbst ihn verraten. Eskyl biss die Zähne zusammen. Er war noch nie gut im Schleichen gewesen. Er war ein Thyre – kein Spitzohr. Seine Bewegungen waren zu schwer als dass sie sich mühelos fügen wollten.
Und doch versuchte er es. Schritt für Schritt, Atemzug für Atemzug. Entschlossen, nicht nur den Spuren vor ihm zu folgen, sondern auch der Lektion, die zwischen jedem gebrochenen Ast verborgen lag.
Er folgte dem Bären und beobachtete ihn. Nicht nur für Stunden, sondern über mehrere Tage hinweg. Diese vergingen ungewohnt schnell, ungewohnt sanft. Aus sicherer Entfernung blieb Eskyl in seinem Schatten, lernte seine Wege, seine Rastplätze, die Zeiten, in denen das mächtige Tier jagte oder ruhte. Er prägte sich jedes Detail ein: das schwere, dennoch überraschend lautlose Auftreten, das tiefe Schnauben im Schlaf, die Art, wie der Bär innehielt, bevor er einen neuen Schritt wagte.
Mit der Zeit begann Eskyl, nicht nur das Aussehen des Tieres zu verstehen, sondern auch sein Wesen. Die ruhige Geduld, die plötzliche Entschlossenheit, die stille Würde, mit der der Bär selbst dem Winter trotzte. Er lernte, wann Vorsicht geboten war und wann der Bär einfach nur beobachtete wachsam, aber nicht feindselig. Irgendwie.. roch er nun sogar wie einer?
Je länger er folgte, desto stärker veränderte sich sein eigenes Empfinden. Seine Schritte wurden bedächtiger, sein Atem tiefer. Der Thyre selbst wurde aufmerksamer. Er spürte den Boden unter seinen Füßen, roch die kalte Luft, hörte das Knacken des Waldes mit einer neuen Aufmerksamkeit. Für Momente fühlte er sich beinahe selbst wie einer von ihnen. Ein Wesen des Waldes, getragen von Kraft und Ruhe, Teil eines uralten Rhythmus.
Mit jedem weiteren Tag in der Nähe des Tieres begann etwas in ihm zu erwachen. Zunächst war es nur ein Kribbeln unter der Haut, ein leises Ziehen, als würde der Geist des Waldes selbst an ihm zupfen. Dann veränderte sich sein Körper.Nicht durch veränderungen im Lied. Nicht durch bewusstes Wirken, sondern allein durch Hingabe.
Sauf seiner Haut begann Fell zu wachsen. Erst fein und kaum sichtbar, dann dichter, weicher, wärmer. Die Kälte, die ihm zuvor noch in die Glieder gekrochen war, verlor ihren Biss. Sein Körper streckte sich, wurde länger, drahtiger. Muskeln spannten sich, trugen ihn leichter durch das Unterholz.
Eskyl griff nicht ein. Er ließ geschehen. Keine Melodie formte diesen Wandel, kein Zeichen lenkte ihn.
In den spiegelnden Flächen gefrorener Pfützen erkannte er sich kaum wieder. Eskyl kannte den Akt der Verwandlung. Ulfur hatte sie ihm zur Genüge gezeigt. Er hatte sie geübt, immer wieder, Stunde um Stunde, bis jede Phase, jedes Brechen der Knochen, jedes Strecken und ziehen der Sehnen ihm vertraut geworden war. Normalerweise war sie ein Ringen zwischen Wille und Instinkt, zwischen Geist und Körper. Ein kontrollierter Übergang, geführt von Atem, Wissen und innerer Ruhe.
Doch hier veränderte sich nicht das lied. Hier veränderte er sich. Es war, als würde der Bär nicht nur neben ihm gehen, sondern in ihn eindringen. Eskyl hielt inne, keuchend. Ein Teil von ihm wollte eingreifen, wollte dagegen ankämpfen, wollte den Wandel zurück in bekannte Bahnen zwingen. Doch ein anderer Teil ihm, tiefer und älter flüsterte, dass sein wahres Ich war.. Keine Form, die er wählte. Keine Maske.
