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Was bricht, bleibt

Verfasst: Samstag 3. Mai 2025, 15:47
von By'nar
„Narben machen die Haut stabiler und weniger anfällig. Denn was zerreißt, wächst fester zusammen, um beim nächsten Mal standhalten zu können.“
Irgendein Lethar, irgendwann, irgendwo.
Eins, zwei, … Mit jeweils dem Zeige- und Mittelfinger berührte sie ihre Nasenseite, bereit zum Schuss. Nur dass weder geschossen wurde, noch sich irgendetwas anderes regte. Sie war wie erstarrt vor dem zersprungenen Spiegel, der ihr Gesicht in tausend kleinen Scherben zeigte. Irgendwo riss sich eine Kante über ihre Nasengegend und symbolisierte den Zustand von Leib und Seele.

Sie musste sich beeilen, denn das Pochen im Kopf wurde stärker, und zumeist war das Sehen nach solchen Verletzungen für einige Stunden eingeschränkt. Je nachdem, wie sie den Kopf hielt, sammelte sich so viel Blut unter der Haut, dass Gesichtszüge sich verzogen oder ein Auge gar komplett ins Dunkel geschickt wurde.

Eins, zwei, … Ein kurzer Schrei verließ ihre Kehle, galt ihrem gerissenen Spiegelbild. Ein strafender Laut gegen sich selbst, ein Ansporn, ein Verspotten – Hass. Die Finger rührten sich keinen Millimeter, lediglich der Körper rutschte ein Stück weiter auf den Knien an den Spiegel heran. Ihr Kiefer spannte sich. Sie versuchte, Blickkontakt aufzubauen – zu sich selbst, zur Seele, die irgendwo hinter ihrer Stirn verborgen lag und vermutlich verkümmerte unter Wahn und anderem Wirrwarr.

Der Brustkorb hob und senkte sich schneller. Die Atmung nahm Anlauf, bereit, auf die Klippe zuzustürmen und in die schwarzen Fluten zu springen.

Eins, zw– … Wie ein Pflaster. Wie eine Schelle. Wie ein Griff in die Klinge. Einfach machen, einfach durch: Die vier Finger bewegten sich mit einem Ruck aufeinander zu, und ein ungesunder Laut hallte als Echo durch die Höhlenecke. Knochen rieben auf Knochen, Knorpel begrüßten sich, indem sie aufeinanderprallten – und am Ende war das, was schief in ihrer Fratze hing, wieder gerade. Halbwegs.

Die Finger zitterten, während sich die Augen mit Tränen füllten, die schließlich überliefen und sich in den dunklen Verfärbungen mit Blut vermischten. Sie schluchzte nicht. Sie nahm den Schmerz auf, der sich durch den hageren Körper zog, und begann, mit schmutzigen Händen in ihrem Gesicht herum zu wischen.
Die Augen ruhten dabei aufmerksam auf denen im Spiegel. Sie bildete sich ein, dass ihr dort jemand anders entgegensah. Jemand mit einem Urteil, einer Verurteilung. Jemand, der sie im Wert schmälerte, anklagte. Ihr Gesicht – und doch ein anderes, bereit, sie abzuwerten.

Noch zwei Herzschläge, vielleicht drei, dann griff ihre rechte Hand nach vorn und warf den Spiegel um. Er hatte seinen Zweck erfüllt, bereits bevor sie hier hockte. Irgendwer hatte ihn weggeschmissen. Man konnte sich darin nicht mehr genau erkennen – er war kaputt und gesprungen, wie die Lethra selbst.

Splitter klirrten leise, als der Spiegel endgültig kippte und sich mit dumpfem Schlag auf dem Boden verstreute. Die Bewegung hatte mehr Kraft gekostet, als sie zugeben würde. Ihr Arm sackte langsam zurück, der Ellbogen zitterte leicht, doch sie zwang ihn zur Ruhe. Stillstand war Gift.

