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Schändung des Schreines der Aufopferung
Verfasst: Samstag 19. August 2006, 13:54
von Cira Ad Ethir
Cira hatte Rahal mit dem Schiff verlassen, um an Land nicht Gefahr zu laufen, erkannt zu werden und die Erfüllung ihres Auftrages zu riskieren. Sie hatte die dunkle Robe der Bruderschaft gegen eine einfache und bereits abgenutzt wirkende Robe gewechselt. Eigentlich widerstrebte ihr diese Maskerade, doch war es diesmal sicherlich nötig. Zu viel stand auf dem Spiel. Außerdem verdeckte die Robe das Bündel was sie bei sich trug ausgezeichnet.
Die Überfahrt mit dem Schiff war schnell vorüber und für ein paar Goldstücke extra, ließ sie der Kapitän schon vor Ankunft im Hafen an einer seichten Bucht an Land.
Die letzten Schritte konnte sie auch gut zu Fuß erledigen, so weit war es nicht mehr.
Dennoch war dieser Teil des Landes unheimlich. Irgendetwas konnte sie spüren.
Doch niemand begegnete ihr und sie erreichte den Schrein Temoras unbehelligt und unentdeckt.
Da stand sie nun im Eingang und konnte die Aura des Schreins förmlich spüren. Langsam blickte sie sich um.
Direkt vor ihr war der Brunnen, an den sie sich noch gut erinnern konnte, seit sie zuletzt hier gewesen war. Dahinter das Symbol im Boden.. ein Blutstropfen! Dann der Tisch und das Ankh an der Wand. Den beiden Kerzenleuchtern schenkte sie vorerst keinerlei Beachtung.
Aufopferung... verächtlich verzog sie ihr Gesicht. Als ob die Anhänger Temoras wüssten, was das bedeutet. Cira würde alles für ihren Glauben tun, für ihren Herrn. Auch wenn es ihr widerstreben würde. Der Dienst für den Herrn steht über allem! Ihr Blut, ja ihr Leben würde sie für ihn geben.
Sie zog das Päckchen unter ihrer Robe hervor und nahm etliche Bandagen heraus. Diese waren fest von getrocknetem Blut. Ihrem Blut. Vergossen in Schlachten für den Herrn. Sie stellte sich an den Brunnen und warf einige Bandagen hinein. Das Wasser färbte sich sofort rot. Die übrigen verteilte sie mit einer kreisenden Armbewegung auf dem Boden. Sie zog ihren Dolch hervor, schnitt sich leicht in die Hand und ließ noch einige Tropfen frischen Blutes in den Brunnen fallen, bevor sie sich dem Tisch zuwandte. Auch dort fielen einige Tropfen ihres Blutes, aus denen sie eine Klaue formte und dann die Worte daneben schrieb:
Das ist das Blut einer wahren Gläubigen. Gegeben für den einzigen wahren Gott. Geopfert in unendlicher Treue.
Sie ließ die kleine Wunde offen, so dass noch einige Tropfen auf den Boden fielen. Die Wunde würde schon allein verheilen.
Cira’s Blick fiel auf die kleine Glocke auf dem Tisch. Sie nahm diese und läutete einmal. Tapferkeit sollte diese Glocke einläuten. Cira hatte ihren Klang vernommen. Sie schlug die Glocke kräftig auf den Tisch, so dass der kleine Klöppel in ihrer Hülle zerbrach. Nie wieder sollte ein Temoragläubiger ihren Klang – den Klang der Tapferkeit vernehmen. Denn sie haben weder Tapferkeit noch Ehre - noch wissen sie was Aufopferung für ihren Gott bedeutet.
Dann blies sie die immer brennenden Kerzen aus, warf noch einen Blick auf das blutrote Wasser des Brunnens und verlies den Schrein. Von dessen heiliger Aura war nun nichts mehr geblieben.
Cira hatte Rahal sicher und unentdeckt wieder erreicht.
Jetzt galt es, neue Vorbereitungen zu treffen. Es würde wohl schwieriger werden, als die Aufgabe, die sie soeben hinter sich gelassen hatte. Würde diese überhaupt ihren Zweck erfüllen? Nun, in gewisser Weise sicherlich.
Sie hatte sich im Haus der Bruderschaft etwas ausgeruht und blickte nun an sich hinunter. Ein leichtes Schmunzeln glitt über ihr Gesicht. Nein, so konnte sie nicht bleiben. Sie brauchte zuerst neue Kleidung – Kleidung mit der man sich in der Stadt sehen lassen konnte. Unauffällige Kleidung. Das war das wichtigste, unauffällig und normal zu erscheinen.
Mit Alatars Hilfe, Mut und Geschick würde alles seinen Lauf nehmen.
[OOC-Info: Die IG-Schändung konnte aus Zeitgründen noch nicht stattfinden, wird aber so bald wie möglich nachgeholt. Nutzt also solange eure Phantasie ;-) ]
Verfasst: Sonntag 20. August 2006, 05:52
von Darna von Hohenfels
Blut, Schweiß und Tränen
Es war spät in der Nacht, als es an das Tor des Klosters pochte. Höfliches Warten. Dann noch einmal. Längeres Warten. Darna sah die schweren Metalltüren hinauf. "Ein weltliches Gebäude, Steine, Haus. Mit Menschen, die schlafen", analysierte sie nüchtern in Gedanken, doch schien ihr jedes gedachte Wort gerade fremd, unwichtig, belanglos - alles um sie herum wirkte entrückt, als hätte es einen tieferen Sinn. "Kloster. Zuflucht. Soll ich hier vor verschlossenen Türen stehen? Ich möchte rein, bitte."
Cassian öffnete, etwas verschlafen wirkend, das Tor. Vor dem Tor stand die ihn selig anlächelnde Lady Darna.
"Temora, die gerechte und gütige Herrin mit Euch und verzeiht die Stunde." "Temora ist mit uns am Abend und am Morgen..." "Ich möchte, wenn es keine Umstände macht, Ihre Heiligkeit um ein Gespräch ersuchen. Es geht um die Schän..." "Ach was, das ist doch unwichtig." "...Reinigung des Schreins der Aufopferung."
Verwirrte Blicke des treuen Klosterschülers begegneten ihr. Ruhig lächelnd nahm sie es hin.
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(Stunden zuvor)
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Irgendwas
"Bin ich wirklich noch nie mit Viola zusammen jagen gewesen?", ging es ihr immer wieder irritiert durch den Sinn, doch die Antwort blieb "Nein." So elementare Dinge... es erschütterte sie jedesmal ein bißchen, daß die junge Frau nicht mal reiten konnte und sich nur mühsam an das Schreiben gewöhnte - doch niemand wäre bislang auf den Gedanken gekommen, Viola hätte bei der Ritterin nichts gelernt.
"Naja, kommt alles vielleicht zu seiner Zeit, waren wohl andere Dinge eben wichtiger..." Sie genoß die Momente dieser Unbeschwertheit, die sich in den letzten Tagen zwischen ihr und Viola zeigten. Und sie vertraute seit Adrians Befreiung auf ihre Schießkünste. Zu den Schlangenwesen also. Sie sah über die Wiese hinter Grimwould zum Fluß.
"Entschuldige mich bitte einige Momente, ich möchte vorher zum Schrein, wenn ich schon hier bin." Viola nickte und wartete neben der Brücke, die die kleine Insel mit dem Flußufer verband.
Es war alles wie gewohnt - der einsame Baum, die beiden Adlerstatuen, das Funkeln hieß sie willkommen... wie eine Mutter, die besorgt drängend darauf wartete, daß das Kind ins Haus kam... Langsam auf die Steinplatte zugehend, schaute Darna sichernd nach rechts und links. Es war hier doch sicher? Fast unmerklich zögernd kniete sie nieder.
Wieso klang ihre Stimme so befremdlich sonor, gleichtönig, entfernt? "Herrin Temora, im Lichte deiner Gerechtigkeit knie ich nieder, um zu bitten um alles, was gut ist."
Es ist nicht alles gut.
Es waren keine Worte. Die Brauen zogen sich zusammen. Ein kaltes Schaudern.
"Herrin Temora, im Lichte deiner Gerechtig..." Ungerecht. Sie schluckte. "...keit erhebe ich mein Antlitz, um meine Augen zu öffnen für alles, was wahr ist." Sie flüsterte zuletzt furchtvoll. Irgendwas war hier nicht richtig. Irgendwas übersah sie. Irgendwas... war vor ihren Augen, sie sah es nur nicht. Irgendwas wurde erklärt, sie verstand es nur nicht.
"Tritt einen großen Schritt zurück, Darna, und schließe deine Augen", hallte die Lehre von Bruder Talarion in ihr wider. Sie schloß die Augen und legte die Hand vorsichtig auf die grün-goldene Steinplatte.
"Ich möchte dir zuhören. Möchte dich verstehen dürfen."
Viola sah sie so verständnislos an, wie Darna zuvor den Schrein angesehen hatte. "Hier ist nichts und niemand ausser uns beiden." Ja... hier... doch die Ritterin wusste es gerade besser, auch wenn sie verwirrt wie selten zuvor wirkte.
"Es ist kaputt. Irgendwas wurde beschädigt. Es ist nicht heil."
"Was ist kaputt?"
"Ich weiß es nicht. Ich muß zum Kloster. Irgendwas ist passiert, oder...", sie setzte sich in Bewegung, marschierte an Viola vorbei, "...du darfst mich wegen Wahnsinn in der Kerker stecken."
"Weil du eine Ahnung hast, weil irgendetwas nicht so ist wie immer? Was dir eine Platte aus Stein vermittelt hat..." - ja, das klang nach Wahnsinn.
Aber es war mehr als eine Platte aus Stein. Und sie wollte nicht nochmal... einen Tick zu spät sein - wie bei Rafael, als er Adrian angriff.
"Dann werde ich einen Dolch dabeihaben, weil IHR zu lange zögert!"
Nein. Nicht nochmal.
"Als wenn... ein Pfeil neben dir in den Boden schlug, und du weißt nicht, von wo", startete sie einen letzten Versuch, es zu erklären. "Ich muß nachsehen. Sag dem Grafen, was passiert ist, wenn er fragt."
Damit eilte die Ritterin davon, die seufzende Viola zurücklassend.
Lauf, Darna
Der kürzeste Weg zum Kloster. Verdammt, sie war fast am anderen Ende des Kontinents. Sie tauchte in den Nebelwald ein. Zum Kloster. Wenn dort nichts war, wenn man dort nichts wusste, musste sie die Schreine absuchen. Irgendwas war verkehrt. Schreine...
Sie sah in das Dickicht der Bäume, in die Schlieren aus Nebel, die alles Fremde zu verschlucken schienen. Jetzt an dem Schrein, wo womöglich etwas geschehen war, vorbeieilen, um zum Kloster zu kommen, dann zurück? Vorwärts, ohne rechts und links zu blicken?
Sie tauchte ein in den Nebel, die Stätte des Schwertes suchend.
Alles ruhig. "Ich werde weitersuchen." Sie neigte den Kopf vor dem Altar. "Jeden Ort, so schnell ich kann." Nein, es war nicht albern, einer Steinplatte etwas zu versprechen.
Aus dem Laub der Bäume folgte ihr ein Blick aus wachsamen, mandelförmigen edelsteinklaren Augen, als sie weiterhastete, der blaue Umhang mit dem goldenen Hirschen sich hinter ihr bauschend.
Sie achtete nicht auf die toten Zweiköpfe, die herumlagen. Argos. Tiefländer. "Interessiert sich sowieso nicht dafür." Es interessierte den Clanskrieger, daß sie sich Sorgen machte. Das "Temoradingens" interessierte ihn jedoch tatsächlich nicht, wie mit wenigen Worten geklärt war.
Mitgefühl. Sie hatten Mitgefühl, und so plötzlich diese Gleichgültigkeit, abweisend... doch hier war ebenso alles ruhig. Vielleicht musste die Ritterin einem wirklich leid tun, die aus Besorgnis vor akuter Gefahr Harnisch, Armschienen und Halsberge angelegt hatte. Die Plattenbeine ließ sie weg. Sie musste eilen, laufen. Den schwer gehenden Atem gnadenlos regelmässig haltend, beugte sie sich im Schrein vor und stützte die Hände auf den Knien ab. "Ich bin ja... über jeden... Schrein... dankbar, der... uff..." Egal. Die Gütige würde schon wissen, was sie hatte sagen wollen. Sie trabte weiter. Wenn sie mal ein Pferd brauchte...
Auch beim Schrein der Ehre nichts. Sie wartete so lange, daß ihr Atem zur Ruhe kam, bis sie sich förmlich verneigen konnte. Schweiß lief ihr die Stirn hinab, brannte in den Augen. Egal. "Ich tu mein Bestes - wie hoffentlich immer." Wie hätte sie sich sonst ins Gesicht sehen können?
Mit zittriger Hand öffnete sie leise die Tür und zog sie dann hinter sich zu wie einen Schutzwall. Schnaufend lehnte sie sich schwer gegen das Metall. So oft hatte sie hier Obhut und Sicherheit gefunden, einen Ort zum Verweilen, einen Ort unerschütterlicher Ruhe. Und doch, was für Wege in finsterste Höllen hatten hier schon ihren Anfang genommen? Das erste Aufsuchen Rahals, das erste Erblicken der geblendeten Heiligkeit...
Immer wieder war sie zurückgekehrt. Hierher und zurück zu sich, und jedesmal war es danach schöner, größer, mehr gewesen. Respektvoll senkte sie den Kopf vor dem Altar. "Ich suche, ich strebe..." - mehr war von ihr nie verlangt worden. Und auch nicht weniger.
Einen prüfenden Blick warf sie in die Bücherregale, die durch sie ihren Weg hierher gefunden hatten. Das eine Buch war noch da, weitere lagen im Schloß bereit, hier ihren Platz zu finden - doch beim zweiten Regal stutzte sie.
Frisches Obst lag dort, und ein Krug mit klarem Wasser.
Blinzelnd starrte sie darauf, dann lächelte sie. Ein zufriedener Blick ging durch den Raum. Wie oft hatte sie sich zaghaft gefragt, ob sie die Einzige war, die diesem Ort "einfach so" Besuche abstattete? Ob dies hier nicht ein im Grunde verlassener Platz war, Verkünder einer unbequemen Botschaft?
Doch die Botschaft war viel schöner. Gebäude und Gefühl waren hier vereint. Und so stand es auch um die Inhalte der vier Mauern. "Für Geist und Körper." Sie nahm dankbar eine saftige Birne, trank einen Schluck Wasser und konnte wieder leichter atmen. Etwas Brot ließ sie zum Ausgleich zurück, sie hätte so etwas trockenes jetzt eh nicht hinunterbekommen. Ehrfürchtig verneigte sich die Ritterin verabschiedend vor dem Temorakreuz. Draußen verfielen die Beine wieder in regelmäßig laufende Schritte. Laufen, einfach nur laufen... wie lange nun eigentlich schon?
Jeder Schrein trug Stationen ihres eigenen Lebens mit sich. Überall hatte sie etwas für sich mitgenommen und etwas von sich zurückgelassen. Der nächste Schrein... war da keine Ausnahme. Eher seltsam anmutender Höhepunkt.
Sie sah auf die Wiese, auf der Luzcilla dafür gesorgt hatte, daß Darnas Blut floß. "Ich werd dir zeigen, daß SIE dich nicht beschützt!", hallten unangenehm und grausam die Rufe durch ihre Erinnerung. "Alatar! ALATAR!" Für Momente war die Welt seltsam fern. "Ein weiterer Schritt, uns vor Rahal lächerlich zu machen. Meinen herzlichsten Dank!" - Rafaels Stimme. Rafael - auch er hatte ihr Blut vergossen. Als sie sich ein weiteres Mal für etwas vor die feindliche Klinge begeben hatte, das ihr wichtig war. Durch Freund und Feind geblutet. Es war jedesmal im Guten ausgegangen. Schlußendlich.
Sie sah auf die Wiese. Man konnte sagen, es war Gras über die Sache gewachsen. Durch... Halme... überwuchert. Ihr Blut hatte sie hier für drei vergossen, nichts war davon mehr zu sehen.
Von allem, was sie bewahrte, war hinterher nichts mehr zu sehen gewesen - und das war doch auch gut so, denn genau das war ja der Sinn daran. Schaden hinzunehmen, um Schaden abzuwenden. Welch Narr musste man sein, um dafür undankbar zu sein?
Sie wandte sich zur Brücke. Dort war der Schrein, unter dessen Zeichen all dies geschehen war. Unter dessen Zeichen all dies Blut vergossen wurde. Für andere vergossen, um zu bewahren. Tränen waren um sie vergossen worden. Von anderen. Tränen, weil sie sich aufopferte. Tränen um das Leid, das sie vereinend auf ihre Schultern genommen hatte, damit mehrere andere es nicht tragen mussten. Sie konnte nicht anders. Sie wollte es auch nicht. Sie blieb ja schließlich nicht allein, aber irgendwer musste es doch tun.
