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Ein Unglück und seine Folgen

Verfasst: Dienstag 13. August 2024, 13:09
von Barn Soederstett

Ende des Monats Hartung, als der Winter seinen eisigen Atem über die Landschaft legte, stand Barn am Tor des kleinen Hofes, der sein Zuhause und das Herz seiner Geliebten Charlotta war. Der Himmel war grau und schwer, und die kalte Luft schnitt ihm ins Gesicht, während er sich von den vertrauten Wänden verabschiedete, die so viele Erinnerungen bargen.

Charlotta stand in der Tür, eingehüllt in einen dicken Wollschal, ihre Augen leuchteten trotz der trüben Witterung. „Komm bald zurück, Barn“, flüsterte sie, ihre Stimme war sanft, aber voller Entschlossenheit. Barn nickte, obwohl er wusste, dass die Tage in der Mine lang und hart sein würden.

Mit einem letzten Blick auf Charlotta, die ihm ein ermutigendes Lächeln schenkte, wandte er sich dem schmalen Pfad zu, der durch den frostigen Wald zur Mine führte.

Der Boden war gefroren und knirschte unter seinen Stiefeln, während er sich in die Kälte und die Ungewissheit begab. Jeder Schritt war ein Schritt in die Dunkelheit, nicht nur der Mine, sondern auch in die Herausforderungen, die vor ihm lagen. Doch in seinem Herzen trug er die Wärme ihrer Liebe, die ihn durch die frostigen Tage begleiten würde.


Barn stand tief in der Mine, umgeben von der kühlen, feuchten Luft und dem Geruch von Erde und Gestein. Mit einem Hammer in der Hand schlug er rhythmisch auf die Felsen, konzentriert und entschlossen, die wertvollen Mineralien und Erze freizulegen, die in den Wänden und dem Boden verborgen waren. Seine Hände waren rau und von der Arbeit gezeichnet, doch er war fest entschlossen, seinen Beitrag zu leisten und die Herausforderungen des Lebens zu meistern.

Die Arbeit in der Mine war hart und oft gefährlich. Barn war sich der Risiken bewusst, die mit dem Abbau von Gestein verbunden waren. Er hatte die Warnungen seiner Kollegen gehört, die ihm von den instabilen Stellen in den Wänden erzählt hatten. Doch an diesem Tag war er so in seine Arbeit vertieft, dass er die Anzeichen einer drohenden Gefahr ignorierte.

Während er mit dem Hammer auf einen besonders harten Felsen schlug, hörte er ein leises Knacken, das in der Stille der Mine wie ein Alarmton wirkte. Ein kurzer Blick auf die Wand verriet ihm, dass sich einige Steine gelockert hatten. Doch bevor er reagieren konnte, geschah es: Ein größerer Felsbrocken, der durch seine Schläge und die Erschütterungen in der Mine destabilisiert worden war, löste sich plötzlich und fiel mit einem lauten Krachen zu Boden.

Barn hatte keine Zeit, sich in Sicherheit zu bringen. Der Felsbrocken traf ihn am Kopf, und für einen Moment wurde alles schwarz. Der Schmerz durchzuckte ihn, und er fiel zu Boden, während die Geräusche der Mine um ihn herum verstummten. In diesem Augenblick wurde ihm klar, wie verletzlich das Leben war und wie schnell sich alles ändern konnte.

Barn öffnete langsam die Augen und blinzelte gegen das grelle Licht, das durch einen schmalen Spalt in der Decke drang. Sein Kopf pochte, und ein stechender Schmerz durchfuhr ihn, als er versuchte, sich zu erinnern. Wo war er? Wer war er? Die Erinnerungen waren wie Schatten, die sich vor ihm versteckten.

Verwirrt stand er auf und sah sich um. Er befand sich in einer dunklen, feuchten Höhle, die von den Wänden der Mine umgeben war. Der Geruch von Erde und Metall lag in der Luft. Barn fühlte sich schwach und desorientiert, aber ein instinktives Bedürfnis, zu fliehen, trieb ihn an. Er begann, durch die Gänge der Mine zu irren, ohne zu wissen, wohin er ging.

Nach einer Weile hörte er Stimmen. Er schlich sich vorsichtig näher und entdeckte eine Gruppe von Männern, die um ein Feuer saßen. Sie trugen abgerissene Kleidung und hatten grimmige Gesichter. Barns Herz schlug schneller. Er wollte sich zurückziehen, doch bevor er es schaffte, wurde er entdeckt.