Mit einem ruckartigen Atemzug fuhr Eskyl hoch.
Die Kälte des Waldes war verschwunden. Statt knirschenden Schnees spürte er den festen Boden der Hütte unter sich, roch den markanten Duft verbrannter Kräuter und das sanfte Nachglimmen des Feuers. Sein Körper war wieder seiner. Menschlich und vertraut: unverändert. Kein Fell, keine verzerrten Glieder, kein fremder Herzschlag in seiner Brust.
Es war ein Traum gewesen, geboren aus tiefer Meditation, gelenkt von Kräutern, die er im Walg gefunden hatte. Ein Pfad in die innere Wildnis, nicht in den physischen Wald. Sein Atem ging noch hastig, und Schweiß stand ihm auf der Stirn, als wäre er tatsächlich gerannt, gejagt worden, verwandelt.
Doch das Gefühl blieb.
Re: Aller Anfang ist schwer..
Verfasst: Freitag 1. Mai 2026, 08:41
von Eskyl Tryant
Eskyl saß im Halbdunkel seines kleinen Raumes, während draußen der Wind über die Ebenen von Sturmouve strich wie schon lang nicht mehr. Vor ihm lag der runde Rahmen aus hellem Holz. Glatt geschliffen, doch von feinen Kerben durchzogen. Gezeichnet von von Werkzeugen und Zeit, teilten sie sich beide den Platz.
Die Bodhrán war noch nicht vollendet.
Über längere Zeit hatte er Dinge gesammelt, als hätte er geahnt wofür er diese brauchen würde. Dinge von vergangenen Abenteuern und Lektionen.
Ein Splitter eines Hirschgeweihs.
Nicht gewaltsam genommen, sondern gegeben – als der alte Hirsch im Schnee verging, würdevoll und ohne Furcht. Ein letzter Akt stiller Übergabe, als hätte das Tier selbst entschieden, was bleiben sollte.
Ein Stück vom Fell eines Bären.
Eskyl hatte ihn lange beobachtet, ihn studiert. Noch immer stolz, noch immer kräftig, getrireben von einer unwirklichen Ruhe. Ein Wesen voller Tiefe, dessen Kraft im Fell weiterlebte.
Der Reißzahn eines Wolfes.
Geborgen aus den Knochen eines großen Tieres, vielleicht eines Rudelführers. Tief in den Wäldern des Nordens. Kein Raub, sondern ein Fund zwischen den Überresten von Zeit und Kampf.
Dann eine Rabenfeder.
Schwarz wie die Nacht, gefallen aus dem Himmel selbst, als hätte ein Bote der Zwischenwelten sie ihm überlassen. Als Schamane hatte er eine besondere Bindung zu ihm.
Zu guter Letzt ein Stück einer Pantherklaue.
Als Verräter verschrien, gemieden von vielen und doch Teil der fünf Waldtotems. Eine Mahnung für jeden, dass nicht vergessen werden durfte was die Rudel spaltet.
Er befestigte jedes dieser Zeichen am Rahmen, nicht als Schmuck, sondern als Zeugnis. Wenn die Trommel sprechen würde, würden sie irgendwann antworten. Alte Lederstreifen aus seiner ehemelatigen Rüstung. Diese hatte er einfach dem Zweck entfremdet und an das Instrument gebunden. Ylvi würde ihm das hoffentlich verzeihen. Das Leder spannte sich über das Holz, alt, von der Zeit gegerbt, doch noch immer lebendig. Ein Tiel des Rudels, hatte er es in der letzten Ecke Wulfgards gefunden. Wenn seine Finger es berührten, gab es nach. Es war kein totes Material.
Eskyl hielt inne. Seine Hand blieb auf dem Leder liegen, und für einen Moment war da mehr als nur Berührung. Da war Erinnerung, nicht seine eigene allein. Bilder, flüchtig und rau: ein Rudel in Bewegung, Schnee, der unter Pfoten knirschte, das Heulen in der Nacht, das Zusammenstehen gegen Hunger und Kälte. Er zog die Hand nicht zurück. Stück für Stück spannte er das Leder weiter. Gleichmäßig. Als das Fell schließlich fest auf dem Rahmen saß, straff und bereit, war die Trommel mehr als ein Gegenstand. Er war der Ausdruck seines Willen.