Langsam, beinahe würdevoll – wie eine alte Geste, an die der Körper sich erinnerte – stützte sie sich mit beiden Händen ab und kam auf die Füße. Erst ein Knie, dann das andere. Kein Geräusch außer dem leisen Knirschen von Staub unter der nackten Fußsohle. Die Welt da draußen würde keine Rücksicht nehmen. Also tat sie es auch nicht.

Ihre Schultern richteten sich, obwohl es knirschte und spannte. Die Wirbel saßen schief, die Muskeln zuckten im eigenen Takt, aber der Wille drückte alles zurück in Form. Die Kleidung hing lose an ihr – zerschlissener Stoff, fleckig, an einigen Stellen verbrannt oder aufgerissen. Eine Mischung aus Asche, Blut und Zeit hatte sich in die Fasern gesetzt. Dennoch strich sie den Stoff glatt, mit langsamen Bewegungen, wie ein Ritual. Als könne man Ordnung ins Chaos bringen, wenn man nur genug Fläche glättete.

By’nar trat aus dem Schatten der Höhlenecke, den Blick nach vorn gerichtet. Jeder Tritt war ein Versprechen – an den Schmerz, an den Hass, der keimte.

Sie war hier noch nicht fertig.

Verfasst: Freitag 9. Mai 2025, 20:23
von By'nar
"Wer schreit, lässt den Hass hinaus und man ist nicht mehr dazu in der Lage ihn zu kontrollieren. Weil er eben weg ist, irgendwo, vermischt mit Luft aus Kuhdung und Elfen."
Irgendein Lethar, irgendwann, irgendwo.
Vor 20 Jahren, vielleicht auch 22,5
Als Bemühungen zu Wahnsinn wurden

Er hatte sie nicht angesprochen. Kein Befehl, kein Blick, kein Zeichen. Nur Schritte – lautlos, zielsicher. By’nar folgte. Nicht, weil sie musste, sondern weil alles andere sinnlos geworden war.

Sie gingen tief. Weiter, als sie je geführt worden war. Die Luft wurde dicker, schwerer, verlor jede Temperatur. Irgendwann verstummten selbst ihre Gedanken. Dann standen sie vor einem Raum – oder eher: einer Leere. Eine Kammer, vergessen wie eine Schuld, die niemand zugeben wollte. Kein Geräusch. Kein Echo. Kein Geruch. Nur Stein – roh, unberührt.
Dort, in der Mitte stand der Käfig. Ein Gerüst aus schwarzen Eisenstangen, matt, porös vom Alter. Breit genug für einen Letharen. Eng genug, um ihn zu brechen. Die Stangen standen so dicht, dass kein Schatten mehr dazwischen passte. Er öffnete sich wie ein Maul – und schloss sich, als sie eintrat. Die Arme konnte sie nicht senken. Der Rücken krümmte sich unter der Haltung – nackt, offen, ungeschützt. Nichts bedeckte sie, nicht einmal die Dunkelheit.

Dann kam der Wind. Er schnitt durch die Gitter wie ein Messerschliff. Keine Böen. Kein Heulen. Nur ständige Bewegung – gezielt, wach. Wie ein Wesen, das keine Augen hatte, aber sah. Er fand jede Wunde, jede Unvollkommenheit. Streichelte. Riss. Flüsterte nichts – und war doch überall. Der Himmel über ihr war kein Himmel, sondern eine Fläche: blass, farblos, leer. Kein Tag, keine Nacht – nur reine Abwesenheit.

Drei Tage und drei Nächte, hatte der Letharf gesagt. Fünf Worte, die Leben und Tod in einen Ring warfen und darauf warteten, was blieb.

Der erste Tag brannte. Haut riss, trocknete, löste sich. Die Lippen sprangen auf. Schorf bildete sich zu langsam, um zu heilen – und wurde zu schnell hinweg geweht. Fliegen kamen, kreisten, verschwanden. Immer wieder.

