Die Höhle der KunBra war von dumpfen Glühen erfüllt, der Atem der Lava hing in der Luft. Als RyaKar die Stimme der KunBra vernahm, hob er den Blick, beendete das Gebet an die Glutmutter. Langsam drückte er sich vom Boden hoch, sog tief die Luft ein und setzte sich neben sie.
„Der Lavafluss war lang seit dem letzten Gespräch,“ begann er mit gedämpfter Stimme. „Seit diesem Treffen hat die Glut in ihm keine Ruhe gefunden. Die Träume kamen wie Wellen, mal fern und kaum greifbar, mal so scharf, dass er schweißgebadet erwachte.“
Er erzählte von dem Feuer, dass ihn rief. Ein Feuer, welches ihn nicht verschlang, sondern trug, allerdingsverstand er nicht wohin.
AkkAsha hörte schweigend zu, dann sprach sie langsam und bedächtig: „Es hat ihn Kraft gekostet. Zeit. Willen. Und es wird den BrakNa noch mehr kosten, auch seine Erholung.“
RyaKar nickte schwer. „Er ist bereit zu wissen was diese Träume sind. Ist es ein Ruf zurück in die Tiefen? Soll sein Weg hier enden, weil jener seine Aufgabe für den Stamm nicht erfüllt?“
Doch AkkAsha erwiderte: „Es sind nicht nur Träume. Es sind Visionen. Zeichen, die sie deuten müssen. Einen Teil habe sie verstanden, andere werden noch folgen.“
Unruhe glomm in seinen Augen. „Hat die Mutter der KunBra Zeichen gegeben? Will sie prüfen? Er hat sich in Meditationen geübt, in Tränken, die ihn in tiefere Träume führten.“
„Erst Nebel,“ sprach AkkAsha, „dann Ideen. Nun Weisungen und später Prüfungen. Es wird schwer. Vielleicht tödlich. Doch es ist seine Fügung. Entweder er besteht oder jener wird daran zerbrechen.“
„Er wird tun was nötig ist,“ entgegnete RyaKar leise, aber mit fester Stimme. „Was die Mutter ihn aufzeigt, werde dieser beschreiten.“
Die Lava stieß zischend Dampfwolken aus, die sich auf seine Schultern niederlegten, als würden sie seine Worte prüfen. AkkAsha nickte langsam. „Dann wird er hören, auch wenn es sein Ende sein kann. Mutter sieht in ihm einen Weg. Einen, den Sie selbst nicht kannte, nur von ihm hörte.“
„Welchen?“ fragte RyaKar, die Stirn gerunzelt, der sonst entschlossene Blick nun voller Fragen.
AkkAsha sah ihn durchdringend an. „Den Weg der KunLir. Ein langer, steiniger, von Wasser umgebener Pfad. Mutter sieht in ihm die Möglichkeit, sich ihr anzuschließen. Sie hat ihn geformt im Wissen, in der Kraft und in ihrem Kun.“
Ungläubig schüttelte RyaKar den Kopf. „Er ist ein BrakNa. Die tiefen Höhlen haben ihn dazu geformt. Er diene dem Stamm als Heiler. Wieso sollte Mutter ihn auf diesen Weg schicken?“
„Weil dieser geformt wurde,“ erwiderte die KunBra mit Nachdruck. „Und nun prüfen sie. Es wird eine Zeremonie der Wandlung geben. Ob Mutter diesen zurückgibt oder behält, dass wird sich zeigen.“
RyaKar senkte den Blick, seine Stimme rau. „Dann sei es so. Er gebe sich der Mutter hin. Er ist ihr Werkzeug, wie sie es will. “Sein Blick wanderte hin zur Statue Ahamanis und er neigte ehrfürchtig die Hörner.
„Mit der Aussprache sind sie gesetzt,“ sprach AkkAsha eindringlich. „Nun muss Sie Rat in den RaiBuRaRi suchen, die Schriften prüfen.
„Und bis dahin?“ fragte RyaKar.