Stunden hatte er damit verbracht, seine Geschichte in das trockene Holz zu schnitzen. Man sah, dass ihm die Übung fehlte und dennoch ebenso deutlich war die Sorgfalt, mit der er arbeitete.
Hier und da zeigten sich kleine Fehler: feine Ausrutscher der Klinge, unruhige Linien, Stellen, an denen das Messer kurz die Führung verlor. Doch gerade diese Spuren machten das Werk wahrhaftig: nicht perfekt, sondern getragen von Geduld und dem Willen, Erlebnisse festzuhalten.
Er nahm den verkohlten Holzspan und begann, die erhabenen Schnitzereien zu schwärzen. Seine Geschichte trat hervor: deutlicher, schärfer, als würde sie sich selbst erzählen wollen. Beginnen sollte mit einem jungen Mann auf dessen Schulter ein Rabe saß. Sein Erwachen. Dann saß eben dieser Schamane erst vor einem kleinen, dann vor einem großen Menhir. Eine Prüfung.
Ein Stück war noch frei. Er hatte nichts vergessen. Seine Geschichte war nur noch nicht zuende. Daran bestand kein Zweifel.
Bedächtig legte er die nun fertige Trommel auf seinen Schoß. Betrachtete jene und strich einmal mit den Fingern über die Fläche. Sie kratzte. Dann schlug er auf eben diese Fläche. Der Hall klang tief und suchte sich seinem Weg durchs Fort – vielleicht auch in andere Welten.

Re: Aller Anfang ist schwer..
Verfasst: Sonntag 3. Mai 2026, 19:33
von Eskyl Tryant
Ein Gewitter zog auf.
Tiefe, dunkle Wolken schoben sich über den Himmel und gaben einen Vorgeschmack auf das, was kommen mochte. Die Luft wurde schwer, fast drückend, geladen mit einer Spannung, die selbst zwischen den aufgerichteten Steinen zu knistern schien. Nora war nervös. Eskyl weniger.
Im Norden waren solche Gewitter nichts Ungewöhnliches. Dort kamen sie oft ohne Warnung, brachen über Land und Küste herein. Die Fjorde reagierten, genauso wie die Menschen.
Er trommelte nun gleichmäßig auf Stein und Erde, ein dumpfer, lebendiger Rhythmus. Eskyl bewegte sich nicht. Er ließ ihn kommen. Ließ ihn über sich hinwegziehen, wie so viele Stürme zuvor. Mit jedem Tropfen, der ihn traf, schien etwas von ihm abzufallen. Gedanken, Ängste, Zweifel, die sich festgesetzt hatten. Der Regen nahm sie mit. Wusch sie fort, Schicht um Schicht.
Ein Leuchten brach durch den Regen, erst zaghaft, dann stärker, bis es den Hain in ein sanftes Orangerot tauchte. Die Tropfen selbst schienen für einen Moment zu glühen, als trügen sie das Licht weiter, von Himmel zu Erde.
Eskyl hob leicht den Kopf. Anundraf. Er brauchte keinen zweiten Blick, keinen Zweifel. Er wusste, was geschah.
Es war Eskyls erstes Prüfung als Beiwohnender und zugleich ein Abschied von dem, was er einst selbst gewesen war. An dem Tag nahm Rabe zwar nicht ihn mit nach Anundraf - doch ein Teil seiner Jugend. Das letzte Erwachen hatte ihm gegolten.
Heute lag der Blick des Raben auf Nora.
Einer noch jungen Thyrin auf Sturmnouve. Eskyl kannte sie kaum. Ihr Herz war noch jung und ihre Augen noch geschlossen für das, was kommen sollte.
