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Geschwisterliebe und zarte Bande
Verfasst: Freitag 21. März 2025, 18:46
von Ragai Mirkow
Die Nacht war hereingebrochen, als Ragai den Zettel zum dritten Mal las. Für eine wunderbare Frau. Ihre Finger glitten leicht über die Tinte, als könnte sie darin die Stimme hören, die sie selbst nie hatte. Arno.
Der Name schwebte unausgesprochen in ihrem Kopf, begleitet von einem vertrauten Ziehen irgendwo hinter den Rippen.
Sie erinnerte sich noch genau an ihn – den stillen, ernsten jungen Mann mit den wettergegerbten Händen und den nach Salz riechenden Haaren. Arno war kein Mann großer Worte, doch seine Taten waren wie kleine Gedichte: einige Reagenzien, die er ihr schweigend schenkte, das breite Lächeln wenn sie einander sahen. Und nun dieser Strauß, dieser Satz.
„Du starrst das Ding an, als ob es dir gleich antwortet“, knurrte Schanna, die sich auf das knarzende Bett hatte fallen lassen. Sie zog die Decke bis zum Kinn, obwohl es nicht kalt war. „Wenn er’s war, dann mach was. Geh zu ihm. Oder schreib ihm zurück, oder… zeichne was. Aber lass dieses melancholische Rumgesitze, ich krieg davon Gänsehaut.“
Ragai sah sie mit einem dünnen Lächeln an und griff dann nach ihrer kleinen Ledertasche. Darin lagen Tinte, Feder und ein paar vergilbte Blätter. Langsam begann sie zu schreiben – keine Antwort, sondern eine Erinnerung. Ein Moment mit Arno, eingefangen in stillen Bildern und Zeichen.
Sie würde ihn finden. Nicht morgen, vielleicht auch nicht übermorgen. Aber in Bajard war der Wind voll von Flüstern, und Ragai hatte gelernt, genau hinzuhören.
Verfasst: Samstag 22. März 2025, 00:28
von Arno Hohenstein
Seit Tagen kroch der Raureif nicht mehr die Äste entlang, um mit seinen eisigen Nadeln den Glanz der Zerbrechlichkeit anzudeuten. Auch die Sonne zeigte sich nun immer früher – eine Wohltat für die Seele und den Geist. Doch genau in diesem Moment war sie nicht zu sehen; nur der Mond erhellte schwach die Wege, die sich vor ihm ausbreiteten und schürte die Fantasien, was dort noch lauern könnte. Nichts war zu hören, außer das Gerede der Wachen und das leise Leben des Waldes.
Arno stand vor den Toren Bajards, sein Blick verloren auf die Wälder gerichtet, während der Atem vor seinem Gesicht zu kondensieren begann. Die Nächte waren noch immer eisig. Der vertraute Geruch Ragais haftete an seinem Oberteil wie ein kostbares Parfüm. Schon lange hatte er keine solche innere Ruhe mehr verspürt wie in ihrer Gegenwart. Sein Blick glitt hinab und er betrachtete erneut das Geschenk. So etwas hatte er noch nie erhalten. „Ein Geschenk? Warum? Egal. Es war von ihr.“ Er spürte noch immer ihre weiche Hand auf seiner Wange. Die Gedanken rasten. Der Bernstein, der im Feuer der Fackeln schimmerte, erinnerte ihn an die unverkennbare Farbe ihrer Augen – warm und lebendig. Sein Herz schlug schneller, als er sich ertappte, wie er sich im Moment zu verlieren drohte. Für viele waren lange, tiefgehende Gespräche ein Muss – doch wer schenkte der Stille ebenso viel Beachtung? Viele sprachen endlos, oft in langen und erdrückenden Sätzen, doch so viele Worte es auch waren. So viele Worte es auch waren, so viele Lettern auch geschrieben wurden – sie ergaben selten einen Sinn. Bei Ragai jedoch bedurfte es keiner Worte und dennoch hörte er sie lauter als jeden anderen. Und das war alles, was er brauchte.
So zog er seinen Waffengurt fester und verschwand in der Dunkelheit der Nacht. Heute Nacht kehrte er zu ihr zurück. Denn wo der Mond ist, sind die Sterne nicht fern.
Verfasst: Sonntag 23. März 2025, 10:05
von Ragai Mirkow
„Ein Abend auf K’awi“
Die Luft war warm und süß von Blütenduft, das Zwitschern der Vögel tanzte zwischen den Bäumen. Als sie über die Brücke ritten, winkte sie den Wachen zu. Hinten am Strand angekommen, streifte sie das Wollhemd ab, als wollte sie nicht nur Stoff, sondern auch Alltag und Sorgen ablegen. Ein leiser Wind spielte mit ihren Haaren, während sie sich zum Wasser begab, begleitet von Arno, der ihr stumm folgte.
Mit einem kecken Grinsen rannte sie hinein ins Wasser, tauchte unter, und verschwand kurz aus dem Blickfeld. Arno schmunzelte, legte Waffen und Kleidung ab, ließ das Pferd zurück und folgte ihr. Beide trafen sich in der Mitte des Flusses, wo das Wasser warm auf der Haut lag und die Welt in der Spiegelung der Oberfläche versank. Was zwischen ihnen war, flackerte wie Sonnenlicht auf Wasser – scheu, neugierig, magnetisch.
Am anderen Ufer legten sie sich ins Gras, streckten sich aus, als könnten sie den Himmel berühren. Ragai, ihre Sinne ganz bei Arno, begann, seine Schultern zu massieren – ein Ritual der Nähe, sanft und kraftvoll zugleich. Er entspannte sich spürbar unter ihren Berührungen. Zwischen Streicheln, Kichern, Herzzeichen und liebevollen Gesten wuchs etwas – zart und doch unübersehbar stark.
Ihr Blick sprach Bände, ihre Augen spiegelten ihn – und mehr noch: Zuneigung, Vertrauen, Verbundenheit.
Sie spielten mit Gesten und Zeichen, formten Buchstaben, suchten Bedeutungen. Ein Haus, eine Erinnerung, eine Vergangenheit, die sie mit ihm teilen wollte. In einer Mischung aus Stille und Lächeln zeigte sie ihm nicht nur Orte, sondern Stücke ihrer Seele.
