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Cassian Gallus

Verfasst: Montag 4. November 2024, 16:24
von Cassian Gallus
Cassian saß an seinem provisorisch eingerichteten Arbeitstisch, das Licht der Kerze tanzte über die unterschiedlich zusammengewürfelten medizinischen Instrumente und die verstreuten Proben vor ihm. Das Labor war alles andere als fertig, der Tisch wackelte leicht, und die meisten seiner Utensilien waren entweder ausgeliehen oder improvisiert. Er hatte gerade genug, um seine Arbeit zu beginnen, aber es fehlte an Stabilität und Präzision, was ihn frustrierte. Der Raum war still, abgesehen vom gelegentlichen Hufklappern und den Rufen vorbeilaufender Leute auf der Hauptstraße von Bajard, die durch das Fenster drangen, und dem Rascheln von Pergament, wenn er sich Notizen machte. Die Geräusche der Straße waren ein ständiger Begleiter, mal belebend, mal störend. Die provisorische Einrichtung des Raumes zeigte sich an allen Ecken, die Werkzeuge lagen auf dem Schreibtisch und teils in den Regalen. Seine abgenutzte Kettenhemd-Rüstung war achtlos auf einen Stuhl geworfen, während er in einfache Kleidung gehüllt über seine Arbeit gebeugt saß. Das Skalpell in seiner Hand glitzerte im schwachen Licht, als er die Haut- und Fleischreste untersuchte, die er vor wenigen Nächten behandelt hatte.
Mit einer Mischung aus Neugier und Beklommenheit begann Cassian das Gewebe zu untersuchen, während er versuchte, die Unzulänglichkeiten seiner Umgebung auszublenden. Der wackelige Tisch und die unsteten Lichtverhältnisse erschwerten ihm die Arbeit, doch er zwang sich, konzentriert zu bleiben. Die Probe vor ihm schien Geheimnisse zu verbergen, die nur darauf warteten, von jemandem mit seinem Wissen entschlüsselt zu werden. Er führte das Skalpell mit ruhiger Präzision über die verdorbene Haut, öffnete einen winzigen Schnitt, um tieferliegendes Gewebe freizulegen. Ein unerwarteter Juckreiz an seinem Handgelenk ließ ihn innehalten. Cassian rieb sich die Stelle flüchtig, ein Gedanke blitzte in seinem Kopf auf, weniger klar, aber dennoch präsent. Er schüttelte den Kopf und rief sich zur Konzentration zurück.
Seine Augen verengten sich, als er das Gewebe unter einer Linse betrachtete. Die Struktur der Zellen war irgendwie vertraut, doch unbestreitbar fremdartig. Er beugte sich noch näher, die Lupe fixierend, und beobachtete die Muster, die in dem Gewebe verborgen lagen. Was war es? Cassian legte das Skalpell zur Seite, griff nach einer Nadel und entnahm vorsichtig ein kleines Stück Gewebe, um es in ein Reagenzglas zu überführen.
Er hielt kurz inne, seine Gedanken drifteten, abgelenkt von einem vagen Gefühl einem Gefühl von Wärme, das nichts mit der Untersuchung vor ihm zu tun hatte. Mit einem ruckartigen Kopfschütteln verbannte er den Gedanken erneut. Es war unprofessionell. Er war ein Medikus, jemand, der sich der Wissenschaft verschrieben hatte, und versuchte, sich nicht von unklaren Gedanken ablenken zu lassen.
Er beugte sich wieder über die Proben, wobei seine Schultern sich an der unbequemen Position verkrampften. Diesmal fügte er eine Substanz hinzu, die er in einem der improvisierten Behälter gemischt hatte, und beobachtete die chemische Reaktion der Zellen. Die einfachen Mittel, die ihm zur Verfügung standen, machten es schwierig, präzise Ergebnisse zu erzielen, doch er würde sich davon nicht aufhalten lassen. Der Geruch von Lösungsmitteln füllte die Luft, der Tisch war überladen mit kleinen Phiolen, Behältern und Pergamenten voller Notizen. Die Textur des Gewebes, die sich unter seiner Linse veränderte, erzählte ihm eine Geschichte. Cassian folgte jeder Bewegung, notierte jede Veränderung. Wieder begann es an seinem Arm zu jucken, und abwesend rieb er über die Stelle. Die Flecken auf seiner Haut erinnerten ihn daran, dass er sich ebenfalls angesteckt hatte. Ein weiterer Anreiz, Antworten zu finden.