Am zweiten Tag begann der Körper zu versagen. Erst zitterten die Knie wie bei Kälte, dann krampfhaft. Muskeln zuckten, arbeiteten gegeneinander. Ihre Augen – nur noch Nebel. Doppelbilder, keine Tiefe. Alles flimmerte. Und doch: nichts bewegte sich. Die Welt blieb stehen. Nur sie kippte.

Am dritten Tag – oder dem, was davon übrig war – wurde es still in ihr. Gedanken, zuvor Fetzen, lösten sich auf. Kein Schmerz mehr, nur ein dumpfer Druck tief im Brustkorb, als müsste etwas entweichen. Dann geschah es – leise, ohne Aufsplittern, ohne Schrei. Etwas in ihr rutschte zur Seite. Wie ein loser Faden, der aus einem Gewebe gezogen wurde – nicht ruckartig, sondern in einem einzigen, stillen Zug. Ein Ereignis, das lautlos einen Keil in ihren Geist trieb. Saubere Kanten, die in eine tiefe Schneise führten.

Sie hörte ihren Herzschlag, wie er gegen ihr Ohr klopfte – wieder und wieder, lauter und drängender. Als wolle er, dass sie eine Tür öffnete. Nicht die des Käfigs. Eine andere. Für das, was nun Raum verlangte: Die Stille, bereit, ohrenbetäubend zu werden.

Zuerst kam das Lachen – hoch, abgehackt, wie rostiges Metall, das durch die Höhle fuhr. Ein Laut, der aus ihrer Kehle kam. Später würde sie verstehen: Es war weder gewollt noch entschieden – es hatte einfach Platz gefunden, war durch den Krater gesickert.
Dann kamen die Bilder. Flammen – nicht warm, nicht rot. Sie leuchteten grün, blau, weiß wie Knochenmehl. Sie bewegten sich nicht. Sie sangen. Kein Gesang, den man wiederholen konnte. Keine Melodie. Nur Zahlen, Silben, Zungen ohne Vokale. Schatten verneigten sich. Klatschten.
Und dann – das Licht. Kein Licht zum Sehen. Kein Schein. Keine Sonne. Es kam aus ihr. Kein Strahl. Kein Glanz. Ein Ausbruch. Wie ein geplatztes Gefäß. Wie ein Krater, der nicht brennt, sondern leuchtet. Farben ohne Namen. Kein Ziel. Kein Zweck. Keine Erlösung. Nur: Befreiung.

Und sie schrie – nicht aus Angst, nicht aus Schmerz. Es war kein Reflex, kein Fluchtinstinkt. Es war ein Anspruch. So roh und unmittelbar wie der eines Neugeborenen: das erste „Ich bin“

Der Wahnsinn war kein Ende. Er war ein Übergang. Ihr Geist, einst eine windgepeitschte Ruine, wurde zum Tänzer – barfuß, nackt, leichtfüßig auf Rasierklingen. Und sie lachte. Und sie sprach. Keine bekannten Worte. Keine Sprache. Nur Lautfolgen aus einem Ort, tiefer als alles Letharische. Dinge antworteten. Wände pulsierten. Ein Stein weinte. Die Ketten sangen – immer dieselbe Zeile.

Als An’shyl kam, bewegte er sich wie zuvor – ohne Hast, ohne Ausdruck. Schritt für Schritt öffnete er den Käfig. Er erwartete Leere, einen zurückgelassenen Rest. Doch By’nar hob den Kopf – nicht trotzig, nicht hastig, sondern langsam, als trüge sie plötzlich ein anderes Gewicht. Ihre Augen wirkten ruhig, trüb – vielleicht vom Wahnsinn, vielleicht von etwas anderem. Es war schwer zu sagen. Und doch lag in ihrem Blick etwas Echtes, eine stille Bedeutung.