„Hey, schaut mal, was wir hier haben!“, rief einer der Männer und kam auf ihn zu. Barn wollte weglaufen, doch zwei weitere Männer packten ihn und hielten ihn fest. „Woher kommst du, Fremder?“, fragte der Anführer mit einem scharfen Blick.

„Ich… ich weiß es nicht“, stammelte Barn, während er versuchte, sich zu befreien. „Ich erinnere mich an nichts.“

Die Räuber schauten sich an und lachten. „Ein Gedächtnisverlust, wie interessant! Vielleicht können wir dich als Geisel benutzen oder dich gegen Lösegeld verkaufen“, murmelte der Anführer und grinste.

Barn fühlte sich hilflos, aber in ihm regte sich ein Funke des Widerstands. Er wusste, dass er nicht aufgeben durfte. Während die Räuber ihn in eine kleine Kammer führten, begann er, seine Umgebung zu beobachten. Die Wände waren rau und feucht, und es gab einen schmalen Spalt, durch den ein wenig Licht fiel. Vielleicht gab es einen Weg hinaus.

In der Nacht, als die Räuber schliefen, schlich Barn sich leise aus der Kammer. Sein Herz klopfte laut in seiner Brust, als er durch die dunklen Gänge schlich. Er wusste, dass er schnell handeln musste. Schließlich fand er einen Ausgang, der ins Freie führte. Der Mond schien hell am Himmel, und die kühle Nachtluft fühlte sich befreiend an.

Doch bevor er richtig durchatmen konnte, hörte er hinter sich Stimmen. Die Räuber waren aufgewacht und hatten bemerkt, dass er geflohen war. Barn rannte so schnell er konnte, durch den Wald, der die Mine umgab. Die Äste kratzten an seinen Armen, und der Boden war uneben, aber er ließ sich nicht aufhalten.

Plötzlich hörte er das Geräusch von Schritten hinter sich. Die Räuber waren ihm dicht auf den Fersen. In einem verzweifelten Versuch, sie abzuhängen, sprang Barn über einen kleinen Bach und versteckte sich hinter einem großen Baum. Er hielt den Atem an und lauschte. Die Stimmen der Räuber wurden leiser, und schließlich hörte er sie in die andere Richtung gehen.

Barn wusste, dass er nicht sicher war, aber er hatte einen Moment der Ruhe gewonnen. Er setzte sich auf den Boden und versuchte, seine Gedanken zu ordnen. Wer war er? Woher kam er? Und vor allem, wie konnte er sich selbst retten?

Barns Weg war geprägt von Verwirrung und Einsamkeit. Er wanderte durch unbekannte Landschaften, die von sanften Hügeln und dichten Wäldern geprägt waren. Die Tage zogen sich in einem Nebel aus Erinnerungen und Fragen, während er versuchte, einen Anhaltspunkt für seine Identität zu finden.

Er durchquerte weite Felder, in denen der Wind sanft über das hohe Gras strich, und hörte das Zwitschern der Vögel, die ihm wie vertraute Stimmen vorkamen. Manchmal hielt er an, um die Schönheit der Natur zu bewundern, doch die Freude war nur von kurzer Dauer, da die Leere in seinem Herzen ihn stets daran erinnerte, dass etwas fehlte.

Als die Dämmerung hereinbrach, fand er sich an einem schmalen Weg wieder, der von alten Bäumen gesäumt war. Die Schatten wurden länger, und die Kühle der Nacht umhüllte ihn. Barn spürte eine innere Sehnsucht, die ihn weitertrieb, als ob unsichtbare Fäden ihn zu einem bestimmten Ort zogen.

Schließlich erblickte er in der Ferne das Licht eines Hofes, das durch die Dunkelheit schimmerte. Die Umrisse eines Zauns zeichneten sich gegen den Nachthimmel ab, und ein Gefühl der Vertrautheit überkam ihn. Er näherte sich dem Zaun, seine müden Beine trugen ihn kaum noch, und als er schließlich ankam, sank er erschöpft zu Boden.

Dort, am Zaun des Hofes, umgeben von der Stille der Nacht, fand Barn einen Moment des Friedens. Er schloss die Augen und ließ sich von der Müdigkeit überwältigen, während die Frage nach seinem Zuhause in seinem Herzen weiterklopfte. Hatte er nach monatelangem herumstreifen sein Heim wieder gefunden?..........

