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[Questreihe] Märchen aus dem Dunkeltann

Verfasst: Sonntag 23. März 2025, 22:04
von Der Erzähler
Teil 1 – Die Schwarzgallenmuhme

Im tiefen, tiefen Wald, da steht ein Hexenhaus.
Dort blickt aus dunklem Fenster eine Fratze raus.
Es ist das grausigste Weib, das es jemals gab,
lockt die Kindlein mit ihrem Zauberstab.
Wenn ein Kind dann bald die Vorsicht hat vergessen
so wird es von der Schwarzgallenmuhme gefressen!
Drum hüte, hüte dich vor dem Hexenhaus im Dunkeltann
sonst endet deine Geschichte, bevor sie recht begann.


Der Dunkeltann in Werlental ist seit Beginn der Geschichten und Erinnerungen Ort der Mären, Sagen und so mancher Legende. Vielleicht auch schon davor, das kann so genau niemand mehr sagen, doch steht fest, dass die Erzählungen, welche sich aus diesem dunklen Forst in die Berichte der Bevölkerung spinnen, weit mehr als nur das sind. Jede Mär, die hier entsprungen ist, hat mindestens ein Fünkchen Wahrheit, wenn nicht gleich ein ganzes Inferno davon.

So ist es wohl an der Zeit eine der schrecklichsten Gestalten aus dem Dunkeltann zu betrachten, wird sie in unserer Geschichte doch eine nicht gerade kleine Rolle spielen:

Die Sagenfigur der Schwarzgallenmuhme.

Dabei gibt es in ihrem Fall gar keine konkrete Erzählung, an welcher man sich so schön sauber entlanghangeln könnte. Kein Entstehungsbericht oder eine Fabel, die eine Moral beinhalten würde. Nein, es sind vielmehr unzählige Sichtungen, diverse Rapporte und angebliche Begegnungen anhand welcher man sich Einiges zusammenzählen könnte.
So ist die Muhme unglaublich alt, hat einen Buckel, der je nach Erdichtung mal gewaltiger oder kleiner ist, Warzen sollen auf der krummen Nase sein, die Haut faltig, das Haar strähnig und silbergrau bis schlohweiß. Sie trägt einfache Gewänder, in manchen Berichten auch recht wortwörtlich einen großen, braunen Rupfensack als Kittel aber immer einen knorrigen Blutholzstab, dessen Rinde auch nach Jahrhunderten weiterhin rötlich tropft. Manche sagen, die Augen wären ebenfalls blutunterlaufen oder würden gar wie Rubine im Sonnenlicht unselig glühen, Andere aber behaupten ihre Augen wären gänzlich weiß und milchig blind, könnten aber mehr sehen als des Adlers scharfer Blick. Sie sind sich aber alle einig, dass dieser Muhmenblick kein guter ist und alles, was da nur folgen kann, Grauenvolles bedeutet. In manchen Texten oder leisen Erzählungen ist auch immer wieder die Rede davon, dass sie schlingenartige Finger hätte, welche sie wie Ranken wachsen und arme Seelen damit ergreifen könne. Mit solchen Informationen mehren sich die Namen wie „Olle Bitterknolle“, „Rankenwiep“, „Dornenmütterchen“ und viel mehr. Wobei „die Schlingerin“ auch einen anderen Bezug haben könnte, denn es ist vor allem bekannt, dass sie Kinder lockt und dass jene, wenn sie erst einmal in die Fänger der Schwarzgallenmuhme geraten, nicht mehr wieder auftauchen. Was mit den Kindern geschieht ist nicht ganz klar, die Meinungen sind hier verschieden und die Geschichten erneut schillernd aber nie ganz gleich. Favorisiert wird die These, dass sie sie schlichtweg, wie eine böse Märchenhexe, frisst…

Ein Glück, dass sie vor einer halben Dekade so plötzlich verschwand.
Ein Unglück, dass sie seit einigen Monaten wieder im Gespräch ist, als erneut Kinder in und um den Dunkeltann herum, verschwinden und nicht mehr wiederkehren. Erneut erzählen Mütter auf ganz Alathair ihren Kleinen des Abends Schauergeschichten, warnen davor alleine in den Tann zu schlendern oder bei Einbruch der Dunkelheit generell zu lange im Freien zu verbringen. Doch auch Kinder, die nicht mit den Berichten um die Muhme in Kontakt gekommen sind, beginnen zu träumen, zu lauschen und wissen sogleich, durch diese innere Magie, die zumeist nur Kinder so rein in sich tragen, dass es ein Hilferuf ist, denn auch nur Kinder hören, verstehen und Folge leisten können.

Feenwesen sind es, die im Traum die Geschichte zu ihnen tragen. Kleine, zarte, schimmernde Wesen aus Sonnenfeuerlicht und Mitternachtsglanz geformt, welche ihnen die Bilder zeigen, die eine eigene Sage für sich sind…

Andere Burschen und Mädchen sind zu sehen, wie sie am Rande eines Dorfes spielen und doch immer wieder in Richtung des Tanns blicken.

«Hier ist es langweilig», meckert Simon und tritt einen Kieselstein durch die Gegend. Auch die anderen Kinder können dem nur zustimmen, das Dorf in dem die Kinder lebten, ist eher beschaulich. Es besteht aus einfachen Häusern und liegt zwischen einem Teich und dem großen Wald.
Im dunklen Wald hingegen, da gibt es wirklich spannendes zu erleben. Der olle Bork hat schon viele Geschichten zu erzählen gewusst, von Feen und Kobolden, aber auch von einer hässlichen Muhme, die Kinder verschleppt und unaussprechliche Dinge mit ihnen tut.

«Man muss sie nur reizen und rufen,» weiss Milo zu berichten, und weiter: «Man darf ihr nur nicht in die Augen sehen, sonst ist man verloren.». «Keiner von uns darf in den großen Wald! Das hat schon seinen Grund.», meint da Anna und hebt dazu auch schulmeisterlich den Finger.
«Ich trau mich trotzdem!», ruft Gustav und schaut in die Runde; «Wer kommt mit?». Erst nach langem hin und her steht dann fest das Gustav und Susa die einzigen sind, die sich wirklich trauen.

Unter den Blicken ihrer Freunde, verschwinden die beiden auch kurze Zeit darauf im Wald. Ziel der zwei, eine größere Lichtung, wo sie die Muhme vermuten. Es ist ein rechtes Stück Weg und es dauert seine Zeit und wie gigantisch ist die erste Enttäuschung als die Lichtung leer und recht freundlich wirkt. Die Beiden sehen sich an und überlegen, doch dann fangen sie an zu rufen:

Muhme, Muhme … böses Weib, komm mit deinem Warzenleib,
Zeig uns dein fieses Angesicht, Muhme denn ich fürcht' mich nicht!


Zur schauerlichen Überraschung der beiden Kinder taucht dann, aus dem Nichts eine hässliche Fratze auf. Glühende Augen, zu lange Zähne, eine schwarze Zunge im Mund… Hektik macht sich breit und Susa ist die erste die sich rührt und ergreift Gustavs Hand um diesen mit sich wegzuziehen. «Kommt ihr Kinderlein ich habe auch etwas für euch!», schnarrt die kratzige Stimme hinter ihnen lockend, doch Susa und Gustav sind bereits auf dem Weg ins Dorf und haben kein Gehör für die Worte der Muhme.

Zurück im Dorf ist erst einmal Trubel und wildes Geschrei. Die anderen Kinder wollen wissen was passiert ist und die Erwachsenen schimpfen, weil sie im Wald gewesen sind.

Ein paar Tage herrscht dann auch Schweigen über das Thema, doch wie es so ist in einem so beschaulichen Dorf, irgendwann kehrt die Langeweile wieder ein und Susa und Gustav erzählen ihren Freunden, was passiert ist im Wald.
Viel wird diskutiert unter den Kindern, hin und her überlegt was denn nun zu tun ist. Sogar der schrullige Bork wird befragt und gibt auch ohne es zu wollen einen entscheidenden Gedanken ins Spiel.
Und so kommt es zu jenem Tag an dem die versammelten Kinder in den Wald ziehen, gemeinsam sind sie stärker und sie haben nicht nur sich, sondern auch noch einen Plan. Auf der Lichtung angekommen, da rufen sie nicht nur die Muhme! Haha! Nein, diesmal waren sie klüger und rufen auch die Feen auf den Plan, denn Bork hat ihnen erzählt: auch wenn die Feen gerne mal Schabernack treiben, wenn wirklich Gefahr lauert, kommen sie herbei und helfen.