„Alatar … wächst nun in mir“, sagte sie mit einer Stimme, rau wie Metall, das sich selbst schmiedet. Kein Zittern, kein Zögern – nur reine Entschlossenheit „Ich bin nicht länger Fleisch. Ich bin Wille.“

An’shyl antwortete nicht. Er starrte sie an – wie so oft, und doch war es diesmal anders. Er sah wirklich hin. Dann wandte er sich ab – die Käfigtür offen lassend. Was geschehen musste, war geschehen.
Es war kein Triumph und kein Scheitern. Keine Offenbarung. Nur der nächste Schritt.

Und sie war noch lange nicht fertig.

Verfasst: Mittwoch 21. Mai 2025, 14:38
von By'nar
"Wenn der Kopf noch dran ist, dann ist man nicht tot."
Irgendein Lethar, irgendwann, irgendwo.
Langsam atmete sie ein – und wieder aus. Ein einfacher Rhythmus, etwas, das sie sich selbst beigebracht hatte, um dem Schmerz wenigstens ein wenig die Kontrolle zu entreißen. Ihre Finger und die Stirn ruhten auf dem kalten Steinboden, dessen Kühle sie seit Stunden nicht mehr wahrnahm. Die Glut in ihren Adern loderte unaufhörlich, brannte sich durch das Fleisch wie etwas, das nicht von dieser Welt war. In ihrem Mund schmeckte sie das Blut, obwohl kein Tropfen aus ihrem Körper trat. Es war der metallische Geschmack von Eisen, der sich an den Gaumen klammerte, als hätte er sich dort eingenistet. Eine Erinnerung an Schmerz, die sich in ihr Gedächtnis fraß. Doch das, was am schwersten auf ihrem Magen lastete, war nicht der Geschmack, nicht das Brennen, nicht die Kälte. Es war das pulsierende Brennen in ihrem Rücken – dumpf, aber unerträglich präsent.

Nicht einmal ihr Lachen, das sonst half, sich von der Wirklichkeit abzulenken, wollte sich regen. Es blieb ihr im Halse stecken, schnürte ihr die Kehle zu, bis irgendwann ihr ganzes Gesicht auf dem Stein lag. Ihre Atmung kam stoßweise, unregelmäßig, immer wieder unterbrochen von innerem Druck, als gäbe es keinen Weg hinaus aus diesem engen, brennenden Kreis. Doch es half alles nichts. Das, was in ihr tobte, breitete sich aus wie ein Lauffeuer – gierig, alles verschlingend. Und jedes Gebet, zu dem sie sich niedergekniet hatte, war vergeblich gewesen. Nicht einmal der Trost altvertrauter Phrasen konnte sich über ihre spröden Lippen retten. Die Worte wollten nicht kommen. Sie blieben stumm, wie sie selbst – gefangen im eigenen Fleisch.

Ein eisiger Wind strich durch den steinernen Tempel, der sich tief unter der Erde verlor, endlos schien, als würde er weder Himmel noch Tag kennen. Die letzten Kerzen, die nur noch müde gegen die Dunkelheit flackerten, zitterten in ihren Halterungen. Ihre Flammen husteten, als würden sie sterben. Die rote Robe, die ihren Körper umhüllte, ließ sie im fahlen Licht noch schmaler wirken – fast körperlos, wie ein Schatten. Doch sie schützte nicht. Jeder Luftzug schnitt durch den dünnen Stoff, fuhr ihr über die Haut, über alte Narben und Wunden, die längst verheilt waren. Und doch tanzte der Schmerz erneut über sie hinweg.

Sie hatte oft gelitten. So oft, dass sie nicht mehr zählen konnte – oder wollte. Sie war Meisterin der Verdrängung, hatte gelernt, Dinge tief zu verschließen. Aber dieses Mal war es anders. Hier gab es keine Heilung. Keine Nadel, kein Faden. Keine Bandage, kein Leinen. Kein Gebet, kein Zauber, kein Wahnsinn. Die Wunden waren geschlossen, doch das Leiden kam von innen. Wie ein Phantomschmerz, nur zu scharf, zu echt, um ein bloßer Schatten zu sein.
Es war kein Schmerz, der sich in einem Schrei oder einer Geste bannen ließ. Kein Leiden, das sich mit Salben oder Worten behandeln ließ. Es war der Schmerz des Geistes, der aus der Tiefe kam. Der sich einnistete. Und der nicht ging. Man konnte sich selbst belügen – für eine Weile. Man konnte spielen, wahnsinnig tun, verdrängen, verzerren. Aber nicht, wenn der Körper schon längst keine offenen Wunden mehr zeigte. Dann gab es nichts mehr, woran man sich klammern konnte.