"Temora bürdet uns nie mehr auf, als wir tragen können." - Sanjana.
"Und wer kümmert sich um Euch?" - Adrian Greif.
"Und du. Du weisst nicht, was du hast, und haben kannst." - Adrenalon.
Und auf Tag folgt Nacht
Regungslos stand sie auf der obersten Treppenstufe und schaute mit ungerührt wirkendem, starren Blick auf das sich offenbarende Desaster. Der Springbrunnen sprudelte rot.
"... und jede nimmt und gibt zugleich
und strömt und ruht."
Solange diese Schalen mit nichts als Blut gefüllt waren, konnten sie auch nichts als Blut geben. Etwas von außen hatte das Wasser getrübt - etwas von außen würde es brauchen, um dies wieder zu beheben. Nun... hier war sie. Niemals aufgeben. Niemals kapitulieren.
Wie zuvor im Schrein der Geistigkeit war die äußere Hülle angekratzt, unter Vernachlässigung würde es sich auch tiefer fressen. Gebäude und Seele waren eins, und nahm der Körper Schaden, so war ohne Heilung doch auch irgendwann die Seele betroffen.
Sie würde es so weit nicht kommen lassen.
Eigentlich hatte sie sogar Schlimmeres erwartet. Sachlich analysierend glitt ihr Blick über die verschiedenen Stellen, die besudelt waren, sortierte sie nach Schwierigkeit. Im Kleinen anfangen. Irgendwie erschreckte sie die Abgeklärtheit fast, mit der sie dem hier gerade gegenüberstand. Aber es wirkte so... platt. Übten sich hier Kinder Rahals daran, die Wände der Temoradiener zu beschmieren, daß man mit dem Putzlappen hinter ihnen herlaufen musste?
Mißbilligend schüttelte sie den Kopf. "Das kann man nicht mal mehr 'kindisch' nennen", murmelte sie leise. Es wäre eine Beleidigung aller Kinder.
Sie beruhigte den durch den Dauerlauf noch sehr zittrigen Atem und trat zu der Steinplatte, musterte die oberflächlichen Flecken aus geronnenem Blut, die darauf klebten - und verneigte sich vor dem unbehelligten Symbol darunter. Ein Tropfen. Nur ein Tropfen, der so schnell sich verlieren konnte in einem Meer von seinesgleichen - doch war dies auch seine Kraft. Die Ritterin las die "Botschaft" aus Blut auf dem Altartisch. Nur Blut. Na, immerhin ihr Blut, das letzte Mal waren sie ja mit einem ganzen Eimer angekommen und wohl kaum dem eigenen, mischten sich zynische Gedanken unter die unbewegte Fassade. Geopfert in unendlicher Treue... sie schaute auf die Menge. Naja. Zusammen mit den ganzen versifften Verbänden waren das wohl eher mühsam gesammelte Werke. Das meiste Kopfschütteln rang es ihr eigentlich ab, daß - natürlich? - hier nur von Blut die Rede war.
"Immer wieder. Sie sehen immer wieder nur das äußere Gebäude, kratzen an der Fassade und glauben, sie hätten die Fundamente erschüttert? Das ist nicht kindisch. Das ist...
dafür muß ich mir noch ein Wort ausdenken." Es gab gerade Wichtigeres zu tun.
Und auf Nacht folgt Tag
Sie zog die Rüstung aus und legte sie vor eine der Mauern, bei ihren Gängen darauf achtend, nicht mehr als vermeidbar war auf die Blutflecken zu treten. Die eingetrockneten und zerknüllten Verbände mussten zunächst eingesammelt werden, und sie hatte nicht das größte Verlangen danach, diesen Kram anzufassen. Sie zog ein feines Paar Lederhandschuhe aus dem Gürtel, in das ihr Wappen eingeprägt war.
"Duellhandschuhe... passt sogar", murmelte sie brummend, ehe sie sich an die Arbeit machten und sorgsam jedes Stück Stoff aufhob und nach draußen trug.
"Wunden heilen...", murmelte sie nachdenklich, während die Verbände im Wasser des Meeres aufweichten und wieder biegsam wurden, nachgiebig. Sie wusste nicht zu sagen, warum, doch sie wusch sie nach bestem Vermögen aus, als wäre es blanke Höflichkeit und Fürsorge. Pflicht eben. Irgendwie war es das auch. Sie schaute auf die ganzen Flächen, in denen das Blut zu alt war, um den Stoff noch zu verlassen.
"...auch wenn Spuren bleiben, ja." Zu lange nicht drum gekümmert. Es war nicht mehr zu ändern. Sie legte die Verbände flüchtig - für Darnas Verhältnisse - zusammen und legte sie ein wenig abseits ins Gras.
Sie sah auf die Blutflecken. Es stand nicht zur Diskussion, die ausgespülten Verbände wieder reinzutragen, um sie, erst Ursache, nun zur Behebung des Schadens einzusetzen. Nichts Unreines sollte hier wieder rein. Sie wollte nicht etwas von denen brauchen müssen, um wieder Ordnung zu schaffen. "Jetzt brauchen wir schon Putzlappen, um Rahal zu bekämpfen." Die Lehre seiner Erlaucht griff, daß mit Zynismus manches leichter zu ertragen war. Eigentlich war es zum Heulen.
"Lappen..." Grübelnd ging sie durch den Raum, bis ihr Blick an ihren Sachen hängenblieb, darauf der weiße Waffenrock. Und das aufgestickte rote Schwert.
Es war nicht ihr Schwert. Es war ein Schwert - das Schwert.
Ihr Wappen. Sie war bereit gewesen, es für Adrenalon zu opfern. Sie sah zur Seite, zum Schreinsymbol. "Du verlangst jetzt auch noch von mir, daß ich es auch für Rahal opfer, nicht wahr? Na schön." Bekämpfte sie Rahal doch mit dem Schwert, in gewisser Weise. Sie nahm den Wappenrock, legte ihn zusammen und tränkte ihn draußen in Wasser. Die Handschuhe zog sie nun doch aus. "Was soll die Ziererei."
Sie stand gerade vor der ersten kleineren Blutlache, als sie hinter sich hörte, wie jemand scharf die Luft einzog.
"Temora, die gerechte und gütige Herrin mit Euch, Frau Nyell." Es würde zu hören sein, daß die Ritterin unter all der Höflichkeit getroffen war, aber es lag mit unbeugsamen Willen auch Nachdruck in den Worten. Auch hier war Temora mit ihnen. Immer.
Sie wusste, wo sie war. Fremdes Revier - mal wieder. Zwei Schreine von den Elfen behütet, dieser hier von... Heilerinnen. Doch es war nicht gesund, seinen Fuß ungebeten hierher zu setzen, daran zweifelte Darna nicht.
Nach wenigen gewechselten Worten sah sie Nyell hinterher, die mühsam beherrscht rausrauschte, und sie dankte Ihr im Stillen für den Respekt, diese wirklich für einen Schrein deplazierten Worte wie "elendes Rattenpack" draußen vom Stapel zu lassen und ihrer Wut Luft zu machen. Dieses "sich Luft machen" nahm auch schon wortwörtliche Ausmaße an... dann verschwand die junge Frau.
Der Stoff färbte sich mit einem rötlichen Schimmer, während er immer wieder über die getrockneten Blutflecken gerieben wurde, diese sich vom Stein lösten. Es war diesmal seltsam unangenehm, auf dem harten Steinfußboden zu knien. Sie sah an sich hinunter, versuchte weiter, das Geschehene auf geistiger Ebene für sich zu verarbeiten - klar war, daß Putzarbeiten allein hier nicht zur Genüge weiterhelfen würden.
"Demut." Eine Ritterin, die den Boden schrubbte - heiligen Boden. "Demut ist der Wille, sich freiwillig zu beugen, eine höhere Macht, als man selber ist, anzuerkennen und seine eigenen Grenzen zu respektieren...", dozierte sie halblaut für sich. Wer immer hier am Werk gewesen war, er hatte sich an etwas herangewagt, was deutlich eine Nummer zu groß war. Bedauerlich war einzig die Aussicht, daß er vielleicht daraus lernen würde und das nächste Mal effektiver wäre - darum bemühten sich schließlich alle.
Sie musste unwillkürlich an den Kampf gegen Letast denken. Auch eine Nummer zu groß. Oder eine halbe. Sie würde sich ihm aber auch nicht nochmal in dieser Art stellen, hatte ihre Lektion gelernt. Respekt für die jeweils andere Seite war Mangelware, das stellte sie nun fest.
Doch mit aller Kraft gegen etwas zu kämpfen, bedingte auch, auszutesten, wieviel für "mit aller Kraft" nötig war, nicht wahr?
Nyell kam mit einer Schüssel Wasser zurück und sauberen Tüchern, hielt ihr einige davon hin, doch sie war gerade zu abgelenkt, um ihr Werkzeug nun zu wechseln. Es war auch eine seltsame Form von Genugtuung.
Neben ihr half ihr Nyell und entfernte weiteres Blut.
Sie kam zur Steinplatte. Nun behutsamer begann sie auch hier, das Blut zu entfernen.
"Ich schätze, sie sehen auch nichts als Blut darin", merkte sie gedämpft an, suchte Zuspruch. Wenn sie nicht wirklich die Dinge verstanden, gegen die sie aufbegehrten, dann fiel es leichter, für Unwissenheit noch Mitleid aufbringen zu können.
"Da mögt Ihr wohl recht haben, denn was kennen sie denn schon ausser offensichtlichem Haß und Zerstörungswillen, zu mehr sind sie nicht fähig."
War es so einfach? "Tugor. Luzcilla." Nein. Leider wohl nicht. "Ich glaube, das hier ist der pervertierte Versuch, diese Tugend zu einem Werk Alatars zu verzerren - aus dem Guten das Schlechte zu machen, es zu... verhöhnen, für ihn zu knechten..." Und das war weit beunruhigender.
Nyell hielt inne, sah zu ihr rüber.
"Es wird nicht gelingen, es wird nie gelingen, sie werden scheitern wie sie immer gescheitert sind."
Es klang so überzeugt... "Ich weiß gar nicht mehr, wie Sir Rafael es genau umschrieb...", sprach sie vorsichtig wieder, "Er sagte, Temora gibt Hoffnung, und solange Hoffnung ist, ist Temora..."
"Nicht nur Hoffnung, Dame von Elbenau ...glauben und wissen gleichermassen. Man sollte sich nicht immer nur auf Hoffnung stützen."
Als sie losgelaufen war, hatte sie gehofft, sie irre sich - und es besser gewusst. Als die Steinplatte sauber war, folgte sie Nyell nach draußen, um den Wappenrock auszuspülen und für das nächste Stück Arbeit vorzubereiten.
Wieder in das offene Haus zurückgekehrt, beobachtete sie Nyell, wie diese mit der nun leeren Schüssel begann, das blutige Wasser aus dem Springbrunnen zu schöpfen. Dieses Spiel aus immer wiederkehrendem frevlerischem Rot zu durchbrechen... sie nahm und gab dadurch...
Die Ritterin goß ihren Wasserschlauch aus und fand damit eine Möglichkeit, dieser Frau, die immer mehr ihre Achtung verdiente, doch noch zur Hand zu gehen. Nicht alleine waren sie dabei, dieses willentlich ausgeführte Werk aufzuhalten, das viel daran gesetzt hatte, diesem Ort Schaden zuzufügen - nur aufgrund dessen, was er war und wofür er stand. Aus Haß und Verachtung gegenüber einer Macht, die das Leben hütete und bewahrte, Obhut selbst für jene übrig hatte, die so etwas wie dies hier taten, die wartete in endloser Geduld auf alle, die sich auf diese Reinheit zurückbesinnen wollten, ewige Hoffnung damit gebend...
In Darna brach irgend etwas. Wie konnten sie nur?
Sie spuckten der Kraft ins Gesicht, die sich für andere - auch sie, wenn es sein musste - in Tod und Verderben warf. Unmittelbar füllten sich ihre Augen mit Tränen und sie hielt sie nicht zurück.
"Dieser Schrein bedeutet mir so so viel", flüsterte sie mit erstickter Stimme. Ihre von Schweißtropfen benetzte Hand glitt mit dem Wasserschlauch in das blutige Wasser, einzelne Tränen lösten sich und fielen in das geschändete Naß. Nyell hielt in ihrer Arbeit ein paar Momente inne und betrachtete die Ritterin, sah zum Symbol des Schreins, murmelte leise mit einem Nicken:
"Aufopferung. Wenn es etwas gäbe, womit man Euch treffend beschreiben könnte, dann wohl damit."
Darna hob den Blick und blinzelte sie an, etwas verlegen, hatte sie gerade richtig gehört? "Bitte?"
Die junge blonde Frau trat auf sie zu und hielt ihr ein kleineres Tuch entgegen. "Ich kann verstehen, warum dieser Schrein Euch so viel bedeutet", sprach sie leise, "Er beschreibt genau Euer Wesen."
Dankend nahm Darna das Taschentuch - ihr eigenes hatte sie zuvor Rafael gegeben, der um seine Gemahlin trauerte. Lady Angelina... tot... sie hatte noch gar nicht gewagt, das näher an sich heranzulassen, hatte nur Trost gespendet, so gut sie es als Freundin vermochte.
Nun hatte sie ein anderes Taschentuch, die Tränen zu trocknen.
"Erhalten, indem man gibt...", sinnierte sie leise.
Sie hatte die Aufopferung kennengelernt, mit ihren Licht- und ihren Schattenseiten. Sie trug manches Mal zuviel davon und drohte, von der Last erdrückt zu werden. Sie lud sich immer wieder neue Lasten auf und lernte nie aus, wo kostbare Hilfe schlummern konnte, wo es zuviel war, was sie tragen musste und gerne trug und was nicht...
"Ich verstehe nicht alles, will manches auch gar nicht verstehen..." Sie traten beide an den Altartisch, wo der Schriftzug angebracht war, in Flecken von Blut die sakralen Gegenstände stehend, die kleine zierliche, doch stets durchdringend klar und erhaben klingende Glocke. "Beispielsweise, wie Selbstverstümmelung Teil der Lehren eines Gottes sein kann, der ... die Freiheit jedes Einzelnen predigt... Selbstverstmmelung aus Angst vor fehlender Anerkennung..."
Das Gedankengespenst von Luzcilla wollte ihr hier einfach nicht aus dem Kopf. Diese Aufopferung machte ihr Angst.
"Ich gab mein Auge freiwillig für ihn, Darna - um zu einem liebenden Vater zurückzukehren, damit er mir verzeiht..."
Sie schüttelte den Kopf, wie um den Gedanken loszuwerden und hob die Glocke an, das Blut daran fortwischend. Erst jetzt wurde der Schaden zur Gänze offenbar. Sie ächzte, wieder füllten sich die Augen mit Tränen, doch diesmal ließ sie sie nicht fließen, schloß die Lider, atmete durch. Tapferkeit. Zuversicht. Was der Klang dieser Glocke in jedem Herzen weckte. Zum Verstummen gebracht.
Der Gegenstand... das Gebäude... das Sichtbare...
Sie horchte in sich und weit klarer klangen in ihr andere Worte, die sie mit unerschütterlich ruhig scheinender, warmer Stimme feierlich und tröstend zitierte, mitfühlend von Nyell beobachtet.
"Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so laß uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang..."
Behutsam stellte sie die Glocke ab, schluckte. "Sie wollen nicht hören...", sprach sie leise und bedauernd, "Und es klingt doch immer fort und fort." Sie wandte sich vom zerstörten Weltlichen ab, als sie hinter sich behutsame Worte hörte:
"Dame von Elbenau - legt Eure Hände um die Glocke." Verwundert runzelte die Ritterin die Stirn.
Nyell lächelte: "Nur ein wenig Vertrauen."
Ihr ein wenig vertrauen? "Hexe!" Der alte warnende, keifende Schrei von Laienbruder Argerius war belanglos. Sie konnte auch mehr Vertrauen haben. Über Jahre gepeinigt war Darna gewesen, und hätte es das rückgängig machen können, sie hätte sich nun für Elseratine statt ihrer ins Feuer geworfen. Die Hexe hatte ihr verziehen, das wusste sie. Der Baum des Lichtes hatte es ihr gezeigt, sie hatte verstanden. Was schuldig geblieben war, was das Begreifen, sich auch zur Gänze selbst vergeben zu müssen - sich selbst und dem Hexenstand, der so gefürchtet und verachtet war. Nun half ihr Nyell. Half ihr, das zu bewahren, was ihr mit am kostbarsten war. Nicht allein, und das ausgerechnet bei einer Hexe...
Sie wandte sich wieder zum Tisch und legte die Hände um die Glocke. Sie war vorhin ganz kalt gewesen, nun fühlte sie sich etwas wärmer an. Nyells Hände legten sich sacht auf die ihren - ein kalter Schauer durchlief ihren ganzen Körper, doch wurde fortgespült von einem Gefühl der Geborgenheit und Wärme.
Was würde sie erwarten? Was hatte Nyell nur vor?