Verfasst: Donnerstag 15. August 2024, 02:47
von Barn Soederstett
Barn wurde aus einem tiefen, traumlosen Schlaf gerissen, als das Wiehern eines Pferdes durch die warme Abendluft drang. Er blinzelte gegen das Licht, das durch die Bäume fiel, und versuchte, sich zu orientieren. Doch bevor er richtig wach werden konnte, spürte er einen plötzlichen Schwall kalten Wassers, der über ihn gegossen wurde. Instinktiv rollte er sich zusammen, um sich vor dem Regen zu schützen, und hob ein Augenlid, um gen Himmel zu blicken, während er leise murmelte: „Verdammter Regen.“ Bei jeder seiner Bewegungen zuckte er zusammen, doch er versuchte, sich in eine sitzende Position hochzustemmen.

In der Ferne hörte er eine Stimme, die „Hallo“ rief, und suchte nach der Quelle, konnte sie jedoch nicht entdecken. Plötzlich beugte sich das Pferd, das neben ihm stand, mit dem Kopf zu ihm hinunter und wieherte ihm direkt ins Gesicht. Barn sprach beruhigend mit dem Tier und versicherte ihm, dass er ihm nichts tun wolle und nur einen Moment verweilen möchte.

Hinter ihm vernahm er erneut die Stimme, die ihn fragte, ob er sie ignorieren würde. Er drehte den Kopf zur Stimme und erblickte eine wunderschöne, aber wütend aussehende Frau, die ihre Fäuste in die Hüften gestemmt hatte. „Verzeiht, die Dame“, sagte er höflich. Doch die Frau wiederholte nur wütend: „Die Dame? DAME!“

Ob ihrer Reaktion zuckte er zusammen und bemerkte, dass sie wie eine Dame aussähe. Diese Bemerkung schien sie jedoch noch wütender zu machen, und ein kurzer Schwall an Worten brach aus ihr hervor: „Du verschwindest monatelang ohne ein Wort, und dann nennst du mich Dame!“ Völlig verwirrt blickte er sie an und fragte, ob sie sich kannten. Diese Frage brachte sie jedoch noch mehr in Rage. Fast schrie sie ihn an, ob sie sich wirklich kannten, während ihre Stimme fast überschlug. Sie schaute auf ihren Ring, den sie verzweifelt von ihrem Finger lösen wollte, doch es gelang ihr nicht. Sie zerrte daran und drehte ihn, aber er wollte einfach nicht abgehen.

Schnell versuchte Barn, mit ihr zu sprechen, doch die Laute kamen nur krächzend aus seiner Kehle. „Verzeiht, sobald ich mich erheben kann, seid ihr mich los. Ich habe nur einen Platz zum Schlafen gesucht. Ich bin auf der Suche nach meinem Heim, doch ich finde es nicht und weiß nicht, wo es ist. In der letzten Nacht trieb mich etwas zu diesem Hof, und so legte ich mich hier schlafen. Ich wollte das Pferd nicht erschrecken.“ Er schaute zu dem großen Tier hinauf, als sie wieder anfing, mit ihm zu sprechen. „Es ist dein Pferd, nicht meins.“

Er schüttelte den Kopf und versuchte ihr zu erklären, dass er kein Pferd besäße. Doch sie blieb hartnäckig und nannte ihm sogar den Namen des Pferdes, der ihm jedoch völlig unbekannt vorkam.

Mühsam versucht er, sich mit Worten zu erheben, doch es gelingt ihm nicht recht, da seine Beine versagen. Schließlich schafft er es nur, sich hinzuknien, bis sie ihm einen Stab reicht. Mit großer Anstrengung gelingt es ihm, sich aufzurichten. So steht er ausgemergelt und kraftlos vor ihr.

„Ich bin Charlotta, deine Verlobte“, sagt sie.

„Verlobte?“ Barn wiederholt das Wort, als wäre es ein Rätsel, das er lösen muss. „Ich… ich kann mich nicht erinnern.“

Als sie ihn auffordert, hineinzukommen, geht er langsam durch das Tor und bemerkt ein Huhn, das wild gackernd auf einer Bank sitzt. Charlotta stellt ihm das Huhn namens Flocke vor, und er begrüßt es. Doch als er dem Huhn seinen Namen sagen möchte, fällt ihm dieser nicht ein.

Charlotta kommt ihm sofort zur Hilfe und sagt, er heiße Barn. Daraufhin fragt er nach, wer Barn sei. Der Name erscheint ihm fremd, und trotz seiner Bemühungen, sich daran zu erinnern, gelingt es ihm nicht.