„Bis dahin wird dieser suchen. In Träumen, in Nebeln. Sein Wissen als Brak’Na ist Werkzeug aber das Kun, welches ihn wandeln kann, muss dieser selbst finden. Nur dann kann Mutter entscheiden, ob dieser KunLir wird.“
RyaKar atmete tief durch. „Er wird suchen. Er will finden und verstehen.“
AkkAsha neigte die Hörner. „So soll es geschehen.“
Schweigend erhob sich RyaKar schließlich, trat zur Statue der Glutmutter und neigte sich tief. „So ist es der Wille der Mutter.“
Nachklang
Noch lange nachdem sich die Wege der KunBra und des BrakNas getrennt hatten, hallten die Worte der KunBra in RyaKar nach. Ihr Blick, tief wie die Glut, hatte ihn bis ins Mark durchdrungen. Jedes Wort, welches sie gesprochen hatte, schien nicht nur an sein Ohr, sondern auch direkt an seinen Geist gerichtet worden zu sein. Er fühlte sich, als hätte die Mutter selbst durch Sie gesprochen. RyaKar war nach dem Gespräch zum Schrein der Mutter gegangen. Er kniete dort auf den Steinplatten, während das Flackern der Glutbecken auf den Wänden tanzte. Er versuchte die Bilder in seinem Kopf zu ordnen. Je länger er die Augen geschlossen hielt, desto stärker wurden sie. Immer wieder sah er Feuer. Nicht das gleißende und zerstörerische Feuer, welches alles verzehrte, sondern ein flammendes Band, welches sich um ihn legte, ihn hielt und zugleich führte. Es war also ein Ruf, kein Befehl dachte er. Ein Versprechen, doch auch eine Drohung. Visionen hatte AkkAsha gesagt, nicht nur Träume. Mit diesem einen Wort hatte sie all seine Unruhe und Zweifel in eine neue Richtung gelenkt. Nun waren die verwirrenden Bilder nicht mehr bloß wirr in seinem Kopf es waren Botschaften.
Die kommenden Nächte fand RyaKar kaum Schlaf. Er legte sich hin, doch die Bilder kamen schneller, wurden aufdringlicher. Mal sah er nur schemenhafte Gestalten, dann spürte er wie Lava durch seine Adern floss. Oft wachte er schweißgebadet auf, seine Brust schwer, so als hätte er eben gegen eine unsichtbare Kraft angekämpft. Immer wieder spürte er dieses Gefühl, dass er nicht allein war. Es fühlte sich an, als würde die Glutmutter in den Tiefen der Träume ein Auge auf ihn haben. Er dachte erneut zurück an AkkAshas Worte. Es sollen Weisungen sein, aus denen Prüfungen folgen würden. Prüfungen, die sein Ende bedeuten könnten oder aber seine Erhebung. Dieser Gedanke legte sich wie ein schwerer Stein auf seine Brust. Er war BrakNa, geformt in den tiefen Höhlen der nun sein Kun auf der Oberfläche für den Stamm nutzt. Er hatte seinen Platz im Stamm gefunden. Doch wenn Mutter selbst ihn anders gezeichnet hatte, wird er folgen. Jede Meditation, die er vollführte, brachte ihn tiefer in diese Fragen. Er mischte Kräuter, rauchte die Aufgüsse ein, ließ den Rauch durch seine Lungen ziehen, um die Stimmen klarer zu hören. Er wusste, dass er auf einem Scheideweg stand. Entweder er nahm diese Zeichen an und folgte dem Ruf, oder er würde daran zerbrechen. In den Stunden der Dunkelheit zog er sich allein in eine Höhle zurück, legte er seine Stirn gegen den Steinboden und sprach stumme Worte an die Mutter. Worte von Stärke, von Gemeinschaft, dem Stolz und des Wissens. Demütig und voller Disziplin dachte er daran, dem Ruf der Glutmutter zu folgen. So begann erneut der Nachklang des Gesprächs nicht mit Ruhe, sondern mit einem Anflug von Tatendrang.