Sie sah auf die Glocke und ein leichtes Lächeln legte sich auf ihre Lippen. De Glocke der Tapferkeit. Knappentage und ihre Lehren verlangten nach neuer Aufmerksamkeit. Unter ihren Händen wurde das Gebilde wärmer und wärmer. Lautlos formten Nyells Lippen Worte, während Darna sehr leise und behutsam dem, was immer die Hexe sprechen wollte, ihre eigene Lehre hinzufügte, hoffte, es würde sich beides verbinden und gedeihen:
"Vor dem Schrein der Tapferkeit kniend, erkenne ich Eines, was kaum Worte verlangt und doch so viel bedeutet...
Tapferkeit ist das Vertrauen, sich einzig den hütenden Händen der Herrin zu überlassen, wenn alles andere nur Zweifel aufwirft."
Leise, ganz leise, schien durch den Raum ein Geräusch zu klingen, langsam, wiederkehrend - ein glockenheller Ton...
"In ihr ruht alle Kraft, wenn man selber keine mehr hat...", ein nachdenklich aufnehmender Blick wanderte zum Symbol des Tropfens, "...und doch alles gibt."
Stumm wiederholte Nyell ihre Bitte an Eluive, während sie mit einem Lächeln die temoragläubige Frau bedachte. Diese schloß mit ruhigem Ausatmen die Augen und lauschte der Stille wie auch den unverkennbar wiederkehrenden und stets kräftiger werdenden Klängen, die von überall und nirgends zu kommen schienen, doch sicher nicht allein aus dem kleinen Gegenstand aus Messing, der warm und mit einem heller werdenden Strahlen unter den hütenden Händen der beiden Frauen ruhte...
Keinen Widerstand vermochte das letzte bißchen Blut auf dem Temorakreuz zu bieten, es verschwand, als war es nie gewesen. Das grün-goldene Symbol des Schreins jedoch erstrahlte nun wieder in gewohntem Glanz - und als sei es prächtiger als je zuvor. Mit einem leisen "Danke" auf den Lippen trat Nyell zurück und ließ der Ritterin den Raum, in selbstverständlich scheinender Geste vor dem Stein auf beide Knie zu sinken und während dem noch ehrfurchtweckend klingenden Ton der Glocke lautlos mit eigenen Worten zu danken:
"Kein Blut, kein Schweiß, keine Träne umsonst vergossen... für Gutes wie schlechtes danke ich dir, gütige Herrin. Zu erhalten und zu geben, für alle Hilfe... danke."
Sie standen nebeneinander, vertraut, verbunden, Nyell hatte die Augen geschlossen und erbat die Macht des Feuers. Vor ihnen die verloschenen Kerzenständer. Darna stand neben ihr, die Hände so typisch auf dem Rücken verschränkt, die Haltung gerade und doch so gelöst wie selten zuvor. Erneut sprach sie hinzufügend, statt zu stören, in dem Vertrauen, daß beider Willen sich auf ein Ziel richtete:
"Laß warm und still die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht.
Führ, wenn es sein kann...", mit kaum zu merkender Pause ging milde der Blick zu Nyell,
"...wieder uns zusammen.
Wir wissen es: Dein Licht scheint in der Nacht."
Nyell öffnete die Augen, in dem Wissen, daß die Kerzen Temoras neu strahlten. Ein wohliges Schaudern ging Darna über den Rücken. "Ich danke Euch, Nyell", kam es von ihr leise, die Flammen der Kerzen betrachtend. Es fiel Darna nicht auf, sehr wohl aber ihrer Begleiterin, daß sie das "Frau" endlich mal wegließ.
"Was einer allein nicht zu schaffen vermag, mögen zwei vielleicht schon richten können. Und Ihr müsst nicht mir danken, dankt Mutter... es ist ihr Werk... ebenso wie das ihrer Tochter."
Darna hatte solche Worte schon von Sanjana gehört, und sie hatten ihre Richtigkeit, dennoch - ohne Nyell wäre doch auch Eluives Kraft nicht in diesem Maße hier gewesen?
"Es braucht das Weltliche wie das Geistliche - es ist ein schönes Gefühl."
Ein beipflichtendes Nicken, bevor nach etwas Stille vier Worte einen Bund besiegelten:
"Mein Name ist Ryana."
Und was weiterhin gesprochen wurde, hörten nur vier Ohren und zwei Göttinnen.
Verfasst: Dienstag 22. August 2006, 13:55
von Der Erzähler
Plappernd und mit fröhlichem Kichern über den dicken Koch Helmar des gräfischen Hofes lästernd, laufen die beiden Küchenmägde Framgard und Erlwine Schwatzmaul mit großen Körben voll frischem Fisch, auf dem Weg von Bajard Richtung Varuna. Hatte ihnen doch der Koch aufgetragen, einige Besorgungen fürs gräfliche Abendmahl zu tätigen. „Und laßt euch ja nicht wieder alten Fisch andrehen!“, hatte der feiste Koch ihnen noch hinterher gerufen und ausgelassen lachen sie, als Erlwine Jenen mit dunkler Stimme imitiert.
Auf Höhe des Temoraklosters packt Erlwine Framgard unvermittelt am Arm und als Framgard dem Blick und dem Kopfnicken Erlwines folgt, tuschelt jene: „Sieh ma Framgard, des is doch de Dame von Elbenau.“
Den beiden Schwestern ist jene Ritterdame wohl bekannt, hat sie doch höchstselbst schon in der gräfischen Küche gestanden und gänzlich unstandesgemäß gekocht und geputzt. Ein bestätigendes Nicken entgeht Framgard gen ihrer Schwester als sie leise erwiedert: „Des is sie wohl.“
Just in dem Augenblick schwingt sich die Dame von Elbenau behende vom Pferd, hebt dann die Hand auf die Höhe der Nüstern der prachtvollen Stute und streicht in sanfter Geste darüber und dann das Unfaßbare: Die Umrisse des Tieres verschwimmen vor den Augen der Schwestern und einen kurzen Augenblick später ist es verschwunden!
Stille.
Die prallgefüllten Körbe fallen zu Boden, der frische und schon ausgenommene Fisch verteilt sich malerisch auf dem Weg und einige rutschen weit über die Steine. Doch keine der beiden Schwestern interessiert das in jenem Moment, die Augen weit aufgerissen, als würden die erschrockenen Blicke jeden Moment die Augen aus den Höhlen treten lassen.
Als sich der Mund Erlwines öffnet und sie tief Luft holt, um einen markerschütternden, hysterischen Schrei frei zu lassen, langt Framgards Hand gerade noch rechtzeitig zu ihr hinüber und barsch preßt sie ihr Jene auf den Mund um ihn zu verschließen, während sie ihr fast lautlos zuzischt: „Bist du des Wahnsinns! Schweig! Willst du dein restliches Leben als Kröte verbringen, du dummes Ding?“ Erlwine sieht sie aus großen erschrockenen Augen an, ihre Hand an die ihrer Schwester legend, nimmt sie nur dumpf war was ihr Jene nun in verschwörerischem Ton verkündet: „Hexenwerk.. ich sage dir, das ist Hexenwerk.. SIE ist eine Hexe!“
Ernsten Blickes nickt Framgard ihrer noch immer recht erschrocken starrenden Schwester zu und erst als sie sicher ist, dass der Schrei erstickt, nimmt sie ihre Hand herunter, um festzustellen, dass nun auch sie selbst wie Espenlaub zittert, wohl selbst das eben Gesagte erst verdauen müssend..
Als die Dame von Elbenau schon eine geraume Weile hinter den mächtigen Toren des Klosters verschwunden ist ohne die beiden zu Tode geängstigten und sich aneinander festhaltenden Schwestern zu bemerken, kommt Bewegung in Jene. Und ungeachtet des Fisches und ohne auch nur im entferntesten an des Grafen Abendmal zu denken, laufen sie… Laufen, als ginge es um ihr Leben und als wäre Alatar leibhaftig hinter ihnen her. Vorbei an den Gardisten, die ihnen erst den Weg versperren wollen, sie im letzten Moment aber erkennen und zur Seite springen, als die aufgeregten Schwestern an ihnen vorbei in die Stadt eilen.
Das Nächste, was man hören mag, sind die klappernden Holzschuhe auf dem Varuna Markt und aufgeregtes Getuschel, ab und an mag man auch ein erschrockenes aber dumpfes „Nein!“ hören und ein lauteres, bestimmt klingendes „Ich schwöre!“, bevor die Köpfe wieder dicht zusammengesteckt werden.
Wie ein Lauffeuer verbreitet sich der Klatsch und schon bald fragen die geschwätzigen Frauen sich ob die Ritterin vielleicht sogar eingeschleust ward in das Schloß des Grafen um Übles anzurichten...
Hatten Framgard und Erlwine nur einen Moment nicht hingesehen und das Pferd verschwand vor der Dame von Elbenau hinter den Klosterpforten?
Waren sie einem Trugschluß aufgesessen?
Waren sie getäuscht von den aufsteigenden Nebeln des Waldes?
Oder war hier tatsächlich Hexenwerk im Gange?
Verfasst: Mittwoch 23. August 2006, 00:11
von Darna von Hohenfels
"Ah, schau an...", sagte Rafael und sah von seinem Pferd zu Darna, die gerade mit einem Gesicht wie sieben Tage Regenwetter, in Rüstung und mit blutverschmiertem Wappenrock über den Marktplatz marschiert kam.
"Da kommt die... Hexe", führte er fort und musterte sie. "Den Trick mit Eurem Pferd müsst Ihr mir aber verraten. Ebenso, warum du den Grafen ohne unser Mitwissen vergiften willst?"
Cathal nickte zustimmend. Darna sah ihn, Rafael und Fräulein Tara mürrisch an. "Ich bin für Scherze gerade nicht empfänglich, tut mir leid."
"Dann sperrt mal Eure Ohren auf, und Ihr werdet noch unzufriedener sein."
Helmar widmete sich wieder dem Essen. Es würde sicher köstlich werden, doch sie dachte gerade an ziemlch viel, nur nicht an Hunger. Sie hörte Rafael sich noch ereifern: "Ich habe ihnen gesagt, wenn ich noch einmal etwas davon höre, werde ich mich mit ihnen unterhalten und daß diese Unterhaltung nicht so ... angenehm ausfallen würde. Also sagt ihnen, sie sprechen entweder Frau von Elbenau oder mich!! Und sie sollen Temora um Gnade anflehen, daß es Frau von Elbenau ist, denen sie zuerst begegnen!"
"Hexe...", murmelte Darna. Rafael und Tara kamen raus und die junge Frau musterte die Ritterin besorgt, die auf einen leeren Punkt des Teppichs starrte.
Unten im Rittersaal setzte Rafael sich. Darna hatte ihr Schwert abgenommen und stand vor der Stuhllehne, die Hände daraufgestützt.
Hexe... ausgerechnet... - ausgerechnet! - sie...
"Erklärt Ihr mir wie Ihr das mit dem Pferd gemacht habt?"
"Das kann ich nicht", antwortete sie ruhig, "Aber sie haben recht, es ist verschwunden."
"Wie bitte?" Rafael sah sie entgeistert an. Mit ziemlich viel mochte er gerechnet haben, aber nicht damit, daß Darna das Gerücht mit einem stoischen Tonfall bestätigte, als sage sie vor Gericht aus, daß ihr eigenes Todesurteil gerecht sei.
"Ich ritt zum Kloster, und dort ist das Pferd, das ich bei mir hatte, verschwunden."
"Das ist doch nicht möglich."
"Und dafür gibt es keine logische... Erklärung?", mischte sich Tara ruhig dazwischen.
"Doch, natürlich hat es eine logische Erklärung."
"Die da wäre?", fragte der Ritter nach.
"Darauf kann ich nicht antworten."
Er runzelte die Stirn. "Wie meinen?"
"Mir ist es verwehrt, darauf zu antworten, Sir."
"Hm, also doch Hexe?" - es war ein fader Scherz, Rafael winkte gleich ab. Darna war nicht zum Lachen zumute, in sich gekehrt erweckte sie eher den Anschein, ihr sei das Lachen vergangen wie es vor nicht mal einem verstrichenen Jahr noch war.
"So muß es natürlich aussehen."
"Wie wollt ihr jenen Gerüchten Einhalt gebieten, wenn die Sachlage stimmt und Ihr es nicht erklären könnt?"
"Das frage ich mich auch gerade."
Sie sollte diesen Abend auch keine Antwort darauf finden.
"Vielleicht ist es auch nur gerecht...", sinnierte Darna müde, vom Kampf noch erschöpft - und hier womöglich bereits vor den Scherben ihres guten Rufes stehend. "Ich habe jemandem mit der Wahrheit das Genick gebrochen, nun bricht mir die Wahrheit das Genick."
Tara hob interessiert eine Braue, fragte aber nicht weiter nach, was es mit dieser seltsamen Gleichung auf sich haben mochte. Die Ritterin geleitete sie aus dem Schloß - korrekt und höflich wie immer, doch mit gebrochen wirkendem Blick.
Nun erlebte sie es selber, wie es sich anfühlte, als Hexe verschrien zu werden... und vor ihrem geistigen Auge sah sie das Schicksal sich bereits in makaberer Weise wiederholen - fast meinte sie, die Flammen wieder prasseln zu hören...
Verfasst: Mittwoch 23. August 2006, 23:30
von Ryana
So in etwa musste es sich wohl anfühlen, wenn man in einem Sumpf feststeckte und langsam zu versinken drohte. Auch nur die kleinste Bewegung würde ein jähes Ende schneller herbeiführen. Hätte sie gewusst was der Abend für sie bereit hielt, sie hätte wohl gezappelt wie ein Fisch am Haken, nur um es hinter sich zu haben. Aber im nachhinein war man immer schlauer und so suchte sie Vivianne, wie eine Motte das Kerzenlicht, nicht ahnend, wie heiß solch Flamme brennen konnte.
Ryana hätte das erste Mal stutzig werden können, als Vivianne keinerlei Regung zeigte im Verlaufe der Erzählung über die Vorkommnisse am Schrein. Sie war einfach nur ruhig. Viel zu ruhig. Nicht einmal die Blutproben – ein Geschenk schon fast, um den Täter strafen zu können - die sie vor Ort mitgenommen hatte, schienen irgendeine Reaktion hervor zu locken, geschweige denn Beachtung zu finden. Sie erzählte ebenso von dem Gespräch, dass sie und die junge Ritterin im Anschluss führten, ließ auch nicht das empfundene Gefühl, als der Schrein in neuem Glanz zu erstrahlen schien, die Vertrautheit die in dem Moment greifbar und die Verbundenheit die spürbar war, aus.
„Es ist gut, Freunde zu haben, denen man vertrauen kann.“
Es ist gut? Hatte sie sich verhört? Das letzte Mal, als eine Schwester jemandem Vertrauen schenkte, endete in einer Diskussion über mögliche Gefahren nicht nur für sich selbst, auch gegenüber weiterer Schwestern und anderen. Irgendetwas lief hier gerade gehörig verkehrt.
„Was hättest du ihr gesagt, wenn sie gefragt hätte, warum du ihr nicht gleich deinen Namen nanntest?“
Eine dieser Fragen, die einen in eine Zeit zurückversetzte, als man als kleines Kind gerade anfing sprechen zu lernen, noch nicht fähig die richtigen Worte zu finden, und erst recht nicht ganze Sätze zu formulieren. Gute, unerwartete Fragen beantwortete man also am besten stotternd. Man konnte schließlich nicht alles im Voraus in Betracht ziehen. Sollte man, ja, aber das war ein anderes Thema.
„Erzähl mir von ihr.“
Irgendwie hatte sie sich das anders vorgestellt, sie fühlte sich langsam als befände sie sich in einem Verhör. „Sie hat sich den Pfaden Temoras verschrieben, mit einer Hingabe, einem unerschütterlichen Willen und festem Glauben, wie ich es zuvor noch nicht erleben konnte. Sie opfert sich für andere auf. Jede Last, die sie auf sich nimmt, und sei sie noch so schwer, ist sie versucht aufrecht zu tragen, in dem Wissen dadurch anderen helfen zu können.“
„Und hat mit ihrem unerschütterlichen Willen sich hier einen Kampf geliefert mit einer Schergin Rahals, deren Begleitung Nuria in die Arme lief.“
Ryana schluckte. Ob es sich so anfühlte, wenn sich einem ein Pfeil ins Fleisch bohrte?
„Du hast ihr dein Herz geöffnet?“
So könnte man es wohl nennen, doch sollte sie darauf antworten, oder sich vielleicht lieber einfach ausschweigen. Es würde nichts bringen und so rang sie sich zu einem unsicheren nicken durch.
„Sie geht ihren Weg, du gehst deinen... du vertraust ihr. Und das kannst du auch, wohl mehr als du ahnst... im Moment.“
Das wäre wohl der richtige Augenblick gewesen, um ein Stoßgebet an Mutter zu entsenden und um ihren Beistand zu bitten. „Folge mir, ich möchte dir etwas zeigen.“ Und damit war der Augenblick auch schon ungenutzt verstrichen. Es gab keine Wahl, kein Zurück und so folgte sie Vivianne unsicher und irritiert zum Platze Mutters.