Schließlich ließ sie von ihm ab, aber nicht aus der Nähe – sie blieb an seiner Seite, drückte sich an ihn, lächelte, neckte, forderte ihn heraus. Ein Spiel, das sie beide durch Lachen und Wärme trugen.
Die Reise führte sie weiter – durch den Ort, vorbei an Erinnerungen. Sie trafen dem alten Balduin, der Karotten verteilte und in urigem Tonfall Geschichten erzählte. Sie begegneten Ignatius, lernten Neues über Stadt, Menschen, Leben.
In stiller Zweisamkeit saßen sie später am Wasser, Arme umeinander gelegt, Müde, aber erfüllt. Der Tag war vergangen, aber nicht verloren – er war geblieben, eingewoben in das Band zwischen ihnen. Und als sie aufbrachen gen Bajard, war da mehr als nur ein Weg vor ihnen.
Da war eine Zukunft.
Verfasst: Sonntag 23. März 2025, 18:34
von Arno Hohenstein
Der junge Mann schreckte auf. Das Herz leistete ganze Arbeit, um das mit Sauerstoff angereicherte Blut schnellstmöglich an alle wichtigen Orte zu transportieren. Der Kopf hob sich aus dem Kissen und blickte hinüber auf die andere Bettseite, suchend. Als er das leise Atmen Ragais neben sich wahrnahm und die Schemen ihres Körpers im dunklen Zimmer erahnen konnte, ließ er sich vorsichtig wieder ins Bett fallen. Auch der Körper entspannte sich zusehends. Die groben Hände glitten über das Gesicht, als wollten sie den letzten Rest der verbliebenen Müdigkeit fortwaschen.
Der gestrige Abend schien seine Spuren hinterlassen zu haben. Nicht körperliche, nein, tiefere. Wo? Unbekannt. Unbekannt wie das Neuland, auf welchem er mit der jungen Frau wandelte. Doch genauso wie ein Abenteurer seinen Weg in fremden Landen fand, so fand auch Arno seinen. Dunkel schien dieser Weg zu sein, und blicken konnte er auf ihm auch nicht weit. Das einzige, was er sehen konnte, war das Schimmern, welches ihm den Weg leitete. Beinahe wie eine Fackel zeigte es ihm, dass der nächste Schritt nicht hinabführte. Ragai.
Nochmal vergewisserte er sich der Sicherheit seiner Partnerin, ehe er sich langsam und ruhig aus dem Bett hievte. Leise zog er sich die am Abend abgelegten Kleider wieder über und schnappte sich die Stiefel, die noch immer an der Tür standen. Ein letzter, warmer Blick der Frau entgegen, und die Tür fiel ins Schloss. Als würde er ein Dieb sein, der etwas gestohlen hatte, schlich er sich aus der Herberge. Schließlich wollte er niemanden wecken.
Er hoffte, sie schnellstmöglich wiederzusehen. Aber auf die Idee, einfach liegen zu bleiben, kam er nicht.
Verfasst: Dienstag 25. März 2025, 12:10
von Ragai Mirkow
Drinnen war es still geworden – der Unterricht war beendet. Ragai hatte sich wie immer bemüht, aufmerksam zu sein, auch wenn ihre Gedanken hin und wieder auf Wanderschaft gingen.
Als sie nun gemeinsam mit Arno zum Ausgang gingen, sah Ragai so einiges.
Vor dem Eingang hatte sich ein Auflauf gebildet – keine lärmende Menge, sondern eine gespenstisch stille, förmlich stehende Versammlung. In geordneten Reihen standen die Rasharii, ihre Körper aufrecht, ihre Blicke wachsam. Alle standen sie da. Und alle sahen nach vorn.
Ragai erstarrte einen Moment. Ihr Blick wanderte über die Gesichter, suchte nach einem vertrauten, einem nachsichtigen – vergeblich. Neben ihr blieb Arno ebenfalls stehen.
Sie sog unmerklich die Luft ein, setzte sich dann aber in Bewegung. Wie so oft trug sie ein Lächeln auf den Lippen – freundlich, respektvoll, aber keineswegs unterwürfig. Sie hob leicht die Hand zum Gruß, ein kleiner Wink hier, ein leichtes Nicken dort. Nicht aufdringlich. Nicht provokant. Nur wie jemand, der nicht genau weiß, was man gerade falsch gemacht hat, aber sicher ist, dass es am besten ist, einfach weiterzugehen.
Arno folgte ihr, den Blick halb gesenkt, seine Schritte leise. Das Spalier schwieg.
Kein Wort fiel, kein Räuspern, nur der Wind, der durch Stoff und Haar strich und irgendwo ein Band flattern ließ.
Erst, als die beiden längst aus dem Sichtfeld verschwunden waren, sich das RaKun in der Ferne in den Bäumen verlor und nur noch Vogelstimmen sie begleiteten, löste sich die Spannung zwischen ihnen.
Arno warf ihr einen Seitenblick zu. „Du weißt, dass wir keine Katzen sind, oder?“
Ragai blinzelte, sah ihn fragend an.
„Wir haben keine sieben Leben“, fügte er mit einem schiefen Grinsen hinzu.
Ragai kicherte leise, zog fröstelnd ihren Mantel enger um die Schultern. Sie sprachen in Gebärden, wortlos, doch voller Bedeutung. Müssen wir zurück und uns entschuldigen? fragten ihre Hände.
„Dann haben wir nur noch fünf Leben“, neckte Arno, schnalzte mit der Zunge und trieb sein Pferd an.
Und während der Pfad sie tiefer in das Grün des Frühlings führte, blieb der Moment vor dem RaKun zurück – wie ein stiller Nachhall zwischen den Bäumen.
Verfasst: Dienstag 25. März 2025, 14:42
von Arno Hohenstein
Es dämmerte schon leicht, als Arno das Haus verließ. Das rege Treiben in Bajard schien noch immer nicht in Gang zu sein, obwohl man ab und zu einige Wachen mit Fackeln sah. Wie fast jeden Tag lag der schwere Geruch von Fisch in der Luft. Aber daran musste man sich gewöhnen, wenn man am Meer zu Besuch war und das Fischen ein fester Bestandteil des Tages war. Alles in allem gefiel es ihm in Bajard. Besonders die Herberge. Besonders eine Person.