Feen, Feen kommt herbei. Fliegt zu uns
- so bunt und frei,
mit Glitzerstaub und Lichterschein
lasst und gemeinsam mutig sein.


Und so ist es gekommen, wie geplant. Die Feen sind gekommen und haben sich um die Muhme gekümmert, und die Kinder konnten mit einer wundervollen Neuigkeit ins Dorf zurückkehren.
Kleine Helden sind sie! Und haben die Welt von einer Gefahr befreit. Auch wenn die Eltern erst etwas geschockt gewesen sind, so hat der Stolz gesiegt. Statt der Ohrfeigen weil sie in den Wald gegangen sind, gibt’s süße Omelettes so dick mit Marmelade bestrichen, dass man sie kaum noch rollen kann!

Als diese schöne Geschichte aber langsam im Traum verblasst, ist da eine leise, flehende Stimme, die noch haucht:

„Zwei Kinder hat sie noch, die Muhme. Zwei, die nur noch eine letzte Möglichkeit haben… Hilfe durch andere Kinder und wenn der fünfte Tag der Woche, die achte Abendstunde lässt verlauten, so lausche dem Lied der Schaumgeborenen und dem Gesang, denn er führt dich an den Feenort, wo gemeinsam diese beiden gerettet werden müssen… müssen, sonst…“
Der Traum bricht mit einem leisen Schluchzen ab.
Und so warten sie, die Wesen der Anderswelten, welche den Kampf gegen die Muhme nicht alleine aufnehmen können, auf die Kinder, die an diesem einen Abend zwei Leben retten können.


[OOC: 28.03.2025; 20 Uhr – Kindereventüberraschung IG]

Verfasst: Montag 24. März 2025, 17:03
von Tarek
In Adoran war es jetzt viel stiller. Sogar in den großen Häusern waren die Lichter schon aus. Vor kurzem hatten dort Familien noch zusammen zu Abend gegessen, Geschichten erzählt und gelacht. Manche Häuser waren voller Leute, andere hatten nur Paare oder sogar jemanden, der genauso allein war wie der kleine Junge, der noch auf der Straße herumstreifte.
Er hätte nie gesagt, dass er sich einsam fühlte. Aber da saß er nun schon eine Weile hinter einem Zaun, schaute durch ein Fenster und roch das leckere Essen, das bis nach draußen zog. Hungrig leckte er sich die Lippen und kaute auf einem Grashalm herum.
Die Sonne war untergegangen, und ein kalter Wind wehte, der ihn schließlich zurück ins Hafenviertel trieb. Anderswo wurden die Kinder jetzt ins Bett gebracht.
Das Haus, in das er ging, lag etwas abseits und war eines der kleinsten dort. Die Tür hing schief in den Angeln, aber sie war offen. Vor ein paar Tagen war er hineingeschlüpft. Niemand kümmerte sich groß darum; er war klein und unauffällig.
In einer Ecke, hinter ein paar Brettern, hatte er sich ein provisorisches Bett gebaut: ein Brett auf dem Boden, etwas Stroh, das er aus einer Futterkrippe "ausgeliehen" hatte, und ein paar Stücke Segeltuch, die er im Hafen gefunden und getrocknet hatte. Dort kauerte er sich zusammen und starrte in die Dunkelheit.

Er würde es nie zugeben, aber er mochte die Dunkelheit nicht. Die Wände hatten Risse, durch die das schwache Mondlicht fiel. Durch diese Spalten pfiff auch der kalte Wind und brachte den Geruch von Schimmel, Feuchtigkeit und ein bisschen salziger Meeresluft mit sich.
Er zog die viel zu große Jacke enger um sich, wusste aber schon, dass die Kälte wieder in seine Knochen kriechen würde. Gerne hätte er ein Feuer gemacht; er wusste genau, wie das geht. Aber dann hätten ihn die Wachen bemerkt. Ein Dach über dem Kopf war schon viel wert.

Das Geräusch der Wellen, die gegen die Felsen schlugen, beruhigte ihn ein wenig. Aber trotzdem fühlte er in seinem Bauch eine Mischung aus Kälte und Hunger, die wehtat und ihn traurig machte.

Als er schließlich die Augen schloss, sah er Bilder von glücklichen Kindern vor sich, die eine Familie hatten, nie Hunger litten und den Tag damit verbrachten, auf Wiesen zu spielen und abends mit ihren Eltern am Tisch zu sitzen, bevor sie in ein warmes Bett gebracht wurden.
Aber heute war etwas anders.
Das Einschlafen fiel ihm schwerer als sonst. Sein Kopf war voller Gedanken, die zwischen Wachsein und einer anderen Welt hin- und herwanderten, einer Welt, in der Geschichten lebendig wurden.

Geschichten.

Tarek liebte Geschichten. Stundenlang hatte er damals am Feuer den Älteren zugehört, als sie erzählten. Da war die Geschichte vom Klang des Flusses, vom vergessenen Gesellen, vom Besucher aus dem Schatten. Er war nicht bescheuert und wusste, dass die meisten davon erfunden wurden, damit die Kinder sich an gewisse Regeln hielten. um ihnen irgendwas beizubringen, was die Großen für ziemlich wichtig hielten. Aber er mochte Geschichten, weil sie ihm eine Welt zeigten, die ihm sonst einfach verwehrt blieb.
Eine Welt in der er sicher war, geborgen, keine Angst haben musste, nicht stark sein musste.

Seine liebste Geschichte war jene vom Nöck und der Fee. Dem Nöck, der in den Tiefen der Seen lebte und mit seinen Rufen und seinem Gesang die Kinder anlockte. Dem Nöck, der einiges Tages einen kleinen Jungen anlockte, der einsam war und in dem Blättergewirr des Waldes ein großes, grünes Tor gefunden hatte.
Der auf die Wiese mit den blauen, roten und gelben Blumen gelaufen war. Er hatte versucht sich den Duft vorzustellen und er war dem Jungen mehr als einmal gefolgt bis zum Weiher mit dem schwarzen Wasser, den er nicht mochte und weiter, bis da diese kleine Elfe saß.
Er hatte sie bei jeder Erzählung beinahe vor sich gesehen auf ihrem grauen Stein, das Gesicht auf die Arme gelegt und am Weinen. Sie war klein, wie er, wuschelig und vollkommen durchsichtig wie Glas.
Und er hat immer wieder mit ihr gelitten, wenn sie von dem verlorenen Flügel erzählte, den der böse Nöck ihr gestohlen hatte, als er sie in den schwarzen Topf ziehen wollte.

Und er war jedes Mal genauso tapfer gewesen, wie der kleine Junge in der Geschichte, er hätte nicht gezögert und wäre zum schwarzen Topf gegangen, bevor der Schatten darauf fällt, denn jedes Kind weiß ja, dass der Nöck dann schlägt und einen nicht hört, um den Nöckspruch zu sagen:
“Nöcknöcknöck im Wasserreich,
Nöcknöcknöck im nassen Teich,
Nöcknöcknöck im schwarzen Topf,
zeig mir deinen grünen Schopf.”
Und er wäre nicht davon gelaufen, wenn die Blasen aus der Tiefe aufgestiegen waren, um an der Oberfläche zu zerplatzen. ER hätte keine Angst gehabt. Redete er sich zumindest ein, aber dennoch hatte er mit dem Jungen gefiebert als der Nöck herauskam.
Und wie erleichtert war er gewesen, als sich herausstellte, dass der Nöck eigentlich nur einsam war und Gesellschaft wollte.
Genau wie der Junge war er sicher, dass er dem Nöck ebenso vertraut hätte und in den Topf gesprungen wäre. Er hätte sich das Reich unter Wasser angesehen. Zuerst dunkel, nass und kalt und dann aber ein Haus aus Algen, Wassergras und Glitzersteinen. Er hätte auch dort unten den Tag mit dem Nöck verbracht,nur um am Ende mit dem Flügel der Elfe als Held zurück zu kehren.
Aber vor allem, wäre er genaus wie der Junge mit Hilfe des Flügels der Elfe als Dank für die Rettung geflogen.
100 Mal hatte er sich vorgestellt, wie der Wind ihn in die Luft heben würde, er über Wälder und Flüsse fliegen würde und dabei alles vergessen, was dort unten war.