„Es mag manches Mal erleichternd anmuten, wenn man sich offenbaren kann, auf der Grundlage von Vertrauen. Aber es liegt auch in der Verantwortung zu wissen, wie viel man dem anderen zumuten darf, soll und kann.“
Als wenn sie das nicht wusste, das war doch selbstverständlich und so nickte sie zustimmend. Wie schnell Selbstverständlichkeit sich in Gegenteiliges wandeln konnte erfuhr sie, als sie den Platz erreichten.
Sie starrte auf die Kristallkugel, die sich in der Mitte des Kreises befand. Die war neu. Das war sicher kein gutes Zeichen. Nebeneinander ließen sie sich nieder und wie gefordert legte Ryana eine Hand in die Viviannes.
Viviannes freie Hand legte sich auf die Kristallkugel, die Augen geschlossen. Erst undurchsichtig weiß schien es als würde das Weiße in Bewegung kommen, Nebelschwaden gleich, das sich schließlich verfärbte und in den Farben des Sees zeigte. Die auf der Kugel ruhende Hand zog sie etwas zurück um den Blick darauf gänzlich freizugeben und in klaren Bildern zu offenbaren, was man nicht offenbart haben wollte. Oder nicht wahr haben wollte?
Eine Frau auf einem Pferde. Dann im Hintergrund etwas verschwommen das Kloster der Temora. - Verwundert runzelte sie die Stirn, als sie Darna dort sah, ehe das Bild verschwamm um einem neuen Platz zu machen. Und nicht nur einem, nein vielen.
Zwei Frauen, einfach gekleidet, mit vor Entsetzen erstarrten Gesichtern. – Sie verstand nicht.
Erneut die Frau mit dem Pferd, wie sie dem Tier über die Nüstern streicht, ehe es sich langsam auflöst und verschwindet. – Sie verstand doch. Und schluckte.
Die beiden Frauen. Die Umgebung verschwommen, gleicht einem Marktplatz. Die zwei von anderen Frauen umringt – Ein ungläubiger Blick.
Getuscheltes „Hexe“ – Ein entsetzter Blick. Es war eher zu fühlen denn zu hören, was umso mehr zu schmerzen schien. Für einen kurzen Moment wünschte sie sich die Bilder würden sich im See, nur wenige Schritt entfernt, und nicht in der Kugel zeigen. Dort hätte sie sich wenigstens gleich ertränken können. Hier gab es kein Entrinnen.
Ein Raum... mit kostbaren Möbeln. Die Frau, die zuvor auf dem Pferd zu sehen war, steht hinter einem Stuhl, eine weitere Frau anwesend, ebenso ein Mann – Ein hilfloser Blick. Von den vielen Wortfetzen, die zu vernehmen waren, setzten ihr die letzten am meisten zu. „Ich... jemandem.. Genick gebrochen.. mit.. Wahrheit... nun... Wahrheit.. mein Genick bricht.“ In ihrer Vorstellung konnte sie schon deutlich das Knacken hören, sie zuckte zusammen und ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Übrig blieb Verzweiflung.
Anschreien, Wutausbrüche, gezeigte Enttäuschung, vielleicht auch ein Blitz der vom Himmel auf sie hinab fuhr... auch Schläge hätte sie in diesem Moment eher in Kauf genommen als diese Abfolge von Bildern, ohne ein Wort Viviannes, welche ihr die Ausmaße einer gut gemeinten Geste aufs entsetzlichste vor Augen führte. Doch Vivianne schrie nie, wütete nie und schlug erst recht nie... immer nur ein sanfter Blick auf jedweden Wegen der jungen Töchter zu einer neuen Lektion, mit dieser unglaublichen Fähigkeit sie einem so richtig bewusst zu machen. Und so saß neben einer noch immer ruhigen Vivianne ein kleines Häufchen Elend, das sich der Verzweiflung hingab.
„Muss ich davon ausgehen, dass du vergessen hast die Lehre der Wege junge Hüterin?“ Ein hilfloses Kopfschütteln. „Das wollte ich nicht... ich...kann das nicht zulassen, ich ...irgendetwas, ich muss irgendetwas unternehmen.“ Mehr nur ein Gemurmel, ehe der nächste Pfeil sein Ziel präzise traf. „So etwas wie ihr ein Pferd zu erbitten?“ Ein resigniertes Seufzen. „Ich hab nicht nachgedacht!“ Was zwar nicht das erste Mal wäre, aber bisher eigentlich immer glimpflich ausgefallen war. „Du hast vertraut.“ Es klang so schlicht und einfach. Elendes Vertrauen. Jetzt wusste sie wieder, warum sie so sparsam damit umging. Sie konnte der jungen Ritterin zwar vertrauen, doch nicht jenen die sie vielleicht zufällig umgaben. Ihr kamen die alten selbst schon jungen Schwestern näher gebrachten Worte in den Sinn. Was man nicht versteht, fürchtet man. Was man fürchtet, bekämpft und tötet man. Wie sehr diese Worte doch immer wieder die Wahrheit trafen.
„Sage mir noch einmal wie sie ist!“
Eher abwesend wiederholte sie noch einmal, was bereits zuvor gesagt wurde.
„Beinahe wie eine Schwester, hm?“ Vivianne strich eine verirrte Strähne der jungen Tochter zurück. Das klang irgendwie ...verständlich...gut... und sie ließ ein sachtes Nicken folgen.
„Erinnere dich an deine junge Schwester. Erinnere dich, wie du sie aus dem Wasser geholt hast. Der Weg des Wassers ist ein Weg... aber es gibt viele andere.. hast du nicht selbst ihr dies gesagt?“ Wie konnte sie das vergessen, sie wäre dabei selbst fast ertrunken. Nichtschwimmer waren im Meer einfach fehl am Platz. Hatte sie ihren kurzzeitigen Wunsch sich ertränken zu wollen etwa gefühlt? Sie schüttelte den Kopf.
„Dann solltest du deine eigenen Worte beherzigen.“
Das klang logisch, aber half ihr in diesem Augenblick auch nicht wirklich weiter. Mal abgesehen davon, dass sie sowieso nicht in den See gesprungen wäre. Es galt einen Weg zu finden. Also konnte sie nur nicken.
Ein sanftes Lächeln zeichnete sich auf Viviannes Gesicht, als sie sich erhob um den Kreis Mutters zu verlassen.
„So du hier heute nächtigst, wird Mutter dafür sorge tragen, dass dir ein geruhsamer Schlaf zuteil wird.“
Nein, das wäre nicht gerecht, nach allem was sie angerichtet hatte. Und Zeit war dafür auch keine. Sie musste ihre Gedanken ordnen und einen Weg finden. Sie stand ebenfalls auf, verwirrt und nachdenklich. Und während sie langsam zum großen Lagerfeuer schlurfte, schlug Vivianne den Weg zum Haus ein. Die letzten Worte Viviannes schien der Wind der jungen Tochter nachzutragen. "Du wirst Kraft benötigen morgen." Nungut, dann würde sie später doch noch am Platze Mutters versuchen Schlaf zu finden, doch das konnte ruhig noch ein wenig warten.
Verfasst: Donnerstag 24. August 2006, 13:56
von Vivianne
Natürlich war mir bewußt, was die Bilder auslösen würden bei der jungen Hüterin, jedoch so schmerzhaft diese Lektion auch sein mochte, sie war von Nöten.
So konnte ich ihr dann auch die wenig, aber sorgsam gewählten Worte nicht ersparen.
Ich fühlte ihren Schmerz und die damit einher gehende Verzweiflung und war schon im Begriff meinen Arm auszustrecken, um ihn um ihre Schultern zu legen und sie zu trösten, als ihre Tränen sich den Weg über ihre Wangen bahnten, begleitet von leisem Schluchzen... ja ich wußte nur zu gut, wie sie sich fühlte und trotzdem strich ich ihr nur die verirrte Strähne aus der Stirn, wohl wissend, dass diese Lektion ihr Ende noch nicht gefunden hatte...
Verfasst: Donnerstag 24. August 2006, 20:21
von Darna von Hohenfels
Gefangen im Sog
"Möchtet Ihr Geleit, Lady von Elbenau?", fragte Ibert, als sie ankündigte, mit Viola in die Kirche zu gehen und danach zurückzukehren - so weit war es schon... sie hatte es irgendwie geahnt.
"Sie hat mich. Ich geleite sie."
"Danke, Viola", ging es ihr durch den Sinn, doch nur wenig minder zufrieden registrierte sie, wie Ibert seinem Dienst gemäß stur zu ihr zu sehen schien und die Anweisung der Ritterin und Vorgesetzten abwartete - wenigstens Etwas, das funktionierte.
"Ich lasse mich nicht wegen dummen Gerüchten wie eine von den eigenen Schutzbefohlenen bedrohte Person einschränken... Danke, Ibert. Öffnet das Tor." Der Gardist salutierte knapp und sie erwiderte den Salut, ehe aller gewohnter Würde das Schloß verließ. Diesmal fühlte sie sich hinter der Fassade brüchig und leer.
"Ich verstehe langsam, was Lady Eileen an den Eskorten so aufregt", murrte sie leise. Das Gefühl, vor Leuten beschützt werden zu müssen, die man sich eigentlich selber zu beschützen geschworen hatte...
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(später, viel später...)
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Unüblich dicht trat sie an die Empore, über der sich in gewohnter Reinheit das weiße Temorakreuz erhob, von der in seligen Zeiten die hohen Templerinnen das Wort der Gütigen gepredigt hatten. Die Ritterin sank auf beide Knie und legte den Arm an die Kante der Empore, bettete ihr Gesicht darauf, lauschte still und Einhalt gebietend dem Zittern, das ihr Tränen der Verzweiflung zu entreißen versuchte...
Ruhe. Im Bilde hätte sie sich nun unter die Fittiche des göttlichen Adlers flüchten mögen. Wofür dies alles?
"Mit irgendwas muß ich das verdient haben...", murmelte sie leise. Es musste einen tieferen Sinn haben. Musste. Sonst würde sie verzweifeln.
Irgendwann, als das Zittern nicht wirklich nachließ, aber auch nicht mehr zwingend mit einem dicken Kloß im Hals auf ihr lastete, wagte sie es, leise zu sprechen, Trost im ihr bekannten Gedicht zu suchen, das einem Gebet gleichkam:
"Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herrin, gib uns aufgescheuchten Seelen
das Heil, das du für uns bereitet hast.
Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern..."
In ihrer Erinnerung sah sie den goldenen Kelch auf Grün, das Symbol der Ehre, die sie dieser Tage mit aller Gewalt bewahren musste, aufrecht stehen musste trotz aller Stürme, um nicht umzukippen und innerlich leer zu werden...
"des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.
Doch willst du uns noch einmal Freude schenken,
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann woll'n wir des Vergangenen gedenken -
und dann gehört dir unser Leben ganz.
Laß warm und still die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht.
Führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es: dein Licht scheint in der Nacht.
Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so laß uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet -
all deiner Kinder hohen Lobgesang.
Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag;
Temora ist mit uns am Abend und am Morgen,
und ganz gewiß an jedem neuen Tag."
Dies war die Aufgabe. Und sie spürte den Preis. So viel Sinn ihr sonst übliches Tagesgebet in sich trug, dieses Gedicht wurde immer neu mit Erfahrungen gefüllt, mit Bedeutung - Glauben.
Die innerlich neu gewonnene Ruhe behütend wie eine kleine Kerzenflamme vor dem Wind, nahm sie den Kopf vom Arm und rutschte soweit ein Stück nach hinten, daß sie das Temorakreuz sehen konnte. Was blieb zu sagen? Es durfte nichts gesagt werden. Nichts, was laut ausgesprochen werden durfte. Nebenan, außerhalb des Kirchensaals verweilend, wartete Viola. Nicht einmal ihr...
Darna beugte den Kopf, und die einzige Last, die sie sich von der Seele reden durfte, offenbaren durfte, war ein weiteres Gedicht, das ihr in diesen Stunden erschien, als hätte schon der Verfasser der Verse gleiches Leid mit ihr geteilt - ein tröstlicher Gedanke.
"Heiß mich nicht reden, heiß mich schweigen,
Denn mein Geheimnis ist mir Pflicht;
Ich möchte dir mein ganzes Innre zeigen,
Allein das Schicksal will es nicht.
Zur rechten Zeit vertreibt der Sonne Lauf
Die finstre Nacht, und sie muss sich erhellen;
Der harte Fels schließt seinen Busen auf,
Missgönnt der Erde nicht die tief verborgnen Quellen.
Ein jeder sucht im Arm des Freundes Ruh!',
Dort kann die Brust in Klagen sich ergießen."
"Du auch?", erklang es leise, sehr leise und schon fast anklagend aus dem Nebenraum - dort stand Viola, wartend, ihrer Freundin all die Ruhe lassend, die diese gerade brauchte. Sie wagte sich auch nicht in jenen Raum der Kirche, zur Hochzeit, das war was anderes gewesen, doch nicht in diesen Momenten.
Die einzelne Person im Altarraum endete die Strophen, die dieser Tage wie ein Fallbeil über ihrem Kopf hängend ihr Leben bestimmten:
"Allein ein Schwur drückt mir die Lippen zu,
Und nur ein Gott vermag sie aufzuschließen."
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(ein wenig später im Schloß)
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Sie traten beide durch die Vorhänge in ihre jeweiligen Kammern, beide müde, beide in Gedanken gefangen, letzte Worte für diesen Tag wechselten, bevor Erschöpfung ihren Tribut verlangte:
"Achja Darna ..."
"Ja?"
"Du hast eine Brust, an der du dich auslassen kannst, vergiss das nicht."
Die Ritterin schwieg - schwieg, während es wehtat, nicht einfach reden zu können.
(#Gedichte: abgewandeltes und gekürztes "Von guten Mächten" von Dietrich Bonhoeffer, "Heiß mich nicht reden" von Goethe, Lieder des Mignon I)
Verfasst: Donnerstag 24. August 2006, 20:50
von Darna von Hohenfels
Am nächsten Morgen
Sie trat aus Adrians Büro.
Hausarrest. Ausdrücklich.
Und sie konnte es ihm nicht verdenken. Sie hatte von den Aushängen gehört, sich über den Inhalt informiert. Seine Hoheit handelte richtig, er tat eigentlich sogar das Allerbeste, was man überhaupt noch machen konnte:
Sachliche Klärung versprechen, distanzieren, in die Hände anderer Leute abgeben, in die die Ankläger noch nicht das Vertrauen verloren hatten.
Verlorenes Vertrauen...
Nein, sie vertraute Adrian.
"Ich will Euch gerne schützen, soweit es in meiner Macht steht, Ritterin, doch auch mir sind ab einem gewissen Punkt die Hände gebunden."
Sie vertraute auch der Kirche - in deren Hände er diesen Fall nun zu legen gedachte. Woher die Angst dann kam?
Von den Bildern, die sie erinnerte: Laienbruder Argerius, der ihr in tröstend scheinender, bestätigender Geste über den Kopf streichelte. Der Mann im feinen Ornat, zu dem auch ihr Vater so sehr höflich war, der sich später als der Landrichter des Herrn Grafen erwies. Die ernsten Mienen, die sich düster furchten, während sie, das Kind, ein ums andere mal "wahrheitsgetreu" von den Worten der Hexe erzählte.
Die Wahrheit...
"Die Wahrheit ist, daß ich Ritter bin und keine Hexe. Und mein Geheimnis ist offensichtlich, weil es einzig das Gebot der Ehre ist, das mir Schweigen auferlegt. Und nichts von dem, was ich verborgen halte, ist reichsgefährdend, Euer Hoheit."
"Ihr werdet das Schloß nicht verlassen."
"Nein, Hoheit", antwortete sie mit der eingeimpften Routine endlos scheinender Jahre von Gehorsam.
"So lautet mein ausdrücklicher Befehl."
"Jawohl, Euer Hoheit."
Sie stand auf, verneigte sich, trat einen Schritt rückwärts und ging dann hinaus.
Verfasst: Freitag 25. August 2006, 15:03
von Ryana
Die Nacht und der darauffolgende Tag waren alles anderen als zufriedenstellend. Zwar konnte sie etwas Schlaf finden, doch was das Ordnen der Gedanken anging und der Versuch auch nur den Ansatz einer Lösung zu finden verlief das Ergebnis ernüchternd. Erst am frühen Abend gesellte sich Vivianne zu ihr. Ohne große Worte, wie bereits am Abend zuvor, ruhig und schlicht, ohne Erklärungen, nur mit der Bitte Ryana solle sich umziehen gehen. Unauffällige Kleidung war schnell gefunden. Sie versuchte dem „Gehen wir!“ Viviannes mit einem „Wohin gehen wir?“ wenigstens etwas zu entlocken, was zumindest ihre Nervosität etwas einschränken konnte. „Alles zu seiner Zeit!“ Es wäre wohl auch zu schön sich ein wenig auf das vorbereiten zu können, was einen dieses Mal erwarten würde. Fest stand nur in diesem Augenblick...angenehm konnte es wohl nicht sein. Und sie sollte sich nicht geirrt haben.