„Sind wir gestern mal wieder gut davongekommen, oder?“ meinte Arno mit einem Flüstern zu seinem Pferd, während er die Zügel aus der Hand des Stalljungen nahm. Ein Schmunzeln konnte er sich nicht verkneifen, als er noch einmal über den Tag nachdachte. Die junge Frau schaffte es immer wieder, ihn aus der Reserve zu locken. Sei es zu einem Unterricht, von dem er nichts verstand, oder zu einem Besuch in einer Stadt, in die er nicht gehörte. Er mochte es. Es forderte ihn auf eine Weise, die er nicht ganz verstand. Und im Grunde war das RaKun auch gar nicht übel. Das musste er sich eingestehen. Aber als Ragai der anwesenden Rasharii den Dolch reichte, sah er sich schon der Lava schwimmen. Und dann das rege Treiben vor dem RaKun. Ob Ragai wusste wer das war? Arno jedenfalls wusste es nicht, doch erkannte man sowohl an der Rüstung als auch an dem Wappen der gerüsteten, dass es sich nicht gerade um die handelte, in deren Ungnade man fallen wollte. Hänge, Köpfen, vierteilen - Alles mögliche Optionen, welche auch dieses Mal ausblieben.
Was für ein Abend.
Mit einem kurzen Schwung saß er auch schon auf dem Pferd. Heute Abend gab es die nächste Herausforderung – der Bürgerbrief. Für andere war es ein kleiner Schritt, gar ein Zettelchen mit dem man eine Art Zugehörigkeit für den Ort zeigte. Für Arno jedoch bedeutete er etwas anders. Eigentlich sollte sein Weg ihn nach Adoran führen – seinen Dienst im Regiment antreten. Vielleicht hätte er sich auch zum Leibwächter ausbilden lassen – wer wusste das schon so genau? Doch manchmal lassen sich Wege nicht planen, und manchmal gibt es gute Gründe, Pläne zu ändern. Dieses Mal gab es einen guten Grund. Und so wurde der Bürgerbrief für ihn zu einer Art Versprechen an sie.
Aber nun musste erst mal Ron leiden. Arno hatte einen Plan und dieser musste umgesetzt werden. Egal ob der Grob- und Feinschmiedemeister meinte, dass das nicht klappen würde – dieser Plan wird umgesetzt. Und so hörte man in frühster Stunde die Glocken in der Sternenschmiede und diesmal war nicht für eine Rüstung da.
Verfasst: Mittwoch 26. März 2025, 13:00
von Arno Hohenstein
Die Sonne sank bereits hinter den Horizont und hüllte das Umland sowie Bajard in ein vielsagendes Schimmern. Besonders in der Hafenstadt konnte man den Sonnenuntergang genießen, da der Blick zur Sonne, abgesehen von ein paar Segeln, frei war. Es war ein windstiller Tag, und das sonst geschäftige Treiben nahm ein Ende, während die Fischer ihre Schiffe bereits für den nächsten Tag vorbereiteten, um bei Tagesanbruch wieder auszulaufen.
Ragai deutete auf die Taverne – dies war das nächste Ziel nach dem Ausflug in den Norden. Die Thyren hatten, wie gewohnt, bestens für das leibliche Wohl der beiden gesorgt, doch einen Abend konnte man dort gut ausklingen lassen. So bestellten sie sich einen guten Wein. Der eine blieb beim halbtrockenen Hauswein, die andere wählte den lieblichen Johannisbeerwein. Dem jungen Mann war schon aufgefallen, dass seine Begleiterin immer eher die lieblichere Variante wählte, so bestellte sie bei Ida den guten, lieblichen Kirschwein.
Erwartungsgemäß füllte sich die Taverne, und rege Gespräche wurden geführt. Ein großes Thema schien sich der doch so unscheinbare Fenchel zu sichern. Und genauso viele Menschen an der Theke saßen, so viele Meinungen gab es auch. Ragai und Arno kamen jedoch zu dem Schluss, dass Fenchel ein heimlicher Favorit für den Teller war – wider vieler anderer Meinungen. Beide lächelten sich an. Ihre Hände suchten einander oft, tauschten kurze Zärtlichkeiten aus und sicherten dem anderen wortlos zu: „Ich bin da.“ Und nachdem die beiden, wenn auch mit etwas Glück, die Drachenkristalle unbeschadet der geschmacklichen Leistungsfähigkeit überstanden hatten, kam Nika auch schon mit der nächsten Idee für das Abendprogramm: Messerwerfen.
Beide blickten in Richtung der Scheibe, die das Ziel der abendlichen Aktivität werden sollte. Der Gewinn war ein rechnungsfreier Abend. Aber Arno konnte es sich nicht nehmen, seiner Begleiterin einen weiteren Gewinn in Aussicht zu stellen. Er beugte sich vor und flüsterte ihr leise in den Rücken: „Wenn du gewinnst, lege ich eine Überraschung drauf.“ Sie schmunzelte. Leider gewann die junge Frau nicht, somit gab es auch keine Überraschung. Arno schien mit dem Ergebnis unzufrieden zu sein, da er nach Nika gewonnen hatte. Doch Ragai schien in ihm zu lesen wie in einem Buch, ihre Blicke kündigten ihre Gesten an. „Du bist und bleibst mein Held“, formulierte Ragai und blickte ihm offen und warm entgegen. Sie entwaffnete ihn, machte ihn wehrlos und zeigte ihm Alternativen. Sie war einzigartig. Warum konnte sie das? Arno verstand es nicht. Er blickte ihr entgegen, sein Blick suchte den ihren, er wollte ihr wortlos mitteilen, wie dankbar er für ihre Worte war. Weitere Gesten folgten seitens Ragai: „Da kann sonst wer höher werfen als du, selbst der Alka kann da nicht mithalten.“ Ob es nun am Alkohol lag oder an dem Mut, den sie ihm vermittelte, aber er versuchte sich ebenfalls in der Gebärdensprache. Bei jeder einzelnen Geste merkte man die Grobschlächtigkeit des Mannes, das Ungeschickte in seinem Handeln. „Selbst mit dem Alka würde ich es für dich aufnehmen“, versuchte er ihr zu vermitteln. Und das meinte er auch genauso wie er es deutete. Für sie würde er es selbst mit den Göttern aufnehmen.
Dann begann der Barde mit seinem Spiel, und als hätten sie sich abgesprochen, suchten beide das Weite – dieser jedoch folgte ihnen.
