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Im Namen des Lebens
Verfasst: Dienstag 13. Mai 2025, 16:25
von Viktoria Hamberg
„Ich glaube an den Erhalt von Leben.“
Ein Leitsatz und Schwur an das Handwerk der Heilkunst
von Viktoria Hamberg
In diesen wenigen Worten liegt alles, was Viktoria Hamberg ausmacht: Pflichtgefühl, Mitgefühl, Entschlossenheit und eine tiefe, unerschütterliche Achtung vor der Schöpfung selbst.
Es ist kein Schwur, den man laut in einer Halle ablegt. Es ist einer, der in stillen Nächten bei schwachem Licht der Öllampe gefasst wird, wenn die Hände blutig sind, der Atem schwer und das Leben eines anderen in den eigenen Fingerspitzen liegt.
Für Viktoria ist dieser Leitsatz kein bloßes Ideal, sondern tägliche Praxis: ob im Lazarett, im Schatten der Schlacht, oder in der Stille ihrer Apotheke zu Schwingenstein.
Der Erhalt von Leben ist ihr Werk. Und ihre Antwort auf eine Welt, die oft genug das Gegenteil will.
Tagebucheintrag
- Schwingenstein, 17. Wechselwind 268,
Nerium Oleander Apotheke
Ich bin zurück.
Die Häuser von Schwingenstein stehen noch immer so da, wie ich sie in Erinnerung trage. verwittert vom Regen, aber standhaft. Es ist ein leiser Empfang, niemand weiß von meiner Rückkehr, und ich bin froh darum. Die Stille meiner Apotheke empfängt mich wie eine alte Freundin. Der Geruch von getrocknetem Lavendel und Wurzelharz liegt noch immer in den Balken, als hielte die Zeit hier den Atem an.
Ich öffne die Fenster. Verjage den Staub. Binde die Kräuter neu. Es ist seltsam, wie schnell sich ein Ort wieder wie Zuhause anfühlt, wenn die Hände beschäftigt sind und das Herz zur Ruhe kommt.
Noch ist alles friedlich. Die Krähen kreisen über dem Dach, nicht über den Schlachtfeldern. Möge es so bleiben.
-V.H.
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Schwingenstein, 21. Wechselwind 268,
Nerium Oleander Apotheke
Es ist ein ruhiger Tag, beinahe zu ruhig. Ich sitze an meinem Tisch, sortiere Kräuter und mache Notizen in mein Feldbuch, als die Tür plötzlich aufgerissen wird. Ein Mann in zerlumpter Kleidung tritt ein. Er wirkt wie einer jener Halunken, die sich manchmal auf den Märkten oder in den Ställen herumtreiben. Doch diesmal steht er in meiner Apotheke – mit einer deutlich finsteren Absicht.
Mit heiserer Stimme fordert er: „Gold oder Leben“, während er ein Messer hebt, dessen Klinge das letzte Licht des Abends einfängt. Ich erwidere seinen Blick ruhig, lasse ihn wissen, dass er nicht der Erste ist, der so etwas versucht und wohl auch nicht der Letzte sein wird. In fester Stimme erkläre ich ihm, dass ich sehr wohl weiß, wie ich mich zu wehren habe.
Er scheint zu zögern. Vielleicht ist es meine Entschlossenheit, vielleicht die Ruhe, mit der ich ihm gegenüberstehe. Jedenfalls wird deutlich, dass er sich seiner Sache plötzlich nicht mehr ganz sicher ist. Er lässt seine Klinge drohend durch die Luft gleiten, doch ich bleibe standhaft. Dann, in einem plötzlichen Wutanfall, reißt er mehrere Regale um, Flaschen zerbrechen, Kräuter verteilen sich auf dem Boden. Er starrt mich abschätzig an und murmelt, dass er mich sich noch holen werde. In seiner Stimme liegen Resignation und Unsicherheit.
Ich nutze den Moment, weiche seinem Versuch aus, mich zu packen – doch er hat bereits die Tür erreicht. Ohne weitere Worte flieht er aus der Apotheke, sein Plan gescheitert.
Ich bleibe gefasst, auch wenn der Schock tief sitzt. Die Einrichtung ist verwüstet, aber mein Entschluss steht fest: Ich lasse mich davon nicht entmutigen. Noch am selben Abend verlasse ich die Apotheke und melde den Vorfall beim Regiment, damit der Täter nicht ungeschoren davonkommt.
Die Wachen reagieren rasch. Schon bald darauf können sie den Mann, Tarin Voss, identifizieren und aufgreifen. Ich erkläre, dass er es auf alles abgesehen hatte, was von Wert ist.
Sie führen ihn ab und während der Ärger noch nachhallt, wächst in mir die Erleichterung. Trotz des Chaos bleibe ich entschlossen, Ordnung zu schaffen.
Meine Apotheke ist verwüstet. Aber ich werde sie wieder herrichten.
– V.H.
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Schwingenstein, 22. Wechselwind 268,
Nerium Oleander Apotheke
Der Tag bringt seine üblichen Herausforderungen mit sich. Die Apotheke ist inzwischen in einem besseren Zustand, nachdem der Halunke, der mich am Vortag überfallen hat, nun in den Händen der Wachen ist. Doch als der Abend hereinbricht und die Dämmerung die Straßen von Schwingenstein in ein sanftes Licht taucht, tritt eine neue Herausforderung über die Schwelle meiner Apotheke.
Es ist Askan Duran.
Er kommt ruhig, beinahe schüchtern auf mich zu. Sein Blick gleitet prüfend über Fläschchen und Tinkturen, doch seine Haltung verrät, dass er mehr als nur eine einfache Frage mitgebracht hat. Ein langer, dunkler Mantel liegt über seinen Schultern. Waffen trägt er keine. nur eine schlichte Tasche mit Utensilien, die bereits Hinweise auf seine Absicht geben.
Er grüßt höflich, mit ruhiger, aber bestimmter Stimme, und fragt, ob er störe. Ich verneine, bleibe jedoch wachsam, irgendetwas an seiner Erscheinung kommt mir seltsam vertraut vor. Vielleicht ist es die stille Stärke in seiner Bescheidenheit. Vielleicht nur ein Gefühl. Ich warte, dass er sich erklärt.
Er sagt, er habe von meinen Heilfähigkeiten gehört, von all jenen, denen ich geholfen habe. Dann fragt er, mit Bedacht und sichtbar vorbereitet, ob ich bereit wäre, einen Lehrling aufzunehmen.
Die Stille, die folgt, ist beinahe greifbar. Ich mustere ihn aufmerksam. In seinen Augen liegt jene Mischung aus Entschlossenheit und Hoffnung, die ich nur bei Menschen gesehen habe, die aus tiefer Sehnsucht nach Wissen handeln. Es ist derselbe Blick, den ich einst in Klein-Aschenfeld in mir selbst gespürt habe.
Ich frage ihn schließlich, ob er wirklich mein Lehrling werden will, und lege mein Notizbuch zur Seite. Er nickt und sagt, dass er vieles gesehen und erfahren habe, nun aber lernen wolle, wie man wirklich hilft - nicht nur mit Medizin, sondern auf eine tiefere Weise. Es gehe ihm um mehr als das Verabreichen von Tränken oder das Versorgen von Wunden. Heilkunst bedeute für ihn auch, Hoffnung zu geben. Und ja, am Ende strebt er an, selbst einmal Apotheker zu werden, so wie ich.
Seine Worte tragen Gewicht. Und obwohl ich hohe Maßstäbe anlege, spüre ich, dass dieser junge Mann das Wesen und die Verantwortung dieses Handwerks begreift.
Ich erkläre ihm, dass Heilkunst nicht allein in Büchern zu finden ist. Sie besteht aus Geduld, Empathie und dem Verständnis, dass Leben niemals geradlinig verläuft. Die wahre Kunst liegt im Umgang mit Menschen - mit ihren Ängsten, ihren Zweifeln und Hoffnungen. Es ist ein ständiges Streben nach Wissen, das niemals endet.
Er sieht mich an, als wolle er jedes meiner Worte in sich aufnehmen. Dann tritt er einen Schritt zurück, atmet tief durch und sagt, dass er versteht und bereit ist, jede Aufgabe anzunehmen, die ihm anvertraut wird.
Ich antworte schließlich, dass er beginnen soll, seinen Platz hier zu finden. Aber er solle sich darüber im Klaren sein, dass dieser Weg nicht leicht ist, dass wir an seine Grenzen gehen werden, körperlich wie geistig. Und dass es nicht immer so ruhig bleiben wird wie heute Abend.
Er nickt, nun mit fester Entschlossenheit im Blick, und bekräftigt seine Bereitschaft.
Ich weiß in diesem Moment: Das ist ein neuer Anfang. Für ihn. Für mich. Und vielleicht auch für die Apotheke selbst.
– V.H.
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Schwingenstein, 31. Wechselwind 268,
Nerium Oleander Apotheke
Gestern lernte ich seine Hochgeboren Antarian von Dynal kennen – einen Mann, der nicht einfach einen Raum betritt, sondern ihn erfüllt. Es liegt etwas in seiner Haltung, das innehalten lässt: eine stille, selbstverständliche Autorität, die weder laut noch überheblich ist, sondern sich wie altes Eisen unter feinem Tuch verbirgt. Seine Höflichkeit ist makellos, seine Wachsamkeit spürbar, und in seiner Ruhe liegt eine Strenge, wie sie nur jenen zu eigen ist, die schon lange Verantwortung tragen, für sich selbst und für andere.
An seiner Seite steht sein Gefolgsmann Jean-Pierre Vinet, ein Mann, der spricht, als entrolle er jedes Wort von edlem, leicht brüchigem Pergament. Seine Sprache ist gewählt, geschliffen, mit einem feinen Zug von Ironie durchzogen, nicht spöttisch, sondern wie das Lächeln eines Mannes, der die Regeln des Spiels kennt, sie längst durchschaut hat und nun eher aus Interesse als aus Pflicht mitspielt.
Sie kommen in meine Apotheke, um sich nach Mitteln und Tinkturen zu erkundigen, Schutz für Leib und Geist, für das, was in den Höhlen von ihnen gefordert werden wird. Ich höre, was sie nicht sagen. Das Schweigen zwischen den Worten erzählt mehr als die Formulierungen selbst.
Ich empfehle ihnen ein altes Rezept. Eine Zusammensetzung, die Körper, Geist und Seele gleichermaßen stärkt, bitter in der Zunge, aber kräftigend in der Tiefe. Hochgeboren Antarian nimmt die Beschreibung mit einem kaum merklichen Nicken entgegen, wie jemand, der nicht leichtfertig urteilt, sondern abwägt, prüft und dann entscheidet. Jean-Pierre hingegen lächelt. Ein ehrliches Lächeln, offen und fast ein wenig überrascht, vielleicht das erste echte Lächeln, das mir heute begegnet.
Sie wissen genau, was sie brauchen. Kein Zögern, kein Zaudern – nur Klarheit. Ich nehme den Auftrag an, gebe mein Wort, mich darum zu kümmern. Es ist mehr als ein Handel, es ist ein stiller Austausch von Vertrauen.