Reise
Der Tag seines Aufbruchs begann. RyaKar erwachte früh, lange bevor die ersten Stimmen des Stammes sich erhoben. Das Herz des RaKun pochte. Tief unter den Steinplatten war etwas, dass ihm vertraut war. Es war wie der Schlag eines gewaltigen Herzens. Es erinnerte ihn jedes Mal daran, dass er selbst nur ein Funke war, geboren aus der Glut von Ahamani. Er nahm sich Zeit, um einige wenige Sache zusammenzusuchen. Sein ShriRak wartete bereits auf ihn. Es war unruhig und scharrte mit den Krallen, fast so, als würde es die Bedeutung des Aufbruchs spüren. RyaKar legte die Pranken auf den Hals des Tieres, spürte seine Wärme, die Kraft. „Sie gehen den Weg, den Mutter ihnen zeigt“, flüsterte er und das Tier brummte. Schwarze Lavafelder begrüßten ihn in den sengenden Landen des RaKuns. Rauch und glutrotes Licht erfüllten es. Säulen aus Dampf stiegen aus Rissen im Gestein empor, der gewohnte schwefelige Geruch durchzog seine Kehle. Fern und doch eindringlich, hallte das Donnern der Ströme im RaKun durch die Tiefen. RyaKar hielt inne. Er kniete sich nieder und legte die Stirn auf den Basaltboden. „Mutter, er folgt. Er geht den Weg, um ihr Wort zu finden.“ Seine Stimme war nur ein Flüstern, doch im Dröhnen des RaKuns fühlte er die Antwort. Es war ein Vibrieren im Stein, ein Pochen in seinem Brustkorb. Er erhob sich wieder und griff fester nach den Zügeln seines ShriRaks. Jeder Schritt hinaus in die Asche stellte sich schwerer als der letzte raus, doch auch klarer. Mit jedem Atemzug nahm er die Schwere des RaKuns in sich auf.
Das ist der Pfad, wie seine Leibesschwester immer sagt. Der Weg hat begonnen, nicht als Jäger auch nicht als Heiler, sondern als Suchender. Er wusste, tief in der Glut des Vulkans, wartete seine Prüfung. Das HarKun soll neu geformt werden und sein Kun soll ihm helfen die Deutungen der Glutmutter zu verstehen.
Erste Prüfung
Der Weg war kein gewöhnlicher, für ihn war es eine Reise hinein in das Herz der Glutmutter. Mit jedem Schritt über das schwarze und rissige Gestein spürte RyaKar wie die Hitze stärker wurde. Die Luft war erfüllt von Schwefel und Asche es wurde schwerer zu Atmen und doch fühlte er eine Klarheit, als würde die Hitze selbst ihn reinigen wollen. Schicht für Schicht alles Schwache von ihm abbrennen. Sein Weg führte ihn zu einer Schlucht, deren Boden von einem breiten Lavastrom durchzogen war. Die Glut floss träge, aber unaufhaltsam weiter. Der Weg schien hier zu enden, doch RyaKar spürte dies war keine Grenze, sondern eine Prüfung.
Er ließ sich nieder und kniete sich am Rand der Schlucht hin. Er musste kurz an seinen letzten Unterricht im HiRinGu denken mit Shanara, Xhu und BakShur. Er begann zu lauschen, fühlte den Puls des RaKuns, welcher sich mit dem Grollen der Lava vermischte. Da war etwas nicht laut auch nicht deutlich, sondern tief in ihm. Es waren keine Worte, sondern Empfindungen Mut. Hingabe. Opfer.
RyaKar griff in seine Tasche und zog ein kleines Päckchen hervor. Es war Fleisch eines Tieres, welches er auf dem Weg erlegt hatte. Er wusste, dass es nicht die Menge, sondern die Geste war, welche hier zählte. Mit einem Wurf schleuderte er die für ihn wichtige Nahrung als Opfer in die Lava. Sie zischte auf und das Päckchen wurde verschluckt. Der Lavastrom schien für einen Moment heller zu brennen. Ein Schwall heißer Luft fuhr ihm ins Gesicht, als hätte die Glutmutter selbst den Atem über ihn gehaucht.
Sein Blick verlor sich in dem Lavastrom und je länger er in die Tiefe starrte, desto mehr schien ihn die Glut zu umfangen. Sein Atem wurde langsamer und seine Gedanken lösten sich. Es war, als würde er wieder träumen.
Er öffnete die Augen und stand nicht mehr am Rande der Schlucht, sondern in einer weiten Ebene aus schwarzer Asche. Über ihm war kein Himmel, sondern ein endloses pulsierendes Rot, so als wäre er mitten im Feuer selbst gefangen. Vor ihm erhob sich eine schattenhafte Gestalt, drohend und doch vertraut.