~
Sie eilten beide lachend in Richtung der Herberge. Glücklicherweise konnten sie dem Barden, welcher mit voller Hingabe sein Stück Vortrag, entkommen. Nicht minder war es der Verdienst Ragais, die ohne Rücksicht auf Verluste die Tür hinter den beiden zuschlug um so genügend Zeit für die Flucht zu gewinnen. So schön der Abend auch war, so froh war Arno nun auch über die Zeit mit Ragai alleine. Zumal der Tag auch ziemlich lang war, kam die Ruhe gerade passend.
Arno trat als Nachzügler durch den Vorhang und dort sah er sie auch schon. An der Wand gelehnt stand Ragai. Die Blicke trafen sich. Wie beinahe schon den ganze Abend konnte man die Gefühle in den Blicken förmlich spüren, in einem tiefen Austausch, den nur die beiden wirklich verstanden. Die Worte, die sie nicht aussprechen mussten, langen in der Luft, schwer wie ein flimmernder Schleier aus Zärtlichkeit. Nur die kurzen, zärtlichen Berührungen gaben Hinweise auf Verbundenheit beider Seelen.
„Die Überraschung muss dann wohl bis zum nächsten Wettbewerb warten.“ sprach Arno leise, trat näher an Ragai heran und schmunzelte amüsiert ob der Tatsache, dass der Ausflug dann wohl noch lange ein Geheimnis bleiben würde. In gewohnter Manier bildete Ragai geschickt einige Zeichen - Silbe für Silbe, Wort für Wort. Noch immer hatte er Schwierigkeiten mit einigen Begriffen, doch die, die Sie gerade formte ließen sein Herz schneller schlagen. Zuerst dachte er, dass er sich verguckt hatte, lies die Zeichen nochmal Revue passieren und war sich sicher: „Als ob ich dich nur deswegen lieben würde.“ In diesem Moment war die Welt um sie herum verschwunden. Nur noch der Klang ihrer Herzen, die im gleichen Takt schlugen, und die Wärme ihrer Blicke füllten den Raum. Arno zog sie vorsichtig am Gürtel näher an sich und legte seine Arme um die Taille der Ragais. Er wusste, dass jedes gesprochene Wort den Moment nur kaputt machen konnte, entschied sich jedoch dafür diese Worte nicht unbeantwortet zu lassen. Zu sehr wollte er ihr das gleiche sagen, zu sehr bestätigen dass auch er so fühlte. „Das hoffe ich doch, meine Liebe.“ raunte Arno schließlich, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. Meine Liebe, mein Herz, meine Welt, meine Zukunft. Egal welche Wortwahl – sie meinten alle das gleiche. Ragai zog die Hände hoch, suchte sich Platz. „Wahrlich, mein Herz ward mir gestohlen und ich klage nicht darüber – denn in Deiner Obhut möchte ich es wissen, bis ans Ende meiner Tage.“ - Wärme, Nähe, Vertrauen und eine Liebe, die tief verwurzelt war, auch ohne dass sie ein gesprochenes Wort darüber verloren hatten. Noch immer blickte sich das Pärchen in die Augen, das Bernstein vermischte sich dem Blau die seiner Augen und hätte sich nun irgendwas zwischen die beiden gestellt, so wäre es versengt wie ein Blatt Papier, welches sein Ende in den Feuern des RaKun fand. „So kannst du das meine haben - Dann lass uns tauschen um einander immer nahe zu sein.“ und so sollte es auch sein.
Verfasst: Donnerstag 27. März 2025, 19:26
von Ragai Mirkow
Heute... Ich glaube, ich habe Arnos Herz ein Stück mehr verstanden.
Es war ein seltsamer Tag. Wie so oft war ich zuerst still – beobachtend, tastend, fast so, als müsste ich die Welt mit meinen Augen erst erneut zusammensetzen. Das Schild, das Tor. Und dann war da Ron. Doch mein Blick fand Arno. Wie immer, wenn ich ihn sehe, wird mein Inneres etwas heller. Ich glaube, er merkt das.
Trotzdem... dieses Veilchen an meinem Auge. Ich sah, wie er es bemerkte, wie sein Lächeln einen Hauch dunkler wurde. Er fragte leise. Ich antwortete mit den Händen, wie immer. Ein Räuber. Nichts weiter. Ich tötete ihn. Erst den besser Gerüsteten, dann den anderen. Es hat gedauert, aber ich habe es geschafft. Vielleicht bin ich stärker, als ich manchmal denke.
Und dann dieser Moment mit dem Fischgeruch – seine Miene, als er dran roch. Fisch und Kamille. Ich musste fast lachen. Ich habe mein Bestes getan, das Auge zu versorgen. Es hilft – irgendwie.
Später, in unserem kleinen Heim, hat er mir Tränke gebracht. Ich wollte es ihm gleichtun. Doch meiner war… falsch. Keine Resistenz, nur Stärke. Ich habe versagt. Ein winziges Fläschchen, zersplittert im Müll. Ich schämte mich. Und doch – er sah mich an, wie nur er es kann, und sagte: Machts nicht minder gut, meine Liebe.
Wir gingen jagen. Die Hütte – ich wollte sie ihm zeigen. Und da war er, in seiner Rüstung. Ich erkannte ihn zuerst nicht und bekam etwas Angst. Doch es war nur er. Mein Arno.
Wir kämpften. Seite an Seite. Ich spürte, wie unser Band stärker wurde, still, unausgesprochen. Der Drache fiel, und wir standen noch.
Am Ende des Tages... Das Bett, die Wärme, seine Arme. Ich konnte schlafen. Fast. Denn in der Nacht wachte ich auf. Die Verbrennungen – ich schmierte ihm Öl auf die Haut, vorsichtig, leise. Vielleicht merkt er’s nicht. Doch ich wollte es tun. Ich wollte ihm helfen.
Und dann… legte ich mich wieder zu ihm. Ganz nah.
Er war ruhig. Friedlich.
Ich glaube, ich war es auch.