Und obwohl der Kauf längst besiegelt ist, verweilt der Freiherr. Es ist keine jener höflichen Pflichten, kein Rest an Etikette. Es ist, als wolle er bleiben – als finde sich zwischen uns ein Gespräch, das nicht gesucht wurde, sondern einfach geschieht.
Wir sprechen. Über Vergangenes, das noch nachklingt, wie eine alte Melodie unter der Oberfläche der Zeit. Über das, was kommt, über Schatten, die sich in Gedanken formen, lange bevor sie auf den Wegen der Welt erscheinen. Es fühlt sich seltsam vertraut an. Wie zwei Seelen, die sich lange nicht gesehen haben, obwohl sie sich vielleicht nie begegnet sind. Als hätten wir ein Gespräch fortgesetzt, das irgendwo in einer anderen Zeit begonnen hatte.
Es ist ein stiller, klarer Abend. Der Tee zwischen uns dampft leicht. Ein einfaches Gebräu, das plötzlich reich schmeckt, vielleicht, weil wir es teilen.
Ich höre mich selbst sagen, dass ich bereit wäre, ihn zu begleiten. In die Höhlen. Als seine Heilerin. Nicht nur als Kräuterkundige, sondern als jemand, der an seiner Seite steht, wenn der Boden unter den Füßen bebt und das Dunkel flüstert. Er sieht mich an, lange, ruhig und ich weiß: Er versteht.
Und ich weiß auch, dass dies kein Zufall ist.
Es ist ein Anfang.
-V.H.
Verfasst: Dienstag 13. Mai 2025, 18:10
von Viktoria Hamberg
Schwingenstein, 3. Wechselwind 268
Nerium Oleander Apotheke
Der Abend senkte sich sacht über die Gassen, als hätte Eluive selbst einen Schleier aus sanftem Dämmerlicht über die Welt gelegt. Die Luft war kühl, doch nicht kalt, und der Rauch des Feuers vor der Taverne stieg wie eine flüchtige Erinnerung in den Himmel.
Ich hatte mich niedergelassen, ein wenig abseits, mit einer Tasse heißen Tees und einem guten Buch in den Händen, als er kam, ein Kunde meiner Apotheke, dessen Namen ich nie lange behalten musste, weil seine Art mir immer im Gedächtnis blieb. Ein Mann mit ruhigem Blick und einer Stimme, die nach Geschichten klang.
Er erkannte mich sofort, trat näher, als hätte ihn etwas an diesem Abend genau dorthin geführt, wo ich saß. Wir grüßten einander mit dem stillen Einverständnis zweier Seelen, die einander nicht fremd sind, auch wenn sie selten Worte tauschen.
Er setzte sich neben mich. Seine Stimme ist ruhig, fast meditativ, und trägt den Tonfall eines Mannes, der mehr fragt, als er sagt. Wir sprechen, ohne Eile. Über das, was war. Über das, was kommt. Über Temora, deren Wandel wir beide kennen, und über Eluive, dessen Licht manchmal nur dort zu finden ist, wo es am dunkelsten scheint.
Er erzählt von seinen Zweifeln und Hoffnungen, ich höre zu, nicht als Heilerin, sondern als Mensch. Es ist ein gutes Gespräch, eines dieser seltenen, das sich nicht nach Gewicht anfühlt, sondern nach Tiefe. Keine Masken, keine Rollen. Nur zwei Menschen, die den Abend teilen.
Ich bemerke, dass er mich mit einer gewissen Wärme betrachtet, vielleicht ein wenig zu lange zwischen den Worten innehält. Ich antworte mit ruhiger Freundlichkeit, aber ohne Einladung. Ich bin nicht auf der Suche, nicht nach Nähe, nicht in dieser Weise. Und doch: Seine Achtung ehrt mich, und ich nehme sie an wie ein unerwartetes Geschenk, das man nicht behalten muss, um es zu würdigen.
Als wir uns verabschieden, nickt er mir mit Respekt zu. Ich lächle. Nicht weil ich gerührt bin, sondern weil ich in diesem Moment verstehe, wie schön es sein kann, wenn Menschen einander begegnen, ohne Absicht, aber mit Aufrichtigkeit.
Ein Abend wie aus der Zeit gefallen. Und ich kehre heim mit einem stillen Frieden im Herzen.
– V.H.
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Schwingenstein, 5. Eluviar 268
Nerium Oleander Apotheke
Heute war einer dieser seltenen Tage, an denen man spürt, dass das Leben einem leise jemanden zur Seite stellt, den man vielleicht schon viel früher hätte treffen sollen. In einem beiläufigen Gespräch, zwischen ernsten Themen und kleinen Späßen, hat sich eine neue Bekanntschaft aufgetan, nicht laut, nicht auffällig, aber mit Tiefe.
Und mittendrin fiel der Name Tom, nicht nur eine Stimme der Insel, sondern, wie ich jetzt ahne, auch eine Seele, die hört, wenn andere nur reden. Tom sprach mit dieser Offenheit, wie sie nur Menschen mit einem wachen Herzen eigen ist. Es war kein großes Ereignis, kein lauter Moment. Aber irgendetwas in mir wurde still und aufmerksam. Wie ein inneres Nicken, ein leises „Ja, da ist jemand, der die Welt ähnlich fühlt.“
Ich bin dankbar für diese Begegnung. Für das Gefühl, nicht allein zu sein in meinem Denken, meinem Sehen. Wieder einmal zeigt sich: Es sind nicht die lauten Begegnungen, die uns verändern. Es sind jene, bei denen man sich selbst ein wenig besser erkennt.
– V.H.
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Schwingenstein,7. Eluviar 268
Nerium Oleander Apotheke
Beim Gang über den Marktplatz in Adoran fiel mein Blick auf ein neues Pergament, das im Wind flattert, grobe Lettern, hastig geschrieben, doch unübersehbar: „Warnung, Späher melden Truppenbewegung aus dem Westen. Ein Angriff auf Lichtenthal kann nicht ausgeschlossen werden.“
Ein kalter Zug streift mir über den Nacken, obwohl die Sonne scheint. Ich sehe, wie Leute stehen bleiben, starren, tuscheln. Angst breitet sich leise aus, wie Nebel zwischen den Gassen.
Ich reiße den Blick los, aber der Knoten in der Magengegend bleibt.
Es kommt also wieder etwas.
Etwas, das wir noch nicht kennen.
Irgendetwas ist anders.
– V.H.
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Berchgard, 8. Eluviar 268
Lazarett, im Schatten der Westmauer
Der Wind trägt den Geruch von Eisen, Asche und feuchter Erde, als ich den Innenhof von Berchgard betrete. Es ist stiller, als erwartet. Kein Schlachtgetöse, keine Schreie, nur das Murmeln der Wachen, das Schlurfen von Stiefeln, das Klirren von Werkzeug, das irgendwo auf Stein trifft. Das Lazarett finde ich ohne Mühe: ein länglicher Bau aus grauem Holz, der müde an der Mauer lehnt, wie ein Krieger nach der Schlacht.
Beim Eintreten umfängt mich der schwere Duft von Kräutern, Blut, Schweiß und Salben. Ein Ort des Übergangs, zwischen Schmerz und Linderung, zwischen Tod und Rückkehr. Ich ziehe den Mantel aus, kremple die Ärmel hoch und suche nach einer zuständigen Person. Eine junge Frau tritt hervor, freundlich, etwas aufgeregt.
Cecilia nennt sie sich, kaum älter als zwanzig Sommer. Flinke Hände, wache Augen, ein Blick, der bereits mehr gesehen hat, als einem Herzen guttut. Sie führt mich durch den Raum, zeigt mir, was fehlt, wo Not herrscht, und wo meine Hilfe gebraucht wird. Ein Funke wohnt in ihr, hell und trotzig gegen das Dunkel um uns. Ich spüre, dass wir uns verstehen werden.
Zwischen den Liegen erkenne ich ihn: Sir Keylon. Vertrautes Gesicht, auch wenn es nun fahl ist, schweißnass, halb verborgen unter Verbandsschichten. Ich erkundige mich nach seinem Zustand, höre, dass seine Wunde stabil, aber die Genesung zäh ist. Ich beschließe, ihn im Auge zu behalten, ihn mit aller Sorgfalt zu begleiten.
Später gehe ich hinaus, um Vorräte vom Packpferd zu holen. Es steht außerhalb des Lagers, und mein Kopf ist längst schon bei Tinkturen und Suden, als ich den Hinterausgang nehme, und abrupt innehalte, weil etwas Hartes meinen Weg kreuzt. Ein metallisches Scheppern, ein kurzer Stoß, und ich spüre den Aufprall im Ellbogen.
Vor mir erhebt sich Ark, seine Rüstung wie ein lebendig gewordenes Bollwerk. Er weicht leicht zurück, der Blick hinter dem Helm wachsam, fast fragend. Für einen Moment stehen wir uns gegenüber, Fremde mit gleichem Ziel, durch Zufall zusammengeführt im Strom dieses Ortes. Wir nicken uns zu, ein kurzer Wortwechsel und gehen weiter.
Zurück im Lazarett sortiere ich meine Vorräte. Die Hände arbeiten, der Geist wird ruhig. Draußen tobt der Krieg, doch hier drinnen zählt jeder Griff, jeder Handzug, jeder Blick.
Ich erinnere mich daran, wofür ich hier bin. Und es genügt.
Später am Abend kam der kleine Oberst selbst ins Lazarett. Seine Haltung war straff, sein Blick klar. Ohne Umschweife wurde ich dem Stoßtrupp zugeteilt, sofortiger Aufbruch, keine Zeit für Zögern.
Ich legte mein Werkzeug beiseite, reinigte die Hände, ordnete meine Gedanken.
Bevor ich das Zelt verließ, suchte ich noch einmal Cecilia. Meine Hände waren kalt, aber ruhig. Ich ließ sie spüren, dass ich wiederkommen würde, auch wenn keine Worte mehr zwischen uns lagen.
Draußen empfing mich der kalte Wind der Berge. Es war nicht Mut, den ich fühlte, sondern die ruhige Entschlossenheit, das Richtige zu tun.
– V.H.
Berchgard, 8. Eluviar 268
Lazarett, im Schatten der Westmauer, Nach der ersten Schlacht
Ich höre die Verletzten im Schlaf wimmern. Der Geruch von Blut, Schweiß und Angst liegt in der Luft. Ich muss nur die Augen schließen, um das Erlebte mir wieder in den Sinn zu rufen.
Die Dunkelheit hat die Wiese längst verschlungen. Der letzte Hauch des Kampfes hallt noch in meinen Ohren nach, und die Kerze auf dem Tisch flackert, wirft zitternde Schatten an die Wände. Der Tag war ein Chaos aus Staub und Blut. Der Stoßtrupp ritt hart, der Wind zerrte an unseren Kapuzen, als wir die zerstörte Brücke hinter uns ließen und der enge Holzsteg uns in Richtung Burg führte. Keiner von uns sprach ein Wort, doch in der Luft lag dieses unmissverständliche Gefühl, der Krieg kam mit uns, und wir konnten ihn nicht abschütteln.
