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Buch vom Voss

Verfasst: Samstag 12. April 2025, 14:35
von Tarin Voss
Borks Buch - Erste Seitn

Ich kann nich gut schreiben. Also, wenn das hier krumm aussieht - is so.

Ich heiß Tarin Voss. Aber die Leut sagn Bork. Net weil ich schlau bin oder stark oder was... sondern weil ich die Wälder mag. Bäume redn nich. Hau'n dich auch nich.

Ich komm aus'm Eck, wo Schwarzwasser und Shevanor sich beißn. Grausliges Loch. Immer feucht. Riecht wie nasser Fuß. Gibt nix Guts da, außer'n paar alte Tannen. Und der Hund Blaufang, aber der is tot.

Schule gab’s keine. Nur'n Kerl mit'm Gürtel. Wenn am Abend kein Geld da war, gab's was auf'n Rücken. Also hab ich gebettelt. Dann geklaut. Später wusst ich, was Leut zahlen für Zeug, das ihnen nich mehr gehört.

Das hier is mein Buch. Für mich. Zum Denken. Zum Merken. Und für die komischen Träum.

Wenn du das gefunden hast - leg's zurück. Oder ich find dich.

-Bork

Verfasst: Samstag 12. April 2025, 14:36
von Tarin Voss
Seitn 2 - Kindheit

Kalt wars. Immer. Füß nass. Bauch leer. Einer hat gesagt: „Wer nix bringt, kriegt nix.“ Hat er recht gehabt. Hätt ich mal was andres gehört.

Die andren Bälger warn schlimm. Haben getreten, wenn du nich aufgepasst hast. Einer hat mir mal’n Fisch gestohlen, den ich vom Markt gezockt hab. Hab ihm später nen Stein auf’n Kopf gehaun. Dann war Ruhe.

Blaufang war mein Hund. Grau, ein Ohr hing runter. Kam immer mit, wenn ich weggelaufen bin. Hab ihn irgendwann nich mehr gesehn. Vielleicht hat ihn wer gegessen. Weiß nich. War’n guter Hund.

-Bork

Verfasst: Samstag 12. April 2025, 14:40
von Tarin Voss
Seitn 7 - Gerimor - das Pferd

Bin rüber nach Gerimor, weil's auf Schwarzwasserseit zu heiß wurde.

Hab mich im Wald versteckt bei Bajard, war hungrig und zornig. Dann kam sie - jung, blond, mit'n Sack über der Schulter. Sah aus, als hätt sie was. Ich bin raus, Bogen in der Hand, und hab gesagt: „Wenn du nix gibst, kriegst'n Pfeil ins Aug.“

Sie is stehen geblieben. Kein Geschrei, keine Träne. Hat gesagt, sie kann mir'n Pferd holen, wenn ich sie leben lass. Ich dacht, die lügt. Hab ihr gesagt, wenn sie nich zurückkommt - ich find sie. Und dann…

Sie kam zurück. Mit'm Pferd. Braun, dicke Mähne. Kein Trick, kein Hinterhalt. Nur'n Gaul.

Ich hab ihn genommen und bin weg. Rauf nach Norden, bis man nix mehr hörte außer Wind und Hufe.

Hab ihn Dorn genannt. Wollt ihn verkaufen, aber… irgendwas war anders. Der hat einfach mitgemacht. Ruhig. Hat gefressen, geguckt, geschnauft.

Erste Nacht mit Dorn war warm. Hab besser gschlafen als seit langem.

-Bork

Verfasst: Samstag 12. April 2025, 14:42
von Tarin Voss
Seitn 13 - K'awi - Feuerfrau

K'awi is'n seltsamer Ort. Felsig. Laut. Zu viele Leute mit glänznden Stäbchen und Kleidern.

Ich war im Gebüsch, hab auf Beute gewartet. Dann kam sie - rothaarig, gut gekleidet, schnell unterwegs. Ich bin raus, Dolch in der Hand, und hab gebrüllt: „Steh still, oder ich stech dir ins Aug!“

Sie is stehen geblieben. Kein Zittern, kein Flehn. Nur'n kalter Blick. Und dann - zack - konnt ich mich nich mehr bewegen. Wie'n Stein. Beine, Arme, alles fest. Ich dacht erst, mein Körper wär hinüber. War seltsam… wie eingesperrt im eigenen Fleisch.