Dass der Junge am Ende entschied, zurück zu seiner Familie und zu seinem neuen Freund zu gehen, entschied, die fantastische Welt, den Nöck und die Elfe zu verlassen, das hatte er allerdings niemals verstanden. Stattdessen hatte er bei jedem dunklen Teich den er gefunden hatte, leise aber voller Zuversicht nach dem Nöck gerufen, in der Hoffnung, dass es ihn wirklich gab und er auch sein Freund sein wollte.

Diese Geschichte hatte ihn immer begleitet und ihm den Trost gegeben, den er sonst nirgends bekam.

Sie ließ ihn träumen.

Auch in jener Nacht.

Ein seltsamer Traum, so viel realer als sonst. Vor ihm erstreckte sich das Bild eines kleinen Dorfes, dessen einfache Häuser sich behaglich um einen glitzernden Teich gruppierten. Kinder sprangen und lachten, ihre Gesichter strahlten vor Freude. Tarek fühlte sich, als könnte er den vertrauten Klang ihrer Stimmen hören, und für einen kurzen Moment schien die Kälte zu weichen.
Doch aus der fröhlichen Szenerie erblickte er den Wald, der sich hinter dem Dorf erhob wie ein drohender Riese. Dunkle Schatten huschten zwischen den Bäumen, während die Kinder nervös immer wieder zu den Baumkronen schauten. Die Blicke der Kinder verrieten eine tiefe Sehnsucht nach Abenteuern, die er nur zu gut kannte.
„Man muss sie nur reizen und rufen“, murmelte der eine. Sein Gesicht war ein Bild von Übermut und Unbekümmertheit. „Man darf nur nicht in die Augen sehen, sonst ist man verloren“, warnte ein Mädchen, während ihre Augen auf die finstere Waldgrenze gerichtet blieben.
Tarek spürte eine wachsende Anspannung, als der mutigste von ihnen rief, dass er trotzdem in den Wald gehen würde. Tarek wollte ihn aufhalten, warnen, doch seine Stimme verschwand in der Stille des Traums. In der nächsten Sekunde verschwanden ein Junge und ein Mädchen in der Dunkelheit des Waldes.
Die kleine Lichtung, die sie fanden, war bei weitem nicht das, was sie erwartet hatten. Anstelle von Gefahr und Grauen war sie hell und freundlich. Doch als die beiden Kinder begannen, die Mume zu rufen, schüttelte Tarek unruhig den Kopf. Das war kein Spiel mehr! Die Mume, die die Geschichten von den älteren Kindern gesponnen hatte, war real, und er weigerte sich, sie zu rufen. Aber er hatte keine Macht über den Traum; die Worte entflohen seinen Lippen, als die Fratze der Mume hinter den beiden Kindern auftauchte.
Ein Sturm von Emotionen, Angst, Besorgnis und das brennende Verlangen, den beiden Kindern zu helfen. Er wollte sie zurückhalten, mit ihnen rennen, doch das Bild verpuffte wie Dampf in der kalten Luft.


Draußen schritt eine der Wachen vorbei und stieß die Tür ein Stück auf. Es war dunkel und ruhig, die leisen Atemzüge des kleinen Kerlchens nahm die Wache nicht wahr.
Hinter den Brettern verborgen schlief das kleine Bündel also weiter, gefangen in seinem Traum.

Wieder saß er bei den Kindern, ohne dass sie ihn sahen, ohne dass sie ihn hörten und lauschte dem Plan, den sie sich erdacht hatten. Er fühlte eine Art Stolz für ihre Unerschrockenheit. Er folgte ihnen, fieberte mit, wollte die Worte aussprechen, um die Feen zu rufen, aber auch hier versagte seine Stimme. Ihm blieb nur zuzusehen. Zu sehen wie auf einmal ein Nebel aufkam, wie der Traum sich verdunkelte, wie es kälter und kälter wurde und das Lachen der Kinder in den Hintergrund ruckte, denn die Stimme, die im Schatten der Nacht zu ihm sprach, war stärker als das Lachen der Kinder.

„Zwei Kinder hat sie noch, die Mume...“ Ihre Worte hallten in seinem Kopf, ließen ihn frösteln. Tareks Herz klopfte schneller, als er die Bedeutung begriff. „...Hilfe durch andere Kinder…Lied der Schaumgeborenen…Feenort…“



Ein leises, unglückliches Schluchzen, das von seinen eigenen Lippen kam, riss ihn aus dem Schlaf.
Die Kälte umhüllte ihn wieder und der Hunger drückte fest auf seinen Magen. Doch etwas hatte sich in seinem Innern verändert. Der Traum war mehr als nur ein flüchtiges Bild, es war eine Aufforderung, eine Botschaft.
Sein Herz pochte noch heftig in seiner Brust und wäre die Wache noch einmal vorbei gekommen, dann hätte sie das leise Murmeln vielleicht gehört:

"Feen, Feen kommt herbei. Fliegt zu uns
- so bunt und frei,
mit Glitzerstaub und Lichterschein
lasst und gemeinsam mutig sein."

Verfasst: Sonntag 13. April 2025, 12:12
von Der Erzähler
Es war einmal...


... ein Mütterlein, nicht gebeugt oder zittrig, nicht wackelig und runzelig, sondern beinahe schon verdächtig jugendlich und forsch in Geste, Wort und Wahl ihrer Wege. Augenscheinlich ein ganz simples Kräuterweib, wusste sie doch über jede Pflanze in der wilden Natur Bescheid und vermochte vortrefflich die Kraft in den Heilkräutern lindernd zu nutzen, um zu hegen und zu pflegen und gesund zu machen. Sie nutzte dabei aber nicht nur die Pflanzenheilkunst, sondern auch den Zauber, welcher in ihr schlummerte.

Scheinbar ziellos wanderte sie über Gerimor, nie lange an einem Ort und suchte doch etwas - nur wusste sie nicht wirklich, was das Ziel ihrer Suche war, bis sie eines Tages tatsächlich durch einen eher albernen Zufall in die Arme einer jungen Frau lief... oder war es umgekehrt?

In dem Moment, in welchem sie die junge Dame, ebenfalls ein Kind der Natur und Wälder, eine Weise der Plänzlein und ein ungebeugter Lebensgeist, betrachtete, da fand sie so viel und wusste, dass die Suche am Ziel angekommen war. Sie war all das, was sie sich erhofft hatte zu finden - und mehr! Diese junge Frau würde alles erfüllen können und wie schnell wurde durch eine einfache Berührung ein Band gewoben, dass niemand außerhalb der beiden je brechen können würde.

Tief drang es und mit jedem Tag wurde es fester, inniger.
Ein Band wie zwischen Mutter und Tochter!
Und es brachte Träume...



Ein Weg durch grausig spitze Dornen, welche nach der Haut stachen und sich in die Kleider bohrten aber er musste bestritten werden, denn auf der anderen Seite, da wartete... Wärme, Zuneigung und das Gefühl am rechten Platz zu sein. Doch immer wieder greifen die Dornenranken gierig nach den Gliedmaßen und wollen das Vorankommen verhindern, wollen fassen und zurückhalten. Zoll um Zoll ein Kampf, der verbissen und stur durchgeführt wird. Als aber der Blick etwas länger und wütend gen Dornenunkraut geht, da sind in den blutfarbenen Blüten Gesichter zu erkennen. Gesichter, die bekannt sind und die eigentlich sonst doch immer zu den Vertrauten und Freunden gehörten. Sie sind es, die zurückhalten wollen, das Glück nicht gönnend. Eifersüchtig? Blind? Neidisch?
Ganz gleich, was der Grund ist, die Enttäuschung über diesen Verrat sitzt auch im Traum noch tief und mit einem Aufschluchzen kommt das Erwachen.