Erst dann bildete sich ein nachdenklicher Ausdruck auf Charlottas Gesicht, und sie forderte ihn auf, mit ins Haus zu kommen. So folgte er ihr in die Küche, wo sie ihm reichlich Essen und Trinken hinstellte. Er ließ sich nicht zweimal bitten und begann sofort zu essen. Doch das üppige Essen überwältigte ihn, sodass er sich erst sammeln musste, bevor er, anstatt mit Besteck, mit den Fingern alles in sich hineinstopfte. Als der Teller leer war und er alles verspeist hatte, leckte er ihn ab, um ja keinen Krümel zu vergessen. Erst dann wandte er sich dem Pudding zu, den er ebenfalls hastig hinuntergeschlungen und die Schüssel so sauber hinterlassen hatte, als wäre nie etwas darin gewesen.

Nachdem er mit dem Essen fertig war, fragte sie ihn, woran er sich denn erinnern könne. Mit krächzender Stimme begann er, ihr von den Ereignissen zu erzählen, die passiert waren. Sie fragte ihn, ob er ein Bier oder einen Wein wolle, doch er verneinte mit den Worten: „Nein, ich glaube, ich mag das nicht.“ In den Träumen, die ich hatte, wenn ich von etwas Essbarem träumte, gab mir ein Getränk ein warmes Gefühl. Es war etwas Warmes und Sahneartiges, aber ich kann nicht benennen, was es ist. Sie schaute ihn fragend an, stand dann auf und suchte in der Küche. Schließlich fand sie eine Schokolade, der im Sommerlauf zubereitet war, jedoch mit einer gekühlten Eiskugel darin.

Nach einer Weile bat sie ihn, mit ihr nach oben zu kommen, um sich zu baden. Mit großer Mühe und Anstrengung schaffte er es, die wenigen Stufen hinaufzusteigen, um ihr ins Bad zu folgen. Sie forderte ihn weiterhin auf, sich zu entkleiden und ins Wasser zu steigen. Doch er war so schwach, dass er sich abstützen musste, um auf den Beinen zu bleiben. Es gelang ihm nicht, seine abgetragenen Schuhe zu öffnen, aber sie half ihm dabei, sodass er sich schließlich entkleiden konnte.

Als sie ihn sah, verzog sie das Gesicht. Überall auf seinem Körper waren Striemen zu erkennen – einige alt und bereits am Verblassen, andere noch frisch und mit einer Kruste versehen. Als er auch seine Hose zu Boden gleiten ließ, wurden die Verletzungen an seinen Beinen sichtbar. Sie sahen aus, als wäre er durch Dornenbüsche gelaufen, und einzelne Dornen steckten noch in seinem Fleisch.

Langsam bewegte er sich zum Rand des Beckens und ließ sich ins Wasser gleiten. Währenddessen wuselte Charlotta umher, holte ihm frische Kleidung, eine Haarschere und ein Rasiermesser. Endlich im Wasser angekommen, ließ er sich von der Wärme umhüllen und hörte aus der Ferne ihre Stimme, die ihm sagte, er solle hierbleiben, sich anziehen und, wenn möglich, sich rasieren und die Haare schneiden. Sie würde in der Zwischenzeit Hilfe holen.
Fortsetzung folgt……

Verfasst: Donnerstag 15. August 2024, 10:59
von Barn Soederstett
Er schloss die Augen und ließ für einen Moment die Wärme des Wassers auf sich wirken. Der Dampf umhüllte ihn wie ein schwerer Schleier, während er versuchte, seine Gedanken für einen Augenblick ruhen zu lassen. Doch die Worte hallten in seinem Kopf wider: Wasch dich, zieh dich an, hatte sie gesagt. Eine Aufgabe, die ihm jetzt wie eine unüberwindbare Hürde vorkam. Er seufzte schwer und begann mühsam, seine Hände über die Haut gleiten zu lassen. Jede Bewegung war langsam und schleppend, als zöge ihn die Last seiner Müdigkeit tiefer in das Wasser. Er kämpfte sich durch die Prozedur des Waschens, bis er schließlich mit letzter Kraft versuchte, den Beckenrand zu erreichen. Er zog sich nach oben, jeder Muskel schrie vor Anstrengung, bis er endlich kraftlos auf dem Rand sitzen blieb. Seine Hände griffen fahrig nach dem Handtuch, und mit zittrigen Bewegungen trocknete er sich ab. Er wollte zumindest die Hose anziehen, aber selbst das schien eine fast unmögliche Anstrengung zu sein. So blieb er sitzen, den Oberkörper schwer auf die Knie gelegt, während er tief ein- und ausatmete, um den Kampf gegen die Erschöpfung zu gewinnen.