Dann hat sie Feuer gemacht. Einfach so. Mit'n Finger. Flamme direkt vor mir, und ich konnt nix tun. Dachte, ich bin gleich Asche.

Dann hab ich’s gesehn… ihren Bauch. Rund. Die war schwanger.

Ich… hätt sie nie angefasst, wenn ich das gewusst hätt. Ehrlich. Ich bin vieles, aber kein Feigling, der'n Kind im Bauch bedroht.

Dann kam ihr Trupp. Ham mich umzingelt, andre ham sie zurückgehalten.

Bin in'n Loch geworfen worden. War feucht, kalt. Riecht wie Blut und Eisen. Aber was zu mapmfen gabs.

Am Morgen ham sie gesagt: „Du kommst hier nich mehr her.“ Hab gesagt: „Is eh zu heiss hier.“

Aber… manchmal seh ich sie noch in Träum. Nich weil ich sie mag. Eher weil’s falsch war. Ihre Hände - seltsam. Wie'n Funke vorm Sturm. Und irgendwas drin, das mich heut noch wach macht.

-Bork

Verfasst: Samstag 12. April 2025, 15:17
von Tarin Voss
Seitn 14 - Ida

Hab heut wen getroffen. So einfach. Kein Streit, kein Rumschreien. Einfach gefragt.

Sie hieß Ida. War unterwegs, sah aus wie aus'm Bilderbuch - teure Lederrüstung, glatt wie'n Apfel. Ich hab nur gefragt: „Hast was?“

Sie hat gelächelt. Und mir Brot gegeben. Und Geld. Einfach so. Hat gemeint, ich seh aus wie'n armer Tropf. Hat gesagt, sie dacht, ich wär'n Strauchdieb. Wenn sie wüsst?

Ich glaub, dann hätt sie nix gegeben. Oder doch?

Sie hat nich viel gefragt. Nur genickt, und is dann weiter. Einfach so. Ich hab zugeguckt, wie sie ging.

Die Leut hier sind anders. Wie die auf K'awi gesagt ham. Reich. Haben zu viel. Geben weg, ohne zu merk'n, was fehlt.

Ich glaub, ich bleib hier. Wird gut hier. Für mich.

-Bork

Verfasst: Sonntag 13. April 2025, 15:56
von Tarin Voss
Seitn 15 - Die Stumme

Hab heut im Wald bei Bajard eine gesehn. Hat Kräuter gesammelt, mit ruhiger Hand. So wie jemand, der das kennt. Ich war gut, hab mich rangeschlichen wie ein Fuchs.

Bin raus, hab ihr gezeigt, dass ich's ernst mein. Und siehe da - paar Münzen später war ich reicher.

Dann kam noch eine, hinten auf'm Pfad. Ich hab gebrüllt, dass sie verschwind'n soll - und dann is sie auch gerannt.

Die mit den Kräutern - redet nix. Kein Wort. Ich nenn sie die Stumme. Hat mir dann was gegeben… so'n Trank oder Fläschchen. Vielleicht Gift, vielleicht'n Schlaftrunk.

Ich hab gesagt: „Nee nee, so blöd bin ich nich.“ Hab's nich genommen. Sicher is sicher.

Bin dann weg. Schnell, durch die Büsche. Wieder allein, Feuer gemacht, n Happen gekocht.

War'n guter Abend. Kein Blut, kein Ärger. Und die Stumme? Weiß nich. Vielleicht doch gefährlich. Vielleicht auch nur dumm. Aber irgendwas an ihr war… komisch. Als ob sie mehr wusste.

-Bork

Verfasst: Samstag 19. April 2025, 16:27
von Tarin Voss
Seitn 16 – Rittersee

Am Rittersee war heut einer. Allein. Hat Sand geschaufelt, als ob er bezahlt wird fürs Dummsein. Komisch sah er aus - spitzer roter Hut, wie’n Kasper, den man bei nem Fest sieht. Aber keine Fahne, keine Leut. Nur er, die Schaufel und der Sand.

Ich hab mich rangeschlichen. Leise wie’n Schatten. Die Vögel ham nich mal aufgehört zu zwitschern. Dann stand ich hinter ihm. Bogen gespannt. „Dreh dich nich um. Sonst kriegst`n Pfeil ins Aug.“ Er hat sich versteift. Ganz steif. Dann hat er die Börse hingeschmissen. Prall gefüllt. Klimm, hat das gemacht. Schönes Geräusch. Klang wie’n Versprechen.