Verfasst: Samstag 29. März 2025, 13:37
von Arno Hohenstein
Die Verbrennungen spürte er noch immer und sie erinnerten ihn mit einem leicht stechenden Schmerz an das lächerliche Versagen bei der Jagd. Gedankenverloren benetzte er die Finger mit der hellen Salbe, die Ragai angefertigt hatte. Er spürte sofort, wie die Salbe die Haut beruhigte und ein kühlender Film auf der Wunde lag. Die Rötung ließ nach, und der Schmerz verflog. Es war, als ob die Salbe seine Haut schützte und die Heilung beschleunigte. Ihm gefiel es jedoch deutlich besser wenn die Ragai dies tat, seine grobe Art war nicht für solch vorsichtige Arbeit gemacht.
Sie waren heute auf La Cabeza, einem besinnlichen Fleck Land, der ihm deutlich besser gefiel als das Festland. Lediglich die Tatsache, dass Rahal auch hier seine Finger im Spiel hatte, missfiel ihm etwas, war aber eines der Übel, die er in Kauf nahm, um das Lächeln der jungen Frau zu sehen. Die unschuldige Neugier und Sorglosigkeit schien auf ihn überzugreifen, und so begannen sie ihre Erkundungsrunde.
„Das könnte unser Palast sein“, meinte sie, als sie sich das eine Haus ansahen, das das einzige zwischen den Bergen war. Er blickte sie an, warm und voller Liebe. Wird es. Vielleicht nicht dieses. Vielleicht auch nicht das nächste oder übernächste. Aber am Ende würde sie einen Palast bekommen, oder zumindest das, was sie sich wünschte.
Sie verließen beide die Insel nass, aber überaus zufrieden. Es war wieder ein schöner Nachmittag.
Abends traf er den Schmied leider wieder nicht an – er hatte von Ragai den Auftrag bekommen, ihn ein wenig aufzumuntern. So musste dies auf die nächsten Tage verschoben werden. Er wusste aber dennoch, was er tun konnte. In der Nähe des RaKun gab es einen Fehler, den er zu korrigieren hatte.
Als Arno die Höhle wieder verließ, qualmte die Rüstung leicht von der Hitze und den eingesteckten Schlägen. Die leichten Dellen, die sie davongetragen hatte, würde der Schmied sicher richten können; dafür hatte er zu sorgen. Dennoch war er zufrieden mit dem Ergebnis. Fehler korrigiert. Es war noch ein weiter Weg für den jungen Krieger – im jetzigen Zustand und mit jetziger Befähigung konnte er sie nicht beschützen. Und es würden sicher noch weitaus mehr Gefahren auf die beiden warten als so ein lächerlicher Golem.
Verfasst: Samstag 29. März 2025, 17:21
von Ragai Mirkow
Ich hatte nicht in meinem eigenen Bett geschlafen. Die Reise zur sonnigen Insel, so schön sie zunächst schien, hatte mir mehr abverlangt, als ich dachte. Noch schwerer wogen die Ereignisse, die ich nun zu verarbeiten versuchte. Ich vermisste Arno. Sein Platz neben mir war leer, und ich hoffte inständig, dass er sich keine Sorgen machte.
Am Morgen führte mich mein Weg zuerst nach Hause. Im Briefkasten wartete ein Schreiben von Varek auf mich. Seine Zeilen waren von Sorge und Eile durchzogen – ein Hilferuf aus K'awi, wo sich Schreckliches ereignet hatte. Ohne zu zögern packte ich meine Dinge, mischte Salben, schrieb Anleitungen und machte mich auf den Weg.
Als ich ankam, war Varek in Gedanken versunken. Sein Gesicht trug die Spuren einer schlaflosen Nacht. Dennoch zauberte mein Erscheinen ein Lächeln auf seine Lippen – ein kurzes Aufflackern von Wärme im Sturm seiner Gedanken. Ich übergab ihm eine Schale mit Salbe für Blanche und ein Pergament mit meinen Worten.
„Was ist passiert?“ fragte ich ihn – stumm, aber klar lesbar. Er antwortete mit Taten: Er zeigte mir das Ausmaß der Zerstörung.
Ein Fest war geplant gewesen – Männer- und Frauenabend, ein Tag der Leichtigkeit. Doch dann bebte die Insel, als würde sie selbst schreien. Wasserwesen, schlangenartige Kreaturen und andere Monster tauchten auf. Das Meer erhob sich, eine gewaltige Welle schlug über die Stadt hinweg und hinterließ Trümmer, Angst – und tiefe Narben in der Erinnerung.
Die Taverne war halb zerstört, Gras niedergetrampelt, Mauern eingerissen. Doch das war nicht alles. Alte Teile der versunkenen Stadt waren plötzlich wieder sichtbar geworden. Und mit ihnen kamen neue Sorgen – was hatte dass alles ausgelöst?
Ich reichte ihm Phiolen, alles, was ich auf die Schnelle vorbereiten konnte. Ich versprach ihm mehr, ein ganzes Fass, wenn es sein muss. Er soll es verteilen – besonders an die, die sich nicht verteidigen können.
Ich sah Tränen in seinen Augen. Und ich fühlte meine eigenen glitzern.
Er hatte Angst um Leoras gehabt – und Leoras hatte seine Angst überwunden, um Varek zu retten. Sie hatten zusammen ein Portal durchquert, denn Varek kann nicht schwimmen.
Ich versprach ihm, es ihm beizubringen. Und ich schrieb ihm Mut zu – dass K'awi lebt, dass es atmet, dass es nicht schuld ist. Wir müssen verstehen, was geschah. Und nicht aufgeben. Die schlechten Erinnerungen dürfen nicht über die guten siegen.
Am Ende umarmten wir uns. Keine große Geste, aber ein fester Griff, der Halt schenkte.
Varek lächelte ein wenig. Und ich auch.
Er würde Leoras suchen, ich würde weiter Tränke brauen. Und vielleicht… nur vielleicht… war inmitten all des Chaos auch ein kleines Licht zu finden.
Verfasst: Sonntag 30. März 2025, 13:03
von Ragai Mirkow
Die Arme schmerzten. Erst hatten Arno und sie auf K'awi geholfen, die Aufräumarbeiten nach dem schrecklichen Vorfall zu erledigen. Danach waren sie jagen gewesen, und später hatte sie noch ihre Stelle angetreten und ein paar Dinge im Haus von Herrn Sturmfang umgeräumt.
Zuhause, in der Herberge, sortierte Arno noch alles weg, was sie erjagt hatten. Ragai aber fiel direkt ins Bett – und schlief fast augenblicklich ein. Natürlich schmiegte sie sich an ihn, als auch er sich später zu ihr legte.