Nach einer Weile trat Charlotta ins Bad. Ihr Gesicht war sorgenvoll, aber ihre Stimme fest: "Ich habe Hilfe geholt. Sie wird gleich da sein." Sie musterte ihn, wie er so regungslos verharrte, und sagte sanft: "Du solltest dich rasieren und die Haare schneiden." Doch er brachte kaum mehr als ein tonloses "Ich kann nicht" über die Lippen. Charlotta zögerte nicht lange, griff nach Schere und Rasiermesser und begann, seine verfilzten Haare und den struppigen Bart zu kürzen. Als schließlich die Klingel ertönte, verließ sie das Bad, rief ihm noch zu: "Versuch, ins Gästezimmer zu gehen, wenn du kannst."

Er sammelte all seine Kräfte, um sich aufzurichten und dem Befehl zu folgen. Doch die wenigen Schritte durch den großen Raum mit dem Kamin fühlten sich an, als würde er durch zähen Schlamm waten. Suchend blickte er umher, verwirrt und desorientiert. Wo war das Gästezimmer? Seine Beine drohten ihm unter der Last des eigenen Körpers den Dienst zu versagen, also klammerte er sich an den Stock, der ihm Halt bot. Genau in diesem Moment kehrten Charlotta und eine fremde Frau zurück. Sie begrüßte ihn freundlich: "Hallo, Barn." Aber sein Gesicht blieb leer, keine Regung, kein Erkennen. Ihre Worte schwebten an seinen Ohren vorbei, kaum wahrnehmbar, während er nur damit beschäftigt war, sich auf den Beinen zu halten.

"Das Gästezimmer ist dort drüben", erklärte Charlotta und deutete auf eine offene Tür, die er bis dahin übersehen hatte. Unter Schmerzen und mit müden, schweren Schritten bewegte er sich dorthin, unterstützt von seinem Stock. Als er den Raum erreichte, ließ er sich erschöpft auf einen Stuhl sinken. Die fremde Frau, die sich später als Esther herausstellte, trat an ihn heran und begann, eine Tasche zu öffnen. Mit müdem, nachdenklichem Blick versuchte er, sich an sie zu erinnern, doch die Erinnerung blieb verschwommen. Sie kümmerte sich um seine Wunden, zog Dornen aus seinen Beinen und versorgte ihn mit Salben. Auch sie fragte ihn, was geschehen sei, aber die Erschöpfung ließ nur bruchstückhafte Antworten zu. Doch als sie Charlottas Namen erwähnte, breitete sich ein warmes Gefühl in seiner Brust aus, und seine Hand wanderte wie von selbst über das Herz. Er konnte diese Wärme nicht genau einordnen, aber sie schien ihn nicht zu beunruhigen.

Nachdem Esther seine Wunden versorgt hatte, half sie ihm, sich auf das Bett zu legen. Endlich lag er nach all den Monden wieder in einem Bett, doch es fühlte sich ungewohnt und falsch an. Dennoch zog er die Decke über sich und ließ seinen Blick auf der Tür ruhen, als erwarte er etwas. Esther verabschiedete sich leise, doch ihre Worte erreichten ihn nicht. Stattdessen schloss er die Augen und ließ das gedämpfte Gespräch zwischen ihr und Charlotta in einen fernen, ungreifbaren Klangteppich verschwimmen.

Er musste kurz eingenickt sein, denn plötzlich stand Charlotta wieder an seinem Bett. Sie sah ihn sanft an, und in dieser Nacht sprachen sie lange miteinander. Er erzählte ihr von Streuner, dem Hund, der ihn eine Weile begleitet hatte, und von den blaugrauen Augen, die in seinen Träumen aufgetaucht waren und ihm eine seltsame, unerklärliche Wärme gaben. Diese Augen hatten ihn auch in der letzten Nacht begleitet, als er den Weg zum Hof gefunden hatte.

Doch als Charlotta begann, von seiner Vergangenheit zu erzählen, veränderte sich etwas in ihm. "Du warst ein Schmied", sagte sie, "an dem Tag, als du verschwandst, wolltest du in eine entfernte Mine aufbrechen." Bei dem Wort Mine versteifte er sich, Panik flackerte in seinen Augen auf. Er zog sich hastig ans Kopfende des Bettes zurück, sein Blick irrte rastlos umher, und seine Atmung wurde flach und hastig. Seine Finger krallten sich in die Bettdecke, bis die Knöchel weiß hervortraten. In seinem Inneren stürmten Erinnerungen auf ihn ein, die er nicht kontrollieren konnte. Doch Charlottas Stimme, sanft und beständig, drang langsam durch den Nebel seiner Angst. Stück für Stück lösten sich die Schlingen der Panik, und sein Atem wurde ruhiger. Schließlich stammelte er: "Keine Mine... nie mehr... Nein... NEIN... keine Mine..."