Als wir uns vom Pferd schwangen, war der Kampf schon nicht mehr zu übersehen. Der Feind, verborgen im Nebel, ließ uns keine Wahl. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal in einem Moment der Stille war. Alles um mich herum war ein wilder Rausch aus Befehlen, den Aufprall von Waffen und den schweren Atemzügen der Männer.
Ich erinnere mich noch an den jungen Kameraden, der neben mir die Armbrust spannte. Zitternd, die Augen weit aufgerissen, der Schweiß auf der Stirn. In dem Moment wusste ich, was ich für ihn tun musste. Nicht nur heilen, sondern ihm einen Halt geben, damit er die Angst überwinden konnte.
Der Kampf mit dem Templer Alatars war grausam und schnell. Ein Riese, der mit seiner Kraft und seinem Hammer alles zerstören konnte. Doch ich überlebte. Ich entkam ihm, vielleicht mehr durch Zufall als durch Können.
Er hat mir die Rippen gebrochen.
Ich halte durch.
Nach dem Kampf fand ich mich im Lazarett wieder. Die Arbeit war chaotisch und hart, der Schmerz in meinen Händen und in meinem Kopf kaum zu ertragen. Marlan wurde genäht, die Wunde tief, doch nicht tödlich. Und dann war da Ark. Ich habe mich um seine Verbrennungen gekümmert, die Haut im Gesicht ist in Form einer Maske verbrannt und rot, die Wunden schmerzhaft, doch schnell verbunden.
Mein Gesicht und mein Leib sind verwundet, geschunden und vom Krieg gezeichnet. Aber das alles scheint so fern in dem Moment. Die Arbeit geht weiter, das Leben verlangt nach jeder Faser meines Körpers. Es gibt nur wenig Zeit für Gedanken, nur für das Hier und Jetzt.
Der Rückzug war ein Ende, das sich wie ein neuer Anfang anfühlt. Wir sind kaum noch mehr als ein Dutzend, erschöpft, blutend, doch wir leben.
Es war kein Sieg.
Aber vielleicht ist es ein Anfang.
Ein Anfang, der uns alle in eine neue Richtung führt
– V.H.
Verfasst: Mittwoch 14. Mai 2025, 08:53
von Viktoria Hamberg
- Berchgard, 9. Eluviar 268
Provisorisches Feldlazarett Taverne Oberstadt, tiefe Nacht.
Ich schreibe mit zitternden Fingern. Der Rauch hängt noch in meinen Haaren, meine Kleidung riecht nach Schweiß, Blut und Staub. Es ist still jetzt, unnatürlich still, wie nach einem Schrei, der alles zerrissen hat.
Heute fiel die Ostseite. Ein einzelner Schlag kündigte es an, dumpf, wie ein Herz, das bricht. Dann folgte der Donner. Ein gewaltiges Katapult hatte die Mauer getroffen, Stein und Mörtel stürzten wie Regen zu Boden. Ein klaffendes Loch riss in unser Bollwerk, als hätte ein Riese die Wand einfach mit der Hand weggeschoben. Menschen schrien, die Wachen rannten. Ich glaube, ich stand nur da und starrte, einen Moment zu lang.
Der Feind kam schnell. Der Rambock traf das Osttor, wieder und wieder, wie das Schlagen einer Glocke zur letzten Messe. Es war nicht aufzuhalten. Holz splitterte, Eisen bog sich, und dann gaben die Tore nach.
Wir kämpften unermüdlich. Jeder Hieb saß, geführt mit der letzten Kraft, die uns noch blieb. Stahl traf auf Stahl, Schrei auf Schrei. Doch es waren zu viele. Ein Strom, der nicht versiegte. Für jeden, den wir zu Boden brachten, traten zwei an seine Stelle.
Wir konnten nicht lange dagegenhalten. Unsere Reihen brachen, nicht aus Feigheit, sondern aus Erschöpfung. Es war, als kämpften wir gegen das Ende selbst.
Und irgendwann blieb nur noch der Rückzug.
Wir flohen. Es gab keine Zeit für Heldenmut. Nur die Erkenntnis, dass es ums Überleben ging. Die rahalische Armee strömte in die Unterstadt, wie ein Fluss aus Stahl und Dunkelheit. Ich rannte mit den anderen, half einer verletzten Soldatin auf die Beine, spürte kaum, wie meine Schulter brannte, als ein Pfeil streifte.
Jetzt sind wir in der Oberstadt. Die Tore geschlossen, die Gassen verbarrikadiert. Die Lichtenthaler sammeln sich, schweigend, blicklos. Ich sehe es in ihren Gesichtern, Müdigkeit, Entschlossenheit, Furcht. Wir haben nicht mehr viel, doch wir haben noch etwas.
Morgen könnte alles anders sein. Aber heute... leben wir noch.
– V.H.
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Berchgard, 10. Eluviar 268
Provisorisches Feldlazarett Taverne Oberstadt
Es ist still geworden.
Der Lärm des Krieges liegt hinter uns, für den Moment. Beide Seiten lecken ihre Wunden, sammeln, was noch übrig ist. Und mit der Stille kommt etwas anderes: dieser schleichende Druck, der durch die Gänge der Oberstadt kriecht. Lagerkoller. Unruhe. Diese flackernde Ungewissheit, die uns allen unter die Haut kriecht.
Ich merke es den anderen an. Zu viel Zeit, zu wenig Aufgabe. Gedanken, die in dunklere Winkel abdriften. Also halte ich dagegen. Habe angefangen, die Heiler wieder einzubinden. Ich gebe ihnen Arbeit, keine großen Dinge, aber genug, damit die Hände nicht stillstehen. Tinkturen auffüllen, Verbände ordnen, Vorräte prüfen.
Und ich lehre. Nur ein wenig. Wie man Nadel und Faden führt, wie man Salben richtig aufträgt, wo man den Puls am sichersten spürt. Manche hören nur mit halbem Ohr hin, doch das reicht. Es geht nicht um Vollkommenheit. Es geht ums Weitermachen.
Solange wir eine Aufgabe haben, verlieren wir uns nicht.
– V.H.
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Berchgard, 11. Eluviar 268
Provisorisches Feldlazarett Taverne Oberstadt
Ich habe es erst später erfahren.
Man fand Mikh unter Trümmern, ein Einschlag nahe der Mauer, Geröll, zerschlagenes Gestein. Sein Bein war zerfetzt, unrettbar. Cecilia musste amputieren.
Als ich ins Lazarett kam, war es schon vorbei. Der Raum roch nach Blut, nach Eisen und Feuerstein. Mikh lag still, bleich, seine Augen halb geöffnet. Neben ihm saß Cecilia, das Gesicht leer, die Hände noch rot bis zum Ellenbogen.
Niemand sprach laut, doch der Schrecken hing in der Luft wie Rauch. Es ist etwas anderes, wenn man auf dem Feld kämpft, Hiebe führt, weil das eigene Leben davon abhängt. Da kann man sich einreden, dass es sein muss. Aber das hier… das ist nur Schmerz. Nur Verlust.
Ich habe mit niemandem darüber gesprochen. Was sollte ich sagen? Dass es mich trifft, obwohl ich nicht dabei war? Dass ich mich frage, wie oft wir das noch aushalten können?
Heute ist es still in Berchgard. Zu still. Und doch hallt dieser Tag lauter nach als jeder Kampf.
– V.H.
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Berchgard, 12. Eluviar 268
Der Morgen beginnt mit Trommeln aus der Tiefe. Der Feind steht vor unseren Barrikaden, wie eine dunkle Welle, bereit, alles zu verschlingen. Jeder von uns kämpft mit letzter Kraft, die Hände wund, die Stimmen heiser vom Rufen, vom Fluchen, vom Beten.
Wir schleudern brennende Geschosse auf die Unterstadt. Ich stehe am Katapult mit Antarian, Jean-Pierre und dem Tiefländer. Schweigend arbeiten wir, jeder Griff sitzt, jede Bewegung zählt. Ich entzünde das nächste Projektil, sehe das Feuer sich am Tuch fressen, ehe wir es losschleudern. Dann schlagen Feuerpfeile in die Seile ein. Das Katapult fängt Flammen. Wir können nichts mehr tun. Wir müssen zurück, fliehen in die Oberstadt.
Der Plan steht. Die letzte Hoffnung: der Götterberg.
Wir ziehen in die Dunkelheit des Bergpfades, vorbei am Wegekreuz, brechen durch die Westmauer Berchgards. Durch das Tor.
Und dann: Wir fallen ihnen in den Rücken. Lautlos, wie der Morgen selbst.
Die Gassen werden zur Falle. Wir trennen Schwertträger von Liedkundigen, stoßen vor. Schreie, Stahl, brennende Fassaden.
Und plötzlich - es ist vorbei.
Der Feind flieht. Sie tragen ihre Verwundeten, ihre Toten aus der Stadt.
Berchgard brennt.
Aber es ist wieder in Lichtenthaler Hand.
Wir haben gesiegt.
– V.H.
Verfasst: Mittwoch 14. Mai 2025, 16:38
von Viktoria Hamberg
- Schwingenstein, 13. Eluviar 268
Nerium Oleander Apotheke
Die Straßen sind still, auf eine neue, ungewohnte Weise. Kein Klirren mehr, keine Rufe, kein Marschieren. Nur das leise Knarren von Brettern unter müden Füßen, das Hämmern ferner Zimmerleute, das Flüstern jener, die noch da sind. Und ich.
Ich sitze wieder an meinem Tisch, der Tisch, an dem ich früher Rezepte schrieb, Salben sortierte, Patientenläufe führte. Jetzt liegt nur das leere Tagebuch vor mir und meine Hände wissen nicht recht, was sie tun sollen. Ich höre das Lachen eines Kindes draußen. Es klingt fremd.
Wie macht man weiter?
Wie knüpft man an, wenn der Faden gerissen ist?
Die Schlacht ist vorbei, ja. Der Feind geschlagen, die Mauern wieder in unserer Hand. Aber in meinem Inneren hallt es nach. Kein Schrei, kein Befehl, sondern Stille. Und in dieser Stille liegt der wahre Kampf.
Die Menschen fragen, wann der Wiederaufbau beginnt. Ich frage mich, wann wir selbst wiederaufgebaut werden. Wann unsere Hände nicht mehr nach dem Dolch greifen, wenn jemand zu schnell den Raum betritt. Wann die Wache nicht mehr zum Reflex wird.
Ich versuche, die Apotheke wieder zu ordnen. Habe den Kollegen einfache Aufgaben gegeben. Tinkturen auffüllen. Kräuter sortieren. Salben umrühren. Kleinigkeiten, aber vielleicht ist das der Anfang.
Ich weiß nicht, ob ich bereit bin, wieder die zu sein, die ich vorher war. Vielleicht werde ich das nie.
Aber ich bin hier. Ich schreibe. Ich atme. Und das muss fürs Erste genügen.
– V.H.
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Adoran - Adelsviertel, 14. Eluviar 268
Anwesen derer von Dynal
Der Aufruf zum Wiederaufbau hat uns erreicht. Ein offizieller Befehl, knapp, sachlich, wie ein Pflaster auf eine klaffende Wunde. Ich weiß, es ist notwendig. Doch der Gedanke an Mörtel und Stein fühlt sich seltsam fern an, wenn man die Nacht neben einem fiebernden Körper verbringt.