Am nächsten Morgen betrachtete sie ihn still, wie er dort lag, und stieg leise aus dem Bett, um ihn nicht zu wecken. Sie setzte sich an den kleinen Tisch in der Ecke und schrieb einen Brief. Dann legte sie ihn auf ihr Kopfkissen, dort, wo er ihn finden würde.
Für Arno
Wenn du das hier liest, bin ich vielleicht gerade wieder zu still. Aber in jedem Wort steckt mehr Stimme, als ich je laut sagen könnte.
Du siehst mich.
Nicht wie andere. Nicht nur das, was ich zeige – sondern auch das, was ich verberge. Die Schatten unter meinen Augen. Die Angst hinter meinem Lächeln. Den Stolz in meiner Stille.
Und du sprichst mit mir, selbst wenn ich nicht spreche.
Du wartest, wenn ich zögere. Du nickst, wenn ich gestikuliere. Du lachst über meine seltsamen Methoden – Fisch und Kamille – und sagst trotzdem, es sei gut. Gut genug. Nein... du machst es gut – mit deinem Blick, mit deinem Glauben an mich.
Du lässt mich stark sein, ohne dass ich laut sein muss.
Ich erinnere mich an dein Lächeln, das sich veränderte, als du mein Auge gesehen hast. Die Sorge darin. Und gleichzeitig der Respekt, als du begriffen hast, dass ich den Räuber besiegt hatte. Nicht aus Wut – sondern aus Notwendigkeit. Ich habe dich angesehen und wusste: Du verstehst.
Du bist mein Zuhause.
Nicht ein Ort – du bist es.
Dein Blick. Deine Nähe. Deine Wärme, selbst im Schweigen.
Ich weiß, ich bin manchmal ein Rätsel – in Bewegungen, in Tinkturen, in diesen Dingen, die ich einfach tue, weil ich glaube, sie helfen.
Aber du hältst das aus. Mehr noch: Du hilfst mir, mich selbst zu verstehen.
Wenn du also wieder neben mir liegst und ich nicht schlafe, weißt du vielleicht jetzt: Ich schaue dich an und denke mir –
Das ist mein Mensch. Mein Arno.
Und ich gehe überall mit dir hin. Überall.
Bleib bei mir.
Und ich bleibe bei dir.
Ragai
PS: Ich bin kurz Besorgungen machen – aber du fehlst mir schon, während ich diese Zeilen schreibe. Wenn du das liest, stell dir vor, ich lächle gerade. Und vielleicht bringe ich dir etwas mit. Etwas Kleines.
Zärtlich streichelte sie Arno noch einmal über die Wange, dann ging sie los.
Es gab einiges zu erledigen – und je schneller sie damit fertig war, desto schneller konnte sie zurückkehren. Zu ihm.
Verfasst: Sonntag 30. März 2025, 13:12
von Arno Hohenstein
Die Sonne stand im Zenit, als Arno seinen Weg in Richtung der Herbe leitete, dem Heimathafen seines Tages, der Bastion der stillen Frau. Wie gewohnt grüßte er die Händler, bevor er sich die Treppe hinauf schob. Die Stufen knarzten leise unter dem Gewicht des Mannes. Immer im selben Ton, immer in der gleichen Lautstärke – jedes Mal, wenn seine Wege ihn wieder nach Hause führten.
Vorsichtig öffnete er die Tür des Zimmers, in dem Ragai ab und zu kochte und den Fisch selektierte. Vielleicht war sie ja wieder da – die Nacht hatte er allein verbracht. Das letzte Mal war tatsächlich schon einige Zeit her. Langsam gewöhnte er sich an das leise Atmen des zarten Körpers neben sich und erschreckte sich kaum noch vor den Bewegungen. Unweigerlich musste Arno anfangen zu lächeln, als sich die Bilder der im Bett liegenden Frau vor seinem inneren Auge manifestierten. Ein schöner Gedanke.
Der Blick klärte sich wieder und er erkannte eine offenstehende Tür am Ende des Raumes. War die schon immer da? Unbekannt. War er so unaufmerksam? Möglich. Sein Ziel in diesem Zimmer war nie eine Tür, sondern nur die Bewohner. Ändert nun eh nichts. Langsam schritt er zur Tür und bemerkte erstmals die schöne Aussicht, die diese Tür zu bieten hatte. Aus diesem Blickwinkel schien die Tür direkt ins Meer zu führen – einen Schritt zu weit, und du würdest im offenen Meer der Gezeiten Spielball sein. Die holzige Luft im Zimmer vermischte sich immer stärker mit der salzigen Meerluft, je näher er der Tür kam. Die Schuhe, die auf dem Geländer des Balkons Ruhe suchten, kannte er. Diese hatten gestern noch den Teppich im Obergeschoss eingesaut. Er atmete zufrieden aus, als er sich in den Türrahmen stellte und die Frau betrachtete, die zunächst trüb aufs Meer hinaus schaute. Sie sah müde aus. Ging es ihr gut? Er lehnte sich in den Türrahmen und blickte sie ruhig an, musterte sie. Beide Blicke klärten sich und wichen einem warmen, gar liebevollen Blick. Es brauchte keine vielen Worte, und für einen kurzen Moment ließ er den Moment einfach auf sich wirken. Die Erstfrühlingssonne schien in diesem Moment nur für Ragai.
Mit geschickten Handbewegungen erklärte sie ihm den gestrigen Tag. Jeder einzelnen Geste folgte er aufmerksam, interessiert und gar neugierig. Die restlichen Informationen gab ein Brief preis, der auf dem Tisch lag. Er ließ sich etwas über die lebende Insel belehren und aufklären. Er misstraute dieser. Sie soll Leben schützen? Davon musste er sich überzeugen. Ragai hatte mehr Erfahrung als er – wusste mehr und konnte ihm auf ihre einzigartige Weise das Leben außerhalb seiner Rüstung erklären. Würde sie ihm erklären, dass es lila Kühe gibt – er würde es ihr glauben. Doof gucken, aber glauben.