Während Vivianne Mutter um ein Reittier bat, liebäugelte Ryana mit ihrer, vor dem Haus stehenden, angebundenen Stute. Das letzte Mal, dass sie ein Pferd erbat, löste eine Katastrophe aus und sie hatte keinerlei Bedarf diese noch zu vergrößern. Wenn das überhaupt noch möglich war. „Nein, nicht dieses.“ erklang es hinter hier. Ein leises Seufzen. Unsicher schwang sie sich auf den Rücken des Pferdes, das einen Augenblick später auch vor ihr erschien. Während des Rittes wurde sie kleiner, je näher sie dem, nun offensichtlichem, Ziel kamen. Es gab keinen Zweifel. Varuna.
Am Waldesrand, ein Stück weit vor der Stadt, saßen sie ab und schickten die Tiere wieder zurück. „Folge mir!“ Wie gut sie diese Worte bereits kannte. Ein Nachfragen sinnlos. So straffte sie sich, um sich gegen das, was nun folgen würde, zu wappnen. Auf in den nächsten Alptraum.
Sie hielten neben der Kutsche inne, ein kleiner Deut zu einer kleinen Gruppe von Frauen, direkt vor den Mauern der Stadt. „Sieh sie nicht an, aber höre.“ Zweifel. Aber es führte kein Weg daran vorbei. Taubheit in solchen Momenten wäre doch sicher eine wahre Erlösung. Eine Erlösung die ihr nicht zuteil werden sollte. Und so hörte sie.
„Die Hexe!“
„Und das Pferd... einfach verschwunden... die Mägde haben es gesehen!“
Was vorher so mühsam an Anspannung aufgebaut wurde, fiel schon hier in sich zusammen und sie hatten die Stadt noch nicht einmal betreten. Die Schultern sackten nach unten. Die Stadt selbst war wie ausgestorben. Türen und Fenster verschlossen, teilweise mit Brettern vernagelt. Nur hin und wieder kleine Gruppen von Bürgern. Und neben ihr Vivianne, die den Standort einer jeden einzelnen, dieser tuschelnden Versammlungen, zu kennen schien und sie an ausnahmslos allen auch vorbeiführte.
Die immer wieder gleichen Gerüchte, Anklagen, Verurteilungen.
„Brennen soll sie die Ketzerin!“ – Das Gesicht gequält verzogen.
„Schließt Fenster und Türen!“ – Ein fassungsloses Kopfschütteln.
„Des Nachts treibt sie sich herum und niemand weiß wo und was sie da tut!“ – Ein hilfloses Seufzen.
“Sie will den Grafen vergiften!“ – Eine Moment innehaltend, um Fassung bemüht. Langsam schienen Verzweiflung und Qual aufkeimende Wut abzulösen.
„Lodern sollen die Flammen um ihren Körper, keine Gnade der Ketzerin!“ Ein sichtliches Zusammenzucken, während ihre Züge sich allmählich verfinsterten.
Wieder vor den Toren der Stadt, im nahegelegenen Wald, saß sie schließlich auf einem Baumstamm, vor sich hinstarrend, die Hände wütend zu Fäusten geballt, und erhielt ihre nächste Lektion von Vivianne.
„Was glaubst du tun sie mit ihr? Sie, die dir vertraute?“ Die letzten Worte trafen mal wieder ihr Ziel. Angeklagt, vor Gericht gestellt, für schuldig befunden, hingerichtet.
„Sie...wollen sie brennen sehen und werden alles daran setzen.“ Sie presste die Lippen fest aufeinander.
„Was glaubst du tun sie vorher?“
„Gerüchte verbreiten, hetzen und anstacheln.“
„Ich meine, ehe sie ihr etwas antun wollen. Sie hat nicht gelogen. Sie hat nicht abgestritten, dass das Pferd auf die Weise verschwunden ist, wie die beiden Frauen es gesagt haben. Sie wollen... wissen.“ Sich der Tragweite dieser Worte erst jetzt bewusst werdend, weiteten sich ihre Augen.
„Wissen wie sie es gemacht hat... mit ...allen Mitteln.“ Stellte sie für sich selbst fest. Die Wut war vorzeitig verflogen und dem Entsetzen gewichen.
„Wie stark glaubst du ist sie? Wie lange glaubst du, wird sie durchhalten?“
„Sie ist...sehr stark...ich..., es darf gar nicht erst soweit kommen!“
„Wenn sie sie brechen...“ Der Rest des Satzes wurde offengelassen. Aber es war auch nicht nötig ihn fortzuführen, die konnte sich sehr gut ausmalen, was das bedeutete. Wollte es aber nicht und so folgte ein vehementes Kopfschütteln „Nein.“
Ein Nein hatte noch nie etwas gebracht und so fuhr Vivianne unerbittlich fort.
„Sie weiß, was Mutter dir schenkte. Und sie weiß, wo man uns findet.“
„Nein.“ Stur schüttelte sie den Kopf.
„Ich weiß, dass du das nicht wahr haben möchtest, aber du wirst nicht umhin kommen, der Wahrheit ins Auge zu blicken und sie zu erkennen, junge Hüterin. Was ich euch lehre mag manches mal unverständlich für euch sein, nicht vorstellbar, aber es hat dennoch seinen Sinn. Aber eine jede von euch muss auch ihren eigenen Weg gehen.“
„Nein.“ Und mit der Sturheit ging Trotz einher. „Welche Wahrheit? Die die sein wird oder sein kann. Das ist ein Unterschied. Es muss nicht soweit kommen.“ Ein wenig Zorn hatte auch noch nie geschadet. Sie stand auf, trat zurück und schrie schon fast die restlichen Worte wütend heraus. „Es wird nicht soweit kommen! Ich werde das nicht zulassen. Es muss einen Weg geben, es wird einen Weg geben und bei Mutter ich werde ihn finden! Koste es was es wolle!“ Hätte der Unterton nicht einen ganz so hilflosen Klang gehabt, wäre diese Darbietung wohl überzeugender gewesen.
„Setz dich.“ Das genügte um ihr den Boden unter den Füßen wieder zu entziehen. Der bestimmende Ton ließ keinen Widerspruch zu. Und so ließ sie sich ergeben wieder auf dem Stamm nieder.
„Wut und unser Temperament mögen manchmal angebracht sein, aber genauso gut in bestimmten Situationen wenig hilfreich.“ Offensichtlich nicht nur nicht hilfreich, sondern auch unerwünscht. Sie starrte zu Boden.
„Du möchtest etwas tun, koste es was es wolle. Also um jeden Preis. Möchtest du dich an ihre Seite stellen, wenn sie das Feuer schüren?“
„Wenn es sein muss.“ Entgegnete sie trocken. „Und ich nicht verhindern kann, dass sie von ihrer angeblichen Schuld befreit wird. Ich kann nicht zulassen, dass sie für etwas büßt, was ich verschuldet habe.“
„Wenn du neben ihr stehst, wird sie das dennoch... und verschuldet? Du hast etwas zurück geschenkt, was dir entgegen gebracht wurde...Vertrauen.“ Oh ja. Ein tolles Geschenk. An der Verpackung musste sie allerdings noch arbeiten.
„Vertrauen ist gut, wenn man die Verantwortung nicht außer acht lässt.“ Das wusste sie. Spätestens seit gestern...wieder. „Was gedenkst du nun tun zu wollen?“
„Wenn ich das wüsste, hätte ich es längst getan.“ Resigniertes Seufzen.
„Ich verstehe. Du möchtest einen Weg finden, koste es was es wolle. Um jeden Preis, aber du möchtest nicht darüber nachdenken, weil es viel besser wäre, wenn man es ungeschehen machen könnte. Und die beste Lösung ist aufwachen und feststellen, dass es nur ein Traum war.“ Sie konnte sich gar nicht erinnern so etwas gedacht zu haben, dementsprechend mürrisch fiel ihre Antwort aus.
„Wer sagt ich würde nicht darüber nachdenken?! Ich habe mir die halbe Nacht und den ganzen Tag den Kopf zerbrochen.“
„Dein Murren wird dir sicher weiterhelfen.“ Konnte man nie vorher wissen. Auf jeden Fall war es ein Versuch wert. Und wenn man schon nicht wütend sein durfte, musste man eben etwas anderes ausprobieren.
„Und ich bin mir durchaus bewusst, dass es nicht ungeschehen zu machen ist.“
„Das freut mich.“ Sie fühlte sich nicht in der Lage diese Freude mit ihr zu teilen.
„Mir zu sagen sie wird brennen und das wir alle brennen werden hilft mir genauso wenig weiter.“ Der Blick der ihr entgegenschlug und das kurze Schweigen ließen sie ihre Worte schon wieder bereuen. Auch wenn sie der Wahrheit entsprachen!!!
„Ich war es nicht, die ihr ein Pferd gab.“ Als würde ein Baum auf sie niederstürzen und sie zerquetschen. Leider blieb es aus.
„Verzeiht,“ murmelte sie stattdessen. „Aber es muss doch irgendetwas geben, was man tun kann.“
„Fangen wir mit etwas kleinem an.“ Das Nicken Viviannes ließ sie nun endlich doch ein wenig Hoffnung schöpfen.
Nächstes Ziel das Grafenschloss. Irgendwie war die kleine aufflammende Hoffnung in ihr beim Anblick des Schlosses doch eher nur ein unstetes Flackern. Ihr war Angst und Bange.
Verfasst: Freitag 25. August 2006, 17:17
von Vivianne
Ruhe..
absolute Ruhe am Platze Mutters und gleichsam Aufruhr in mir, als ich den heutigen Abend Revue passieren lasse. Die herein gebrochene Nacht ist kühl und klar... Neumond.
Nein.. so hatte ich mir das Gespräch mit Lady von Elbenau nicht vorgestellt... bei Weitem nicht...
Als ich die Locke aufnehme, kringelt sie sich fein und weich um meinen Finger.
„Ihr seid also alle Unannehmlichkeiten durchgegangen Lady.. von.. Elbenau? Vielleicht habt Ihr eine Kleinigkeit übersehen dabei... nämlich dass Hören und Sehen etwas Anderes ist, als fühlen... aber dem kann ich abhelfen...“
„Bringt sie dich aus der Fassung?“
„Das hat sie gestern bereits!“
„Vielleicht seid ihr euch gar nicht so unähnlich?“
„Unsinn! Nichts.. aber auch rein gar nichts verbindet uns!“
Mit einer unwirschen Handbewegung versuche ich die Gedanken fort zu wischen und gebiete mir selber schweigen. Funktioniert schließlich bei den Töchtern auch ganz gut.
„Du meinst nichts, als die Situation gerade?“
Mit dem Athame schneide ich im spärlichen Licht der Altarkerze etwas von der Locke ab.
Dass ich mir dabei leicht in den Finger ritze und ein winziger Tropfen Blut an den dunklen Härchen kleben bleibt, die ich soeben von der Locke getrennt habe, entgeht mir, da ich gleichzeitig bemüht bin, mich selbst zum Schweigen zu bringen.
„Bei Mutter! Etwas Konzentration wäre nun wirklich angebracht!“
Ich lausche und es bleibt ruhig. Ich atme tief durch und betrete den Kreis, um die Prozedur des Rituals zu vollziehen.
Meine Gedanken sind nun nur noch bei dem was ich tun muß.. und so gebe ich einige Dinge ins Feuer und gebe meiner Bitte Form. Zuletzt strecken sich die züngelnden Flammen nach den feinen Härchen, bis nichts mehr von ihnen übrig bleibt. Es ist vollbracht... und ich begebe mich zur Ruhe.
Traum für Darna
Lautes Grölen, hysterisches Kreischen dringt an deine Ohren:
„Schleift sie!“ „Verbrennt sie!“ „Keine Gnade der Ketzerin!“
Die Stimmen überschlagen sich und du bemerkst, wie du grob an den Armen gehalten durch die Gasse gezerrt wirst, durch die aufgebrachte Menge, die zum Teil widerwillig und zum Teil ängstlich den Weg frei gibt. Du erkennst, dass die Gesichter verzerrt sind, Wut und Angst spiegeln sich in den verzogenen Fratzen. An der Seite und hinter dir schließen sich die Lücken sogleich und die Mutigeren der ersten Reihen schlagen und treten nach dir.
Am Marktplatz teilt sich die Menge gänzlich und gibt dir den Blick frei auf die Marktplatzmitte und zwei hoch aufragende Pfähle, umgeben von Holzscheiten, während an dem einen Pfahl bereits Jemand gebunden steht. Eine Frau, soviel kannst du erkennen, noch aber wirkt sie verschwommen.
Versuchst du dich zu wehren?
Sie schubsen dich vorwärts, dem leeren Pfahl entgegen... kein Entkommen und das Gebrüll der wogenden Menge nimmt ohrenbetäubende Ausmaße an. Sie stacheln sich auf, weiden sich an deinem Anblick, deinem Schmerz und deiner Angst, welche die ihre sie für einen Moment vergessen läßt, du könntest sie verfluchen.
Die Lust am grausamen Spektakel kannst du in ihren Gesichtern lesen.
Versuchst du dich zu wehren?
Sie schleifen dich auf die Holzscheite, strecken dich am Pfahl und binden dich.
Dein Blick fliegt zur Seite, zum zweiten Pfahl, der dicht neben dem deinen steht.. und du erkennst.. Vivianne. Auch sie wendet ihren Blick dir zu.
Das Grün ihrer Augen flackert, als würden die Flammen bereits hoch schlagen und sich in ihnen nur spiegeln.. dann wiederum scheinen sie sanft und still, wie ein klarer Bergsee und du glaubst, du könntest eintauchen, während das Gegröle der Menge für den Moment wie durch Watte klingt.
Es sind sechs Männer, die sich nun mit Fackeln dem zweigepfählten Scheiterhaufen rund herum nähern und das Toben der Menge dringt wieder klar an dein Gehör.
Du riechst den aufsteigenden Rauch frisch geschlagenen Holzes, hörst das Knistern, als die ersten Flammen die Holzscheite des Äußeren Randes verzehren.
Sie schlagen hoch, schneller als du vermutet hast... strecken sich begierig nach den Stoffen, die du am Leibe trägst. Der Geruch nach verbranntem Haar steigt dir in die Nase, mischt sich mit dem des brennenden Holzes.. du spürst die alles versengende Hitze und... den Schmerz.
Es mag wohl dem Umstand, einen kleinen, feinen Schnitt im Finger nicht bemerkt zu haben, zu verdanken sein, dass Vivianne selbst diesen Traum ebenfalls ‚durchlebt‘ und Darna ihr aus diesem Grunde in ihrem Traum begegnet.
Verfasst: Freitag 25. August 2006, 22:55
von Darna von Hohenfels
Hexenbande
Unsicher sah der Gardist die beiden Frauen an. Besuch für die Ritterin, das war nichts Neues, doch daß unbekannter Besuch nicht draußen am großen Tor wartete? Aber wenn der Wachposten dort sie reingelassen hatte, würde es schon seine Richtigkeit haben...
Die Banner derer von Hohenfels flatterten rechts und links schräg über ihr im Wind, während Darna im Torbogen stehend die zwei Frauen musterte. Die eine Nyell, die andere... älter, weiß waren Rock, Bluse wie auch das lange Haar. Allein die Augen grün. Sie hätte sich nicht vorstellen müssen - es musste diese "Rayenne, die Heilerin vom See" sein. Darna wusste, wann sie eine Vorgesetzte vor sich hatte, und daß Rayenne Nyells Vorgesetzte war, hätte sich im Verhalten der beiden deutlicher nicht zeigen können.
Regen. Mist. Sie hätte gerne woanders als im Schloßgebäude geredet. Jeder Raum hier neigte dazu, unerwünschte Ohren zu haben. "Sind wir hier ungestört?" - statt einer ausgesprochenen Antwort kam Rafael herein...
Auch wenn es für den Freiherrn von Nebeltal ein Segen schien, daß die beiden heilkundigen Frauen anwesend waren, bestätigte sich für Darna doch die Befürchtung, daß Sorge die Hexen hierher trieb. Ansonsten hätten sie sie besser einfach in Ruhe gelassen, als allein schon durch ihr Aufsuchen des Schlosses weitere Gefahr heraufzubeschwören, daß sich die Schlinge immer enger um Darnas Hals zöge. Durch Rayennes Anwesenheit ging es sicher nicht allein um die Sorge um Darnas Wohl...
"Sie haben Angst, daß ich rede."
Sie konnte es ihnen nicht verdenken. Es war ja nicht so, daß die Ritterin keine Angst gehabt hätte. Was, wenn sie scheiterte? Es war die gleiche Frage wie in den Tagen, als ihr genauso die Hände gebunden waren und sie darauf wartete, nach Rahal zu müssen. Sie hatte in Bruder Ithamars Ohren ihre Sorge gelegt, daß der Alka sie brechen konnte. Er hatte ihr Trost zugesprochen.