Ich habe letzte Nacht kaum ein Auge zugemacht. Saß bei Jean-Pierre, sein Bein still umschlungen von Tüchern, der Atem flach, das Gesicht verzogen vor Schmerz, auch im Schlaf. Die Wunde ist tief, beinahe zu tief. Ich weiß, wie nahe er dem Punkt ist, an dem das Gewebe sich nicht mehr retten lässt.
Wir haben alles getan, was wir konnten.
Nun bleibt nur das Warten.
Und dann war da Cecilia.
Sie hielt sich tapfer, wie immer, wie es von ihr erwartet wird. Doch gestern Abend, nur für einen Moment, als die anderen nicht hinsahen, fiel etwas von ihr ab. Ihre Hände zitterten, sie drehte sich ein Stück von mir weg, und dann kamen die Tränen. Keine lauten, verzweifelten Schluchzer. Nur stille, fließende Tropfen, die leise auf ihre Wangen runter liefen, während sie sich zusammenrollte, als wollte sie verschwinden.
Ich habe nichts gesagt.
Habe sie nur in den Arm genommen und fest an mich gedrückt.
Und vielleicht war das genau das Richtige.
Manchmal, denke ich, ist der wahre Wiederaufbau nicht der an Mauern und Türmen, sondern an den Menschen.
Und der dauert länger.
Ich werde helfen, wo ich kann.
Mit Händen, Herz und dem, was von meiner Kraft noch übrig ist.
– V.H.
Verfasst: Donnerstag 15. Mai 2025, 02:39
von Viktoria Hamberg
- Adoran - Adelsviertel, 15. Eluviar 268
Anwesen derer von Dynal - Nachtgedanken
Die Zeiten, in denen ich zur Ruhe komme, sind kurz. Zu kurz. Ich schrecke nachts auf, noch ehe der Schlaf mich ganz erfasst hat. Die Schreie hallen durch den dunklen Raum, so klar, als kämen sie aus dem Flur. Ich sehe die Furcht in vertrauten Gesichtern, rieche Blut, Schweiß, verbranntes Holz und Metall.
Und dazwischen sehe ich das Gesicht von Wachtmeister Breg.
Sein war das letzte, das ich vor der finalen Schlacht wirklich angesehen habe. Nicht nur flüchtig gestreift, ich habe ihn angesehen, ihn wahrgenommen, wie man jemanden nur anschaut, wenn man begreift, dass dies vielleicht der letzte Moment ist. Damals wusste ich es nicht. Nicht bewusst.
Er stand dort, aufrecht trotz der Müdigkeit, die schwer auf seinen Schultern lag. Sein Blick war leer und voller Bedeutung zugleich. Keine Verzweiflung, kein Pathos, nur ein stilles Wissen, wie es nur jene tragen, die alles gesehen haben.
Ich wollte ihm etwas sagen. Etwas Tröstliches, etwas, das aufrichtet. „Soldat, das wird schon wieder.“ Aber die Worte wollten nicht kommen. Nicht aus falscher Scheu, sondern weil sie mir nicht mehr gehörten. Weil ich keine Lügen mehr konnte.
Was ich sagte, war: „Ihr seht furchtbar aus.“ Und es stimmte. Wir alle sahen furchtbar aus, von Furcht gezeichnet, von Tagen ohne Schlaf, von zu viel Tod und zu wenig Hoffnung.
Ich denke oft daran zurück, in diesen Nächten. An dieses Gespräch, das keines war. Und daran, was ich hätte sagen können, wenn ich geglaubt hätte, dass es mein letztes sei. Ich wünschte, ich hätte ihm sagen können, dass es Mut ist, zu bleiben, auch wenn man weiß, dass nichts mehr zu retten ist. Dass seine stille Haltung mir mehr sagte als jede Heldengeste.
Aber der Moment zerrann. Jean-Pierre rief nach mir. Ich wurde ans Katapult im Westen abkommandiert.
Ich sah noch einmal zurück. Er stand da wie ein Denkmal, ohne Pathos, ohne Stolz. Nur da. Einfach da. Ich hätte etwas sagen können. Doch ich schwieg. Ich hatte keine Worte mehr.
Jetzt, einige Tage später, bin ich im Anwesen seiner Hochgeboren von Dynal untergebracht. Die hohen Decken, das Knarzen des alten Holzes, die leisen Stimmen in den Fluren, es ist ein seltsamer Ort für Genesung.
Und doch tue ich, was ich immer tue: Ich kümmere mich. Um Jean-Pierre.
Sein Bein sieht besser aus. Die Wunde ist nicht mehr entzündet, das Gewebe beginnt sich zu schließen. Ich wasche sie täglich mit frischen Aufgüssen, wechsle die Verbände, creme die Ränder sorgsam ein, achte auf jedes kleine Zeichen der Besserung. Manchmal öffnet er die Augen, schaut mich an, schweigt.
Ich lächle dann.
Sanft.
Nicht aufmunternd, ehrlich.
Ich glaube, er weiß, dass er in Sicherheit ist.
Ich bin nur eine Heilerin.
Sterblich.
Aber ich bin da.
Und wenn das alles ist, was ich noch geben kann, dann gebe ich es mit ganzem Herzen.
– V.H.
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„Wenn das blühende Herz zu welken beginnt, dann nur, weil es vergessen hat, wie man liebt.“ – V.H.
Verfasst: Donnerstag 15. Mai 2025, 10:24
von Viktoria Hamberg
- Adoran - Adelsviertel, 15. Eluviar 268
Anwesen derer von Dynal
Meine Rippen schmerzen bei jeder Bewegung, ein dumpfer, mahnender Stich, der mich daran erinnert, wie nah alles gewesen ist. Der Nasenrücken ist noch empfindlich, aber heilt langsam. Das Veilchen um mein Auge verliert seine Farbe, ein blasses Echo der Tage, in denen alles dunkler war.
Der Morgen liegt grau und still über dem Anwesen Hochgeboren Dynals. Der Nebel hängt noch schwer in den Gassen, als ich meine Tasche schließe und leise den Raum verlasse. Jean-Pierre schläft. Endlich. Sein Atem geht ruhig, das Bein hochgelagert, frisch verbunden. Die Schwellung ist zurückgegangen, die Wundränder wirken sauber. Es wird heilen, langsam, aber stetig.
Ich hatte in den frühen Morgenstunden noch einmal nach ihm gesehen. Die Nacht war unruhig gewesen, sein Fieber kam und ging in Wellen. Ich habe gewacht, wie so oft in den letzten Tagen. Habe Laken gewechselt, kühlen Tee bereitet, sanft gesprochen, wenn der Schlaf ihn verließ.
Er hat nicht viel gesagt. Aber manchmal reicht ein Blick, ein leichtes Nicken, das stille Gewicht einer Hand, die nicht loslässt, um zu wissen: Ich tue das Richtige.
Ich habe ihn nicht wecken wollen, als ich ging. Habe nur einen Zettel dagelassen, mit einer Nachricht, nicht mehr als zwei Sätze lang. Manchmal braucht es nicht viele Worte, um Sorge zu zeigen.
– V.H.
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Schwingenstein, 15. Eluviar 268
Nerium Oleander Apotheke
Der Weg zurück zur Apotheke war ruhig. Ich spüre jeden Schritt in den Beinen, das Ziehen der Erschöpfung in den Schultern. Aber mein Herz schlägt ruhig. Ich habe wieder einen kleinen Abschnitt geschafft. Und auch wenn die Welt draußen noch bröckelt, drinnen, bei jenen, die ich versorge, beginnt etwas Neues.
Ich werde gleich das Fenster öffnen, frische Luft hereinlassen. Wasser aufsetzen, Kräuter prüfen, schauen, was fehlt.
Und heute Abend vielleicht, wenn ich kurz zur Ruhe komme – einen weiteren Blick in Richtung Berchgard werfen.
Heute beginnt der Wiederaufbau. Was auch immer nötig ist, ich werde meinen Teil beitragen. Meine Rippen lassen schweres Heben nicht zu, doch mit Herz und Seele bin ich dabei. Ich bringe Tee und Nahrung, trage, was ich vermag, reiche Hammer und Nägel, und finde meinen Platz im Getriebe des Neubeginns. So mache ich mich nützlich, mit stiller Freude und fester Zuversicht.
Wir leben.
Die Apotheke roch noch immer nach getrocknetem Lavendel und Salbei, als hätte der Krieg nie stattgefunden. Und doch ist alles anders. Ich bin zurück, ja, nicht gebrochen, aber... nicht mehr dieselbe.
Die Regale stehen wie früher. Das Mörsern hat mir gefehlt, das Wiegen, das vorsichtige Abfüllen. Es ist seltsam, wieder allein über dem Laden zu wohnen. Alles ist vertraut, und doch, mein Blick sucht manchmal etwas.
Ich heile wieder. Alte Frauen mit schmerzenden Gelenken. Kinder mit aufgeschlagenen Knien. Männer, deren Hände rau sind vom Wiederaufbau. Meine Hände zittern nie. Meine Stimme bleibt ruhig.
Die Beschwerden des Alltags haben den Platz der Schlacht eingenommen. Doch in den stillen Momenten ist es nicht der Lärm, der nachhallt, es sind die Erinnerungen an jene, die ich in diesen dunklen Tagen an meiner Seite wusste. An Blicke, die mehr sagten als Worte. An Berührungen, die nicht heilten, sondern nur Halt gaben. An das Lächeln inmitten von Schmerz. An Stimmen, die heute stiller geworden sind.
Und manchmal, wenn ich am Fenster stehe oder in der Dämmerung meinen Tee trinke, denke ich an die Menschen, die ich in jenen dunklen Tagen kennenlernen durfte. Inmitten von Blut und Chaos sind Bande entstanden, die tiefer reichen, als ich es je erwartet hätte.
Vertrauen. Freundschaft. Ein Blick, der hielt. Ein Wort, das trug.
Und der leise Gedanke, dass aus Schmerz auch Neues erwachsen kann. Der Krieg hat viel genommen, ja. Aber er hat uns auch gezeigt, wer wir sind, und was wir füreinander sein können.
Ich weiß nicht, was kommt. Doch ich weiß, dass ich nicht allein bin.
Und das ist ein Anfang.
Ich arbeite weiter. Die Kräuter trocknen, die Tinkturen sieden, das Leben kehrt zurück.
Und wenn jemand vom Krieg spricht, dann lächle ich leise.
Denn was bleibt, ist nicht der Schmerz, sondern die Stille, die danach kam. Und das, was wir gewonnen haben.
Vertrauen.
Freundschaft.
Verbundenheit.
– V.H.
Verfasst: Sonntag 18. Mai 2025, 12:08
von Viktoria Hamberg
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Schwingenstein, 15. Eluviar 268
Nerium Oleander Apotheke - Abendgedanken
Die Nächte sind still geworden, nicht einsam, nur still. Das vertraute, tiefe Atmen von Antarian fehlt mir. Sein leises Murmeln im Schlaf, das friedliche Bild von Marlan und dem kleinen Oberst, all das ist nun fort.