Leise, kaum mehr als ein Gedanke, hallten Ulfurs Worte in ihm nach, so, wie er sie einst selbst gehört hatte: „Aber, was dey bei allen Totems bewusst seyn muss: Sie sind mächtige Geyster, die sey unserer Moral nuad nimmer hingeben. Rabe sey der Schamane der Waldtotems, doch meyst sehen wir nur Zeychen von ihm – hören seynen Schrei oder das Flattern seyner Schwingen. Eyn Thyre tritt, normalerweyse, nur eynmal vor Rabe… und das sey am Ende seyner Existenz.“
Diese Worte hatten sich tief in Eskyl eingebrannt. Noch immer lagen sie wie Gewicht auf seinem Handeln.
„Respekt musst dey haben vor den Geistern und Totems, aber niemals Angst und Schwäche zeygen.
Respekt zollen sey nuad Schwäche – sey dir des Unterschieds bewusst.“ hallte es wie ein Echo. Ein Mantra, welches er Nora mit auf dem Weg gab.
Eskyls Blick blieb auf Nora gerichtet.
Stumm hoffte er, dass auch sie sich an diese Worte erinnern würde wenn Rabe sie seiner Prüfung unterzog. Und sie bestand diese.
Heute fand Sturmouve eine neue Geistersucherin.
Er zog sich in die Schamanenhütte zurück, Nora musste sich erstmal Ordnung. Und Eskyl seine Runen schnitzen. Aber die Knochen hatten Geduld.
Re: Aller Anfang ist schwer..
Verfasst: Montag 11. Mai 2026, 14:23
von Eskyl Tryant
Eskyl saß nahe des Feuers, die Beine angewinkelt, ein Stück Knochen in der linken Hand. Draußen peitschte der Wind über Sturmouve, doch hier drinnen war nur das dumpfe Knistern der Glut zu hören. Das Wetter schlug dieser Tage beinahe so häufig um, wie es Elche auf der Insel gab.
Klimpernd zog der junge Thyre einen kleinen Ledersack hervor. Er mochte dieses Geräusch. Es war Trocken. Es war Leicht. Es war Alt. Wenn er „alt“ einem Klang zuordnen musste, dann war es wohl das dumpfe Aneinanderreiben von Knochen.
Der Sack wurde ausgeschüttet.
Mit einem weichen Klacken verteilten sich die Fragmente über das Fell vor ihm. Knochen auf Knochen. Rau an den Bruchkanten, glatt an anderen Stellen vom langen Tragen und Berühren. Mit einem kurzen Wischen seiner Hand verteilte Eskyl die Rohlinge etwas weiter auseinander, ehe er eines der Stücke aufhob.
Er prüfte den geformten Knochen in seiner Hand. Es war kein sauber gearbeiteter Rohling, fehlte ihm die ruhige Hand eines Handwerkers. Solche Arbeiten überließ er lieber jenen, die darin Übung besaßen. Dieses Stück war nur ein alter Knochen: hell, trocken und von feinen natürlichen Rissen durchzogen. Die Oberfläche war an manchen Stellen rau, an anderen glattgeschliffen von Zeit und Wetter.
Eskyl hatte die Fragmente auf der Insel gesammelt. Dem Kreislauf entnommen, ehe sie endgültig zu Erde geworden wären und anderem Leben als Ursprung gedient hätten. Langsam setzte er die Spitze des Dolches auf dem Knochen an. Einen Moment verharrte er noch. Die Zunge konzentriert leicht in den Mundwinkel gedrückt, ehe er zu ritzen begann.Kratzend fraß sich die Klinge in das harte Material. Kleine helle Späne und feine Splitter lösten sich aus dem Knochen und blieben an seinen Fingern haften. Immer wieder zog Eskyl die Linien nach, vertiefte sie Zug um Zug. Immer wieder hielt Eskyl inne, drehte das Knochenfragment leicht im Licht der KErnen und prüfte die Tiefe der Linien mit dem Daumen. Zuerst den senkrechten Strich. Dann die beiden schrägen Äste auf der rechten Seite. Unter Runenkundigen erkannte man die Rune sofort: Fehu.
Als Eskyl zufrieden war und die Linien tief genug im Knochen lagen, legte er das Stück beiseite und griff nach dem nächsten. Langsam wanderte der Haufen der unbearbeiteten Fragmente von links nach rechts.