Verfasst: Montag 14. April 2025, 22:06
von Tarek
Es war einmal…

… eine große Stadt, deren Türme aus Stein bis in den Himmel ragten, wo die Dächer der Häuser in der Morgensonne funkelten und bunte Fahnen im Wind flatterten. Die Straßen dort waren gepflastert mit freundliche hellem Stein und Mustern und das Lachen der reichen Leut hallte zwischen den prunkvollen Fassaden aus Glas und Stein wider.
Pferdekutschen rollten über die Wege und aus den Fenstern duftete es nach warmem Gebäck.


Doch weit unterhalb all dieses Glanzes, dort, wo der Nebel sich zwischen morschen Holzstegen verfing und der salzige Wind vom Meer mit der feuchten Kälte der Kanalrinnen spielte, lag ein anderer Teil der Stadt – einer, den man nicht unbedingt freiwillig nach Sonnenuntergang aufsuchte.
Hier, im Hafenviertel, schob sich das Wasser in Rinnsalen wie trübe Suppe durch die Gassen, manchmal so hoch, dass es an die Türschwellen schlug. Der Gestank war beißend – eine Mischung aus Fisch, Abfall und bei dem ein oder anderen auch von zu vielen ungelösten Sorgen.
Mitten in diesem Wirrwarr aus alten Kähnen, verfallenen Lagerhäusern und windschiefen Hütten stand ein kleines Haus. Nein, eher ein Schatten von einem Haus, als hätte es sich selbst vergessen. Klein und windschief, die Mauern bogen sich wie der Rücken des alten Baro im Sturm, das Dach mit mehr Löchern als Schindeln war mit Flicken aus Segeltuch und rostigem Blech notdürftig gerichtet und mittig hatte man einen wunderbaren, wenn auch oft nassen Blick direkt in den Sternenhimmel. Nur ein winziges Fenster, in dem früher vielleicht einmal eine Scheibe gewesen war und dessen Fensterrahmen vom Efeu beinahe komplett zugewuchert war, blickte trotzig in Richtung Meer – auf der Suche nach ein wenig Schönheit in der Welt.

Hier wohnte Tarek.

Er wusste, dass es gar kein so schlechter Tag sein würde, weil ihn das erste Morgenlicht weckte. Morgenlicht bedeutete Sonne. Sonne bedeutete kein Regen. Kein Regen bedeutete keine klamme Kleidung.
Dann allerdings knurrte sein Magen laut und vernehmlich und erinnerte ihn daran, dass selbst ein guter Tag in seinem Leben mit harter Arbeit verbunden war.
Noch immer war da Müdigkeit in seinen Augen und den Knochen, denn die ganze Nacht hatte der Regen gegen das getrommelt wie ein ungeduldiger Händler an der Tür eines Schuldners. Tarek zog seine dünne Decke enger um sich und schielte durch das schmutzige Fenster, wohl eher das Loch was davon noch übrig war, hinaus.
Nebel hing immer noch zwischen den Gassen wie der Atem eines schlafenden Riesen, den man besser nicht weckte, wenn man nicht schnell genug rennen konnte. Das Meer roch heute besonders salzig, und der Hafen klang nach Flüchen und Möwenrufen. Die Stadt war schon wach und der kalte Boden unter ihm war nicht sonderlich einladend um länger zu verweilen.
„Na los, Tarek“, murmelte er zu sich selbst und stand auf. Seine Hose war zu kurz, das Hemd zu dünn und viel zu groß, aber er hatte beides selbst geflickt – mit alten Fäden und Geduld.

Der Tag begann, wie die letzten auch: mit der Suche nach etwas Essbarem. Meistens war das Brot, das niemand mehr wollte, oder ein Apfel mit mehr Flecken als Schale. Wenn der Bäckerjunge guter Laune war – oder Tarek besonders flink mit seiner Zunge – bekam er vielleicht sogar ein Brötchen vom Vortag. Heute hatte er kein Glück. Der Bäckerjunge war nicht da, nur die Frau mit dem roten Schal, und die mochte keine Kinder, zumindest keine mit schmutzigen Händen.

Also streifte Tarek durch die Straßen bis die Sonne wieder verschwand und der verteufelte Regen wieder begann. Er tropfte ihm den Kragen hinunter und machte seine Haare schwer. Manchmal stellte er sich unter eines der alten Vordächer, hörte den Hafen atmen und dachte an das Abenteuer mit den Mädchen zurück. Wie sie den wunderbaren Wesen begegnet waren, von denen er vorher nur geträumt hatte, wie sie gemeinsam gereist waren, durch die Lüfte. Wie sie zusammengehalten hatten, um die Kinder zu befreien und am Ende gesiegt hatten! Damals hatte er sich wie jemand gefühlt. Wie ein Held. Jetzt war er wieder nur ein Junge mit einem Loch im Schuh und Hunger im Bauch.

Am Nachmittag suchte er Schutz im alten Segellager bei den Docks. Dort roch es nach Teer und altem Fisch, aber es war trocken. Er setzte sich auf einen zusammengerollten Segelrest, zog die Knie an die Brust und beobachtete die Möwen draußen. Eine flog besonders tief, fast wie ein Tänzer in der Luft. Und wie so oft stellte er sich vor, wie es wäre, Flügel zu haben. Fortfliegen zu können. Irgendwohin, wo es warm war. Wo niemand ihn wegjagte. Wo man ihn vielleicht sogar vermissen würde, wenn er ging.

Bei Regen musste er sich immerhin kaum umsehen. Die Leute flüchteten nach drinnen, die Wachen machten pflichtbewusst, aber sicherlich nicht sonderlich willig, ihre Runden und ein kleiner Kerl wie er war, konnte schnell verschwinden.
Die letzten Tage hatte er beim Fischhändler geholfen, schleppte Körbe oder schabte Schuppen. Dafür gab’s eine kleine Münze – oder Fischreste. Heute war der Händler schlecht gelaunt, weil dank dem Regen die Kundschaft ausblieb, aber Tarek blieb trotzdem, wischte den Boden und pfiff dabei leise vor sich hin. Manchmal half das.

Gegen Abend machte er sich wieder auf den Weg.
Als die Dämmerung kam und das Hafenviertel langsam in Laternenlicht getaucht wurde, kehrte Tarek in “sein” Haus zurück. Noch machte er sich keine Gedanken, dass jemand wirklich dieses Loch bewohnen wollte und fühlte sich einigermaßen sicher. Der Wind pfiff durch die Ritzen, aber er wickelte sich in die Decke so gut es ging, legte sich auf sein Lager und lauschte dem Regen. Er war wieder allein. Aber der Tag war geschafft.
Und das war auch etwas.
Bevor er die Augen schloss, zog Tarek die dünne Decke bis zur Nase. Der Regen klopfte leise gegen das undichte Dach und die Wände, irgendwo knackte ein Balken und aus der Ferne drang das Heulen eines Hundes durch das nächtliche Hafenviertel.
„Nicht heut, doofe Welt…“, murmelte er leise, mehr zu sich selbst als zu irgendwem sonst.
„Ich halt noch’n bisschen durch. Für morgen vielleicht. Für den nächsten Kanten Brot. Für ‘nen besseren Traum. Für`s Fliegen.“

Und wie jeden Abend seit seinem Abenteuer galt sein letzter Gedanke der kleine Lichtfee und dem Pfau, unter dessen Schwingen er sich für einen Moment so sicher gefühlt hatte, der Schattenweberin und dem Regenbogeneinhorn und all den wunderbaren Wesen, an Smula und Kia, an Fin, an Hana, Edana und sogar Lexia, obwohl der auf die immer noch eine kleine Wut im Bauch hatte.
Er rollte sich zusammen wie ein kleiner Kater, schob die kalten Zehen unter den Zipfel seiner Jacke, die er über der Decke ausgebreitet hatte und schloss die Augen.
Die Nacht war feucht und grau, doch in seinem Kopf war Platz für Sonne, Möwenrufe und ein Boot, das ihn irgendwohin bringen würde, wo ihn niemand jagte – und wo vielleicht sogar jemand auf ihn wartete.