Während die Männer ihren Schlaf unter dem großen Baum fanden, der schnell zum Stammplatz geworden war, wachte ich über sie. Erst im Morgengrauen, wenn die Ablösung kam, gönnte auch ich mir etwas Ruhe. Doch der Schlaf wollte selten kommen.
Manchmal hatte ich Antarian für einen kurzen Moment beobachtet, wie er da lag, das Gesicht entspannt, verloren im Reich der Träume. Ich hatte gehofft, dass seine Träume gut waren, fernab von Krieg, von Schmerz und Dunkelheit.
Nachts, wenn ich im Lazarett nach den Patienten gesehen hatte, lag eine unheimliche Stille über dem Berg. Sie hing schwer in der Luft, dicht und fast greifbar, als würde der Schatten des Krieges selbst noch wachsam wachen. Die Dunkelheit flüsterte leise, und ich fühlte mich klein unter dem weiten Himmel, der nichts vergisst. Doch gerade in dieser Stille wuchs auch etwas Neues, eine leise Hoffnung, ein zarter Funken Leben, der sich langsam Bahn brach.
Es ist ruhig geworden, so ruhig, dass mir etwas fehlt. Ein Stück von dem Leben, das wir verloren haben, oder vielleicht ein Teil von uns selbst, der noch nicht zurückgekehrt ist. Diese Stille ist nicht einfach nur Frieden, sie ist auch eine Erinnerung daran, was wir verloren haben.
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Antarian hat sich mir heute anvertraut. In seinem Blick lag diese tiefe, ernste Schwere, die selten wird, wenn selbst er innehält. Es gebe jemanden in Lichtenthal, sagte er, der dringenden Schutz benötige. Viel hat er nicht erzählt, und doch lag zwischen seinen Worten eine Dringlichkeit, die mir Gänsehaut auf den Nacken trieb. Ich spüre, dass mehr dahinterliegt, als er preisgeben kann, oder darf.
Er nannte mir einen Namen.
Seine Herkunft.
Wer er ist.
Ich schwieg.
Ein Geheimnis, das noch verborgen bleiben muss.
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Der Wiederaufbau in Berchgard hat begonnen. Steine werden geschleppt, Balken gestützt, Trümmer zusammengetragen und verbrannt. Es riecht nach Asche, Erde und Schweiß, aber auch nach Hoffnung. Eine Hoffnung, die sich wie ein neuer Morgentau über die Stadt legt. Die Statue von Sir Thelor von Gipfelsturm wurde auf Hochglanz poliert. Sie strahlt jetzt heller als zuvor, als hätte Temora selbst ihm ein Lächeln geschenkt. Nur dieser kleine Schnurrbart, den jemand wohl einst aus Übermut aufgemalt hat, ließ sich nicht ganz entfernen. Man sieht ihn noch, wenn man näher hinsieht. Und obwohl es ein frevelhafter Streich gewesen sein mag, bringt er die Menschen nun zum Lächeln. Vielleicht braucht auch ein Held ab und an ein wenig Menschlichkeit im Gesicht.
Seine Erlaucht von Alsted hat mir einen Auftrag erteilt, ich soll das Wasser prüfen. Die Brunnen, die Quelle. Nach Spuren von Abführmitteln, von Giften, nach allem, was der Feind womöglich zurückließ. Eine notwendige Vorsicht, in einer Zeit, in der selbst das Trinkwasser misstrauisch beäugt werden muss.
Ich habe Proben genommen, werde sie in meiner Apotheke untersuchen.
Ich brauche die Kollegen dafür.
Arno.
Das Hospital.
Sorgfalt ist jetzt alles.
Seit wir mit den Aufräumarbeiten begonnen haben, weicht Ark mir kaum noch von der Seite. Er sagt nichts darüber, das liegt nicht in seiner Art, doch ich spüre es. Vielleicht ist es Dankbarkeit, vielleicht ein Bedürfnis nach Nähe, nach Halt in all dem, was war. Vielleicht sucht er einfach nur etwas, das bleibt.
Ich weiß es nicht. Aber ich lasse ihn gewähren.
Wir alle suchen gerade etwas.
Ein Zeichen.
Einen neuen Anfang.
Einen stillen Trost.
Am Abend hat Ark mich noch nach Hause begleitet. Es war bereits dunkel, als wir die Apotheke erreichten. Die Straßen waren ruhig, der Rauch des Tages hatte sich gelegt, nur einzelne Funken tanzten noch im Nachthimmel, als wollten sie die Sterne imitieren. Ich wollte mich verabschieden, doch er blieb stehen, zögernd, beinahe unsicher und ich bat ihn, noch einen Moment zu bleiben.
Wir setzten uns auf die Bank vor meinem Haus, dorthin, wo früher die Leute auf ihre Arznei gewartet haben, und redeten.
Lange.
Still und tief zugleich.
Worte fielen uns nicht schwer, weil sie nicht laut sein mussten. Es ging nicht darum, alles zu erklären. Sondern darum, sich zu öffnen. Über das, was war. Was hätte sein können. Über Verluste, die wir tragen, und Dinge, die uns stumm geblieben sind. Über Schuld. Und über Hoffnung.
In seinen Augen lag etwas, das ich nur selten bei Menschen sehe, ein Verständnis, das ohne viele Worte auskommt. Er sprach von Momenten auf dem Feld, von dem, was er gesehen hatte. Ich sprach von Nächten im Lazarett, von der Stille, die mich verfolgt. Und irgendwann sprachen wir nicht mehr, sondern saßen nur da, während der Wind zwischen den Häusern flüsterte.
Ich weiß nicht, wie lange wir dort saßen. Irgendwann wurde es kühler. Unsere Stimmen leiser. Und als er sich schließlich erhob, war da kein schwerer Abschied, nur dieses leise Wissen:
Da war jemand, der verstand.
Und das war mehr Trost, als ich erwartet hatte.
– V.H.
Verfasst: Montag 19. Mai 2025, 15:09
von Viktoria Hamberg
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Schwingenstein, 18. Eluviar 268
Nerium Oleander Apotheke
Manchmal frage ich mich, wie viele Leben ein Mensch führen kann, ohne sich selbst darin zu verlieren. Heute war einer jener Tage, an denen ich spürte, dass sich etwas verschiebt. Vielleicht nur leise, kaum merklich und doch bedeutsam.
Ich durfte heute miterleben, wie Antarian seinen Tee zelebriert. Ja, „zelebrieren“ ist das richtige Wort. Es ist keine bloße Gewohnheit bei ihm, kein Automatismus, sondern ein echtes Ritual. Mit Sorgfalt, fast andächtig. Als sei jede Tasse ein kleines Bekenntnis zur Achtsamkeit.
Es hat mich berührt, mehr als ich erwartet hätte.
Diese stille Leidenschaft für etwas so Einfaches, das er mit solcher Hingabe pflegt. Ich glaube, ich verstehe jetzt besser, warum so viele Menschen seinen Rat suchen und warum ich selbst ihn schätze.
Heute habe ich auch Lukretia Vendric kennengelernt, Hauptmann der Leibwache im Hause Dynal. Ihre Präsenz füllt den Raum, ohne dass sie laut sein muss. Eine dieser Frauen, bei denen man sofort weiß:
Sie hat viel gesehen.
Viel getragen.
Vielleicht auch viel verloren.
Es liegt etwas Unnachgiebiges in ihrer Haltung, etwas Hartes, wie eine Rüstung, die sie so oft getragen hat, dass sie inzwischen auch unter der Haut weiterwächst. Ihre Stimme ist ruhig, aber wie aus Stahl.
Und ihr Blick... prüfend, fast wie ein Messer, das nach dem Schwachpunkt sucht, wachsam, fast durchdringend.
Nicht bösartig, nur wachsam.
Doch dann war da dieser winzige Augenblick. Ein Atemzug vielleicht, nicht länger. Etwas Weiches, kaum sichtbar. Ein kleiner, flüchtiger Funke von Güte, der aufleuchtete, ehe er sich wieder unter Stein und Disziplin verbarg. Ich kann nicht sagen, ob ich ihn mir eingebildet habe, oder ob ich ihn nur deshalb sah, weil ich weiß, wie viel eine Maske manchmal zu verbergen sucht.
Ich glaube, manche Menschen tragen ihre Güte wie einen Funken in der Faust, nie sichtbar, aber sie wärmt sie selbst. Und wer genau hinsieht, erkennt manchmal das Glimmen zwischen den Fingern.
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Seit heute bin ich offiziell Schriftführerin im Hause Dynal. Das klingt größer, als es sich anfühlt, oder vielleicht fühlt es sich einfach noch zu neu an. Ich trage diese Verantwortung mit Achtung. Und mit einem gewissen Zittern in der Hand, das man zum Glück nicht sieht, wenn die Feder einmal fließt.
Es ist seltsam, wie viel sich in einem Tag verändern kann. Antarian hat mich gebeten, die Einladungen für eine Zusammenkunft der Heiler zu verfassen. Auch Lady Lydia soll an einem Abend eingeladen werden. Ich spüre schon jetzt, wie viel Fingerspitzengefühl das alles brauchen wird. Es ist keine bloße Versammlung, es ist ein zartes Geflecht aus Vertrauen, Zusammenkunft, Hoffnung und alten Wunden. Ich frage mich, wie viele Worte ich brauche, um das alles zu halten.
Und wie viele ich besser weglasse.
Und doch… bei allem, was heute war, bei aller Pflicht und neuen Rollen, hängt mein Herz noch an etwas anderem.
Es war Antarians Art, wie er heute mit mir sprach. Nicht laut. Nicht besonders feierlich. Aber seine Worte waren wie ein Mantel, in den man sich legen kann, wenn die Welt einen Tag zu groß war. Es ist schwer zu beschreiben, wie seine Gegenwart einen Raum nicht dominiert, sondern füllt, ohne zu fordern. Wie man in seiner Nähe nicht mehr das Gefühl hat, sich erklären zu müssen.
Er sieht Menschen.
Nicht nur ihre Rollen oder ihre Funktionen. Sondern das, was darunter liegt, auch wenn man es selbst manchmal vergessen hat.
Als wir über die Einladungen sprachen, über all das Kommende, sah er mich an und sagte nur: „Wir werden Euer Fingerspitzengefühl brauchen.“
Und in diesem Satz lag mehr als Anerkennung.
Da war Platz.
Für mich.
Für meine Stimme.
Zum ersten Mal seit langem habe ich das Gefühl, nicht nur eine Rolle zu erfüllen, sondern Teil von etwas zu sein, das wächst. Nicht aus Zwang. Sondern aus echtem Willen, gemeinsam zu tragen, zu heilen, zu halten.
Vielleicht ist das der Anfang von Gemeinschaft.
Von Vertrauen.
Vielleicht, eines Tages, sogar von Familie.
Nicht durch Blut.
Sondern durch Wahl.
Ein stilles Versprechen, das niemand ausgesprochen hat, aber das zwischen den Teetassen, den Blicken und den unausgesprochenen Dingen zu wachsen beginnt.