Neben ihm stand die kleine Schale mit Ruß, Asche und dunklem Harzöl. Langsam strich er die schwarze Masse mit dem Daumen in die eingeritzten Linien. Der Knochen verfärbte sich an den Kanten leicht dunkel, während sich das Schwarz tief in den Ritzungen festsetzte. Er nahm ein Stück unbenutzen Leders und polierte die Oberfläche des knochens bis nur die Rune zurück blieb.
Dies wiederholte er Knochen für Knochen, Rune für Rune. Er ließ sich Zeit, genoss die Ruhe welche er hier im Zimmer hatte. Draußen heulte der Wind gegen die Wände Wulfgards, doch hier drinnen schien die Zeit langsamer zu vergehen.

Re: Aller Anfang ist schwer..
Verfasst: Sonntag 17. Mai 2026, 18:11
von Eskyl Tryant
Eskyl hatte die Schädel nicht gesucht. Sie lagen zwischen dem Wuzelgeflecht eines alten Sanddornbusches am Rande einer Klippe von Sturmouve. Sie waren bereits halklb vom moos edeckt,m ausgebleibt vom Wind und der immerwährenden salzigen Luft der nördlichsten Insel. Drei Raben. Klein genug, dass sie wohl aus demselben Nest stammen mussten. Vielleicht Geschwister. Vielleicht hatten sie gemeinsam gelernt zu fliegen und waren gemeinsam gefallen. Fast wie er, hätte er das Rudel der Sturmheuler nicht gefunden.
Er pustete das Moos aus der Augenhöhle des ersten Schädels. Prüfte ihn, vielleicht erkannte er eine Gattung. Vielleicht ein Nebelrabe? Wer weiss. Er hatte kein so fundiertes Wissen als das hätte er es bestimmen können. Dann legte er den ersten der Schädel in das fell seiner Tasche und widmetete sich der anderen beiden, welche nach kurzem betrachten auch in die Tasche wanderte.
Viele Tage lagen die Schädel unberührt neben seinem Lager. Eskyl betrachtete sie oft im Vorbeigehen, während sie auf einem der Puppenköpfe lagen, welche seine Rüstung beherbergte.. Die leeren Augenhöhlen wirkten nicht tot auf ihn. Eher still. Als würden sie warten.
Dann war der Tag gekommen, an dem er wusste was er mit diesen anzufangen hatte. Im letzten Unterricht hatte ihm Ulfur aufgetragen sich um Ritualgegenstände zu kümmern. Darunter war auch der Stab. Ja, der Stab. Ein Erdgeist hatte ihm dieses Stück überreichht, als er den Menhir mit seiner hilfe wiederherstellte. Seitdem hatte er ihn gepflegt und auf ihn aufgepasst.
Er würde die Schädel verzieren. Jeder sollte eine Rune tragen, welche ihn beschrieb – welche seinen Weg leitete.
Er begann mit Raido.
Mit seinem Messer ritzte er die Rune vorsichtig in die Stirn des ersten Schädels. Der Knochen splitterte beinahe unter zu viel Druck, also arbeitete er langsam weiter. Raido war Bewegung. Reise. Der erste Schritt fort von etwas Bekanntem. Eskyl dachte dabei nicht an Straßen oder Boote. Er dachte an Thyren. An die Augenblicke, in denen jemand merkt, dass er nicht derselbe bleiben kann wie zuvor.

Der zweite Schädel bekam Hagalaz.
Das Schnitzen fiel schwerer. Mehrmals musste er abbrechen. Die Rune erinnerte ihn an Gewitter über dem Meer, an Feuerstellen nach einem Kampf und an Häuser, die leer geworden waren. Hagalaz war kein sinnloser Untergang. Die Rune zerstörte nicht aus Grausamkeit. Sie brach auf, was festgeworden war. Wie ein Sturm, der alte Äste aus einem Baum riss, damit neue wachsen konnten.

Der letzte Schädel erhielt Perth.