Es war ein Abbild von ihm selbst. Doch nicht so, wie er, sondern wie er hätte sein können, ein RyaKar der schwach geblieben war, voller Zweifel und gezeichnet von Furcht und Zögern. In den Händen hielt das Abbild ein ShoShak, geformt aus dem Rauch des Feuers.
„Dieser ist nicht würdig,“ grollte die Gestalt mit einer Stimme, die zugleich seine eigene war und doch fremd klang. „Dieser spricht von Hingabe, doch das Herz zögert. Dieser spricht von Opfer und doch klammert dieser sich an sich selbst. Zeige ihm seine Stärke oder verglühe.“
Mit einem Satz stürmte die Gestalt auf ihn zu, das ShoShak erhoben. RyaKar riss instinktiv die Arme hoch und in seinen Händen formte sich wie aus der Glut selbst ein ShoShak. Die Klingen krachten aufeinander und der Boden unter ihren Füßen erzitterte. Der Kampf fühlte sich schwer an. Jeder Schlag trug eine Last mit sich, nicht durch die Kraft des Körpers, sondern durch das Gewicht der eigenen Zweifel. Sein Gegner kannte jede Unsicherheit, jede Schwäche und jede Furcht von ihm. Es war ein Kampf gegen ihn selbst. Schweiß rann über sein Gesicht und sein Atem brannte in der Kehle, dennoch kämpfte er weiter. Immer wieder flackerte in ihm der Gedanke auf: „Vielleicht hat dieser recht. Vielleicht ist er nirr würdig.“ Doch jedes Mal, wenn diese Furcht ihn zu überwältigen drohte, rief er sich die Gesichter seiner Stammesgeschwister ins Gedächtnis. Er erinnerte sich an die Lehren im HiRinGu, an die Opfergaben im Tempel, die er gebracht hatte und an den Glauben, welcher ihn hierhergeführt hatte.
Mit einem letzten Aufbäumen stieß er die Gestalt zurück. „Dieser ist nirr perfekt.“ keuchte er, die Klinge mit beiden Händen fest umschlossen. „Doch jener diene nicht ihm selbst. Er dient der Glut. Wenn er fällt, dann im Feuer, das ihn reinigt. Wenn er bestehe, dann weil Mutter es will.“ Sein Spiegelbild schrie auf aus Zorn und Schmerz, ehe es in Funken zerbarst und im roten Nichts verging. Die Ebene aus Asche flackerte und die Glut verzog sich. Plötzlich stand RyaKar auf der anderen Seite der Schlucht. Seine Hände waren leer und der Körper schweißgebadet, das Herz schlug wild. Er hatte die Prüfung nicht im Körper, sondern im Geiste bestanden. Und während die Lava träge weiterfloss fühlte er, dass ein Teil seiner Zweifel dort unten zurückgeblieben war.
Zweite Prüfung
RyaKar hatte sich bereits tiefer in die Schluchten des RaKun vorgewagt. Hier unten, wo kein Sonnenlicht hinfiel, war es eine einzige Mischung aus Glut und Stein. Die Wände waren scharfkantig und durch die vielen Rissen schimmerte die Lava hell. Die Hitze war beinahe unerträglich für den BrakNa. Jeder Atemzug brannte in seiner Kehle und seiner Brust. Selbst die Haut, die das Leben auf dem RaKun gewohnt war, spannte sich und glühte. Doch RyaKar ging weiter, bis ihn ein tiefes Grollen innehalten ließ. Nicht weit weg von ihm leuchtet ein Lava See, dessen Oberfläche von roten Strömen durchzogen war. Asche rieselte wie feiner Schnee von oben und legte sich auf seinen Rücken. RyaKar verharrte für eine Weile, kniete sich nieder und begann erneut zu lauschen. Nach einer Weile regte sich etwas im Lava See. Blasen stiegen auf, platzten und warfen Funken in die Höhe. Aus der Tiefe erhob sich ein Wesen, geformt aus geschmolzenem Gestein, eine Art Lavaechse. Die Gestalt stieg aus der Lava, ihre Bewegungen langsam, aber kraftvoll. Lava tropfte von ihr runter und fiel zischend zu Boden. Sie schnappte nach ihm. RyaKar wich zurück, fühlte den heißen Atem des Wesens. Seine Hand tastete nach einem der scharfkantigen Felsen am Boden, ein Splitter aus Obsidian. Kein Dolch, nur der rohe Obsidian. „So prüft die Glutmutter“, dachte er. „Mit dem, was sie dem Stamm gibt.