Das Gewebe zeigte eine Reaktion, die ihn innehalten ließ. Die Zellen schienen sich in einem einzigartigen Muster zu teilen, anders als alles, was er zuvor gesehen hatte. Eine Art Mischung, eine Verschmelzung verschiedener Eigenschaften. Cassian atmete tief durch, er konnte spüren, wie das Adrenalin durch seine Adern schoss, während sein Verstand versuchte, das Puzzle zusammenzusetzen. Was immer diese Proben wirklich offenbarten, sie schienen weit mehr zu verbergen, als das, was die meisten geglaubt hätten. Nein, das Gewebe erzählte eine viel tiefere, viel komplexere Geschichte, eine, die noch niemand entschlüsselt hatte.
Er setzte sich aufrecht hin, massierte kurz seinen schmerzenden Nacken und betrachtete die verbliebenen Proben auf dem Tisch. Es war alles andere als ideal, aber es war ein Anfang. Die Unzulänglichkeiten seines provisorischen Labors machten die Erfolge umso befriedigender. Ein Funkeln von Stolz und Neugier blitzte in seinen Augen auf. Diese Untersuchung war noch lange nicht vorbei, sie war der Beginn von etwas Größerem, davon war er überzeugt. Er legte das Werkzeug beiseite, ein leises Lächeln auf seinen Lippen, das von einer Mischung aus Zufriedenheit und Ehrgeiz zeugte.
„Interessant“, murmelte Cassian.

Re: Cassian Gallus

Verfasst: Mittwoch 11. März 2026, 03:14
von Cassian Gallus
Der Raum roch nach Staub und altem Stein. Die Luft war ruhig, schwer und unbewegt, als hätte sie seit langer Zeit keinen Anlass gehabt, sich zu verändern. Cassian trat ein, ohne innezuhalten. Sein Blick glitt über die Wände, über den Boden, über die tragende Säule im hinteren Teil des Raumes. Der Stein war dicht, alt und fest. Jeder seiner Schritte klang dumpf auf dem Boden, als würde der Raum Geräusche nicht zurückgeben, sondern verschlucken.
Er trug die Kiste noch in den Händen und ging langsam einige Schritte weiter hinein. Dabei maß er den Raum nicht mit Werkzeugen, sondern mit Erfahrung. Die Entfernung zwischen Wand und Wand, die Höhe der Decke, die Lage der Säule – all das ordnete sich in seinem Kopf fast automatisch zu einem Plan. Schließlich blieb er in der Mitte stehen. Hier stellte er die Kiste ab, präzise und ohne jede Hast, als wäre dieser Punkt bereits lange zuvor festgelegt worden.
Der Deckel wurde geöffnet und das Leinen zurückgeschlagen. Stahl, Glas und Leder kamen zum Vorschein. Cassian nahm ein Skalpell in die Hand und drehte es zwischen den Fingern, bis das Licht der Laterne sauber über die Schneide lief. Er prüfte das Gewicht, die Balance, die vertraute Präzision der Klinge.
„Präzision“, sagte er leise in den stillen Raum.
Dann legte er das Instrument auf den Boden, genau an die Stelle, an der später die Werkbank stehen würde. Nicht zufällig, nicht nebenbei – sondern mit derselben Sorgfalt, mit der ein Architekt den ersten Stein eines Bauwerks setzt. Ein weiteres Instrument folgte, dann ein drittes. Zwischen ihnen ließ er genau bemessene Abstände, als entstünde bereits eine Ordnung, die nur er vollständig verstand.
Er trat einen Schritt zurück und betrachtete die Anordnung. Der Raum reagierte nicht darauf. Der Stein blieb ruhig und unbewegt.