Es war ein Mahnmal – Alatars Wille selbst. Sie sollte sich erinnern. Sie sollte leiden. Sie sollte keinen Weg finden, dem zu entfliehen. Denn nur aus Schmerz würde sie wachsen – so wurde es gelehrt, so wurde es verfolgt.
Doch wenn man in jenem Moment lebte, in dem einem die Luft aus den Lungen gepresst wurde, fühlte man sich nicht wie etwas, das wuchs. Man fühlte sich wie eine verwelkte Blume – am Boden liegend, ihre trockenen Blätter mehrfach von metallbeschlagenen Stiefeln zertreten.

So zogen sich die Stunden bis zum Morgen wie Tage hin. Jeder Atemzug wurde zu einem Felsbrocken, den sie die Kehle hinabwürgen musste – immer wieder, bis sie stumpf wurde, bis die Sinne versiegten. Und mit jeder Minute brach etwas mehr in ihr. Die Lethoryxae hatten sie gefragt, warum gerade sie diesen Pfad gehen könne. Warum nicht jemand anderes? Was war ihr Wert?
Ein Wert, den niemand sehen konnte, geschweige denn greifen. Man erwartete immer das Geringste, damit jede Leistung über diesem Minimum wie etwas wirkte, was nicht Versagen nahe kam.
By’nar war eine von vielen. Und sie wusste das. Das war es, was sie nicht von den anderen unterschied. Doch was sie tatsächlich unterschied, war die Gleichgültigkeit gegenüber ihrer eigenen Besonderheit. Sie wollte nicht besonders sein. Sie wollte nur funktionieren. Für Alatar. Und vielleicht ein wenig für sich selbst.
Also hatte sie Velvyr’tae, die ihr vor wenigen Stunden in die Augen gesehen hatte, als hinge alles von dieser Antwort ab, nur drei Worte gesagt:

„Was bricht, bleibt.“

Und jetzt – viele Stunden später – war sie gebrochen. Und sie war noch immer da. Sie hatte Recht behalten. Und den Preis dafür zahlte sie bereitwillig. Denn es hatte noch nie etwas gegeben, das sich für sie anfühlte, als wäre der Preis zu hoch gewesen. Sie hatte nie gelernt, Dinge zu schätzen. Weder sich selbst, noch andere. Sie war eine von vielen. Wie alle.

Als ihre Füße später über Trümmer stiegen – über kaputte Dinge, Müll, zerfallene Überreste, deren ursprünglicher Zweck sich längst verloren hatte –, entwich ihrer Kehle ein krächzender Laut. Die Hülle war müde, das Fleisch ebenfalls und die Seele schon Ewigkeiten.
Es war irgendwie Zuhause, dieser Ort an dem sie bereits eine Weile einkehrte, so fremd, so verwahrlost. Nicht, weil er Schutz bot, sondern weil er keine Erwartungen stellte. An diesem Ort würde niemand suchen. Also ließ sie sich zu Boden sinken, drückte ihren Kopf in ein altes, muffiges Kissen, das längst alle Form verloren hatte und verabschiedete sich von dieser Ebene der Welt, um eine Andere zu tauchen.

Sie war nicht wirklich hier.
Sie war einfach nur eine von vielen.

Und sie war hier noch lange nicht fertig.