“ Die Kreatur schnappte erneut zu und schlug mit dem Schwanz. RyaKar wich aus und spürte den Schweiß, der sofort verdampfte, sobald er seine Haut verließ. Er sprang zur Seite und nutzte die Spalten im Boden, kletterte über die Vorsprünge, bis er die Kreatur von hinten erreichen konnte. Mit einem Aufschrei stieß er den scharfen Stein in ihren Rücken. Ein Aufheulen, ein Grollen, der ganze Lava See wallte auf. Die Gestalt wandte sich um und schnappte ein letztes Mal nach ihm, ehe sie in Lava zerfloss und wieder eins wurde mit dem See. Zurück blieben nur das Beben und der grollende Puls. Er kniete sich nieder und legte den Obsidian-Splitter in die Asche und schloss die Augen. Da rief er wieder die Worte von Akkasha in sich und dachte darüber nach. Der Stein in seiner Hand war NriKun er ist roh und doch scharf, dabei fähig zu schützen und zu töten. Die Lava, welche das Wesen gebar, war zugleich Zerstörung und Leben. Und er selbst, sein Herz war HraKun - Blut, Fleisch und Kraft. Erst in der Verbindung dieser Dinge hatte er den Kampf bestehen können. Er verstand, dass die Glutmutter ihn nicht auf seine Stärke geprüft hatte. Kun ist nicht nur das Sammeln von Dingen, sondern das Erkennen des Zusammenspiels. Stein und Körper, Feuer und Wille, die Schwäche und die Stärke. All das war ein Teil von ihr und somit auch von ihm. Er lernte es von klein auf doch verstand er es auf eine weitere neue Art. Langsam öffnete er die Augen, sein Blick fiel dabei wieder auf den Lava See. In seinem Herzen keimte ein neues Bewusstsein. Vielleicht war dies der erste Schritt, nicht nur ein BrakNa zu sein. Mit einem leisen, stummen Dank an die Glutmutter und Akkasha, stand er auf. Sein Weg würde ihn weiterführen. Alles, was sie ihm schenkt, trägt Kun in sich.
Ankunft
Die Hitze des RaKun wurde intensiver, je näher RyaKar dem Zentrum kam. Die Luft brannte in seiner Lunge und Schwefel mischte sich mit dem Duft von geschmolzenem Gestein. Selbst die Schatten der Höhlen schienen vor Hitze zu flimmern. Jeder Schritt auf dem dunklen Basalt hallte in einem Echo zurück. Die glühende Lava in den Rissen des Bodens schien ihn wie unsichtbaren Fesseln zu begleiten. Nach einem endlos wirkenden Marsch erreichte er eine große Kammer. Über ihm eine Decke aus unregelmäßigen Felsen die von goldroten Adern durchzogen waren. Aus der Tiefe der Höhle stieg ein warmer Dunst auf, der die Sicht trübte, aber die Sinne zu schärfen schien. Er ging weiter, spürte die pulsierende Lava unter seinen Füßen. Alles war lebendig. Jeder Tropfen glühender Flüssigkeit, jeder Felsvorsprung und jede Rauchwolke schien ihn prüfend und abwägend zu beobachten. Große Rillen im Stein führten Lava und Glut in ein Becken, dessen Kern wie ein Auge in der Dunkelheit war. Über den Rand hingen Schleier aus aufsteigendem Dampf, der das Licht brach.
