Seite 1 von 1

Speere für die Graik

Verfasst: Sonntag 4. Mai 2025, 11:18
von Jorim Getwergelyn
Nachdem Durin mit Jorim die Mauer erklommen hatte, blieb er vor den Zinnen stehen und deutete mit seinem behandschuhten Finger auf die nordwestliche Weite. Der Wind zerrte an seinen Zöpfen, und Nebelschwaden zogen wie träge Geister über das Land.
„Siehst du das da draußen, Jorim?“, grollte Durin, die Stimme tief wie das Grollen des Berges selbst. „Das ist kein gewöhnlicher Nebel. Das ist das Atmen von etwas, das sich regt. Und wenn wir warten, bis wir es sehen, wird es zu spät sein.“
Jorim antwortete nicht sofort. Seine Augen suchten das Grau, doch da war nichts ... und doch war da etwas. Ein Flattern in der Luft. Ein Knistern im Stein. Wie ein fernes Gespenst, das keiner sehen konnte und doch dieses Gefühl auslöste.
„Unsere Ballistengeschosse stammen aus alten Tagen“, fuhr Durin fort, ruhiger nun, aber mit einem Ton, der keinen Zweifel ließ. „Gut gebaut, ja. Doch nicht für das, was kommt. Ihre Spitzen sind nicht Stark genug. Ihre Reichweite endet, wo der Feind beginnt. Wir, die Graik, brauchen mehr. Besseres. Weiteres.“
Er wandte sich Jorim zu, legte ihm eine schwere Hand auf die Schulter.
„Die Graik brauchen Speere, die fliegen wie der Blitz und treffen wie der Zorn des Berges. Und wir brauchen Augen, die durch Nebel und Dunkelheit sehen wie durch klares Wasser. Wir müssen zuerst sehen und zuletzt schlagen.“
Jorim nickte nur, denn die Wichtigkeit dieser Aufgabe war ihm sofort bewusst.

So nahm er sich einen der dort liegenden Speere und zog sich in seine Werkstatt im Sippenhaus der Getwergelyns zurück, um sich an die Arbeit zu machen. Er untersuchte die derzeitigen Geschosse, analysierte ihre Schwächen, bannte sie auf Pergament und begann, neue Entwürfe zu skizzieren. Es sollten keine gewöhnlichen Bolzen mehr sein, sondern gewaltige Ballistenspeere. So groß wie Baumstämme, so tödlich wie die Hitze aus dem Herzen des Berges selbst.
Die Spitze ... sie musste aus Pyrian bestehen. Jenem rötlich glühenden Metall, das dafür bekannt war, Funken zu speien wie ein zorniger Drache.

Doch der Schaft ... der Schaft ließ ihn nicht schlafen.
Holz? Zu schwach. Reines Eisen? Zu schwer. Zu träge.
Er sann, durchwühlte alte Steintafeln, zeichnete Formeln, bis ihn ein Gedanke traf wie ein Donnerschlag: Eine Legierung müsste es werden. Eine Verbindung aus Eisen und Coelium könnte eine Lösung sein.
Coelium sollte dem Schaft Energie verleihen, damit er zerstörerisch durch die Lüfte raste. Doch der erste Versuch war ein Desaster: Zu viel Coelium und der Speer veränderte seine Flugbahn auf unberechenbare Weise. Der zweite Versuch: mehr Eisen, weniger Coelium brachte jedoch kaum bessere Ergebnisse. Der Speer bog sich unter der Kraft der Sehne kaum, flog hoch durch die Luft und senkte die Spitze nur in den seltensten Fällen rechtzeitig ab.
Zähneknirschend legte Jorim seine Entwürfe beiseite, wischte sich mit rußverschmierten Fingern den Bart und murmelte:
„Nicht so, nicht so ... der Speer will tanzen, aber das Feuer muss ihn bändigen.“