Ich hab gesagt: „Starr aufs Wasser. Und zähl. Bis fünfzig.“ Hat er gemacht. Laut, zittrig. „Eins… zwei… drei…“

Ich war weg, bevor er bei vierzehn war.

Bin durch die Sträucher, runter zum Wasser, dann rauf in den Wald. Keiner hat mich gesehn. Der Wind war mit mir heut. Hab später die Börse aufgemacht – Goldstücke, und’n Tuch mit so Stickerei drauf. Wahrscheinlich von Mutti. Hab’s ins Feuer geworfen. Macht nur Ärger, sowas.

War’n guter Tag. Gute Münzen, kein Blut, kein Geschrei.

Nur ein Trottel mit’m Hut, und ich mit mehr Gewicht in der Tasche.

-Bork

Verfasst: Samstag 19. April 2025, 19:09
von Tarin Voss
Seitn 19 – Tom, der König von K’awi

War in Bajard, beim Markt. Ich steh da rum, tu so als ob ich nix tu, schau den Leuten auf die Finger - wer was in der Tasche hat, was locker sitzt.

Da kommt er. Groß. In feinem Leder, das nach Geld aussieht. Kein Kratzer dran. Riecht nach Abenteuer und warmem Brot.Ich kenn ihn. Die Stimme von K’awi. Der König oder so. Tom heißt er.

Ich dacht, jetzt wird’s eng. Aber nix da. Er war nett. Hat gelächelt. Gesagt, er findet’s schade, was passiert is. Mit mir. Mit Mera. Mit dem Feuer und dem Bog'n.

Find ich auch.

Dann hat er was gesagt, das war… komisch. Hat gemeint, wenn ich ihr’n Brief schreib - an Mera, die mit dem Wanst - und mich entschuldig, dann bringt er ihn hin. Persönlich.

Ich hab mich gefragt, ob er spinnt. Aber irgendwas an ihm war echt. Kein Spott, kein „Ich bin besser“.

Ich hab gesagt: „Gut. Kriegste. Ich schreib’n Brief.“ Und ich mein das auch. Vielleicht hilft’s. Vielleicht darf ich dann meine Sachen da verkaufen. Die Sachen, die ich so „find“.

Hab ihm versprochen, zwei gerupfte Hühner mit reinzupacken. Nicht frisch, aber besser als nix. Meint er, ich solls lassen.. ich schick sie trotzdem.

Wird komisch, das zu schreiben. Aber ich versuch’s. Vielleicht ist das mein Weg zurück nach K’awi. Vielleicht auch nur ein Zettel und zwei Vögel. Wir werd’n sehn.

-Bork

Verfasst: Samstag 19. April 2025, 20:14
von Tarin Voss
Seitn 21 – Wieder die Stumme (aber nich so stumm)

War wieder in Bajard heut. Nur mal schauen, was so rumsteht. Und wer.

Dann seh ich sie. Die mit den Kräutern. Die, die ich letztes Mal im Wald… sagen wir mal… besucht hab.

Sie hat mich nich erkannt – klar, war ja damals gut vermummt. Heut sah ich anders aus. Mehr sauber. Weniger Wald.

Und sie? Hat mich eingeladen. In ihr Haus. Ganz allein.

Ich dacht: „Leichte Beute.“ Tür zu, Sack zu, fertig.

Aber sie war… nett.

Hat mir was zu essen gemacht. Eintopf mit was Grünem drin. Dann gab’s Kleidung. Ordentliches Zeug. Und dann - halt dich fest - gibt sie mir so’n Fläschchen, mit dem man Leute mit’m Boden verklebt! Klebrig wie Honig und Wut.

Perfekt.

So stumm war sie gar nich. Hat ‘ne leise, krächzende Stimme. Wie’n Rabe mit Halsschmerzen. Aber lieber, sie schreibt. Klingt besser.

Ragai heißt sie übrigens. Hat’s mir aufgeschrieben. Klingt schick.

Sie hat erzählt, dass ein Ritter unterwegs ist. Sucht so’n Strauchdieb, der arme Kräutersammler ausnimmt.

„Oh je“, hab ich gesagt. „Der is sicher längst über alle Berge.“

Und sie? Nickt. Glaubt’s.

Gut so.