RyaKar kniete sich am Rand des Beckens nieder, dabei die Hörner gesenkt. Er lauschte der inneren Stimme, die ihn durch diese Schritte leitete. Keine Worte, sondern nur Gefühle. Ein Drängen nach Hingabe war in ihm. Das Kun und jeder Schritt im RaKun, jede Prüfung hatten ihn hierhergeführt. Langsam legte er sich auf den Steinboden. Die Hitze der Umgebung drang tief in seine Glieder ein, sie schienen jede Faser seines Körpers zu durchdringen. In diesem Zustand der völligen Ruhe begannen die ersten Schübe. Es war, als würde jede Zelle seines Körpers das eigene Kun erkennen. Jede Erfahrung, jede Prüfung und jede Sekunde der Meditationen schienen ihn genau auf diesen Moment vorbereitet zu haben. Die Dunkelheit der Höhle verschmolz mit der inneren Glut. RyaKar spürte, wie die Energie in ihm sich zu verändern begann. Sein Atem wurde schwerelos und seine Sinne schärfer. Die Glut schien ein Teil von ihm zu werden und durch ihn hindurchzufließen. Die Hitze wurde intensiver, doch sie brannte nicht, sie formte sich und schuf eine Struktur um ihn, die gleichzeitig schützend und transformierend war. Sein Körper begann zu vibrieren, als würden jede Faser selbst auf die Schwingungen des RaKun reagieren. Jede Bewegung des Lavastroms und jede aufsteigende Rauchwolke, alles schien in Kontakt mit ihm zu treten. Er fühlte sich nicht allein. Die Präsenz der Glutmutter war spürbar, nicht als Stimme oder als Gestalt, sondern als reines Wissen und als lebendige Kraft, welche ihn umhüllte und leitete.
Stunden oder vielleicht Tage verstrichen. RyaKar schloss die Augen und ließ jede Kontrolle los. Sein Bewusstsein dehnte sich aus, verband sich mit der Glut. Er spürte, wie sich sein Körper veränderte. Die Muskeln, die Sehnen, die Knochen alles schien in Harmonie mit der inneren Glut zu verschmelzen. Jede Erinnerung und jede Fähigkeit, die er je erlernt hatte, wurden zu einem größeren Verständnis. Schub für Schub, entstand ein Gefühl der Umhüllung. Die Hitze, der Rauch legte sich immer dichter wie ein Mantel um seinen Körper. Die Glut der Umgebung schien sich in diesen Mantel einzuflechten. Jede Welle der Hitze wurde aufgenommen. Er spürte die Wandlung tief in sich.
Schub für Schub, wuchs die Hülle aus Feuer, Rauch und Energie wie ein lebendiger Kokon. Darin war er getragen, isoliert und geschützt. Alles Alte verblasste und wurde zum Nährstoff für das Neue. Es war kein Moment der Explosion, sondern ein Augenblick tiefster Resonanz. Jede Zelle seines Körpers vibrierte in perfekter Harmonie und jede Spur seines bisherigen Ichs war neu geformt. Er fühlte, wie seine alte BrakNa Essenz aufgelöst und gleichzeitig in eine neue aufging. Die Glut um ihn herum wurde intensiver, der Kokon pulsierte schneller und leuchtete immer heller auf.
Dann begann der Kokon sich langsam wie eine erblühende Blume zu öffnen. Rauch und Hitze woben sich auseinander und gaben den Blick frei. RyaKar spürte, wie sich sein Körper streckte und seine Glieder sich neu ordneten. Die neue Form war ihm vertraut und gleichzeitig fremd. Der BrakNa, der er einst war, war verschwunden, gewandelt in eine Rasharii, in die weibliche Gestalt, welche nun vollständig seine Seele und sein Kun verkörperte. Sie erhob sich aus der Hülle des Kokons, die Füße auf den Basalt gesetzt, und spürte sofort die Verbindung zu jedem HraKun und NriKun um sie herum. Die Hitze war nun nicht länger Bedrohung, sondern eher Energie, die sie verstand. Jeder Atemzug war tief und dabei voll Bewusstsein. Ihre Bewegungen sind getragen von neuem Wissen. In diesem Moment erkannte sie das AKun in sich selbst. Das Zusammenspiel welches sie auf eine neue Art verstand.
Langsam öffnete sie die Augen. Die Höhle vibrierte im Einklang mit ihr und in der Tiefe der Kammer schien die Glutmutter in der Lava zu lächeln. Die Wandlung war vollzogen. Die Hitze legte sich wie ein Mantel auf ihre Schultern, sie war neu geboren. Aus dem Alten war Neues geworden, eine KunLir. Mit jedem Herzschlag pulsierte das neue Band zwischen ihr und der Glutmutter stärker. Langsam hob die neue KunLir ihre Pranke und sprach leise Worte des Dankes. Sie wusste, dies ist nicht das Ende einer Wandlung, sondern der Anfang eines neuen geweihten Pfades.