Noch lange sprachen sie weiter, und das warme Gefühl, das sich in seiner Brust ausbreitete, schien ihm Halt zu geben. Es war die Wärme, die in ihren blaugrauen Augen lag, die ihn beruhigte, wann immer er sie ansah. Tief in der Nacht forderte sie ihn auf, etwas Schlaf zu finden. "Ich bin in der Nähe und werde dich hören, wenn du etwas brauchst", sagte sie leise.

Am nächsten Morgen konnte Barn sich nur bruchstückhaft an die Ereignisse der Nacht erinnern. Charlotta erzählte ihm, dass er versucht hatte, sich mit seiner Bettdecke unter das Bett zu verkriechen. Sie hatte ihn wach gemacht und ihm gesagt, dass er nicht im Bett schlafen müsse, sondern vor dem Kamin auf dem Bärenfell. Immer wieder hatte sie ihm versichert, dass er bei ihr in Sicherheit sei. Schließlich hatte er sich aufgerappelt und es sich auf dem Fell vor dem Kamin bequem gemacht. Doch nicht lange blieb er dort; irgendwann hatte er sich unter das schwere Bärenfell gelegt und war zu einer Kugel zusammengerollt. Hätte jemand das gesehen, hätte man meinen können, das Fell selbst hätte einen dicken Bauch.

Was wird dieser Tag bringen wenn er erwacht.....

Verfasst: Freitag 20. Juni 2025, 21:12
von Barn Soederstett
Im Schatten der Eichen

Barn verließ den Hof früh, lange bevor die Sonne den Tau von den Wiesen gezogen hatte. Die Hitze des Vortags hing noch in der Luft, schwer und drückend, auch wenn der Morgen kühl war. Der Sommer war auf seinem Höhepunkt, doch Barn dachte schon an den Winter. Die Vorräte mussten wachsen, nicht nur auf dem Feld, sondern auch im Holzlager.

Er führte sein Pferd über den alten Pfad am Bach entlang, die Axt über der Schulter, den Blick ruhig. Kein Karren, nur das Tier und ein Seil, mit dem er die Stämme zurückführen wollte. Eichenholz, schwer und trocken, wuchs in den nördlichen Teilen des Waldes, weit genug entfernt, dass dort kaum noch jemand sammelte. Barn kannte eine Stelle, an der die Bäume eng standen, alt und knorrig, mit einigen bereits umgestürzt. Gutes Holz. Viel Arbeit.

Die Lichtung war so, wie er sie in Erinnerung hatte. Breit, schattig, von Eichen umstanden, deren Blätter flach in der stillen Luft hingen. Das Pferd band er an eine junge Birke, dann begann er mit der Arbeit. Der erste Stamm war bereits morsch an der Wurzel, ließ sich gut lösen. Die Axt schlug im gleichmäßigen Takt, Holz splitterte, Insekten flogen auf. Der Schweiß rann ihm über den Nacken, doch er klagte nicht. Das Holz musste ins Trockene, ehe der Herbst kam.

Irgendwann hielt er inne.

Kein Wind bewegte die Zweige. Keine Vögel sangen. Nur das leise Schnauben des Pferdes, das in Richtung des Waldrands blickte.

Dann trat jemand zwischen die Bäume.

Er sah sie sofort. Drei Männer, schmutzig, bewaffnet, schweigend. Sie traten nicht näher als nötig, aber ihre Haltung sprach eine klare Sprache. Sie wollten, was er hatte. Vielleicht mehr.

Barn sagte nichts. Die Axt hielt er weiterhin in der Hand, sein Blick war fest. Vielleicht glaubten sie, er sei alt oder allein. Vielleicht irrten sie sich. Vielleicht nicht.

Was folgte, geschah schnell. Einer stürmte vor, der andere versuchte, ihn zu umgehen. Barn schlug zu, traf den ersten am Arm. Der zweite wurde am Bein gestreift. Doch der dritte kam lautlos von hinten. Etwas Kaltes bohrte sich zwischen seine Rippen.

Barn sackte auf die Knie. Sein Blick verschwamm. Das Laub unter ihm färbte sich dunkel. Die Geräusche der Welt entfernten sich. Er spürte noch das Zittern in seinen Händen, das Echo der Axt in den Armen.

Ein letztes Bild stieg in ihm auf. Nicht der Wald, nicht die Männer, nicht das Blut. Es war Charlotta. Ihr Lachen im Hof, ihre Stimme, wenn sie ihn beim Namen rief, leise, vertraut. Die Wärme ihrer Nähe, das Licht in ihren Augen. Er dachte an sie, nur an sie.