Und diese Gedanken machten es ihm leicht hinüber zu gleiten, von der klammen und nassen Welt in der er nur unter einer dünnen Decke lag, hinüber in eine, die anders war. Aber nicht unbedingt leichter…


Er stand auf einem schmalen Pfad, barfuß, die Zehen im kalten Matsch. Der Himmel darüber war grau wie Asche, und die Luft roch nach nassem Laub. Vor ihm wuchs eine Wand aus Dornen – so hoch, dass er den Himmel kaum noch sehen konnte. Die Spitzen glitzerten wie kleine Dolche, und die Ranken bewegten sich ganz sacht, als würden sie atmen.
Tarek zögerte.
Hinter ihm nichts – nur Dunkel, Nebel und das Echo eines Rufes, den er nicht verstand.
Doch vor ihm, tief in der Wand aus Stacheln, da leuchtete ein schwaches Licht. Warm. Golden. Und er wusste: Da drüben ist es besser.
Mit zusammengebissenen Zähnen stieg er hinein in das Dickicht. Die Dornen kratzten, rissen, zogen an seiner Kleidung, an seinen Armen, hielten ihn fest, als wollten sie ihn behalten. Doch er kämpfte sich voran. Zentimeter für Zentimeter. „Nicht heut. Nicht aufgeben.“ murmelte er, fast wie ein Fluch gegen die Ranken.
Dann, als er sich befreite und einen besonders festen Strauch zur Seite drückte, sah er – Gesichter. Eingewoben in den roten Blüten.
Er kannte sie alle.
Aber ihre Augen waren leer. Ihre Münder verzogen sich zu hämischen Lächeln. Ihre Stimmen flüsterten: „Du gehörst nicht dorthin.“ „Bleib hier, Tarek. Träum nicht so hoch.“
Etwas in ihm zog sich zusammen. Wut, Schmerz, und Enttäuschung.
Er wollte rufen, fragen, warum?, doch da begannen die Ranken, sich fester um seine Beine zu legen.
Tarek schrie. Riss sich los. Stolperte. Fiel.


Und dann – wachte er auf.

Mit klopfendem Herzen, kaltem Schweiß auf der Stirn und einer feuchten Stelle auf dem alten Stück Segeltuch, dass ihm als Kissen diente.
Er lag da, starrte in das dunkle Gebälk über sich und atmete flach. Die Stimmen aus dem Traum hallten nach. Aber das Licht – das war noch da. Ganz tief in ihm, ganz klein.
Und das reichte, um nicht gleich wieder aufzugeben.
Nicht heute.

Verfasst: Dienstag 15. April 2025, 12:53
von Selina Larou
Der Erzähler hat geschrieben:Es war einmal...


... ein Mütterlein...

In dem Moment, in welchem sie die junge Dame, ebenfalls ein Kind der Natur und Wälder, eine Weise der Plänzlein und ein ungebeugter Lebensgeist, betrachtete, da fand sie so viel und wusste, dass die Suche am Ziel angekommen war. Sie war all das, was sie sich erhofft hatte zu finden - und mehr! Diese junge Frau würde alles erfüllen können und wie schnell wurde durch eine einfache Berührung ein Band gewoben, dass niemand außerhalb der beiden je brechen können würde.

Tief drang es und mit jedem Tag wurde es fester, inniger.
Ein Band wie zwischen Mutter und Tochter!
Und es brachte Träume...



Ein Weg durch grausig spitze Dornen, welche nach der Haut stachen und sich in die Kleider bohrten aber er musste bestritten werden, denn auf der anderen Seite, da wartete... Wärme, Zuneigung und das Gefühl am rechten Platz zu sein. Doch immer wieder greifen die Dornenranken gierig nach den Gliedmaßen und wollen das Vorankommen verhindern, wollen fassen und zurückhalten. Zoll um Zoll ein Kampf, der verbissen und stur durchgeführt wird. Als aber der Blick etwas länger und wütend gen Dornenunkraut geht, da sind in den blutfarbenen Blüten Gesichter zu erkennen. Gesichter, die bekannt sind und die eigentlich sonst doch immer zu den Vertrauten und Freunden gehörten. Sie sind es, die zurückhalten wollen, das Glück nicht gönnend. Eifersüchtig? Blind? Neidisch?
Ganz gleich, was der Grund ist, die Enttäuschung über diesen Verrat sitzt auch im Traum noch tief und mit einem Aufschluchzen kommt das Erwachen.
Selina wand sich müde im Bett. Was war nur los? Was war das die letzten Tage für ein Gefühl das sie nachts verfolgte?
Die Begegnung mit dieser Frau hatte sich in Ihre Gedanken eingebrannt. Dass die anderen nichts gespürt hatte, wo doch ihre Wahrnehmung so klar war, das verunsicherte sie.
Aber anderseits... vielleicht hatten die anderen es gespürt das Band was sie und die Frau verband. Es war Zuneigung, mütterliche Liebe. Da war sich Lilia...Nein...Selina sicher!
Der Gedanke dass sie anderen es nicht verstehen würden reifte in ihr. Nein vielleicht verstanden sie es sogar und wollten sie nur abhalten...
Vieleicht hatten sie sich diese Lüge das sie Garnichts bemerkt hätten nur ausgedacht um sie davon abzuhalten weiter nach der Frau zu suchen.
Aber nun war es spät. Lilia..nein Selina!... war müde. Darum konnte sie sich morgen kümmern. Morgen war ein neuer Tag sah die Welt schon ganz anders aus...Morgens war man doch immer ein neuer Mensch so heißt das doch?...

Verfasst: Freitag 9. Mai 2025, 13:55
von Der Erzähler
Sie tobte…
Und wie sie tobte!
Es hatte sie wahrscheinlich viel zu lange gebraucht, um zu verstehen, was da geschehen war. Niemand sollte die schlingenden Ranken ihres Bandes anfassen können, niemand daran reißen und zerren. Im Gegenteil! Sie hätte es den Nachfahren einer ganz besonders dreisten Schwesternsippe nur allzu innig gewünscht, wenn sie in ihrer Ohnmacht hätten zusehen müssen, wie sie ihnen etwas Wichtiges nahm, so, wie sie ihr etwas genommen hatten - zusammen mit den vermalledeiten Gören!
Um dem ganzen noch ein Sahnehäubchen auf die süße Rache zu setzen, sollte das Mädchen, Selina, ihr gehören. Mehr als eine Dienerin, so war der Plan, eine Tochter oder eher Nachfolgerin hätte sie werden sollen, durchweg eingesponnen in einen sanften Kokon aus Einflüsterungen und Trugbildern, bis sie beiden geglaubt und keine Bezauberung mehr nötig gewesen wäre.
Doch nun…

NUN MUSSTEN SIE EBEN ALLE LEIDEN!

Bevor sie sich aber auch nur ansatzweise ausmalen konnte, was sie mit ihnen anstellen wollte, bemerkte sie, dass das Band noch nicht getrennt worden war. Vielleicht hatte sie genug Zeit und konnte das Mädchen erreichen?
Vielleicht war es möglich sie noch einmal einzufangen und die Schlinge fester zu ziehen. Wahrscheinlich musste sie dabei ein, zwei Leben beenden, doch das nahm sie in diesem Fall gerne in Kauf. Vielleicht konnte man damit sogar mehrere Fliegen mit einer Klappe schlagen? Das Lächeln wurde dunkler und kurz zeigte sie unzählige, spitze Zähne, ehe sie ihre Maskerade wieder aufrecht erhalten konnte.
Nur wo sollte sie mit der Suche beginnen?
Der Ort im Wald, wo sie das Mädchen zum ersten Mal gesehen hatte, war vermutlich verhext, denn egal wie sehr sie versuchte ihre Schritte dorthin gedanklich nachzugehen, sie fand ihn nicht mehr. Diesen riesengroßen Baum hätte man finden müssen, doch selbst mit ihrer Macht blieb er verhüllt und ließ sie nicht näher heran.