Sie wollten nach K'awi aufbrechen, ihm zeigen, was passiert war, und auch er wollte sich darüber klar werden, wie die Insel die Menschen beschützte. Doch vorerst wollte sie seine alten Verbrennungen kontrollieren. Ihm fiel es schwer, die Mimik zu kontrollieren, während er nickte – hatte er möglicherweise neue, die er ihr ungern zeigen wollte. Aus diesem Grund ließ er auch gerade die Rüstung reinigen, vom Schwefelgestank befreien und die Beulen entfernen.
Beide gingen hinauf in die Heilerstube, wo die Salben, Tränke und Bandagen verstaut waren. Ragai setzte sich und blickte ihn erwartungsvoll an, als wollte sie, dass er das Geheimnis offenbarte, welches unter dem leichten Hemd lag. Konnte sie seine Gedanken lesen? Er hoffte es – denn dann konnte sie sehen, was er fühlte, was er nicht aussprechen konnte. Das abgelegte Hemd legte die neuen Verbrennungen offen, die wie Schatten der alten, etwas verschoben, übereinander lagen. Keineswegs waren sie so schwer wie das letzte Mal, was seiner guten Vorbereitung zu verdanken war sowie der Salbe Ragais. Nicht nur, dass sie im Nachhinein die Haut pflegte – sie schien auch präventiv einiges zu verhindern. Aber das konnte auch nur Einbildung gewesen sein. Das Resultat zählte. Seine Miene starr, blickte er hinab zu der Frau und wartete auf ihre Reaktion. Sie war nicht begeistert, jedoch professionell wie sie war, begann sie mit der Wundversorgung. Ihre Fingerspitzen glitten, geschmiert durch die nach Ringelblumen und Minze duftende Salbe, über die geschundene Haut des Kriegers, liebkosten diese und entlockten dem jungen Mann ab und zu ein tieferes Seufzen. Gleichzeitig waren die Berührungen mal wieder Mahnmale seiner Unvorsichtigkeit. Er genoss die Zärtlichkeit Ragais – die Nähe und die Liebe, die in jeder einzelnen Berührung lag.
Leider trennten sich ihre Körper wieder viel zu schnell, beendeten den verheißungsvollen Moment voller Zärtlichkeit und Nähe, denn K'awi wartete.
Die Reise begann – K'awi das Ziel. Ragai führte Arno in den Norden der Stadt, wo lautes Arbeiten zu vernehmen war. Waren die Schäden so stark? Er machte sich Sorgen. Warum? Der Gedanke war jedoch vorerst hinfällig. Ragai bat Arno, sie anzukündigen und die Hilfe anzubieten. Er holte tief Luft und rief durch die Straßen. Diese schienen auch zu antworten.
Sie öffneten die Tür zur Gaststätte, aus der die Rufe kamen. Er blickte sich um. Reges Treiben. Viele Menschen. Arno atmete einmal tief durch, schüttelte das unangenehme Gefühl ab und blickte warm zu seiner Begleiterin. Augen zu und durch...
Villa Sturmfang – ein neues Kapitel beginnt
Verfasst: Sonntag 30. März 2025, 23:33
von Linus van Sturmfang
Endlich war es also soweit. Hoch oben auf dem Berg von Berchgard stand sie nun — meine Villa Sturmfang. Ein eigenwilliges Haus, mit schiefen Balken, verwittertem Stein und einem weiten Blick über das Tal, als würde es selbst über die Lande wachen. Ich konnte nicht leugnen, wie stolz ich war. So viele Lieder habe ich über Heimat und Ankommen gesungen, doch jetzt... jetzt fühlte es sich wirklich so an.
Lange war sie still, die Villa. Zu still. Ein Haus ohne Hände, die es ordnen, ist wie ein Lied ohne Refrain. Doch dann, fast wie ein Geschenk, trat Frau Mirkow über die Schwelle. Kein großes Aufsehen, keine lauten Ankündigungen, nur ein prüfender Blick – und ich wusste, sie sah mehr als nur Holz und Stein. Sie erkannte die Sprache des Hauses, als könne sie seine Melodie fühlen.
Mit kaum einem Wort — ihre Stimme trägt nicht weit — doch mit umso mehr Tatkraft, machte sie sich ans Werk. Sie wusste, wo der Staub sich versteckt, wo die Balken schief und die Fenster trübe waren. Fast so, als hätte sie all das schon längst gewusst. Und ich, der ich doch für mein Leben gern Worte verliere, musste schmunzeln: Gut so, ich rede ohnehin für zwei.
An ihrer Seite ihr Mann, Herr Hohenstein. Ein stiller, feiner Kerl mit wachen Augen und starken Händen. Keiner, der viele Worte braucht, doch einer, der stets dort steht, wo er gebraucht wird. Ich mochte ihn sofort. Zwei Menschen, die mehr durch ihr Tun sprechen als durch ihre Stimmen. Ich glaube, genau das braucht die Villa.
Und nun sehe ich sie beide, wie sie das Haus Stück für Stück zum Leben erwecken. Möbel rücken, altes Gerümpel fortschaffen, leise — fast wie im Einklang mit dem Lied des Berges. Und ich? Ich stehe da, lausche und weiß: Ich habe die richtige Wahl getroffen.
Villa Sturmfang wird nicht nur ein Haus sein. Sie wird ein Zuhause. Und ich? Ich werde singen.
Verfasst: Dienstag 1. April 2025, 12:43
von Ragai Mirkow
Ragai merkte, wie sehr sie eine Last war, wenn sie mit Arno oder den anderen jagen ging. Ihr Schlägel war schwer, ihre Bewegungen zu langsam, ihr Blick noch nicht scharf genug. Sie sah es in den Gesichtern, wenn sie einen Schritt zu spät kam. Wenn Beute entkam. Wenn Arno das Schwert zog, weil sie es nicht rechtzeitig schaffte.
Sie musste besser werden.
Also schlich sie sich morgens schon raus, wenn der Nebel noch tief über den Wassern hing und die Netze in Bajard glitzerten wie Spinnweben aus Salz. Sie nahm ihren Hammer und ging. Kein Wort, kein Ziel außer dem einen: besser zu werden.
Der Frühling war mild, doch in ihren Gliedern lag Kälte. Sie ging nach Westen, hinaus aus dem Dorf, den schmalen Pfad entlang, der sich zwischen windgebeugten Birken und knorrigem Weidengebüsch hindurchschlängelte. Möwen riefen vom See her, aber bald wurden selbst sie leiser.