Ich bin dann bald wieder raus. Nicht gerannt, aber auch nich getrödelt. Und weißt du was? Ich war… verwirrt.

Von ihr. Von mir. Von all dem.

Vielleicht isses das Alter. Oder das Essen. Oder… irgendwas stimmt nich.

-Bork

Verfasst: Sonntag 20. April 2025, 18:17
von Tarin Voss
Seitn 22 - Der Spinner an der Klippe

War heut an der Meeresklippe, da wo der Wind pfeift wie’n alter Mann. Hatte einen gesehen - Fischer mit’m Packpferd. Stand da allein, hat geangelt, als wär das hier’n stilles Bächlein und keine nasse Klippe vorm Ende der Welt.

Ich hab mich angeschlichen. Bogen gespannt, Pfeil auf Sehne. „Gib her, was du hast!“, hab ich gesagt.

Der dreht sich um. Langsam. Guckt mich an. Grinst. Sagt: „Ich hab nix.“
Und dann - wirklich jetzt - sagt er: „Du kannst ja auf mich schießen. Ich schieß zurück.“

Der hatte… ‘ne Angel in der Hand. Keine Armbrust. Kein Dolch. Nix. Nur’n Stock mit Schnur.
Ich dacht erst, er macht Witze. Aber der hat das ernst gemeint.

Ich hätt ihn dreimal durchs Auge geschossen, bevor er überhaupt wusste, wo hinten beim Bogen ist. Aber ich hab’s gelassen.

Und dann - und jetzt halt dich fest - nimmt er einfach den Zügel von seinem Pferd, dreht sich um, und geht.
Spaziert davon, als wär ich der Barde vom Dienst.

Ich stand da wie’n Depp. Pfeil noch in der Hand, Maul offen.

Ich hab ihn ziehen lassen.
Vielleicht war er verrückt. Oder mutig. Oder beides. Aber eins weiß ich: Mit den Tollhäuslern legt man sich besser nicht an - die ham nix zu verlieren.

-Bork

Verfasst: Montag 21. April 2025, 11:03
von Tarin Voss
Seitn 23 - Die Börse, die ich nicht nahm

Hab heut wieder einen Angler gesehen. Am Meer wieder, aber nicht an der Klippe. Ruhiger Typ. Pack lag neben ihm, Börse locker am Gurt.

Bin hin. Wie immer. Bogen gespannt. „Her mit der Börse.“
Hat sie sofort geworfen. Ohne Mucken.

Aber dann sagt er was. Ganz ruhig.
Sagt: „Wenn du mehr brauchst, frag. Nur... halt den Bogen von meiner Alten fern.“

Ich runzel die Stirn. „Welche Alte?“
Er: „Die bei Bajard. Die Kräutersammlerin. Meine Frau.“

Da... is mir was im Magen gerutscht.
Ich hab zur Börse geguckt. Die lag da, prall gefüllt. Reine Beute.

Aber ich hab gesagt: „Nimm’s wieder. Kauf ihr was Schönes.“
Er hat geguckt, als hätt ich ihn angespuckt. Nur andersrum.

Ich auch.
Konnte meinen Worten nicht glauben.

Hab mich dann aus dem Staub gemacht. Schnell, leise. Ohne Geld, aber mit irgendwas Schwerem im Kopf.

Weiß nich, was das war. Vielleicht das Richtige. Vielleicht auch nur Dummheit.

-Bork

Verfasst: Montag 21. April 2025, 21:37
von Tarin Voss
Seitn 24 – Was stimmt nich mit mir?

Seit wann geb ich Leuten ihre Börse zurück?
Seit wann red ich von „was Schönes kaufen“? Seit wann guck ich weg, wenn ich doch was nehmen könnt?

Ich wach nachts auf und seh Gesichter. Nicht die mit den Klingen. Die andren. Die, die nix getan ham. Die mir Brot gegeben ham. Oder’n Blick. Oder’n Namen.

Ragai.
Tom.
Die Alte mit’m Bauch.
Und jetzt der Kerl mit der Angel.

Die ham alle was dagelassen. Irgendwas in mir drin, das ich nich loskrieg. Wie’n Splitter unter der Haut.

Aber das geht nich. So werd ich weich. Und Weichsein macht tot.
Ich bin kein Held. Ich bin Bork.