Also blieb nur, das Herz des Ganzen zu finden.
Der Ort, an welchem sie Vertraute aufsuchen und sich verstecken würde.
Sie wusste auch schon, wie sie ihn aufspüren konnte - sie brauchte nur noch ein wenig Zeit, um einen Fluch zu formen, der Lebenslichter aushauchen würde.
Mit nur einem einzigen Windstoß.
Huiiii…

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Verfasst: Freitag 27. Juni 2025, 20:53
von Der Erzähler
"Besinne dich..."

Drei ist die Zahl.
Sie ist auf ungeradem Wege dennoch harmonisch und in sich vollkommen.
Eine Einheit, geschaffen aus Dreieinigkeit.
Weise, mächtig und schillernd.
Still, der Quell des Wissens, der dort entsprang.
Bewegend, die Kraft der Liebe, die dort pulsierte.
Berauschend, der Zauber der endlosen Fantasie.
Drei ist die Zahl.
So war es und wird's auch immer sein.

Drei Kugeln hatte die Boshaftigkeit, die Rachsucht und der Vernichtsungswunsch geformt.
Sie hatten ihre Ziele gefunden und doch das eigentliche nicht getroffen.
Drei Mädchen, drei Opfer, drei Träumende an drei ganz verschiedenen Orten.


Das Mädchen auf K'awi:

Es begann mit einem Blick.
So sanft und tief, voller Charisma und Weisheit. Die Art Blick, welcher einem ein weiches, ehrfürchtiges Lächeln auf die Lippen zauberte und die Unendlichkeit der Sterne in sich selber trug. Wandel brachte er mit sich, stetig, ewig und unbeirrt aber doch in einem wogenden, stoischen Fluss.
Das Sinnbild des äonenhaften Spiel von Ebbe und Flut in den kühlen, unergründlich tiefen Fluten des Meeres.
Dort war er Zuhause, dieser Blick und mit diesem Wissen entsprang die Ahnung, dass ein Teil davon schon immer in ihr, dem Mädchen auf K'awi, wohnte und langsam an die Oberfläche tauchte.
Jede Nacht ein klein wenig mehr.
Bis...

Es endete mit einem ungewohnten Schmerz in den Gliedern.


Das Mädchen in Berchgard:

Es begann mit einer Stimme.
So liebevoll und harmonisch, voller Hingabe und Warmherzigkeit. Die Art Stimme, die mit Kraft alle Tore der Sehnsucht weit öffnete und das Herz unabwendbar Fühlen ließ. Geborgenheit brachte sie mit sich, mächtig und zart zugleich, vor allem aber absolut bedingungslos und schützend.
Das Sinnbild eines schlanken Lindenbaums, unter dessen Herzblätter Schattenkuppel ein jeder Zuflucht, Beständigkeit und das zärtliche Wispern geflüsterter Worte zu erwarten hatte.
Dort war sie Zuhause, jene Stimme und mit diesem Wissen spross die Ahnung, dass ein Teil davon schon immer in ihr, dem Mädchen in Berchgard, wohnte und langsam aber beständig dem Himmel entgegenwuchs.
Jede Nacht ein klein wenig mehr.
Bis...

Es endete mit einem herzerweichenden Weinen.



Das Mädchen in Rahal:

Es begann mit einem Lachen.
So lebhaft und froh, voller Arglosigkeit und Unschuld. Die Art Lachen, welches den Funken Schelm zündete, flackernde Lichter in Augen schimmern ließ und Unfug hervorlockte. Begeisterung glomm darin und steckte an, machte jeden Herzschlag frei und ungebunden. Kein Platz für die Sorgen des morgigen Tages, denn alles brannte in den Feuern der grenzenlosen Fantasie.
Das Sinnbild eines Leuchtfeuers, welches sich aus der Dunkelheit erhob und dafür sorgte, dass weitere Ebenbilder darin erwachten, bis sie die Schwärze und Trostlosigkeit verdrängt hatten.
Dort war es Zuhause, dieses Lachen und mit diesem Wissen flackerte die Ahnung, dass ein Teil davon schon immer in ihr, dem Mädchen in Rahal, wohnte und langsam die Finsternis flammend herausforderte.
Jede Nacht ein klein wenig mehr.
Bis...

Es endete mit einem zu viel zu großen Bett.


Drei Kugeln, drei Leben, drei Veränderungen.
Hätte die Schützin auch nur geahnt, was sie mit ihren Kugeln ins Rollen gebracht und wen sie mit ihren Flüchen und Verwünschungen geweckt hatte, so wäre keines der Geschosse je von ihr gewichen.


"... erinnere dich, mein Kind!"


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Verfasst: Samstag 28. Juni 2025, 16:20
von Eva Granderath
Der Erzähler hat geschrieben:
Das Mädchen in Berchgard:

Es begann mit einer Stimme.
So liebevoll und harmonisch, voller Hingabe und Warmherzigkeit. Die Art Stimme, die mit Kraft alle Tore der Sehnsucht weit öffnete und das Herz unabwendbar Fühlen ließ. Geborgenheit brachte sie mit sich, mächtig und zart zugleich, vor allem aber absolut bedingungslos und schützend.
Das Sinnbild eines schlanken Lindenbaums, unter dessen Herzblätter Schattenkuppel ein jeder Zuflucht, Beständigkeit und das zärtliche Wispern geflüsterter Worte zu erwarten hatte.
Dort war sie Zuhause, jene Stimme und mit diesem Wissen spross die Ahnung, dass ein Teil davon schon immer in ihr, dem Mädchen in Berchgard, wohnte und langsam aber beständig dem Himmel entgegenwuchs.
Jede Nacht ein klein wenig mehr.
Bis...

Es endete mit einem herzerweichenden Weinen.

Es war einmal...
... das Mädchen in Berchgard.

Sie war es gewohnt, dass Träume ihr eigenes Wesen hatten. Zu lange schon quälten sie schlechte Träume, immer und immer wieder. Doch diesmal war es anders.
Der Traum, der sie schon einige Tage begleitete war ungewohnt schön und friedlich, gar wie ein neues Zuhause, wo Geborgenheit und Schutz lebten als wären sie eigene Wesen, die sie mit offenen Armen empfingen.
Doch diesmal erstarb der Schrei, der sie jede der letzten Nächte aus dem Schlaf riss, nicht. Aufrecht im Bett sitzend und nach Luft schnappend, war er selbst jetzt, im Wachzustand, zu hören.
Nur kurz lauschte sie. Ein helles, quiekendes Aufschreien, dass in einem anhaltenden, gar verzweifelt klingenden Weinen seine Konstante erreichte.
Das konnte doch nicht sein. Sie war alleine.
Noch nicht von der Situation erholt, tapste sie barfuß die Stufen nach oben. Der kleine Vorraum, der in den gemütlichen Wohnkeller, ihren persönlichen Rückzugsort führte, leer. Der kleine Raum davor, der den Weg nach oben auf den Dachboden beherbergte, leer.
Auch der größte Teil des Erdgeschosses, der den größten Aufenthaltsraum zeigte, war nur durch ihre Katzen belagert. Doch auch von ihnen kam kein Laut, während die beiden Samtpfoten mit geweiteten Pupillen in die Richtung blickten, aus der das Weinen nun deutlich zu vernehmen war. Draußen.

Noch immer nur in der Schlafkleidung tapste sie nach draußen und da sah sie den Verursacher. Neben dem Briefkasten abgelegt, wie ein Päckchen, das zu groß für den Kasten war, lag ein kleiner schmächtiger Säugling. Nur wenige Wochen alt. In eine türkisgrüßen, gehäkelte Decke gewickelt. Doch außer dem Kind war niemand zu sehen. Keine Menschenseele bewegte sich in diesem Moment durch die Straße, die sie aufmerksam entlang blickte, während sie das kleine Bündel von den steinernen Platten hob.

Zurück im Haus angekommen, untersuchte sie das Kind. Nichts auffälliges, keine Nachricht. Zumindest schien es unverletzt. Wer würde so ein kleines, schutzbedürftiges Kind einfach irgendwo ablegen?
Mitterweile hatte er sich beruhigt, doch ein kräftiges Klopfen gegen die Tür ließ ihn wieder verzweifelt wimmern, während sie sich erhob und die Frauen, die dort in einer Ansammlung standen, ins Haus ließ.