Würde "der Pöbel" sie brechen können? Würde es sie brechen, daß die Leute, die sie zu beschützen geschworen hatte, sich derartig gegen sie wandten? Dagegen wehrte sie sich seit Tagen, Tage, die immer länger wurden.
Sie war nicht zornig auf Nyell. Dieses Pferdeverschwinden... Grundgütige, sie hatte ihr doch nur ersparen wollen, nach der Reinigung des Schreins ihr abgelegtes Rüstzeug auch noch alleine bis zum Kloster tragen zu müssen. Und dann sowas...
Was hatte sie den Geschwistern Klatschmaul vorzuwerfen? Kleingeistigkeit. Das Beobachtete in einen Zusammenhang zu bringen, daß das Denken nicht bis über die eigene Nasenspitze hinausging. In einer Ritterin eine Hexe zu sehen... wie spannend, ja.
Jedesmal, wenn Darna wieder darüber nachdachte, rang es ihr ein Seufzen ab. Wofür das alles?
Vivianne... Es war nicht nur für Nyell - Ryana - überraschend gewesen, daß dieser Name fiel. Die Herrin vom See band sich mit in das Vertrauen ein, das Ryana der Ritterin gewährt hatte, band sich mit zu der Last, die dieser Tage auf den Schultern der Lady ruhte. Naja...
"Mehr Scherereien kann es eh nicht machen", war der ruhige wie auch bittere Kommentar Darnas dazu. Ryanas Blicken zufolge musste die junge Hexe die Maserung des Tischbereiches, auf dem die ganze Zeit ihr Blick ruhte, inzwischen auswendig kennen.
Doch es war ohnehin Vivianne, die die meiste Zeit sprach.
"...aber auch der Wille und ein Ehrenwort kann gebrochen werden."
"Kann - wenn man nicht die Kraft hat, sich im Vertrauen zu beugen." Die Ritterin verschwieg das beunruhigende Gefühl, daß dieser Sturm selbst an den Wurzeln des Halmes riß, während von vorne der Mann mit der Sense kam.
"Am Pfahl beugt es sich schlecht." Die Oberste der Hexen sprach es dafür umso deutlicher an. Darnas Augen verengten sich. Was hatte Vivianne vor? Ihr noch das letzte bißchen Boden unter den Füßen wegzuziehen? Den Haß auf die Dummheit der Bürger draußen doch zum Auflodern zu bringen? Das Vetrauen in die Wahrheit und daraus erwachsende Gerechtigkeit in die Heiligkeit und ein Kirchengericht zu erschüttern? Das Gefühl des Alleinseins zu verstärken, sie vergessen zu lassen, wer alles an ihrer Seite stand?
"...So kann und will ich nur sagen, daß ich helfen möchte, dies zu einem soweit möglich einigermassen glücklichen Ende zu bringen", beteuerte Ryana.
"Bedeutet einigermassen glückliches Ende nur die halbe Folter?", fragte Vivianne beiläufig, und hätte es bei Darna ein Sympathiemeßgerät gegeben, wäre der Zeiger für Vivianne ein weiteres Mal um ein paar Punkte runtergerutscht.
Darna überging den Einwurf - was nicht einfach war. Es fiel schwer, diese Frau zu ignorieren, ihre Präsenz im Raum zu schmälern. Diese... wunderschönen grünen Augen, mit denen sie sie angesehen hatte, weckten Erinnerung und Trauer in Darna.
Vivianne zerstörte schnell und erbarmungslos jedes Schwelgen in Nostalgie. Und als sie gerade damit fertig schien, kam der Ritter des Reiches ein weiteres Mal herein.
"Könnt Ihr nicht anklopf...?!", brauste Darna auf und verstummte. Himmel, wo waren ihre Nerven geblieben? Das war kein Gardist. Und es gab auch nichts, wo man hätte anklopfen können, es war schließlich nur ein Vorhang. Sie räusperte sich inzwischen schon fast jedes Mal, bevor sie eintrat. "Verzeihung", schob sie rasch hinterher.
Jeder hatte seine Lasten zu tragen, auch der Reichsritter. Es zeigte sich nur allzu deutlich, als sie ihn einige Minuten später, während der verletzte Freiherr von Nebeltal versorgt wurde, zusammengesunken vor dem Kamin fand, sein blutverschmiertes Hemd gerade in den Flammen landete. Vorbei die Zeit, in der der Ruf nach einem Heiler für ihn der Ruf nach seiner Frau war...
Darna wünschte, sie hätte ihm mehr helfen können, doch sie konnte ihn nur in dem Wissen bestärken, daß er nicht allein war. Der Rest... war Formsache: "Ich lasse Euch ein neues Hemd bereitlegen." Freundschaft hatte bei Hofe manchmal seltsame Formen - nur die Gefühle blieben die gleichen.
Ritter waren die Stütze des Reiches... Still dankte und hoffte Darna für den Umstand, daß Rahal gar nicht in vollem Ausmaß abschätzen konnte, wie massiv an diesen Säulen derzeit gehämmert wurde.
Aber es war den Hexen natürlich nicht zu verdenken, daß sie sich lediglich Sorgen darum machten, daß die Sicherheit ihres eigenen Bundes gefährdet sein könnte.
Immer höher baute die Ritterin ihre schützenden Mauern im Innern auf, während Vivianne scheinbar noch weiter in der Wunde herumzubohren gedachte, daß Folter Darnas Schweigen brechen könnte.
"Ihr seid davon überzeugt, dies allein bewältigen zu können?"
"Ich bin davon überzeugt, alle Hilfe zu bekommen, die ich benötige." "Und am besten wäre es, wenn ihr euch dabei nicht blicken lasst."
"Ihr erinnert Euch an den Pöbel.. an den Pöbel, bestehend aus zuvor klugen Menschen, die tagtäglich ihrer Arbeit nachgingen... bis...?"
"Mir stehen jene zur Seite, die mich besser kennen und es besser wissen."
"Die junge Tochter vertraute Euch gänzlich... obwohl ich es ihr verbot.. grundsätzlich verbot... Und nun Lady von Elbenau.. sagt mir.. wie groß ist wohl Euer Vertrauen?"
Groß, doch sie hatte es sich in manchen Belangen abgewöhnt, blind zu vertrauen, so hakte der Korporal in ihr nach: "Mein Vertrauen in was?"
"In sie.. in mich.. in Euer Wissen um das, was geschah, dessen Ihr Euch schuldig fühltet, oder sollte ich sagen.. noch immer fühlt?"
Darna stellte ein paar Kanonen auf ihre inneren Befestigungsanlagen und richtete sie auf Vivianne, die braunen Augen wurden schmal. Woher wusste sie davon? Von der Hexenverbrennung? Von ihrer Schuld?
"Ryana. Du hast es schließlich im Schrein erwähnt. Wollte sie dich auch nicht dafür verurteilen - das mag bei Vivianne anders aussehen."
Waren sie auch deswegen hier? Mißtrauen begann, an den Wurzeln zu nagen.
"Ich vertraue so weit in euch beide, daß ich davon überzeugt... daß ich... zu hoffen ... wage... daß..." - sie geriet heillos ins Stottern, holte tief Luft, setzte neu an: "Ich verrate Euch nicht, und Ihr tut nichts, was mich noch weiter in einen fragwürdigen... Zusammenhang stellen würde, ja? Kein Regen, kein Schlösser öffnen... ich bin Ritter. Und einzig als solches muß ich erkennbar bleiben können. Mir tun die Schwierigkeiten leid."
Vivianne zog scharf die Luft ein. Ryana verkrampfte sich, als hätte sie eine Ohrfeige erhalten - und hatte nicht ganz Unrecht.
"Ihr seid Ritter Lady von Elbenau und wollt als solches erkennbar bleiben? Öffnet die Augen.. erinnert Euch an den gestrigen Abend.. seid Euch bewusst, weshalb Ihr hier seid und nicht wie gewohnt Euren Beschäftigungen nachgeht, wie üblich..."
"Sie will mir den Boden unter den Füßen wegziehen", stellte Darna mißmutig fest. Langsam reichte es.
"Ich erinnere mich daran, daß ich hier sitze, weil ein dummer Vorwurf, der in allen anderen Fällen leicht zu entkräften wäre, dummerweise gerade mehr als gewollt der Wahrheit entspricht und euch damit gefährden würde... weswegen ich schweige."
"Ich schütze euch, verdammt. Ich müsste mir keine Sorgen machen. Solange ich aufrecht stehen kann, seid ihr sicher, und da sägt ihr noch an mir??"
"Koste es, was es wolle? Um jeden Preis?", fragte Vivianne ruhig.
"GRRRRRR!" Darna beugte sich vor:
"Ich werde mir nicht den gleichen Fehler zweimal vorwerfen lassen." "Ich werde nicht zweimal eine Hexe, die nichts Böses tat, verraten." "Ich. bin. Ritter. Und ein Ritter steht zu seinem Wort, schützt die, die er für schützenswert erachtet." "Dazu gehört aus guten Gründen deine kleine Ryana."
"In diesem Fall würde es wohl auch das letzte Mal sein, dass Euch dieser Fehler unterläuft..."
"Droht sie mir?"
"Denn selbst wenn sie dadurch zu der Überzeugung gelangen, dass Ihr nicht das seid, wofür sie Euch gerade halten, so würdet Ihr ihnen dennoch nicht entgehen, allein ob der Tatsache, dass Ihr uns kennt und Umgang mit uns pflegt."
"Übersetzung: Wenn du uns verrätst, wirst du trotzdem mit auf dem Scheiterhaufen landen, weil du uns kennst - wir reißen dich mit in den Abgrund, wenn du versagst.
Sie droht mir."
"Es ist nicht so, daß ich nicht alle Unannehmlichkeiten durchgegangen wäre und davon mehr Kenntnis besitze, als mir lieb sein könnte."
Wie oft hatte sie im Empfinden in der Zeit des Fluches an Elseratines statt auf dem Scheiterhaufen gestanden und das Feuer gespürt? Vielleicht ein halbes bis ein dutzend Mal verbrannt, bis der Schmerz ihr zumeist die Sinne geraubt hatte...
"Ich weiß, wovon ich rede, Frau Vivianne... wisst Ihr es auch?"
"Unannehmlichkeiten durchgegangen...", echote die Frau in weiß und es machte ganz den Anschein, daß sie die nächste Person war, die an Darnas Art verzweifelte, selbst die schrecklichsten Dinge noch mit der Höflichkeit eines netten Plausches beim Abendessen auszusprechen.
Sie wandte den Blick zu Ryana und meinte ruhig:
"Eine Strähne ihres Haares wäre hilfreich.. ebenso einige Tropfen ihres Blutes.. was natürlich ohne Vertrauen nicht möglich ist.. zudem wäre es gut, wenn wir zukünftig Einlass gewährt bekommen von den Wachen, ohne sie 'überreden' zu müssen."
Haare? Blut? "Rückversicherung. Selbst, wenn sie mir deswegen helfen kann - dann ist das wohl gut... wenn sie mich als Gefahr stattdessen beseitigen muß, bevor ich ihr kostbares Geheimnis doch verrate... auch gut, nicht wahr? Und die 'Drecksarbeit', diese Dinge nun von mir zu fordern, überlässt du Ryana. Entweder, ich vertraue ihr und gebe ihr die Sachen, dann hast du, was du willst, oder ich gebe sie ihr nicht, dann konntest du deine Schülerin davon überzeugen, wie schlecht ich doch bin und daß selbst jemand wie ich Vertrauen nicht verdient hat.
Berechnendes Miststück. Raus. Verschwinde!"
Eintritt ins Schloß... Darna wurde blass. Das betraf nicht mehr sie. Sie erinnerte sich an die Älteste der Edhil, die mit Selbstverständlichkeit in den Häusern der Menschen ein und aus gegangen war, egal ob es eine Erlaubnis dazu gab oder nicht. Sehr wohl erinnerte sie sich auch an Nyells Worte, daß Rafaels Haustür sie zur Not nicht aufhalten würde. Lukans Erklärung, wie ein Magier aus dem Schloß gelangen konnte...
Ihr wurde schlecht. Ohne, daß sie was gesagt hätte, war Vivianne aufgestanden und hatte den Raum verlassen. Nun stand Ryana vor ihr.
Sie sah die junge Hexe an. "Was soll ich tun? Und... was soll sie tun?"
"Nun auch noch zwischen zwei Stühlen sitzend?", kam leise, fast mitleidig die Frage der Ritterin. "Was würde ich an ihrer Stelle denn tun?"
"Wobei, vermutlich sind die Prioritäten für Euch klar wie für mich", fügte Darna bitter hinzu.
Ihr Blut und Haare nehmen...
"Ich hab schon besser gesessen", bestätigte Ryana.
"Verscherzt Euch nicht, was ich gab...", bat Darna leise, doch was blieb schon übrig? Sie atmete betont ruhig, doch ihr Herz hämmerte in der Brust, um die Mundwinkel hatte sich ein harter Zug gelegt, während die Augen traurig blickten.
"Habt Ihr genug Vertrauen zu geben, was wir brauchen um im Notfall helfen zu können, so Ihr ob allein oder nicht allein, doch der Situation nicht Herr werden könnt?" Sie fragte nicht, forderte nicht - sie bat. Es bewahrte Darna davor, vor hilfloser Wut loszubrüllen, auch wenn es die Lage nicht besser machte.
"Begreift Ihr, was dieses Schloß ist, was dieses empfindliche Gefüge ist, in dem ich stehe, was... Nyell... in diesem Haus geht man nicht einfach ein und aus, weil man es mit Magie kann..."
"Bitte, begreif doch... ihr zwingt mich, meinen Pflichten nicht nachkommen zu können, denn dann müsste ich 'nein' sagen."
"Es ist fern jeder Magie. Und ich bin mir durchaus bewusst, wo wir uns hier
befinden, und daß es nicht einfach ist, solch einen Wunsch umzusetzen, doch ist die Situation es ebenso nicht."
Darna sah zum Vorhang, durch den Vivianne verschwunden war, verengte die Augen.
"Es tut mir leid, doch ich vertraue ihr nicht", erklärte sie knapp und ruhig, "So wenig, wie sie mir vertraut, daß... ich mehr zu tun bereit bin, als einer dieser Aufrührer da draußen es je fertigbrächte."
Sie sah Ryana wieder an: "Ihr tut mir leid - tut, was Ihr nicht lassen könnt." - ihre Stimme distanziert und förmlich.
Sie durfte keine Gefühle im Moment zulassen. Es hätte sie zerrissen.
"Ich bin nicht gekommen, um bemitleidet zu werden, wo es nicht nötig ist, Dame von Elbenau, ich bin gekommen, weil ich helfen will... Ebenso wie sie", fügte sie an, "Vertrauen hin oder her."
"Euer Weg dorthin gefällt mir gerade nicht", erwiderte Darna kühl, "Ihr hättet Eure Absicht einfach erklären und bitten können - doch Ihr lasst mich im Ungewissen und nötigt mich."
Sie streckte Ryana die Hand hin, die Handfläche nach oben gedreht - bereit, für das zu opfernde Blut geschnitten zu werden.
"Ich war ebenso im Ungewissen. Diese Lektion ist für mich nicht minder schmerzhaft, denn für Euch. Ich will nicht nehmen, ich bitte Euch mir zu geben... im Vertrauen."
"Dieser Weg kennt kein Vertrauen, ich hab ihn noch nie betreten."
Sich freiwillig in die Bande hexeischer Rituale schlagen lassen...
Darna schloß die Augen. Ryana hatte ihre Mauern nicht eingerannt - sie hatte zum Schlüssel gegriffen und die Tür aufgeschlossen.
Die Ritterin stand in der winzigen Waschkammer der Rittergemächer und ritzte sich mit Rafaels Rasiermesser, das dort rumlag, in den Handballen. Keine Gefühle. Drei, vier Tropfen auf ihr besticktes Taschentuch, mehr brauchte es wohl nicht. Eine dünne Strähne brauner, langer Haare fiel ebenso der scharfen Klinge zum Opfer, wurde in das Taschentuch gelegt, behutsam eingewickelt. Keine Gefühle.
Wortlos reichte sie Ryana das Tuch, Teile ihrer selbst.
"Ich danke Euch."
Keine Gefühle. Ryanas Blick wurde traurig.
"Geht bitte." Die Stimme so beherrscht, daß sie brüchig zwischen allem schwankte. Die junge Hexe schlich aus dem Raum wie ein geprügelter Hund.
Der Vorhang fiel, und dahinter standen die Reste einer vormals stolzen Stütze des Reiches, die die Arme vor der Brust verschränkt hatte und sich wie ein trotziges Kind weigerte, zu weinen.
Später tigerte sie sie wie ein eingesperrtes Tier unruhig vor den Betten auf und ab. In einem davon schlief der fremde Freiherr - er hatte einen der Tränke Ryanas abbekommen, Darna wusste also sicher, daß er schlafen würde.