Hab heut wieder einen überfallen. Ganz normal. Pfeil, Befehl, Beute.
Keine Namen. Keine Fragen. Nur Gold.
War gut.
War richtig.
War wie früher.

Ich brauch das.
Ich darf nich drüber nachdenken. Wenn ich fühl, bin ich verloren.

-Bork

Verfasst: Montag 21. April 2025, 21:53
von Tarin Voss
Seitn 25 – Klosterschreck

War heut bei Schwingenstein. Rand der Siedlung, still, niemand da. Eine Tür stand offen. Einfach so.
Und ich? Wagemutig wie’n Marder mit Fieber. Bin rein.

Drin war nur eine. Frau, schickes Kleid, aber mit’n Dolch. Stand da, als wär sie nich überrascht.

Ich hab geschrien: „Münzen her! Dolch fallen lassen!“
Wie immer. Laut, gefährlich, Bork eben.

Aber sie? Guckt mich an. Ganz ruhig.
Sagt: „Du wirst den Kürzeren ziehen, Bursche.“
Dann: „Ich bin Wache. Vom Kloster. Wenn ich dich erwisch, bist du’s, den man zusammenflickt.“

Ich… hab gezögert. Vielleicht ein bisschen.
Hab dann Radau gemacht.
Stuhl umgeschmissen.
Ne Pflanze fliegt.
Hab sie „alte Ziege“ genannt. Oder schlimmer.

Und dann – raus. Schnell.

Bork, der Feigling. Rennt vor ner Alten weg.
Aber… die hatte was an sich. So’n Blick. Als wär sie zehnmal schon gestorben und hätte jedes Mal den Tod selber verdroschen.

Ich werd älter. Oder dümmer. Oder beides.

-Bork

Verfasst: Dienstag 22. April 2025, 01:37
von Tarin Voss
Zwischen den Seiten

Es hätte ein guter Eintrag werden können. Einer mit Schimpfworten und fliegenden Blumentöpfen. Bork hatte sich’s gerade zurechtgeschrieben - die Sache mit der Alten aus Schwingenstein, die ihn mit nichts weiter als einem Dolch und einem Blick davongejagt hatte.
Die Worte hatten gesessen. Scharf wie sein eigener Pfeil.

Er saß tief im Wald, auf dem feuchten Boden, Rücken an Rinde, das Buch auf den Knien.
Zwischen Moos, Schatten und Erinnerung.

Und dann - das Geräusch.

Nicht laut. Nicht bedrohlich.
Zuerst.

Doch Bork hatte viele Geräusche gehört in seinem Leben. Und dieses hier - dieses leise Tappen, das Rasseln, das rhythmische Drücken des Bodens - war falsch.
Zu gleichmäßig. Zu schwer. Zu viele.

Er wurde flach. Presste sich auf den Waldboden. Konnte schon das Metall riechen, noch bevor er es sah.

Regimentler. Sechs.. Acht.. Oder mehr.

Er schob sich unter einen Busch. Die Luft blieb stehen in seiner Kehle. Das Buch drückte gegen seinen Bauch, fest wie ein Teil von ihm.

Er hätte still sein können.
Er war’s auch.
Bis der Ast kam.

Knack.

Ein Laut wie Hohn.

„Da! Im Gebüsch!“
„Bewegung!“
„Sichern!“

Er rannte nicht. Noch nicht. Dann schon.
Und sie rannten. Und schneller. Und geübter.

Ein Griff, ein Befehl, ein Ziehen.
Dann Eisen. Dann Stein. Dann Dunkel.

Keine Schläge. Keine Fragen.
Nur kaltes Wasser ins Gesicht, als er bereits saß.
Ein Eimer. Ein Lächeln.

Später kam einer. Nicht mit Kette, sondern mit Bork’s Buch in der Hand.
Nicht schmutzig. Nicht achtlos.
Mit Lesezeichen.

„Seite Sieben war nett. Das mit dem Pferd.“
Ein anderer: „Und Seite Dreizehn. Feuer und Schwangere. Ein Klassiker.“
Lachen.
Aber kein Spott mehr.
Nur ein Urteil, das noch nicht gesprochen war.

„Das hier“, sagte der mit der Rüstung, „ist keine Spielerei. Das ist ein Geständnis. Dutzende von ihnen. Schwarz auf schiefem Weiß.“
Er hielt das Buch hoch wie eine Trophäe.
„Das reicht für den Galgen. Oder fürs ewige Loch.“

Bork schwieg.
Das erste Mal seit langem fühlte sich das Buch nicht mehr wie seins an.