Nach einigen Worten und Untersuchungen des Kindes, sprach eine der Frauen:
"Es sieht so als als würde Erde selbst ein Band zwischen Euch beiden knüpfen"

Unglaublich. Was sollte sie jetzt nur tun?
Erst ein Hilferuf hielt sie für den Moment davon ab, näher darüber nachzudenken.
Nur eines war klar, sie würde dieses Kind schützen. Es sollte leben und behütet aufwachsen!
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Verfasst: Sonntag 29. Juni 2025, 15:54
von Angelica Mondstein
Seit über einem Jahrzehnt weilte Angelica nun schon auf Gerimor.
Eine lange Zeit – gemessen an jenen, die sie hatte kommen und gehen
sehen. Zwischen Leben und Tod, zwischen Ankunft und Aufbruch war sie
meist nur Zeugin gewesen, eine stille Beobachterin, die sich selten
einmischte in das Ringen der Welt.

Zahlreiche Phänomene waren an ihr vorübergezogen, sie hatte sie gesehen,
studiert, verstanden. Und mit der Zeit schwand das Staunen. Was einst
verborgen war, erschien ihr nun oft folgerichtig, eingebettet in die
stille Logik der Magie. So hatte sie gedacht. Damals.

Vor den Schwestern.

Am gestrigen Morgen klagte Zephirina über Schmerzen. Ihr Blick sei trüber
geworden, die Farben schwanden. Sie wollten gemeinsam nach Andarc – so
war es geplant gewesen. Doch dann kam etwas dazwischen.
Plötzlich, ungewollt – und unausweichlich.

Innerhalb von Sekunden begann Zephirina zu altern, unter Qual.
Falten legten sich auf ihre Haut, ihr Körper wurde kleiner, brüchiger.
Ein halbes Jahrhundert – verstrichen wie ein Atemzug, ausgelöscht ohne
erkennbaren Ursprung, ohne dass ein Lied davon kündete, wer oder was
diesen Wandel herbeigeführt hatte.

Und während der Schmerz Zephirinas sich wie Dornen in Angelicas Gedanken
grub, strömte die Familie herbei. Sie konnten nichts tun. Nur zusehen,
ausharren, beistehen, bis der Wandel vollzogen war.

Verunsicherung lag schwer in der Luft, und die Fragen waren zahlreicher als je zuvor.

Zephirina, nun gealtert, vermochte kaum aufzustehen. Eine Cousine war
da – mit einem Kind an der Hand, das sie zuvor nicht getragen hatte. Und
später kam ein weiteres Mädchen, jünger, viel jünger, als sie noch am Tag
zuvor gewesen war.

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Verkehrte Zeit, verschobene Ordnung.

Fragen, immer neue Fragen. Und kaum eine Antwort, die Bestand hatte.

Für die Schwestern mochte dies ein gewöhnlicher Morgen in Chaos sein.
Für Angelica – nein. Noch nicht. Vielleicht nie.

Auch das Sumpfhaus bot keine Klarheit. Ein Lied war zu hören, ein altes,
und doch unvollständig. Die letzte Strophe fehlte, oder besser: Sie wartete
noch darauf, gesungen zu werden.

Was das alles aber ausgelöst hatte, blieb im Nebel der Möglichkeiten.
Vielleicht war es die Mutter, die ihren Kindern eine leuchtende Kraft
verleihen wollte – für den Feind, die Feindin, das Unbenannte, das näher rückte.
Vielleicht.

Man wartete ab. Ließ es geschehen.
Alles hatte wohl seinen Grund.
Doch für Angelica war das ein Gedanke, der sich nicht so leicht greifen ließ –
nicht, solange er nicht durchdacht, beleuchtet, gewendet und erkannt worden war.

Und so blieb ihr nur, sich um Zephirina zu kümmern – die nun, trotz ihres
geschwächten Körpers, an Macht so sehr gewachsen war, dass Angelica
gewiss war: Mit ihr wohnte nun das womöglich zweitmächtigste Wesen der
Insel, nach K’awi, unter einem Dach.

Das Lied aber – es sang weiter.
Und seine Lektionen kamen leise. Unerwartet.
Und unausweichlich.

Verfasst: Montag 30. Juni 2025, 11:48
von Eva Granderath
Der dritte Tag begann. Der dritte Tag, an dem sie nun das „Geschenk“ begleitete.
Vieles hatte sich selbst in der kurzen Zeit verändert.
Ihr Tagesablauf wurde von diesem kleinen, schutzbedürftigen Wesen bestimmt.
Weit noch waren sie davon entfernt, dass dieses neue Leben, welches sie nun führte,
zu einer Gewohnheit geworden war
und doch hatte sie bereits am gestrigen Abend gemerkt,
dass etwas fehlte, als er nicht an ihrer Seite war.

Während der kleine Mensch nun gefüttert und gewickelt in seiner Wiege,
die großen Augen fasziniert auf das darüber hängende Mobile gerichtet,
während sie die Zeit nutzte, um ihrem Tagwerk nachzugehen
und immer wieder einen prüfenden Blick auf ihn zu richten.
Wieder kamen ihr die Worte der anderen Frau in den Sinn.
„Aber in dir erweckt dieser Umstand gerade eine ganz neue Form von Zorn.
Dieser Gedankengang dass du nun zwei Kinder in direkter Gefahr siehst,
die du kennst. Es verändert etwas in dir, gibt dir eine neue Kraftquelle wenn du sie benötigst.
Eine sehr spezifische Kraftquelle noch dazu. Geradezu perfekt für diese Feindin.“

Eines war klar: Sie würde alles dafür tun, um Leben, das in ihrer Verantwortung lag, zu schützen.
Begleitet von einem tiefen Atemzug trat sie an die Wiege,
wo sie niederkniete und den kleinen Jungen betrachtete, während sie flüsterte:
„Ich tu, was ich kann, damit es dir an nichts fehlt und damit es dir gut geht und du sicher bist.“
Dabei strich sie ihm sanft, begleitet von einem liebevolle Lächeln über die blonden Locken,
bevor sie sich wieder ihrem eigentlichen Tun zuwendete.

Verfasst: Freitag 4. Juli 2025, 17:50
von Sae Appelholm
Für wenige Atemzüge fand sie, unmittelbar vor dem Einschlafen, Vollkommenheit.
Für wenige Augenblicke schwand der Zynismus und das raubtierhafte Amüsement auf seinen Lippen, um einer behutsamen Zärtlichkeit Platz zu machen, die ganz alleine ihr gehörte.
Für wenige Momente wollte sie die Zeit anhalten, dort an dem Ort zwischen Wachsein und Traum, von starken Armen sanft umfangen, Wärme und Nähe spürend, einem vertrauten Herzschlag lauschend, bis die Sinne auf Wanderschaft gingen.

Doch war die Art der Wanderung diesmal alles Andere als vertraut, heimelig oder gewohnt. Sie lief nicht die bekannten Wege, denn es gab schlichtweg nichts zu laufen und keine Wahl. Irgendwie schien sie diesmal wirklich mitten im Traum zu landen und wenn sonst, selbst in den schlimmsten und dunkelsten Traumgespinsten, irgendwo ein Bezug zu den wachen Erlebnissen zu finden war, so fehlte dieser Funke ganz und gar.
Für einige grässliche Sekunden glaubte sie sogar in einer fremden Träumerei gelandet zu sein, wenn das denn möglich war, denn sie konnte nichts mit sich selbst in Verbindung bringen. Wäre das Lachen, welches an ihre Ohren drang, nicht so befreiend und auf seltsame Art und Weise auch vertraut gewesen, so hätte sie sich vielleicht gefürchtet, doch stattdessen verweilte sie an Ort und Stelle, verwirrt und verwundert. Dem Zauber der Unschuld konnte sie sich nicht entziehen und doch riss sie der Sog nicht vollkommen mit. Trotzig stemmte sie sich gegen die unbändige Freude, den Unsinn und die naive Begeisterung und leise hörte sie sich auch in dieser Nacht knurrend raunen:

"Ich bin kein Kind mehr..."