So setzte er seine Arbeit fort. Unermüdlich. Getrieben. Jede neue Legierung wurde mit Runen versehen, in glühenden Bädern gegossen und unter simulierten Belastungen geprüft, doch es wollte einfach nicht.
Dann, in einer Nacht, als die Esse nur noch schwach glomm und selbst die Belüftungsrohre verstummten, kam Brogar um die Ecke und sah ihn an: „Na, bist immer noch am Tüfteln?“
Jorim nickte nur knapp, sichtlich entmutigt ob der vielen Rückschläge.
„Lass mal sehen!“, warf Brogar einen Blick auf die bisherigen Resultate. „So, so, Eisen und Coelium, mrâ?“, sprach er dann schmunzelnd, griff in seine Tasche und legte einen kleinen Mithrilbrocken auf die Werkbank. Mit einem Grinsen wandte er sich ab und meinte:
„Dâr machst das schon, Jorim.“

Jorim folgte ihm kurz mit dem Blick, griff dann zum Klumpen und betrachtete ihn ehrfürchtig, als es ihm wie Schuppen von den Augen fiel.

Der Schaft musste aus dem heiligen Erz geschaffen werden, um das volle Flugpotenzial zu entfalten.
Leicht wie eine Feder und zugleich stabiler als jedes andere Metall.

So machte er sich, beflügelt von neuem Tatendrang, sofort an die Arbeit, um die ersten Prototypen zu bauen. Und die ersten Ergebnisse konnten sich durchaus sehen lassen. Der Speer flog präziser, senkte sich rechtzeitig ... doch erfüllte die Explosion nicht Jorims Erwartungen. Es fehlte etwas und zwar die Verbindung zwischen Pyrianspitze und Schaftende.

Jorim wusste, dass er das zerstörerische Potenzial nicht entfesseln würde, solange nur die Spitze explodierte. Er musste es schaffen, den Pyrian durch den Schaft zu ziehen, damit sich die Energie beim Aufschlag von der Spitze bis zum Ende durchzog.
Also begann er mit neuen Verbindungen zu experimentieren. Die Verbindung aus Mithril und Pyrian könnte eine Antwort sein.
Doch sträubte sich alles in ihm, das heilige Erz zu einer Legierung zu verarbeiten.
Gedankenversunken studierte er seine Aufzeichnungen… und so kam ihm letztlich die Eingebung, dass dies vielleicht gar nicht notwendig sei.

Denn wenn er das Pyrian in feinen Linien durch den Schaft ziehen würde, und damit den gesamten Speer durchdrang, müsste es als Verbindung ja ebenso nützen, ohne dabei das heilige Erz zu beschmutzen.
Es folgten noch dutzende Versuche - getrieben, fast besessen - bis er nach schier endlosen Misserfolgen endlich die perfekte Form gefunden hatte.

Der Schaft bestand nun aus reinem Mithril, in dem kleine Kanäle freigelassen wurden. Jene wurden anschließend mit flüssigem Pyrian befüllt, um die Verbindung zwischen Spitze und Ende herzustellen. Stark genug, der Kraft der Ballisten zu trotzen.
Leicht genug, um weit zu fliegen und von innen erfüllt mit der tobenden Kraft des Feuers bereit, beim Einschlag zu explodieren und alles in seiner nahen Umgebung in Flammen zu hüllen.

Als Jorim den ersten fertigen Schaft in Händen hielt, spürte er das leise Vibrieren der gespannten Energien… ein Flüstern des Infernos.
Er hob ihn stolz empor, das rußgeschwärzte Gesicht im Schein der Esse leuchtend, und ließ seinen Blick ehrfürchtig über die Arbeit seiner Hände gleiten.

Doch sein Werk war noch nicht vollendet.

Für die Serienfertigung schuf er spezielle Gussformen aus Schwarzdiamant, so massiv, dass sie nur unter großer Kraftanstrengung gehoben werden konnten. Jeder Gusskanal war präzise modelliert, damit die Einkerbungen im Mithrilschaft gleichmäßig ausgelassen wurden.