Vielleicht war es auch nur der Duft des Tees, der mich weich gemacht hat. Oder der Schatten einer Güte, der sich heute auf ungewohntem Terrain gezeigt hat.
Vielleicht war es beides.
Vielleicht.
Aber es ist gut.
– V.H.
Verfasst: Mittwoch 21. Mai 2025, 13:06
von Viktoria Hamberg
- Schwingenstein, 21. Eluviar 268
Nerium Oleander Apotheke
Die Nacht war freundlich zu mir. Zum ersten Mal seit Tagen bin ich eingeschlafen, ohne dass der Schlaf mich erst suchen musste. Und ich blieb darin, durchgehend, still, wie unter einem wärmenden Tuch. Kein Aufschrecken. Kein Grübeln. Nur Dunkelheit und ein paar träumerische Schatten, die sich beim Erwachen verflüchtigten, als wären sie nie da gewesen. Ich hatte vergessen, wie sehr der Körper danach dürstet, nach dieser einfachen, unspektakulären Ruhe.
Meine Arbeit an den Wasserproben ist abgeschlossen. Alle Tests sind dokumentiert, die Ergebnisse gesichert, und meine Notizen liegen bereits bereit für die Kollegen aus dem Kreis der Heilkundigen. Ich habe ihnen geschrieben, nun warte ich auf Antwort. Vielleicht möchten sich einige an der weiteren Prüfung beteiligen, vielleicht sehen sie Dinge, die ich übersehen habe. Ich wünsche mir, dass daraus mehr entsteht.
Mehr Zusammenarbeit.
Mehr Vertrauen.
Der Anfang von etwas Tragfähigem.
Heute früh kam ein Brief. Das Siegel war nicht zuzuordnen, der Ton jedoch… eindeutig.
Der Verfasser war einer der Befehlsempfänger in Berchgard, einer, der ausgeführt hat, was man ihm aufgetragen hatte: Die gezielte Verunreinigung des Wassers der Unterstadt. Nicht um zu töten. Nur, um zu schwächen. Der Befehl kam aus den eigenen Reihen.
Kein äußerer Feind. Kein Spion. Nur eine Taktik. Ein kalkulierter Kniff, wie man ihn in Kriegszeiten wohl als legitim bezeichnet. Und doch… ich spürte beim Lesen ein leises Frösteln. Vielleicht nicht wegen der Tat, sondern wegen der Gleichgültigkeit, mit der sie gerechtfertigt wurde.
Aber nicht vom Absender des Briefes.
Sondern allgemein.
Immerhin: Das Wasser ist inzwischen wieder rein. Unbedenklich. Ich habe es selbst geprüft, mehrfach. Die Brunnen können wieder bedenkenlos genutzt werden. Es bleibt keine Spur zurück, außer dem Wissen darum, was aus Verzweiflung möglich ist, wenn Notwendigkeit über Menschlichkeit gestellt wird.
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Ich werde heute einen Spaziergang machen. Nur kurz. Nur bis zur Brücke. Der Wind soll kühl sein, aber klar, und vielleicht kann ich in ihm meine Gedanken ein wenig ordnen.
Vielleicht bleibt mir dann der Schlaf auch morgen wieder treu.
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Heute Abend findet die Versammlung der Heilkundigen im Anwesen Dynal statt. Ich hatte gehofft, es würde ein reger Austausch werden, ein lebendiger Auftakt. Doch bislang haben sich nur wenige zurückgemeldet.
Vielleicht ist es die Zeit, vielleicht die Müdigkeit in den Gesichtern derer, die sonst mit ruhiger Hand und klarem Blick arbeiten.
Es war Antarians Wunsch, dass wir Heiler uns in seinem Haus einfinden, nicht nur zum Sprechen, sondern zum Teilen. Er nannte es „Aufarbeitung“. Ein großes Wort. Aber in seinem Mund klang es nicht nach Pflicht, sondern nach Fürsorge. Nach dem Bedürfnis, dass auch wir, die sonst stützen und flicken, einen Ort finden dürfen, an dem das eigene Erlebte einen Platz haben darf.
Ich glaube, es ist ein guter Gedanke. Und ein wichtiger.
Vielleicht beginnt Gemeinschaft genau dort.
– V.H.
Verfasst: Donnerstag 22. Mai 2025, 09:10
von Viktoria Hamberg
- Schwingenstein, 22. Eluviar 268
Nerium Oleander Apotheke
Gestern Abend fand die Zusammenkunft der Heiler und Helfenden statt, die während der dunklen Tage im Lazarett von Berchgard Seite an Seite gestanden haben. Antarian hatte dazu eingeladen, in die Stuben seines Hauses, mit warmer Geste und ehrlicher Dankbarkeit. Er sprach zu Beginn ein paar Worte, wie es seine Art ist: schlicht, aber aufrichtig. Kein Prunk, keine großen Gesten. Nur ein herzliches Dankeschön, das aus der Tiefe kam. Ich sah, dass es ihn wirklich bewegte.
Anfangs war die Runde etwas steif, man ist sich lange nicht mehr begegnet, zu vieles ist unausgesprochen geblieben. Die Stille trug schwer, wie ein Mantel, den niemand recht ablegen wollte.
Antarian hat irgendwann den Raum verlassen, nur wenige Momente und bat mich leise, das "Eis" zu brechen. Ich wusste nicht so recht, was ich sagen sollte. Also fixierte ich mich auf meine Gesprächspartner und bestaunte die Kleidung von Cecilia. Das Thema fiel ungewzungen auf Menekur und das Klima dort.
Das Eis war gebrochen.
Bald füllte sich der Raum mit lebendiger Stimme. Es wurde erzählt, nachgefragt. Erinnerungen wurden geteilt, bittere und schöne. Und zum ersten Mal, seit wir das Lazarett verließen, fühlte es sich an wie etwas Ganzes. Wie ein Faden, der neu geknüpft wurde, nachdem er zu reißen drohte.
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Ich sah auch Wachtmeister Breg wieder, ein Mann, der mehr trägt, als er zeigt. Doch es war Lydia, die mein Herz für einen Moment still werden ließ. Sie stand neben ihm. In Regimentsuniform.
Dame Lydia.
Meine Lydia.
Sie war da, wie ich sie kenne: aufrecht, aufmerksam, voller Würde. Und doch war da etwas zwischen uns, das vorher nicht da war. Eine Distanz. Kein Streit, keine Kälte, nur dieser leise Schatten, der sich zwischen Worte und Blicke legt, wenn man sich zu lange nicht gesehen hat. Meine lange Reise hat mich verändert.
Oder sie.
Vielleicht uns beide.
Dabei war es einst anders. Lydia war mir so nah wie kaum jemand. Wir kannten einander über Worte hinaus, ein Blick, ein Tonfall, ein stilles Nicken reichten oft aus, um zu wissen, was die andere dachte. In jenen Tagen, bevor ich auf Reisen ging, war sie mir fast wie eine Schwester im Geiste. Wir lachten viel, teilten Wissen, Verantwortung, Zweifel. Und wenn die Welt draußen zu laut wurde, war sie mein ruhiger Anker.
Heute aber war alles... vorsichtiger. Bedachter. Die Gespräche kürzer, die Pausen dazwischen länger.
Ich konnte ihr in diesem Moment nicht sagen, wie sehr ich ihre Nähe vermisst habe, ihre ruhige Stärke, ihr kluges Schweigen, das oft mehr trug als jedes Gespräch.
Vor kurzem haben wir an einem Abend Worte getauscht. Eine Umarmung zur Begrüßung. Doch das alte Vertraute blieb aus. Ich frage mich, ob man es wiederfindet, oder ob manche Wege so weit auseinanderführen, dass selbst Freundschaft sich verirrt.
Trotz allem bin ich froh, sie gesehen zu haben.
Ich vermisse sie.
Sehr sogar.
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Der Abend endete still, aber nicht leer. Und ich glaube, in all dem, was gesagt wurde, und vor allem in dem, was unausgesprochen blieb, liegt der Anfang von etwas Neuem.
Ein zarter Faden aus Vertrauen.
Vielleicht sogar ein Stück Zuhause.
In einer Zeit, in der so vieles im Wandel ist, war das mehr, als ich zu hoffen gewagt hätte.
– V.H.
Verfasst: Dienstag 27. Mai 2025, 09:49
von Viktoria Hamberg
- Schwingenstein, 26. Eluviar 268
Nerium Oleander Apotheke – Nachtgedanken
Heute war einer jener Tage, die leise beginnen und dennoch etwas in sich tragen, das bleibt.
Am Nachmittag führte mich ein kurzer Weg zu einem Mann, den ich vorher nicht kannte, ein Schmied namens Threlm. Grobe Hände, rußige Stirn, ein Blick, der das Feuer spiegelt, an dem er täglich arbeitet.
Was mich berührte, war nicht die Kraft seines Arms oder das Gewicht des Hammers, sondern die stille Hingabe, die in jeder seiner Bewegungen lag. Er sprach kaum ein Wort, doch in dem, wie er Antarians Rüstung prüfte, wie seine Hände die beschädigten Teile meiner eigenen Ausrüstung mit Präzision und Respekt behandelten, darin lag mehr als bloßes Handwerk. Es war, als hätte jedes Werkzeug, jeder Handgriff für ihn Bedeutung. Als würde er mit jedem Schlag nicht nur Metall formen, sondern ein Stück von sich selbst einarbeiten.
Ich habe es nicht oft gesehen, diese echte, lodernde Leidenschaft. Die Art, wie jemand in seinem Tun aufgeht, ganz darin aufgeht, bis er beinahe zu leuchten scheint. Es ist selten, dass ein Mensch so in Flammen steht für das, was er tut. Doch wenn ich es sehe, dann trifft es mich mit einer Mischung aus Staunen und Ehrfurcht. Vielleicht, weil es an etwas erinnert, das ich selbst manchmal vergesse, dass wahre Berufung nicht laut sein muss. Sie zeigt sich in der Tiefe der Bewegung, im Funkeln eines Blickes, im unerschütterlichen Wissen, dass man genau dort richtig ist, wo man gerade steht.
Solche Menschen, solche Leidenschaft , sie berühren etwas in mir, das ich nicht oft ausspreche.
Threlm fragte mich irgendwann, beiläufig, aber nicht ohne Gewicht, was meine Leidenschaft sei. Ich weiß nicht, ob ich ihm eine Antwort gegeben habe. Vielleicht ein Ausweichen, vielleicht ein Lächeln. Vielleicht gar nichts. Denn so sicher ich sie bei anderen erkenne, so schwer fällt es mir, sie in mir selbst zu benennen. Ich tue, was getan werden muss. Ich kümmere mich, ich forsche, ich schreibe, ich lausche. Und vielleicht ist genau das mein Feuer, aber ich sehe es nie so hell brennen wie bei Menschen wie ihm.
Und dennoch bleibt sein Blick in mir zurück.
Fragend.
Als hätte er einen Faden aufgenommen, den ich selbst aus den Augen verloren habe.
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Am Abend waren es wieder Termine.
Termine mit Antarian.
Termine mit dem Adel.