Dann kam der Wind.
Dann kam nichts mehr.
Sein letzter Atemzug löste sich aus seiner Brust, als er den Verletzungen erlag.

Dort, wo der Wald dicht steht und das Licht kaum den Boden erreicht, liegt Barn zwischen den Eichen.

Die Zweige über ihm rauschen kaum, als hielten auch sie den Atem an. Das Laub unter seinem Körper ist getrocknet, brüchig, und färbt sich in das satte Grün des Sommers. Die Axt liegt neben ihm, halb im Farn, das Eisen stumpf vom Erdreich. Ein paar Vögel haben sich wieder eingefunden, hüpfen auf den Ästen, als wüssten sie nichts von dem, was dort unten ruht.

Das Pferd war fortgerannt, irgendwann, scheu geworden vom Lärm und dem Blut. Der Strick hatte sich an einem Wurzelstock gelöst. Der Wind hatte die Spuren verweht, die Stimmen verschluckt, die Tritte verborgen. Nun ist nur noch Stille.

Ob jemand den Weg hierher finden wird?

Vielleicht. Vielleicht folgt jemand den Spuren des Pferdes, findet die Lichtung, erkennt die Arbeit, die er begann. Vielleicht wird die Axt gehoben, das Seil eingesammelt, der Name geflüstert. Vielleicht auch nicht.

Vielleicht wird Barn dort liegen, bis der Regen kommt, bis die Blätter ihn zudecken, bis die Wurzeln ihn aufnehmen wie einen verlorenen Sohn.

Bis dahin ruht er dort, wo die schweren Eichen stehen.
Und ob er je gefunden wird, das wird nur die Zeit zeigen.


Verfasst: Samstag 21. Juni 2025, 14:49
von Rheaonna von Bergfall
Der kleine Nachbarschaftsplausch verlief deutlich anders als erwartet.
Schon nach den ersten beiden Sätzen war klar, dass irgendetwas nicht stimmte. Vorsichtig bohrte sie nach bis Charlotta mit dem Grund für ihre schlechte Stimmung herausrückte.
Barn war nicht zurückgekehrt! Und noch viel schlimmer: sein Pferd schon!!!

Ersteres hätte man irgendwie abtun können - selbst nach einem ganzen Tag. Aber so kostete es Rhea reichlich Mühe Charlotta zu beruhigen, während auch ihre eigenen Befürchtungen Purzelbäume schlugen. Sie beschloss ihn zu suchen. Alleine. Warum sollte man unnötig die Pferde scheu machen?
Wo sie gerade beim Thema war, packte sie einige Dinge für den Notfall.

Da Charlotta schon die nähere Umgebung abgesucht hatte, holte sie Schneeweisschen aus dem Stall. Freudig wieherte diese zur Begrüssung begierig auf den heissersehnten Auslauf trotz zusätzlicher Satteltaschen.
Langsam trabten sie durch die Wälder. Immer offenen Auges für Stolpersteine, Äste - aber hauptsächlich Barn. Irgendwo musste er doch nach Holz gesucht haben.

Verschiedene Fuss- und Schleifspuren wurden der Menge und Art immer wieder verworfen. Die grobschlächtigen passten mehr zu Karren und Köhlern. Andere wiederum zu der vorsichtigen Weise von Druiden und Eledhrim. Und wenn eine Spur passte, folgte sie solange bis sie jemand anderen antraf oder sich nichts in der Umgebung finden liess.

Stetig wurden die Kreise weiter. Bis ihr der Fluss den Weg abschnitt.
Sie überquerte diesen mehrfach und suchte dieseits als auch jenseits weiter.
Bis sie eine kleine Lichtung erreichte.

Friedlich lag diese vor ihr. Vögel zirpten leise.
Tiefe kühle Schatten boten Ruhe für müde Wanderer. Und da lag auch einer.
Konnte man ein paar Schritt entfernt sich über die unbequeme Schlafstellung wundern, war aus der Nähe zu viel rot.
Nein. Unbestreitbar hatte dieser seine letzte Wanderung hinter sich - und es war Barn.

Unsicher und schockiert starrte sie auf die Leiche.
Erst verzögert flogen Blicke in alle Richtungen. Waren die Übeltäter noch in der Nähe? Aber es blieb alles ruhig.
Nach einer Weile zog sie ein grosses Bündel aus Schneeweisschens Tasche.
Kurz prüfte sie noch den Zustand des offensichtlich Toten. Aber die Hoffnung starb zuletzt? Schliesslich hob sie ihn aus der Blutlache und wischte die gröbsten Schlieren fort.