Er saß dabei lange schweigend am Feuer. Perth war schwieriger zu greifen als die anderen beiden. Geburt. Geheimnis. Neubeginn. Nicht das Ende einer Reise, sondern der Moment danach. Der Augenblick, in dem etwas Neues zum ersten Mal Luft holte. Vielleicht schwach. Vielleicht unsicher. Aber lebendig.

Als alle drei fertig waren, legte Eskyl sie nebeneinander auf das Fell vor sich.
Raido.
Hagalaz.
Perth.
Reise. Zerstörung. Neubeginn. Nicht jeder Bruch war schlecht. Nicht jedes Ende bedeutete Verderben. Manche Dinge mussten zerbrechen, damit überhaupt Platz für neues Leben entstand.
Mit ruhigen Bewegungen band er die drei Nebelrabenschädel mit festen Leinenfäden untereinander an den oberen Teil des Stabes. Nicht zu dicht. Jeder sollte seinen Platz haben. Wenn sich der Stab bewegte, schlugen die kleinen Knochen leise gegeneinander und erzeugten ein trockenes Klacken.
Zwischen die Schädel flocht Eskyl dunkle Federn, kleine Holzperlen und dünne Bündel getrockneter Kräuter. Der Geruch von Salbei blieb dabei an seinen Händen haften. Auch Met. Warum Met? Mh. Stellenweise drückte er sogar etwas Moos zwischen die Wicklungen, sodass der Stab wirkte, als hätte er selbst ein Stück Sturmouve an sich getragen. Nicht geschniegelt oder kunstvoll wie die Arbeiten mancher Handwerker.
Die Holzperlen hatten unterschiedliche Formen und Farben. Einige waren glatt geschliffen, andere rissig vom Alter. Jede einzelne saß bewusst an ihrem Platz. Als er fertig war, stellte er den Stab neben sich in den Boden und betrachtete ihn schweigend. Die drei Schädel hingen untereinander wie die Abschnitte eines Lebens. Bewegung. Bruch. Neubeginn. Dazwischen Federn, Kräuter und Moos, Dinge aus der Natur, die ebenfalls kamen, vergingen und wieder wuchsen.
Im Wind bewegten sich die Federn leicht und irgendwo zwischen den Knochen hing noch immer der Geruch nach feuchter Erde und ein wenig Met.

Re: Aller Anfang ist schwer..
Verfasst: Mittwoch 27. Mai 2026, 19:35
von Eskyl Tryant
Der Wind pfiff durch die Händeecke Wulfgards als Eskyl eintrat und diesen förmlich zu begleiten schien. Manne wartete schon. Das heutige Treffen war kein Zufall; es war ein nächster Schritt auf dem Pfad, den Ulfur ihm aufgetragen hatte. Das Trinkhorn war ein weiterer Gegenstand von Ulfurs Liste, jener Liste von rituellen Gegenständen, die Eskyl eigenhändig, fertigen sollte. Jedenfalls größten Teils. Natürlich konnte sich der jungew Thyre auch Hilfe suchen; war er nicht so bewandert ihm Handwerk.
Manne wartete bereits. Wortlos legte Eskyl das Material auf den hölzernen Arbeitstisch: Ein mächtiges, prächtiges Horn. Es war tiefdunkel, fast schwarz, aber von rauchbraunen und hellen Linien durchzogen. Wunderschön marmoriert, rauh und schwer. Eskyl hatte dies von einer Jagd aus den tiefen Höhlen Gerimors. Weiterhin hatte er einen Ring – von Früher. Ein Andenken an alte Zeiten und seinem alten Rudel. Geschmiedes aus Silber zeigte es die Totem der Thyren. Es war kein Ring für den Finger, mehr eine Art Kinderarmreif.
„Ein gutes Stück“, brummte Manne und klopfte auf das Horn. „Aber die meiste Arbeit steckt im Inneren. Du kannst es nicht benutzen, wenn das halbe Biest noch im Horn steckt." Die Blicke sprachen Bände.