Sechs Schritte hin.
Das sollte also auch Vertrauen sein. Es schmeckte schal. Erneut war sie zur "Freiwilligkeit" gezwungen worden. Luzcilla hatte schon instinktiv begriffen gehabt, wie es ging.
Sechs Schritte zurück.
Zutritt zum Schloß, Zugriff auf eine Ritterin des Reiches, egal, was sie davon halten mochte... Seine Hoheit würde ihr dafür den Kopf abreißen dürfen, wenn er davon wüsste. Über was hatte sie verfügt? Über etwas, über das sie nicht verfügen durfte.
Sechs Schritte hin.
Sie konnte es ihm nicht mal sagen, ihn nicht mal warnen. Es war gleichbedeutend damit, aufzugeben, denn diesen Teil offenbarend würde es alles offenbaren, über das sie zu schweigen gelobt hatte. Vermutlich war das Vivianne sogar klar, nicht wahr? Sie hielt die Frau nicht für dumm.
Sechs Schritte zurück.
Sie hatte alle Trümpfe in die Hände der Hexen gespielt und für sich selbst nur den Traum zurückbehalten, daß am Ende alles irgendwie gut werden würde.
Sie warf sich aufs Bett und schlug mit der Faust hilflos aufs Kopfkissen.
Ihre Augen brannten, sie starrte weiter die Decke an. Sie hatte Angst, einzuschlafen. Sie wusste, was in Nächten wie diesen kam: Alpträume. Alpträume von Gewalt, Verzweiflung und Leid, von Schwertern, Blut und Gelächter. Träume, in denen Gernot von Kelterburg sie wieder jagte. Träume von Einsamkeit. Sie vermisste Adrenalon, gleichzeitig dankte sie auf Knien dafür, daß er sie nicht wieder so sehen musste.
Nicht schlafen...
Die große Linde. Zurück in Elbenau. Der Marktplatz - wieder. Das Gröhlen, die Stimmen... vertraut. Aber zwei Pfähle? Befremdet seh ich mich um - vom Weg zum Scheiterhaufen hatte ich noch nie geträumt. Es ist doch ein Traum, wieder dieser gleiche schreckliche Traum, nicht wahr?
Zu verblüfft, um mich zu wehren.
Das sind meine Leute. Meine Nachbarn. Daß ich gleich brennen werde, die einzige Gewissheit. Oben wartet eine Frau bereits am Pfahl.
Nein. Das kann nicht sein. Wir haben doch die Plätze getauscht, so wie es richtig ist. Ich brannte für sie - seit Jahren, bis es endlich vorbei war. Geht es nun wieder los, kann ich jetzt nicht nur mich, sondern auch sie nicht mehr retten?
Zu entsetzt, um mich zu wehren.
Vivianne. Diese grünen Augen sind andere. Mein Kopf fliegt herum, sucht in der Menge der geifernden Meute ein kleines, sechsjähriges Kind im sauberen Kleidchen und mit ernstem Gesicht, das zusieht, den stolzen Mann namens "Herr Vater" mit dem Hirschwappen daneben - und findet sie nicht.
Die Meute ist eine andere. Adrian steht dort, versteinert. Selissa weint. Viola richtet ihre Armbrust auf irgendjemanden, das Gesicht wutverzerrt. Es ist nicht Elbenau. Der Schmerz ist der gleiche, doch das Feuer ist ein anderes - und Vivianne mit ausgeliefert, alles umsonst, alles...
Jetzt wehre ich mich. Wehre mich, wo es längst zu spät ist, soweit hätte es doch gar nicht kommen können, ich hab doch geschwiegen?! Dieses Entsetzen ist schlimmer als das Feuer.
Nein. Nein!
"NEEEEIIIIIIIIIIIIIIN!" - einzig diese Silbe war es, die mitten in der Nacht durch das Schloß gellte.
Verfasst: Sonntag 27. August 2006, 17:07
von Vivianne
Mit einem Aufstöhnen setze ich mich kerzengerade auf und öffne die Augen.
Die Schmerzen der Verbrennung im Traum hatte ich selber nicht gespürt.. war doch die Traumebene eine Andere, auf der ich mich befand. Mein Entsetzen jedoch kann nicht minder schmerzlich ausfallen, ist es nicht der äußere Schmerz, so ist es ganz sicher der Innere... die Flammen der Einfältigkeit, die hoch lodern.
Der suchende Blick in der Menge, braune Augen, dunkelbraunes Haar, ihr Schmerz.
Hatte sie es mir doch auf dem Silbertablett serviert: „Ihr habt keine Ahnung!“ Sie hatte recht und doch nicht. Ich hatte Ahnung, aber hätte wissen können, nein sollen.. ich hätte nur die Augen öffnen müssen.
Dabei wollte ich ihr nicht mal Böses, ich wollte nur... aufzeigen.
Keine Rechtfertigung.. es gibt keine, die dafür zählen würde... hatte sie ihr doch vergeben, nach langen Jahren der Verbindung, bis die junge Frau verstand und der Bund sich lösen konnte.
Hatte Mutter meine Hand mit dem Athame geführt, als ich die feinen Härchen von der Locke trennte, auf dass ich erkenne?
Mit einem Schaudern schweifen meine Gedanken zurück in die Vergangenheit.
Schwestern wurden ausgeschickt, in Dörfer, Grafschaften, Stadtränder, sich dort nieder zu lassen, um als Heilkundige den Menschen bei Seite zu stehen, vor allem aber, um Kontrolle zu haben.. Kontrolle über ihr Tun, ihren Umgang mit Mutters Werk.
Die Herrin des Sees, die meine Mutter ablöste, weil ich noch zu jung war, als sie starb, schickte mich nicht fort, ich hatte noch zu lernen, sollte ich doch ihre Aufgaben übernehmen, ab dem Tage wo Eluive sie zu sich rufen würde.
Wie hatte sie die Töchter gemahnt wachsam zu sein, sich bedeckt zu halten, denn Eines war gewiß:
Was die Menschen nicht verstehen, das fürchten sie und was sie fürchten, das töten sie.
Wie oft habe ich sie diese Worte wiederholen hören und ich sollte auf schmerzliche Weise den Wahrheitsgehalt kennen lernen.
In gewissen Abständen schickte mich die Herrin vom See durchs Land, die Töchter aufzusuchen, nach ihrem Befinden zu sehen, nach ihrem Tun.
Elbenau!
Eines Tages schickte sie mich nach Elbenau. Eine kleine Kate, außerhalb gelegen, den Wald in der Nähe... dort hatte sich Elseratine nieder gelassen. Sie war uns Schwestern gegenüber meist eine Frohnatur, mit einer gehörigen Portion Humor, über den wir gern und herzlich lachten uns aber auch ebenso schnell verzogen, wenn sie ihn uns in gereizter Stimmung giftig entgegen schleuderte.
Die Wiedersehensfreude war groß und wir hatten uns eine Menge zu erzählen, so verstrich die Zeit und ich verlängerte meinen Aufenthalt.
An einem dieser Tage wollte ich mich in der Grafschaft etwas umsehen und Elseratine wies mich mit einem Augenzwinkern an: „Heute ist Markttag, besorge etwas Obst, Gemüse und... einen saftigen Kinderbraten!“ Schmunzelnd ging ich von dannen und ihr vergnügtes Lachen hörte ich noch, als sie längst aus meiner Sichtweite war. Ich sollte es das letzte Mal vernommen haben.
Die nächste Erinnerung, die ich habe, sind die lodernden Flammen die sich nach meiner Schwester streckten, ihr suchender Blick durch die Menge. Sie regte sich nicht, schrie nicht, starrte nur. Wohin? Als ihr Blick ruhen blieb, folgte ich ihm und erblickte das kleine Mädchen. Es war sie... sie, die den Scherz der Tochter vom See so ernst genommen hatte und der dem von Elseratine verführten Laienbruder Argerius so gelegen kam.
Im Geiste und im Fühlen mit Elseratine verbunden, vernahm ich ihren Fluch, stand ich da, zum Nichtstun verdonnert.. hilflos.
Die braunen Augen, das dunkelbraune Haar...
... das selbe Gesicht.. älter natürlich und wenn die Narben nicht gewesen wären.. aber der Name! Wie konnte ich so blind sein?
Der falsche Traum, du Närrin!
Ich weiß!
Ein bitterer Zug legt sich um meine Mundwinkel, als ich mich erhebe und mich auf mache, einige Dinge zusammen zu suchen.. für das Anstehende, denn wie wir wissen, würden die Leute nicht eher ruhen, als bis die vermeintliche Gefahr vorbei sein würde.
Was die Leute nicht verstehen, das fürchten sie und was sie fürchten...
Verfasst: Montag 28. August 2006, 20:22
von Darna von Hohenfels
Rad des Schicksals
"Ich hab Varuna die letzten zwei Tage gemieden. Diese Menschen... ich hätte einen von ihnen umgebracht." Unruhig rutschte Viola auf dem Stuhl des klösterlichen Speisesaales herum.
Plötzlich war das Bild wieder da. Es kehrte alles wieder, nahm kein Ende, sie war in dieser Mühle gefangen, wurde mitgerissen, die Last walzte sie nieder...
Die Meute ist eine andere. Adrian steht dort, versteinert. Selissa weint. Viola richtet ihre Armbrust auf irgendjemanden, das Gesicht wutverzerrt.
Es ist nicht Elbenau.
[img]http://img175.imageshack.us/img175/7926/raddesschicksals3tw5.jpg[/img]
Über Darnas Kopf schlug das Wasser zusammen. Viola hatte irgendwas weiter gesprochen, sie hatte nicht zugehört. Würde es so weit kommen? Würde Viola ihre Armbrust auf jemanden richten, und sie würde nichts dagegen tun können?
Und sollte sie... etwa dieser... Ahnung! ... nachgeben? Einen Traum für wahr halten, in die Zukunft sehend? Wie eine...
Sie zog die Schultern zusammen, als irgendwas mit eisiger Hand nach ihr zu greifen schien - Wahnsinn, Verzweiflung, es hätte gerade tausend Namen haben können, das Resultat blieb das Gleiche: es zermalmte den letzten Rest an Kraft, der Angst widerstehen zu können.
"Würdest du das tun?", flüsterte Darna tonlos.
"Nein... deswegen bin ich auch gegangen. Nur, sie machen mich rasend. Manchen würd ich gerne eine Ohrfeige verpassen, daß ihnen hören und sehen vergeht ... aber ich würd nie jemanden umbringen."
Erleichterung?
"Viola... Tu das auch nicht, bitte."
Wie würde es enden?
"Nein. Aber dieser respektlose Haufen...", sie brauchte es nicht sehen, es war zu hören, als Viola die Augen verengte. Der "Schützling" der Ritterin stand auf und begann, nervös auf und ab zu gehen. "Du kämpfst für ihre Sicherheit - und was tun sie?"
"Sie hören auf das, was ihnen als Wahrheit erzählt wurde..."
So, wie ein kleines Mädchen damals erzählt hatte, die Frau mit den schwarzen Haaren hätte gesagt, sie würde Kinder fressen...
"Es geschieht alles nochmal, es ändert sich einfach nicht...", sprach Darna erstickt weiter.
"Diese Sache...?"
Diese Sache... die Verbrennung, der Fluch, ja... es kam alles wieder hoch.
"Es ist doch genau das Gleiche - sie haben etwas gehört, was wahr ist, und trotzdem nicht stimmt, und stellen dafür jemanden auf den Scheiterhaufen, der gar nichts getan hat..."
Erst Elseratine. Und nun mich.
"Darna... wenn dich jemals einer dieser Menschen anrührt und dich irgendwohin zerren will..."
Nein, keine Erleichterung. Sie kannte doch ihre Viola. Etwas in ihr bäumte sich auf:
"Nein, Viola, du wirst NIEMANDEN erschießen, hörst du!"
"Weißt du was?!", kam es laut zurück, "Wenn dich eine Menge auf irgendeinen Haufen zerrt, erschieße ich jeden Einzelnen, der es wagt, dich umbringen zu wollen - und wenn ich mich durch Varuna morde!"
"Nein!" Am Tisch sackte die Ritterin zusammen.
Sie vergrub den Kopf zwischen den Armen, Tränentropfen begannen, die Ärmel der edlen weißen Bluse zu durchnässen, graue Flecken zu hinterlassen. Violas Stimme drang nur noch zu ihr wie durch Watte. Zuviel.
"Irgendwann werden diese Menschen vernünftig werden. Und wenns die Kirche bewerkstelligt. Aber du kannst nicht verlangen, daß ich zusehe, wie dich eine Meute auf einen Haufen zerrt um dich umzubringen."
"I... ich..." Ihr ganzer Körper bebte, zitterte. Die Kälte nahm überhand und drückte sie nieder, nachdem das letzte bißchen Fassade zusammengebrochen war. Gestern noch hatte sie "wie eine Uhr funktioniert", wie Eileen es so gern umschrieb, war durchs Schloß gelaufen, hatte Alarm ausgelöst, als eine Geistergestalt gesichtet wurde. Wie dünn ihr Nervenkostüm war, war nur daran zu ermessen gewesen, daß sie Eileen einmal verzweifelt angebrüllt hatte.
Zuviel.
"Lass gut sein... es wird nicht soweit kommen, hörst du?"
Und wenn doch? Sie hatte es gesehen... etwas an diesem Traum war erschreckend echt gewesen - anders.
"Ichhh.... will nicht,... daß... neihein... Nein, das...das darf so nicht kommen..."
"Ich lasse dich besser alleine .... ich will dir nicht noch zusätzlichen Kummer machen, als du gerade hast."
"Geh nicht!" Nein! Sie durfte nicht so gehen! Es war alles nur schöngeredet, an schale Hoffnungen geknüpft, sie wussten beide, daß den schlimmsten Fall nur niemand wahr haben wollte! Tote Menschen, für eine falsche Wahrheit.
"Sie dürfen nicht diesen...", Darna verstummte. "...Scheiterhaufen mit zwei Pfählen errichten."
"Das darf sich nicht wiederholen", flüsterte sie entsetzt und tonlos, "Und du darfst nicht... keine Armbrust mitnehmen... hörst du? Es muß... ohne gehen... es muß... endlich aufhören."
Was stammelte sie da? Egal. Sie musste es irgendwie begreiflich machen. Dieses verdammte Zittern hörte nicht auf. Irgendwann spürte sie Violas Umarmung, die junge Frau hatte sich wieder gesetzt, tröstend die Arme um sie geschlungen. Sie hätte sich am liebsten darin verkrochen und die ganze Welt ausgesperrt. Aber sie musste das irgendwie aufhalten.
"Sie begehen den gleichen Fehler wie ich... und ich will mich nicht rächen... Sie hat mir verziehen und ich verzeihe ihnen schon jetzt... es muß aufhören..."
Im nächsten Moment sprach sie die bitterste aller Wahrheiten aus:
"Ich kann nicht mehr."
Die Arme um sie herum blieben, gaben Halt.
"Ich würde dir gerne alle Lasten, die du hast abnehmen, jede Einzelne Darna - aber ich kann nicht mehr, als versuchen, für dich da zu sein."
"Dieser Traum darf nicht wahr werden... ich... werde sie... ich werd schweigen..."
"Was für ein Traum?"
"Ein Scheiterhaufen... auf dem Marktplatz." Darna schluckte. Nein, sie durfte den zweiten Pfahl nicht erwähnen. "Du in der Menge. Adrian... - seine Hoheit. Selissa... und du hast geschossen."
Viola lauschte still, fragte leise: "Und dann?"
Sie hält mich nicht für verrückt?
"Selissa hat geweint. Adrian... stand ... nur da, mit ganz steinernem Gesicht. Und du hattest deine Armbrust gezogen und da irgendwen wütend erschossen."
"Und mehr passierte nicht?"
Nein. Nur, daß sie verbrannt wurde natür... oh...
"Nein, ich... naja, sie haben... Feuer gelegt, ja... also..." Sie schüttelte hastig den Kopf, stammelte weiter:
"Ich träumte vom Weg da hin, das hab ich noch nie geträumt, und es war auch alles völlig anders eigentlich - aber ich... ich... werde sie nicht verraten, nein. Das darf nicht passieren."
"Du wirst diesen Weg nie gehen. Du kannst ihnen vergeben, aber es wird nicht soweit kommen, daß du diesen Weg gehst."
Es klang das erste Mal nach etwas Überzeugenden, hatte etwas anderes an sich, eine ganz eigene, innere Ruhe. Irgendwas... war anders.
Viola wusste nun, was sie fürchtete, und daß es ihr wichtig genug war, daran fast zu verzweifeln. Das mahlende Gefühl ließ nach, irgendwie, die Erschöpfung kam dafür mit umso größerer Macht.
Es war nicht aufgehalten. Draußen mahlte die Mühle weiter. Doch hatte sich Violas Pfad darin geändert, für diese wenigen, kostbaren Sekunden, in denen ihr im schlimmsten Fall klar sein musste, daß ihre doch so verstehbare Wut Darna verzweifeln ließ, in Tränen auflöste?