In mühevoller Feinarbeit gravierte Jorim uralte Runen in die Formen. Verschlungene Muster, die die Energie des Feuers bündeln und beim Einschlag durch den Speer transportieren sollten.
Nach Tagen und Nächten voller Schweiß und Mühe hielt er schließlich den ersten vollendeten Ballistenspeer in Händen.
Die Pyrianspitze glühte in dunklem Rot. Der bläuliche Mithrilschaft erstrahlte in einem majestätischen Blau, und die rötlichen Adern, die ihn durchzogen, ließen seine zerstörerische Kraft schon erahnen.
Jorim nickte zufrieden und murmelte leise: „Der Berg wird standhalten. Mit Feuer werden wir sie empfangen.“

Doch kaum hatte Jorim den fertigen Ballistenspeer mit stolzer Brust in die Waffenhalle der Getwergelyns gebracht, machte er sich auch schon an die gewünschten Fernrohre, von denen Durin gesprochen hatte.
Es machte durchaus Sinn, denn was nützten die durchschlagstärksten Waffen, wenn die Wachen nicht rechtzeitig die heranrückenden Feinde erspähen konnten? Wie sollten sie zielen, wenn sie die Reichweite nicht abschätzen konnten?
Ohne Rast und Ruhe begab er sich sogleich erneut ans Werk. Denn er hatte da schon eine Idee.

Jorim ging zurück in die Werkstatt, schob die Schmiedewerkzeuge beiseite und begann ohne Zögern, neue Pläne zu zeichnen.
Er wollte ein Werkzeug schaffen, das es erlaubte, über die weite, nebelverhangene Moorebene hinwegzublicken, um Bewegungen früh zu erkennen und Entfernungen präzise zu messen.
Ein Fernglas, robust genug für die rauen Winde auf den Wachtürmen der Kaluren, präzise genug, um einen fallenden Funken auf hundert Schritt Entfernung zu erspähen.

So wählte er als Grundmaterial einen polierten Bergkristall, der tief im Inneren der Großen Hallen gewonnen wurde. Rein, klar und nahezu unzerbrechlich. Diese Kristalle sollten die Linsen bilden.
Mit einer winzigen Diamantsäge schnitt Jorim die Rohkristalle zurecht, schliff sie auf geschwungenen Steinschleifrädern und polierte sie so fein, dass sie das Licht selbst in seinen Farben brechen konnten.
Das Gehäuse fertigte er aus gehämmertem Schwarzdiamant. Einer Legierung aus Coelium, Pyrian und Spuren von Diamant. Diese war nicht nur stabil, sondern schützte auch die empfindlichen Linsen vor Temperaturschwankungen und Korrosion.
Besonders stolz war Jorim auf die Justierschrauben, die er anbrachte: winzige, präzise gearbeitete Zahnräder aus Schwarzeisen, in deren Kerben feine Runen eingraviert waren. Mit ihnen konnten die Wachen das Fernglas fein einstellen, je nachdem, ob Nebel über das Land kroch oder die Sonne grell von den Bergen spiegelte.

Als Krönung gravierte er am unteren Rand der Fassung eine kleine Reihe von Zählsymbolen. Eine einfache Entfernungsskala, die es erlaubte, Entfernungen abzuschätzen und zu justieren, um die Ballistenspeere noch zielgenauer einsetzen zu können.
Nach vielen weiteren Stunden konzentrierter Arbeit hob Jorim das fertige Instrument an sein Auge.
Er schwenkte es langsam in Richtung des fernen Tores und lächelte zufrieden, als er die feinen Linien der Wachtürme in gestochen scharfer Klarheit sah.

Er legte das schwere Werkzeug behutsam neben den Ballistenspeer, strich sich den Bart glatt und griff nach seinem Bhirkrug, ehe er mit feierlicher Stimme sprach:
„Der Blick reicht weiter. Der Schlag trifft härter. Die Feinde sollen kommen. Wir werden bereit sein.“