Cassian ging zur tragenden Säule und legte die Hand an ihre Oberfläche. Der Stein war kühl und vollkommen stabil. Seine Finger tasteten die Struktur, als prüfte er einen Knochen auf seine Belastbarkeit.
„Du wirst halten“, murmelte er schließlich.
Es war keine Frage, sondern eine Feststellung.
Aus der Kiste nahm er ein Stück Kreide und begann, Linien auf dem Boden zu ziehen. Ruhige, saubere Markierungen, die nach und nach die Umrisse der zukünftigen Werkbank formten. Winkel wurden bestimmt, Abstände festgelegt. Dort würden Halterungen sitzen. Dort Licht. Dort würde genügend Raum bleiben, um sich frei zu bewegen, ohne jemals die Kontrolle über den Mittelpunkt der Arbeit zu verlieren.
Der Kreidestaub blieb auf dem Stein liegen wie die erste, unscheinbare Spur eines Bauwerks, das erst noch entstehen würde.
Als er fertig war, richtete Cassian sich langsam auf und ließ seinen Blick über die Linien, über die Instrumente und über die Wände wandern. Es gab kein Fenster, kein Tageslicht, keine Stimmen von draußen. Nur Stein, Raum und Stille.
Er hob die Laterne ein wenig höher und betrachtete, wie das Licht über die unebene Oberfläche der Wände wanderte. Kleine Einschlüsse im Gestein glitzerten kurz auf und verschwanden wieder.
„Beständigkeit“, sagte er leise.
Dann nahm er eine seiner Ledermappen aus der Kiste, schlug sie auf und blätterte kurz, bis er eine leere Seite fand. Die Feder berührte das Papier ohne Zögern.
Versuchsanordnung I.
Die Worte standen ruhig und klar auf der Seite. Cassian betrachtete sie einen Moment, bevor er die Mappe wieder schloss und exakt in die Mitte der markierten Fläche legte.
Er blieb noch einen Augenblick stehen. Nicht weil etwas fehlte, sondern weil alles nun begonnen hatte.
Dieser Raum würde sich verändern. Mit jedem Werkzeug, das hier seinen Platz fand. Mit jeder Notiz, die geschrieben wurde. Mit jeder Idee, die präzise genug war, um Wirklichkeit zu werden.
Cassian stand in der Mitte des Raumes und sah sich um. Nicht wie jemand, der einen neuen Ort betritt, sondern wie jemand, der bereits wusste, was hier entstehen würde.

Re: Cassian Gallus

Verfasst: Dienstag 21. April 2026, 09:45
von Cassian Gallus
Der Raum roch noch immer nach Staub und altem Stein.
Nichts hatte sich verändert. Die Luft hing schwer zwischen den Wänden, unbewegt und stumpf, als hätte sie nie begriffen, dass hier etwas beginnen sollte. Die Kreidelinien lagen noch auf dem Boden, sauber und still, ein Entwurf ohne Zukunft. Die Instrumente ruhten an den Stellen, an denen er sie niedergelegt hatte. Stahl, Glas und Leder in einer Ordnung, die präzise gewesen war, noch ehe sie je hatte nützlich werden können. Cassian trat ein und schloss die Tür hinter sich. Er blieb einen Moment stehen. Sein Blick glitt über die Linien, über die leere Fläche dazwischen, über die tragende Säule im hinteren Teil des Raumes. Nichts in seinem Gesicht verriet Missmut. Keine Härte mehr als sonst, kein sichtbarer Ärger. Die Ruhe, die ihn umgab, war dieselbe wie zuvor. Nur endgültiger. Er stellte die Laterne ab.
Das Licht fiel über den Steinboden, über die Kreide, über das Skalpell, das noch immer dort lag, wo später die Werkbank hatte stehen sollen. Cassian trat heran, hob es auf und drehte es einmal zwischen den Fingern. Das Licht lief sauber über die Schneide. Dann ließ er es in das Lederfach seiner Mappe gleiten. Danach begann er zu packen.