Ich habe Lydia wiedergesehen.
Es war im Hause Antarians, in einem dieser Momente, die unscheinbar wirken und doch schwer auf der Brust liegen. Sie war da, wie früher, und doch nicht wie früher. Höflich, gewiss. Freundlich auch. Doch zwischen uns lag etwas, das einst nicht dort war: eine Lücke. Ich spüre sie wie einen Riss im Stoff unserer Freundschaft. Früher hätte ein Blick genügt, ein halbes Lächeln, und ich hätte gewusst, was in ihr vorgeht. Heute war da eine Mauer, keine kalte, aber eine schützende.
Für sie.
Vielleicht auch für mich.
Es ist nicht das erste Mal, dass ich diesen Gedanken niederschreibe, aber heute hat er ein anderes Gewicht. Antarian bemerkte es. Ich weiß nicht, ob er es sah oder einfach spürte, doch seine Gegenwart war wie ein stilles Versprechen, dass nicht alles verloren ist, was einmal vertraut war.
Ich habe mich ihm geöffnet.
Nur ein Stück weit, nicht mehr als nötig.
Aber genug, um verstanden zu werden.
Und er hat zugehört. Ohne Eile. Ohne Urteil. Wie jemand, der weiß, dass manche Dinge Raum brauchen, um heil zu werden. Vielleicht liegt genau darin seine Stärke: in der Art, wie er schweigt. Wie er durch sein Dasein Halt schenkt, ohne ihn aufzudrängen.
Seine Abschließenden Worte an mich waren Heilung genug. Ich trage sie immer noch im Herzen.
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Der Abend neigte sich still. Ich blieb nicht mehr lange. Die Gespräche verebbten, das Haus wurde leiser, und irgendwann stand ich allein vor der Tür.
Der Weg nach Schwingenstein war kühl, aber klar. Die Luft war rein, und der Himmel voller Sterne. Ich glaube, ich brauche solche Nächte, um mir selbst wieder näherzukommen.
Lydia bleibt in meinem Herzen. Und vielleicht… vielleicht führt der Weg wieder zueinander.
Ich werde warten.
Still.
Und mit Hoffnung.
– V.H.
Verfasst: Donnerstag 29. Mai 2025, 02:28
von Viktoria Hamberg
- Schwingenstein 28. Eluviar 268,
Nerium Oleander Apotheke - spätabends
Es gibt Entscheidungen, die wachsen leise in einem heran, über Wochen, über Monate, vielleicht auch über Jahre. Und manchmal bemerkt man erst, wie weit sie gediehen sind, wenn man schon dabei ist, sie zu vollziehen.
So war es wohl mit dem Regiment. Ich habe viel über sie nachgedacht in letzter Zeit, über ihre Gesichter, ihre Stimmen, ihre Art, sich zu bewegen durch eine Welt, die sie geformt hat und die sie doch noch formen wollen.
Wachtmeister Breg mit seinem festen Blick und seiner unaufgeregten Klarheit.
Cecilia, so flink und klug, mit diesem feinen Gespür für das, was gesagt werden muss, und dem Mut, es auszusprechen.
Marlan, der Schweigsame. Still wie Fels, aber wenn er spricht, ist jedes Wort wohlüberlegt.
Lydia … mein Herz stolpert allein bei ihrem Namen. Wie sehr ich sie einst an meiner Seite wusste, wie sehr wir einander vertrauten, und wie leise das Band geworden ist, das uns einmal verband.
Und dann, Abseits des Regimentes, der kleine Baron, witzig, scharfzüngig, und zu meiner eigenen Überraschung: mir nicht unsympathisch.
Ich muss mir eingestehen – auch wenn ich mich lange dagegen gewehrt habe, dass mir all diese Menschen etwas bedeuten. Mehr, als ich es mir früher erlaubt hätte. Ich glaube, ich habe sie alle … ein Stück weit in mein Herz gelassen.
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Ich habe lange gezögert, ob ich diesen Schritt gehen kann. Ob ich die Zeit habe, oder die Kraft, dem Dienst an der Krone gerecht zu werden. Zwischen Schwingenstein, der Apotheke, den Briefen, Antarians Anliegen und all den Stimmen, die nach meiner Aufmerksamkeit rufen. Es sind so viele Stimmen.
Aber heute … heute habe ich nicht mehr gezögert.
Ich bin beigetreten.
Und noch am selben Abend und auch heute stand ich in einer Reihe mit neuen Rekruten. Habe Unterweisungen gehört, die ersten Übungen beobachtet, mitgeschrieben, geprüft.
Ich habe zugehört.
Gesehen.
Gespürt. Es war fremd und doch nicht abstoßend.
Vielleicht, weil ich wusste, dass ich nicht allein bin. Ich weiß nicht, was die kommenden Tage bringen. Aber ich weiß: Ich habe diesen Schritt bewusst getan. Und wenn ich ihm folge, dann nicht, um mich zu verlieren, sondern um vielleicht wieder ein Stück von mir zurückzufinden.
Heute Abend war ich also dort. Habe erste Einweisungen erhalten, einem Unterricht beigewohnt, beobachtet, zugehört. Ich habe mich nicht aufgedrängt, wollte einfach nur da sein, sehen, wie sich das anfühlt.
Und dann fiel ein Name.
Einer, den ich lange nicht gehört habe.
Es war ein beiläufiger Moment, kaum länger als ein Atemzug. Und doch blieb er hängen.
Nicht wegen der Stimme, die ihn sprach.
Nicht wegen der Geschichte, die erzählt wurde.
Sondern wegen dem, was unausgesprochen blieb.
Manche Namen tragen eine Schwere in sich, die nicht von der Gegenwart herrührt.
Ich ließ mir nichts anmerken. Und doch… es war, als hätte jemand einen längst verschlossenen Schrank einen Spalt breit geöffnet. In mir zog sich alles zusammen, wie bei einer alten Wunde, die längst verheilt schien und doch nie ganz verschwunden ist.
Vertraut.
Schmerz.
Erinnerung.
Vielleicht auch Schuld.
Und nie ganz vergessen.
Es gibt Menschen, deren Spuren nicht in Worte passen.
Aber die Spuren in Herzen hinterlassen.
Und es gibt Zeiten, die nicht vergehen, sie kleiden sich nur neu, still und unerkannt.
Vielleicht liegt das Wahre nicht in dem, was man fühlt,
sondern darin, wie leise etwas bleibt, und dennoch nachhallt.
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Als der Abend sich langsam lichtete und das Regiment nach und nach zur Ruhe kam, verließ ich das Hauptquartier. Es war spät. Die Straßen Adorans lagen still und schwer unter dem Gewicht der Nacht, nur hier und da ein schwacher Lichtschein hinter Fenstern, ein fernes Hufklappern, das bald verklang.
Ich ging zu Fuß, wie so oft, und ließ mir Zeit. Der kühle Wind fuhr mir unter den Mantel, trug Stimmen von gestern herüber, Erinnerungen, Eindrücke, Blicke. Ich konnte nicht anders, als die letzten Tage… nein, die letzten Wochen Revue passieren zu lassen.
So vieles ist geschehen. Begegnungen, Entscheidungen, Augenblicke, die mich mehr bewegt haben, als ich es mir eingestehen wollte.
Ein altes Haus hat mir eine neue Rolle geschenkt.
Ein alter Name ein neues Echo in mir ausgelöst.
Und Menschen, die einst Randnotizen waren, sind Zeilen geworden, in denen ich mich wiederfinde.
Ich habe gelächelt, als ich die Schwelle zu Schwingenstein überschritt.
Müde, ja, aber nicht erschöpft. Vielmehr war da dieses leise, warme Gefühl unter dem Brustbein.
Nicht Frieden. Nicht Sicherheit.
Aber… vielleicht ein Anfang davon.
Ein leiser Gedanke blieb bei mir, als ich die Tür schloss:
Manchmal zeigt das Leben nicht mit lauter Stimme, wohin man gehört.
Es flüstert.
In stillen Begegnungen, in geteiltem Schweigen.
Und wenn man genau hinhört, erkennt man:
Man ist nicht mehr auf der Suche, sondern längst auf dem Weg.
– V.H.
Verfasst: Samstag 31. Mai 2025, 01:10
von Viktoria Hamberg
- Schwingenstein 30. Eluviar 268,
Nerium Oleander Apotheke - Nachtgedanken
Heute war einer dieser Abende, die sich nicht laut in Erinnerung graben, sondern still.
Und genau darin liegt ihre Kraft.
Cecilia und ich, wir saßen im Stall, zwischen dem Heu, auf dem kalten Boden, die Rücken an eine Boxwand gelehnt. Es war nicht geplant. Nichts daran war geplant. Aber vielleicht sind es genau diese ungeplanten Momente, in denen die Wahrheit sich zeigt.
Sie hat gesprochen. Zögerlich erst. Dann mit Worten, die wie lose gefasste Nadeln waren, spitz, suchend, haltlos. Ihre Gedanken kreisten wie aufgescheuchte Vögel.
Um Mikh.
Um das, was war. Was hätte sein können. Was sie anders hätte machen sollen. Ihr Blick blieb starr an den Spänen am Boden hängen, aber ich sah die Risse darunter.
So viel Last auf diesen jungen Schultern.
So viel Herz in einer einzigen Stimme.
Und während ich ihr zuhörte, hörte ich in mich hinein.
Ich erkannte mich.
Nicht in ihren Taten, aber in ihren Fragen.
In der Scham, in den Zweifeln, in dem stummen „Habe ich genug getan?“
Ich hätte ihr sagen können, dass es kein richtiges Maß gibt für Schuld oder Schmerz. Dass der Tod oder die Verwundeten, die Veterane oder die Verbliebenen... sich nie gerecht anfühlt, auch wenn man alles richtig gemacht hat.
Aber ich habe nur genickt.
Und zugehört.
Denn manchmal ist Zuhören das Einzige, was zwischen einem Menschen und seinem inneren Zerfall steht.
Später, als sie gegangen war und nur der Stallgeruch und die Nacht zurückblieben, schloss ich die Augen.
Alles ist wieder da.
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Ich war anschließend im Dienst.
Heute hat Kamerad Stahl mich angelächelt. Nur kurz, kaum der Rede wert.
Und doch… war da etwas in diesem Ausdruck. Ein Anflug von etwas Vertrautem, das ich längst hinter mir glaubte.
Es war nicht das Lächeln selbst, sondern die Art, wie es nicht ganz die Augen erreichte. Wie sich ein Schatten darin verbarg, kaum sichtbar, aber spürbar, wie der Nachhall eines alten Liedes, dessen Melodie man nie ganz vergisst.
Ich hätte nicht hinschauen sollen.
Ein Moment nur, aber er blieb zurück.
Ein leiser Stich.
Nicht neu, nur längst verschlossen geglaubt.
Manchmal tragen Gesichter Erinnerungen, die sie nie selbst erlebt haben. Und manchmal trifft uns das mehr, als wir zugeben wollen.
Ich habe nichts gesagt. Nur den Blick gesenkt.
Er hat gefragt und ich habe nur genickt.
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Jetzt bin ich Zuhause.