Verfasst: Dienstag 5. August 2025, 19:41
von By'nar
„Brich dir einen Finger. Oder drei. Vielleicht weckt der Schmerz etwas in dir. Und wenn nicht – du hast noch Dutzende andere Knochen.“
Irgendein Lethar, irgendwann, irgendwo
Der fahle Geschmack auf ihrer Zunge hallte nach, während ihre Schritte sie über blutgetränkten Boden trugen. Erst langsam gehend, dann laufend, schließlich rennend – als ginge es um ihr Leben. Ihre Lippen bewegten sich unablässig, formten Gebete, die sich in die Ferne warfen, als könnten sie ihr helfen, die schwere Rüstung zu tragen, die sie sonst unweigerlich zu Boden gedrückt hätte.

Die Zeiten, in denen sie den Tod fürchtete, lagen bereits Jahre zurück. Inmitten von Folter und Qual hatte sie sich eine Mauer gebaut – eine, die funktionierte. By'nar war bereit für das Leben, ebenso wie für dessen Ende. Ihr Herz schlug nicht schneller, wenn sie der Front des Feindes gegenüberstand – allein und schwach. Sie war bereit für die Klinge des Goldenen. Und doch: Etwas zerrte an ihr. Etwas war da, das ihr einen Gedanken mehr abverlangte. Und doch änderte das nichts an dem, was sie tat. Sie war keine, die provozierte. Keine, die log. Und ganz gewiss keine, die töricht dem Feind entgegensprang, getrieben vom Glauben.

Als sich in ihrem Geist die verschiedenen Persönlichkeiten zu formen begannen, entwickelte sie auch die Fähigkeit, sie – und alles andere – im Zaum zu halten. Für eine ihres Volkes war sie regelrecht... kaputt. Ein Umstand, der sie gleichermaßen stark wie zerbrechlich machte. Irgendwann hatte By’nar die Tore in ihrem Inneren versiegelt und den Schlüssel fortgeworfen. Und irgendwann hatte sie aufgehört, danach zu suchen. Denn wenn man ihr Fragen stellte, auf die sie eigentlich eine Antwort haben sollte, lautete ihre Antwort stets: „Ich funktioniere nur. Ich weiß nichts.“ – Und das war die Wahrheit. Dinge, die sie nicht wissen musste, berührte sie nicht.

Was sie nun auf der Zunge schmeckte, war die Erinnerung an das, was hinter den verschlossenen Mauern und Toren lauerte: Zorn. Und dieser Zorn wurde nicht einmal unbedingt von dem ausgelöst, der sich Beak nannte. Immerhin hatte er etwas an sich, das ihr flüchtiges Interesse fesselte – etwas, das sie sonst selten empfand.

Das, was an ihr zerrte und rüttelte und die Mauern zum Bröckeln brachte, war vielmehr das, was einst, vor Generationen, ihr Volk war: ihre Sprache, ihre Freundlichkeit. Es riss an ihren Sehnen und lockte den Wahn. Alle Persönlichkeiten wollten gleichzeitig hinaus – unbeherrscht, unkontrolliert. Wie tollwütige Wölfe, bereit, alles zu zerreißen, ohne einen einzigen Gedanken zu verschwenden.

Also rannte sie – über die Kadaver von Dämonen, gefallen durch Klingen, die nicht im Namen Alatars gehoben wurden. Über Äste und wirres Gestrüpp, das den Waldboden bedeckte, wie der Wahnsinn ihren Geist. Ja, By’nar war irgendwie kaputt. Doch am Ende blieb eines, das alles überdeckte:

Sie funktionierte.

Verfasst: Freitag 29. August 2025, 08:40
von By'nar
„Wer nicht dient, ist bereits tot. Willst du tot sein, Lethra?“
Irgendein Lethar, irgendwann, irgendwo
Als der Wind die ersten Blätter von den Bäumen trug und sie es beobachtete, ohne etwas damit anfangen zu können, begleitete diesen Anblick ein Gefühl von Unruhe. Eine Empfindung, die sich jedes Mal einschlich, wenn der Körper für ein paar Tage zur Ruhe kam. Es nagte an Sehnen und Muskeln, bis es sich schließlich als unangenehmes Klopfen im Kopf äußerte – ein Hämmern an einer imaginären Tür. Als wolle es sie daran erinnern, dass Untätigkeit nichts sei, womit sich das Leben rechtfertigen ließe.