Unter Mannes Anleitung begann Eskyl with dem Aushöhlen. Der Snekker hatte schon so einige Hörner für das Rudel gefertigt. Zuerst nutzte er einen langen, scharfkantigen Schaber aus Eisen, um die verbliebenen, eingetrockneten Gewebereste und die weiche Markschicht tief aus dem Inneren des Hohlraums herauszukratzen. Diese Arbeit verlange Geduld und gefühl gleichermaßen. Würde er zu hastig arbeiten, durchstieß er möglkicherweise das Horn. Arbeitete er zu kräfgtig, zerbrach es. Stoß für Stoß arbeitete sich Eskyl vor, während der herbe, hornige Geruch die Händeecke erfüllte. Danach reichte Manne ihm grobe Raspeln und schließlich rauhes Stück Leder, um die Innenwände glattzuschmirgeln, bis sie sich so glatt wie geschliffener Stein anfühlten.
Als das Innere perfekt war, bockte Manne das Horn auf. Er spannte es geschickt in eine hölzerne Haltevorrichtung, sodass die spitze Seite nach oben ragte und das Horn stabil und unbeweglich fixiert war. „Jetzt kommt das Metall“, sagte der Snekker und deutete auf die Esse. Eskyl trat an das Feuer. In der Gusskelle lagen die Silberstücke.
Der junge Schamane zupfte eine Daune vom Stab, atmete durch und schloss die Augen. Seine Sinne schärften sich und fügten sich dem Lied. Das gewohnte, tiefe Trommeln hallte durch die Zwischenwelt und trug seine Bitte fort. Kurz darauf antworteten die Elemente.
Die Daune stieg in der warmen Luft der Esse auf und tanzte freudig durch die Strömungen. Alsdann bewegte sie sich ruckartiger, als würde irgendetwas, oder irgendjemand, mit ihr spielen. Ein wissendes Schmunzeln legte sich auf Eskyls Lippen. Sogleich frischte der Wind auf und verstärkte sich, was ein sattes Lodern der Kohlen mit sich führte. Nicht nur schien die Bitte den kleinen Luftgeist zu erreichen, nein, auch ein kleiner Feuergeist, gelockt von der Hitze der Feuerstelle, schloss sich ihnen an. Eine kleine Stichflamme schoss hervor, als der Windgeist seinem feurigen Freund entkam. Desto länger die Elemente spielten, je flüssiger wurde das Silber.
Gleißend weiß und flüssig glänzte das Metall in der Kelle. Eskyl trat an das aufgebockte Horn heran. Mit ruhiger Hand hob er die Kelle und goss das geschmolzene Silber direkt über die äußerste Spitze des Horns.
Es war nicht viel Silber, gerade mal so viel, dass es den Weg an den Seiten hinab fand. Doch unter dem Einfluss von Eskyl verhielt sich das flüssige Metall eigenwillig. Anstatt stumpf herunterzutropfen, fraß es sich in feinen, unregelmäßigen Bahnen an der Außenseite herab. Es suchte sich wie von Geisterhand geleitet seinen Weg durch die Maserung des marmorierten Horns. Es verästelte sich in fadenartigen, silbernen Strukturen, die wie gefrorene Blitze oder die feinen Wurzeln eines Baumes aussahen und im dunklen Material erstarrten, angelehnt an das Mal Rabes, welches er seit der Begegnung mit Rabe hatte.
Ein dünner, bläulicher Dampf stieg auf, der nach verbrannnten und Harz roch und schmeckte.
Als das Metall vollständig erkaltet war, löste Manne das Horn aus dem Bock und hielt es prüfend gegen das matte Licht. Die silbernen Fäden zogen sich perfekt um die dunkle Rundung. Das Horn lag schwer und kraftvoll in Eskyls Hand.
Den Ring, welchen er mitgebracht hatte, stülpte er über die Spitze und schob ihn hinauf, bis er nicht mehr weiter wollte. Dann drehte und verkeilte er diesen etwas und nickte zufrieden. Das überstehende Ende wurde abgeschnitten, damit es aussah, als würde die Kante bündig mit dem Ring abschließen.
Alles passte perfekt, so, wie er es sich vorgestellt hatte.