Der Friedhof der Unbekannten lag dort draußen. Ein Ort, den selbst die Alten nur mit gesenkter Stimme erwähnten. Manche sagten, dort würden die Namenlosen begraben – Räuber, Deserteure, Gestrandete. Andere sagten, dort hätten sich die Toten selbst das Reden abgewöhnt.
Doch Ragai war es gleich. Wenn dort Gefahren lauerten, umso besser. Der Schlägel in ihrer Hand wollte nicht gegen Holz oder Strohsäcke schlagen. Sie wollte wissen, was geschah, wenn es ernst wurde.
Der Boden war feucht. Altes Laub klebte an ihren Stiefeln. Sie ging zwischen schiefen Steinen hindurch, über denen kein Name stand. Nur Moos, Schatten und Zeit.
Ein Rascheln.
Ragai hielt inne. Der Schlägel noch erhoben, der Atem flach. Das Geräusch war anders als der Wind. Schärfer. Näher.
Zwischen den Gräbern bewegte sich etwas – eine Gestalt, geduckt, mit einem Messer in der Hand. Die Kleidung dunkel, schmutzig. Keine Rüstung. Kein Wappen. Nur gierige Augen und ein leises Knurren.
Ein Räuber.
Er hatte sie gesehen. Rechnete sich leichte Beute aus. Ein junges Mädchen mit einem zu schweren Schlägel.
Ragai spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Nicht vor Angst – vor Klarheit. Alles andere trat zurück.
Der Mann kam schnell, direkt. Kein Zögern, kein Umkreisen. Ein Jäger, der glaubte, das Wild schon erlegt zu haben.
Sie wich einen Schritt zurück, ließ den Schlägel tiefer sinken, als wäre sie unvorbereitet. Er hob das Messer. Ein tiefer Schnitt – mehr brauchte er nicht, dachte er.
Dann schlug sie zu.
Nicht in Panik. Nicht blind.
Ein schneller Hieb von unten, quer durch die Luft. Die Waffe traf nicht ihn, aber das Messer – mit solcher Wucht, dass es ihm aus der Hand gerissen wurde. Metall klirrte auf Stein. Der Mann stolperte, überrascht von der Kraft, die hinter dem Schlag lag.
Ragai trat nach. Ihre Waffe schnell wieder oben. Schwer, aber geführt. Der zweite Schlag kam von der Seite. Traf den Räuber an der Schulter. Etwas krachte. Er schrie auf, taumelte zurück.
Doch er war noch nicht am Boden. Er zog ein zweites Messer, kleiner, zackig.
Er kam näher. Schneller diesmal. Die Schneide blitzte.
Ragai sprang zurück, rutschte fast auf dem nassen Boden. Der Schlägel war zu träge für enge Winkel. Sie drehte ihn, hob ihn hoch über den Kopf. Der Räuber stach zu – sie wich aus, spürte den kalten Luftzug am Bauch – und ließ den Schlägel fallen.
Mit voller Wucht.
Er traf den Boden. Und alles dazwischen.
Stille.
Der Mann blieb liegen. Keuchte. Bewegte sich nicht mehr.
Ragai stand über ihm. Die Waffe wieder aufnehmend in beiden Händen. Zitternd. Vom Gewicht. Vom Kampf. Von allem.
Sie sah ihn nicht mehr an. Wandte sich ab.
Ihr Atem ging schnell. Doch in ihr war Ruhe.
Sie lebte. Und sie war nicht gefallen.
Verfasst: Dienstag 1. April 2025, 13:50
von Arno Hohenstein
„Für immer..“
Der junge Krieger saß am Wasser - in den letzten Tagen war der Rittersee zu einer entspannenden Abwechslung geworden. Auch wenn er wusste, dass Ragai ihn kannte, so hatte er sich vorgenommen sie beim nächsten Mal mitzunehmen. Ihr würde es bestimmt gefallen. Ein friedliches Stück Land an welchem die Zeit beinahe still stand.
Während er dort saß, vertiefte sich sein Blick immer mehr in die Weite des Sees, als könnte er in dessen Spiegelung Antworten finden, die ihm bisher verborgen geblieben waren. Wie lange war „Für immer.“? Schon seit Tagen beschäftigte ihn diese Frage. Rannte durch seinen Kopf als wolle sie ihn ärgern. Aber genau das gelang ihr.
Ohne wirklich nachzudenken, hob er einen kleinen, glatten Stein auf, der ihm zwischen den Füßen ins Blickfeld fiel. In einer fast mechanischen Bewegung warf er den Stein ins Wasser, der klirrende Aufprall und das kleine Plätschern verschwanden schnell in der weiten Stille des Sees. Für einen Moment fühlte sich Arno wie der Stein, der unmerklich in der Tiefe versank.
"Was war es wirklich, dieses für immer? War es eine Illusion, ein Versprechen ohne ein Ende, oder war es nur der Moment, der uns vorgaukelte, er würde niemals vergehen nur um uns Zeit zu zeigen welche wir nicht haben?" Die Gedanken wurden dunkler. Ein innerer Dialog keimte auf. "Aber ist das wirklich genug?" dachte Arno, diskutierte mit sich selbst. "Was ist mit all dem, was bleibt? Mit den Dingen, die uns immer begleiten sollten, auch wenn die Zeit uns verändert?"
"Ich will mit dir durch Jahreszeiten gehen. Die Welt sehen, wie sie sich verändert, und wir mit ihr, aber immer mit Dir."
Und plötzlich, wie ein warmer, stiller Ruf, fühlte er die Sonne auf seiner Haut. Ihr Licht berührte ihn sanft, als wolle es ihn zurück in die Gegenwart holen. Ein leichtes Lächeln huschte über die Lippen, und mit diesem sanften Ruck, der die Sonne ihm schenkte schüttelte er die Dunkelheit aus den Gedanken. Arno blickte auf die Hand, für einen kurzen Moment hatte er das Gefühl, dass sie da gewesen wäre.
Vielleicht stelle er auch die falsche Frage. Vielleicht war sie nicht, wie lange „für immer“ ist, sondern ob dies lang genug war. Aber diese Frage galt es später zu klären. Nun musste er erstmals nach Berchgard – Briefe mussten geschrieben werden. Schließlich war es bereits Mittag - die Zeit verflog hier wie mit Ragai.
„..ein Teil von dir.“