In ein grosses Tuch gewickelt versuchte sie ihn auf das Pferd zu hieven.
Vergebens. Ein bitternder Blick zu diesem und es legte sich auf den Boden.
Mühsam zerrte sie ihn über den Pferderücken, um ihn dann zum Kloster zu bringen.
Aber das war nicht der härteste Teil. Wie sollte sie Charlotta beibringen, Barn schon wieder zu verlieren?

Verfasst: Sonntag 22. Juni 2025, 07:34
von Leandra Kalveron
Die Eichen standen wie Zeugen. Das Blattwerk nur sanft rauschend, als wüssten sie, dass heute ein Mensch zu ihnen kam, um in die Erde zu kehren. Leandra war früh aufgebrochen, wie es ihre Pflicht verlangte. Sie kam nicht als Freundin, nicht als Vertraute, sondern als Dienerin der Göttin, in ihrer Aufgabe als Hüterin jener Wege, die jenseits der Körper lagen. Es war kein Ort der großen Gesten, kein Schmuck, kein Schleier aus Weihrauch. Nur Erde, Bäume und Wind. Und der schwere Sarg aus Eichenholz, der nun zwischen den Wurzeln ruhte.
Leandra stand einen Schritt vor dem Sarg, die Kapuze zurückgelegt, das Haar von einem schlichten Silberreif gehalten. Die Zeremonie fand nur in einem kleinen Kreis statt, auf bitten der zurückbleibenden Witwe. Ihre Augen ruhten auf dem Holz. Schlicht, unbehandelt, grob gezimmert aus jenem Eichenstamm, den Barn selbst vielleicht einmal hätte fällen wollen. Der Kreis schloss sich.

Leandra erinnerte sich, wie Charlotta nach der kürzlichen Trauung gelächelt hatte. Dieses offene Lächeln, das ein erfülltes Leben auf den Lippen trug. Heute war nichts davon geblieben. Charlotta stand stumm, die Hände ineinander verschränkt, ihr Blick auf das Grab gerichtet, als versuche sie mit dem bloßen Sehen den Tod rückgängig machen. Ihre Haltung war aufrecht, fast unbewegt, nur der Blick schien an einem Punkt zu hängen, der zwischen dem Heute und dem Davor lag. Leandra warf ihr keinen direkten Blick zu. Sie wusste, dass dieser Moment nicht durch Worte gehalten wurde, sondern durch das Schweigen, das man aushielt. Dieser Blick wog schwerer als jedes Schluchzen.
Der Tod war nicht das Ende, das sagte man. Und doch war er eine Wunde.

Leandra trat vor und berührte Stirn, Brust, Schultern. Alte, zeremonielle Gesten, langsame Kreise in der Luft. Aus ihren Gebetsperlen in ihrer Linken begann ein leises Leuchten zu steigen, bläulich, wie der Schein von Sternen unter Wasser. Das Licht blieb nicht in ihrer Hand. Es löste sich, tanzte in hauchdünnen Schleiern um den Sarg, legte sich wie eine Erinnerung auf das Holz. Wo es das Holz berührte, schien für einen Herzschlag lang der Tau zu funkeln.

Niemand sprach mehr nachdem die Priesterin die Herrin im Gebet zuvor eingeladen hat, nicht einmal die Bäume und der Wind. Auch Leandra nicht. Ihre Lippen bewegten sich, doch kein Laut drang hervor. Das Ritual verlangte keine Stimme – nur Gegenwart, nur Würde. Das Licht wuchs kurz auf, dann zog es sich über seine leblose Gestalt. Als hätte etwas seinen Weg gefunden, vielleicht auch wiedergefunden? Sie führte, sie drängte nicht. Leandra begleitete Barns Seele nicht als Führerin, sondern als Torhüterin. Seine Schritte musste er allein setzen.

Zwei Seile wurden unter dem Sarg hindurchgezogen, nachdem der Deckel aufgesetzt wurde. Der Sarg wurde gesenkt. Zentimeter für Zentimeter verschwand das Holz aus dem Licht.
Nun ruhte er unter den Bäumen. Leandra trat zurück, ließ Charlotta den Platz. Charlotta legte die Blumen nieder, vorsichtig, beinahe andächtig. Schweigsame, zögerliche Bewegungen, ein Verharren, das mehr sprach als jede Klage. Sie blieb stehen, als der Sarg bereits bedeckt war, der Hügel glattgezogen, der letzte Griff getan.

Die Bäume über ihnen rauschten leise, als ob sie endlich wieder atmen durften. Danach kehrte die Priesterin wieder zurück ins Kloster, um den Totenschein mit Schwermut auszufüllen und in entsprechende Akte zu legen.