Es war nicht mehr ein Werkzeug.
Es war Beweis.

Er sah es dort liegen, auf dem Tisch außerhalb der Zelle.
Aufgeschlagen. Offen.
Sein Leben.
Sein Stolz.
Jetzt in fremden Händen.

Sie lesen seine Gedanken. Seine Pläne. Seine Schwächen.
Er hatte sich selbst verraten - mit jedem Wort, das er geglaubt hatte, nur für sich zu schreiben.

Jetzt sitzt er da. Und starrt auf den Steinboden.
Kein Moos. Kein Dorn. Kein Feuer.
Nur Gedanken.

Er hat keine Feder. Keine Seiten. Kein „Seitn 26“.
Noch nicht.

Aber die Sätze, sie sind da.
Im Kopf.
Und sie hören nicht auf.

Verfasst: Dienstag 22. April 2025, 13:02
von Tarin Voss
Ein Tropfen Respekt

Der Stein war kalt, aber nicht neu. Er hatte diesen Ort schon gespürt, lang bevor man ihn hier hineingestoßen hatte.
Er kannte feuchte Wände.
Kannte Dunkelheit.
Kannte das Gefühl, wenn man nichts hört außer Tropfen - langsam, stetig, wie vergessene Sekunden, die zu Stunden werden.

Doch was Bork nicht kannte, war der Mann namens Sturmwind.

Er kam nicht wie ein Henker. Auch nicht wie ein Wächter, der sich wichtig macht.
Er trat in den Gang wie jemand, der schon oft mit Leuten wie Bork gesprochen hatte. Zu oft.
Schloss klirrte. Die Tür öffnete sich.

Ein Schatten füllte die Zelle.
Breit. Stille. Und dann:

„Respekt“, sagte er.
Nicht laut. Nicht als Drohung.
„Respekt ist etwas, das man sich verdient. Nicht erzwingt.“

Bork hockte da, das Kinn in der Hand. Das linke Auge schwoll schon leicht vom Schlaf auf hartem Boden.
„Vielleicht bin ich das gar nicht“, sagte er, und hob die Schultern, als wär das ein Witz.

„Wie meinst du das?“

„Na… ich mein, vielleicht war ich das gar nicht. Vielleicht war das der andere Bork.“

Der Wächter schwieg.

„Der Kalure, weißt schon. Dabei heißen die doch alle komisch... na normalerweise... – Stump’n oder Lumpi oder so.“
Er grinste. Ein müdes, schiefes Grinsen.
„Ich bin Tarin. Tarin Voss. Der andere ist Bork. Der hat das bestimmt gemacht.“

Sturmwind sah ihn lange an.
Kein Zucken. Kein Lächeln. Nur Blick.

Dann hob er den Eimer.
Kalt. Unerbittlich.
Das Wasser prallte wie Hohn auf Borks Schädel.

Etwas in Bork kochte. Nicht vom Wasser. Vom Ton. Von den Worten.

„Du redest von Respekt“, knurrte er, „aber du kommst hierher und gießt mich aus wie’n alter Blumentopf.“
Er stand jetzt.
Nass. Zitternd. Aber aufrecht.

„Wenn du so’n Ehrenmann bist, dann halt das Wasser. Oder halt dein Maul.“
Der Wächter hob die Braue.
Schweigen.
Dann Bork, lauter:
„Sohn einer Hündin!“

Es ging schnell.
Keine Warnung.
Nur ein metallisches Pfeifen – und der Aufprall.

Panzerhandschuh.
Links. Direkt ins Gesicht.

Schmerz explodierte in Farben, die kein Maler malen konnte.
Die Welt kippte.
Stein war plötzlich oben.
Und dann-nichts.

Kein Licht. Kein Geräusch.
Nur ein Druck im Schädel, wie von innen zerdrückt.
Ein pochendes Nichts.

Als er wieder kam, war das Auge zu.
Dick. Warm.
Geschmack von Blut im Mund.

Er lag auf der Seite.
Sturmwind war weg.
Die Tür war zu.

Und es war ruhig.
Sogar der Tropfen hatte aufgehört.

Und Bork… träumte.
Von Bäumen.
Von Dorn.
Von einem Leben ohne Wände.

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