Da stoben die Funken auf und sie musste blinzeln, vom Freudenfeuer erfasst und doch ließ sie sich auf den Kampf ein und versuchte sich dagegen zu wehren. Dieser innere Tumult erstreckte sich bereits über mehrere Nächte aber so flammend war die Gegenwehr bisher nie gewesen.

Im ersten Moment glaubte sie, es wäre ihr eigener Aufschrei gewesen, der sie aus der Traumwelt riss...

... doch dann hob sie peilend und wirr den Kopf, strich sich das schwarze Haar aus dem Gesicht und blickte in sein Antlitz. Unruhe und Entsetzen brannte in der Bernsteinglut, der Mund war geöffnet und sie glaubte den Nachhall seines Aufschreis noch im Geiste zu hören.
Vor allem aber war er aus dem Bett gesprungen und die Distanz wuchs auch emotional mit jedem Lidschlag weiter. Sein Fokus huschte hektisch an ihr herab und suchte Antworten auf unausgesprochene Fragen, als sich die Blick dann wieder trafen. Mit einem Male wurde ihr eisig kalt und ängstlich neigte auch sie den Kopf, um den eigenen Körper zu betrachten.
Doch wusste sie bereits, was geschehen war und brauchte auch nicht das Zittern in seiner Stimme zu vernehmen, als diese heiser jede Befürchtung noch bestätigte:

"Sae... du bist... ein Kind."
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Verfasst: Sonntag 6. Juli 2025, 13:05
von Der Erzähler
Die Drei Gesichter
(Ein Lied zur Nacht)

Im Klang ihres Liedes, so alt und so weit,
sah die Göttin mit Kummer zum Wandel der Zeit:
"Die Menschen vergessen das heilige Band,
das dreifache Antlitz, von Weisheit umspannt."
Sie wählte drei Seelen aus liebender Kraft
und segnete jede mit ihrer Macht –
damit sie wieder lernen, welche Kraft sich dort find'
im Gesicht der Alten, der Mutter und auch in dem Kind.

Besinne dich, erinnere dich, mein Kind,
wer du auch bist, wo immer du bist.
In dir liegt das Wissen, das neu stets beginnt –
Besinne dich, erinnere dich, mein Kind.


Die Erste, gehüllt in der Alten Gewand,
zieht weise und tapfer durchs endlose Land.
Die Glieder sind schwer, doch der Blick ist sternenklar,
und in ihrem Herzen ist Jugend noch da.
An ihrer Seite, in Treue vereint,
geht eine Gefährtin, die mutig ihr scheint.
Sie stützen sich sanft auf den Pfaden der Zeit –
und tragen gemeinsam das Alter ohn' Leid.


Besinne dich, erinnere dich, mein Kind,
du bist mehr als die Form, die dein Spiegel dir bringt.
Du lauschst meinem Liede, das ewiglich singt –
Besinne dich, erinnere dich, mein Kind.


Die Zweite, sie wiegt einen Knaben so sacht,
ihr Herz ist erwärmt von der Liebe, die lacht.
Sie schenkt ihm Geborgenheit, Hülle und Licht,
und er strahlt zurück in ihr schönes Gesicht.
Ein Band, das geboren aus Zärtlichkeit wird,
ein Zauber, der schweigend durch Äonen schwirrt.
Sie liebt ohne Fragen, ohne Ziel, ohne Pflicht –
und eine Bedingung kennt diese Art Liebe nicht.


Besinne dich, erinnere dich, mein Kind,
du bist Quelle, du bist das, was innig verbindet.
Was zärtlich umfängt, was das Dunkel entzündet –
Besinne dich, erinnere dich, mein Kind.


Die Dritte, so zierlich mit rabenschwarzem Haar,
doch wehrt sich dem Wandel, ist sich selbst nicht mehr klar.
Die Welt wirkt so fremd, die Gedanken zu groß –
und den kleinen Körper wird das Mädchen nicht los.
Doch Freunde sind nah und Familie hält warm,
sie reichen ihr Trost und mitfühlenden Arm.
Die Verzweiflung und Trotz halten fern die Nachricht –
die Göttin erkennt: Sie versteht es noch nicht.


Besinne dich, erinnere dich, mein Kind,
du bist Spiel, du bist Traum, du bist munter wie Wind.
In dir lebt der Funke, der alles neu spinnt –
Besinne dich, erinnere dich, mein Kind.


So singt sie ihr Lied durch die Träume der Zeit,
die gütige Mutter, die ewiglich bleibt.
Drei Töchter, drei Wege, ein dreifacher Glanz –
ein Reigen des Lebens, ein göttlicher Tanz.
In Träumen nun webt sie den schimmernden Faden,
ruft Schwestern der Ersten aus uralten Pfaden:
Sie führen als Familie, mit Magie und Verstand,
und reichen den Dreien die helfende Hand.

Besinne dich, erinnere dich, mein Kind,
ob Alte, ob Mutter, ob Mädchen so lind –
du bist alle zugleich, und du trägst sie geschwind.
Besinne dich, erinnere dich, mein Kind.

Verfasst: Samstag 12. Juli 2025, 11:18
von Der Erzähler
Wenn die Welt im sanften Dämmerlicht versinkt und der Tag sich leise zurückzieht, beginnt hoch über den Wolken das alte Spiel aus Licht und Dunkelheit in vollkommener Harmonie.

Dann steigt der Sternenvater hinauf auf den höchsten Punkt seine nächtliche Himmelskuppel am Firmament. In seinen Händen trägt er das Licht unzähliger Sterne, mit welchem er seine Kinder zum strahlen bringt – eines nach dem anderen, als wären es uralte Runen aus Hoffnung und Erinnerung.

Seine Schwester, die Lebensmutter, schreitet durch den Tau der Träume. In ihrem Haar rauscht das Flüstern vergangener Zeiten, auf ihren Lippen liegt ein uraltes Lied, das den drei Gezeichneten und den gesegneten Schwestern gilt, die mit offenem Herzen schlafen.

„Bruder“, raunt sie leise, „es ist wieder Zeit. Die Drei und die Schwestern träumen heute tief – ihr Herz fragt nach Wahrheit, ihre Seele nach einer Antwort.“

Der Sternenvater nickt und reicht das Gespinst aus Träumen an den Eifrigsten seiner Sterne, welcher die Schwestern kennt und schon oft als Sprachrohr zwischen dem Himmelsvater und den jungen Frauen diente. Mit all seinem Glanz und Zauber trägt er das Traumgewebe hinab und sucht dort Schwestern und die Drei. Dort, wo das silberne Funkeln auf Stirnen ruht, öffnen sich die inneren Tore:

Ein Mädchen in der Seele.
Eine Mutter im Herzen.
Eine Weise im Geiste.

Und während sie schlafen, mitten in den Traum hinein, singt die Lebensmutter das Lied – sanft, weise, warm. Der Sternenvater lässt den Himmel derweil erstrahlen, damit jedes Wort genau dorthin fällt, wo es gebraucht wird.

So geschieht es in dieser Nacht und soll doch mehr als nur Antwort sein.

Ein Lied.
Ein Segen.
Ein Erwachen im Traum.

Schließ die Augen, schöne Seele,
nichts mehr da, was dich nun quäle.
Denn du trägst in deinem Herzen
bereits die Antwort ohne Schmerzen.

Du warst ein Mädchen, frei im Träumen,
diese Zeit solltest du niemals versäumen.
Die Fantasie – so glaube mir,
sie blüht noch immer tief in dir.

Selbst wenn kein Kind unterm Herzen ruht
so bist du wie eine Mutter, sanft und gut.
Die Liebe, die du an Andere gibst
bleibt ewig in dir, weil du fühlst und liebst.

Und eines Tags mit silbern Haar,
kommt die Weisheit still und wunderbar.
Doch dieses Flüstern, klug und sacht,
ist in deinem Innersten bereits erwacht.

Vergiss nicht, Kind aus Sternenlicht:
Du bist das Alles – leugne diese Drei nicht.
Die drei Geschenke, stark vereint,
sind das Pflänzchen, das in jeder Schwester keimt –

wenn sie nicht vergisst, wie groß sie ist,
wie viel Magie in ihr noch fließt.
Drum ruh dich aus, und träum in Ruh,
denn all diese endlosen Kräfte bist du.


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