Es muß aufhören.
Wenige Zeit später war Viola fort, und das Kloster lag wieder still. Sie war so elendig müde... immernoch war ihr innerlich kalt. Sie sah in die Richtung, wo ihr Zimmer lag, doch sie verspürte keinerlei Verlangen, dort zu schlafen. Sachtes Licht drang von dort aus dem Garten - der Baum. Sie war ihm bislang ausgewichen und wusste nicht einmal zu sagen, warum. Villeicht fürchtete sie, daß selbst er ratlos "schweigen" würde. Daß das Gefühl von Geborgenheit, das er zu geben vermochte, schal schmecken konnte - denn hier drinnen war Frieden, ja... und draußen?
Wie üblich verursachten die Schritte kaum ein Geräusch, als der Klosterschüler zu nächtlicher, gebotener Stunde die Klosterkirche betrat, um die Kerzen auszutauschen und die Kohlebecken aufzufüllen. Ein langweiliger, stetig gleicher Dienst, natürlich musste er getan werden...
der junge Mann erschrak doch nicht wenig, als er hinter dem Kohlebecken auf der Empore der Kirche eine Gestalt ausmachte, die zwischen wärmendem Becken, Mauer und Brüstung kauerte.
Matt glänzte der rötliche Glutschein auf den goldenen Hirschstickereien des Mantels. Die Lady. Schlafend. Hier? Skeptisch sah er sich um. Irgendwas hielt ihn davon ab, sie zu wecken - doch ihre Hochwürden Valeth würde er besser informieren lassen, gleich wenn sie wach war...
Verfasst: Dienstag 29. August 2006, 13:45
von Vivianne
Meine Anweisungen sind knapp wie nie und ebenso unmißverständlich.
Die Töchter wissen sie hinzunehmen und zu tun, was ich ihnen auftrage.
Die leeren Fässer stehen bereit und warten auf ihre Abfüllung.
Ein Gemisch aus frischen und getrockneten Kräutern zieren den Tisch, neben Dämonenknochen, Zitronen, schneeweißen Federn, einem Tuch mit eingetrocknetem Blut und... einer dunkelbraunen Locke.
Die Nachrichten, die mir Ryana überbringt sind alles andere als beruhigend, aber nichts, was ich nicht erwartet habe. Eile ist geboten, ich zwinge mich zur Ruhe, es darf nichts schief gehen, denn sonst würde ein Traum in Erfüllung gehen, der nur dazu gedacht war, aufzuzeigen. Ich hatte nicht vor, dies zuzulassen.
Knirschend fügt sich der Dämonenknochen dem abwechselndem Stoßen und Mahlen des Stößels, gefangen in der Rundung des Mörsers, bis er die Konsistenz feinsten Pulvers aufweist. Ebenso geht es den frischen, wie getrockneten Kräutern. Alle Zutaten zusammen ergeben einen pulvrigen Haufen, der seinen Platz in einem Kessel findet. Eine Hälfte des Tuches mit dem Blut, die Hälfte der Haarlocke verbrennen in einer kleinen Schale und die Asche wird zu dem Haufen in den Kessel gegeben. Aufgegossen mit dem Wasser der reinen Quelle. Unzählige Male aufgekocht, bis auch die letzte Spur von Geschmack verschwindet, die an eine Zutat erinnern könnte.
Die Fässer werden gefüllt.
Eine jede der Töchter schicke ich nun mit den Fässern aus. Nach Berchgard, nach Bajard, nach Varuna, in die umliegenden Häuser und Höfe und auch zu Jenen, die zum Kloster gezogen sind.
Frisches Wasser den Durstigen...
Verfasst: Donnerstag 31. August 2006, 23:23
von Darna von Hohenfels
Reinheit
Wie sollte sie ihnen allen all dies je verdenken und danken können? Sie hatte rumgewitzelt, daß Hudgarr Eintritt verlangen könnte, als es vor dem Kastell schon regelrecht ein Schlangestehen gab, um sie besuchen zu können. Viola, Adrian Greif, Rafael, Selissa...
Es mutete seltsam an, daß all diese Treue und Zuneigung noch selbst die Zellentür überwand. Selissa hatte ihren niedlichen Sturkopf mal wieder erfolgreich eingesetzt und nun hielt Darna dieses schmale, mit Tuch umwickelte Gebilde so behutsam wie ein rohes Ei vor sich. Es hatte zur Klärung, was sich darin befand, keiner weiteren Worte mehr bedurft als dieser:
"Du meintest mal, bei mir wäre es besser aufgehoben."
Das Einhorn. Diese kleine, so liebevoll geschnitzte Holzstatue, das ihr noch immer Erinnerung an Sir Hagen war... das Symbol eines edlen, reinen, durch und durch guten Wesens - sie hatte es Selissa gerne gegeben. Nun erhielt sie es zurück, in den Stunden, in denen auf ihr einer der ungeheuerlichsten Vorwürfe ruhte, die man einem Menschen neben kaltblütigem Mord noch machen konnte. Hexe. Dieses Wort kam ihr inzwischen so zwiespältig wie sonst nichts, schal und mißbraucht vor.
"Ich glaube, jetzt sollte es wieder bei dir sein."
Ihre Angst gaukelte ihr Bilder vor, in denen die Flammen, die nach ihrem Körper griffen, auch das Einhorn auffrassen. Unschuldiges, das verbrannt wurde... und es versetzte ihr einen Stich, daß sie sogar dieser kleinen Holzstatue gegenüber dabei mehr Sorge entgegenbrachte, als ihrem eigenen Schicksal. Sie sah Gefahr, daß sie sterben könnte, nicht leichtfertig entgegen. Doch mit gewissem Entsetzen spürte sie plötzlich begreifend, wie sehr sie schon mit allem abgeschlossen hatte...
"Paß du eine Weile darauf auf, ja?", sprach Selissa leise.
Konnte sie das?
Auf das Tuch fiel ein Tropfen. Selissa legte den Kopf schief.
"Warum bist du traurig, Darna?"
War sie das? Sie wusste es nicht einzuordnen. "Ich weiß nicht - es bedeutet mir vielleicht einfach zu viel."
"Bringen wir das Ganze hinter uns", sagte Rafael bald darauf. Es ging also los... vor dem Baum des Lichtes sollte sie vor den Augen der angstschlotternden Bauern geprüft werden - geprüft, ob die Ritterin eine Ritterin war, ob Fassade und Inhalt zusammengehörten... warum hatte sie Angst?
Weil sie zu oft erlebt hatte, wie sehr sich viele Menschen dagegen sträubten, dem äußeren Bild schlicht Vertrauen zu schenken?
"Viel Glück!", hörte sie Rafaels Ruf verhallen, der draußen blieb, um Wache gegen Unvorhergesehenes zu halten. Unvorhergesehenes... und was erwartete sie hier?
Sie blickte auf die Rücken der Bürger, die vor dem Baum versammelt standen. "Buh!", fuhr es ihr zynisch durch den Sinn. Sie war nervös und stoisch gelassen, zuversichtlich und ängstlich, erfreut und verärgert - ein Wechselbad der Gefühle.
Sie trat vor die Heiligkeit und wandte nur zu gerne allem anderen den Rücken zu. Nach vorne sehen, sich auf eine Sache konzentrieren, die beständig war und Halt gab, sollte sie das Urteil sprechen... Darna trat mit leeren Händen vor Baum und Erztemplerin. Sie hatte das Einhorn Selissa zurückgegeben, ihr Schwert gestern abgelegt, ihre Rüstung war im Zimmer des Klosters verblieben, selbst ihr Siegelring nicht an ihrer Hand. Einzig ihre Kleidung kündete noch von ihrem Stand.
"Hier bin ich selbst."
Sie kniete vor Alyssa nieder, eine gewohnte Geste, doch nach einem kaum merklichen Moment des Zögerns zog sie das zweite Knie nach, ruhte nun auf beiden. Hier lag ihr Leben, alles was sie war und hatte, in den Händen Alyssas als Überbringerin von Temoras Willen.
"Schuld und Unschuld mögen sich heut hier erweisen unter dem Strahlen Temoras, welches uns ummantelt durch das Zeichen des Baumes", sprach die Heiligkeit, trotz ihrer Blindheit alles andere als Hilflosigkeit vermittelnd.
Ergeben den Kopf gesenkt hörte Darna ihr zu, bemerkte die irritierten Blicke der Bauern nicht, die etwas desorientiert dem Geschehen lauschten und zusahen, sich gar leise fragten, um was es hier eigentlich ginge...
"Gnade oder Strafe wird hieraus geboren, aus einzig der Wahrheit, die Temora uns entsenden möge."
Dies war alles, was zählte. Alles, worauf sie vertrauen durfte. Und alles, worauf die Bauern noch vertrauen konnten - mussten, wenn sie nicht haltlos weiter in ihren Zweifeln treiben wollten.
"Tapferkeit ist das Vertrauen, sich einzig den hütenden Händen der Herrin zu überlassen, wenn alles andere nur Zweifel aufwirft."
Sie fragte sich nicht länger, was als nächstes geschehen würde. Es lag längst nicht mehr in ihrer Hand.
"Gütige Herrin Temora, Tugendbringerin und Bewahrerin des Lebens, erschaffen durch die Mutter allen Lebens, wir ersuchen dich in Demut: blicke auf uns hernieder. Dein Zeichen möge erkennen lassen, ob der Vorwurf gegen diese Frau gerechtfertigt ist, der da gesprochen ist aus besorgter Bürger Mund, sie sei der Hexenkraft verschrieben."
Verwirrtes Raunen in der Menge. Giftige Blicke ihrer Freunde, die zu den Leuten sahen. Wie konnten die jetzt tun, als wüssten sie von nichts? Dieses Schauspiel, das einem noch immer absurd anmuten mochte, nur wegen diesen Gerüchten...
Für Darna spielte all das keine Rolle mehr. Selbst, wenn diese Prüfung ergeben würde, daß Schande und Schuld auf ihr lag, hätte sie sich nur noch gefragt, was sie übersehen haben mochte, doch es hätte sie wohl nicht einmal mehr erschrocken, wäre ihr nicht einmal mehr völlig abwegig vorgekommen.
Niedergetreten ruhte der Halm mit dem Namen Darna von Elbenau flach auf der Erde, gebeugt, geknickt, als Unkraut beschimpft, vage hoffend, daß der Sturm endlich vorbei wäre.
Alyssa griff nach einem bereitstehenden Krug, in dem sich strahlend klar Wasser befand - geweihtes, heiliges Wasser.
"Es möge laben die Güte und bestrafen das Dunkle nach deinem Erkennen", beschwor die Erztemplerin in Temoras Namen die Wirkung dieses Elixiers, hielt es Darna entgegen. "Trinke es, Kind, es wird Zeichen sein dir und allen."
Sie hatte aus sagenumwobenen Erzählungen gehört, wie finstere Diener des Brudermörders sich nach einem Schluck von solchem Wasser schreiend in Schmerzen gewunden hatten. Es ließ keinen Trugschluß zu, ließ sich nicht verfälschen - das also sollte die Prüfung sein.
"Temora sei für ihre Güte gedankt, in allem, was geschehe" - mit diesen Worten nahm Darna den Krug an sich und setzte ihn behutsam an die Lippen. Fast schien sie sich unwürdig, daß dieses kostbare Nass überhaupt zu dieser Prüfung dienen musste... doch seine Notwendigkeit war heraufbeschworen worden. Sie trank.
Das Wasser rann durch ihre Kehle, und mit seltsam klaren Bewusstsein fühlte sie seiner Bahn nach, als sei für köstliche Momente ein erhaben schöner Wasserfall in seinem Sturz nach unten zu beobachten. Wasser... diese Wiege allen Lebens, das den Menschen stets umgab, Teil von ihm war, Teil in jedem Wesen - tausendfache Tropfen, die sich aufgaben und doch für sich jeder wertvoll eines in allem blieben, zueinander fanden. Einfachstes Sein und doch tausend Gestalten, alles dienend, so lächerlich einzeln scheinend, mit so unermeßlicher Kraft, die möglich war...
Leben. Reinheit. Sinn.
Und sie war Teil davon, war einer dieser abertausend Tropfen. Es war nicht in Worte zu kleiden. Es war nur ein wunderschönes Gefühl von... Vollständigkeit.
Sie wusste nicht, wann sie angefangen hatte, zu lächeln. Zeit war gerade auch nicht wichtig. Das sanfte Leuchten, das sie umgab, hatte den Anwesenden teils leises Staunen entrungen, ungläubiges Blinzeln, doch mehr und mehr wurde die Freude dieses Segens greifbar - es blieb nicht bei Darnas Lächeln allein.
"Gesegnet in ihrem Namen seist du, Ritterin Darna von Elbenau. Jene deren Güte im Herzen sie erkennt, Bewahrerin der Bürger in mancher Gefahr." Dies war Wahrheit. Endlich nichts als Wahrheit.
Sie durfte endlich aufstehen als die, die sie war, und nichts tat noch recht daran, dies anzuzweifeln. Sie hatte Schutz erfahren und durfte endlich wieder Schutz gewähren.
Ihr Schwert... diese stets zweischneidige Waffe... es war da, um zu schützen. Seine Macht zu zeigen, wenn sie herausgefordert war. Wie das Wasser eine zerstörerische Macht zu entfalten, Leben und Tod zu bringen vermochte.
"Euer Heiligkeit, darf ich hier der Ritterin ihr Schwert zurückgeben?"
"Gewiß, es ist ihr Schwert und in ihre Hand gehört es."
Tränen der Rührung musste sie zurückhalten, als Hudgarr regelrecht zeremoniell niederkniete, um ihr die Waffe mit beiden Händen zu überreichen. Ihr Atem stockte. Es war das dritte Mal, daß sie dieses Zeichen ihrer Würde hart und teuer errungen hatte: zu ihrem Ritterschlag von seiner Hoheit. Zum Beweis ihrer Liebe von Adrenalon. Und nun nach dem Beweis ihrer Tugendhaftigkeit vor dem heiligsten Symbol der Gütigen, vor dem Baum des Lichts.
"Euer Schwert, Ritterin." Nichts als aufrichtige Anerkennung.
"Ich danke Euch, es in treuen Händen bis nun verwahrt gewusst zu haben, Herr Amarth."
Es schien so vertraut und gleichzeitig so seltsam fremd.
Alles, was noch diesen Abend folgte, wirkte so...
Kaum, daß sie das Kloster verlassen hatte, drangen die nächsten Schwierigkeiten, Kunde aus Bajard, an ihr Ohr, und es war nur ein weiterer Beweis, wie unbeeindruckt sich das Rad der Zeit weiterdrehen konnte, so groß Sorge und Freude eines einzelnen Menschen auch gewesen sein mochte.
Letast... umgeben von Gefolgsleuten, den Schergen Rahals und des Brudermörders... sie hatte ihr Schwert wieder, doch ihre silberne Prunkrüstung war bei all der Aufregung im Kloster verblieben, ihre Kampfrüstung lag weit fort im Schloß... die Euphorie ernüchterte sich an sehr weltlichen Dingen. Nicht einmal mit Rüstung wäre dieser Ansammlung an Finsterlingen standzuhalten gewesen. Und mehr und mehr wuchs die Sorge um Viola, die ihr völlig übermüdet noch immer wie ein Schatten folgte. "Erst, wenn du sicher im Schloß bist, wird für mich alles in Ordnung sein", lautete die simple Erklärung.
Ja... es reichte.
Im Schloß lächelte sie sanft, als sie an Ibert merkte, daß auch die Schloßwache erleichtert registrierte, daß die Lady wieder daheim war. In den Rittergemächern nahm sie Viola behutsam den Umhang ab. Die letzten Tage hatte das Mädchen sich verausgabt, um in allem Darna beistehen zu können. Und nach allen Regeln der Ritterlichkeit hatte sie sich zudem die letzte Nacht um die zuvor verschwundene Frau Leador gekümmert.
"Es ist vorbei. Ich bin in Sicherheit. Zuhause. ... Und du kannst und wirst nun endlich schlafen", sagte Darna ihr behutsam. Es war einer jener recht seltenen Momente, in denen sie sehr genau ermessen konnte, wie Viola sich fühlte - weil ihr solches Benehmen und Empfinden selber nicht fremd war. Kostbare Momente von Verbundenheit mit dem stürmischen Mädchen aus dem Clan, das immer erwachsener wurde.
"Viola... ich danke dir für alles. Daß du da warst. Und auch mehr. Und ich bin stolz auf dich, wenn mir diese Worte einer guten Freundin gegenüber erlaubt sind."
Müde lächelte Viola. "Danke. Und ja... ich werde nun schlafen können."
Sie sah sich im Raum um. Waren es nur so wenige Tage gewesen? Gelmira maunzte leise und schlich um ihre Füsse. Dieses Gefühl war vertraut und neu zugleich, ja - ein reines Gefühl, wie aus einem Traum erwacht.