Nicht schnell. Nicht widerwillig. Nicht wie jemand, der einen Verlust beklagt. Seine Hände arbeiteten mit derselben Sachlichkeit, mit der sie wenige Stunden zuvor den Raum vermessen hatten. Ein Instrument nach dem anderen verschwand in der Kiste. Glas wurde in Leinen gewickelt. Metallteile auf ihren Zustand geprüft, bevor sie verstaut wurden. Lederriemen nachgezogen. Kleine Schließen eingerastet. Lose Blätter wurden geglättet, sortiert und zwischen die Mappen gelegt. Alles erhielt seinen Platz. Nichts wurde unbedacht bewegt. Die Ordnung blieb bestehen. Sie veränderte nur ihre Form.
Wo zuvor der Anfang eines Labors gelegen hatte, entstand nun die Ordnung eines Aufbruchs.
Cassian kniete sich an den Rand der markierten Fläche und legte die letzten Instrumente in die Kiste. Das Leder knarrte leise. Glas berührte Glas, gedämpft durch Stoff und Sorgfalt. Ein Griff, dann der nächste. Kein Zögern lag in den Bewegungen. Er nahm, was ihm gehörte, und entzog es dem Raum, ohne ihm mehr Beachtung zu schenken, als nötig war. Schließlich blieb nur noch die Mappe in der Mitte der Kreidelinien zurück. Er hob sie auf, schlug sie auf und sah auf die erste Seite.
Versuchsanordnung I.
Sein Blick ruhte einen Moment auf den Worten. Dann schloss er die Mappe wieder und legte sie oben auf die anderen. Er richtete sich auf und sah über den Boden.
Die Kreidemarkierungen zogen noch immer ihre ruhigen Grenzen durch den Raum. Dort die Werkbank. Dort die Halterungen. Dort der Freiraum für Bewegung und Zugriff. Ein Plan, klar und brauchbar. Nur nicht für diesen Ort. Cassian griff nach dem Tuch, das neben der Kiste gelegen hatte, und ging in die Hocke. Er begann, die Linien zu verwischen.
Abschnitt für Abschnitt. Ruhig. Gründlich. Nicht grob mit dem Stiefel, nicht hastig mit einer Handbewegung. Die Kreide verschwand unter dem Stoff, wurde zu Staub, zu blassen Schlieren, zu nichts. Die Ordnung, die er hier gesetzt hatte, nahm er wieder an sich, bis der Steinboden nackt vor ihm lag und keinerlei Hinweis mehr darauf trug, was hier hatte entstehen sollen.
Als er fertig war, legte er das Tuch beiseite.
Er trat zur Säule im hinteren Teil des Raumes und legte die Hand an den Stein. Kühl. Fest. Tragend. Seine Finger ruhten einen Augenblick auf der Oberfläche, ohne zu tasten, ohne zu prüfen. Es gab nichts mehr zu prüfen. Dann nahm er die Hand wieder fort. Er hob die Kiste an. Diesmal blieb sie geschlossen.
Ihr Gewicht lag ruhig in seinen Armen. Werkzeuge, Notizen, Glas, Stahl. Alles wieder beisammen. Alles noch vorhanden. Nur der Ort hatte sich als ungeeignet erwiesen.
Cassian trug die Kiste zur Tür und stellte sie dort ab. Noch einmal glitt sein Blick durch den Raum.
Leerer Boden. Alte Wände. Stille. Kein Zeichen des Anfangs war geblieben.
Er nahm die Laterne auf. Das Licht wanderte ein letztes Mal über den Stein, über die Säule, über die nun unberührte Fläche, bevor er sich abwandte und den Raum verließ. Die Tür schloss sich hinter ihm dumpf und schwer. Noch in derselben Nacht ordnete er sein Eigentum neu. Was empfindlich war, wurde nach oben gelegt. Was Gewicht trug, nach unten. Die Instrumente, die rasch wieder benötigt werden konnten, blieben griffbereit. Die Mappen wurden gesichert, Glas und Metall voneinander getrennt, Stofflagen neu gefaltet und dazwischengelegt. Jeder Handgriff hatte seinen Zweck. Nichts blieb dem Zufall überlassen.
Als alles verstaut war, blieb nur kurz Stille.
Dann zog Cassian die letzte Schnalle fest.
Am Morgen würde nichts mehr an diesen Raum gebunden sein.
Auch nicht er.