Das erste Blatt fiel zu Boden und verweilte eine ganze Weile, bis der Wind es weitertrug und es im Dickicht hängen blieb. Ja, festhängen. Das tat sie – noch nicht einmal einen Wochenlauf. Die Wunden waren noch nicht ganz verheilt, wenn sie auch nicht dauerhaft auf Verstand und Körper lasteten. Und dennoch verspürte By’nar bereits den Drang, in die nächste Klinge zu rennen. Nicht, weil sie den Schmerz suchte – den fühlte sie selten. Auch nicht des Blutes wegen – dafür hatte sie weit weniger übrig als ihre Geschwister. Sie wollte lediglich das Gefühl haben, zu funktionieren, dienlich zu sein. Denn was war sie ohne Funktionalität?

Langsam richtete sie sich auf und setzte die ersten Schritte ins Grün, das sich hier und da bereits orange färbte. Das hängengebliebene Blatt wurde symbolisch zertreten, während sie sich durch das Dickicht bewegte. Dienlichkeit war nichts, worauf man wartete, sondern etwas, das man schuf. Die Nützlichkeit einer Sache offenbarte sich erst, wenn sie Wirkung zeigte. Und auch wenn Vater ihr das Talent für viele Worte gegeben hatte, interessierte sie sich weit mehr dafür, Taten folgen zu lassen. Also lief sie durch die Wälder, verlief sich mehrere Male – denn Vater hatte ihr zwar das Talent des Wortes gegeben, nicht jedoch das der Orientierung – und erreichte erst nach fünf gemächlichen Stunden den Ort, an den sie offenbar wollte. Nicht gezielt, nicht geplant; dafür war in ihrem viel zu vollen Kopf kein Platz. Sie war in diesem Moment wie das Herbstblatt: teilweise bereits zertreten, aber doch irgendwie vorangekommen, durch Wind und Wetter.

Es war ein kleiner Waldabschnitt, in dem sie nun stand, den Regungen der Bäume lauschend, während das Blau ihrer Augen auf dem Berg ruhte, der sich in die Höhe reckte und dessen Flanken von den Mauern eines riesigen Klosters durchzogen waren. Hier war nicht Alatar zuhause – und doch hielt sie, in ihrem wirren Verstand, die Vorstellung fest, dass dies nur eine Frage der Zeit sei. Wie alles. Und wenn sie etwas besaß, dann zumindest das: Zeit.

Vor einigen Wochen hatte sie Blut geleckt, wenn es auch kein Blut war. Vor unzähligen Stunden war ein Name gefallen, und sie hatte hingesehen. Es war lange her, dass sie eine solche Inbrunst im Glauben verspürte. Man könnte meinen, es läge am Rang, an der Bestimmung der Hülle. Doch nein – selbst jene, die bereits weit oben in der Gunst der Götter standen, unterschieden sich.

Der, den sie hier witterte, war etwas Besonderes, und sie war bereit, danach zu greifen – gleich, wie viele Finger dabei brennen würden. Von nichts kam nichts. Und selbst der Verlust von Gliedmaßen deutete auf eine Nützlichkeit hin. Denn wer erlitt schon Schaden, ohne tätig gewesen zu sein?

Vielleicht war sie heute noch nicht bereit, einen Schritt zu machen, und begnügte sich damit, die Regungen und den Alltag zu beobachten. Doch den ersten Schritt hatte sie bereits getan – und sie war noch nie zurückgegangen, gleich, wie tief die Klinge schon im Fleisch steckte. Denn das Gefühl der Untätigkeit hatte sich in diesem Moment hinter tausend anderen ungesunden Facetten verborgen. Türen, die ins Grübeln über die eigene Existenz führten, oder über Dinge, die sie nie gelehrt bekam, waren wieder versiegelt.

Sie hatte die Fährte aufgenommen.