Frei vom Dienst.
Allein in meinem Studierzimmer.
Nur das Ticken der kleinen Uhr an der Wand und der schwache Geruch von altem Papier und getrockneten Kräutern begleiten mich.
Und da sind sie wieder, wie bei uns allen, wenn die Welt zur Ruhe kommt:
Die Gedanken in der Nacht.
Wachtmeister Bregs Gesicht, vor der finalen Schlacht.
So deutlich, als wäre es gestern gewesen.
Die Kratzer auf seiner Haut.
Der Schmutz, wie hingetupft auf die Wangen.
Aber vor allem:
Sein Blick.
Nicht erstarrt vor Angst, nicht leer.
Sondern durchdrungen von einer stillen Erkenntnis.
Wie einer, der verstanden hat, was es kostet, aufrecht zu bleiben.
Und der dennoch ging.
Ohne Zögern.
Es war ein Blick, der nicht laut wurde,
aber sich in mir verankert hat, wie ein stilles Gelübde an das Leben selbst.
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Und dann … das Andere.
Das Flüstern im Gras.
Wie es auf mich zukroch, nicht hastig, nicht laut.
Sondern leise, unausweichlich, wie ein Gedanke, der sich langsam ins Herz legt.
Ich weiß nicht, wie ich es beschreiben soll.
Es war kein Laut, kein Klang, den man greifen kann.
Eher ein Wispern jenseits der Worte, das sich nicht hören, sondern nur spüren lässt.
Wie kalter Hauch auf warmer Haut.
Wie ein Schatten, der zu nah tritt.
Etwas war da.
Dunkel.
Fremd.
Doch beunruhigend gegenwärtig, als hätte sich ein Teil der Nacht selbst entschlossen, mir zu nahe zu kommen.
Und dann kam der Schmerz.
Nicht scharf, nicht schneidend.
Ein Beben.
Tief in mir.
Als hätte etwas in meinem Inneren nachgegeben, etwas, von dem ich geglaubt hatte, es könne nicht zerbrechen.
Ein stiller Riss.
Unsichtbar, aber spürbar mit jeder Faser.
Und bis heute weiß ich nicht, was mehr blieb:
Die Erinnerung an den Schmerz, oder die Ahnung, dass er nicht nur meinem Körper galt.
Vielleicht ist es das, was uns verändert:
Nicht nur das, was wir sehen, sondern das, was wir spüren und nicht benennen können.
Und das, was bleibt, wenn alles andere verstummt.
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Ich werde mit Cecilia darüber sprechen.
Vielleicht erzähle ich ihr ein wenig davon.
Nicht alles.
Aber genug, dass sie weiß: Sie ist nicht allein mit dem, was sie trägt.
Oder ich rede mit Nathanael.
Nicht alles.
Aber einen Teil davon, damit er es weiß, er wird es verstehen.
Mit Marlan.
Der mehr gesehen und erlebt hat, als alle anderen zusammen.
Und er steht.
Aufrecht.
Wie ein Fels. Ein gebrochener Fels.
Vielleicht und das hoffe ich, ist das der Anfang von Freundschaften, wie ich sie vermisst habe.
Still.
Echt.
Ohne Urteil.
Wie Pferde, die nebeneinander stehen und einfach... atmen.
– V.H.
Verfasst: Sonntag 1. Juni 2025, 19:22
von Viktoria Hamberg
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Schwingenstein, 01. Schwalbenkunft 268,
Nerium Oleander Apotheke
Der Regimentsdienst hat sich mit erstaunlicher Leichtigkeit in meinen Alltag gefügt, oder vielleicht war es eher so, dass ich mich mit ganzer Kraft in ihn hineingeworfen habe. Die Übungen, die Aufgaben, die Struktur, sie fordern mich heraus, reißen mich aus dem Grübeln, halten meinen Geist wach und meinen Körper lebendig. Es ist, als hätte ich eine neue Schicht meines Selbst entdeckt, verborgen unter all dem, was ich bisher war. Und es tut gut. So einfach ist es.
Gestern jedoch... gab es einen Moment, der mich noch immer beschäftigt. Bei einer Übung, keine außergewöhnliche, nur ein Wechselspiel von Reaktion und Technik, habe ich Kamerad Stahl erwischt. Nicht mit direkter Absicht. Eher im Eifer, im Fluss. Doch der Aufprall war hart, und er ging zu Boden, stieß unglücklich gegen die Laterne am Rand des Platzes.
Stahl trifft auf Stahl, wie ein bitterer Witz.
Ich habe mich sofort nach der Übung entschuldigt, natürlich. Doch das schlechte Gewissen bleibt. Nicht, weil ich einen Fehler gemacht habe, das passiert. Sondern weil ich spürte, wie sehr ich in diesem Moment im Tun aufging, ohne an das Gegenüber zu denken.
Reaktion folgte auf Aktion.
Ich wurde dafür gelobt.
Das schlechte Gewissen bleibt.
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Heute Nachmittag führte ich, auf Bitten seiner Hochgeboren, ein langes Gespräch mit Julius Kerner. Eine Begegnung, die leise begann und Spuren hinterließ. Ich sah einen Mann, der in sich selbst nach einem Halt sucht, nach einem Ort, an dem er bleiben darf. Nach einem Sinn, der mehr ist als Pflicht, mehr als Vergangenheit. Ich erkannte etwas in ihm, das mir nur allzu bekannt ist. Die Suche nach einem Zuhause, nach Zugehörigkeit. Nach einem Ort, an dem man nicht nur gebraucht wird, sondern gewollt ist.
Er sprach offen über das, was war, und obwohl seine Worte leise waren, trugen sie das Gewicht von Jahren. Es braucht Mut, so zu sprechen. Nicht vor Gericht oder vor einem Feind, sondern vor einem Menschen, der zuhört. Ich habe großen Respekt vor ihm gewonnen. Nicht nur wegen seiner Geschichte, sondern wegen der Art, wie er sie trägt.
Vielleicht sind wir alle auf der Suche nach demselben: nach einem Anker. Nach Liebe, nach Aufgabe, nach einem festen Platz in dieser Welt. Manchmal findet man ihn in einer Uniform, manchmal in einem Menschen. Und manchmal… sucht man weiter.
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Am späten Nachmittag war dann noch ein Besuch, einer, der den Raum sofort veränderte. Seine Erlaucht, Sir Heinrik von Alsted war eingetroffen, und mit ihm jene stille Autorität, die keine Worte braucht. Seine Präsenz war nicht bedrohlich. Im Gegenteil: Sie war von einer Klarheit, die fast gütig wirkte, und dennoch trug sie das Gewicht von Verantwortung, Erfahrung und einem Urteil, das man nicht erzwingen kann.
Ich fühlte mich für einen Moment wieder klein. Nicht schwach, aber geprüft. Wie ein Lehrling, der berichten muss, ohne zu wissen, ob man Schuld trägt. Und doch lag in seinem Blick kein Tadel, nur Erwartung. Eine Erinnerung daran, dass wir für das, was wir tun, einstehen müssen, ob mit Stolz oder Reue.
Er verlangte die Berichte zur Untersuchung der Wasserproben. Ich habe sie ihm mündlich ausgehändigt, sauber gebündelt, vollständig, und auch der Brief des Verursachers wurde übergeben.
Er hat ihn gelesen und eingesteckt.
Wir haben darüber gesprochen – mit wenigen Worten, aber mit gegenseitigem Einverständnis.
Und nun schweige ich nicht mehr alleine über den Inhalt des Briefes, sondern wir beide. Was zwischen den Zeilen stand, gehört nicht vor Ohren, die nicht hören sollen. Melden macht frei.
Die Entwarnung zur Wassernutzung in Berchgard erfolgte umgehend nach der Verabschiedung von Sir von Alsted.
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Heute Abend ist es still in Schwingenstein. Und obwohl der Tag schwer war, empfinde ich eine seltsame Ruhe. Als hätte ich ein Puzzlestück gefunden, nicht das letzte, aber eines, das passt.
Und trotzdem, oder gerade deshalb, freue ich mich auf das, was kommt. Auf neue Aufgaben, neue Gelegenheiten. Auf die Gesichter meiner Kameraden am Morgen, auf das Ziehen der Muskeln nach dem Drill, auf Gespräche, die sich unerwartet öffnen. Etwas in mir ist erwacht, das lange geschlummert hat: die Freude an der Bewegung, am Lernen, am Dienen. Nicht aus Pflichtgefühl allein, sondern weil es sich richtig anfühlt.
Mein Dienst an der Krone.
Ich weiß nicht, wohin dieser Weg führt. Aber ich bin bereit, ihn zu gehen. Schritt für Schritt. Und wer weiß, vielleicht halte ich irgendwann inne, blicke zurück und erkenne:
Genau hier begann etwas Gutes.
– V.H.
Verfasst: Montag 2. Juni 2025, 01:48
von Viktoria Hamberg
- Schwingenstein, 02. Schwalbenkunft 268,
Nerium Oleander Apotheke - Nachtgedanken
Es ist seltsam, wie sich Wege manchmal überkreuzen, ohne dass man es recht merkt, leise, beinahe beiläufig. Und doch hinterlassen sie Spuren. Nicht tiefe Narben, aber feine Linien, kaum sichtbar, und doch spürbar unter der Haut.
In letzter Zeit fühle ich mich oft, als stünde ich auf einer Lichtung, während sich mehrere Pfade im Nebel verlieren. Keiner ruft laut. Keiner zwingt mich. Aber jeder hat eine andere Art, zu schweigen.
Da sind Begegnungen, die mir guttun, Gespräche, ein Blick, ein Moment, der zu lange andauert, um belanglos zu sein. Und ich frage mich, ob ich mich überhaupt noch so unbeteiligt fühle, wie ich es mir selbst weismachen will.
Vielleicht entwickelt sich alles gerade in eine Richtung, die ich nicht vorhergesehen habe. Vielleicht ist es auch nur das Herz, das manchmal lauter denkt als der Verstand. Ich weiß nicht, ob ich es begrüße oder fürchte, dieses leise Ziehen.
Und dann ist da das Fehlen. Dieses plötzliche, stille Fernbleiben einer Präsenz, die einst wie eine Konstante wirkte. Seine Abwesenheit hat nicht nur eine Lücke hinterlassen, sie hat auch die Fragen lauter werden lassen. Ob es wirklich etwas war, das Bestand haben sollte... oder nur ein flüchtiger Sturm aus Gefühlen, der langsam wieder zur Ruhe kommt.
Ich beobachte viel. Auch mich selbst. Und frage mich, ob das, was sich da leise entfaltet, überhaupt Raum finden darf, oder ob ich es nur mit mir trage, wie ein getrocknetes Blatt zwischen den Seiten eines Buches.
Es ist kein Schmerz.
Eher ein vorsichtiges Tasten.
Kein Entschluss. Nur ein leiser Zweifel daran, ob der Weg, der sich vor mir auftut, auch der meine ist.
Und während ich das schreibe, dämmert draußen ein neuer Morgen. Vielleicht bringt er ein wenig mehr Klarheit.
Vielleicht auch nicht.
Ich werde sehen.
– V.H.